Entstehung und Entwicklung des Nahostkonflikts
»Wenn Sie ein Land kolonisieren wollen, in dem bereits Menschen leben, müssen Sie eine Garnison für das Land finden oder einen Wohltäter, der in Ihrem Namen eine Garnison bereitstellt. (…) Der Zionismus ist ein kolonisierendes Projekt, und deshalb steht und fällt es mit der Frage der Streitkräfte«, riet vor hundert Jahren der Publizist Zeev Jabotinsky seinen zionistischen Mitstreiter:innen.
Das Zitat findet sich in Rashid Khalidis im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Buch »Der Hundertjährige Krieg um Palästina«.
Khalidi, Jahrgang 1948, ist Historiker und war Professor für Modern Arab Studies an der Columbia University in New York. Das hier vorgestellte Buch wurde unter dem Titel »The Hundred Years‘ War on Palestine« bereits 2020 publiziert und stellt die Entwicklungen bis ins Jahr 2014 dar. In einem Nachwort vom März 2024 für die deutsche Ausgabe ordnet der Autor die späteren Ereignisse ein.
Die zionistische Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts, in Reaktion auf den virulenten europäischen Antisemitismus, mit dem Ziel der Gründung eines jüdischen Staates. Dem lag die Vorstellung von Jüd:innen als einer Nation zugrunde – ein Konzept, das in vielen Ländern in Überwindung feudaler Herrschaft verfolgt wurde. Im Rekurs auf die Bibel wurde eine Staatsgründung in Palästina angestrebt, obwohl damals dort nur eine Minderheit von Jüdinnen und Juden lebte.
Britisches Mandat
Nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage des Osmanischen Reiches sprach der Völkerbund Großbritannien die Mandatsherrschaft über Palästina zu. Der britischen Regierung erschien es opportun, den Zionismus zu unterstützen. Schon 1917 hatte sie ihr Wohlwollen gegenüber der »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« bekundet. Bezeichnend für die nach dem damaligen Außenminister benannte Balfour-Deklaration sei, so Khalidi, dass die arabische Bevölkerungsmehrheit von etwa 94 Prozent nur als ›bestehende nichtjüdische Gemeinschaften in Palästina‹ erwähnt wurde. Der arabischen Mehrheit »wurden lediglich ›bürgerliche und religiöse Rechte‹ zugesagt, nicht aber politische oder nationale Rechte«. Der jüdischen Minderheit von sechs Prozent dagegen sicherte Großbritannien nationale Rechte zu. Khalidi wertet die Balfour-Deklaration als »eine Kriegserklärung des britis chen Empire« an die Bevölkerung Palästinas.
Während Türken, Iraner, Syrer, Ägypter und Iraker in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ein gewisses Maß an Unabhängigkeit erlangten, entsprechend dem Prinzip nationaler Selbstbestimmung, wie es US-Präsident Wilson und Lenin in der Sowjetunion vertraten, handelte Großbritannien in Palästina nach anderen Regeln. Auch im Mandatstext des Völkerbundes tauchen die Worte Araber und Palästinenser nicht auf. Eine Heimstätte des jüdischen Volkes sollte demnach nicht etwa geschaffen, sondern ›wiederhergestellt‹ werden. »In den Augen der Verfasser des Mandats gehörte die gesamte zweitausendjährige Kultur des Landes aus der osmanischen, mamelukischen, ayyubidischen, kreuzfahrerischen, abbasidischen, umayyadischen, byzantinischen und früheren Zeit zu keinem Volk oder nur amorphen religiösen Gruppe.«
Über seine wissenschaftlichen Analysen als Historiker hinaus, verfügt Khalidi über persönliche Einblicke in die Geschichte Palästinas. Er entstammt einer Familie islamischer Gelehrter und Juristen in Palästina. Sein Großvater gründete 1899 eine bedeutende Bibliothek in Jerusalem. Sein Onkel war einst Bürgermeister der Stadt, sein Vater war als Diplomat tätig. Rashid Khalidi selbst beriet mehrere palästinensische Delegationen.
Die Briten hätten die Palästinen-ser: innen mit der gleichen Herablassung behandelt, die sie anderen unterworfenen Bevölkerungen entgegenbrachten. Doch anders als in den anderen kolonisierten Gebieten brachte das Mandat einen Zustrom ausländischer Siedler:innen mit sich, »die ihr Ziel darin sahen, das Land zu übernehmen«. Bis 1926 hatte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung auf 18 Prozent verdreifacht. Infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland stieg der Anteil bis 1939 auf über 30 Prozent.
Die Ignoranz der Briten gegenüber den politischen Forderungen der arabischen Bevölkerung habe sich 1936 in spontaner Gewalt entladen und ab 1937 als bewaffnete Erhebung der Entrechteten. Mit aller Macht sei das Empire gegen die Aufständischen vorgegangen. »Es war ein blutiger Krieg gegen die Mehrheit des Landes, in dem zehn Prozent der erwachsenen männlichen arabischen Bevölkerung getötet, verwundet, inhaftiert oder ins Exil getrieben wurde.«
Der Imageschaden Großbritanniens in den arabischen Ländern und der Einsatz der Besatzungstruppen an den Fronten des Zweiten Weltkriegs führten 1939 zu einem Kurswechsel und einer Beschränkung jüdischer Immigration.
1942 rief die zionistische Bewegung im Biltmore Hotel in New York, schon damals die Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung, zum ersten Mal offen dazu auf, ganz Palästina in einen jüdischen Staat zu verwandeln, was nicht zuletzt angesichts des Holocaust die Unterstützung der neuen Weltmacht USA fand.
Im Unterschied zu den Zionist: innen, deren Jewish Agency mit Regierungsbefugnissen ausgestattet war, hätten die Palästinenser:innen, geschwächt und uneins nicht zuletzt infolge ihres gescheiterten Aufstands, über keine zentrale staatliche Struktur verfügt, was sich »militärisch, finanziell und diplomatisch als fatale Schwäche« erwies.
Gegen die Absicht Londons, die jüdische Immigration nach Palästina weiterhin zu begrenzen, um die arabischen Führungen in den Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreiches nicht zu brüskieren, setzten die USA durch, die Holocaust-Überlebenden aus den Vertriebenenlagern Europas in Palästina aufzunehmen. Im eigenen Land wollten weder die USA noch Großbritannien diese Menschen haben.
Vereinte Nationen
Aus Empörung über die politische Wende der Mandatsmacht richtete sich die Militanz der jüdischen Bevölkerung Palästinas nun auch gegen die Briten. Es kam zu Attentaten auf Verwaltungsbeamte; ein Sprengstoffanschlag verwüstete 1946 das britische Hauptquartier im King David Hotel in Jerusalem. Wirtschaftlich geschwächt durch den Krieg gegen Deutschland kapitulierte Großbritannien schließlich in Palästina und überließ das Problem den Vereinten Nationen.
Die beschlossen 1947 die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat, was Khalidi als einen »eklatanten Verstoß gegen den in der UN-Charta verankerten Grundsatz der Selbstbestimmung« bewertet. »Die Vertreibung einer ausreichenden Anzahl von Arabern, um einen jüdischen Mehrheitsstaat zu ermöglichen, war die zwangsläufige, unvermeidliche Folge. Wie Balfour keinen Gedanken daran verschwendete, was seine Deklaration für die palästinensischen Araber:innen bedeutete, dachten auch Truman und Stalin, als sie die Resolution 181 durchsetzten, nicht lange darüber nach, was nach dieser Abstimmung mit den Palästinenser:innen geschehen würde.«
Was folgte, war ein Krieg, den Israel gegen Truppen Ägyptens, Syriens, Jordaniens, des Irak und gegen die einheimische palästinensische Bevölkerung gewann, die im Zuge ethnischer Säuberungen und Diebstahls ihres Landes bis 1949 zu etwa 80 Prozent aus dem Gebiet, das zum neuen Staat Israel wurde, vertrieben war und sich zu Hunderttausenden in den Flüchtlingslagern Jordaniens, des Libanons, Syriens und Ägyptens wiederfand. Das Trauma dieses Krieges ging als Nakba, als »Kata-strophe« in das kollektive Gedächtnis der Palästinenser:innen ein.
Seitens der arabischen Regierungen erfuhr die palästinensische Bevölkerung kaum Unterstützung. Zu stark war die Konkurrenz unter diesen jungen Staaten, zu groß der Einfluss Großbritanniens. Und die neuen Supermächte USA und die Sowjetunion taten nichts, um »die Gründung des in der Teilungserklärung vorgesehenen arabischen Staates zu unterstützen«.
Der Gazastreifen sei bereits seit 1947 zum »Schmelztiegel des Widerstands« geworden. »Die meisten Gründungsmitglieder der Fatah und der PLO kamen aus den beengten Verhältnissen des schmalen Küstenstreifens«. Während des Suezkrieges 1956 kam es dort zu Massakern durch israelische Truppen, was in den westlichen Medien kaum erwähnt worden sei. Erst mit der Gründung der Befreiungsbewegung PLO im Jahr 1964 hätten sich die Palästinenser:innen allmählich wieder Gehör verschafft.
US-Engagement
Der Sechs-Tage-Krieg 1967 markiere die Hinwendung Israels zu den USA, womit sich eine neue Achse im Nahen Osten etabliert habe, die bis heute fortbestehe. Es sei die US-Regierung gewesen, die grünes Licht für einen Präventivschlag gegen die Luftstreitkräfte Syriens, Ägyptens und Jordaniens erteilt hätte. Die Resolution 242 des Uno-Sicherheitsrats von November 1967 forderte in einer diffusen Formulierung zwar den Rückzug Israels aus besetzten Gebieten, habe aber de facto erlaubt, »die besetzten palästinensischen und syrischen Gebiete zu kolonisieren und zudem einige von ihnen – Ostjerusalem und die Golanhöhen – formell zu annektieren. (…) Dass die Uno diese Handlungen wiederholt verurteilt hat, aber nicht einmal ein Hauch von Sanktionen oder echtem Druck auf Israel erfolgte, wirkte sich im Lauf der Zeit als eine stillschweigende internationale Akzeptanz dieser Handlungen aus. (…) Und wie bei der Balfour-Erklärung wurden Palästina und die P alästinenser in diesem Schlüsseldokument mit keinem Wort erwähnt.«
Ebenso hätten sie im Camp-David-Abkommen und im Friedensvertrag zwischen Israel und Ägyptern 1979 keine Rolle gespielt. Ministerpräsident Menachem »Begin und seine Nachfolger im Likud, Jitzchak Schamir, Ariel Scharon und dann Benjamin Netanjahu, stellten sich unerbittlich gegen eine palästinensische Staatlichkeit, Souveränität oder Kontrolle des besetzten Westjordanlands und Ostjerusalems (…) und hielten daran fest, dass das gesamte Palästina allein dem jüdischen Volk gehöre und dass ein palästinensisches Volk mit nationalen Rechten nicht existiere.«
Kritisch nimmt Khalidi die PLO in den Blick, auf deren verfehlte Politik unter anderem die Gründung der Hamas 1987 und deren Aufstieg zurückgehe. Ihr Exil in Tunis, von 1982 bis 1994, habe die Organisation ebenso selbst verschuldet. »Das Verhaltensmuster der Widerstandsbewegung – ihre Feinde rücksichtslos zu provozieren, ihre Gastgeber zu entfremden und schließlich (wie aus Jordanien im Schwarzen September 1971, LP21-Red.) vertrieben zu werden – sollte sich elf Jahre später in Beirut wiederholen.«
Auch der international gefeierte, zwischen 1993 und 1995 mit der PLO in Oslo ausgehandelte Kompromiss habe Israel nicht gehindert, mit Landnahme und Verdrängung der Palästinenser:innen fortzufahren.
Die konsequente palästinensische Perspektive des Buches verhilft zu einem besseren Verständnis des Konflikts. Der ist aber auch Resultat einer historischen Tragödie, die Khalidi kaum in den Blick nimmt: Die Erfahrungen von Diskriminierung, Vertreibung und Pogromen, denen Juden und Jüdinnen über Jahrhunderte wieder und wieder ausgesetzt waren, kumulierten in latenter Verzweiflung, die der jüdische Staat nach dem Holocaust in Entschlossenheit und Aggressivität wendete.
Wenn Israel als einzige Demokratie des Nahen Ostens gilt, so ist sie zugleich die letzte Kolonialmacht im Nahen Osten, deren Sinn allerdings nicht die Ausbeutung der Indigenen ist. »Der Kolonialismus, dem wir unterworfen sind, ist einzigartig, weil sie keine Verwendung für uns haben. Der beste Palästinenser für sie ist entweder tot oder verschwunden«, bemerkte der Literaturwissenschaftler Edward Said vor 30 Jahren.