Vielleicht schon zu spät
Als Kamala Harris 2024 Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden wollte, führte sie einen wertebasierten Kulturkampf – auf der Seite ihres Gegners Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Nationalismus, auf ihrer Universalismus. Sie unterlag. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Wählerinnen und Wähler Trumps seinen scheußlichen Meinungen anhängen. Offenbar genügte es, dass eine große Zahl von ihnen sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage von der Demokratischen Partei nichts versprachen.
2021 benannte die Ökonomin Isabella Maria Weber die Inflation als Hauptursache von Trumps erstem Wahlsieg. Durch dessen Wiederholung sah sie sich 2024 bestätigt. Inflation treffe kleine und mittlere Einkommen härter als große. Dadurch werde Ungleichheit erhöht. Als Abhilfe schlug Weber Festpreise insbesondere für Energie vor. Der Abwanderung breiter Schichten aus der Mitte oder auch von links könne so vorgebeugt werden.
Nicht immer in der Geschichte hat Geldentwertung zu einem sofortigen Rechtsruck geführt. In der deutschen Hyperinflation von 1923 kam es stattdessen zu einer Polarisierung. Hitlers Putsch in München hatte keine Massenbasis, aus den Wahlen von 1924 ging die KPD gestärkt hervor. Allerdings: Die Inflation enteignete Sparvermögen kleiner Leute sowie der Mittelschichten und entfremdete sie der Republik, sofern sie sie bisher akzeptiert haben mochten. Als 1933 Hitler an die Macht kam, war die Mark stabil. Nicht Inflation, sondern Massenarbeitslosigkeit bildete das zentrale ökonomische Problem. Es wurde verschärft durch die Sparpolitik des damaligen Reichskanzlers Heinrich Brüning und die sozialpolitische Gesamtsituation: Befristung der Arbeitslosenversicherung auf höchstens 26 Wochen, der auf sie folgenden Krisenunterstützung auf nur zwölf, danach die Abhängigkeit der Bedürftigen von der Wohlfahrt der klammen Kommunen: All dies trieb der bis dahin schwachen NSDAP eine Massenbasis zu. Ein Jahr vor der Machtübertragung an Hitler legte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) ein Konzept aktiver Konjunkturpolitik und Arbeitsbeschaffung vor, entworfen von den Ökonomen Wladimir Woytinsky, Fritz Tarnow und Fritz Baade (WTB-Plan).
Das deutsche Großkapital war da mehrheitlich schon auf dem Weg, sich ganz anders zu entscheiden. Finanzminister Klingbeil berief Isabella Weber in eine Expertenkommission zur Reform der Schuldenbremse, die sie ablehnt. Sie gehört zu einer internationalen Minderheitsströmung unter jüngeren Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich zu einer »Heterodoxen Politischen Ökonomie« bekennen. Gemeint ist die Abweichung vom
marktradikalen (neoliberalen) Mainstream. Prominenteste Bezugsperson ist seit 2013 Thomas Piketty. In den Debatten der Bundesrepublik finden sich Vorläufer schon seit über einem halben Jahrhundert. Seit 1975 erscheinen die Memoranden der »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik«, die Gewerkschaft ver.di gibt regelmäßig jeweils innerhalb weniger Wochen einen Rundbrief mit aktuellen kritischen Kommentaren und mit Vorschlägen heraus. Theoretische Basis dieser Bemühungen ist der Linkskeynesianismus, große Vorbilder in der Praxis sind Franklin D. Roosevelts New Deal aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten in ihrer früheren Form, zuweilen sogar das erste Vierteljahrhundert der Bundesrepublik.
2024 prägte Isabella Weber für das, was nötig sei, einen neuen Begriff: »Antifaschistische Wirtschaftspolitik«. Diese propagiert sie u.a. in dem von ihr mitherausgegebenen Magazin Surplus. Anfang 2025 zog Ines Schwerdtner, Co-Vorsitzende der Partei »Die Linke«, in einem Grundsatzpapier mit dem Titel »Wirtschaft für die Mehrheit. Demokratische Kontrolle zurückgewinnen« nach.* Vorher war sie bei der deutschen Ausgabe von Jacobin aktiv, das ebenfalls für die »antifaschistische Wirtschaftspolitik« eintritt.
In Iris Schwerdtners Papier für die Linkspartei findet sich ein Kapitel mit der Überschrift »Der Neoliberalismus hat der AfD den Boden bereitet«. Dort führt sie aus:
»Soziale Sicherheit ist für die Mehrheit der Menschen ein zentrales Thema. Die Furcht vor höheren Lebenshaltungskosten landete im Oktober bei einer Umfrage mit 57 Prozent auf Platz eins der größten Ängste.
Eine Politik, die diese Bedürfnisse nicht adressiert, bereitet den Nährboden für die AfD, gerade im Osten. Das Erstarken faschistischer Kräfte ist zwar nicht allein durch ökonomische Fehlentwicklungen zu erklären, dennoch dürfte klar sein: Die durch vergangene Regierungen verursachte ökonomische Misere und soziale Spaltung haben rechten Kräften massiv Auftrieb verliehen.
Wir brauchen daher eine Umkehr in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, mit spürbaren Verbesserungen für die vielen Menschen im alltäglichen Leben. Das wirkt dem Aufkommen rechter Kräfte entgegen, es ist im Ergebnis eine antifaschistische Wirtschaftspolitik.«
Ein Einwand liegt nahe: »Antifa heißt Kapitalismuskritik!« Unter dieser Überschrift besprach nd-aktuell einen Gesprächsband von Sabine Nuss, Andrej Holm, Stephan Kaufmann, Antonella Muzzupappa und Ingo Stützle, dessen Titel benennt, was fehlt, wenn es bei einer Worthülse bleibt: »Der verdrängte Kapitalismus. Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer Wirtschaftspolitik« (Berlin 2025).
Ines Schwerdtner platziert ihre Partei als linken Flügel eines informellen Bündnisses gegen rechts. In ihm fanden sich – nach dem Potsdamer Gruseltreffen von Leuten der äußersten Rechten im November 2024 – aus wahlkampftaktischen Gründen auch sämtliche Parteien zusammen, die in wechselnden Bundesregierungen die wirtschaftspolitische Umverteilung von unten nach oben seit zirka 1980 politisch mitbetrieben haben. Baerbock, Merz und Scholz applaudierten den Massendemonstrationen gegen die AfD. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände warnen bis heute vor ihr.
Noch können wohl auch die Sponsoren der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« dem Anti-AfD-Lager zugerechnet werden. Unter Verwendung eines historischen Begriffs ließe sich von einer Volksfront sprechen. Aber das täuscht. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ging es um den Versuch, alle Kräfte gegen das denkbar größte Übel zusammenzufassen: den Faschismus. 2024/25 handelte es sich um ein Kartell älterer Besitzstände gegen einen unerwünschten neuen Mitbewerber.
Es bröckelt inzwischen, zum Bei-spiel zwischenzeitlich beim Verband der Familienunternehmer. Noch im Wahlkampf 2025 brachte Merz die CDU/CSU mit der AfD im Bundestag zu einer gemeinsamen ausländerfeindlichen Abstimmung zusammen. Als sich am 29. November 2025 in Gießen eine Demonstration gegen den AfD-Nachwuchs »Generation Deutschland« auf den Weg machte, fand sich für die Union kein Platz auf dem Trittbrett mehr. Es zieht sie woanders hin.
Wirtschaftspolitisch besteht kein Unterschied zwischen Elon Musk, Friedrich Merz und Alice Weidel. Zusammen haben AfD und CDU/ CSU jetzt schon eine Mehrheit. Würde daraus einmal gemeinsames Regierungshandeln, ergäbe sich eine neue Form kapitalistischer Herrschaft, die gegenwärtig in den USA schon am deutlichsten sichtbar wird: ökonomisch gekennzeichnet durch ultra-liberalistischen Marktradikalismus, politisch durch noch direkteren Zugriff der wirtschaftlichen Eliten auf die Staatsapparate, dynamisiert durch völkische Ressentiments – Plutokratie mit Massenbasis.
Das gegenwärtige Reden von der antikapitalistischen Wirtschaftspolitik konzentriert sich auf den zweiten Aspekt: Durch Reformpolitik solle der sogenannte Rechtspopulismus zurückgedrängt werden. Es fragt sich, ob es sich dabei um eine Verkennung der strategischen Reife handelt, die der Übergang zu diesem neuen Herrschaftstyp inzwischen schon angenommen hat. Die antikapitalistische Wirtschaftspolitik könnte dann zu spät kommen.
* Ines Schwerdtner: »Wirtschaft für die Mehrheit. Demokratische Kontrolle zurückgewinnen«
https://www.die-linke.de/fileadmin/0_Start/nachrichten/2025/Wirtschaft_für_die_Mehrheit.pdf