Ukrainisch

Erfahrungen aus dem Fernunterricht

Als der Krieg begann, wurde mir klar, wie wenig ich über die Ukraine wusste.

Im Februar 2022 schien es nur eine Frage von Tagen bis zur vollständigen Besetzung des Landes und der Ermordung seines Präsidenten und der Regierungsmitglieder zu sein. Doch während Fernsehreporter, auf der Flucht aus dem Osten des Landes, berichteten und an den Grenzübergängen nach Westen chaotische Zustände herrschten, geriet der russische Vormarsch ins Stocken.

Bald trafen erste Flüchtlinge auch in der Nähe meines Wohnortes ein, und wie schon im Jahr zuvor, nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, wurden in den größtenteils verlassenen Erkelenzer Tagebaudörfern leerstehende Häuser für ihre Unterbringung hergerichtet.

Ich wollte mehr über die Ukraine erfahren. Und ich nahm mir vor, die ukrainische Sprache zu erlernen.

Im Internet fand ich Sprachübungen, ich besorgte mir ein Lehrbuch. Die Volkshochschule bot keine Kurse an, und so nahm ich im Sommer 2024 Kontakt zu einer Sprachschule auf, um im Fernunterricht zu lernen. Ich entschied mich für einen Kurs am Samstag, und pünktlich um 11.30 Uhr blickten vier Fernschüler in das freundliche Gesicht eines vollbärtigen, vielleicht 40 Jahre alten Mannes, der uns mit »Привіт« (privjit) begrüßte, auf Deutsch: »Hallo«, und das Du als Anrede vorschlug. Er sprach in einwandfreiem Deutsch mit leichtem Akzent. Meine Mitschüler, drei junge Männer, hatten ukrainische Partnerinnen und hielten Kontakt zu deren Angehörigen in der Ukraine, während ich nur aus Sympathie und Interesse für die Ukraine teilnahm.

Unser Lehrer hieß Mychajlo, und seine gestenreichen und oft witzigen Erläuterungen landestypischer Eigenarten ließen einen vergessen, dass sein Wohnort kaum mehr als 50 bis 60 Kilometer von der Front entfernt lag. Er erklärte uns, dass Russisch lange geltende Amtssprache gewesen war, weshalb seine persönlichen Dokumente auf Russisch abgefasst seien, ein Überbleibsel, wie er hinzufügte, aus der Zeit, »als die Russen noch unsere Freunde waren«. Damit endete sein Kommentar zum Krieg, und ich kann mich nicht erinnern, dass er sich sonst jemals über seine Situation beklagt hätte.

Заклинання 
buchstabieren

In der ersten Doppelstunde beschäftigten wir uns mit dem ukrainischen Alphabet, mit Konsonanten und Vokalen. Wir verabschiedeten uns bis zum nächsten Mal, doch schon am Morgen des zweiten Samstags erhielten wir eine E-Mail, in der Mychajlo uns mitteilte, dass er an diesem Tag alle Stunden absagen müsse, da nach dem Beschuss der Stadt kein Strom und kein Internet verfügbar seien. Um uns zu informieren, war er in einen Nachbarort gefahren, wo er das mobile Internet nutzen konnte. Die nächste Doppelstunde fand dann wieder statt. Wir lernten Begrüßungen und kurze Dialoge.

Mychajlo legte Wert darauf, uns nicht nur mit den Druckbuchstaben, sondern auch mit der ukrainischen Schreibschrift vertraut zu machen, die wir ab der dritten Doppelstunde übten. Mich erinnerte das ein wenig an die deutsche Sütterlinschrift, und wir taten uns alle schwer, Texte in dieser neuerlichen Variation eines ohnehin fremden Alphabets abzuschreiben.

Eigentlich sollte uns die Schreibschrift befähigen, Audioübungen und Lösungstexte schneller zu notieren. Aber ich gestehe, dass ich in der kurzen vorgegebenen Zeit nur eine kaum leserliche, teils mit lateinischen Buchstaben vermischte Druckschrift zustande brachte, die mich anschließend beim Vorlesen vor Probleme stellte.

Es folgte ein erneuter Unterrichtsausfall. Per WhatsApp teilte Mychajlo uns mit, dass seine Schwester und ihr Mann zu Besuch gekommen waren, dass dieser am Vortag von Soldaten und Polizei gefangen genommen worden war und sie die ganze Nacht bei ihm verbracht hatten.

Die folgenden Unterrichtseinheiten konnten, bis auf einen Samstag im Oktober, an dem nach Drohnenangriffen die Stromversorgung zusammengebrochen war, ohne Ausfälle stattfinden. Wir kamen zügig voran. Unser Lehrer hatte Freude daran, uns nicht nur die Sprache seines Landes, sondern auch kulturelle Eigenheiten zu vermitteln. Etwa, dass Borschtsch eigentlich nicht lecker aussehen kann, wenn er gut schmecken soll. Gelegentlich benannte er sprachliche regionale Unterschiede – »das sagt man in der Westukraine« Unterhaltsam waren seine Erklärungen zu missverständlichen Formulierungen, von deren unbedachter Anwendung er uns mit spitzbübischem Lächeln abriet. Etwa bei der Verabschiedung: »Wenn jemand до побачення (auf Wiedersehen) zu seiner Ehefrau sagt, dann braucht er eigentlich auch gar nicht wieder zu kommen« Manchmal schien es ihn kaum auf dem Stuhl zu halten, wenn er seine lebhaften Au sführungen mit ausholenden Armbewegungen unterstrich. Dann aber setzte er ruhig den Unterricht fort.

все нормально 
alles normal

An einem Freitag, Ende November, erhielten wir von Mychajlo eine WhatsApp-Nachricht aus dem Krankenhaus. Er war mit dem Auto unterwegs gewesen, als durch russischen Beschuss die Ampelanlagen ausfielen und ein entgegen kommender Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Beim Zusammenprall erlitt Mychajlo eine Kopfverletzung. Der Unterricht am folgenden Tag müsse ausfallen. In ein paar Tagen werde er das Krankenhaus verlassen können, allerdings in den nächsten Wochen ohne Kamera arbeiten. Am Samstag der folgenden Woche sahen wir Mychajlo dennoch wieder, er hatte die Kapuze seines Hoodies über den Kopf gezogen.

Wir Schüler tauschten uns in der WhatsApp-Gruppe aus, etwa wenn jemand sich für das nächste Mal entschuldigte, was meist von allen freundlich kommentiert wurde. Auch Fragen zu verpassten Übungen und Hausaufgaben wurden in der Gruppe geklärt. Da Ende November der Ab-schluss des ersten Kurses und die Weihnachtszeit bevorstand, fragten wir Mychajlo, ob er einen Wunsch habe. Er antwortete, dass er alles habe in der Ukraine.

Auf meine Nachricht, über ihn als in der Ukraine lebenden Sprachlehrer und seinen Unterricht einen Artikel zu schreiben, teilte Mychajlo mir im Dezember mit, welch großes Problem für ihn die Kontrollen durch Polizei und Militär seien. Ohne Arbeitspapiere könne es sein, dass er gewaltsam von der Straße geholt werde und sich zwei, drei Tage später bereits im Krieg befinde. Viele Männer säßen einfach zu Hause oder arbeiteten online. »Mein Leben besteht darin, dass ich am Computer arbeite. Manchmal gehe ich abends in den Supermarkt, um Lebensmittel einzukaufen. Ich kann sonst nirgendwo hingehen oder ausgehen, um Spaß zu haben. Derzeit sind die demokratischen Freiheiten in der Ukraine, insbesondere für Männer, sehr eingeschränkt.«

Es kam auch im neuen Jahr zu mehreren Unterrichtsausfällen. In der ersten Februarwoche wurde Mychajlo um fünf Uhr morgens auf dem Weg zum Supermarkt von Soldaten festgenommen, zum territorialen Sammelzentrum gebracht und anschließend vor der Ärztekammer untersucht. Da ihm und weiteren dort festgehaltenen Männern alle Dokumente und Smartphones abgenommen worden waren, konnte er zwei Tage lang zu niemandem Kontakt aufnehmen. Es wurde festgestellt, dass er für den Militärdienst nur bedingt geeignet ist, und so durfte er wieder nach Hause gehen.

Побачимось!

Reinhard Noffke berichtete in Lunapark21 über Landschaftszerstörung durch Kohletagebaue und weitere Umweltprobleme. Mit dem Abschluss des zweiten Ukrainisch-Sprachkurses Ende März musste er seine Teilnahme aufgrund anderer Verpflichtungen beenden.

Am Arsch vorbei

Der Umgang mit Trinkwasser ist weder verantwortungsvoll noch nachhaltig

In kaum einem anderen Bereich des täglichen Lebens kommt die Geringschätzung elementarer Lebensgrundlagen deutlicher zum Ausdruck als bei der Entsorgung unserer Fäkalien mit Hilfe des wichtigsten uns zur Verfügung stehenden Lebensmittels – dem Trinkwasser.

Die bis heute gebräuchliche Verwendung sauberen Trinkwassers für alle häuslichen Anwendungen inklusive der Toilettenspülung hat ihren Ur-
sprung in der seit Ende des 19. Jahr-hunderts üblichen Beschränkung auf nur ein Leitungssystem. Anders formuliert: Sie entstammt einer Zeit, in der auf den Straßen noch Pferdekutschen und Handkarren unterwegs waren und die Menschen im schwachen Licht von Petroleumlampen beieinandersaßen.

Laut einer Umfrage der Universität Göttingen im Jahre 2024 schätzten die Befragten den Anteil des für Essen und Trinken verwendeten Wassers mit 16 Prozent gleich hoch ein wie den Bedarf für die Toilettenspülung. Tatsächlich beträgt der Anteil des in deutschen Haushalten als Nahrungsmittel oder für die Nahrungszubereitung genutzten Wassers jedoch gerade einmal vier Prozent. Für die Toilettenspülung wird dagegen fast ein Drittel der Wassermenge verbraucht. Über 40 Prozent des täglichen Haushaltsbedarfs, zu dem auch die Wäschereinigung zählt, ließen sich mit Wasser abdecken, das nicht zuvor aufwendig zu Lebensmittelqualität aufbereitet worden ist.

In vielen Gebieten der Erde ist sauberes Trinkwasser nur begrenzt oder überhaupt nicht verfügbar. Während der zurückliegenden trockenen Jahre kam es auch in Europa zu Engpässen bei der Wasserversorgung, was häufiger zu Auseinandersetzungen führte. Insbesondere in der Landwirtschaft sieht man sich angesichts extremer Wetterlagen mit teils existenzbedrohenden Ertragseinbußen konfrontiert, obwohl weltweit immer größere landwirtschaftliche Flächen bewässert werden.

Von den in Deutschland im Jahre 2019 aus Grund- und Oberflächenwasser entnommenen 20 Milliarden Kubikmetern Wasser entfielen 44 Prozent auf die Energieversorger, knapp 27 Prozent auf Bergbau, ebenfalls 27 Prozent auf verarbeitendes Gewerbe und öffentliche Versorger und etwas mehr als zwei Prozent auf die Landwirtschaft.

Entnahmen

Die enormen Wassermengen zur Kühlung von Kraftwerken werden zwar Flüssen entnommen und wieder eingeleitet, was aber zu deren Erwärmung beiträgt. Große Industrieunternehmen nutzen Oberflächengewässer. Zur Absicherung des Förderbetriebs im Bergbau sind seit den 1950er Jahren, meist ohne jede nachfolgende Verwendung, enorme Grundwassermengen abgepumpt worden. Allein für die Braunkohletagebaue in Nordrhein-Westfalen wurden während der 1960er und 1970er Jahre jährlich zirka 1,2 Milliarden Kubikmeter Grundwasser in Flüsse entsorgt, und noch heute sind es 500 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Für die massive Schädigung der Grundwasserkörper musste Rheinbraun (heute RWE) jahrzehntelang nicht einen Cent bezahlen. Im niederschlagsarmen Osten der Republik sind die Zahlen für den dortigen Tagebau nahezu gleich, mit jedoch noch extremeren Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der tatsächliche Verbrauch insbesondere für Industrie und Landwirtschaft höher ist als offiziell angegeben. Umweltgruppen und Journalisten konnten in den vergangenen Jahren aufdecken, dass Landwirte häufig ein Vielfaches der ihnen zugestandenen Wasserentnahme für ihre Felder abpumpten. Die daraufhin eingeschalteten regionalen Behörden schien dies nie sonderlich zu interessieren. Auch Industriebetriebe mit eigenen, leistungsfähigen Brunnenanlagen möchte man anscheinend nur ungern durch Kontrollen verärgern.

Nach dem vergangenen regenreichen Jahr überraschen uns nun Warnungen vor einer langfristig drohenden Wasserknappheit in Deutschland. Flutkatastrophen wie im Jahr 2021 vermitteln zunächst nicht den Eindruck, dass wir uns wegen eines Mangels an Wasser sorgen sollten. Tatsächlich aber widerspricht die Häufung von Hochwasserereignissen nicht dem schon heute nachweisbaren erheblichen Wasserverlust während der vergangenen 20 Jahre.

Denn mit der Klimaerwärmung nimmt nicht nur die Niederschlagsmenge, sondern auch die Verdunstung zu. Nach den Messungen des Deutschen Wetterdienstes verdunsten im jährlichen Mittel etwa 70 Prozent der Niederschlagsmenge, was durch die steigende Menge versiegelter Flächen noch begünstigt wird.

Große Probleme bereitet das bisherige Bestreben, Niederschläge schnellstmöglich durch Kanalsysteme abzuleiten und Flüsse nicht nur zu begradigen, sondern auch die für den Hochwasserschutz wichtigen Auenflächen für den Siedlungsbau oder für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Auf diese Weise können die Niederschläge nicht zu einer Grundwasserneubildung beitragen, sondern führen bei Starkregen zu noch extremeren Hochwasserereignissen.

Knappes Gut

Noch immer scheint eine Auffassung vorzuherrschen, die in Deutschland verfügbaren Wasserreserven seien nahezu unerschöpflich. Anders ist die vielerorts waltende Sorglosigkeit insbesondere bei der Vergabe von Entnahmerechten auf Jahrzehnte für Kohlebergbau, Industrie- und Mineralbrunnenanlagen nicht zu erklären. Entnahmeentgelte, sofern überhaupt erhoben, bewegen sich im Bereich weniger Cent pro Kubikmeter und stellen keinen Anreiz für Sparmaßnahmen dar. Die Zugeständnisse des ohnehin niederschlagsarmen Landes Brandenburg bei der Ansiedlung einer Teslafabrik haben traurige Berühmtheit erlangt. (Siehe auch den nachfolgenden Artikel „Verfehlte Hoffnungen – Drei Jahre Tesla in Grünheide“ auf Seite 59.)

Eine im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellte aktuelle Studie weist für Deutschland eine Reihe von Risikogebieten aus, in denen das Grundwasser während künftiger Trockenperioden knapp werden könnte. Angesichts jahrzehntelanger Tagebautätigkeit überrascht die Nennung der Lausitz kaum, doch auch in der ursprünglich wasserreichen Niederrheinischen Bucht werden sich die Langzeitfolgen des Braunkohletagebaus spürbar auswirken. Aufgeführt sind Regionen in der Nähe großer Ballungsräume wie Hannover, Frankfurt am Main oder Ludwigshafen und auch Berlin. Dort dürfte das bevorstehende Ende des Tagebaus wegen der dann ausbleibenden Grundwasserableitung in die Spree zu erheblichen Problemen führen, so dass schon der Bau einer Transportleitung für jährlich bis zu 60 Millionen Kubikmeter Wasser aus der Elbe erwogen wird.

Wegen der geringer werdenden Zuflüsse aus der Schneeschmelze und der Zunahme längerer Trockenphasen sind Konflikte mit den Anrainerstaaten absehbar. Auch in Tschechien steigt der Wasserbedarf, weshalb am dortigen Oberlauf der Elbe mehr Wasser in den Talsperren zurückgehalten wird.

Vieles deutet darauf hin, dass die Trinkwasserversorgung in Zukunft deutlich teurer werden wird. Schließlich ist der Mangel an sauberem Wasser nicht ausschließlich ein mengenmäßiges Problem. Wegen der zunehmenden Belastung sowohl der Oberflächengewässer als auch des Grundwassers durch Nitrat, Pestizide, Mikroplastik, Medikamente und Chemikalien werden die Versorgungsunternehmen zusätzliche Reinigungsmaßnahmen durchführen müssen. Die Nitratkonzentration auf landwirtschaftlichen Flächen wird noch dadurch erhöht, dass die Anbaupflanzen bei anhaltender Trockenheit nicht mehr in der Lage sind, die ausgebrachten Düngermengen aufzunehmen. Dass man die Situation in Deutschland durch den Import niederländischer Gülle verschärft, sei hier nur am Rande erwähnt.

Gesunkene Pegel

Die Beanspruchung der natürlichen Grundwasserspeicher durch zu hohe Entnahmen führt zunächst zu einem Absinken des Grundwasserspiegels, zu Bodensenkungen, Wasserverlust und Vegetationsschäden an der Oberfläche. In vielen Regionen Deutschlands haben sich die Grundwasserstände nach den trockenen Sommern 2018 bis 2022 trotz der folgenden beiden niederschlagsreichen Jahre noch nicht wieder erholt. Schließlich findet eine unterirdische Druckumkehr statt, da durch den nachlassenden Tiefendruck ein Herabströmen verunreinigten Oberflächenwassers hervorgerufen wird, so dass ganze Grundwasserkörper verunreinigt werden. Für die Sicherung unserer Trinkwasserversorgung hinsichtlich Menge und Qualität ist es daher entscheidend, die Grundwasserentnahmen auf das absolut notwendige Maß zu reduzieren.

Viele Anwendungen in Industrie und Landwirtschaft, aber auch in den privaten Haushalten erfordern nicht hochwertiges Grundwasser. Womit wir wieder bei der Toilettenspülung angekommen sind.

In der Städteplanung hat mit dem Konzept der sogenannten Schwammstadt bereits ein Umdenken eingesetzt. Ein möglichst großer Anteil des Niederschlagswassers soll nicht sofort abgeleitet, sondern vor Ort genutzt oder für die Grundwasserbildung versickert werden. Auch bei der Regenwassernutzung in Gebäuden wird durch die Speicherung der von den Dachflächen abfließenden Niederschläge zunächst eine Verringerung der Abflussspitzen bewirkt. In Neubaugebieten kann bei entsprechender Vorplanung daher mit geringeren Kanalquerschnitten gearbeitet werden. Zusätzlich möglich ist der Einsatz von Retentionstanks, die ihren gespeicherten Inhalt ganz oder teilweise zeitverzögert in das Kanalnetz abgeben.

Das bestenfalls unterirdisch gespeicherte Regenwasser hat bei fachgerechter Installation etwa Badegewässerqualität, ist weich, und damit nicht nur für die Toilettenspülung, sondern auch ideal für den Betrieb der Waschmaschine oder zum Putzen verwendbar. Wodurch sich, wie eingangs ausgeführt, in der Regel über 40 Prozent des Trinkwassers einsparen ließen.

70 Prozent der jährlich 5,5 Milliarden Kubikmeter für die öffentliche Trinkwasserversorgung werden aus Grund- und Quellwasser bestritten, und diese Menge macht 62 Prozent des gesamten Grundwasserbedarfs aus. Es ergibt sich daraus, dass bisher ein Viertel des in der Bundesrepublik geförderten, hochwertigen Grundwassers im WC, oder in der Waschmaschine landet.

In Mehrfamilienhäusern rechnen sich auch teurere Anlagen zur Grauwassernutzung, in denen Duschwasser aufgefangen und nach Filterung für WC und Waschmaschine bereitgestellt wird.

Infolge des Klimawandels registrieren die Versorgungsunternehmen in den Trinkwassernetzen schon heute bedenkliche Temperaturen von bis zu 25 Grad, so dass jede Verringerung der Verbrauchs- und Durchflussmengen neue Herausforderungen mit sich bringen wird.

Zur Verringerung einer weiteren Trinkwassererwärmung im Gebäude werden strengere Vorschriften für die Sanitärinstallation und zunehmend auch eine aktive Kühlung der Rohrleitungen notwendig sein. Die Abwasserkanäle benötigen einen ausreichenden Spülstrom. Künftig wird man wohl über eine Verringerung der Leitungsquerschnitte nachdenken müssen. Die anderenfalls erforderlichen hohen Wasserdurchleitungen und -verbräuche werteten kostbares Grundwasser zu einem Spülmedium herab, und diesen Luxus können wir uns nicht länger leisten.

Reinhard Noffke, Jahrgang 1964, wohnt im Süden Mönchengladbachs, nur wenige Kilometer vom Tagebau Garzweiler II entfernt. In einer Reihe von Artikeln für Lunapark21 hat er das Ausmaß der für den Kohleabbau betriebenen Umweltzerstörung beschrieben:

Warm halten

Gebäudeheizung und Energiepolitik in Deutschland

Seit 40 Jahren, beginnend mit einer Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur, bin ich in der Sanitär- und Heizungsbranche beschäftigt. Und ebenfalls 40 Jahre ist es her, so erzählte mir kürzlich ein schon über 70-jähriger Heizungsbauer, dass er eine Wärmepumpe montiert hat, die in Kombination mit einem vorhandenen Ölkessel jahrelang zuverlässig betrieben wurde.

Ich war einigermaßen überrascht. Im Gegensatz zur aktuellen Situation war nach meiner Erinnerung in der Zeit meiner Berufsausbildung von Wärmepumpen nicht die Rede, auch wenn es tatsächlich in den frühen achtziger Jahren einen kurzen Absatzboom gab. In meinem Fachbuch aus der Berufsschulzeit, Stand 1981, findet sich auf knapp anderthalb Seiten eine theoretische Erklärung der Wirkungsweise von Wärmepumpen, während die Funktion und Reparatur von Kohlebadeöfen auf drei Seiten beschrieben werden.

Stand der Haustechnik waren die bis 1984 noch zugelassenen Gasdurchlaufheizer ohne Abgasanschluss, die in der Regel zur Befüllung der Küchenspüle dienten und ihre Verbrennungsluft direkt in den Wohnraum abgaben. Weit verbreitet war auch die Nutzung der Heizungskeller als Trockenraum für die Wäsche, denn diese waren wegen der hohen Wärmeverluste der durchgehend mit hohen Vorlauftemperaturen gefahrenen Heizkessel oft die wärmsten Räume im Haus. Bis vor wenigen Jahren wurden direkt befeuerte Warmwasserspeicher vertrieben, deren ständig brennende Zündflamme und unzureichende 
Wärmeisolierung einen bis zu zehnfach höheren Bereitschaftswärmeverbrauch verursachten als bei indirekt durch die Heizungsanlage erwärmten Modellen.

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Tragik der Allmende

Gedanken eines Bewohners der Tagebauregion zum Wert unseres Grundwassers

Unter dem Begriff der Tragik der Allmende kennen wir die Problematik von uns allen kostenlos zur Verfügung stehenden Gütern: Da für ihre Nutzung kein (angemessener) Preis zu entrichten ist und eine Ausweitung des Verbrauchs zunächst nur der Allgemeinheit schadet, dem Einzelnen aber einen Vorteil bringt, fehlt der individuelle Anreiz für eine schonende und nachhaltige Bewirtschaftung.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass auch in Deutschland nicht mehr von einer grenzenlosen Verfügbarkeit an Trinkwasser ausgegangen werden kann. Zwar liegt der Wasserverbrauch der Privathaushalte momentan noch etwa zehn Prozent unter dem Wert von 1991, allerdings dürfte dies eher mit sparsameren Haushaltsgeräten und WC-Spülungen zu erklären sein als mit einer Änderung des Verbraucherverhaltens. Dagegen könnte der sich in den vergangenen Jahren abzeichnende neuerliche Anstieg ein Anzeichen für höhere Entnahmen sein, auch zur Gartenbewässerung.

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Immerath, RWE und das Sterben der Dörfer

Ein Rückblick auf Erlebnisse und Begegnungen am Tagebau

Als ich vor fünf Jahren am 
9. Januar während der Mittagspause den im Osten der Stadt Erkelenz gelegenen Ortsteil Immerath aufsuchte, drückte nach kaum mehr als einem Arbeitstag ein Bagger die Reste des zweiten Kirchturms ein.

Die mehreren Hundert Anwesenden in dem einst wunderschönen Ort werden die Bilder vom Abriss der alten Immerather Kirche im Januar 2018 sicherlich so wenig vergessen können wie ich. Mit vom Staub des in Rekordtempo zerstörten Kirchengebäudes bedeckten Schuhen fuhr ich zu meiner Arbeitsstelle zurück. Das Erlebnis sollte mich länger beschäftigen, als ich damals ahnte.

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Deutschlands beste Böden

Fortgesetzte Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen durch den rheinischen Braunkohle-Tagebau

Mit dem Auslaufen der Kohleförderung im rheinischen Tagebau steht die Renaturierung der zurückbleibenden gigantischen Gruben an. Der Groß-Betreiber RWE verspricht Agrarflächen und idyllische Seenlandschaften anzulegen. Doch die dazu nötigen Massen an Erde und Wasser übersteigen die Ressourcen. Der Region drohen langfristige Verwüstungen.

Im Westen Nordrhein-Westfalens liegt der Kreis Heinsberg, an dessen östlichem Rand das Gebiet der Stadt Erkelenz seit etwa zehn Jahren durch den in westliche Richtung vorrückenden Braunkohletagebau Garzweiler II abgetragen wird. Im Kreis Heinsberg betrug der Verlust an landwirtschaftlicher Fläche bis 2020 binnen fünf Jahren mehr als vier Prozent.

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16 Jahre Pillepalle –

die klimapolitische Bilanz einer Kanzlerschaft

Beunruhigt durch die anhaltenden Proteste junger Menschen und das enttäuschende Abschneiden der Union bei den Europawahlen im Mai 2019 mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Unions-Fraktionssitzung, es dürfe nun von der Regierung „kein Pillepalle mehr“ geben. Im Klimaschutz sei seit 2012 nichts mehr passiert.

Welch ernüchternde Bilanz angesichts ihrer Vita als Physikerin und Umweltministerin und der langen Zeit ihrer Kanzlerschaft. Stets hat Angela Merkel in der Frage der Klimaerwärmung einen engen Austausch mit Unternehmensvertreter: innen dem Rat der Klimaforscher vorgezogen. Nach vier Jahren als Bundesministerin für Frauen und Jugend im Kabinett Kohl wurde Angela Merkel im November 1994 Nachfolgerin des Bundesumweltministers Klaus Töpfer. Der hatte sich den Ruf eines engagierten Umweltpolitikers erworben, dessen Handeln nicht zuvorderst parteipolitisch geprägt, sondern an den drängenden Herausforderungen jener Zeit ausgerichtet war.

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It´s the water, stupid!

Der Braunkohle-Tagebau hinterlässt Löcher gewaltigen Ausmaßes – deren Renaturierung hat ihre Tücken

Wer hat nicht gern als Kind im Sandkasten oder am Strand gespielt und Hügel, Burgen und Wassergräben erschaffen? Ob Bergrutsch oder Dammbruch, im Sandkasten gibt es eigentlich kein Problem, das sich nicht mit Schaufel und Eimer, ein wenig herbeigeholtem Wasser und Kreativität beheben ließe.

In Deutschland finden sich drei derart große Sandkisten, dass man sie auf Google Maps schon in der Gesamtansicht der Bundesrepublik erkennen kann: die Braunkohlereviere im Rheinland, in Mitteldeutschland und in der Lausitz. In den vergangenen 70 Jahren ist in diesen Revieren eine Fläche von rund 1800 Quadratkilometern in einer Tiefe bis zu 400 Metern umgepflügt worden, und mehr als 100.000 Menschen mussten vor der Zerstörung ihrer Heimatorte umgesiedelt werden.

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Nachhaltig sind nur die Umweltschäden

300 Jahre Braunkohleabbau im Rheinland

„Zögert man die Entscheidungen so lange hinaus, bis sich die Probleme verschlimmert haben, so wird sich der Spielraum für wirkungsvolles Handeln drastisch verringern“, lautete das Resümee einer Studie zum Zustand der Erde, die der Präsident der Vereinigten Staaten in Auftrag gegeben hatte. Der Präsident hieß Jimmy Carter, und die Studie „Global 2000“ wurde ihm im Oktober 1980 vorgelegt. 35 Jahre später unterzeichneten in der Folge der Pariser Klimakonferenz mehr als 190 Staaten ein Maßnahmenpaket, das als Einstieg in eine weltweite Umweltpolitik verstanden werden kann. In diesem Jahr erleben wir seit der Ausbreitung des Corona-Virus, zu welch drastischen Maßnahmen die Politik bereit ist, wenn unmittelbare Gefahr droht.

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