Heft 45: Sackgasse E-Auto

Liebe Leserin, lieber Leser,

am 6. März legte die US-Notenbank das „Beige Book“ vor und dokumentierte in diesem Konjunkturbericht (einer Zusammenfassung der Einschätzungen der zwölf regionalen Zentralbanken zur Wirtschaftslage), dass sich das Wirtschaftswachstum in den USA deutlich abschwächt. Am 19. März, einen Tag vor Drucklegung der neuen Lunapark21-Ausgabe, halbierte der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“ seine Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr auf 0,8 Prozent. Das ist Fast-Stagnation. Doch zu diesen Themen findet sich in diesem Heft kein Beitrag. Die Weltkonjunktur wurde im vorausgegangenen Heft Nr. 44 umfassend analysiert, dabei wurden die jüngsten Anpassungen nach unten vorweggenommen (siehe dort Seite 40ff).

Dabei hatten wir als LP21-Team auf unserem Jahresplenum, das am 19. Januar stattfand, eine ausführliche und teilweise kontroverse Debatte über das letzte Heft – den Titel und den Hauptartikel – geführt. Dazu heißt es im Protokoll von diesem Treffen unter anderem: „Diskussion um das Titelbild bzw. die Titelzeile: ´Warten auf den großen Knall´. Als Überschrift des Handelsblatts von WW übernommen, von J. Römer trotz [Vorliegen] anderer Entwürfe weiter genommen, auch weil es vorzeitig für die Heftwerbung (für den Kiosk-Vertrieb) benutzt worden war […] Th. K.: Würde nicht warten auf den großen Knall, sondern ihn befördern.“

Dem Plenum lag eine Blattkritik von außen, verfasst von Marcus Staiger vor. In dieser heißt es u.a.: „Während ich bei anderen, explizit linken Publikationen oft das Gefühl habe, dass ich da Essays lese […], bekomme ich bei Lunapark immer den Eindruck vermittelt, dass die Leute, die da schreiben, auch immer genau wissen, von was sie da schreiben. Das mag auch an der extremen Vorliebe für Tabellen und Diagramme des Blattmachers selbst liegen, aber nichtsdestotrotz erscheinen die Artikel dann eben auch gut recherchiert und faktenbasiert. Wie man die einzelnen Datensätze dann wiederum genau interpretiert und […] ob der große Knall tatsächlich schon im nächsten Jahr kommt oder erst in zwei oder drei oder vier Jahren – da finde ich, sollte man den Zahlen doch ein wenig mehr Raum zum Atmen geben […] Denn was, wenn nicht? Dass die nächste Krise mit Bestimmtheit kommt, ist ohne Zweifel. Dass sich dieser Kapitalismus allerdings in einer solchen auch endgültig zerlegt, ist die Hoffnung und Prophezeiung der MarxistInnen seit 150 Jahren. Erfüllt haben sich diese Voraussagen angesichts der kakerlakenhaftigen Überlebenskunst der kapitalistischen Produktionsweise allerdings nie.“ Marcus schreibt bilanzierend, er habe „den Eindruck, dass diese Wirtschaftsweise und ihre VertreterInnen nach jeder Krise fester im Sattel sitzen als zuvor.“

So, wie von Marcus beschrieben, ist es, zumindest was „den Kapitalismus als System“ betrifft. Dass sich dieser Kapitalismus in einer kommenden Krise „endgültig zerlegt“, sagt niemand bei Lunapark21, schon gar nicht im konkreten Heft 44. Im Gegenteil. Zugespitzt würde ich sagen: Vorstellbar ist eine Welt, in der der Kapitalismus überlebt und dabei zugleich die Menschheit entsorgt. In dem debattierten Artikel wurde mit „Warten auf den großen Knall“ – so ausgewiesen – eine Titelgeschichte der Tageszeitung „Handelsblatt“, einschließlich deren Überschrift, zitiert. In dem Artikel kommentierte ich dies wie folgt: „Was für eine Zumutung – ´Warten auf den Knall, den großen´´? Was ist das für eine […] Gesellschaftsordnung? […] Es wird davon ausgegangen, dass es alle sieben bis zehn Jahre eine Wirtschaftskrise gibt […], dass dann Unternehmen zusammenkrachen und Millionen ihre Arbeit verlieren […] dass es Hunderttausende Krisengewinnler gibt, deren Profite darin bestehen, dass anders in Existenzangst und ins Elend gestoßen werden…“

Eine Lösung im Sinne unserer Zielsetzungen und Engagements ist von einem solchen „großen Knall“ ganz offensichtlich nicht zu erwarten. Wie heißt die Zeile in der „Internationale“?: „Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun.“ Wenn wir in diesem Heft auf den Seiten 6 bis 11 ausführlich auf den Kosovo-Krieg eingehen, dann auch deshalb, weil die Ökonomie kapitalistischer Konkurrenz in einem logischen Zusammenhang mit der Ökonomie des Krieges steht. Die Aufkündigung des INF-Vertrags durch die US-Regierung weist darauf hin, dass die US-Regierung den unaufhaltsamen Aufstieg des chinesischen Kapitalismus mit militärischen Mitteln stoppen will.

Das ist das erste Lunapark21-Heft ohne die klugen, präzisen Überlegungen von Georg Fülberth. Der Autor der Rubriken „Seziertisch“ (seit Heft 1 / Frühjahr 2008) und „Lexikon“ (seit Heft 5 / Frühjahr 2009), Georg Fülberth, will sich eine Pause gönnen. Wir wünschen ihm viel Kraft – und machen das, was er sich wünscht: weiterarbeiten „an der Sache, die so einfach, aber schwer zu machen ist…“

In der Hoffnung auf kreative Lektüre verbleibt

Winfried Wolf

https://www.lunapark21.net/?p=4802

Heft 42: Karl Marx zum 200sten

Liebe Leserin, lieber Leser,

für Aufregung und Sonderkosten in Hohe von rund 2500 Euro sorgte bei der letzten Ausgabe von Lunapark21 eine juristische Auseinandersetzung um eine – von uns kurz vor der Auslieferung per Hand geschwärzte – Passage im Artikel von Urs-Bonifaz Kohler „Raubtierkapitalismus eben“, in dem dieser über den drohenden neuen Handelskrieg und ein Treffen des US-Präsidenten Donald Trump mit europäischen Wirtschaftsbossen, das Ende Januar am Rande des Weltwirtschaftsforums Davos stattfand, berichtete (LP41, S. 10). Uber diesen Polit- und Jura-Stress konnten wir nur die LP-Abonnentinnen und Abonnenten durch ein eingelegtes Blatt informieren. Ein halbes Dutzend Leser unterstützten uns mit Spenden, so dass wir einen größeren Teil der entstandenen Finanzdelle ausgleichen konnten. Das LP21-Team dankt dafür herzlich.

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Heft 39: 100 Jahre Oktoberrevolution

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Lunapark21-Schwerpunkt (LP21-Spezial) mit mehr als 30 Seiten, das gab es selten. Zusammen mit anderen Artikeln zu demselben Thema sogar 40 Seiten – das gab es noch nie. Und all das anlässlich „100 Jahre Oktoberrevolution“: Da könnte die Vermutung aufkommen, die LP21-Redaktion bestünde aus Orthodoxen oder gar Nostalgikern. Das ist mitnichten der Fall. Die LP21-Redaktion ist zum einen ein erheblich heterogen zusammengesetztes Team. Was in den Beiträgen im Spezial zum Ausdruck kommt. Und zum anderen schon gar nicht orthodox oder nostalgisch-leninistisch ausgerichtet. Wohl aber an Marx orientiert, was in erster Linie heißt: kritisch. Wir unterstellen grundsätzlich und bei diesem LP21-Spezial im Besonderen „Leser, die auch selbst denken wollen“. So übrigens Marx selbst im Vorwort zu Das Kapital. Erster Band. Siehe zu diesem anderen großen Jubiläum Jürgen Bönig auf den Seiten 69ff. Vor diesem Hintergrund haben wir andere – gute! – Cover-Vorschläge nicht auf das aktuelle Titelblatt befördert, um auch hier keinerlei (falsche) Anhaltspunkte für Orthodoxie zu bieten.

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LP21 Extra: Sommer 2017

LP21-Ex-14-15 web-GESAMT-1_Page_01Die deutsche Linke gilt als kulturlos. Wofür es gute Gründe gibt. Der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt hat die Ursache benannt, ja besungen: „Wo sind unsere Lieder, unsere alten Lieder? […] Tot sind uns‘re Lieder, uns‘re alten Lieder. / Lehrer haben sie zerbissen / Kurzbehoste sie verklampft / braune Horden totgeschrien / Stiefel in den Dreck gestampft.“

Immer wieder, wenn wir in Italien, in Frankreich, in Spanien, in Portugal oder in Griechenland große antikapitalistische Bewegungen oder auch kleinere Kundgebungen erleben, dann spielt dort so gut wie immer Kultur, echte volkstümliche Kultur, eine große Rolle: Songs, Rockmusik, Trommeln, Feste, Gemälde, Wandmalerei usw. Da singen dann auch wir gerne mit: „O bella chiao“…

Doch in Deutschland ist eine gelungene Verbindung von linker Politik mit Kultur höchst selten. Dort, wo eine solche Verbindung zustande kam (im Kampf gegen das AKW in Wyhl – Walter Mossmann!) und auch heute noch zustande kommt (im Kampf gegen Stuttgart21! – unter anderem mit Bernd Köhler und ewo2; siehe Seite 70 in diesem Heft!), trug und trägt diese Kombination erheblich zur Stärkung der Bewegung und dazu bei, dass die Linke ihr traditionelles Ghetto durchbrechen.

Das neue Lunapark21-Extraheft versucht nun exakt dies: Kunst und linke Politik miteinander zu verbinden. Damit betreten wir zumindest als Lunapark21-Redaktion Neuland. Was jedoch weitgehend allgemein für die Linke im deutschsprachigen Raum gelten dürfte. Wobei wir dann gewissermaßen mit „Bordmitteln“ arbeiten: Präsentiert wird die Kunst von Joachim Römer, demjenigen, der nunmehr seit Gründung unserer Zeitschrift im Februar 2008 alle 38 Lunapark21-Ausgaben und zusätzlich ein gutes Dutzend Lunapark21-Extrahefte gestaltet hat.

Ich arbeite mit Joachim seit ziemlich genau 31 Jahren zusammen und konnte dabei verfolgen, wie sich seine gestalterischen Fähigkeiten im Rahmen höchst unterschiedlicher gemeinsamer Projekte (z.B. der Antikriegszeitung desert! 1991; der Zeitung gegen den Krieg – ZgK seit 1999, der Publikationen Faktencheck:HELLAS 2015 und FaktenCheck:EUROPA seit 2015) entwickelten.

Ganz wunderbar ist die jüngere Entwicklung – Joachims Kunst, die immer im Zusammenhang mit unserem gemeinsamen Engagement gegen Krieg und Zerstörung und für Frieden und Solidarität stand, wird zunehmend von Institutionen des Kulturbetriebs entdeckt und gewürdigt.

Zu den Kunstthemen in diesem Heft eine Bemerkung hinsichtlich ihrer Aktualität: Eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung hält die Verschmutzung der Meere für das wichtigste Umweltthema. Erst an zweiter Stelle rangieren die Belastungen, die mit dem Straßenverkehr verbunden sind. Dies war zumindest 2016 das Ergebnis einer Umfrage – also aus der Zeit bevor das verschwörerisch-zerstörerische Wirken der Autobosse zum ganz großen Thema wurde.

Was aber, wenn beide Themen eng miteinander zusammenhängen? Spiegel.online berichtete am 22. Februar 2017 über eine Untersuchung der Weltnaturschutzunion (IUCN) zu den „Quellen des Mülls, der die Meere belastet“ und kam dabei zu folgendem Ergebnis: „Demnach verschmutzen zu einem großen Teil Plastik aus synthetischer Kleidung und Autoreifen die Ozeane. […] Die winzigen Teilchen, auch Mikroplastik genannt, sind weniger als fünf Millimeter groß und reiben sich beim Waschen oder Autofahren permanent ab. Irgendwann landen sie über Abwasser, Wind oder Regenwasser im Meer.“

Winfried Wolf
Chefredakteur Lunapark21

Probelesen: Rheinreisende | Bild-Text-Montage vor laufenden Kunstproduktionen