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Inhalt Heft 68

bedürfnis & interesse

Die Hoffnung stirbt zuletzt…
Zur aktuellen Debatte um höhere Steuern auf Vermögen

Kai Eicker-Wolf & Ulf Immelt

konjunkturpegel

Ein Weltunordnungskrieg.
Der Angriff auf den Iran oder: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode

Sebastian Gerhardt

lunart

Neustrelitz 1995 | 1990

Fotos: Wolf-Dietrich Gerhardt

welt & wirtschaft

Nicht USA, nicht Islamische Republik
Für einen unabhängigen Kampf im Iran

Araz Bağban

»Beide Füße in einen Stiefel passen nicht«
Afghanistan: Programmierte Katastrophe

Matin Baraki

randnotizen

Diesmal zu spät · Populäre Besteuerung

feminismus & ökonomie

Fortschritt Frauenarbeitszeit?
Nachtarbeit, Schutz und Gleichheit – eine widersprüchliche Geschichte

Susanne Rohland

leseprobe

Sinns Welt?
Rechte und linke Argumente für Aufrüstung

Georg Fülberth

historisch-kritisches wörterbuch des marxismus

Stichwort: Essen

lp21 spezial

Mustererkennung:
KI, Technik, Herrschaft

Ein virtueller Wachstumsmotor?
Künstliche Intelligenz in der fiktiven und realen Akkumulation

Sebastian Gerhardt

Die Tech-Revolution frisst ihre Kinder?
Mehr Versprechen als Realität: Künstliche Intelligenz in der Softwareentwicklung

Nico Rohland

Fortschritt wohin?
Künstliche Intelligenz stellt Effizienz- und Machtfragen neu

Klaus Meier

Ein Fall für brain.exe
Auch bei KI: Es bleibt die Frage nach den richtigen Fragen

Susanne Rohland

umwelt · energie · verkehr

Landwirtschaft mit »Hinterland«
Umgang mit Land und seiner Bewirtschaftung – Themen und Ansätze der 17. Oxford Real Farming Conference

Andreas Gerlof

Zugang zu Land
Bodenpolitik als Instrument für Ernährungs- und Umweltgerechtigkeit

Interview mit Sylvia Kay, Tanguy Martin und Hannes Gerlof

lunart

Revolutionäres Subjekt, where are you?
Street Art in St. Petersburg

Sophia Hirsch

zahlenteufel

Weltmarkt für Energie
Vom nationalen Aufstieg zur globalen Dominanz der fossilen Energien

Sebastian Gerhardt

randnotizen

Perfektes Timing · Missing Data

der subjektive faktor

Begegnungen. Otto Reinhold
Erhard Weinholz

riesenrad

Die nächste Runde

Rainer Ehrt, »Robotic Tatoo«

Ein Weltunordnungskrieg

Der Angriff auf den Iran oder: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Erscheint in: Lunapark21 Heft 68 (Frühjahr 2026). Vorab online.

Am 16. Januar 1991 begann mit schweren Luftangriffen der Krieg einer US-geführten Koalition gegen den Irak. Damals wurde in diesem Krieg um Öl der Beginn einer neuen Weltordnung für die Zeit nach der Blockkonfrontation gesehen. Fast genau 35 Jahre später begann am 28. Februar 2025 mit Luftangriffen der USA und Israels auf den Iran der vierte Golfkrieg seit 1980, der dritte seit 1990. Offenbar war die Welt nach dem Kalten Krieg nicht so geordnet, wie einmal gedacht.

Schon auf den ersten Blick fallen vor allem Unterschiede ins Auge: 1991 ging es gegen den Irak, der nach dem gescheiterten Angriff auf den Iran das Nachbarland Kuweit besetzt hatte. Für den Angriff bildeten die USA eine breite Koalition. Sie konnten sich auf die Resolution 678 des UNO-Sicherheitsrates stützen, der im November 1990 auch die Sowjetunion zugestimmt hatte. (China hatte sich enthalten, nur Kuba und Jemen stimmten dagegen.) Das Ziel war begrenzt, die Vertreibung der irakischen Truppen aus Kuweit. Die irakische Bevölkerung wurde zwar zum Aufstand gegen Saddam Hussein aufgerufen, dann aber allein gelassen.

Nur im letzten Punkt sind Parallelen zur Gegenwart offensichtlich.

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Nicht USA, nicht Islamische Republik. Für einen unabhängigen Kampf im Iran

Erscheint in: Lunapark21 Heft 68, Frühjahr 2026. Vorab online

Die USA und Israel haben am 28. Februar einen massiven Angriff auf den Iran begonnen. Während diese Zeilen entstehen, werden zahlreiche iranische Städte schwer bombardiert. Ziel ist es, die Sicherheits-, Militär- und Industrieinfrastruktur des Landes so weit zu zerstören, dass der Iran keinerlei Bedrohung mehr darstellen kann. Wie in solchen Kriegen üblich, treffen die Bomben auch Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen – und das wird so lange weitergehen, wie der Krieg andauert. Allein am ersten Kriegstag wurden in einer Grundschule 165 Mädchen im Alter von sieben bis zwölf Jahren getötet; weitere Berichte über zivile Opfer treffen weiterhin ein.

Wie dieser Krieg ausgehen wird, lässt sich schwer vorhersagen. Sicher ist jedoch: Die USA haben – angeführt von Israel – einen neuen Krieg begonnen und rechtfertigen ihn mit dem Anspruch, Freiheit und Demokratie zu bringen, indem sie Menschen töten.

Es braucht keine weiteren Voraussetzungen, gegen diesen Krieg zu sein.

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Stadtbild-Verschiebung

Neu eingefärbte gebrauchte Hüte zu kaufen, davon riet im Jahr 1808 ein christlicher Kommentator ab. Der erste derbe Regen würde die Farbe ins Gesicht laufen lassen. Es ging um die Hamburger Judenbörse. So nannte man den Flohmarkt in der Elbstraße, wo nur Waren aus nicht zunftgebundener Herstellung angeboten werden durften:

Gebrauchtkleider, Textilien aus englischer Maschinenarbeit und Kolonialwaren. In den 1830er Jahren wurden die Bürger der Hamburger Mittelklasse regelmäßig handgreiflich gegen die industrielle Konkurrenz und pflegten den Juden die Karren umzuschmeißen und die Fenster einzuwerfen. Dabei waren sie es gewesen, die Kleinbürger, die Juden den Zugang zu jedem anderen Produktionsgewerbe verwehrten und nur die Chance gelassen hatten, im Kleinhandel ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nun aber, da sich nach den Napoleonischen Kriegen die immer billigeren Waren aus nicht-zünftiger Produktion durchsetzten, waren sie erbost, dass diese Waren auch in ihrer Stadt angeboten wurden.

Die Reaktion der Bürger Anfang des 19. Jahrhunderts erinnert mich an die 1980er Jahre im Hamburger Stadtteil Ottensen. Damals veränderte sich das Stadtbild, und ich war dabei. In der Krise zu Beginn jenes Jahrzehnts, als ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wurde, begannen ›Gastarbeiter‹ aus der Türkei in Ottensen Gemüseläden aufzumachen, Teestuben und Döner-Buden einzurichten, wagten den Gang in die Selbstständigkeit, um sich vor Abschiebung zu schützen. Mit der Familie arbeiteten sie fortan Tag und Nacht daran, den Stadtbürgern das Kaffeetrinken auf der Straße beizubringen, den Wert frischen Gemüses und den Verzehr eines Döners zu schätzen, einer Spezialität, die nur entfernt an die namensgebende Köstlichkeit aus dem osmanischen Reich erinnert, und dessen abenteuerlich niedriger Preis damals wie heute durch schlecht bezahlte Arbeit zustande kommt.

Fünfzig Jahre später verändert sich das Stadtbild erneut. Am Hamburger Gänsemarkt können sich Obdachlose nicht länger an den Abluftschächten aufwärmen, weil das Einkaufszentrum nach Ankauf durch den Investor Benko abgerissen worden ist. Dessen Geschäftsmodell der Kaufhaussanierung bestand darin, die Mieten der Häuser zu erhöhen, so den Wert der Immobilie zu steigern und auf den erhöhten Wert des Grundstücks Kredite für weitere Immobilienkäufe aufzunehmen. Im Ergebnis haben die überhöhten Mieten die Kaufhäuser vorzeitig in den Ruin getrieben und Ladengeschäfte aus den Innenstädten vertrieben. Ein Wiederauflegen ist angesichts des heutigen Volumens des Internethandels ausgeschlossen.

In Zeiten, in denen das Alte nicht länger trägt, hat Problemverschiebung Konjunktur. Wenn das Geschäftsmodell der Bodenspekulation nicht mehr funktioniert, sollen andere, vermeintlich Fremde, daran schuld sein. Es soll nicht am eigenen Handeln gelegen haben, wenn das Geschäft stagniert, nicht daran, dass man Waren aus Billiglohnländern bezieht, dass man nicht in Läden kauft, sondern über das Internet und sich die Waren vor die Haustür liefern lässt von Menschen, die für diesen Job miserabel bezahlt werden. Wenn der eigene Laden eingeht, die Einkaufszentren verwaisen und die Bodenspekulation die letzte sinnvolle Nutzung städtischer Räume zerstört, dann soll für diese Verlumpung des Stadtbildes nicht das eigene Handeln verantwortlich sein, nicht die eigene Gier nach Gewinn, sondern als nicht zum Stadtbild gehörig diejenigen, die in den Nischen der Städte hausen müssen, nicht das Geld zum Einkauf in Luxusläden aufbringen können und den ganzen Konsumdreck auch noch in die Häuser derjenigen ausliefern müssen, die das angerichtet haben.

Jürgen Bönig bringt die Fahrt der Geisterbahn durch konsumzerstörte Innenstädte keinen Spaß, sondern Erkenntnis über gezielte Problemverschiebung.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Oskar für Visuelle Musik

Kurzer Rückblick auf einen legendären Avantgardisten der deutschen Filmgeschichte: Oskar Fischinger (1900–1967). Bis heute ist er in Fachkreisen geehrt, dem Kinopublikum jedoch eher ungeläufig.

Oskar Fischinger stammte aus dem hessischen Gelnhausen. Nach frühem Violinunterricht und einer abgebrochenen Orgelbauer-Lehre arbeitete er als technischer Zeichner, bevor er 1922 ein Maschinenbau-Studium abschloss.

Beflügelt durch den ersten abstrakten Kurzfilm – »Lichtspiel Opus I« des Experimentalfilmemachers Walter Ruttmann – begann der angehende musische Jungingenieur bereits 1921, eigene ungegenständliche Kurzfilme zu fertigen.

Der gelernte Ingenieur konzipierte schon 1926, lange Jahrzehnte vor Musikvideo, Clip und Computergrafik, in Weimar eine visionäre Installation: die »Raumlichtkunst« – eine Multimedia-Projektion mit mehreren Leinwänden, Filmprojektoren und progressiver, perkussiver Begleitung. Noch 2012 wurde eine digitalisierte Simulation dieser Show in Melbourne re-inszeniert.

Er arbeitete als Trickspezialist mit Fritz Lang an dessen letztem Stummfilm »Frau im Mond«, produzierte neben abstrakten Kurzfilmen auch Werbefilme wie »Muratti greift ein« – eine Reklame von 1934 mit einem munteren Zigaretten-Aufmarsch für eine Tabakmarke, die bis heute besteht.

Da abstrakte Kunst dem Dritten Reich zunehmend als undeutsch galt, sah sich der Nonkonformist Oskar Fischinger gezwungen, Nazideutschland und dessen Denkweise über Kunst und ihre »Entartung« hinter sich zu lassen.

1936 kam er nach Hollywood, landete 1938 bei Walt Disney und sollte im Musik- und Zeichentrickklassiker »Fantasia« eigene visuelle Akzente setzen – im ersten der acht Segmente, in Johann Sebastian Bachs »Toccata und Fuge in d-Moll«, hier uminstrumentiert für großes Orchester.

Disney missfiel Fischingers radikales Konzept des »absoluten Films«; er wollte – und bekam – es weniger abstrakt. Fischinger wiederum, gewohnt autark zu arbeiten, fand sich bedrängt durch Disneys Erwartungen und verließ das Studio.

Er blieb in Hollywood, widmete sich fortan mehr seiner Malerei, arbeitete jedoch fallweise für die kommerzielle Filmwelt als Effekt-Animator – so auch für Walt Disneys »Pinocchio«. Fischingers atmosphärische Bach-Sequenz ist erhalten: »Fantasia« erschien 1991 in der originalen Fassung auf Laserdisc.

Fischinger, Leitfigur der Motion Graphics und der abstrakten Flachtrick-Animation, nutzte diverse Techniken für seine Filme: Kohlezeichnungen, ausgestanzte geometrische Motive, Malerei auf Glasplatten und Folien, manipulierte Schallplatten. Unzählige exakte Einzelbild-Aufnahmen brauchte es, um einfache bewegte Grundformen und Musik zu synchronisieren – um Grafik, Musik und Farbe zu magischer neuer Filmkunst zu verdichten. Das Handwerkszeug für seine innovative Technik entwarf er selbst.

Seine kurze »Studie Nr. 8« von 1931 gilt als früher Meilenstein der audiovisuellen Verbindung von Grafik und Musik: Schwarzweiß-Animation folgt hier Paul Dukas’ »Zauberlehrling«.

Der preisgekrönte elfminütige Kurzfilm »Motion Painting No. 1« von 1947 ist als »significant« im National Film Registry der U.S. Library of Congress gelistet.

Die Rechte an Oskar Fischingers Arbeiten liegen beim Center for Visual Music in Los Angeles; daher laufen frei zugänglich im Internet nur winzige Ausschnitte seiner Filme. Seine Malerei und visuell-musikalischen Kunstwerke finden sich weltweit in Sammlungen, Ausstellungen und auf gut dokumentierten DVDs.

Zu Ehren seines 117. Geburtstags am 22. Juni 2017 widmete Google dem deutsch-amerikanischen Jahrhundertkünstler ein nachempfundenes Mitmach-Google-Doodle.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Eine lange Reise

Es waren persönliche Gründe, die mich 1993 kurz nach dem Studium und Engagement in der Guatemala-Solidaritätsbewegung nach Mexiko führten. Ein journalistischer Job für den Nachrichtenpool Lateinamerika (npla.de) erleichterte den Einstieg. Ohne es damals zu ahnen, bin ich geblieben – inzwischen mehr als 30 Jahre.

Am 1. Januar 1994, wenige Monate nach meiner Ankunft, traten zwei Ereignisse ein, die Mexiko stark verändern sollten. Der Freihandelsvertrag zwischen Mexiko, Kanada und den USA trat in Kraft. Und es war der Tag, an dem die indigen geprägte Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mit ihrem charismatischen weißen Sprecher Subcomandante Marcos scheinbar aus dem Nichts ihren Aufstand im südöstlichen Bundesstaat Chiapas begann. Ihre erfrischend ironischen Botschaften, die Comunicados, erregten weltweit Aufmerksamkeit und Sympathie.

Massendemonstrationen in Mexiko und internationale Proteste verhinderten, dass die Regierung unter Präsident Carlos Salinas de Gortari die Rebellion niederschlug. Nach wie vor haben die Zapatist:innen in ihrem Kerngebiet Einfluss. Es gelang aber nicht, eine landesweite zivile Massenbewegung zu organisieren. Zu zerstritten präsentierte sich die mexikanische Linke. Alle Warnungen und Mobilisierungsversuche der EZLN verhinderten nicht den Siegeszug von Neoliberalismus und Freihandel.

Die nationale Landwirtschaft ist zu großen Teilen zerstört oder wird von wenigen zumeist ausländischen Konzernen kontrolliert. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA ist enorm. Der Freihandelsvertrag NAFTA, heute TMEC, machte im Ursprungsland des Maises den Weg frei für Junk-Food, Diabetes und eine übergewichtige Bevölkerung.

Gleichzeitig sind jedoch die politischen Veränderungen im Land kaum denkbar ohne die Zapatist:innen. Ihr Auftritt stellte das bereits 65 Jahre bestehende Machtmonopol der Revolutionären Institutionellen Partei (PRI) infrage. Im Jahr 2000 verlor die PRI erstmals die Regierungsmacht. Allerdings an zwei aufeinander folgende konservative Regierungen, die den Privatisierungskurs fortführten und mit ihrem »Krieg« gegen die Drogenmafia eine Gewaltorgie auslösten.

Seit Ende 2018 ist mit der Morena-Partei eine progressive Kraft an der Regierung, die sich aber oft der Macht des Faktischen gegenübersieht. Andrés Manuel López Obrador, Präsident bis 2024, und die amtierende Präsidentin Claudia Sheinbaum haben gezeigt, dass eine umfassende Sozialpolitik möglich ist. Ebenso, dass der Staat in der Lage ist, große Projekte effizienter als die Privatwirtschaft durchzuführen. Doch eine grundsätzliche Kritik an kapitalistischen Strukturen übten sie nicht.

Mit Donald Trump als Nachbarn, der Lateinamerika offen als seinen Hinterhof ansieht, wäre dies momentan wohl auch illusorisch. Mit der zweiten Amtszeit von Trump schließt für Mexiko eine Periode ab, die 1994 begann. In gewisser Weise auch für mich als Beobachter, selbst wenn Mexiko erst einmal der Lebensmittelpunkt bleibt.

Es gibt noch eine andere Geschichte, die meine Jahre in Mexiko prägte. Neben der Tätigkeit als Journalist arbeitete ich auch als Übersetzer und Dolmetscher. Über die Lateinamerikazeitschrift ila erreichte mich 1995 oder 1996 die Anfrage eines PDS-Bundestagsabgeordneten, ob ich im Anschluss an eine Parlamentsreise privat für ihn bei politischen Terminen übersetzen könne. Der Abgeordnete hieß Winfried Wolf und das Treffen mit ihm war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Um die Jahreswende 1998/99 reisten wir für eine gemeinsame Reportage* mit der Bahn über den Isthmus von Tehuantepec vom Ölhafen Salina Cruz am Pazifik zum Ölhafen Coatzacoalcos am Atlantik. Es war einer der letzten Personentransporte auf der Strecke. Denn unter Präsident Ernesto Zedillo wurde die Bahn privatisiert und der Personenverkehr landesweit nahezu stillgelegt. Die Strecke über den Isthmus sollte für den Güterverkehr ausgebaut werden und vor allem den USA eine Alternative zum Panamakanal bieten.
Später gewann mich Winnie für eine gelegentliche Mitarbeit bei Lunapark21. Zuletzt traf ich ihn in Potsdam, wenige Monate vor seinem Tod.

Winnie war trotz Krankheit optimistisch, wollte sogar eine Mexikoreise nicht ausschließen.
Inzwischen ist der Ausbau des interozeanischen Korridors so gut wie fertig. Mit vielen der negativen Konsequenzen, die wir vor 27 Jahren skizzierten. Wenigstens wurde der Personenverkehr wieder aufgenommen. Wie gern wäre ich die Strecke noch einmal mit Winnie gereist.

*https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/103_4_Schmidt.pdf

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Range Extender

Was Friedrich Merz verlängert

Bundeskanzler Merz interessierte sich bei der Internationalen Automobil-Ausstellung in München vor allem für den Range Extender. Den als Reichweitenverlängerung getarnten Explosions-Hilfsmotor von Elektrofahrzeugen setzte er als Position der Bundesregierung gegen die EU-Vorschriften zur CO2-Minderung durch.

Reichweitenverlängerung bei Elektroautos hört sich an wie ein Zusatz, um die Speicherfähigkeit von Batterien zu erhöhen. Tatsächlich handelt es sich bei der Technologie, deren Innovationskraft Merz im September am Stand von BMW bewunderte, um einen einfachen Benzin- oder Dieselmotor, der während der Fahrt die Batterie wieder auflädt. Weil er deshalb ohne Getriebe immer mit leistungsoptimaler Drehzahl wirken kann, gilt die Ergänzung des Elektromotors durch einen Explosionsmotor als hocheffizient – ist aber auch hocheffizient beim Ausstoß von Schadstoffen.

Bei allen Elektrofahrzeugen gilt der Grundsatz, dass die Art der Erzeugung der Elektrizität bestimmt, ob ein solches Fahrzeug CO2 ausstößt oder nicht. Elektrofahrzeuge sind nicht an sich klimafreundlich, sondern nur, wenn der Ladestrom ohne CO2- 64 Ausstoß aus erneuerbaren Energiequellen stammt – in Deutschland nur etwa zur Hälfte des Verbrauchs. Der Reichweitenverlängerer stößt als Explosionsmotor garantiert CO2 aus, wenn er nicht mit Wasserstoff und dessen Derivaten betankt wird, die noch nicht zur Verfügung stehen. Wozu ist bei Elektromotoren also die Benutzung einer veralteten Technik notwendig?

Da es in Deutschland kein Tempolimit auf Autobahnen gibt, fahren Elektroautos bei höheren Geschwindigkeiten unter exorbitantem Stromverbrauch. Um eine Masse auf die doppelte Geschwindigkeit zu bringen, ist aus physikalischen Gründen das Vierfache der Energiemenge notwendig. Weil die Fahrzeuge auf hohe Geschwindigkeiten ausgerichtet sind, die allein in Deutschland zulässig sind, schleppen sie ein Mehrfaches an Batteriegewicht mit sich, was wiederum unnötig viel Elektroenergie verbraucht. Um bei diesen schweren und schnellen Fahrzeugen dennoch eine angemessene Reichweite bis zur Neuladung zu erreichen, werden sie zusätzlich mit einem Explosionsmotor versehen. So lässt sich kein Weltauto bauen.

Elektroautos werden trotz der Tatsache, dass ihr CO2-Ausstoß von der Art der Stromerzeugung abhängt, als nachhaltige Fahrzeuge ohne CO2- Ausstoß gerechnet. Offenbar sollen die Elektroautos mit Explosionsmotor als Hybride oder mit Range Extender als nachhaltige Fahrzeuge gewertet und vom Verbot der Zulassung von CO2-ausstoßenden Fahrzeugen ausgenommen werden.

Wie schon beim Abgasskandal, bei dem die Innovation darin bestand, die Zulassungsbehörden über den tatsächlichen Abgasausstoß zu täuschen, will Merz der Autoindustrie dazu verhelfen, ihre dicken übermotorisierten Kaleschen auch weiterhin zu verkaufen und dennoch die formalen Vorschriften einzuhalten.

Was immer an Reichweite der Range Extender verlängert, dehnt er die schlichte Lüge in die Zukunft aus, formal einen unnötigen Schadstoff- Ausstoß wegzurechnen, ohne dass CO2 eingespart wird. Ein Tempolimit auf Autobahnen auf 130 km/h würde deutlich mehr an Emissionen einsparen – nicht nur beim Fahrzeugbetrieb, auch beim Autobau und bei der Einrichtung der Infrastruktur –, als der Hilfsmotor für schnelle Herrenfahrer je zu sparen vermag.

Reichweitenverlängerer sind eine benzingetriebene Lüge mit technischen Mitteln, von der Bundeskanzler Merz wird nachträglich sagen können: Der Weltuntergang fand unter peinlicher Einhaltung aller formalen Vorschriften statt.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 67 (Winter 2025/26)

Verbindende und trennende Interessen

Zur Stellung der Werktätigen in einer dynamischen Wirtschaft

»Klassengesellschaft akut – Warum Lohnarbeit spaltet und wie es anders gehen kann« lautet der Titel des Buchs von Nicole Mayer-Ahuja, das im September bei C. H. Beck erschienen ist. Vermutlich ist es der Verlag gewesen, der den Buchtitel auswählte. Die Autorin, Professorin für Soziologie an der Universität Göttingen, hätte gewiss anders formuliert, vielleicht »Chancen zur Überwindung von Spaltung in Prozessen der Klassenformierung«. Aber eine solche Wortwahl wäre wohl nicht als verkaufsfördernd eingeschätzt worden.

Klassenformierung ist zentraler Begriff des Werks, in dem Mayer- Ahuja die Auffächerung der Masse der Lohnabhängigen in die diversen Segmente unterschiedlicher Rahmenbedingungen nachzeichnet und deren jeweils spezifische Wirkungen auf die Beschäftigten analysiert. Dabei greift sie auf eine Fülle arbeitssoziologischer Studien und Umfragen zurück, unter namentlicher Nennung sämtlicher Autor:innen, so dass ihr Buch auch als Resümee des aktuellen Forschungsstands gelten darf.

Die Lektüre ist hochinteressant, sofern man sich vom wissenschaftlichen Sprachduktus und Kapitelüberschriften wie »Leiharbeit zwischen organisatorischer Abgrenzung und widersprüchlicher Kooperation im Arbeitsprozess« nicht abhalten lässt.

Die zitierte Zeile weist schon darauf hin, dass eine Untersuchung von Wirkungen in verschiedene Richtungen folgen wird. Mayer-Ahuja nimmt – anders als der Buchtitel kündet – die Fragmentierungen innerhalb von Lohnarbeit in ihrer Dialektik in den Blick, hinsichtlich der spaltenden wie solidarisierenden Impulse. So führe etwa ›Management by 36 Race‹, also die unternehmerische Strategie, Arbeitsprozesse nicht nur organisatorisch, sondern zugleich ethnisch zu trennen, um Kooperation zu behindern, häufig zu einer Verbundenheit im Kleinen mit Möglichkeiten der Solidarisierung und Mobilisierung, wie 1973 beim Streik türkischer Arbeiter bei Ford in Köln.

Gruppenarbeit etwa, mit der auch deutsche Unternehmen seit der Wirtschaftskrise 1973/74 nach dem Vorbild des japanischen Autoherstellers Toyota zu experimentieren begannen, befördere die Ausbildung eines Wir-Gefühls, berge aber auch die Gefahr einer Beschränkung von Solidarität auf das einzelne Team. Die mit Gruppenarbeit einhergehende Verlagerung von Verantwortung nach unten könne zur Identifikation mit dem Unternehmen und Akzeptanz der Marktanforderungen verleiten.

Andererseits schließt solch eine Identifikation die mit dem Produkt und einen Stolz auf die eigene Arbeit ein, was auch jenseits von Gruppenarbeit schon zur Verteidigung der Qualität des Produkts gegen Bestrebungen des Unternehmens zur Senkung der Produktionskosten geführt hat.

Klasse

›Klasse‹ werde meist noch ahistorisch und im Sinne Max Webers als Ding, »als Bestandteil einer festgefügten ›Sozialstruktur‹ behandelt«, so dass Individuen einem Kategoriensystem zugeordnet werden könnten. Klasse müsse dagegen »als soziales Verhältnis, als strukturierender Prozess« verstanden werden. Das sei nicht allein als wissenschaftlicher Anspruch zu verstehen, sondern auch wichtig, um sich seiner persönlichen Stellung und Interessen bewusst zu werden.

Neben der Klassenzugehörigkeit begründeten noch andere Faktoren soziale Ungleichheit – Geschlecht, ethnischer Hintergrund, Migrationsstatus –, doch wirkten diese »nicht jenseits, sondern mitten in der Klassengesellschaft.« Lohnabhängigkeit, die heute rund 90 Prozent der Bevölkerung vom Minijob bis ins Management einschließe, zeichne sich durch den Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft, durch Ausbeutung und Fremdbestimmung aus, wobei die eingetretene gesellschaftliche Ausdifferenzierung Verbindendes in den Hintergrund treten lässt und daran hindert, die gegensätzlichen Interessen von Unternehmen und Beschäftigten zu erkennen, wie auch die grundsätzliche kapitalistische Logik in Frage zu stellen.

Positiv sei die Entwicklung zu rechtlicher Gleichstellung von Arbeitenden und Angestellten zu werten, die 1956/57 mit einem Streik der Beschäftigten in der westdeutschen Metallindustrie einsetzte. Infolge einer fachlichen Ausdifferenzierung in beiden Gruppen, hätte sich die Unterteilung seither verwischt, zumal auch Angestelltentätigkeiten in zunehmendem Maße Rationalisierungen tayloristischen Stils unterworfen wurden.

Dagegen habe sich das ›Normalarbeitsverhältnis‹ der 1980er Jahre – integrierte Belegschaft in Vollzeit, Schichtdienst, mit direkten und unbefristeten Verträgen – zergliedert, so dass Beschäftigte in Leiharbeit, mit Werkvertrag oder als Solo- Selbständige einer Kernbelegschaft gegenüberstehen. Ganze Bereiche sind ausgelagert an prekäre Randbelegschaften. Viele sind in Teilzeit beschäftigt oder in sozialversicherungsfreie Minijobs gedrängt. So liege der Anteil der Teilzeitbeschäftigten im Gesundheitssektor über 50 Prozent, in Altenheimen und ambulanten Pflegediensten sogar bei zwei Dritteln.

Gegen den Raubbau an ihrer Arbeitskraft verteidigen die Beschäftigten nicht zuletzt deren Reproduktion und leisten zugleich einen Beitrag zur Stabilisierung des Systems. Wenn jedoch »viele qualifizierte Pflegekräfte in Krankenhäusern in den letzten Jahren ihre Arbeitszeit verkürzt oder den Beruf sogar ganz aufgegeben haben«, sollte das als Warnsignal verstanden werden.

Fraktionierungen

Besonderes Augenmerk richtet Mayer-Ahuja auf patriarchale Strukturen, durch die weibliche Beschäftigte benachteiligt werden, und auf Auswirkungen von Rassismus. Bei letzterem wirken staatliche Migrationspolitik und unternehmerische Personalpolitik zusammen, wenn etwa in der Fleischindustrie vorzugsweise Personen beschäftigt werden, deren Rechtsansprüche aufgrund fehlender Staatsbürgerschaft gering sind. Sofern das Aufenthaltsrecht an Erwerbsarbeit gekoppelt ist, sind Geflüchtete gezwungen, »jeden Job anzunehmen, um nicht in Krieg und Elend zurückgeschickt zu werden«.

Selbst in Unternehmen, die auf 37 Gleichheit aller Beschäftigten setzen, landen Migrant:innen vermehrt auf unteren Ebenen, da ihre Berufsabschlüsse in Deutschland vielfach nicht anerkannt werden. Fehlende Sprachkenntnisse und ungesicherter Aufenthaltsstatus tun ein Übriges. So wird beispielsweise die Reinigung von Büros fast ausschließlich von Migrant:innen erledigt, die sich gegen Arbeitsverdichtung nur schwer wehren können. Wurden »im Jahr 1980 im öffentlichen Dienst noch zirka 85 Quadratmeter pro Person und Stunde gereinigt, waren es in privaten Reinigungsfirmen in den 1990er Jahren bereits bis zu 270 Quadratmeter«.

Dieser Artikel kann nur wenige Schlaglichter auf die umfänglichen Betrachtungen der diversen Umstände werfen, unter denen Lohnarbeit sich vollzieht und die Mayer-Ahuja auf ihre Möglichkeiten hinsichtlich politischer Erkenntnis der Beschäftigten und deren Selbstorganisation untersucht. Das Buch sei allen Betriebsräten, Vertrauensleuten und sozialpolitisch Interessierten empfohlen. Es hilft, Interessenlagen zu identifizieren und sich gegen vorgebliche Sachzwänge und postulierte Alternativlosigkeiten zu immunisieren.
Ein Buch kann nicht alles. Die Autorin schränkt ein: »Wir haben uns hier vor allem mit der arbeitenden Klasse befasst. Für die Seite des Kapitals steht eine entsprechende Analyse noch aus.“ Wir dürfen gespannt sein.

Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut – Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann. München 2025.

Der Bauer als Scheinselbständiger

Industrielle Landwirtschaft und ihre Folgen.

Ackervögelein nannte Maria Sibylla Merian die Schmetterlinge und Falter, die sie mit ihren Freundinnen in Gärten und auf Äckern beobachtete und 1679 in »Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung« bei ihrer Metamorphose von der Raupe zum Falter beschrieb und zeichnete.

Diese Insekten lebten auf Wiesen, Äckern und Wäldern in der Nähe von Ortschaften, waren zum Teil angewiesen auf bestimmte Pflanzen und Umgebungsverhältnisse und somit in ihrer wunderbaren Verwandlung auf die Aktivität des Menschen vor allem in der Landwirtschaft. In der längsten bekannten Zeitreihe über das Vorkommen von Fluginsekten stellte 2017 die »Krefelder Studie« fest, dass die Masse der Insekten seit 1989 um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen war.

Ein erster Einbruch der Insektenpopulation hat hundert Jahre früher stattgefunden, als nach dem Ersten Weltkrieg erstmals als Stickstofflieferant nicht mehr tierische und menschliche Ausscheidungen, sondern Kunstdünger eingesetzt werden konnte, der in einem aufwändigen Prozess durch Fixierung des Luftstickstoffes gewonnen werden muss.

2750 Tonnen Stickstoffdünger explodierten 2020 in Beirut und zerstörten Getreidespeicher und einen Teil der Stadt. Die Energie, die bei der Explosion freiwurde, muss mindestens in die Herstellung der Nitratsalze gesteckt worden sein, die in unterschiedlichen Zubereitungen als Dünger und Sprengstoff geeignet sind. Deshalb lagen die seit 1913 in Deutschland errichteten riesigen Hochdruckanlagen nach dem Haber-Bosch-Verfahren grenzfern auf den Braunkohlenvorkommen Mitteldeutschlands. Seitdem haben Produktion und Verkauf von Ammoniaksalzen den Schmetterlingen das Nisten im Kot abgewöhnt – seit 1946 stieg die Ammoniakproduktion weltweit von nahe Null auf jährlich 150 Millionen Tonnen, die für 1,4 Prozent des Energiebedarfs und 3 bis 5 Prozent des CO2-Ausstoßes der Welt verantwortlich sind. Im Gegensatz dazu binden Pflanzen mit bestimmten Bakterien in Wurzelknöllchen leise den Stickstoff aus der Luft, der mit dem Kot pflanzenfressender Tiere auf die Äcker gelangen kann. Aber, wie der genossenschaftliche Agrarökonom der Landlosen Brasiliens Antonio Andrioli feststellte – »Ein Traktor kann nicht scheißen« und somit Dünger für die Felder liefern – wohl aber lässt sich bei immer größer werdenden maschinell bearbeiteten Feldern an Traktoren, Saatgut, Hilfsmitteln und Kunstdünger viel Geld verdienen – und wenn, wie jetzt ein Krieg tobt, steigen die Preise dafür auf das Dreifache.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde DDT, das Soldaten vor Ungeziefer schützte, gegen Insekten auf den Feldern eingesetzt – bis Rachel Carson mit »Der Stumme Frühling« 1962 bewusst machte, dass Insekten Nahrung für die Vögel sind, die auch andere Ackerschädlinge vertilgten. Dieser Futterquelle beraubt, bleibt es auf den Äckern still.

Samen als Waren

Die Selbständigkeit der Bauern schwand mit Fortschritten bei der Vermehrung der Samen. Schon die Züchtung von Hybrid-Samen verlangte zu viel Aufwand. Außerdem büßte dieses Saatgut den zunächst gewährten Vorteil größerer Früchte im Zuge der nachfolgenden Generationen wieder ein. Mit der Züchtung von Herbizid-widerständigen und gentechnisch veränderten Samen gelang den Agrarkonzernen schließlich ein Coup: Unablässig muss für die Monokultur das ganze Sortiment an Samen, Insektiziden, Herbiziden und Wuchshilfsmitteln von den vier großen Saatkonzernen Bayer, Corteva, Syngenta und BASF gekauft werden, die ihre Monopolstellung ausnutzen.

Die Praxis dieser wirklichen Bestimmer darüber, was auf den immer 35 größer werdenden Äckern passiert, behandelt das ökologische System Acker mit seinen verschiedensten mitwirkenden Pflanzen, Lebewesen, Pilzen und Bodentieren, als ob es ein Baukasten wäre – was darin nicht wachsen soll, wird umgebracht und auch alles andere, was helfend in der Landwirtschaft mitwirkt.

Schöpfung als bürgerliches Missverständnis

Das System der industrialisierten Landwirtschaft ist effizient im Detail, profitgesteuert und monopolisiert und im Ganzen verschwenderisch mit dem Leben und zerstörend. Es führt dazu, dass in Brasilien mit Kunstdünger Futtermittel hergestellt, mit Schiffen über den Atlantik gebracht und an Schweine in Deutschland verfüttert werden, deren Gülle den Boden verseucht, um schließlich in China verzehrt zu werden – fast ausschließlich zu dem Zweck, mit den erforderlichen industriellen Stoffen der Kette Geld zu verdienen statt den Dung der Tiere ortsnah als Dünger für die Nahrungspflanzen einzusetzen.

Aber es kann nicht nur an Insektiziden und Herbiziden liegen, dass so viele Arten von Insekten, Vögeln, Säugetieren, Pflanzen und Pilzen rar geworden sind. Ende der 1950er Jahre beobachtete ich mit meinem Onkel in Schleswig-Holstein den Einsatz erster Mähdrescher. Der Onkel war unzufrieden mit dem Ergebnis. Die neuen Maschinen ließen viel liege.

»Da muss ich ja nachsammeln«, sagte er. Doch er hat sich geirrt. Dass Mähdrescher im Laufe der Jahrzehnte effektiver geworden sind, dass sie keinen Halm mehr für Maus und Hamster übriglassen und der Greifvogel hungert, darin liegt nicht der Fortschritt, sondern die Katastrophe.

Die indigene Agrarwissenschaftlerin Robin Wall Kimmerer hat in ihrem Buch »Geflochtenes Süßgras« beschrieben, warum vermeintliche Effizienz verheerend wirken kann. An den großen Seen Amerikas hatten frühe Siedler beschrieben, wie die Indigenen in riesigen Mengen Wildquartalsbericht 1525-2025 reis ernteten, aber mit dem Sammeln aufhörten, wenn sie genug für sich hatten. Bei einer Exkursion in Minnesota machte ein Maschinenbau-Student aus Europa gleich mal Vorschläge, wie mit technischen Mitteln zu verhindern sei, dass mindestens die Hälfte des Reises in den See fiel.

Dankend lehnten die Einheimischen ab, mehr Reis zu ernten, weil er dann nächstes Jahr nicht mehr austreiben würde und die Enten keine Rast mehr an den Seen machen würden, wenn sie keinen Reis mehr vorfänden.

Als die feudal-abhängigen Bauern im Krieg 1525 gegen die Geldforderungen der Grundherren kämpften, verteidigten sie ihre Rechte an der Allmende und beharrten darauf, dass sie alle Quellen von Nahrung auf ihrem Land nutzen durften, der nicht der exklusive Besitz der Grundherrn sein sollte – den Wald als Weide für das Vieh, als Quelle von Holz, Einstreu und Wild, Gewässer als Fischgrund und Lieferant von Baumaterial, den Dung der Tiere und Menschen als Dünger für die Felder, die immer wieder brach liegen mussten und jedes Jahr neu auf die Bauern verteilt wurden, damit nicht ein Teil des Landes bevorzugt wurde. Sicher, es ließe sich auch mit der Hand-Axt ein ganzer Wald zugrunde richten, aber die Bauernfamilien verstanden offenbar die Welt um sich herum als komplexes System von Geschenken, die die Natur gibt, wenn man sie richtig zu pflegen versteht. Sie saßen nicht dem Missverständnis auf, die Welt sei die Schöpfung eines göttlichen Handwerkers, die sich ohne Schaden durch den menschlichen Produktionsmittelbesitzer auf seinem Privatbesitz wieder nachbauen lässt.

Zu allen Fragen roter und grüner Gentechnik sei das »GID Magazin« des Gen-ethischen Netzwerks e.V. empfohlen. www.gen-ethisches-netzwerk.de

Naturschutz

Von Christel Buchinger, HKWM 9/II, 2024, Spalten 2223- 2238.*

Seit dem 18. Jh. fressen sich die kapitalistische Industrie, die Städte, Straßen und Eisenbahnen unaufhaltsam in die Landschaft, wird die Erde aufgerissen für den Bergbau, Wälder weichen landwirtschaftlichen Flächen, Luft und Wasser werden in enormem Umfang verschmutzt. Diese Veränderungen vollziehen sich nicht allmählich, sondern in rasendem Tempo und für die Menschen augenfällig. Sie sind Teil der (historischen) Entfaltung einer auf maximale Kapitalverwertung zielenden Wirtschaftsweise. Engels beschreibt schon 1839 in seinen Briefen aus dem Wuppertal die »jämmerliche Erscheinung« der Wupper, die »träg und verschlammt« ihre »purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeckten Bleichen hindurch« ergießt. Auch Marx äußert sich früh (1843) zu der »wirklichen Verachtung«, der »praktischen Herabwürdigung der Natur«, welche »unter der Herrschaft des Privateigentums und des Geldes« stattfindet (Judenfrage), wobei für ihn klar ist, dass der Mensch nicht nur »Teil der Natur« ist, sondern dass der »Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur« eine »ewige Naturnotwendigkeit« bleibt und die anzustrebende »Gesellschaft […] die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur« ist.

Mit der seit den 1970er Jahren entwickelten Begrifflichkeit könnte man den Ansatz von Marx und Engels als ökologisch bezeichnen. Den Schutz der Natur, wie er von den Naturschützern vertreten wird, thematisieren sie nicht. Zeitgenössische Naturverklärungen verspotten beide als »christlich-germanisch-patriarchalische Naturfaselei«. Der Sache nach fügt sich N aber ihrem Ansatz einer rationellen Gestaltung des Mensch- Naturverhältnissses, wenn es bei Marx heißt, dass »alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen […] nicht Eigentümer der Erde [sind]. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre 33 Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen« – eine Forderung nach einer generationengerechten, d.h. nachhaltigen Wirtschaftsweise, wie sie später auf ähnliche Weise im sog. Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung formuliert wird (WCED 1987).

Besonders der konservierende N scheitert am Widerspruch zwischen den zur globalen Vorherrschaft gelangten kapitalistischen Naturverhältnissen und den Prozessen natürlicher Regeneration, deren Störung planetarische Ausmaße angenommen hat und für die Menschheit existenzbedrohend geworden ist. Für »die Versöhnung der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst« ist »der große Umschwung« (Engels), die Überwindung der Kapitalherrschaft, notwendig. Der N als Teil der Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse gewinnt dabei an Bedeutung, wie Forschungen und neue Konzeptionen von N seit Beginn des 21. Jh. zeigen; er muss eingebettet werden in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um eine soziale und ökologische Wende. (…) Im Klassenkampf stand lange die soziale Frage und die Frage nach Krieg und Frieden im Vordergrund, während die Frage der ›Naturzerstörung‹ in der Arbeiterbewegung, ihren Parteien und Organisationen vernachlässigt wurde. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. das globale und menschheitsbedrohende Ausmaß der ökologischen Krise vollständig sichtbar wurde. (…) Rücksichtsloser Ressourcenverbrauch kennzeichnet die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost und West. Der Wiederaufbau in Europa drängte N-Fragen in den Hintergrund, während Arbeiterparteien und Gewerkschaften wachsenden Wohlstand für die Beschäftigten durchsetzten. Rachel Carsons Buch Silent Spring (1962), das die zerstörerischen Auswirkungen des historisch-kritisches wörterbuch des marxismus Einsatzes synthetischer Pestizide auf Ökosysteme beschreibt, trug in den USA maßgeblich zu einer Wende für den N bei, was sich u.a. in der Politisierung bestehender N-Organisationen sowie der Gründung zahlloser Umweltschutzgruppen niederschlug.

(…) Für Frigga Haug bilden »die derzeitigen Überlebensfragen der Menschheit« – die »Ökologiekatastrophe, die Rohstofferschöpfung und die atomare Aufrüstung« – eine dialektische Einheit, deren Ursache die kapitalistische Produktionsweise und mit ihr die »Trennung« von »Leben- und Lebensmittelproduktion« ist. (…) Durch die »Zeitsparlogik« sei »fast alles, was die lebendigen Menschen direkt betrifft, ihre Hege und Pflege ebenso wie der Umgang mit der Natur nicht oder doch nur mit außerordentlich hohen Kosten regulierbar.« (…) China, dessen beschleunigte Entwicklung – wie in allen Industrieländern – jahrzehntelang zu dramatischen Zerstörungen in Natur und Umwelt führte, vollzieht seit den 2010er Jahren eine Kehrtwende und proklamiert »den Aufbau einer ökologischen Zivilisation« – (Kunzmann 2018).

So wird den Bedrohungen durch den Klimawandel – der beschleunigten Wüstenbildung auf rund einem Viertel des chinesischen Territoriums – mit großangelegten Aufforstungsprojekten begegnet. (…) Für die kapitalistische Profitwirtschaft gilt, dass sie – mit dem ihr eingeschriebenen Zwang zur Expansion – ohne ökologische und soziale Destruktivität nicht zu haben ist. Ein Fortschrittswandel zu einer solidarischen und umweltverträglichen Vergesellschaftung ist Menschheitsaufgabe.

* In dieser Rubrik bringt Lunapark21 jeweils einen Eintrag aus dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Das HKWM erschien mit seinem ersten Band 1994, begründet und herausgegeben vom Philosophen Wolfgang Fritz Haug. Anlässlich der Herausgabe des Bandes 9 II im Dezember 2023 schrieb Haug: »Die Vorgeschichte von 1989 hat es vorgeführt: Lange kaum merklich, kann der geschichtliche Prozess zum unwiderstehlichen Strom sich steigern, der Standpunkte und Perspektiven mit sich reißt. (…) Wer das HKWM nicht nur als Nachschlagewerk nutzt, sondern auch oder sogar primär als ›Vorschlagwerk‹, in dem man auf Erkundung gehen kann, wird die Erfahrung machen, dass Vergangenheitserkenntnis der Gegenwart auf eine Weise zu begegnen vermag, die ihr bei aller Differenz ein Licht aufsteckt.« Naturschutz (N) ist nach Bonapartismus, nachhaltige Entwicklung, Krieg, Handel, Energie, Krieg und Frieden, Lüge, Finanzkrise, Kurzarbeit, Mensch-Naturverhältnis, Kubanische Revolution, Misogynie, Landnahme, Klimapolitik, militärisch-industrieller Komplex und Finanzmärkte das 17. ausgewählte Stichwort aus der alphabetischen Stichwörtersammlung des HKWM, das wir hier auszugsweise zitieren.

Dieser wiedergegebene Text enthält den Textanfang sowie Ausschnitte also wesentlich weniger als im Original (Siehe: https://www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=n:naturschutz). Das ist nach der Einleitung in sechs Abschnitte gegliedert und mit einer umfangreichen Bibliographie versehen. Der Bestellvorgang wird auf der Website des InkriT erläutert. (JHS) E: protection of nature. – F: protection de la nature. – R: ochrana prirody. – S: protección de la naturaleza.