Der Erste Weltkrieg, unter dem die Wirtschaft der Schweiz erheblich gelitten hatte, war vorbei, ein Aufschwung folgte, doch schon 1927, noch ehe es wieder abwärts ging, musste das Züricher Bankhaus von Lazar Felix Pinkus Bankrott anmelden. Im gleichen Jahr übersiedelte sein Sohn Theodor nach Berlin, um sich bei Ernst Rowohlt zum Buchhändler ausbilden zu lassen.
Lazar Pinkus hatte sich zeitweise dem Zionismus verbunden gefühlt, Theo Pinkus war zum Sozialisten geworden, trat dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und später der KPD bei. 1933 hat er, als Jude und Kommunist doppelt gefährdet, das Land wieder verlassen, doch die Freundschaft mit dem ein Jahr älteren Sozialdemokraten Robert Dewey, den er in Berlin kennengelernt hatte, hielt bis ans Lebensende.
In seine Heimatstadt zurückgekehrt, machte Pinkus sich als Buchhändler selbständig, sein Geschäft wurde mit der Zeit zum wichtigsten Antiquariat deutschsprachiger linker Literatur. Robert Dewey blieb in Deutschland, wechselte zur KPD, leitete schließlich den Berliner Unterbezirk Steglitz-Zehlendorf, wurde aber verhaftet und 1938 zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er konnte die Haft überleben, wurde später, zu DDR-Zeiten, Verwaltungsdirektor der Akademie der Wissenschaften.
In den siebziger Jahren war ich mit den beiden jüngeren Kindern Robert Deweys in engeren Kontakt gekommen; 1985 war es wohl, da übermittelten sie mir eine Einladung in die Wohnung ihrer Eltern draußen in Schöneweide, nahe der Spree – am anderen Ufer sah man die Hallen, die Schornsteine von Großbetrieben, die ein paar Jahre später stillgelegt wurden. Theo Pinkus, so hieß es, wolle mich sprechen, es gehe um irgendwelche Übersetzungen.
Dem Namen nach war mir Pinkus damals schon bekannt, doch wusste ich kaum mehr von ihm, als dass er Antiquar war. Vor seinem Ostberliner Zwischenhalt bei den Deweys war er gemeinsam mit seiner Frau Amalie vier Wochen durch China gereist; sie wirkte erschöpft, hatte auch, wie ich später erfuhr, eine schwere Operation hinter sich, Theo, immerhin schon Mitte Siebzig, war erstaunlich agil. Er gebe, so erklärte er mir, ein kleines Blatt heraus, den Zeitdienst, und wolle dort mit Beiträgen aus der russischen Presse über die Perestrojka informieren, den neuen Kurs der sowjetischen Politik. Mit ihm verband sich für viele noch einmal, oft zum letzten Mal, die Hoffnung auf eine Erneuerung des Sozialismus. Honorieren, so bemerkte er zuletzt, könne er meine Arbeit leider nicht – aber es sei für die Weltrevolution. Dabei lächelte er ironisch und zwinkerte mir zu.
Mir schien jedoch, dass er tief innen noch immer dieser Idee anhing, und das fand ich gut, sie war ja keine bloße Jugendillusion: Wenn Landesgrenzen für die Krisen der bürgerlichen Ordnung kein Hindernis sind, kann ihre revolutionäre Überwindung, die doch immer krisenhafte Situationen voraussetzt, ebenso international verlaufen. Hatte Pinkus nicht auch einmal einen Band Dokumente der Weltrevolution herausgegeben? Hatte ich diesen dicken Band nicht sogar in der Hand gehabt? Ich recherchierte im Internet und merkte bald: Ich hatte da etwas verwechselt – bei der Büchergilde Gutenberg war gegen Ende der sechziger Jahre eine Reihe dieses Namens erschienen, Herausgeber war jedoch der holländische Sozialist Frits Kool. Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur lautete einer der Titel, Die Linke gegen die Parteiherrschaft ein anderer. Vielleicht dachte Pinkus nicht ganz so radikal, aber jene Parteigläubigkeit, Parteihörigkeit, die viele Sozialisten seiner Generatio n nie hatten ablegen können, war seine Sache nicht: In der Schweiz wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, da er angeblich nicht weit genug links stand, den Sozialdemokraten hingegen stand er zu weit links, wieder wurde er ausgeschlossen. Parteien, so hat er einmal geäußert, seien wie Straßenbahnen. Man komme mit ihnen gut voran, doch das letzte Stück Weges müsse man nun einmal laufen. Vielleicht habe ich den Satz in der Ende der achtziger Jahre erschienenen Biographie Theo und Amalie Pinkus-de Sassi. Leben im Widerspruch gelesen.
Es war im übrigen nicht leicht, für den Zeitdienst Texte zu finden, die Substanz hatten. Übersetzt habe ich unter anderem einen Beitrag über den Entwurf eines Betriebsverfassungsgesetzes, ein Interview über die Mängel im sowjetischen Gesundheitswesen und eine kritische Betrachtung der damaligen staatlichen Geheimhaltungspraxis.
Im Juli 1987 erreichte mich eine Postkarte mit einer Graphik von Walter Crane: Ein Schriftband Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! umspannt den Erdball, den fünf Arbeiter umschreiten; sie verkörpern die Arbeiterklasse der fünf Kontinente. Über allen schwebt als weiblicher Genius die Freiheit. Crane (1845 – 1915) war der wichtigste Illustrator von Arts&Crafts, einer Kunstrichtung, die auch den Jugendstil beeinflusst hat, und er war Sozialist. Die Karte kam von Theo Pinkus; er werde, so schrieb er mir, Ende des Monats in der Hauptstadt (der DDR – Anm. d. Red.) sein. Angeredet hatte er mich mit Lieber Gen.; dass er, der seit mehr als einem halben Jahrhundert für eine bessere Ordnung stritt, mich, der ich vierzig Jahre jünger war als er, seinen Genossen nannte, empfand ich als höchst ehrenvoll.
Getroffen habe ich mich mit Pinkus im Foyer des Lindenhotels, Friedrichstraße, Ecke Unter den Linden. Als ich kam, war er noch im Gespräch mit der Witwe des im April jenes Jahres gestorbenen Philosophen Wolfgang Heise. Er kannte wohl manchen in der DDR, hatte Kontakt zu unangepassten Geistern, doch auch zu Größen der SED, die seine Kunden waren. Dann war ich an der Reihe: Er lobte meine Textauswahl, unser Hauptthema aber war die Reformpolitik in der Sowjetunion. Um dem Sozialismus eine Zukunft zu geben, war nach dem Hauptgrund der Missstände im Lande zu fragen. Ich sah diesen Hauptgrund im adminstrativen Verständnis der führenden Rolle der Partei, der auch Gorbatschow noch folgte: Die Partei gibt die Grundlinien der Politik vor. Pinkus meinte darauf, führend zu sein könne nur bedeuten, den sozialistischen Vorschlag in die Debatte einzubringen, entscheiden müsse das Volk. Später habe ich auf den Begriff der führenden Rolle völlig verzichtet. Dass ein alternativer Sozialismus sich, wenn es mit dem jetzigen System zu Ende ging, nicht würde durchsetzen können, hatte ich damals noch nicht bedacht, er wohl ebenso wenig.
Ein drittes und letztes Mal haben wir uns 1988 oder ‘89 gesehen; ich erfuhr, dass er den Zeitdienst eingestellt hatte, erhielt zu meiner Überraschung noch ein Honorar. Wir saßen zu viert oder fünft in seinem Hotelzimmer im Interhotel am Alexanderplatz, zu einem politischen Gespräch ist es nicht mehr gekommen.
Die Karte, die Theo Pinkus mir 1987 geschickt hatte, war von der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung verlegt worden. Dahinter stand eine der beiden Stiftungen, die das Ehepaar Pinkus 1971 gegründet hatte. Die andere diente dem Betrieb des Studienzentrums Salecina; gemeinsam mit vielen Helfern hatten sie einen jahrhundertealten Bauernhof entsprechend umgebaut. Im Frühjahr 1991 hatte ich mich dort zu einem Sommerkurs angemeldet, doch im Mai ist Theo Pinkus – drei Monate vor seinem 82. Geburtstag – ganz plötzlich gestorben, und so bin ich in Berlin geblieben. Vielleicht war es ein Fehler.
Robert Dewey hat der Tod seines Freundes schwer getroffen, nachts wanderte er schlaflos in der Wohnung umher. Amalie hat ihren Mann um mehrere Jahre überlebt. Die zwei Stiftungen gibt es noch, doch fehlten der Studienbibliothek Ende der neunziger Jahre die Mittel für einen geregelten Betrieb, den größten Teil der Bestände hat darauf die Züricher Stadtbibliothek übernommen. Salecina wird weiterhin als alternatives Zentrum genutzt, doch von Sozialismus ist wohl nicht mehr die Rede.
Erhard Weinholz, Hochschul-Ökonom, Dr. phil., geboren 1949 in Brandenburg an der Havel, lebt seit 1969 im Ostteil Berlins. 1982 verlor er aus politischen Gründen seinen Arbeitsplatz an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 2001 bis 2007 war er Redaktionsmitglied der historisch-literarischen Zeitschrift Horch und Guck.