Am 15. August 2025 haben die Taliban den vierten Jahrestag ihres Sieges über die US-Armee und ihrer Verbündeten gefeiert. Wie sieht die Lage am Hindukusch im vierten Jahr der Taliban-Herrschaft aus?
Die Frauen sind nach wie vor aus dem öffentlichen Leben verbannt. Durch das sog. Tugendgesetz (Erlass) ist fast alles verboten, was das Leben einer Frau lebenswert macht. Um die drastischen Maßnahmen gegen Frauen flächendeckend kontrollieren zu können, wurden 3300 Inspekteure (Schläger) eingestellt, berichtete kürzlich die UN-Mission für Afghanistan. Männer hingegen müssen Bärte sowie einen Hut oder Turban tragen. Schüler und Studenten haben nach den Vorstellungen der Taliban eine islamisch kompatible Uniform zu tragen. Anzüge und Krawatten gelten als unislamisch. Selbst ein Denksport wie Schach gilt als unislamisch und ist verboten worden. Es gibt im Lande Millionen Witwen, die alleinige Ernährerinnen ihrer Familien sind.
Im heißen Sommer von Kabul müssen manche Haushalte bis zu 30 Prozent ihres Einkommens für Wasser ausgeben. Fast die Hälfte der afghanischen Bevölkerung (22 Millionen) ist nach UN-Angaben auf humanitäre Hilfe angewiesen. Außerdem sind bis zu 15 Millionen Menschen akut von der medizinischen Versorgung ausgeschlossen. Das Talibanregime ist nicht in der Lage, sich um die Millionen Rauschgiftsüchtigen zu kümmern. Es hat lediglich 115.000 Menschen von der Straße geholt und in einem ehemaligen US-Stützpunkt eingesperrt – Camp Phoenix, wie die als Klinik deklarierte, aber eher einer Haftanstalt ähnlichen Einrichtung im Volksmund genannt wird. Afghanistan hat weltweit die meisten Süchtigen. Nach einer Studie von The Lancet aus dem Jahr 2024 konsumieren in den Städten sieben Prozent der Männer und drei Prozent der Frauen Drogen.
Pakistan, Iran und die Türkei haben inzwischen mehrere Millionen afghanische Migranten ausgewiesen. Das Talibanregime verspricht diesen Menschen Land und Unterkunft, aber in der Realität ist, wer keine Angehörigen hat, vogelfrei und somit auf internationale Hilfe angewiesen. Das Regime macht aus den Ausweisungen sogar Werbung für sich. Der Leiter des Büros des Ministerpräsidenten, Sakerullah Saker, brüstete sich damit, dass diese Arbeitsmigranten freiwillig nach Afghanistan zurückgekehrt seien. »Afghanistan ist das gemeinsame Haus aller Afghanen und jeder Afghane hat das Recht respektvoll und in Sicherheit dort zu leben,« berichteten afghanische Medien Anfang Februar 2025.
Außenpolitisch hat das Talibanregime inzwischen regional an Akzeptanz gewonnen. Im Juli 2024 hat der russische Präsident Wladimir Putin es als »Verbündete im Kampf gegen den Terrorismus« bezeichnet. Nach einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur TASS hat das Oberste Gericht der Russischen Föderation die Taliban von der Terrorliste gestrichen. Das verkündete der Richter Oleg Nefjodow am 17. April 2025. Die arabischen Scheichtümer, die mittelasiatischen Republiken, Pakistan, Iran, Indien, die Türkei, VR China, Russland und sogar Japan sind in Kabul auf Botschafterebene vertreten. Die diplomatische Isolation seitens der westlichen Staaten hat den Menschen in Afghanistan im Prinzip gar nichts gebracht. Eher hat sie das Gegenteil bewirkt und spielt den Hardlinern um den Talibanchef Hibatullah Achundzada und seinem Obersten Richter Abdul Hakim Haqqani in die Hände, die sich auf die westliche Feindseligkeit berufen und immer weitere drastische Maßnahmen vor allem gegen die Frauen verkünden. Der Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), Karim Khan, hat am 23. Januar 2025 gegen diese Talibanfunktionäre einen Haftbefehl beantragt, und das Gericht am 13. Juli 2025 einen Haftbefehl gegen sie erlassen. Dies alles bleibt jedoch für die Afghanen folgenlos. Der Führer Hibatullah Achundzada tritt nie öffentlich auf und verlässt auf keinen Fall seine Unterkunft in Kandahār. Seine Reden werden ohne Bild ausgestrahlt. Deswegen munkeln die Afghanen, ob es ihn überhaupt gebe oder ob er eher ein Phantom sei.
Afghanistan oder Talibanistan?
»Ob die internationale Gemeinschaft unsere Regierung anerkennt oder nicht, hat für uns keine Bedeutung«, bemerkte selbstbewusst der amtierende Innenminister des Taliban-Regimes, Serajuddin Haqqani, im Juli 2023 (Afghanistan International TV).
Wenn jetzt auf internationaler Ebene der Ruf laut erschallt, den Druck auf das Regime am Hindukusch zu erhöhen, »geht das in die falsche Richtung. Das Gegenteil ist richtig,« stellte Alexander Haneke in seinem Beitrag Druck ist zwecklos in der FAZ vom 24. August 2024 fest. Die Aussage von Haqqani und der Tugenderlass zeigen in aller Deutlichkeit, wie wenig Ächtung und Sanktionen bei den Taliban bewirken. »Druck mag dem Ausland das wohlige Gefühl geben, ›dem Bösen‹ mutig entgegenzutreten. Bei den Taliban erzeugt das jedoch allenfalls Trotz. Und den Frauen Afghanistans ist kein bisschen geholfen. Denn sie leiden am meisten unter wirtschaftlicher Misere und internationaler Isolation,« so Haneke weiter.
»Beide Füße in einen Stiefel passen nicht«, besagt ein afghanisches Sprichwort. Genau das aber haben die westlichen Staaten versucht. Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Taliban-Regime in absehbarer Zeit, eine afghanische Realität bleiben wird. Als der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer darauf angesprochen wurde, warum er so viele Angehörige des ehemaligen faschistischen Staates in seiner Regierung aufgenommen habe, bemerkte er: »Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat«. Uns Afghanen geht es genauso.
Die einzige militante Organisation, die dem Regime etwas Ärger bereitet, ist der Islamische Staat Khorasan (ISKH), deren Zahl von der UNO auf 2000 bis 3500 geschätzt wird. Sie terrorisieren die schiitische Minderheit der Hasara und töten ab und zu Taliban-Funktionäre. Aber eine ernstzunehmende Gefahr sind sie nicht. Auch das jährliche Treffen der alten Räuberbanden [1] und von Überresten des Karzei- und Ghani-Regimes, die sich auf seltsam wirkende Einladung einiger österreichischen Sozialdemokraten in Wien, um den selbst ernannten Führer des nationalen Widerstands unter der Führung von Ahmad Masud versammeln, ist nichts außer einem Palaver und endet mit Selbstlob. Die Journalistin Friederike Böge warnte in ihrem Beitrag Sprecht mit den Taliban in der FAZ vom 15. August 2024: »Langfristig führt kein Weg an den Taliban vorbei, wenn man nicht zusehen will, wie das Land abermals verelendet und zum Rückzugsort für Terrorgruppen wird.« Auch die USA haben inzwischen den Ernst der Lage erkannt und arbeiten bei der Terrorbekämpfung und bei der Zurückdrängung der Rauschgiftproduktion mit dem Taliban-Regime zusammen.
Die afghanische Diaspora und die internationalen Kritikerinnen und Kritiker des Talibanregimes bleiben immer noch eine seriöse Antwort schuldig, wie sich die Lage von Mädchen und Frauen verbessern könnte, ohne mit den Herrschern am Hindukusch zu sprechen. Um doch noch irgendwie Einfluss zu nehmen, wird nichts anderes übrig bleiben, als tatsächlich neue Gesprächskanäle aufzubauen. Der SPD-Politiker und Vorsitzende des Afghanistan-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Ralf Stegner, empfahl gegenüber dem Tagesspiegel vom 16. August 2024 eine moderate Kurskorrektur der deutschen Afghanistanpolitik. Niemand verlange, »dass wir der Taliban-Regierung einen roten Teppich ausrollen und Diplomaten nach Afghanistan schicken«, zitiert ihn Kristian Stemmler in der jungen Welt vom 17./18. August 2025. Ratsam wären jedoch bessere Kontakte nach Kabul, »wenn wir für die Menschen dort etwas erreichen wollen«, heißt es dort weiter. Irgendwann muss auch die Bundesregierung auf die Taliban zugehen. »Botschafter tauscht man nicht nur mit Freunden aus – und Deutschland hat in Afghanistan klare Interessen: Denn die Taliban konnten dem Land, Repression hin oder her, immerhin Stabilität bringen«, wie Alexander Haneke im Beitrag Mit den Taliban in der FAZ vom 15. Februar 2025 betont. Die Russische Föderation hat als erster Staat der Welt am 4. Juli 2025 die Regierung der Taliban offiziell anerkannt und ihre Botschafter in Moskau akkreditiert.[2]
Wer sich weigert mit den Taliban zu sprechen, hat überhaupt keinen Einfluss auf das, was in dem Land passiert. Ich spreche bewusst nicht von den gemäßigten Taliban, die es kaum gibt. Aber es gibt realistische Kräfte auf der Führungsebene, die man u.a. mit einer projektgebundenen Entwicklungshilfe für Gespräche und Zusammenarbeit gewinnen könnte. Deren Einfluss zu stärken, ist ein wichtiger Schachzug und könnte die Kräfteverhältnisse innerhalb der Taliban verändern. Dies wäre sowohl national als auch international von großer Bedeutung.
Programmierte Katastrophe
In einer Pressemitteilung vom Dezember 2025 warnte das Welternährungsprogramm (WFP), dass sie erstmals seit Jahrzehnten finanziell nicht in der Lage sind, in Afghanistan eine umfassende Winterhilfe zu starten.[3] Konkret hieß es: »Mehr als 17 Millionen Menschen in Afghanistan sind in diesem Winter von akutem Hunger betroffen, Ausmaß und Schwere von Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung nehmen weiter zu, warnt das UN-Welternährungsprogramm (WFP). Die neuesten Zahlen zur Ernährungssicherheit aus der aktuellen Integrated Food Security Phase Classification (IPC) für Afghanistan zeigen, dass drei Millionen mehr Frauen, Männer und Kinder von akuter Ernährungsunsicherheit oder Schlimmerem (IPC-Stufe 3+) [4] betroffen sind – im Vergleich zu 14,8 Millionen im Vorjahr.«
Und weiter: »Auch die Unterernährung bei Kindern wird voraussichtlich steigen und im kommenden Jahr fast vier Millionen Kinder betreffen. Bereits jetzt liegt die Kinderunterernährung auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten. Gleichzeitig führen beispiellose Kürzungen bei der Finanzierung von Organisationen, die lebenswichtige Dienste bereitstellen, dazu, dass der Zugang zu Behandlung immer seltener wird.
Unbehandelte Mangelernährung ist für Kinder lebensbedrohlich, und die Zahl der Todesfälle dürfte in den harten Wintermonaten, wenn Nahrungsmittel am knappsten sind, weiter steigen. Alle Indikatoren deuten auf eine brutale Wintersaison für die verletzlichsten Familien Afghanistans hin.«
John Aylieff, WFP-Länderdirektor in Afghanistan wird mit folgenden Wortten zitiert: »WFP warnt seit Monaten vor den klaren Anzeichen einer sich verschärfenden humanitären Krise in Afghanistan, und die neuesten Daten bestätigen unsere schlimmsten Befürchtungen. Unsere Teams sehen Familien, die tagelang Mahlzeiten auslassen und zu extremen Überlebensmaßnahmen greifen. Die Zahl der Kinder, die sterben, steigt – und sie könnte in den kommenden Monaten noch weiter zunehmen.«
Das WFP beschreibt eine Überlagerung mehrer Krisen: »Eine Dürre hat die Hälfte des Landes betroffen und Ernten zerstört. Arbeitsplatzverluste und eine geschwächte Wirtschaft haben Einkommen und Lebensgrundlagen ausgehöhlt. Jüngste Erdbeben haben Familien obdachlos gemacht und die humanitären Bedürfnisse auf ein neues Extremniveau gehoben.«
Auch wenn der Winter erst einmal vorbei ist, ist keine echte Entspannung zu erwarten. Das WFP warnte schon im Dezember: »Zwangsrückführungen aus Pakistan und Iran verschärfen die Lage zusätzlich: Im Jahr 2025 wurden 2,5 Millionen Afghaninnen und Afghanen zurückgeschickt – viele von ihnen unterernährt und mittellos. Fast ebenso viele werden bis 2026 erwartet.
Während sich die Krise zuspitzt, schrumpft die humanitäre Hilfe für Afghanistan. Millionen Menschen bleiben ohne Unterstützung, die bislang schwere Hunger- und Mangelernährung eingedämmt hat.
›Wir müssen die Krise in Afghanistan wieder in die Schlagzeilen bringen, um den verletzlichsten Menschen die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdienen‹, fügte Aylieff hinzu. ›Wir müssen an der Seite der Menschen in Afghanistan stehen, die auf lebenswichtige Hilfe angewiesen sind, und bewährte Lösungen einsetzen, um eine Erholung mit Hoffnung, Würde und Perspektiven zu ermöglichen.‹«
Dr. Matin Baraki lehrte Internationale Politik an den Universitäten Gießen, Kassel, Fulda, Münster am Institut für Politische Wissenschaften, am Centrum für Nah-und Mittelost-Studien (CNMS) und am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Er ist auch Mitglied des Zentrums für Konfliktforschung an der Universität Marburg und Autor des Buches: Afghanistan: Revolution, Intervention, 40 Jahre Krieg, Köln 2023.
Anmerkungen
1 Nach Recherchen des BBC-Journalisten Sir Kakar haben allein zehn Personen aus dem engsten Dunstkreis von Karzei und Ghani hunderte Millionen Dollar geraubt und in den arabischen Scheichtümern u.a. in Dubai in Immobilien investiert. Vgl. Afghanistan International-TV, 22.5.2024 und Facebookseite von Matin Baraki. Karzei plädierte öffentlich für einen solchen Diebstahl, nur sie sollen doch bitte das Geld im Lande investieren. Siehe ach dazu Facebookseite von Matin Baraki.
2 Viele Taliban-Botschafter sind nicht schreibkundig. Statt einer Unterschrift leisten sie einen Fingerabdruck.
3 Pressemitteilung des WFP vom 16. Dezember 2025 online unter https://de.wfp.org/pressemitteilungen/neuer-report-hungerkrise-afghanistan-verschaerft-sich-mit-wintereinbruch
4 IPC, also Integrated Food Security Phase Classification, steht für ein internationales Bewertungmaß für Ernährungs(un-)sicherheit und damit für die Bewertung von Hungerkrisen. Stufe 3 gilt als Krise mit »moderater« chronischer Ernährungsunsicherheit. Das + bei Stufe 3 zeigt an, dass Afghanistan auf dem Weg zur nächsten Stufe ist, also Stufe 4 = Notfall.
