Es waren persönliche Gründe, die mich 1993 kurz nach dem Studium und Engagement in der Guatemala-Solidaritätsbewegung nach Mexiko führten. Ein journalistischer Job für den Nachrichtenpool Lateinamerika (npla.de) erleichterte den Einstieg. Ohne es damals zu ahnen, bin ich geblieben – inzwischen mehr als 30 Jahre.
Am 1. Januar 1994, wenige Monate nach meiner Ankunft, traten zwei Ereignisse ein, die Mexiko stark verändern sollten. Der Freihandelsvertrag zwischen Mexiko, Kanada und den USA trat in Kraft. Und es war der Tag, an dem die indigen geprägte Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mit ihrem charismatischen weißen Sprecher Subcomandante Marcos scheinbar aus dem Nichts ihren Aufstand im südöstlichen Bundesstaat Chiapas begann. Ihre erfrischend ironischen Botschaften, die Comunicados, erregten weltweit Aufmerksamkeit und Sympathie.
Massendemonstrationen in Mexiko und internationale Proteste verhinderten, dass die Regierung unter Präsident Carlos Salinas de Gortari die Rebellion niederschlug. Nach wie vor haben die Zapatist:innen in ihrem Kerngebiet Einfluss. Es gelang aber nicht, eine landesweite zivile Massenbewegung zu organisieren. Zu zerstritten präsentierte sich die mexikanische Linke. Alle Warnungen und Mobilisierungsversuche der EZLN verhinderten nicht den Siegeszug von Neoliberalismus und Freihandel.
Die nationale Landwirtschaft ist zu großen Teilen zerstört oder wird von wenigen zumeist ausländischen Konzernen kontrolliert. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA ist enorm. Der Freihandelsvertrag NAFTA, heute TMEC, machte im Ursprungsland des Maises den Weg frei für Junk-Food, Diabetes und eine übergewichtige Bevölkerung.
Gleichzeitig sind jedoch die politischen Veränderungen im Land kaum denkbar ohne die Zapatist:innen. Ihr Auftritt stellte das bereits 65 Jahre bestehende Machtmonopol der Revolutionären Institutionellen Partei (PRI) infrage. Im Jahr 2000 verlor die PRI erstmals die Regierungsmacht. Allerdings an zwei aufeinander folgende konservative Regierungen, die den Privatisierungskurs fortführten und mit ihrem »Krieg« gegen die Drogenmafia eine Gewaltorgie auslösten.
Seit Ende 2018 ist mit der Morena-Partei eine progressive Kraft an der Regierung, die sich aber oft der Macht des Faktischen gegenübersieht. Andrés Manuel López Obrador, Präsident bis 2024, und die amtierende Präsidentin Claudia Sheinbaum haben gezeigt, dass eine umfassende Sozialpolitik möglich ist. Ebenso, dass der Staat in der Lage ist, große Projekte effizienter als die Privatwirtschaft durchzuführen. Doch eine grundsätzliche Kritik an kapitalistischen Strukturen übten sie nicht.
Mit Donald Trump als Nachbarn, der Lateinamerika offen als seinen Hinterhof ansieht, wäre dies momentan wohl auch illusorisch. Mit der zweiten Amtszeit von Trump schließt für Mexiko eine Periode ab, die 1994 begann. In gewisser Weise auch für mich als Beobachter, selbst wenn Mexiko erst einmal der Lebensmittelpunkt bleibt.
Es gibt noch eine andere Geschichte, die meine Jahre in Mexiko prägte. Neben der Tätigkeit als Journalist arbeitete ich auch als Übersetzer und Dolmetscher. Über die Lateinamerikazeitschrift ila erreichte mich 1995 oder 1996 die Anfrage eines PDS-Bundestagsabgeordneten, ob ich im Anschluss an eine Parlamentsreise privat für ihn bei politischen Terminen übersetzen könne. Der Abgeordnete hieß Winfried Wolf und das Treffen mit ihm war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Um die Jahreswende 1998/99 reisten wir für eine gemeinsame Reportage* mit der Bahn über den Isthmus von Tehuantepec vom Ölhafen Salina Cruz am Pazifik zum Ölhafen Coatzacoalcos am Atlantik. Es war einer der letzten Personentransporte auf der Strecke. Denn unter Präsident Ernesto Zedillo wurde die Bahn privatisiert und der Personenverkehr landesweit nahezu stillgelegt. Die Strecke über den Isthmus sollte für den Güterverkehr ausgebaut werden und vor allem den USA eine Alternative zum Panamakanal bieten.
Später gewann mich Winnie für eine gelegentliche Mitarbeit bei Lunapark21. Zuletzt traf ich ihn in Potsdam, wenige Monate vor seinem Tod.
Winnie war trotz Krankheit optimistisch, wollte sogar eine Mexikoreise nicht ausschließen.
Inzwischen ist der Ausbau des interozeanischen Korridors so gut wie fertig. Mit vielen der negativen Konsequenzen, die wir vor 27 Jahren skizzierten. Wenigstens wurde der Personenverkehr wieder aufgenommen. Wie gern wäre ich die Strecke noch einmal mit Winnie gereist.
*https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/103_4_Schmidt.pdf