Saubere Lösung

Anders als russischen Oligarchen ist es vermögenden Chines:innen nicht vergönnt, sich im Ausland ein schönes Leben zu machen. Lediglich umgerechnet 50.000 Dollar dürfen sie pro Jahr außer Landes bringen. In Manhattan etwa wäre selbst für eine kleine Drei-Zimmer-Altbauwohnung das Zwanzigfache fällig. Das quasi umgekehrte Problem stellt sich Angehörigen mexikanischer Drogenkartelle: Wie die Einnahmen aus den USA nach Hause kriegen? Hilfe bietet eine gut organisierte chinesische Wäscherei.

Die Tradition der Chinese Laundry in den Vereinigten Staaten reicht zurück ins 19. Jahrhundert. Lukrativer als die klassische Kleiderreinigung ist inzwischen allerdings das Waschen von Geld. Grund dafür ist die Entwicklung des internationalen Drogenhandels. Herstellung, Schmuggel und Vertrieb stehen heute nicht mehr unter einem zentralen Kommando, sondern sind vielfach outgesourct. So auch der Zahlungsverkehr.

Der geht so: Die Dealer in den USA übergeben ihre Einnahmen, Taschen voller Bargeld, den chinesischen Geldwäschern, wozu man sich vorzugsweise auf den Parkplätzen von Supermärkten trifft. Die chinesische Geldwäsche-Filiale in Mexiko zahlt den entsprechenden Betrag in Pesos auf das Konto des mexikanischen Kartells, abzüglich zwei Prozent Provision, wie die Zeitschrift Economist angibt. Die nötigen Mittel schöpft die Geldwäsche-Dependance in Mexiko aus legalen Importgeschäften mit chinesischen Waren.

Die in den USA verbliebenen Drogendollar verkaufen die Geldwäscher an vermögende Chines:innen in Amerika. Diese bezahlen aus ihren Geschäften oder Guthaben in China auf die dortigen Konten der Geldwäscher – mit einem kleinen Aufschlag.

Die Geschäftsidee besteht also in beiden Fällen darin, eine internationale Transaktion ohne grenzüberschreitende Zahlungen abzuwickeln. Mit insgesamt vier oder fünf Prozent sollte die Wäscherei rentieren.

Allein die mexikanischen Kartelle erlösen Milliarden Dollar in den USA, zum Teil auch in Kryptowährungen. Welchen Anteil die chinesische Wäscherei an dem Umsatz hat, lässt sich nicht abschätzen. Sicherlich wird sie ihre Dienste auch anderen reichen Interessenten in den USA anbieten, deren Heimatland die Ausfuhr von Bargeld beschränkt. Den Immobilienmarkt in New York, in Beverly Hills und anderswo sollte es beflügeln.

Zwischen Jordan und Meer

Entstehung und Entwicklung des Nahostkonflikts

»Wenn Sie ein Land kolonisieren wollen, in dem bereits Menschen leben, müssen Sie eine Garnison für das Land finden oder einen Wohltäter, der in Ihrem Namen eine Garnison bereitstellt. (…) Der Zionismus ist ein kolonisierendes Projekt, und deshalb steht und fällt es mit der Frage der Streitkräfte«, riet vor hundert Jahren der Publizist Zeev Jabotinsky seinen zionistischen Mitstreiter:innen.

Das Zitat findet sich in Rashid Khalidis im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Buch »Der Hundertjährige Krieg um Palästina«.

Khalidi, Jahrgang 1948, ist Historiker und war Professor für Modern Arab Studies an der Columbia University in New York. Das hier vorgestellte Buch wurde unter dem Titel »The Hundred Years‘ War on Palestine« bereits 2020 publiziert und stellt die Entwicklungen bis ins Jahr 2014 dar. In einem Nachwort vom März 2024 für die deutsche Ausgabe ordnet der Autor die späteren Ereignisse ein.

Die zionistische Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts, in Reaktion auf den virulenten europäischen Antisemitismus, mit dem Ziel der Gründung eines jüdischen Staates. Dem lag die Vorstellung von Jüd:innen als einer Nation zugrunde – ein Konzept, das in vielen Ländern in Überwindung feudaler Herrschaft verfolgt wurde. Im Rekurs auf die Bibel wurde eine Staatsgründung in Palästina angestrebt, obwohl damals dort nur eine Minderheit von Jüdinnen und Juden lebte.

Britisches Mandat

Nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage des Osmanischen Reiches sprach der Völkerbund Großbritannien die Mandatsherrschaft über Palästina zu. Der britischen Regierung erschien es opportun, den Zionismus zu unterstützen. Schon 1917 hatte sie ihr Wohlwollen gegenüber der »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« bekundet. Bezeichnend für die nach dem damaligen Außenminister benannte Balfour-Deklaration sei, so Khalidi, dass die arabische Bevölkerungsmehrheit von etwa 94 Prozent nur als ›bestehende nichtjüdische Gemeinschaften in Palästina‹ erwähnt wurde. Der arabischen Mehrheit »wurden lediglich ›bürgerliche und religiöse Rechte‹ zugesagt, nicht aber politische oder nationale Rechte«. Der jüdischen Minderheit von sechs Prozent dagegen sicherte Großbritannien nationale Rechte zu. Khalidi wertet die Balfour-Deklaration als »eine Kriegserklärung des britis chen Empire« an die Bevölkerung Palästinas.

Während Türken, Iraner, Syrer, Ägypter und Iraker in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ein gewisses Maß an Unabhängigkeit erlangten, entsprechend dem Prinzip nationaler Selbstbestimmung, wie es US-Präsident Wilson und Lenin in der Sowjetunion vertraten, handelte Großbritannien in Palästina nach anderen Regeln. Auch im Mandatstext des Völkerbundes tauchen die Worte Araber und Palästinenser nicht auf. Eine Heimstätte des jüdischen Volkes sollte demnach nicht etwa geschaffen, sondern ›wiederhergestellt‹ werden. »In den Augen der Verfasser des Mandats gehörte die gesamte zweitausendjährige Kultur des Landes aus der osmanischen, mamelukischen, ayyubidischen, kreuzfahrerischen, abbasidischen, umayyadischen, byzantinischen und früheren Zeit zu keinem Volk oder nur amorphen religiösen Gruppe.«

Über seine wissenschaftlichen Analysen als Historiker hinaus, verfügt Khalidi über persönliche Einblicke in die Geschichte Palästinas. Er entstammt einer Familie islamischer Gelehrter und Juristen in Palästina. Sein Großvater gründete 1899 eine bedeutende Bibliothek in Jerusalem. Sein Onkel war einst Bürgermeister der Stadt, sein Vater war als Diplomat tätig. Rashid Khalidi selbst beriet mehrere palästinensische Delegationen.

Die Briten hätten die Palästinen-ser: innen mit der gleichen Herablassung behandelt, die sie anderen unterworfenen Bevölkerungen entgegenbrachten. Doch anders als in den anderen kolonisierten Gebieten brachte das Mandat einen Zustrom ausländischer Siedler:innen mit sich, »die ihr Ziel darin sahen, das Land zu übernehmen«. Bis 1926 hatte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung auf 18 Prozent verdreifacht. Infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland stieg der Anteil bis 1939 auf über 30 Prozent.

Die Ignoranz der Briten gegenüber den politischen Forderungen der arabischen Bevölkerung habe sich 1936 in spontaner Gewalt entladen und ab 1937 als bewaffnete Erhebung der Entrechteten. Mit aller Macht sei das Empire gegen die Aufständischen vorgegangen. »Es war ein blutiger Krieg gegen die Mehrheit des Landes, in dem zehn Prozent der erwachsenen männlichen arabischen Bevölkerung getötet, verwundet, inhaftiert oder ins Exil getrieben wurde.«

Der Imageschaden Großbritanniens in den arabischen Ländern und der Einsatz der Besatzungstruppen an den Fronten des Zweiten Weltkriegs führten 1939 zu einem Kurswechsel und einer Beschränkung jüdischer Immigration.

1942 rief die zionistische Bewegung im Biltmore Hotel in New York, schon damals die Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung, zum ersten Mal offen dazu auf, ganz Palästina in einen jüdischen Staat zu verwandeln, was nicht zuletzt angesichts des Holocaust die Unterstützung der neuen Weltmacht USA fand.

Im Unterschied zu den Zionist: innen, deren Jewish Agency mit Regierungsbefugnissen ausgestattet war, hätten die Palästinenser:innen, geschwächt und uneins nicht zuletzt infolge ihres gescheiterten Aufstands, über keine zentrale staatliche Struktur verfügt, was sich »militärisch, finanziell und diplomatisch als fatale Schwäche« erwies.

Gegen die Absicht Londons, die jüdische Immigration nach Palästina weiterhin zu begrenzen, um die arabischen Führungen in den Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreiches nicht zu brüskieren, setzten die USA durch, die Holocaust-Überlebenden aus den Vertriebenenlagern Europas in Palästina aufzunehmen. Im eigenen Land wollten weder die USA noch Großbritannien diese Menschen haben.

Vereinte Nationen

Aus Empörung über die politische Wende der Mandatsmacht richtete sich die Militanz der jüdischen Bevölkerung Palästinas nun auch gegen die Briten. Es kam zu Attentaten auf Verwaltungsbeamte; ein Sprengstoffanschlag verwüstete 1946 das britische Hauptquartier im King David Hotel in Jerusalem. Wirtschaftlich geschwächt durch den Krieg gegen Deutschland kapitulierte Großbritannien schließlich in Palästina und überließ das Problem den Vereinten Nationen.

Die beschlossen 1947 die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat, was Khalidi als einen »eklatanten Verstoß gegen den in der UN-Charta verankerten Grundsatz der Selbstbestimmung« bewertet. »Die Vertreibung einer ausreichenden Anzahl von Arabern, um einen jüdischen Mehrheitsstaat zu ermöglichen, war die zwangsläufige, unvermeidliche Folge. Wie Balfour keinen Gedanken daran verschwendete, was seine Deklaration für die palästinensischen Araber:innen bedeutete, dachten auch Truman und Stalin, als sie die Resolution 181 durchsetzten, nicht lange darüber nach, was nach dieser Abstimmung mit den Palästinenser:innen geschehen würde.«

Was folgte, war ein Krieg, den Israel gegen Truppen Ägyptens, Syriens, Jordaniens, des Irak und gegen die einheimische palästinensische Bevölkerung gewann, die im Zuge ethnischer Säuberungen und Diebstahls ihres Landes bis 1949 zu etwa 80 Prozent aus dem Gebiet, das zum neuen Staat Israel wurde, vertrieben war und sich zu Hunderttausenden in den Flüchtlingslagern Jordaniens, des Libanons, Syriens und Ägyptens wiederfand. Das Trauma dieses Krieges ging als Nakba, als »Kata-strophe« in das kollektive Gedächtnis der Palästinenser:innen ein.

Seitens der arabischen Regierungen erfuhr die palästinensische Bevölkerung kaum Unterstützung. Zu stark war die Konkurrenz unter diesen jungen Staaten, zu groß der Einfluss Großbritanniens. Und die neuen Supermächte USA und die Sowjetunion taten nichts, um »die Gründung des in der Teilungserklärung vorgesehenen arabischen Staates zu unterstützen«.

Der Gazastreifen sei bereits seit 1947 zum »Schmelztiegel des Widerstands« geworden. »Die meisten Gründungsmitglieder der Fatah und der PLO kamen aus den beengten Verhältnissen des schmalen Küstenstreifens«. Während des Suezkrieges 1956 kam es dort zu Massakern durch israelische Truppen, was in den westlichen Medien kaum erwähnt worden sei. Erst mit der Gründung der Befreiungsbewegung PLO im Jahr 1964 hätten sich die Palästinenser:innen allmählich wieder Gehör verschafft.

US-Engagement

Der Sechs-Tage-Krieg 1967 markiere die Hinwendung Israels zu den USA, womit sich eine neue Achse im Nahen Osten etabliert habe, die bis heute fortbestehe. Es sei die US-Regierung gewesen, die grünes Licht für einen Präventivschlag gegen die Luftstreitkräfte Syriens, Ägyptens und Jordaniens erteilt hätte. Die Resolution 242 des Uno-Sicherheitsrats von November 1967 forderte in einer diffusen Formulierung zwar den Rückzug Israels aus besetzten Gebieten, habe aber de facto erlaubt, »die besetzten palästinensischen und syrischen Gebiete zu kolonisieren und zudem einige von ihnen – Ostjerusalem und die Golanhöhen – formell zu annektieren. (…) Dass die Uno diese Handlungen wiederholt verurteilt hat, aber nicht einmal ein Hauch von Sanktionen oder echtem Druck auf Israel erfolgte, wirkte sich im Lauf der Zeit als eine stillschweigende internationale Akzeptanz dieser Handlungen aus. (…) Und wie bei der Balfour-Erklärung wurden Palästina und die P alästinenser in diesem Schlüsseldokument mit keinem Wort erwähnt.«

Ebenso hätten sie im Camp-David-Abkommen und im Friedensvertrag zwischen Israel und Ägyptern 1979 keine Rolle gespielt. Ministerpräsident Menachem »Begin und seine Nachfolger im Likud, Jitzchak Schamir, Ariel Scharon und dann Benjamin Netanjahu, stellten sich unerbittlich gegen eine palästinensische Staatlichkeit, Souveränität oder Kontrolle des besetzten Westjordanlands und Ostjerusalems (…) und hielten daran fest, dass das gesamte Palästina allein dem jüdischen Volk gehöre und dass ein palästinensisches Volk mit nationalen Rechten nicht existiere.«

Kritisch nimmt Khalidi die PLO in den Blick, auf deren verfehlte Politik unter anderem die Gründung der Hamas 1987 und deren Aufstieg zurückgehe. Ihr Exil in Tunis, von 1982 bis 1994, habe die Organisation ebenso selbst verschuldet. »Das Verhaltensmuster der Widerstandsbewegung – ihre Feinde rücksichtslos zu provozieren, ihre Gastgeber zu entfremden und schließlich (wie aus Jordanien im Schwarzen September 1971, LP21-Red.) vertrieben zu werden – sollte sich elf Jahre später in Beirut wiederholen.«

Auch der international gefeierte, zwischen 1993 und 1995 mit der PLO in Oslo ausgehandelte Kompromiss habe Israel nicht gehindert, mit Landnahme und Verdrängung der Palästinenser:innen fortzufahren.

Die konsequente palästinensische Perspektive des Buches verhilft zu einem besseren Verständnis des Konflikts. Der ist aber auch Resultat einer historischen Tragödie, die Khalidi kaum in den Blick nimmt: Die Erfahrungen von Diskriminierung, Vertreibung und Pogromen, denen Juden und Jüdinnen über Jahrhunderte wieder und wieder ausgesetzt waren, kumulierten in latenter Verzweiflung, die der jüdische Staat nach dem Holocaust in Entschlossenheit und Aggressivität wendete.

Wenn Israel als einzige Demokratie des Nahen Ostens gilt, so ist sie zugleich die letzte Kolonialmacht im Nahen Osten, deren Sinn allerdings nicht die Ausbeutung der Indigenen ist. »Der Kolonialismus, dem wir unterworfen sind, ist einzigartig, weil sie keine Verwendung für uns haben. Der beste Palästinenser für sie ist entweder tot oder verschwunden«, bemerkte der Literaturwissenschaftler Edward Said vor 30 Jahren.

Der Liebe Unterpfand

Der Mann hat es nicht leicht. Besonders der chinesische Mann, und ganz besonders, wenn er heiraten will. Denn laut einer Studie in der Zeitschrift Demographic Research steht dem Mann im besten Heiratsalter nur eine 84-prozentige Frau gegenüber. Realistischer ausgedrückt, auf 119 Männer entfallen 100 Frauen, wie gesagt im besten Heiratsalter. Die Jungs müssen sich also ins Zeug legen – und ins Mittel. Denn anders als in den meisten Ländern, wo im Zuge steigender Einkommen die Sitte, einen Brautpreis zu zahlen, verschwunden ist, hält man in China an der Praxis fest.

Die Lockdowns während der Corona-Pandemie und der anschließende Zusammenbruch der Immobilienbranche haben die Chinesinnen und Chinesen verunsichert und viele um ihr Erspartes gebracht. Man schränkt sich folglich ein mit dem Ergebnis, dass die Preise auf breiter Front fallen. Das Land befindet sich seit gut zwei Jahren in einer Deflation.

Fast alles wird billiger, doch die Bräute bleiben teuer, nicht nur dem allgemeinen Trend, sondern auch dem Gesetz zum Trotz, das die Forderung von Geld oder Geschenken im Rahmen einer Eheschließung verbietet.

Seit ihrer Machteroberung agitiert die Kommunistische Partei gegen die Jahrhunderte alte Tradition »feudaler Extravaganz«. Vergebens, nach wie vor gehören intensive familiäre Verhandlungen zu den Hochzeitsvorbereitungen. In manchen Gegenden geht das Geld an das junge Paar, in anderen an die Brauteltern. Die durchschnittlichen Preise schwanken je nach Region zwischen 40.000 und 115.000 Yuan, was 5000 bis 16.000 Dollar entspricht, können aber auch 50.000 Dollar oder mehr betragen.

Lagen die Brautpreise auf dem Land, wo die Einkommen niedriger sind, bis vor fünfzehn Jahren deutlich unter denen in den Städten, so haben sie sich inzwischen angeglichen, was ärmere Familien überfordert.

Kommt es zur Trennung, so entsteht Streit um die Höhe der Rückzahlung, oft vor Gericht. Und es kommt seit Jahren immer häufiger zu Trennungen. Die Scheidungsrate ist im internationalen Vergleich hoch, die Zahl der Eheschließungen nimmt ab. Es sind vor allem die jungen, gut ausgebildeten Frauen, die zugunsten ihrer Selbstbestimmung auf feudale Extravaganz pfeifen. Und das ist den Patriarchen in Partei und Regierung auch wieder nicht recht.

Technischer Fortschritt

Port Sudan, mehr als tausend Kilometer fern vom Kriegsgeschehen, schien ein sicherer Ort. Doch dann explodierten Anfang Mai an sechs aufeinanderfolgenden Tagen Treibstoffdepots, Hangars und Hafenanlagen. Es waren Drohnen, gestartet von den sogenannten Rapid Support Forces (RSF), und die schlugen nicht nur in der Stadt am Roten Meer mit über einer halben Million Einwohner:innen ein, sondern auch als Nachricht über eine der schrecklichsten Konfliktregionen der Welt.

Jahrzehnte des Sezessionskriegs in Südsudan, Kämpfe und Vertreibung in Darfur, Staatsstreich in Khartoum, und seit April 2023 kämpfen die RSF gegen die Regierungstruppen um die Macht in Sudan – die Medien in Europa und Amerika schienen längst das Interesse als auch den Überblick verloren zu haben.

Dass die berüchtigten RSF-Milizen ihre Pferde inzwischen durch Pickups samt starker Geschütze ersetzt hatten, war bekannt. Dass sie jetzt aber auch über weitreichende Präzisionswaffen verfügten, gab zu denken.

Die rasche Entwicklung der Waffentechnik, die wir im Ukrainekrieg Putins verfolgen können, gibt auch den Warlords anderswo Mittel an die Hand, vor allem in Afrika. Denn die neuen Waffen sind billig und einfach zu bedienen. Über Jahrzehnte wurden die Kriege in Afrika im Wesentlichen von leichten Infanterieeinheiten zu Lande geführt. Luftstreitkräfte wären zu teuer und zu komplex gewesen. Drohnen können einen entscheidenden Vorteil bedeuten. Aber ihr umstandsloser Einsatz – große Rekrutierungen von Mannschaften sind nicht erforderlich – birgt die Gefahr vermehrter Kriegsausbrüche.

Schon 2023 hatten 30 afrikanische Regierungen Drohnen gekauft. Waren bis 2022 nur wenige Drohnenangriffe im gesamten Kontinent verzeichnet worden, zählte das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) im folgenden Jahr schon gut 200, und 2024 sogar 484 Einsätze mit mehr als 1200 Todesopfern.

Das bevorzugte Modell ist die türkische Bayraktar TB2 zum Stückpreis von rund fünf Millionen Dollar. Die Ausgaben können sich lohnen. Als die Tigray-Rebellen 2021 vor der Äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba standen, rettete die Regierung ihr Vorrat an Drohnen, mit denen sie die Nachschubwege der Angreifer zerstörte. »Wir hätten Adis leicht erobern können«, zitiert der Economist einen Nachrichtenoffizier aus Tigray. »Es waren die verdammten Drohnen. Wir hatten keine Möglichkeit, sie abzuschießen«.

Kupferdraht

Seit 1903 wird im Bingham Canyon geschürft. 275.000 Tonnen reinen Kupfers werden pro Jahr aus der 1200 Meter tiefen Grube im US-Bundesstaat Utah gewonnen. Die Miene ist die letzte im Land, die den gesamten Produktionsprozess einschließt.

Die USA sind nach China zweitgrößter Verbraucher von Kupfer, und importieren knapp die Hälfte ihres Bedarfs, hauptsächlich in verarbeiteter Form als Röhren oder Kabel. Bis in die 1960er Jahre waren die USA weltgrößter Produzent von Kupfer. Und so soll es wieder werden, wenn es nach Donald Trump ginge.

Dazu hat er alle Importe des roten Metalls mit einem Zolltarif von 50 Prozent belegt. Doch was auf den Import zielt, wirkt sich auch auf den inländischen Handel aus. Bereits auf die Ankündigung der Zollerhebung hat die Industrie mit Hamsterkäufen reagiert und den Preis des im Land gelagerten Kupfers in die Höhe getrieben. Das kommt zunächst dem heimischen Bergbau zugute. Aufgrund der erwarteten Teuerung wurden die Bestände des größten US-Kupferproduzenten, Freeport McMoRan, plötzlich höher bewertet, und daher auch das Unternehmen insgesamt zur Freude von Vorstand und Aktionär:innen.

Dass aber der hohe Zoll eine Ausweitung der Kupferproduktion in den USA bewirken wird, ist nicht wahrscheinlich. Eine Lagerstätte zu erschließen dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und ist in den USA etwa dreimal teurer als an anderen Fundorten, wie der Economist schätzt. Mit der Förderung der Erze ist es nicht getan, auch die Kupfer-Raffinierung ist kapitalintensiv. Allein ein Schmelzofen von rentabler Größe kostet etwa drei Milliarden Dollar. Welches Unternehmen wollte derart hohe und langfristige Investitionen riskieren unter einem Präsidenten, der seine Zollpolitik alle paar Monate ändert.

Die amerikanischen Autobauer trifft der hohe Kupferpreis hart. In jedem konventionellen Fahrzeug sind 20 Kilogramm des roten Metalls verbaut, in E-Autos noch mehr. Und ausgerechnet der fortgeschrittensten Branche wirft Trump Steine in den Weg, denn bis zu 3000 Tonnen Kupfer benötigen große Datenzentren. In den KI-Netzwerken von Nvidia, dem führenden Unternehmen modernster Informationstechnik, stecken meilenweise Kupferkabel.

›Make Copper Great Again‹ wird nicht funktionieren. Die Industrie des vergangenen Jahrhunderts wird Trump nicht zurückholen.

K-Pop

Millionen Fans weltweit waren erleichtert, als Sugas Sozialdienst endete und BTS wieder komplett war. Er war der letzte der siebenköpfigen Boygroup, der wieder ins zivile Leben trat. In Südkorea besteht Wehrpflicht. Die anderen Bandmitglieder hatten den 18monatigen Militärdienst bereits absolviert. Zuvor hatte BTS mehrere Guinness-Rekorde aufgestellt und wurde schon als größte Pop-Band der Welt gefeiert. Die über 40.000 Karten ihres ersten Stadionkonzerts in den USA waren in 20 Minuten verkauft.

Südkorea ist nicht nur ein starker Exporteur von Elektronik, Autos und Schiffen, sondern auch von Popkultur. Der Tony Award »bestes Musical« und fünf weitere Tonys gingen dieses Jahr an »Maybe Happy Ending«, das von zwei Helperbots (Service-Roboter) in Seoul erzählt. Den Literatur-Nobelpreis 2024 gewann Han Kang, deren bekanntester Roman »Die Vegetarierin« ist, und Kim Ho-Yeons Roman »The Second Chance Convenience Store«* kündigt der englische Verlag als »No. 1 International Bestseller« an.

»Parasite« erhielt 2020 als erster fremdsprachiger Film den Oscar für den besten Film. »Gangnam Style« kam 2012 als erstes Video auf über eine Milliarde YouTube-Abrufe.

Von einer Kulturwelle, Koreanisch ›Hallyu‹, ist die Rede, die in den 1990er Jahren ihren Anfang nahm, als südkoreanische Soaps in China und Japan populär wurden. Die Zahl der Fashion-Follower wächst. Die Leute wollen die Speisen probieren, die die Stars essen, das Makeup tragen, das ihre Vorbilder benutzen, und sogar die Sprache lernen.

Die südkoreanischen Celebrities erscheinen durchweg mit makelloser Haut, was für deren Pflegeprodukte zu sprechen scheint. Der Export südkoreanischer Kosmetika stieg 2024 um 20 Prozent auf zehn Milliarden Dollar. Die USA importierten im vergangenen Jahr mehr Kosmetika aus Südkorea als aus Frankreich. Im ersten Halbjahr 2025 stiegen die K-Beauty-Exporte weiter an. Dabei half im April Präsident Trumps Ankündigung, südkoreanische Importe mit 25 Prozent Zoll zu belegen, was die Konsumentinnen veranlasste, Vorräte anzulegen. Drei Monate später reduzierte Trump den Tarif auf 15 Prozent.

Bislang waren die Kosmetika aus Südkorea preisgünstiger als die US-Produkte, dennoch seien sie den amerikanischen qualitativ überlegen, wie einige Kundinnen der New York Times versicherten, weshalb sie die auch in Zukunft kaufen würden.

* Liegt auch auf Deutsch vor als »Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen«.

Wertstoffsammlung

Die »militärische Spezialoperation«, mit der Wladimir Putin im Februar 2022 Kiew quasi im Handstreich nehmen und die ukrainische politische Führung liquidieren wollte, zieht sich im dritten Jahr und fordert ständigen Ersatz der Verluste an Truppen und Waffen. Im April dieses Jahres veranschlagte die Nato die Zahl der toten und verwundeten russischen Soldaten auf etwa 900.000.

Die Rüstungsbetriebe in Russland arbeiten unter Hochdruck, um Munition und anderes Kriegsmaterial nachzuliefern. Dazu sind sie auf die Versorgung mit industriellen Vorprodukten, Maschinen und Maschinenteilen angewiesen, zumal laut Schätzung des Economic Security Council of Ukraine (ESCU) nahezu zwei Drittel der Anlagen alt und marode sind. Vor allem auf den Import computergesteuerter Maschinen ist Russland angewiesen. China ist inzwischen wichtigster Handelspartner Russlands und liefere 80 bis 90 Prozent des industriellen Equipments. CNC-Ausrüstungen, computergesteuerte Werkzeugmaschinen, deren Weiterverkauf durch westliche Sanktionen beschränkt ist, bezieht China größtenteils selbst noch aus dem Ausland. Einige chinesische Firmen sind von den Restriktionen nicht betroffen oder handeln über Drittstaaten mit Russland. 340 chinesische Firmen hätten nach ESCU-Recherchen 2023 und im ersten Vierteljahr 2024 westliche Maschinerie im Wert von rund 570 Millionen Dolla r an Russland geliefert. Und von den 30 größten westlichen Produzenten von CNC-Maschinen unterhielten 22 Fabriken in China.

Im Gegenzug kauft China russisches Öl und Gas. Außer Rohstoffen hatte Russland ausländischen Kunden kaum jemals anderes zu bieten. Doch nun hat Putin das Angebot erweitert – um den Schrott vom Schlachtfeld. Begehrt seitens China scheinen die Reste amerikanischer präzisionsgesteuerter Raketen, europäischer Cruise-Missiles und anderen Hightech-Kriegsgeräts zu sein, mittels derer sich die fortgeschrittenste Technologie erkunden lässt.

Solche Überlassung wertvollen Forschungsmaterials ist vermutlich der Not geschuldet, denn die zunehmende Abhängigkeit von China bereitet der politischen und militärischen Elite in Moskau Kopfzerbrechen. Neben allen Freundschaftsbekundungen gegenüber dem starken Partner im Südosten hat der russische Geheimdienst eine Reihe von Wissenschaftler:innen verhaftet – wegen angeblichen Geheimnisverrats an China.

DDR erzählt

Ein Gesellschaftsportrait als Roman

Mit Studien zu Shakespeare hat Benaja Kuckuck, junger Professor in Tübingen, international Renommee gewonnen. Da er einen jüdischen Vater hat, muss er die Universität 1935 verlassen. Wenig später kann er seine Lehrtätigkeit in Sheffield fortsetzen.

Kuckuck ist eine der tragenden Personen in Christoph Heins Roman »Das Narrenschiff«, der im März erschienen ist. Die Erzählung folgt einem knappen Dutzend Figuren, sämtlich Bürger:innen der DDR, durch die Geschichte ihres Staates.

In Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg tritt Kuckuck, so erzählt es Hein, der Auslandssektion der KPD in England bei.

Seine Bewerbungen auf eine Professur in Deutschland nach dem Krieg bleiben erfolglos, im Westen aufgrund seines politischen Engagements, ebenso im Osten, wo er als »Kosmopolit« gilt. Schließlich überträgt ihm der DDR-Kultusminister die Leitung des Referats Kinder- und Jugendfilm. Dort hat er die Linientreue der eingereichten Produktionen zu beurteilen. Seine Stellvertreterin sieht ihm auf die Finger.

Genießen kann Kuckuck die Auslandsreisen, die ihn in den 1950er Jahren, im Rahmen der Zusammenarbeit mit den dortigen Kinderfilmstudios, nach Moskau, Warschau und Prag führen. Während er seine Homosexualität zuhause verheimlicht, überrascht ihn die Freizügigkeit in Polen.

Zurück in der DDR, hat er der Hauptverwaltung Film zu berichten, die sich aber für seine Ausführungen über die polnischen Kinderfilme nicht interessiert, stattdessen wissen will, ob im Fall einer Kooperation ostdeutsche Mark akzeptiert würden. Nachdem Kuckuck klargestellt hat, dass er zu geschäftlichen Verhandlungen nicht befugt war, wird er knapp verabschiedet im Zweifel, ob ihm Dank oder Missbilligung zuteilwurde.

Die kurze Episode ist einem Kapitel des großen Romans entnommen. Für alle auftretenden Personen geht es darum, sich Freiräume zu schaffen, ohne der Parteiführung ins Gehege zu kommen. Selbst einen strammen Parteisoldaten kann ein Wort, vorgebracht in bester Absicht, die Karriere kosten, sofern es als Kritik verstanden wird.

Häufig verzweifeln Heins Protagonist:innen an den Entscheidungen leitender Genossen, die Parteilosungen »nachbeten, als seien sie eherne Gesetze der Wirtschaftswissenschaft«.

Wie sogar im Freundeskreis der Druck zur Anpassung wirkt, macht Hein verstehbar, und es gelingt ihm, die emotionale Lage der Menschen und die Atmosphäre in der DDR auch diejenigen Lesende verspüren zu lassen, die nicht in dem Land gelebt haben.

Die Bedeutung von Chruschtschows Abrechnung mit Stalin im Jahr 1956 wird vielen Lesenden bewusst sein. Welches Ausmaß aber der Schock infolge dieses Parteitags der KPdSU auch in der DDR erreichte, das vermittelt das »Narrenschiff« eindrucksvoll.

In der zweiten Hälfte des gut lesbaren Werks überlagern sich einige Erzählstränge, so dass die Chronologie irritierend hin und her springt.

Mit den historischen Fakten geht Hein recht eigenwillig um. Die angebliche Beibehaltung der Preise von 1920 in der DDR unterschlägt zum Beispiel die Inflation von 1923 und mehrere sozialistische Preisreformen nach 1945. Eine Briefkorrespondenz Ferdinand Lassalles datiert der Roman auf 1865, da war Lassalle schon tot. Auf eine Anfrage von Lunapark21 nach Belegen für die überraschende Textpassage, in der sich Walter Ulbricht 1948 für eine Abtretung Schlesiens an die DDR ausspricht, erklärte der Autor, das habe er bei Johannes R. Becher gefunden und riet uns: »Vertrauen Sie nicht zu sehr den Historikern, die seit zweihundert Jahren uns einreden wollen, sie seien für die Geschichte und Geschichtsschreibung zuständig.«

Worüber redet, wer über Migration redet?

Das beantwortet Ludger Pries

»Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.«

General Harras in Carl Zuckmayers Drama »Des Teufels General«

»Deutschland kann schließlich nicht alle Flüchtlinge aufnehmen«, lautet ein häufig geäußertes Argument. Durchaus richtig. Und das braucht Deutschland auch nicht. Die meisten ›Fluchtmigrierenden‹, so der Fachterminus, bleiben ohnehin in ihren Herkunftsregionen. Gemessen an der Zahl der Geflüchteten im Land lag Deutschland mit knapp 2,4 Millionen im Jahr 2022 hinter Somalia international an 16. Stelle. 

Obwohl Ein- und Auswanderung die meisten in Deutschland Ansässigen in ihrem Lebensumfeld kaum berührt, wird kein Thema derart aufgeregt diskutiert wie Migration. Der Debatte mangelt es an Sachkenntnis. Substanzielle Hilfe bietet der Soziologe Ludger Pries mit seinem Anfang 2025 erschienenen Band »Migration. Warum man sie nicht steuern kann – aber verstehen und mitgestalten«.

Migration und die Vermischung von Menschengruppen unterschiedlicher Herkunft seien, konstatiert Pries, eine seit Jahrtausenden eingeübte menschliche Praxis, was die Vorstellung von ›Volk‹, die erst mit der Etablierung von Nationalstaaten bedeutend wurde, fragwürdig macht.

Die meisten Maßnahmen der Politik zur Migrationssteuerung seien von Unkenntnis gekennzeichnet, auch infolge älterer Forschung, die die Migrierenden selbst entweder ausgeblendet oder als individualisierte Nutzenmaximierer angesehen habe.

Die Entscheidung zur Migration werde aber fast immer in größeren sozialen Netzwerken von Familien und Freunden getroffen. Aus verschiedenen Faktoren zwischen Herkunfts- und Zielland und den Erwartungen und Voraussetzungen der Migrierenden entstehe eine Eigendynamik von Migrationsbewegungen, die durch schlichte, wenn auch drastische Förder- oder Abwehrmaßnahmen kaum zu beeinflussen sei. Manche Maßnahmen erzielten sogar die gegenteilige der beabsichtigten Wirkung. So führte der Anwerbestopp von ›Gastarbeitern‹ 1973 nicht zu vermehrter Rückwanderung aus der Bundesrepublik. Angesichts einer plötzlich fraglichen Wiedereinreise verzichteten viele auf den Heimatbesuch und holten stattdessen ihre Familie in die neue Heimat nach.

Willkommenskultur

Drakonische Grenzverstärkungen würden die Zahl der Migrant:innen nur geringfügig beeinflussen, führten aber zu höheren Schleuserpreisen, zu gefährlicheren Routen und mehr Toten. Umgekehrt zeigten auch Er-
leichterungen kaum Wirkung. So lasse sich kein statistisch signifikanter zeitlicher Zusammenhang zwischen Merkels Aussage »Wir schaffen das« und der Dynamik syrischer Flüchtlingsankünfte feststellen. Ebenso sei das propagierte Narrativ, Migrierende wollten in das deutsche Sozialsystem einwandern, irrig: »Niemand verlässt seine Heimat in der Erwartung, wo-
anders vom Staat alimentiert zu wer-
den.« In der Regel seien die Bestimmungen zu sozialen Sicherungsleistungen Migrierenden gar nicht bekannt.

Zu unterscheiden sind Fluchtmigration, Arbeitsmigration, Bildungsmigration und Familiennachzug. Diplomaten, Spitzensportler und Hochqualifizierte hätten fast überall auf der Welt freies Geleit. Versuche der Steuerung richteten sich vor allem auf Flüchtlinge, niedrig Qualifizierte sowie kulturell und ethnisch Andere, wobei allzu oft die eingegangenen rechtlichen Verpflichtungen außer Acht gelassen werden, etwa die Genfer Flüchtlingskonvention, die Menschenrechte, das Europarecht, die EU-Massenzustrom-Richtlinie, die Uno-Kinderschutzkonvention, der in Deutschland geltende Grundsatz des Schutzes der Familie und der Familienzusammenführung, und der Schutz von Minderjährigen. Insofern könne »Migrationskontrolle eigentlich nur unter diktatorischen und menschenverachtenden Bedingungen ins Werk gesetzt werden«.

Viele EU-Länder haben Interesse an Einwanderung, andere Länder an Auswanderung, um ihren Arbeitsmarkt zu entlasten und Transferzahlungen zu erlangen. Zwischen 1970 und 2020 hat sich die Zahl der international Migrierten verdreifacht. Geldrücküberweisungen sind dreimal höher als sämtlich geleistete Entwicklungshilfe. Für Tadschikistan, Gambia, Honduras und viele andere Länder machen diese Zahlungen ein Viertel ihres Bruttoinlandsprodukts aus. »Diese Geldüberweisungen spiegeln wider, wie sich die familiären (Über)Lebensstrategien über den gesamten Globus spannen« und ein quasi transnationales Sicherungssystem erschaffen.

Wie überwindet
man Grenzen?

Wie gelangt man durch fremde Länder? Wie kommt man durch? Migrierende haben fast immer Unterstützung, antwortet Pries, durch Familiennetzwerke, durch zivilgesellschaftliche Organisationen, die Ressourcen, Beratung und Kontakte vermitteln, bis zu organisierten Kriminellen, die gefälschte Ausweise bereitstellen und illegale Grenzübertritte ermöglichen.

Letzteren, da scheinen sich Politiker:innen aller Couleur einig, müsse das Handwerk gelegt werden. Menschenschmuggler werden solche Personen genannt. Als es noch die DDR gab, sprachen die Westdeutschen von Fluchthelfern und feierten sie als Helden.

Menschenschmuggel wird in einigen Regionen als gut organisiertes, brutales kriminelles Geschäft betrieben, das seine günstigsten Bedingungen findet, wo die staatlichen Abwehrmaßnahmen gegen Migrierende besonders hart sind. Der vorgebliche Kampf gegen Schleuserbanden wird aber häufig zur Kriminalisierung jeder Form von Solidarität oder Unterstützung für Schutzsuchende missbraucht.

Illegalität ist nicht nur Teil der Migration. Etliche staatliche Maßnahmen zur Abwehr von Einwanderung dürften ebenfalls als ungesetzlich gelten: etwa die Grenzverstärkungen an der polnisch-belarussischen Grenze, die Pushbacks von Flüchtlingen auf der Balkanroute und in Griechenland, unterlassene oder verzögerte Rettung aus Seenot, Pushbacks durch Frontex, die Folgen des Migrationsabkommens mit Tunesien, die Finanzierung der sich gesetzloser Mittel bedienenden libyschen Küstenwache durch die EU, an Misshandlung grenzende Bedingungen in Aufnahmelagern, Vorenthaltung von Menschenrechten infolge nicht funktionierender Asylverfahren.

Und was legal ist, ist nicht immer gerecht, wie die Abwerbung von medizinischem Personal zum Nachteil des Herkunftslandes oder die organisierte Nicht-Verantwortung innerhalb der EU, die die Genfer Flüchtlingskonvention unterläuft.   

Weltweit leben 3,6 Prozent der Menschen außerhalb ihres Herkunftslands. Das mag wenig erscheinen, aber hinter jeder Person steht ein Vielfaches an Menschen, die betroffen sind, etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung, schätzt Pries. Dabei ist die interne Stadt-Land-Migration noch nicht einmal mitgerechnet. Infolge wachsender Ungleichheit, bewaffneter Konflikte, des Klimawandels und einer raschen Alterung in den Gesellschaften der reichen Staaten wird die Migrationsdynamik zunehmen. Ohne Zuwanderung wird die Zahl der Erwerbsfähigen in der EU bis 2060 von 300 Millionen auf 220 Millionen sinken.

Uno und Weltbank fordern denn auch Management statt Kontrolle von Migration. Der Wahlkampf zum Deutschen Bundestag und der Koalitionsvertrag weisen in die falsche Richtung, weshalb dem Buch von Ludger Pries eine weite Verbreitung zu wünschen ist.

Der Autor, Jahrgang 1953, ist Seniorprofessor an der Ruhr Universität Bochum und Mitglied des Rats für Migration. Sein lesenswertes Buch bietet keinen erzählerischen Faden, sondern ist als Fachpublikation nach wissenschaftlichen Kriterien strukturiert und mit vielen Querverweisen versehen. Diese allerdings führen durchweg in die Irre. Vermutlich wurde die Nummerierung der Kapitel nachträglich geändert, die entsprechende Korrektur der internen Verweise aber vergessen. Mit einiger Mühe findet man sich dennoch durch.

Großer Steuermann

Staatspräsident Xi Jinping zwingt Chinas Wirtschaft auf Kurs

Sollten Sie demnächst Urlaub in China machen, planen Sie einen Abstecher nach Pingyao ein. Die 40.000-Einwohner-Stadt südwestlich von Peking zählt mit ihrer Ming-zeitlichen Stadtmauer und der historischen Altstadt zum Weltkulturerbe. Im Januar 2022 besuchte sogar Staatspräsident Xi Jinping den geschichtsträchtigen Ort.

Im Zentrum der Visite stand allerdings weniger die Architektur als vielmehr die Rishengchang-Bank. 1823 gegründet, ist sie die älteste Bank Chinas, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete der Ort das Finanzzentrum des Reiches. Diesen Rang hat Pingyao längst an die chinesischen Küstenstädte verloren, vor allem an Hongkong und Shanghai, nicht zuletzt durch den Einfluss der westlichen Kolonialmächte.

Die Rishengchang-Bank ist ein Symbol und steht für Tradition, für konfuzianische Werte von Sparsamkeit, Disziplin und Ehrerbietung gegenüber der Regierung. Darum kam Xi, und er betonte, dass die einstige Kultur ehrbarer Kaufleute dem heutigen China als Beispiel dienen solle.

Xi meinte es ernst. Schon 2020 ließ er den Börsengang des größten Finanzkonzerns des Landes stoppen und dessen Chef Jack Ma aus dem Verkehr ziehen.1 Ende 2023 erklärte Xi, die »marxistische Finanztheorie« müsse den spezifischen Realitäten des heutigen Chinas angepasst werden, was als eine Abkehr von den vier Jahrzehnte gültigen Paradigmen Deng Xiaopings verstanden wurde. Die Antikorruptionsagentur des Landes verordnete Bankern, ihren »hedonistischen« Lebensstil aufzugeben. Sie sollten ihr »elitäres« Denken korrigieren und nicht länger dem Westen huldigen.

Doch der restriktive Eingriff in den Kapitalmarkt wie auch der moralische Ordnungsruf verunsicherten inländische Unternehmer und ausländische Investoren. Im Februar dieses Jahres lud Xi bedeutende Firmenchefs zu einem Symposium nach Peking, wo er seine Unterstützung des privaten Unternehmertums bekundete. Wie zum Beweis der geänderten Windrichtung saß Jack Ma in der ersten Reihe. Dem Gründer von DeepSeek, Liang Wengfeng, der die Welt mit seinem KI-Modell überraschte, reichte der Präsident sogar die Hand.

Ambiguitäten

Die der kapitalistischen Wirtschaft inhärente Dynamik stellt eine latente Gefährdung des Führungsanspruchs der Kommunistischen Partei dar. Die liberalisierte Wirtschaft hat seit den Reformen Dengs zu einer enormen Kapitalkonzentration in privater Verfügung geführt, so dass, wollte man es dialektisch fassen, ökonomische Macht in politische umschlägt. Die chinesische Führung findet sich mit demselben Dilemma konfrontiert wie schon die sowjetische in den 1920er Jahren, und nach ihr andere sich kommunistisch nennende Regime: Jede Liberalisierung zur Überwindung wirtschaftlicher Stagnation untergrub irgendwann das staatliche Machtmonopol, so dass die Liberalisierung wieder kassiert wurde und mit ihr der ökonomische Aufschwung.

Nun ist die Marktwirtschaft in China längst weit fortgeschritten, eine Umkehr weder möglich noch erwünscht. Doch die zunehmend privaten Entscheidungen darüber, in welchen Bereichen die größten Investitionen getätigt wurden, der Zugriff chinesischer Konzerne auf ausländisches Kapital, als auch deren Verfügung über Personendaten, die – dank E-Kommerz und Online-Banking – die Kenntnisse staatlicher Dienste übertrafen, all das erkannte die Parteiführung als Entwicklungen, die ihrer Kontrolle entglitten.

So ist die freundliche Unterstützung, die Xi den Konzernbossen signalisierte, keineswegs als ein Einknicken zu verstehen. Zuvor hatte er Börsengänge im Ausland beschränkt, die Parteikomitees in den Unternehmen gestärkt, sowie Datenerhebung und -transfer gesetzlich geregelt. Startups sind inzwischen vermehrt auf staatliche Beteiligung verpflichtet, die an andere Vorgaben geknüpft ist als private. Zum Ende des Symposiums entließ der Staatspräsident die Teilnehmer mit der Mahnung, ihre Wurzeln nicht zu vergessen.

Parteiintern hält Generalsekretär Xi sämtliche Fäden in der Hand. Staatspräsident seit 2013 – die verfassungsmäßige Amtszeitbegrenzung ließ er 2018 aufheben –, verfügt der 72-Jährige über eine autokratische Machtfülle wie vor ihm wohl nur Mao.

Einen gewissen Einblick in die Regierungsgeschäfte gewährte einst die live übertragene Pressekonferenz des Premierministers zum Schluss des jährlich stattfindenden Nationalen Volkskongresses, gepflegte Tradition seit den 1980er Jahren. Die Veranstaltung wurde von den Regierungschefs wiederholt auch zu verhalten kritischer Reflexion genutzt, was als Distanzierung gegenüber der Parteispitze interpretiert werden konnte und die Beliebtheit mancher Ministerpräsidenten in der Bevölkerung erklärt. Nach dem Antritt des amtierenden Premiers Li Qiang vor zwei Jahren wurde die Pressekonferenz abgesagt. Stattdessen verlas Li 2024, wie auch in diesem Jahr, den »Arbeitsbericht der Regierung« vor den rund 3000 Delegierten in der Großen Halle des Volkes.

Für das Wirtschaftswachstum verkündete er ein Ziel von um die fünf Prozent, der Militärhaushalt soll wie im Vorjahr um gut sieben Prozent, die Ausgaben für Wissenschaft sogar um acht Prozent steigen. Und die Konsumausgaben sollen erhöht werden, ein Vorhaben, das chinesische Politiker seit 20 Jahren ankündigen. Dennoch stagniert der Anteil des Konsums am Bruttoinlandsprodukt bei mageren 55 Prozent. In den USA lag er im Jahr 2023 bei 80 Prozent, und selbst die deutsche Exportnation übertraf China um fast 20 Prozentpunkte.

Die Verbraucher:innen zu vermehrten Ausgaben zu bewegen, dürfte schwerfallen. Die Lockdowns während der Corona-Pandemie und der Zusammenbruch der Immobilienwirtschaft 2022 haben viele Chines:innen den Job oder die Ersparnisse gekostet. Die Menschen haben Vertrauen verloren, bleiben pessimistisch und halten ihr Geld zusammen. Eine Jugendarbeitslosigkeit von 15 Prozent drückt die Stimmung zusätzlich.

Den Konsum durch höhere staatliche Sozialausgaben zu heben, scheint die Regierung nicht in Betracht zu ziehen, obwohl das Rentensystem viele Menschen unversorgt lässt, und die Krankenversicherung nur eingeschränkt für medizinische Leistungen aufkommt. Eine solide Behandlung auf aktuellem wissenschaftlichem Stand bieten nur wenige Kliniken, und nur zu hohen Kosten.2

Prioritäten

Wenn die regierungsamtlichen Aussagen auch darauf hindeuten, dass die geringen Konsumausgaben inzwischen als Problem ernst genommen werden, so liegt das Gewicht staatlicher Steuerung doch nach wie vor auf Ausbau und Modernisierung der Industrien. Mit der Parole »Entwicklung neuer Produktivkräfte« gab Xi Jinping im September 2023 die Linie vor. Seither wird das Motto bei jeder Gelegenheit wiederholt.

Mit Krediten im Wert von knapp zwei Billionen Dollar versorgten allein die staatlich kontrollierten chinesischen Banken während der vergangenen vier Jahre die produzierenden Betriebe. Zusätzlich verlagerten die Geschäftsbanken auf Geheiß der Regierung ihr Kreditgeschäft von Immobilien zur Industrie.

Nach Jahren rapiden Wachstums seien die Investitionen für Produktionsanlagen im laufenden Jahr nochmals um 18 Prozent gestiegen, wie der Chef-Korrespondent der New York Times aus Peking berichtet. Überall entstünden an den Stadträndern neue Fabriken. Der Automobilhersteller BYD baue zwei neue Fabriken, jede mit der zweifachen Kapazität des Wolfsburger VW-Werks.

Zwar ist China kein Billiglohnland mehr, aber die monatlichen Entgelte, die deutsche Firmen dort zahlen, liegen immer noch rund 1000 Euro unter den hiesigen. Geringere Lohnkosten, Subventionen und der Einsatz fortschrittlicher Technologie – in China sind mehr Industrie-Roboter am Werk als im Rest der Welt – begründen den Preisvorteil chinesischer Produkte auf dem Weltmarkt.

Staatliche Banken finanzieren Technologie und Forschung. Voriges Jahr eröffnete Huawei ein Entwicklungszentrum für 35.000 Ingenieur:innen in Shanghai mit über hundert Gebäuden auf einer Fläche so groß wie Berlin-Mitte.

Von sechs Prozent im Jahr 2000 stieg Chinas Anteil an der globalen Produktion auf rund ein Drittel heute, mehr als die USA, Deutschland, Japan, Südkorea und Großbritannien zusammen. Der Wert der Exporte nahm, allen Zollschranken zum Trotz, 2023 um 13 Prozent zu, 2024 um 17 Prozent. Die jedes Maß übersteigenden jüngsten Zolltarife Donald Trumps wirken sich für China gewiss hinderlich, für einige Unternehmen dramatisch aus. Doch scheint die chinesische Führung dem Wüten des Amerikaners mit einiger Gelassenheit zu begegnen. Zum einen ist der Anteil der USA an den Exporten der Volksrepublik binnen sechs Jahren von knapp 20 auf zuletzt 15 Prozent gesunken. Dagegen sind Exporte nach Südostasien gestiegen, wo unter den ASEAN-Mitgliedern seit 2022 ein Freihandelsabkommen in Kraft ist. Zusätzlich hat China eine Reihe bilateraler Freihandelsabkommen geschlossen, und ein erheblicher Teil chinesischer Waren erreicht die USA über Drittstaaten.

Zum anderen ist es wahrscheinlich, dass die Zollpolitik Trumps zum Nachteil der USA ausschlägt. Viele Waren werden sich verteuern entgegen dem Wahlversprechen Trumps, die Lebenshaltungskosten seiner Landsleute zu senken. Einige Produkte aus China, vor allem Seltene Erden, sind für die USA unverzichtbar, und die Vorstellung, durch hohe Zölle die Fabrikation wieder ins Land zurückzuholen, wird sich nicht erfüllen. Dazu bedürfte es des Aufbaus ganzer Produktionsketten, denn auch die Herstellung der Vorprodukte ist längst ausgelagert worden, und zum Teil auch die Rohstoffgewinnung.

Majoritäten

In Europa und den USA wird China ob seiner ökonomischen Power bewundert und gefürchtet. Die soziale Lage in der Volksrepublik, die Verwerfungen infolge der rasanten Entwicklung finden weniger Beachtung. Neben den Hightech-Sektoren existieren weite Bereiche rückständigen Erwerbs. Noch immer verdingen sich 22 Prozent der 770 Millionen Beschäftigten in der Landwirtschaft. In Brasilien sind es acht, in Frankreich zweieinhalb Prozent. Rund 300 Millionen Chines:innen schlagen sich als Wanderarbeiter durch, sozial kaum abgesichert, mit beschränktem Niederlassungsrecht und einem durchschnittlichen Monatsverdienst von umgerechnet 700 Euro. Zugenommen hat die Zahl derer, die als Scheinselbstständige ein Laden- oder Dienstleistungsgeschäft betreiben und wie die Wanderarbeiter überwiegend nicht in die Rentenkasse einzahlen.

Die Einkommen aus traditioneller Landwirtschaft reichen längst nicht mehr, eine Familie zu ernähren. Die Billigprodukte, mit denen China in den 1980er und 90er Jahren die Welt beglückte, stellen inzwischen andere Länder zu niedrigeren Löhnen her. Und der Einsatz von Robotik setzt Industriearbeiter:innen frei. Schwer wird es für Beschäftigte in kleinen, nicht automatisierten Betrieben der Textilindustrie. Deren Produkte gingen zum großen Teil per Online-Handel an die Endkund:innen in den USA. Nachdem Trump die bislang geltende Zollfreiheit für Lieferungen unter 800 Dollar aufhob, werden etliche Firmen schließen oder die Herstellung verlagern.

Wenn Xi Jinpings Appelle zu Bescheidenheit und gar Duldsamkeit angesichts einer die Weltmärkte überschwemmenden Wirtschaft aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, so wird übersehen, dass der Staatspräsident auch Hunderte von Millionen Menschen in prekären Verhältnissen anspricht, denen er auf absehbare Zeit nichts anzubieten vermag als seine konfuzianischen Werte.

Anmerkungen:

1 Siehe „Ant Group – Eine unerhört schnelle Ameise“, LP21-53, 2021. https://www.lunapark21.net/ant-group-eine-unerhoert-schnelle-ameise/

2 Lesenswert: Über den chinesischen Alltag nicht nur im Krankenhaus berichtet die Korrespondentin Lea Sahay in ihrem Buch »Das Ende des chinesischen Traums – Leben in Xi Jinpings neuem China«, München 2024.

eingeblättert

Tech and Drugs

Jede Unternehmensberatung würde von Heroin abraten und stattdessen Fentanyl empfehlen. Aber soweit bekannt, arbeiten McKinsey und andere Consulting-Firmen nicht für Drogen-Kriminelle. Und die wissen auch ohne Hilfe: Fentanyl ist deutlich profitabler als Heroin.

Fentanyl lässt sich an beliebigem Ort synthetisch herstellen, ebenso Amphetamine. Man braucht sich nicht um landwirtschaftlichen Anbau zu kümmern, sich nicht mit Bauern verständigen und keine illegalen Rohstoffe schmuggeln. Und wenn die Taliban den Anbau von Schlafmohn verbieten, ist das nur von Vorteil.

Synthetische Drogen lassen sich auf verschiedene Weise erzeugen, und es lassen sich Drogen kreieren. An die tausend neue psychoaktive Substanzen, auch Designerdrogen genannt, registrierte das Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung während der vergangenen zehn Jahre.

Seit 1990 ist ein internationales Übereinkommen in Kraft, das den Verkehr sogenannter Vorläuferstoffe zur Herstellung von Suchtmitteln verbietet. Ohne Erfolg: Die Drogen-Chemiker griffen zurück auf die Vorläuferstoffe der Vorläuferstoffe, und die sind in so verbreitetem industriellem Gebrauch, dass sie sich nicht verbieten lassen. Der Erwerb der Zutaten ist also legal, die Handelswege und Empfänger kaum zu ermitteln, wo der Transport durch Drohnen die Grenzkontrollen umgeht.

Auch im Vertrieb sucht das Verbrechen neue Wege. Doch die Konsument:innen in den USA und in Westeuropa bevorzugen nach wie vor die traditionelle Art des Drogenerwerbs von Angesicht zu Angesicht auf der Straße, in Bars oder Clubs. In Russland ist man weiter. Angeboten und bestellt wird via Darknet oder Social Media, die Ware wird in einem Versteck deponiert, dessen Ortsangabe nach erfolgter Bezahlung, vorzugsweise in Kryptogeld, übermittelt wird. Dieser Komfort und die geringeren Kosten gegenüber Heroin oder Kokain haben den Markt zugunsten synthetischer Drogen gewendet.

Das Geschäftsmodell dürfte sich auch im Westen durchsetzen – und die Todesfälle in die Höhe treiben, denn synthetische Drogen wirken stärker und effektiver als Heroin. Dabei gefährdet der Konsum nicht nur das eigene Leben, mit jedem Kauf illegaler Drogen unterstützt man das Organisierte Verbrechen.


Prozentual und absolut

Immer drei Nummern größer. Im vergangenen Jahr hat China Sonnenenergie-Anlagen mit einer Kapazität von insgesamt 277 Gigawatt installiert; in einem Jahr mehr als bis dato in den Vereinigten Staaten überhaupt existieren.

Zwischen 2014 und 2024 hat China die Energieerzeugung aus Windkraft verdreifacht, die aus Sonnenenergie gar verdreißigfacht, und produziert heute mehr an Wind- und Sonnenenergie als der Rest der Welt zusammen.

Das sollte die Menschen in Shuozhou beunruhigen. Nahe der 1,6-Millionenstadt im Norden der Provinz Shanxi befindet sich einer der größten Steinkohle-Tagebaue des Landes. Kaum jemand in Shuozhou, dessen Unterhalt nicht direkt oder mittelbar von der Kohleindustrie abhinge. »Die Adern der örtlichen Ökonomie sind schwarz von Kohle«, wie das britische Magazin The Economist formulierte. Ohne Kohle wäre die Stadt wohl am Ende. Und dennoch können deren Bewohner:innen gelassen bleiben.

Zwar geht der Anteil der Kohle an der Energieerzeugung Chinas zurück und liegt derzeit bei 60 Prozent. Das bedeutet aber nicht, dass die Fördermenge gesunken wäre. Im Gegenteil, der Energiebedarf der Wirtschaft wächst so stark, dass der Verbrauch der Kohlekraftwerke noch steigt. Mit 4,8 Milliarden Tonnen liegt der Anteil Chinas an der jährlich weltweit verfeuerten Kohle bei mehr als der Hälfte.

Anders als in anderen Ländern sind Chinas Kohlkraftwerke nicht veraltet. Das Durchschnittsalter der Anlagen beträgt zwölf Jahre, viele mehr sind in Bau. Auch die Kohleförderung ist zum großen Teil auf neuestem Stand. Etliche kleine Minen wurden geschlossen, die großen automatisiert. Ein Tagebau in Xinjiang rühmt sich, seine 300 smarten Förderfahrzeuge von lediglich sechs Angestellten steuern zu lassen.

Insgesamt sind in China 2,7 Millionen Personen im Kohlesektor tätig. Installation und Wartung der Wind- und Solaranlagen erfordern weit mehr Personal. 7,4 Millionen Menschen waren 2023 in diesem Bereich beschäftigt, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor.

Angesichts dieser Entwicklungen ist das von China ausgegebene Ziel, bis 2060 CO2neutral zu sein, zweifelhaft.


Ein Grundrecht

Der Bürokratieabbau schreitet voran, zum Beispiel im U.S. Department of Education. 1300, gut die Hälfte, der Mitarbeiter:innen des Ministeriums wurden schon entlassen, und die Ministerin angewiesen, die Schließung der Behörde vorzubereiten.

Die Maßnahme ließe sich als Konsequenz angesichts eines hervorragenden Bildungsstands des Landes verstehen, doch das Gegenteil ist der Fall. Seit der Covid-Pandemie sind die Testergebnisse für Lesefähigkeit unter den Schüler:innen auf ein Allzeittief eingebrochen. Der Anteil der 13- bis 14-Jährigen, die die unterste Stufe »basic« verfehlen, ist auf Rekordniveau.

Die New York Times versuchte ihren Lesenden die Schwierigkeit solcher Leseschwäche mit folgender Sentenz zu verdeutlichen: »Thesearestudentsforwhomforwhomakingtheirwaythroughtexttheirwaythroughtextfeelslikethis«, entziffert etwa: »Dies sind Schüler, für die einen Text durchzulesen, sich etwa so anfühlt.« Und die würden sich fragen, wie man überhaupt bis zum Ende des Zeitungsartikels kommen sollte, und wie es sein kann, dass anderen Menschen das offenbar ganz leichtfällt, nur einem selbst nicht.

Die Schwäche verleite dazu, so die Times, nur wenige Zeilen lange Texte zu lesen. Aber ohne Hintergrundwissen ergebe ein kurzer Absatz wenig Sinn. Wie stellten es Menschen an, die Welt zu verstehen, wenn sie kaum jedes einzelne Wort verstehen? Lesen sei ein Grundrecht, statuierte das Blatt.

Die OECD verzeichnet einen globalen Rückgang der Lese- und Schreibfähigkeit seit 2017. In den USA habe der Trend 2012 eingesetzt, vor Corona. Heute würden 
30 Prozent der US-Bürger:innen auf einem Niveau lesen, das man von einem zehnjährigen Kind erwarte.

Schulkinder mit guten Leistungen schneiden bei den Lesetests nach wie vor gut ab; es sind die Ergebnisse der Schwachen, die kollabieren. Elon Musk, Donald Trumps Effizienz-Beauftragter, hat dem Bildungsministerium knapp eine Milliarde Dollar gestrichen, mit dem Institute bezahlt wurden, die im Auftrag der Behörde Daten über Bildung und Erziehung erhoben und analysierten. Um die Kenntnisvermittlung an den Schulen steht es schlecht, aber die Kenntnis darüber wird sich verlieren.


Trassenführung

Meistens verlief die Reise über Samarkand, doch eine einzige Trasse bildete die alte Seidenstraße nie, eher ein Wegenetz. So auch die neue Seidenstraße, als ›Belt and Road Initiative‹ von Chinas Präsident Xi Jinping 2013 gestartet.

Die Straße existiert in Form verschiedener Schienenwege und als Schifffahrtsroute vom Osten Chinas bis nach Europa, und dient dem Handel, vor allem chinesischen Exporten, aber auch der strategischen Versorgung Chinas mit Rohstoffen aus Zentralasien und Russland – wichtig für den Fall einer militärischen Konfrontation mit den USA.

Die militärische Konfrontation mit den USA blieb bislang aus. Stattdessen führt Russland Krieg gegen die Ukraine, was die Versicherungsprämien für Bahnfracht auf dem sogenannten nördlichen Korridor der Seidenstraße via Russland in die Höhe trieb, zumal Putin kaum noch die Ressourcen auftreiben kann, um die Strecke betriebsfähig zu erhalten.

China verkauft mit Waren im Wert von jährlich rund 500 Milliarden Euro mehr an die EU als an die Vereinigten Staaten.

Der Seeweg durchs Rote Meer liegt seit zwei Jahren unter Huthi-Beschuss. Daher wächst die Rolle des mittleren Korridors, dessen Geleise über Kasachstan, Aserbaidschan und die Türkei verlaufen, wobei zwischendrin noch das Kaspische Meer durchquert werden muss. Durch Ausbau der Häfen und Verbesserungen der Grenzkontrollen konnte die Fahrtzeit nach Europa auf etwa drei Wochen verkürzt werden. Die Frachtkosten liegen gegenüber der 14tägigen Zugfahrt über Russland um ein Drittel höher. Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine bot DHL die Tür-zu-Tür-Zustellung zwischen Hamburg und Shanghai binnen 17 Tagen an, beklagte aber bereits „knappe Schienenkapazitäten“.

Seit Dezember ist nun eine weitere Bahnstrecke im mittleren Korridor in Bau, die durch Kirgistan und Usbekistan abkürzen soll. Der Plan für diese Streckenführung existiert seit 30 Jahren. Doch erst der Krieg gab Anlass zur Realisierung, die einige Jahre in Anspruch nehmen wird.

Die Bahn ist nicht nur schneller als Seefracht, sie erweitert auf der Strecke die Handelsverbindungen verschiedener Länder. Dennoch wird sie die Schifffahrt nie ersetzen können. 55.000 Standardcontainer wurden über den mittleren Korridor 2024 transportiert. Die passen auch in zwei Ultra-Large-Containerschiffe.


Eine einfache Rechnung

Nehmen wir an, Importe aus einem bestimmten Land beliefen sich im vergangenen Jahr auf 500 Millionen Dollar, Exporte dorthin auf 250 Millionen Dollar. US-Handelsbilanzdefizit geteilt durch US-Import, also 250 durch 500 ist gleich 0,5 oder 50 Prozent. Das ist der neue Zolltarif auf Waren aus jenem Land. Eben: auf Waren. Dienstleistungen, für die die USA häufig einen Handelsüberschuss erzielen, lassen wir mit Donald Trump mal unter den Tisch fallen.

Für rund 200 Länder hat Trump die neuen Tarife am 2. April per Erlass festgesetzt. »Lasst eure Zollschranken fallen« rief der Präsident der Welt zu »und kauft für zig Milliarden Dollar amerikanische Waren.«

Das wird in manchen Ländern dann doch wie ein verspäteter Aprilscherz erschienen sein, etwa den 2,3 Millionen Bewohnenden Lesothos, nach Pro-Kopf-Einkommen eines der ärmsten Länder. Außer Textilien, Nahrungsmittel und Schafwolle hat das Land den USA kaum etwas anzubieten. Auf diese Artikel schlagen nun 50 Prozent Zoll auf, da Lesotho zu wenig Boeings und Teslas gekauft hat.

Offenbar ist den Deal-Makern, die nach den Entlassungen durch Elon Musk noch in den Behörden der USA verblieben sind, entgangen, dass die Zahlen der Handelsbilanzen für konkrete Produkte zu konkretem Nutzen stehen, und dass die Produkte der hochindustrialisierten Ökonomien für die ärmere Welt weder erschwinglich noch von Nutzen sind.

Der spitze Bleistift kam sogar für Gebiete zur Anwendung, die kein eigenständiger Staat sind. So konnte sich der Bürgermeister der St. Pierre und Miquelon Inseln, einem französischen Überseegebiet südlich von Neufundland, zunächst nicht erklären, woher die laut US-Angabe rund drei Millionen Dollar an Außenhandelsüberschuss rühren sollten, bis sich herausstellte, dass eine einzelne fette Ladung Heilbutt im vergangenen Jahr in die USA verkauft worden war. Da St. Pierre und Miquelon ansonsten so gut wie nichts in die Vereinigten Staaten exportieren, regt der verhängte Zolltarif von 50 Prozent die rund 6000 Inselbewohner:innen nicht auf.

Die zu Australien gehörende Heard-Insel am Rand des antarktischen Meeres ist mit zehn Prozent Zoll milder weggekommen. Aber auch ein höherer Tarif hätte die das Eiland bevölkernden Pinguine sicherlich kalt gelassen. Menschen leben dort nicht.

Eingeblättert

Verpasste Chance

»Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug«, heißt es in Brechts »Lied von der Unzulänglichkeit«. Da haben wir im vorigen Heft unseren Grips angestrengt, um Donald Trumps Wahlsieg zu kommentieren, und in der Abo-Werbung wiesen wir auf unsere knappen Finanzen hin. – Und das in einem Blatt über Ökonomie!

Aktien hätten wir kaufen sollen. Denn was hat Trump nicht im Wahlkampf getönt? »Tough on crime« werde er sein, Migrant:innen werde er zu Hunderttausenden einkassieren. Und das bei ohnehin vollen US-Knästen, die zum Teil von privaten Firmen betrieben werden, etwa von Core Civic. Es lag auf der Hand. Kaum hatte Trump gewonnen, schoss deren Aktienkurs um 70 Prozent nach oben. Die Aktie der GEO Group, eines weiteren Kommerz-Kerkers, kletterte sogar um 140 Prozent. Die nächsten fünf Hefte hätten wir finanzieren können.

1,9 Millionen Menschen sitzen in den USA im Gefängnis, rund 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Deutschland sind es 0,05 Prozent. Joe Biden hatte begonnen, die Kontrakte der privaten Haftanstalten auslaufen zu lassen. Unter Trump aber dürfte die Branche einen neuen Höhenflug erleben, wobei das Projekt, etwa zwölf Millionen »undocumented migrants« zu deportieren, rechtlich, logistisch und finanziell kaum zu stemmen sein wird, und der US-Wirtschaft infolge des Verlusts an Arbeitskräften obendrein eine Rezession bescheren würde.

Frohe Botschaft

Wer marxistische Presse liest, dem oder der sind die Ankündigungen sich verschärfender Widersprüche, fataler Krisen des Kapitalismus oder gar eines Zusammenbruchs des internationalen Währungssystems geläufig.

Nicht nur die Linke neigt dazu, schwärzer zu sehen, als es ohnehin schon ist. Und manchmal ist es tröstlich zu wissen, dass Prognosen in der Regel fehlgehen.

So erwartete die Internationale Energieagentur (IEA) der OECD zu Beginn des Jahrtausends, dass der jährliche Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 in etwa konstant bleiben würde. Auch ein Anstieg um 200 Prozent auf ein jährliches Plus von 100 Gigawatt Anfang der 2010er Jahre tat ihrem Pessimismus keinen Abbruch. Wieder gingen die IEA-Analysen von einem kontinuierlichen Zuwachs auf dem erreichten Niveau bis ins Jahr 2035 aus.

Erstmals im Jahr 2020, als die Erneuerbaren um 300 Gigawatt zulegten, sahen die Expert:innen einen minimal höheren jährlichen Zuwachs für die kommenden 20 Jahre voraus.

2023 schließlich, als das jährliche Plus 500 Gigawatt bereits deutlich überschritten hatte, traute sich die IEA ein wenig Optimismus zu und erwartete bis 2040 ein jährliches Wachstum von gut 600 Gigawatt, womit sie zumindest für 2024 schon mal richtig lag.

»Lachs oder Leben!«

Beim Kauf von Fisch kommt es vor allem darauf an, dass er frisch ist. Man erkennt es an den klaren Augen, den anliegenden Kiemen und an der glänzenden Haut. Ob er aber geklaut ist, das sieht und riecht man nicht.

Für die Lachs-Farmen in Chile ist Diebstahl zu einem ernsten Problem geworden. Dabei dreht es sich nicht um heimliches Stibitzen, sondern um Raub mit vorgehaltener Waffe. Üblicherweise überfallen die Banditen Transport-Lastwagen, nicht ungefährlich für die Fahrer. Eine Wagenladung ist rund 200 Millionen Pesos wert, etwa 200.000 Euro. Der gestohlene Lachs landet dann auf den lokalen Märkten, was auf ein gut organisiertes Netz von Hehlern hinweist.

Wurden 2018 zwei Überfälle gemeldet, waren es während der folgenden fünf Jahre 158. SalmonChile, der Verband der Fisch-Farmer, veranschlagt den Verlust durch Raub seit 2019 auf umgerechnet 70 Millionen Euro. Es sieht so aus, als habe sich die chilenische Holz-Mafia umorientiert, nachdem die Polizei dem Holzdiebstahl erfolgreich Einhalt geboten hat.

Chilenischer Zuchtlachs generiert mit rund 70.000 Beschäftigten einen Umsatz von sechs Milliarden Euro im Jahr und ist ein relevanter Export-Artikel. Die Branche ist aber auch berüchtigt wegen schlechter Arbeitsbedingungen und massenhaften Ausbrüchen von stark mit Antibiotika belasteten Tieren in den Ozean.

Eine komplette Lkw-Ladung zu klauen, ist schon ein starkes Stück, aber es geht dreister. Im März vergangenen Jahres drangen im Hafen von San Antonio, 100 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Santiago de Chile, zehn Bewaffnete in ein Kühlhaus, bedrohten die dort Arbeitenden und verschwanden in vier Lastwagen mit Lachs für 600.000 Euro. Der Coup war vermutlich der hohen Nachfrage während der Semana Santa, der Woche vor Ostern geschuldet, wenn Fleischkonsum den Gläubigen verboten, Fisch aber erlaubt ist.

Doch dieses Mal kam die Polizei der Bande auf die Spur, setzte an die 100 Beamte ein und konnte in einer Santo Salmón genannten Operation im August elf Männer festnehmen.

Stampede

Kühe sind in Indien heilig – aber dann waren die Bullen los. Die Nation hatte die Börse entdeckt.

Während der vergangenen fünf Jahre investierten zig Millionen Inder:innen zum ersten Mal in ihrem Leben in Aktien. Der Anteil der Haushalte, die Wertpapiere besitzen, ist von sieben Prozent im Jahr 2019 auf 20 Prozent gestiegen, der Wert der börsennotierten Unternehmen um 80 Prozent gewachsen.

Die National Stock Exchange of India in Mumbai und die 1875 gegründete Bombay Stock Exchange, die älteste Börse Asiens, sind die wichtigsten Aktienhandelsplätze des Landes. Der Marktwert der an den beiden Börsen gehandelten Unternehmensaktien lag Ende 2024 bei über fünf Billionen Dollar.

Der Run hat die Preise in die Höhe getrieben. Im Durchschnitt kostete eine Aktie das 23-fache des Unternehmensgewinns, mehr als an der teuren Wall Street. Das wiederum heißt, die Papiere werden nicht in Hinblick auf die Dividenden erworben, sondern nur noch spekulativ in der Hoffnung auf weiter steigende Kurse. Die aber waren auf gefährlich hohem Niveau. Ausländische Investoren haben begonnen, sich zurückzuziehen, was unter den übrigen Anlegern für Verunsicherung sorgte. Seit Dezember fielen die Kurse um zehn Prozent.

Sorgen bereitet der indischen Börsenaufsicht Sebi vor allem der explosionsartige Anstieg an Derivaten. Vier Fünftel des weltweiten Options-Handels fanden im vergangenen Jahr in Indien statt.

Die eigentlich sinnvollen Kontrakte für Unternehmen zur Absicherung gegen Preis- oder Wechselkursschwankungen werden inzwischen massenweise allein wegen der Aussicht auf hohe Gewinne erworben unter Ausblendung der Risiken.

Die Sebi ging sicherlich zu Recht davon aus, dass die meisten privaten Anleger solche Geschäfte ohne hinreichende finanzielle Kenntnis tätigen, weshalb sie den Handel mit Derivaten einschränkte. Es ist zu befürchten, dass ein deutlicher Kurseinbruch erhebliche Teile privaten Vermögens vernichten und die Zuversicht der Anleger:innen nachhaltig zerstören würde.

Spieltheorie und Praxis

Da lacht der deutsche Fiskus. Um fast 60 Prozent sind die Einnahmen in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, zumindest die aus der Lotteriesteuer.

Der klassische Lottoschein bringt zwar immer noch am meisten, doch das Plus verdankt sich den Online-Wetten. Ein weltweiter Trend – ob Philippinen oder Polen – die Online-Zocke wächst von Jahr zu Jahr um zweistellige Prozente, gar um 40 Prozent in den USA.

150 Milliarden Dollar riskierten die Bürger:innen der Vereinigten Staaten 2024 bei Sport-Wetten. 80 Milliarden Dollar landeten in Online-Kasinos. Pro Kopf der US-Bevölkerung entfielen 670 Dollar aufs Glücksspiel.

Auch Xi Jinping weiß seine Landsleute nicht zu bremsen. Seit Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 ist Glücksspiel in China verboten, mit Ausnahme der 1987 eröffneten staatlichen Lotterie. Gegen andere Wett-Organisationen ließ Xi seit einigen Jahren konsequent vorgehen, worauf sich das Geschäft ins Ausland verlagerte.

In Südostasien sprießen die Kasinos aus dem Boden. Sihanoukville an der Küste Kambodschas zählt an die Hundert, ein Dutzend weiterer ist in Bau. Den illegalen Kapitalabfluss aus China in die Spielbuden der Nachbarländer schätzt die Uno für 2020 auf 145 Milliarden Dollar, inzwischen ist sicherlich deutlich mehr zu veranschlagen.

Über die Botschaft in Singapur ließ Xi Tourist:innen daran erinnern, dass eine Beteiligung am Glücksspiel, wenn auch am Ort legal, für Chines:innen auch im Ausland verboten sei. Die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungsregion Macau drängte der Staatspräsident, ihre Abhängigkeit von den Kasino-Einnahmen zu verringern. Worte in den Wind. 85 Prozent des Staatsbudgets Macaus und jeder fünfte Arbeitsplatz hängen am Glücksspiel. Im August 2024 verzeichnete die Region mit 3,7 Millionen Besuchenden einen neuen Rekord. Während die Volksrepublik unter Wachstumsschwäche leidet, legte Macau im vergangenen Jahr um elf Prozent zu. Spielfreude kennt keine Grenzen.

Nose Job

Die Aufnahmeprüfung zur Universität bestanden, und zur Belohnung spendieren Vati und Mutti eine Schönheitsoperation. In Südkorea nicht ungewöhnlich, weshalb im November nach den Hochschul-Eintrittsexamen in den Praxen der plastischen Chirurgie Hochbetrieb herrscht, vor allem in Gangnam, einem Nobel-Stadtteil Seouls mit rund 400 spezialisierten Kliniken.

Um erfolgreich zu sein, sollte man attraktiv erscheinen; davon sind auch viele Eltern überzeugt und unterstützen ihre Kids. Rund ein Viertel der Koreanerinnen im Alter zwischen 20 und 30 hatte sich laut einer Umfrage im Jahr 2020 bereits einem plastischen chirurgischen Eingriff unterzogen, 1994 waren es nur etwa fünf Prozent. Filme und Popmusik aus Südkorea sind auch in Japan und China populär und inspirieren japanische und chinesische Frauen zu entsprechenden Korrekturmaßnahmen. »Girly, cute and pretty – zu reif zu erscheinen ist schlecht«, lautet die Empfehlung.

Das gewisse Stigma, das der Schönheits-OP lange anhaftete, scheinen jüngere Menschen nicht mehr zu kennen. Während die Anbieter sich mit Werbung in Magazinen und Fernsehen noch zurückhalten, nutzen viele Plast-Chirurgen Social Media. Einige Doctores haben es auf TikTok oder Instagram zur Berühmtheit gebracht mit Millionen Followern.

Die Nutzung kosmetischer Chirurgie ist zu einem nahezu weltweiten Trend geworden, dem sich auch Männer nicht länger verschließen. Isaps, die internationale Gesellschaft für Schönheitschirurgie, gibt die Zahl der Behandlungen einschließlich nicht-invasiver Eingriffe wie Faltenunterspritzungen für 2023 mit 35 Millionen an. Die tatsächliche Zahl dürfte ein Mehrfaches betragen, da etliche Praxen nicht registriert sind. In China, wo sich das Gewerbe seit 2021 verdoppelt hat, ist nur eine unter sieben Kliniken registriert.

Das globale auf über 100 Milliarden Dollar geschätzte Geschäft wird trotz der gesundheitlichen Risiken, die die Patient:innen bei einem Eingriff eingehen, weiter wachsen, zumal der medizinische Fortschritt, der uns die wunschgemäße Veränderbarkeit der äußeren menschlichen Erscheinung beschert hat, diese zugleich auch der Mode unterwerfen wird. Was, wenn die 2025er Stupsnase zwei Jahre später out ist?

2010 bis 2020 – ein Jahrzehnt des Protests

Bilanz eines Journalisten

São Paulo, 13. Juni 2013. »Ohne Warnung schossen sie plötzlich in die Menge – Tränengas, Schockgranaten, womöglich Gummigeschosse – schwer zu sagen in dem Moment. Es geht darum, einen zu zwingen, sofort Schutz zu suchen und an nichts anderes zu denken als an die eigene Sicherheit. Die Menge hört auf eine Menge zu sein, ist reduziert auf eine An-
sammlung von Individuen«, schreibt Vincent Bevins.

Der damals 29-Jährige gebürtige Kalifornier arbeitete als Korrespondent der Los Angels Times in der größten Stadt Südamerikas und hatte über eine Demonstration für kostenlosen Busverkehr berichten wollen. Auch er flüchtete in Panik. Demo und Polizeigewalt hätten wohl wenig Aufsehen verursacht, wenn es nicht das Foto von einer Frau gegeben hätte, die durch ein Gummigeschoss im Gesicht verletzt worden war. Die Frau war Fernsehjournalistin, ihr Bild erschien in Brasiliens bedeutendster Tageszeitung und erregte Empörung bis in konservative Kreise. Wie so oft löste ein einzelnes Ereignis, medial verbreitet, eine enorme Dynamik aus. Die Bewegung bekam ungeahnte Unterstützung und am 17. Juni 2013 erlebte São Paulo die größte Massenkundgebung seit 20 Jahren.

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Das China-Syndrom

Kapitalistische Krise unter kommunistischer Führung

Als die Welt angesichts der rasanten Entwicklung Chinas noch den Atem anhielt, erklärte Xi Jinping, Wachstum sei nicht seine Hauptsorge. Das war im Jahr 2017 und schien einen Paradigmenwechsel anzukündigen.

Im Jahr darauf ließ Xi die Begrenzung seiner Amtszeit als Staatspräsident aus der Verfassung streichen. Nun steht er seit über elf Jahren an der Spitze des riesigen Landes und wird über Haupt- und Nebensorge manches gelernt haben.

China erlebt die schwerste Wirtschaftskrise seit den Reformen Deng Xiaopings vor gut vierzig Jahren. Mit dem Zusammenbruch der Baukonzerne Evergrande und Country Garden, mit unbezahlten Schulden in Höhe von einer halben Billion Dollar, endete der Bauboom, den China mit einem gigantischen Investitionsprogramm zur Überwindung der Finanzkrise nach 2008 initiiert hatte. Allein zwischen 2011 und 2013 verbrauchte China mehr Zement als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

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