Die agro-industrielle Reservearmee

Ein Ende der Ausbeutung von Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft setzt die Überwindung des institutionalisierten Rassismus und eine andere EU-Arbeitsmarktpolitik voraus

Migrantische Arbeit ist das Schmiermittel der Landwirtschaft im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Landwirtschaftliche Flächen können nun mal nicht ausgelagert werden. Insbesondere in Industrieländern wird der Bedarf nach billigen Arbeitskräften in der Landwirtschaft daher durch immer weiter ausgreifende Rekrutierungsketten von migrantischen Arbeitskräften gedeckt. So auch in der EU. Während die Arbeitskämpfe an den südlichen Rändern der EU, in Südspanien, Süditalien und Griechenland, in den letzten Jahren vielfach dokumentiert wurden, war die Tatsache, dass auch der reiche Norden wesentlich auf die billige migrantische Arbeit in der Landwirtschaft angewiesen ist, kaum im öffentlichen Bewusstsein. In Schweden kommen 80 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft aus Drittländern, früher überwiegend aus China und Vietnam, heute aus Thailand. Auch in den Niederlanden arbeiten knapp 50.000 Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa, und in D eutschland gibt es, so eine Schätzung des statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2016, rund 300.000 migrantische Saisonarbeitskräfte.1

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Rassismus – ein Kontinuum US-amerikanischer Politik

In den Medien geht es beim Thema Rassismus in der Regel um verbale oder tätliche Übergriffe, um racial profiling durch Polizeikräfte und – selten – um institutionellen Rassismus. Die Black-lives-matter-Proteste in den USA prangern die Polizeigewalt bis hin zu Tötungsdelikten gegenüber der schwarzen Bevölkerung an. Inzwischen finden diese Proteste ihren Widerhall in anderen Teilen der Welt – Anlass, um sich hier mit der Kontinuität des Rassismus und seinen Verästelungen in den USA, dem vermeintlichen Mutterland der Demokratie, zu befassen. Mit dem Attribut „vermeintlich“ soll auf die große Kluft, die zwischen legislativen Errungenschaften einerseits und gelebter Praxis andererseits hingewiesen werden. Affirmative Action – ein Bündel von Gesetzen, Richtlinien und Verordnungen, mit dem Ziel „die Auswirkungen einer spezifischen Form der Diskriminierung zu beenden und zu korrigieren“1 reicht bis in die 1930er Jahre zurück. Unter Präsident Roosevelt wurde 1933 mit dem Unemployment Relief Act erstmals ein Gesetz verabschiedet, dass bei Auftragsvergaben durch die Bundesregierung vorschrieb, dass „keine Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe oder Glaubensbekenntnis stattfinden darf.“2 Andererseits dauerte es weitere 35 Jahre, bis die Rassentrennung durch den 1968 vom Kongress verabschiedeten Civil Rights Act formal abgeschafft wurde.

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Luft zum Atmen

Wie der Rassismus in den USA tötet

Bevor George Floyd am 25. Mai in Minneapolis durch vier weiße Polizisten getötet wurde, hatte er, wie Millionen andere Afroamerikaner, seinen Job aufgrund der Corona-Pandemie verloren. Die darauffolgenden USA-weiten Aufstände entzündeten sich folglich nicht nur an der Wut über die rassistische Polizeigewalt. Sie wurden auch aufgrund der massiv ungleichen Betroffenheit der schwarzen Bevölkerung durch die Corona-Pandemie befeuert. Beides ist Ausdruck eines anhaltenden institutionellen und strukturellen Rassismus.

Jetzt, während der globalen Covid-19-Pandemie, werden die Auswirkungen sichtbarer denn je. Dieses Virus ist verheerend für die afroamerikanische Bevölkerung. In New York sterben Schwarze zweimal so häufig wie Weiße. In Chicago sind es beinahe sechsmal so viele Schwarze, die sterben, wie Weiße. Im südlichen Bundesstaat Louisiana sind 70 Prozent der Corona-Toten schwarz – ihr Anteil an der Bevölkerung macht jedoch nur 33 Prozent aus. Im Bundesstaat Michigan machen Schwarze 12 Prozent der Bevölkerung aus, an den Virus-Toten haben sie jedoch einen Anteil von 40 Prozent. Quer über das ganze Land hinweg, sind 22,5 Prozent der Covid-19-Toten schwarz, obwohl sie nur 12,5 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen. Viele tausend Schwarze wären noch am Leben, wenn die Sterblichkeit gleich hoch wäre wie bei der weißen Bevölkerung.

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Chronik

Sklavenwirtschaft weltweit, Sklavenhaltergesellschaft und Rassismus in den USA

1492 „Entdeckung“ Amerikas durch Christoph Kolumbus im Auftrag der Spanischen Krone | Fall von Granada als letzte große Bastion der arabischen Herrschaft in Spanien | Vertreibung von 150.000 Jüdinnen und Juden aus Spanien.

1495 Erster Feldzug von Kolumbus gegen die Eingeborenen von Santo Domingo – 500 gefangene Indianer werden in Sevilla als Sklaven verkauft.

1500ff Ab Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelt sich der Sklavenhandel als große und zeitweilig führende kapitalistische Branche. Im Zeitraum 1520 bis 1867 gelangen mindestens elf Millionen gefangene Afrikaner lebend und als einsatzfähige Sklavinnen und Sklaven in Nord- und Südamerika und der Karibik an. Nach Berechnung von Robert René Kuczynski waren es 14.650.000. Der tatsächliche Blutzoll und Verlust an Menschen, den Afrika bezahlt, liegt noch wesentlich höher.

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Die Sklavenwirtschaft. Der Rassismus. Die USA

Black Lives Matter – Das Leben von Schwarzen zählt“: Diese Forderung wird in den USA seit 500 Jahren vorgetragen

Am 11. Juni 2020 gab US-Präsident Donald Trump dem Sender Fox News ein bemerkenswertes Interview. Trump argumentierte, er habe mehr für die Schwarzen in den USA geleistet „als jeder andere Präsident vor mir“. Ausdrücklich verwies er dann auf Abraham Lincoln, von dem es heißt, er habe die Sklaverei in den USA abgeschafft. Trump sagte: „Lincoln did good for the black community but the end is questionable“. Abraham Lincoln, 1861 als 16. Präsident der USA gewählt und 1865 noch während seiner Amtszeit ermordet, habe Gutes für die Schwarzen getan, doch das Ende sei fragwürdig. Die Interviewerin, Harris Faulkner, selbst Schwarze, unterbrach den weißen Herrenmenschen mit den Worten: „Well, we are free, Mr. President, so I think he did pretty well – Nun, wir sind frei, Mr. President. Daher glaube ich schon, dass er das ganz gut gemacht hat.“ Trump blieb stur und äußerte: „Yes, we are free.“ Für ihn ging es um die Freiheit der USA. Um die Freiheit von Seinesgleichen. Um Kapitalfreiheit. Um die Freiheit, maximale Gewinne zu machen. Die Interviewerin vertrat die Auffassung, es sei um die Freiheit der Schwarzen gegangen.[1]

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Sklavenwirtschaft und Rassismus

Während die Polizeigewalt in Minsk – zu Recht – kritisiert wird und medial in den letzten Wochen im Zentrum steht, nimmt der offene Rassismus in einer großen Zahl von US-Städten bürgerkriegsähnliche Ausmaße an, ohne dass darüber in unseren Leitmedien in ausreichendem Ausmaß berichtet werden würde. Und wenn der Präsident von Belarus sich abfällig über die Opposition im Land äußert, dann wird darüber intensiv berichtet. In Nordamerika erleben wir einen US-Präsidenten, der die protestierenden Afroamerikaner nicht nur herabwürdigt. Nein, dieser Mann hetzt in rassistischer Weise die weißen Zivilisten und die Bürgerkriegstruppe der Nationalgarde dazu auf, gegen die afroamerikanische Minderheit vorzugehen. Es ist das Wahlkampf-Rezept dieses Präsidenten, mit unverhülltem Rassismus und gestützt auf eine weiße Bürgerkriegs-Mafia die Wahlen im November ein zweites Mal gewinnen zu wollen.

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Plötzlich alles zu Hause Familienleben im Corona-Lockdown

Bernhard Knierim (LP21-Redaktion)

Als ich Mitte März zum letzten Mal bei meiner Arbeitsstelle im Bundestag war, war schon absehbar, dass alle Mitarbeitenden dort für längere Zeit im Home-Office arbeiten würden. Anfangs stellte ich mir das recht gemütlich vor ohne Arbeitswege – bis einen Tag später klar wurde, dass auch Schulen und Kitas mit sofortiger Wirkung geschlossen würden. Seitdem begann für uns ein ständiges Jonglieren der Überforderungen: Jeder Partner arbeitet einen halben Tag – abwechselnd morgens und nachmittags – einigermaßen ungestört, während die oder der andere sich jeweils in der Zeit um Haushalt und Kinder kümmert. Effektiv reicht die Zeit nie aus. Das hat zur Folge, dass all das hinten runterfällt, was nicht absolut notwendig ist – z.B. die freiwilligen Engagements und nicht zuletzt die Zeit zum Ausruhen alleine.

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Nach der Krise ist vor der Krise

Volker Lösch (LP21-Autor)

Vor vier Wochen haben wir am Düsseldorfer Schauspielhaus wieder zu proben begonnen. Das rasche Hochfahren des Betriebs kam unerwartet, schon finden Überbietungswettbewerbe statt, welche Institution sich als erste wieder vor Publikum zeigt. Es gelten zwar wie überall Abstands- und andere Regelungen, das Spielen und Schreiben und Inszenieren hat sich aber wenig verändert.

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Wieder auf Liebe, Schnaps & Revolution am Tresen anstoßen

Gisela Notz (LP21-Redaktion)

„Aber über mich red ich nicht!“ Da geht’s mir ganz so, wie der Schauspielerin Therese Giehse, die das allen gesagt haben soll, die etwas über sie wissen wollten. Nun soll ich etwas über mich und die Corona-Zeiten schreiben? In den ersten Tagen kam ich mir vor, wie im Science-Fiction Film. Schließlich habe ich so etwas in den vielen Jahren, die ich auf der Welt bin, noch nicht erlebt. „Bleib zu Hause“, das war für mich nicht so schlimm (für viele Frauen schon), ich bin eh seit 13 Jahren im Home-Office: Wir haben einen großen Garten und auch sonst viel Freiraum und ich kann am Kanal spazieren gehen. Kaufhäuser und Flieger brauch ich nicht, ohne Friseur geht´s auch, ohne Kino schon schwerer und die drei Lokale, in denen wir öfter essen gehen, hatten zu. Das vermisste ich schon. Ich musste plötzlich täglich für mich kochen, auch weil – das war viel schlimmer – meine Vortragsreisen wegfielen. Nun hatte ich kein Publikum, kein Feedback und keinen Austausch mit den jungen Menschen. Die klugen Artikel, die mehr als täglich bei mir eintrudelten, von Kollegen, die alles über Corona wussten oder besser wussten, jedenfalls noch besser als der andere, konnten das nicht ersetzen. Sie gingen mir so lange auf die Nerven, bis ich sie nicht mehr gelesen habe. Ich hatte genug zu tun. Ich hatte viele Texte zu schreiben, junge und ältere Frauen zu trösten, die den Lärm ihrer Nachbarn nicht mehr ertragen konnten, und Omas aufzumuntern, die ihre Enkel nicht mehr sehen konnten. Ich lernte alle möglichen Video-Konferenz-Programme, halte Vorträge und sehe immer noch kein Publikum: Das sitzt nun weit weg, hinter dem Laptop und diskutiert per Zoom mit mir. Ich habe schon viereckige Augen.

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Grundrecht auf staatliche Aktivität

spezial > kapitalistische krisen in den zeiten der pandemie

André Geicke (LP21-Autor)

Entfaltung der Persönlichkeit und Handlungsfreiheit zählen zu den Grundrechten, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit auch. Letztere sind aber Voraussetzungen der erstgenannten. Persönliche Freiheit und Entfaltung kann uneingeschränkt überhaupt nur wahrnehmen, wer gesund und wessen Leben nicht bedroht ist. In Zeiten von Pest und Cholera ist an Persönlichkeitsentfaltung nicht mal zu denken.

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