Das beantwortet Ludger Pries
»Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.«
General Harras in Carl Zuckmayers Drama »Des Teufels General«
»Deutschland kann schließlich nicht alle Flüchtlinge aufnehmen«, lautet ein häufig geäußertes Argument. Durchaus richtig. Und das braucht Deutschland auch nicht. Die meisten ›Fluchtmigrierenden‹, so der Fachterminus, bleiben ohnehin in ihren Herkunftsregionen. Gemessen an der Zahl der Geflüchteten im Land lag Deutschland mit knapp 2,4 Millionen im Jahr 2022 hinter Somalia international an 16. Stelle.
Obwohl Ein- und Auswanderung die meisten in Deutschland Ansässigen in ihrem Lebensumfeld kaum berührt, wird kein Thema derart aufgeregt diskutiert wie Migration. Der Debatte mangelt es an Sachkenntnis. Substanzielle Hilfe bietet der Soziologe Ludger Pries mit seinem Anfang 2025 erschienenen Band »Migration. Warum man sie nicht steuern kann – aber verstehen und mitgestalten«.
Migration und die Vermischung von Menschengruppen unterschiedlicher Herkunft seien, konstatiert Pries, eine seit Jahrtausenden eingeübte menschliche Praxis, was die Vorstellung von ›Volk‹, die erst mit der Etablierung von Nationalstaaten bedeutend wurde, fragwürdig macht.
Die meisten Maßnahmen der Politik zur Migrationssteuerung seien von Unkenntnis gekennzeichnet, auch infolge älterer Forschung, die die Migrierenden selbst entweder ausgeblendet oder als individualisierte Nutzenmaximierer angesehen habe.
Die Entscheidung zur Migration werde aber fast immer in größeren sozialen Netzwerken von Familien und Freunden getroffen. Aus verschiedenen Faktoren zwischen Herkunfts- und Zielland und den Erwartungen und Voraussetzungen der Migrierenden entstehe eine Eigendynamik von Migrationsbewegungen, die durch schlichte, wenn auch drastische Förder- oder Abwehrmaßnahmen kaum zu beeinflussen sei. Manche Maßnahmen erzielten sogar die gegenteilige der beabsichtigten Wirkung. So führte der Anwerbestopp von ›Gastarbeitern‹ 1973 nicht zu vermehrter Rückwanderung aus der Bundesrepublik. Angesichts einer plötzlich fraglichen Wiedereinreise verzichteten viele auf den Heimatbesuch und holten stattdessen ihre Familie in die neue Heimat nach.
Willkommenskultur
Drakonische Grenzverstärkungen würden die Zahl der Migrant:innen nur geringfügig beeinflussen, führten aber zu höheren Schleuserpreisen, zu gefährlicheren Routen und mehr Toten. Umgekehrt zeigten auch Er- leichterungen kaum Wirkung. So lasse sich kein statistisch signifikanter zeitlicher Zusammenhang zwischen Merkels Aussage »Wir schaffen das« und der Dynamik syrischer Flüchtlingsankünfte feststellen. Ebenso sei das propagierte Narrativ, Migrierende wollten in das deutsche Sozialsystem einwandern, irrig: »Niemand verlässt seine Heimat in der Erwartung, wo- anders vom Staat alimentiert zu wer- den.« In der Regel seien die Bestimmungen zu sozialen Sicherungsleistungen Migrierenden gar nicht bekannt.
Zu unterscheiden sind Fluchtmigration, Arbeitsmigration, Bildungsmigration und Familiennachzug. Diplomaten, Spitzensportler und Hochqualifizierte hätten fast überall auf der Welt freies Geleit. Versuche der Steuerung richteten sich vor allem auf Flüchtlinge, niedrig Qualifizierte sowie kulturell und ethnisch Andere, wobei allzu oft die eingegangenen rechtlichen Verpflichtungen außer Acht gelassen werden, etwa die Genfer Flüchtlingskonvention, die Menschenrechte, das Europarecht, die EU-Massenzustrom-Richtlinie, die Uno-Kinderschutzkonvention, der in Deutschland geltende Grundsatz des Schutzes der Familie und der Familienzusammenführung, und der Schutz von Minderjährigen. Insofern könne »Migrationskontrolle eigentlich nur unter diktatorischen und menschenverachtenden Bedingungen ins Werk gesetzt werden«.
Viele EU-Länder haben Interesse an Einwanderung, andere Länder an Auswanderung, um ihren Arbeitsmarkt zu entlasten und Transferzahlungen zu erlangen. Zwischen 1970 und 2020 hat sich die Zahl der international Migrierten verdreifacht. Geldrücküberweisungen sind dreimal höher als sämtlich geleistete Entwicklungshilfe. Für Tadschikistan, Gambia, Honduras und viele andere Länder machen diese Zahlungen ein Viertel ihres Bruttoinlandsprodukts aus. »Diese Geldüberweisungen spiegeln wider, wie sich die familiären (Über)Lebensstrategien über den gesamten Globus spannen« und ein quasi transnationales Sicherungssystem erschaffen.
Wie überwindet man Grenzen?
Wie gelangt man durch fremde Länder? Wie kommt man durch? Migrierende haben fast immer Unterstützung, antwortet Pries, durch Familiennetzwerke, durch zivilgesellschaftliche Organisationen, die Ressourcen, Beratung und Kontakte vermitteln, bis zu organisierten Kriminellen, die gefälschte Ausweise bereitstellen und illegale Grenzübertritte ermöglichen.
Letzteren, da scheinen sich Politiker:innen aller Couleur einig, müsse das Handwerk gelegt werden. Menschenschmuggler werden solche Personen genannt. Als es noch die DDR gab, sprachen die Westdeutschen von Fluchthelfern und feierten sie als Helden.
Menschenschmuggel wird in einigen Regionen als gut organisiertes, brutales kriminelles Geschäft betrieben, das seine günstigsten Bedingungen findet, wo die staatlichen Abwehrmaßnahmen gegen Migrierende besonders hart sind. Der vorgebliche Kampf gegen Schleuserbanden wird aber häufig zur Kriminalisierung jeder Form von Solidarität oder Unterstützung für Schutzsuchende missbraucht.
Illegalität ist nicht nur Teil der Migration. Etliche staatliche Maßnahmen zur Abwehr von Einwanderung dürften ebenfalls als ungesetzlich gelten: etwa die Grenzverstärkungen an der polnisch-belarussischen Grenze, die Pushbacks von Flüchtlingen auf der Balkanroute und in Griechenland, unterlassene oder verzögerte Rettung aus Seenot, Pushbacks durch Frontex, die Folgen des Migrationsabkommens mit Tunesien, die Finanzierung der sich gesetzloser Mittel bedienenden libyschen Küstenwache durch die EU, an Misshandlung grenzende Bedingungen in Aufnahmelagern, Vorenthaltung von Menschenrechten infolge nicht funktionierender Asylverfahren.
Und was legal ist, ist nicht immer gerecht, wie die Abwerbung von medizinischem Personal zum Nachteil des Herkunftslandes oder die organisierte Nicht-Verantwortung innerhalb der EU, die die Genfer Flüchtlingskonvention unterläuft.
Weltweit leben 3,6 Prozent der Menschen außerhalb ihres Herkunftslands. Das mag wenig erscheinen, aber hinter jeder Person steht ein Vielfaches an Menschen, die betroffen sind, etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung, schätzt Pries. Dabei ist die interne Stadt-Land-Migration noch nicht einmal mitgerechnet. Infolge wachsender Ungleichheit, bewaffneter Konflikte, des Klimawandels und einer raschen Alterung in den Gesellschaften der reichen Staaten wird die Migrationsdynamik zunehmen. Ohne Zuwanderung wird die Zahl der Erwerbsfähigen in der EU bis 2060 von 300 Millionen auf 220 Millionen sinken.
Uno und Weltbank fordern denn auch Management statt Kontrolle von Migration. Der Wahlkampf zum Deutschen Bundestag und der Koalitionsvertrag weisen in die falsche Richtung, weshalb dem Buch von Ludger Pries eine weite Verbreitung zu wünschen ist.
Der Autor, Jahrgang 1953, ist Seniorprofessor an der Ruhr Universität Bochum und Mitglied des Rats für Migration. Sein lesenswertes Buch bietet keinen erzählerischen Faden, sondern ist als Fachpublikation nach wissenschaftlichen Kriterien strukturiert und mit vielen Querverweisen versehen. Diese allerdings führen durchweg in die Irre. Vermutlich wurde die Nummerierung der Kapitel nachträglich geändert, die entsprechende Korrektur der internen Verweise aber vergessen. Mit einiger Mühe findet man sich dennoch durch.
