Erfahrungen aus dem Fernunterricht
Als der Krieg begann, wurde mir klar, wie wenig ich über die Ukraine wusste.
Im Februar 2022 schien es nur eine Frage von Tagen bis zur vollständigen Besetzung des Landes und der Ermordung seines Präsidenten und der Regierungsmitglieder zu sein. Doch während Fernsehreporter, auf der Flucht aus dem Osten des Landes, berichteten und an den Grenzübergängen nach Westen chaotische Zustände herrschten, geriet der russische Vormarsch ins Stocken.
Bald trafen erste Flüchtlinge auch in der Nähe meines Wohnortes ein, und wie schon im Jahr zuvor, nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, wurden in den größtenteils verlassenen Erkelenzer Tagebaudörfern leerstehende Häuser für ihre Unterbringung hergerichtet.
Ich wollte mehr über die Ukraine erfahren. Und ich nahm mir vor, die ukrainische Sprache zu erlernen.
Im Internet fand ich Sprachübungen, ich besorgte mir ein Lehrbuch. Die Volkshochschule bot keine Kurse an, und so nahm ich im Sommer 2024 Kontakt zu einer Sprachschule auf, um im Fernunterricht zu lernen. Ich entschied mich für einen Kurs am Samstag, und pünktlich um 11.30 Uhr blickten vier Fernschüler in das freundliche Gesicht eines vollbärtigen, vielleicht 40 Jahre alten Mannes, der uns mit »Привіт« (privjit) begrüßte, auf Deutsch: »Hallo«, und das Du als Anrede vorschlug. Er sprach in einwandfreiem Deutsch mit leichtem Akzent. Meine Mitschüler, drei junge Männer, hatten ukrainische Partnerinnen und hielten Kontakt zu deren Angehörigen in der Ukraine, während ich nur aus Sympathie und Interesse für die Ukraine teilnahm.
Unser Lehrer hieß Mychajlo, und seine gestenreichen und oft witzigen Erläuterungen landestypischer Eigenarten ließen einen vergessen, dass sein Wohnort kaum mehr als 50 bis 60 Kilometer von der Front entfernt lag. Er erklärte uns, dass Russisch lange geltende Amtssprache gewesen war, weshalb seine persönlichen Dokumente auf Russisch abgefasst seien, ein Überbleibsel, wie er hinzufügte, aus der Zeit, »als die Russen noch unsere Freunde waren«. Damit endete sein Kommentar zum Krieg, und ich kann mich nicht erinnern, dass er sich sonst jemals über seine Situation beklagt hätte.
Заклинання buchstabieren
In der ersten Doppelstunde beschäftigten wir uns mit dem ukrainischen Alphabet, mit Konsonanten und Vokalen. Wir verabschiedeten uns bis zum nächsten Mal, doch schon am Morgen des zweiten Samstags erhielten wir eine E-Mail, in der Mychajlo uns mitteilte, dass er an diesem Tag alle Stunden absagen müsse, da nach dem Beschuss der Stadt kein Strom und kein Internet verfügbar seien. Um uns zu informieren, war er in einen Nachbarort gefahren, wo er das mobile Internet nutzen konnte. Die nächste Doppelstunde fand dann wieder statt. Wir lernten Begrüßungen und kurze Dialoge.
Mychajlo legte Wert darauf, uns nicht nur mit den Druckbuchstaben, sondern auch mit der ukrainischen Schreibschrift vertraut zu machen, die wir ab der dritten Doppelstunde übten. Mich erinnerte das ein wenig an die deutsche Sütterlinschrift, und wir taten uns alle schwer, Texte in dieser neuerlichen Variation eines ohnehin fremden Alphabets abzuschreiben.
Eigentlich sollte uns die Schreibschrift befähigen, Audioübungen und Lösungstexte schneller zu notieren. Aber ich gestehe, dass ich in der kurzen vorgegebenen Zeit nur eine kaum leserliche, teils mit lateinischen Buchstaben vermischte Druckschrift zustande brachte, die mich anschließend beim Vorlesen vor Probleme stellte.
Es folgte ein erneuter Unterrichtsausfall. Per WhatsApp teilte Mychajlo uns mit, dass seine Schwester und ihr Mann zu Besuch gekommen waren, dass dieser am Vortag von Soldaten und Polizei gefangen genommen worden war und sie die ganze Nacht bei ihm verbracht hatten.
Die folgenden Unterrichtseinheiten konnten, bis auf einen Samstag im Oktober, an dem nach Drohnenangriffen die Stromversorgung zusammengebrochen war, ohne Ausfälle stattfinden. Wir kamen zügig voran. Unser Lehrer hatte Freude daran, uns nicht nur die Sprache seines Landes, sondern auch kulturelle Eigenheiten zu vermitteln. Etwa, dass Borschtsch eigentlich nicht lecker aussehen kann, wenn er gut schmecken soll. Gelegentlich benannte er sprachliche regionale Unterschiede – »das sagt man in der Westukraine« Unterhaltsam waren seine Erklärungen zu missverständlichen Formulierungen, von deren unbedachter Anwendung er uns mit spitzbübischem Lächeln abriet. Etwa bei der Verabschiedung: »Wenn jemand до побачення (auf Wiedersehen) zu seiner Ehefrau sagt, dann braucht er eigentlich auch gar nicht wieder zu kommen« Manchmal schien es ihn kaum auf dem Stuhl zu halten, wenn er seine lebhaften Au sführungen mit ausholenden Armbewegungen unterstrich. Dann aber setzte er ruhig den Unterricht fort.
все нормально alles normal
An einem Freitag, Ende November, erhielten wir von Mychajlo eine WhatsApp-Nachricht aus dem Krankenhaus. Er war mit dem Auto unterwegs gewesen, als durch russischen Beschuss die Ampelanlagen ausfielen und ein entgegen kommender Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Beim Zusammenprall erlitt Mychajlo eine Kopfverletzung. Der Unterricht am folgenden Tag müsse ausfallen. In ein paar Tagen werde er das Krankenhaus verlassen können, allerdings in den nächsten Wochen ohne Kamera arbeiten. Am Samstag der folgenden Woche sahen wir Mychajlo dennoch wieder, er hatte die Kapuze seines Hoodies über den Kopf gezogen.
Wir Schüler tauschten uns in der WhatsApp-Gruppe aus, etwa wenn jemand sich für das nächste Mal entschuldigte, was meist von allen freundlich kommentiert wurde. Auch Fragen zu verpassten Übungen und Hausaufgaben wurden in der Gruppe geklärt. Da Ende November der Ab-schluss des ersten Kurses und die Weihnachtszeit bevorstand, fragten wir Mychajlo, ob er einen Wunsch habe. Er antwortete, dass er alles habe in der Ukraine.
Auf meine Nachricht, über ihn als in der Ukraine lebenden Sprachlehrer und seinen Unterricht einen Artikel zu schreiben, teilte Mychajlo mir im Dezember mit, welch großes Problem für ihn die Kontrollen durch Polizei und Militär seien. Ohne Arbeitspapiere könne es sein, dass er gewaltsam von der Straße geholt werde und sich zwei, drei Tage später bereits im Krieg befinde. Viele Männer säßen einfach zu Hause oder arbeiteten online. »Mein Leben besteht darin, dass ich am Computer arbeite. Manchmal gehe ich abends in den Supermarkt, um Lebensmittel einzukaufen. Ich kann sonst nirgendwo hingehen oder ausgehen, um Spaß zu haben. Derzeit sind die demokratischen Freiheiten in der Ukraine, insbesondere für Männer, sehr eingeschränkt.«
Es kam auch im neuen Jahr zu mehreren Unterrichtsausfällen. In der ersten Februarwoche wurde Mychajlo um fünf Uhr morgens auf dem Weg zum Supermarkt von Soldaten festgenommen, zum territorialen Sammelzentrum gebracht und anschließend vor der Ärztekammer untersucht. Da ihm und weiteren dort festgehaltenen Männern alle Dokumente und Smartphones abgenommen worden waren, konnte er zwei Tage lang zu niemandem Kontakt aufnehmen. Es wurde festgestellt, dass er für den Militärdienst nur bedingt geeignet ist, und so durfte er wieder nach Hause gehen.
Побачимось!
Reinhard Noffke berichtete in Lunapark21 über Landschaftszerstörung durch Kohletagebaue und weitere Umweltprobleme. Mit dem Abschluss des zweiten Ukrainisch-Sprachkurses Ende März musste er seine Teilnahme aufgrund anderer Verpflichtungen beenden.