Begegnungen. Theo Pinkus

Der Erste Weltkrieg, unter dem die Wirtschaft der Schweiz erheblich gelitten hatte, war vorbei, ein Aufschwung folgte, doch schon 1927, noch ehe es wieder abwärts ging, musste das Züricher Bankhaus von Lazar Felix Pinkus Bankrott anmelden. Im gleichen Jahr übersiedelte sein Sohn Theodor nach Berlin, um sich bei Ernst Rowohlt zum Buchhändler ausbilden zu lassen.

Lazar Pinkus hatte sich zeitweise dem Zionismus verbunden gefühlt, Theo Pinkus war zum Sozialisten geworden, trat dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und später der KPD bei. 1933 hat er, als Jude und Kommunist doppelt gefährdet, das Land wieder verlassen, doch die Freundschaft mit dem ein Jahr älteren Sozialdemokraten Robert Dewey, den er in Berlin kennengelernt hatte, hielt bis ans Lebensende.

In seine Heimatstadt zurückgekehrt, machte Pinkus sich als Buchhändler selbständig, sein Geschäft wurde mit der Zeit zum wichtigsten Antiquariat deutschsprachiger linker Literatur. Robert Dewey blieb in Deutschland, wechselte zur KPD, leitete schließlich den Berliner Unterbezirk Steglitz-Zehlendorf, wurde aber verhaftet und 1938 zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er konnte die Haft überleben, wurde später, zu DDR-Zeiten, Verwaltungsdirektor der Akademie der Wissenschaften.

In den siebziger Jahren war ich mit den beiden jüngeren Kindern Robert Deweys in engeren Kontakt gekommen; 1985 war es wohl, da übermittelten sie mir eine Einladung in die Wohnung ihrer Eltern draußen in Schöneweide, nahe der Spree – am anderen Ufer sah man die Hallen, die Schornsteine von Großbetrieben, die ein paar Jahre später stillgelegt wurden. Theo Pinkus, so hieß es, wolle mich sprechen,  es gehe um irgendwelche Übersetzungen.

Dem Namen nach war mir Pinkus damals schon bekannt, doch wusste ich kaum mehr von ihm, als dass er Antiquar war. Vor seinem Ostberliner Zwischenhalt bei den Deweys war er gemeinsam mit seiner Frau Amalie vier Wochen durch China gereist; sie wirkte erschöpft, hatte auch, wie ich später erfuhr, eine schwere Operation hinter sich, Theo, immerhin schon Mitte Siebzig, war erstaunlich agil. Er gebe, so erklärte er mir, ein kleines Blatt heraus, den Zeitdienst, und wolle dort mit Beiträgen aus der russischen Presse über die Perestrojka informieren, den neuen Kurs der sowjetischen Politik. Mit ihm verband sich für viele noch einmal, oft zum letzten Mal, die Hoffnung auf eine Erneuerung des Sozialismus. Honorieren, so bemerkte er zuletzt, könne er meine Arbeit leider nicht – aber es sei für die Weltrevolution. Dabei lächelte er ironisch und zwinkerte mir zu.

Mir schien jedoch, dass er tief innen noch immer dieser Idee anhing, und das fand ich gut, sie war ja keine bloße Jugendillusion: Wenn Landesgrenzen für die Krisen der bürgerlichen Ordnung kein Hindernis sind, kann ihre revolutionäre Überwindung, die doch immer krisenhafte Situationen voraussetzt, ebenso international verlaufen. Hatte Pinkus nicht auch einmal einen Band Dokumente der Weltrevolution herausgegeben? Hatte ich diesen dicken Band nicht sogar in der Hand gehabt? Ich recherchierte im Internet und merkte bald: Ich hatte da etwas verwechselt – bei der Büchergilde Gutenberg war gegen Ende der sechziger Jahre eine Reihe dieses Namens erschienen, Herausgeber war jedoch der holländische Sozialist Frits Kool. Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur lautete einer der Titel, Die Linke gegen die Parteiherrschaft ein anderer. Vielleicht dachte Pinkus nicht ganz so radikal, aber jene Parteigläubigkeit, Parteihörigkeit, die viele Sozialisten seiner Generatio n nie hatten ablegen können, war seine Sache nicht: In der Schweiz wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, da er angeblich nicht weit genug links stand, den Sozialdemokraten hingegen stand er zu weit links, wieder wurde er ausgeschlossen. Parteien, so hat er einmal geäußert, seien wie Straßenbahnen. Man komme mit ihnen gut voran, doch das letzte Stück Weges müsse man nun einmal laufen. Vielleicht habe ich den Satz in der Ende der achtziger Jahre erschienenen Biographie Theo und Amalie Pinkus-de Sassi. Leben im Widerspruch gelesen.

Es war im übrigen nicht leicht, für den Zeitdienst Texte zu finden, die Substanz hatten. Übersetzt habe ich unter anderem einen Beitrag über den Entwurf eines Betriebsverfassungsgesetzes, ein Interview über die Mängel im sowjetischen Gesundheitswesen und eine kritische Betrachtung der damaligen staatlichen Geheimhaltungspraxis.

Im Juli 1987 erreichte mich eine Postkarte mit einer Graphik von Walter Crane: Ein Schriftband Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! umspannt den Erdball, den fünf Arbeiter umschreiten; sie verkörpern die Arbeiterklasse der fünf Kontinente. Über allen schwebt als weiblicher Genius die Freiheit. Crane (1845 – 1915) war der wichtigste Illustrator von Arts&Crafts, einer Kunstrichtung, die auch den Jugendstil beeinflusst hat, und er war Sozialist. Die Karte kam von Theo Pinkus; er werde, so schrieb er mir, Ende des Monats in der Hauptstadt (der DDR – Anm. d. Red.) sein. Angeredet hatte er mich mit Lieber Gen.; dass er, der seit mehr als einem halben Jahrhundert für eine bessere Ordnung stritt, mich, der ich vierzig Jahre jünger war als er, seinen Genossen nannte, empfand ich als höchst ehrenvoll.

Getroffen habe ich mich mit Pinkus im Foyer des Lindenhotels, Friedrichstraße, Ecke Unter den Linden. Als ich kam, war er noch im Gespräch mit der Witwe des im April jenes Jahres gestorbenen Philosophen Wolfgang Heise. Er kannte wohl manchen in der DDR, hatte Kontakt zu unangepassten Geistern, doch auch zu Größen der SED, die seine Kunden waren. Dann war ich an der Reihe: Er lobte meine Textauswahl, unser Hauptthema aber war die Reformpolitik in der Sowjetunion. Um dem Sozialismus eine Zukunft zu geben, war nach dem Hauptgrund der Missstände im Lande zu fragen. Ich sah diesen Hauptgrund im adminstrativen Verständnis der führenden Rolle der Partei, der auch Gorbatschow noch folgte: Die Partei gibt die Grundlinien der Politik vor. Pinkus meinte darauf, führend zu sein könne nur bedeuten, den sozialistischen Vorschlag in die Debatte einzubringen, entscheiden müsse das Volk. Später habe ich auf den Begriff der führenden Rolle völlig verzichtet. Dass  ein alternativer Sozialismus sich, wenn es mit dem jetzigen System zu Ende ging, nicht würde durchsetzen können, hatte ich damals noch nicht bedacht, er wohl ebenso wenig.

Ein drittes und letztes Mal haben wir uns 1988 oder ‘89 gesehen; ich erfuhr, dass er den Zeitdienst eingestellt hatte, erhielt zu meiner Überraschung noch ein Honorar. Wir saßen zu viert oder fünft in seinem Hotelzimmer im Interhotel am Alexanderplatz, zu einem politischen Gespräch ist es nicht mehr gekommen.

Die Karte, die Theo Pinkus mir 1987 geschickt hatte, war von der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung verlegt worden. Dahinter stand eine der beiden Stiftungen, die das Ehepaar Pinkus 1971 gegründet hatte. Die andere diente dem Betrieb des Studienzentrums Salecina; gemeinsam mit vielen Helfern hatten sie einen jahrhundertealten Bauernhof entsprechend umgebaut. Im Frühjahr 1991 hatte ich mich dort zu einem Sommerkurs angemeldet, doch im Mai ist Theo Pinkus – drei Monate vor seinem 82. Geburtstag – ganz plötzlich gestorben, und so bin ich in Berlin geblieben. Vielleicht war es ein Fehler.

Robert Dewey hat der Tod seines Freundes schwer getroffen, nachts wanderte er schlaflos in der Wohnung umher. Amalie hat ihren Mann um mehrere Jahre überlebt. Die zwei Stiftungen gibt es noch, doch fehlten der Studienbibliothek Ende der neunziger Jahre die Mittel für einen geregelten Betrieb, den größten Teil der Bestände hat darauf die Züricher Stadtbibliothek übernommen. Salecina wird weiterhin als alternatives Zentrum genutzt, doch von Sozialismus ist wohl nicht mehr die Rede.

Erhard Weinholz, Hochschul-Ökonom, Dr. phil., geboren 1949 in Brandenburg an der Havel, lebt seit 1969 im Ostteil Berlins. 1982 verlor er aus politischen Gründen seinen Arbeitsplatz an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 2001 bis 2007 war er Redaktionsmitglied der historisch-literarischen Zeitschrift Horch und Guck.

Ukrainisch

Erfahrungen aus dem Fernunterricht

Als der Krieg begann, wurde mir klar, wie wenig ich über die Ukraine wusste.

Im Februar 2022 schien es nur eine Frage von Tagen bis zur vollständigen Besetzung des Landes und der Ermordung seines Präsidenten und der Regierungsmitglieder zu sein. Doch während Fernsehreporter, auf der Flucht aus dem Osten des Landes, berichteten und an den Grenzübergängen nach Westen chaotische Zustände herrschten, geriet der russische Vormarsch ins Stocken.

Bald trafen erste Flüchtlinge auch in der Nähe meines Wohnortes ein, und wie schon im Jahr zuvor, nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, wurden in den größtenteils verlassenen Erkelenzer Tagebaudörfern leerstehende Häuser für ihre Unterbringung hergerichtet.

Ich wollte mehr über die Ukraine erfahren. Und ich nahm mir vor, die ukrainische Sprache zu erlernen.

Im Internet fand ich Sprachübungen, ich besorgte mir ein Lehrbuch. Die Volkshochschule bot keine Kurse an, und so nahm ich im Sommer 2024 Kontakt zu einer Sprachschule auf, um im Fernunterricht zu lernen. Ich entschied mich für einen Kurs am Samstag, und pünktlich um 11.30 Uhr blickten vier Fernschüler in das freundliche Gesicht eines vollbärtigen, vielleicht 40 Jahre alten Mannes, der uns mit »Привіт« (privjit) begrüßte, auf Deutsch: »Hallo«, und das Du als Anrede vorschlug. Er sprach in einwandfreiem Deutsch mit leichtem Akzent. Meine Mitschüler, drei junge Männer, hatten ukrainische Partnerinnen und hielten Kontakt zu deren Angehörigen in der Ukraine, während ich nur aus Sympathie und Interesse für die Ukraine teilnahm.

Unser Lehrer hieß Mychajlo, und seine gestenreichen und oft witzigen Erläuterungen landestypischer Eigenarten ließen einen vergessen, dass sein Wohnort kaum mehr als 50 bis 60 Kilometer von der Front entfernt lag. Er erklärte uns, dass Russisch lange geltende Amtssprache gewesen war, weshalb seine persönlichen Dokumente auf Russisch abgefasst seien, ein Überbleibsel, wie er hinzufügte, aus der Zeit, »als die Russen noch unsere Freunde waren«. Damit endete sein Kommentar zum Krieg, und ich kann mich nicht erinnern, dass er sich sonst jemals über seine Situation beklagt hätte.

Заклинання 
buchstabieren

In der ersten Doppelstunde beschäftigten wir uns mit dem ukrainischen Alphabet, mit Konsonanten und Vokalen. Wir verabschiedeten uns bis zum nächsten Mal, doch schon am Morgen des zweiten Samstags erhielten wir eine E-Mail, in der Mychajlo uns mitteilte, dass er an diesem Tag alle Stunden absagen müsse, da nach dem Beschuss der Stadt kein Strom und kein Internet verfügbar seien. Um uns zu informieren, war er in einen Nachbarort gefahren, wo er das mobile Internet nutzen konnte. Die nächste Doppelstunde fand dann wieder statt. Wir lernten Begrüßungen und kurze Dialoge.

Mychajlo legte Wert darauf, uns nicht nur mit den Druckbuchstaben, sondern auch mit der ukrainischen Schreibschrift vertraut zu machen, die wir ab der dritten Doppelstunde übten. Mich erinnerte das ein wenig an die deutsche Sütterlinschrift, und wir taten uns alle schwer, Texte in dieser neuerlichen Variation eines ohnehin fremden Alphabets abzuschreiben.

Eigentlich sollte uns die Schreibschrift befähigen, Audioübungen und Lösungstexte schneller zu notieren. Aber ich gestehe, dass ich in der kurzen vorgegebenen Zeit nur eine kaum leserliche, teils mit lateinischen Buchstaben vermischte Druckschrift zustande brachte, die mich anschließend beim Vorlesen vor Probleme stellte.

Es folgte ein erneuter Unterrichtsausfall. Per WhatsApp teilte Mychajlo uns mit, dass seine Schwester und ihr Mann zu Besuch gekommen waren, dass dieser am Vortag von Soldaten und Polizei gefangen genommen worden war und sie die ganze Nacht bei ihm verbracht hatten.

Die folgenden Unterrichtseinheiten konnten, bis auf einen Samstag im Oktober, an dem nach Drohnenangriffen die Stromversorgung zusammengebrochen war, ohne Ausfälle stattfinden. Wir kamen zügig voran. Unser Lehrer hatte Freude daran, uns nicht nur die Sprache seines Landes, sondern auch kulturelle Eigenheiten zu vermitteln. Etwa, dass Borschtsch eigentlich nicht lecker aussehen kann, wenn er gut schmecken soll. Gelegentlich benannte er sprachliche regionale Unterschiede – »das sagt man in der Westukraine« Unterhaltsam waren seine Erklärungen zu missverständlichen Formulierungen, von deren unbedachter Anwendung er uns mit spitzbübischem Lächeln abriet. Etwa bei der Verabschiedung: »Wenn jemand до побачення (auf Wiedersehen) zu seiner Ehefrau sagt, dann braucht er eigentlich auch gar nicht wieder zu kommen« Manchmal schien es ihn kaum auf dem Stuhl zu halten, wenn er seine lebhaften Au sführungen mit ausholenden Armbewegungen unterstrich. Dann aber setzte er ruhig den Unterricht fort.

все нормально 
alles normal

An einem Freitag, Ende November, erhielten wir von Mychajlo eine WhatsApp-Nachricht aus dem Krankenhaus. Er war mit dem Auto unterwegs gewesen, als durch russischen Beschuss die Ampelanlagen ausfielen und ein entgegen kommender Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Beim Zusammenprall erlitt Mychajlo eine Kopfverletzung. Der Unterricht am folgenden Tag müsse ausfallen. In ein paar Tagen werde er das Krankenhaus verlassen können, allerdings in den nächsten Wochen ohne Kamera arbeiten. Am Samstag der folgenden Woche sahen wir Mychajlo dennoch wieder, er hatte die Kapuze seines Hoodies über den Kopf gezogen.

Wir Schüler tauschten uns in der WhatsApp-Gruppe aus, etwa wenn jemand sich für das nächste Mal entschuldigte, was meist von allen freundlich kommentiert wurde. Auch Fragen zu verpassten Übungen und Hausaufgaben wurden in der Gruppe geklärt. Da Ende November der Ab-schluss des ersten Kurses und die Weihnachtszeit bevorstand, fragten wir Mychajlo, ob er einen Wunsch habe. Er antwortete, dass er alles habe in der Ukraine.

Auf meine Nachricht, über ihn als in der Ukraine lebenden Sprachlehrer und seinen Unterricht einen Artikel zu schreiben, teilte Mychajlo mir im Dezember mit, welch großes Problem für ihn die Kontrollen durch Polizei und Militär seien. Ohne Arbeitspapiere könne es sein, dass er gewaltsam von der Straße geholt werde und sich zwei, drei Tage später bereits im Krieg befinde. Viele Männer säßen einfach zu Hause oder arbeiteten online. »Mein Leben besteht darin, dass ich am Computer arbeite. Manchmal gehe ich abends in den Supermarkt, um Lebensmittel einzukaufen. Ich kann sonst nirgendwo hingehen oder ausgehen, um Spaß zu haben. Derzeit sind die demokratischen Freiheiten in der Ukraine, insbesondere für Männer, sehr eingeschränkt.«

Es kam auch im neuen Jahr zu mehreren Unterrichtsausfällen. In der ersten Februarwoche wurde Mychajlo um fünf Uhr morgens auf dem Weg zum Supermarkt von Soldaten festgenommen, zum territorialen Sammelzentrum gebracht und anschließend vor der Ärztekammer untersucht. Da ihm und weiteren dort festgehaltenen Männern alle Dokumente und Smartphones abgenommen worden waren, konnte er zwei Tage lang zu niemandem Kontakt aufnehmen. Es wurde festgestellt, dass er für den Militärdienst nur bedingt geeignet ist, und so durfte er wieder nach Hause gehen.

Побачимось!

Reinhard Noffke berichtete in Lunapark21 über Landschaftszerstörung durch Kohletagebaue und weitere Umweltprobleme. Mit dem Abschluss des zweiten Ukrainisch-Sprachkurses Ende März musste er seine Teilnahme aufgrund anderer Verpflichtungen beenden.

Begegnungen: Heinz Hirdina

Hirdina, Jahrgang 1942, war Designtheoretiker, Designhistoriker. In den Siebzigern hatte er etliche Jahre die Redaktion der Zweimonatsschrift form+zweck geleitet, Herausgeber war das Amt für industrielle Formgestaltung (AiF). Sein Büro dort nahe der Friedrichstraße behielt er auch, als er 1980 zum Dresdener Verlag der Kunst wechselte. Im gleichen Jahr hatte ich begonnen, für die Bibliothek des AiF aus dem Russischen zu übersetzen; angestellt war ich damals noch am Zentralinstitut für Wirtschaftswissenschaft (ZIW) der Akademie der Wissenschaften. Ein gewisses Maß an Apologetik wurde hier wohl allen abverlangt; mein Forschungsthema, die Geschichte der politischen Ökonomie des Sozialismus, schloss kritische Auseinandersetzung jedoch völlig aus.

Im Februar 1980 fuhr ich als Ferienhelfer an die Ostsee, hatte fern von Berlin Zeit nachzudenken. Die Akademie, so sagte ich mir schließlich, ist nicht die Welt, irgendwann würde ich sie verlassen. Aber was dann? Wenn ich von meinen Fähigkeiten, Neigungen und Abneigungen ausging, blieb nur das freiberufliche Übersetzen. Die Arbeit für das AiF war für mich ein Übungsfeld. Aus dem ZIW bin ich zwei Jahre darauf eher unfreiwillig ausgeschieden.

Damals, in den frühen Achtzigern, hatte Hirdina für den erwähnten Verlag Lothar Kühnes Gegenstand und Raum lektoriert, Untertitel: Zur Historizität des Ästhetischen. Genauer getroffen hätte es vielleicht ein Titel wie Gegenstand und Gesellschaft, aber von Gesellschaft war damals schon mehr als genug die Rede. Kühne, Philosophie-Professor an der Berliner Humboldt-Universität, war aus meiner Sicht der wichtigste hiesige Gesellschaftstheoretiker jener Zeit; 1985 hat er sich, von schweren Problemen bedrängt, das Leben genommen. Die Herrschaftsverhältnisse im Lande stellte er in seinen Schriften nicht in Frage, jedenfalls nicht ausdrücklich, dennoch hielt und halte ich sein Denken für revolutionär: Er war einer der ganz wenigen, die noch nach Möglichkeiten sozialistischer Entwicklung suchten, die also mehr wollten als die von der Staatspartei betriebene Fortschreibung des Bestehenden. Das war auch in meinem Sinne. 1981 war Gegenstand und Raum i n der Fundus-Reihe erschienen; über dieses Buch kam ich mit Hirdina ins Gespräch. Ich weiß noch, dass ich nach dem Echo auf das Werk gefragt hatte und von ihm hörte, es sei fast gleich Null; alles übrige habe ich vergessen. In Erinnerung geblieben ist mir aber die – um mal einen ganz aus der Mode gekommenen Begriff zu verwenden – vornehme Zurückhaltung, mit der er auftrat; es war jene Vornehmheit, die aus dem Intellekt kommt.

Zettelwirtschaft

1983, nun schon freiberuflich tätig, fand ich eines Tages bei der Rückkehr nach Hause hinter meiner Wohnungstür einen Zettel: Hirdina bat mich dringend, ihn im Amt anzurufen, es gehe um eine Übersetzung. Am Münzfernsprecher gleich um die Ecke hatte ich Glück: Kein Dauertelefonierer blockierte den Apparat. Das AiF, so erfuhr ich, veranstalte eine internationale Funktionalismus-Tagung; ein Moskauer Professor, der dort hatte vortragen wollen, aber verhindert sei, habe ihm den Originaltext nebst Übersetzung gesandt: Er solle statt seiner sprechen. Doch scheine die Übersetzung nichts zu taugen – ob ich mich der Sache annehmen könne? Ich sagte zu, hatte bis weit in die Nacht hinein mit der Arbeit zu tun und kam damit, wie verabredet, tags darauf früh um Acht zur Markthalle am Alexanderplatz. Von weitem schon sah ich Hirdina unruhig auf und ab gehen. Später sagte er mir, die Zeit sei derart knapp gewesen, dass er den Text vor dem Verlesen nicht einmal meh r habe durchsehen können, doch sei er nirgendwo ins Stolpern geraten. Der Beitrag erschien dann in form+zweck 1/1984.

Vor ein paar Tagen habe ich aus einem meiner Kartons das Heft mit der Übersetzung herausgesucht: Sie ist nicht in der Nummer 1/84, sondern in der Nummer 1/83 erschienen. Eine Karteikarte A5 lag bei: Sehr geehrter Herr Dr. Weinholz, wäre es eine zu große Zumutung für Sie … – es war jener Zettel, den Hirdina vor mehr als vierzig Jahren durch den Briefschlitz meiner Wohnungstür gesteckt hatte. Das kurze Schreiben korrigierte noch einiges mehr von meinen Erinnerungen: Und vielen Dank nochmal für die ausgezeichnete Magomedow-Übersetzung hieß es zum Beispiel zuletzt – er kannte mich also schon als Übersetzer, das Risiko war für ihn nicht so groß, wie die Erinnerung es mir vorgespiegelt hatte. Mit der Nummer 1/1983 aber hatte es eine besondere Bewandtnis.

Materialökonomie

Schon unter Hirdinas Leitung ging es in form+zweck nicht mehr nur um Gestaltungsfragen im engeren Sinne, um Ergonomie, um Formen, die den Funktionen folgen und dergleichen. Ein Beispiel damaliger thematischer Erweiterung ist Lothar Kühnes Text Ökonomisches Verhalten und Weltanschauung in der Nummer 5/1975: Materialökonomie war für ihn nicht nur Mittel der Ressourcenersparnis, sondern Teil eines humanistischen Konzepts, des achtungsvollen, behutsamen Umgangs mit der Natur und der Arbeit anderer. Von einem solchen Umgang waren wir in der DDR jedoch weit entfernt. Hirdinas Nachfolger Hein Köster setzte dessen Kurs fort, vielleicht mit anderer Akzentuierung, vielleicht entschiedener noch als dieser. Das Heft 1/1983 war, mit Ausnahme der Übersetzung, der innerstädtischen Rekonstruktion gewidmet, Beispiel Prenzlauer Berg. Autoren waren unter anderem er selbst sowie Wolfgang Kil, neben Bruno Flierl und Simone Hain später einer der wichtigsten Architekturkritiker hier  im Osten, und der Grafiker Manfred Butzmann. Von ihm stammte auch der Entwurf für das in Kursbuch-Tradition beigelegte kleine Plakat. Die Absicht, der Schönhauser Allee, dem wichtigsten Straßenzug des Stadtbezirks, durch Markisen, Pflanzkübel und ähnliche Standardelemente Boulevardcharakter aufzuzwingen, wurde, um nur zwei Beispiele zu nennen, ebenso kritisiert wie die Behinderung, die Lenkung der Fußgänger durch Ampeln und Absperrungen; beides konnte man auch als grundsätzliche Kritik an Bevormundung seitens der Obrigkeit lesen. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Konrad Naumann, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, ein versoffener Hardliner, dem Honecker viel zu lasch war, empfand das alles tatsächlich als Affront, Köster erhielt eine Parteistrafe und verlor sein Amt als Chefredakteur. Sein Nachfolger Günther Höhne, in den neunziger Jahren für die CDU-Presse tätig, brachte das Blatt wieder auf Linie.

Gestalten für die Serie

1988, Hirdina war inzwischen Dozent an der Weißenseer Kunsthochschule, erschien sein umfängliches, reich illustriertes Buch Gestalten für die Serie – Design in der DDR 1949 bis 1985. Es war das erste und zugleich letzte Werk dieser Art. Hätte die DDR noch längere Zeit fortbestanden, wäre es sicherlich zum Standardwerk avanciert, hätte er es drei, vier Jahre später geschrieben, wäre sein Blick auf die Geschichte, auf Möglichkeiten und Versäumnisse vielleicht ein anderer gewesen – doch ist fraglich, ob sich dann noch ein Verlag dafür gefunden hätte. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass es nicht hinreichend gewürdigt wurde.

Kurz nach der Jahrhundertwende zogen meine Frau und ich in eine kleine Straße in Prenzlauer Berg, im Bötzowviertel. Ein paar Mal sah ich Hirdina dort, immer schien er in Eile zu sein. Er war inzwischen Professor, seine Frau, von Hause aus Germanistin, war es schon lange, sie wohnten ein paar Häuser weiter, ich überlegte, ob ich ihn ansprechen solle, doch es kam mir aufdringlich vor. Dann erlitt er – im Wikipedia-Eintrag wird es nicht erwähnt – einen schweren Schlaganfall, war gelähmt, konnte wohl auch nicht mehr sprechen; ich sah ihn verkrümmt im Rollstuhl sitzen, den eine junge Frau durch die Gegend schob. Auf einem Fenstersims fand ich einen Stapel älterer Hefte einer Design-Zeitschrift, jede zweite Nummer enthielt einen Essay von ihm, aber ich habe mir die Inhalte nicht merken können, es war für mich ein allzu fremdes Land. Trotz seiner schweren Behinderung hat er seine Frau überlebt, kam nach ihrem Tod in ein Heim, wo er im Dezember 2013 ges torben ist.

Erhard Weinholz, Hochschul-Ökonom, Dr. phil., geboren 1949 in Brandenburg an der Havel, lebt seit 1969 im Ostteil Berlins. 1982 aus politischen Gründen Verlust des Arbeitsplatzes an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 2001 bis 2007 als Redaktionsmitglied für die historisch-literarische Zeitschrift Horch und Guck tätig.

Kapitalismus 2.0?

Wenn der Kapitalismus sich neu sortieren muss, um in eine neue Phase überzugehen, finden sich Menschen, die sein Ende unmittelbar bevorstehen sehen. Seit dem Ausbruch der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise von 2007/2008 ist das wieder der Fall. Historisch Gebildete unter den Vertretern dieser Prognose zeigen sich zugleich reflektiert schüchtern: Ja, sie wüssten schon, dass das auch früher immer wieder einmal vorhergesagt wurde, aber es könne doch sein, dass es diesmal wirklich so weit ist.

Anlass für gegenwärtige Endzeit-Prophezeiungen ist häufig die gefährliche Erderwärmung. Manche sagen, innerhalb des Kapitalismus sei sie nicht zu stoppen, und befinden sich im Streit mit Anderen, die einen Ausweg in einer Kombination aus Markt und technischer Innovation für möglich halten. Auch die Abflachung der Wachstumsraten in den OECD-Staaten wird zuweilen als letztlich nicht mehr umzukehrende Tendenz hin zum allmählichen Erlöschen gesehen, flankiert mit der Erwartung, in den Staaten nachholender Entwicklung wie vor allem China werde das irgendwann auch noch kommen. In seinem Buch »Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie« (1942) hat Joseph A. Schumpeter ein frühes Muster solcher Argumentation vorgelegt. Naomi Klein sieht in ihrer Schrift »Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima« einen Antagonismus, der nur durch die Beseitigung der gegenwärtig herrschenden Produktionsweise aufgehoben werden könne. Ulrike Herrmann schlägt die E rsetzung der gegenwärtigen Form dieser Ausbeutungsordnung durch eine andere vor. Darüber ließe sich reden, nennte sie diesen Übergang nicht forsch »Das Ende des Kapitalismus«. So heißt ihr Buch.

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Boxheim und Potsdam

Am 25. November 2023 trafen sich Nazis, AfD-Funktionäre und zwei CDU-Mitglieder in einem Hotel bei Potsdam und schmiedeten Deportationspläne gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Als dies im Januar 2024 ans Licht kam, antwortete eine breite Welle von Demonstrationen gegen die AfD.

Baerbock, Habeck, Lindner, Scholz, Söder und Steinmeier begrüßten das, auch der Oppositionsführer Merz.

In der Frage der Immigration besteht zwischen der AfD einerseits, CDU/CSU, FDP, den Grünen und der SPD andererseits verstohlene Einigkeit. Die EU, die Großen Koalitionen unter Merkel und die Ampel-Regierung von Scholz haben den Schengen-Raum so abgeschottet, dass Zehntausende im Mittelmeer zu Tode kommen. Auch darüber, dass künftig mehr abgeschoben werden soll, gibt es wenig Streit. In der Potsdamer Tafelrunde wurde daraus allerdings völkische Politik.

Seit Jahren bekämpfen antirassistische, antifaschistische und humanitäre Bewegungen die Abschließungs- und Abschiebepolitik der EU und der deutschen Regierungen. Damit standen und stehen sie ziemlich allein. Plötzlich sehen sie sich vom Mainstream erfasst. Befinden sie sich im falschen Film?

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Aufbruch zu einer Revolution für das Klima

Wir Menschen haben unsere optimale ökologische Nische in der Mitte des Holozäns gefunden. Seit ca. 6000 Jahren ermöglichen durchschnittliche Jahrestemperaturen um 13°C das Wachsen und Gedeihen der menschlichen Zivilisation.1 Doch der Anteil der Erdoberfläche mit diesen lebensfördernden Bedingungen schrumpft. In den kommenden 50 Jahren werden ein bis drei Milliarden entweder fliehen müssen oder tödlichen Bedingungen ausgesetzt sein.2

Die Ursachen für den Zusammenbruch unserer Lebensgrundlagen, das Massensterben der Arten und die Zerstörung von Ökosystemen sind bekannt. Trotzdem verbrennen wir weiter Öl, Gas und Kohle, verbrauchen riesige Flächen mit intensiver Agrarindustrie, tränken Land in Pestizide und Mineraldünger und holzen Wälder großflächig ab.

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Lobau bleibt!

Widerstand gegen die drohenden Autobahnprojekte im Nordosten Österreichs

Kaum ein Land ist in Punkto Einhaltung von Klimaschutzzielen so säumig wie Österreich, das deshalb auch schon mehrfach die Negativ-Auszeichnung “Fossil of the Day” bei den UN-Klimakonferenzen erhalten hat.

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass der Autoverkehr das Problem ist. Dessen Ausstoß an Treibhaus-hausgasen gleicht alle Einsparungen von thermischer Gebäudesanierung, Landwirtschaft und Abfallwirschaft aus und legt Jahr für Jahr noch mehr drauf. Nach einer kurzen Atempause durch Corona ist Österreich nun wieder mit Vollgas unterwegs in die Klimakatastrophe und setzt voll auf Autobahnbau.

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Utopie und Gemeinschaft

50 Jahre Salecina. Von Theo und Amalie Pinkus-de Sassi bis heute

Nun sind sie längst Geschichte, die 1970er Jahre, in denen nicht nur in Westdeutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern selbstverwaltete Betriebe und Projekte wie Pilze aus dem Boden schossen. Nur wenige bestehen heute noch. Eines von ihnen ist Salecina, in der traumhaften Oberengadiner Gebirgsregion unweit der Innquelle, am Maloja-Pass, der gen Süden direkt von der Schweiz ins italienische Chiavenna führt – für uns beide seit mehreren Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort. Gisela hat dort seit sehr vielen Jahren Seminare zur Geschichte der Frauenbewegung und zur alternativen Wirtschaft durchgeführt und ist zu allen Jahreszeiten in den Bergen und an den Seen gewandert. Jürgen hat Salecina erstmalig im Sommer 2016 besucht, als er an der Florawoche des Züricher Erdwissenschaftlers Conradin Burga teilnahm.1 Und zuletzt erhielt er beim Hochgebirgswandern und Gipfelklettern im Sommer 2021 in einer kleinen italienisch-deutsch-schweizer Gruppe neue Einbl icke ins Bergell. Beide haben bei ihren Aufenthalten ganz verschiedene Menschen auf Tour außer Haus und in der gemeinsam arbeitsteilig tätigen Hausgemeinschaft kennengelernt. Beide lieben Alpenrosen ebenso wie die verschneiten Berge, die abendlichen Diskussionen, Gesellschaftsspiele, Tanzen und Singen und den Austausch im Gespräch mit jungen und alten Besucherinnen und Besuchern.

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Kommunistin ist Bürgermeisterin in Graz

Gegen Ungerechtigkeit und Ausbeuterei

Am 17. November 2021 wurde in Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, zugleich die Landeshauptstadt der Steiermark, die Kommunistin Elke Kahr mit den Stimmen von KPÖ, Grünen und SPÖ zur Bürgermeisterin gewählt. Vizebürgermeisterin wurde die Grüne Judith Schwentner. Elke Kahr regiert in einer Koalition mit Grünen (17 Prozent) und SPÖ (9,5 Prozent).

Sieben Wochen zuvor hatten 29 Prozent der wählenden Bürgerinnen und Bürger der KPÖ ihre Stimme gegeben und die jahrelang regierenden ÖVP (Österreichische Volkspartei) mit 26 Prozent der Stimmen auf den zweiten Platz verwiesen. Überraschung allerorten, auch bei KPÖ und Kahr selbst: Einen „sanften Zugewinn“, ja das hat man sich vorstellen können, aber nicht diesen „massiven Zuspruch“.

Der FPÖ, der Freiheitliche Partei Österreichs, die mit dem bisherigen ÖVP-Bürgermeister die Regierungskoalition gebildet hatte, entzogen große Teile der Bevölkerung das Vertrauen. Nur mehr elf Prozent (zuvor 16) gaben ihr eine Stimme. Die Neos (Das Neue Österreich und Liberale Forum) erhielten fünf Prozent, die restlichen neun Parteien erhielten zusammen 2,5 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 54 Prozent.

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