Tech and Drugs
Jede Unternehmensberatung würde von Heroin abraten und stattdessen Fentanyl empfehlen. Aber soweit bekannt, arbeiten McKinsey und andere Consulting-Firmen nicht für Drogen-Kriminelle. Und die wissen auch ohne Hilfe: Fentanyl ist deutlich profitabler als Heroin.
Fentanyl lässt sich an beliebigem Ort synthetisch herstellen, ebenso Amphetamine. Man braucht sich nicht um landwirtschaftlichen Anbau zu kümmern, sich nicht mit Bauern verständigen und keine illegalen Rohstoffe schmuggeln. Und wenn die Taliban den Anbau von Schlafmohn verbieten, ist das nur von Vorteil.
Synthetische Drogen lassen sich auf verschiedene Weise erzeugen, und es lassen sich Drogen kreieren. An die tausend neue psychoaktive Substanzen, auch Designerdrogen genannt, registrierte das Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung während der vergangenen zehn Jahre.
Seit 1990 ist ein internationales Übereinkommen in Kraft, das den Verkehr sogenannter Vorläuferstoffe zur Herstellung von Suchtmitteln verbietet. Ohne Erfolg: Die Drogen-Chemiker griffen zurück auf die Vorläuferstoffe der Vorläuferstoffe, und die sind in so verbreitetem industriellem Gebrauch, dass sie sich nicht verbieten lassen. Der Erwerb der Zutaten ist also legal, die Handelswege und Empfänger kaum zu ermitteln, wo der Transport durch Drohnen die Grenzkontrollen umgeht.
Auch im Vertrieb sucht das Verbrechen neue Wege. Doch die Konsument:innen in den USA und in Westeuropa bevorzugen nach wie vor die traditionelle Art des Drogenerwerbs von Angesicht zu Angesicht auf der Straße, in Bars oder Clubs. In Russland ist man weiter. Angeboten und bestellt wird via Darknet oder Social Media, die Ware wird in einem Versteck deponiert, dessen Ortsangabe nach erfolgter Bezahlung, vorzugsweise in Kryptogeld, übermittelt wird. Dieser Komfort und die geringeren Kosten gegenüber Heroin oder Kokain haben den Markt zugunsten synthetischer Drogen gewendet.
Das Geschäftsmodell dürfte sich auch im Westen durchsetzen – und die Todesfälle in die Höhe treiben, denn synthetische Drogen wirken stärker und effektiver als Heroin. Dabei gefährdet der Konsum nicht nur das eigene Leben, mit jedem Kauf illegaler Drogen unterstützt man das Organisierte Verbrechen.
Prozentual und absolut
Immer drei Nummern größer. Im vergangenen Jahr hat China Sonnenenergie-Anlagen mit einer Kapazität von insgesamt 277 Gigawatt installiert; in einem Jahr mehr als bis dato in den Vereinigten Staaten überhaupt existieren.
Zwischen 2014 und 2024 hat China die Energieerzeugung aus Windkraft verdreifacht, die aus Sonnenenergie gar verdreißigfacht, und produziert heute mehr an Wind- und Sonnenenergie als der Rest der Welt zusammen.
Das sollte die Menschen in Shuozhou beunruhigen. Nahe der 1,6-Millionenstadt im Norden der Provinz Shanxi befindet sich einer der größten Steinkohle-Tagebaue des Landes. Kaum jemand in Shuozhou, dessen Unterhalt nicht direkt oder mittelbar von der Kohleindustrie abhinge. »Die Adern der örtlichen Ökonomie sind schwarz von Kohle«, wie das britische Magazin The Economist formulierte. Ohne Kohle wäre die Stadt wohl am Ende. Und dennoch können deren Bewohner:innen gelassen bleiben.
Zwar geht der Anteil der Kohle an der Energieerzeugung Chinas zurück und liegt derzeit bei 60 Prozent. Das bedeutet aber nicht, dass die Fördermenge gesunken wäre. Im Gegenteil, der Energiebedarf der Wirtschaft wächst so stark, dass der Verbrauch der Kohlekraftwerke noch steigt. Mit 4,8 Milliarden Tonnen liegt der Anteil Chinas an der jährlich weltweit verfeuerten Kohle bei mehr als der Hälfte.
Anders als in anderen Ländern sind Chinas Kohlkraftwerke nicht veraltet. Das Durchschnittsalter der Anlagen beträgt zwölf Jahre, viele mehr sind in Bau. Auch die Kohleförderung ist zum großen Teil auf neuestem Stand. Etliche kleine Minen wurden geschlossen, die großen automatisiert. Ein Tagebau in Xinjiang rühmt sich, seine 300 smarten Förderfahrzeuge von lediglich sechs Angestellten steuern zu lassen.
Insgesamt sind in China 2,7 Millionen Personen im Kohlesektor tätig. Installation und Wartung der Wind- und Solaranlagen erfordern weit mehr Personal. 7,4 Millionen Menschen waren 2023 in diesem Bereich beschäftigt, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor.
Angesichts dieser Entwicklungen ist das von China ausgegebene Ziel, bis 2060 CO2neutral zu sein, zweifelhaft.
Ein Grundrecht
Der Bürokratieabbau schreitet voran, zum Beispiel im U.S. Department of Education. 1300, gut die Hälfte, der Mitarbeiter:innen des Ministeriums wurden schon entlassen, und die Ministerin angewiesen, die Schließung der Behörde vorzubereiten.
Die Maßnahme ließe sich als Konsequenz angesichts eines hervorragenden Bildungsstands des Landes verstehen, doch das Gegenteil ist der Fall. Seit der Covid-Pandemie sind die Testergebnisse für Lesefähigkeit unter den Schüler:innen auf ein Allzeittief eingebrochen. Der Anteil der 13- bis 14-Jährigen, die die unterste Stufe »basic« verfehlen, ist auf Rekordniveau.
Die New York Times versuchte ihren Lesenden die Schwierigkeit solcher Leseschwäche mit folgender Sentenz zu verdeutlichen: »Thesearestudentsforwhomforwhomakingtheirwaythroughtexttheirwaythroughtextfeelslikethis«, entziffert etwa: »Dies sind Schüler, für die einen Text durchzulesen, sich etwa so anfühlt.« Und die würden sich fragen, wie man überhaupt bis zum Ende des Zeitungsartikels kommen sollte, und wie es sein kann, dass anderen Menschen das offenbar ganz leichtfällt, nur einem selbst nicht.
Die Schwäche verleite dazu, so die Times, nur wenige Zeilen lange Texte zu lesen. Aber ohne Hintergrundwissen ergebe ein kurzer Absatz wenig Sinn. Wie stellten es Menschen an, die Welt zu verstehen, wenn sie kaum jedes einzelne Wort verstehen? Lesen sei ein Grundrecht, statuierte das Blatt.
Die OECD verzeichnet einen globalen Rückgang der Lese- und Schreibfähigkeit seit 2017. In den USA habe der Trend 2012 eingesetzt, vor Corona. Heute würden
30 Prozent der US-Bürger:innen auf einem Niveau lesen, das man von einem zehnjährigen Kind erwarte.
Schulkinder mit guten Leistungen schneiden bei den Lesetests nach wie vor gut ab; es sind die Ergebnisse der Schwachen, die kollabieren. Elon Musk, Donald Trumps Effizienz-Beauftragter, hat dem Bildungsministerium knapp eine Milliarde Dollar gestrichen, mit dem Institute bezahlt wurden, die im Auftrag der Behörde Daten über Bildung und Erziehung erhoben und analysierten. Um die Kenntnisvermittlung an den Schulen steht es schlecht, aber die Kenntnis darüber wird sich verlieren.
Trassenführung
Meistens verlief die Reise über Samarkand, doch eine einzige Trasse bildete die alte Seidenstraße nie, eher ein Wegenetz. So auch die neue Seidenstraße, als ›Belt and Road Initiative‹ von Chinas Präsident Xi Jinping 2013 gestartet.
Die Straße existiert in Form verschiedener Schienenwege und als Schifffahrtsroute vom Osten Chinas bis nach Europa, und dient dem Handel, vor allem chinesischen Exporten, aber auch der strategischen Versorgung Chinas mit Rohstoffen aus Zentralasien und Russland – wichtig für den Fall einer militärischen Konfrontation mit den USA.
Die militärische Konfrontation mit den USA blieb bislang aus. Stattdessen führt Russland Krieg gegen die Ukraine, was die Versicherungsprämien für Bahnfracht auf dem sogenannten nördlichen Korridor der Seidenstraße via Russland in die Höhe trieb, zumal Putin kaum noch die Ressourcen auftreiben kann, um die Strecke betriebsfähig zu erhalten.
China verkauft mit Waren im Wert von jährlich rund 500 Milliarden Euro mehr an die EU als an die Vereinigten Staaten.
Der Seeweg durchs Rote Meer liegt seit zwei Jahren unter Huthi-Beschuss. Daher wächst die Rolle des mittleren Korridors, dessen Geleise über Kasachstan, Aserbaidschan und die Türkei verlaufen, wobei zwischendrin noch das Kaspische Meer durchquert werden muss. Durch Ausbau der Häfen und Verbesserungen der Grenzkontrollen konnte die Fahrtzeit nach Europa auf etwa drei Wochen verkürzt werden. Die Frachtkosten liegen gegenüber der 14tägigen Zugfahrt über Russland um ein Drittel höher. Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine bot DHL die Tür-zu-Tür-Zustellung zwischen Hamburg und Shanghai binnen 17 Tagen an, beklagte aber bereits „knappe Schienenkapazitäten“.
Seit Dezember ist nun eine weitere Bahnstrecke im mittleren Korridor in Bau, die durch Kirgistan und Usbekistan abkürzen soll. Der Plan für diese Streckenführung existiert seit 30 Jahren. Doch erst der Krieg gab Anlass zur Realisierung, die einige Jahre in Anspruch nehmen wird.
Die Bahn ist nicht nur schneller als Seefracht, sie erweitert auf der Strecke die Handelsverbindungen verschiedener Länder. Dennoch wird sie die Schifffahrt nie ersetzen können. 55.000 Standardcontainer wurden über den mittleren Korridor 2024 transportiert. Die passen auch in zwei Ultra-Large-Containerschiffe.
Eine einfache Rechnung
Nehmen wir an, Importe aus einem bestimmten Land beliefen sich im vergangenen Jahr auf 500 Millionen Dollar, Exporte dorthin auf 250 Millionen Dollar. US-Handelsbilanzdefizit geteilt durch US-Import, also 250 durch 500 ist gleich 0,5 oder 50 Prozent. Das ist der neue Zolltarif auf Waren aus jenem Land. Eben: auf Waren. Dienstleistungen, für die die USA häufig einen Handelsüberschuss erzielen, lassen wir mit Donald Trump mal unter den Tisch fallen.
Für rund 200 Länder hat Trump die neuen Tarife am 2. April per Erlass festgesetzt. »Lasst eure Zollschranken fallen« rief der Präsident der Welt zu »und kauft für zig Milliarden Dollar amerikanische Waren.«
Das wird in manchen Ländern dann doch wie ein verspäteter Aprilscherz erschienen sein, etwa den 2,3 Millionen Bewohnenden Lesothos, nach Pro-Kopf-Einkommen eines der ärmsten Länder. Außer Textilien, Nahrungsmittel und Schafwolle hat das Land den USA kaum etwas anzubieten. Auf diese Artikel schlagen nun 50 Prozent Zoll auf, da Lesotho zu wenig Boeings und Teslas gekauft hat.
Offenbar ist den Deal-Makern, die nach den Entlassungen durch Elon Musk noch in den Behörden der USA verblieben sind, entgangen, dass die Zahlen der Handelsbilanzen für konkrete Produkte zu konkretem Nutzen stehen, und dass die Produkte der hochindustrialisierten Ökonomien für die ärmere Welt weder erschwinglich noch von Nutzen sind.
Der spitze Bleistift kam sogar für Gebiete zur Anwendung, die kein eigenständiger Staat sind. So konnte sich der Bürgermeister der St. Pierre und Miquelon Inseln, einem französischen Überseegebiet südlich von Neufundland, zunächst nicht erklären, woher die laut US-Angabe rund drei Millionen Dollar an Außenhandelsüberschuss rühren sollten, bis sich herausstellte, dass eine einzelne fette Ladung Heilbutt im vergangenen Jahr in die USA verkauft worden war. Da St. Pierre und Miquelon ansonsten so gut wie nichts in die Vereinigten Staaten exportieren, regt der verhängte Zolltarif von 50 Prozent die rund 6000 Inselbewohner:innen nicht auf.
Die zu Australien gehörende Heard-Insel am Rand des antarktischen Meeres ist mit zehn Prozent Zoll milder weggekommen. Aber auch ein höherer Tarif hätte die das Eiland bevölkernden Pinguine sicherlich kalt gelassen. Menschen leben dort nicht.