Verbindende und trennende Interessen

Zur Stellung der Werktätigen in einer dynamischen Wirtschaft

»Klassengesellschaft akut – Warum Lohnarbeit spaltet und wie es anders gehen kann« lautet der Titel des Buchs von Nicole Mayer-Ahuja, das im September bei C. H. Beck erschienen ist. Vermutlich ist es der Verlag gewesen, der den Buchtitel auswählte. Die Autorin, Professorin für Soziologie an der Universität Göttingen, hätte gewiss anders formuliert, vielleicht »Chancen zur Überwindung von Spaltung in Prozessen der Klassenformierung«. Aber eine solche Wortwahl wäre wohl nicht als verkaufsfördernd eingeschätzt worden.

Klassenformierung ist zentraler Begriff des Werks, in dem Mayer- Ahuja die Auffächerung der Masse der Lohnabhängigen in die diversen Segmente unterschiedlicher Rahmenbedingungen nachzeichnet und deren jeweils spezifische Wirkungen auf die Beschäftigten analysiert. Dabei greift sie auf eine Fülle arbeitssoziologischer Studien und Umfragen zurück, unter namentlicher Nennung sämtlicher Autor:innen, so dass ihr Buch auch als Resümee des aktuellen Forschungsstands gelten darf.

Die Lektüre ist hochinteressant, sofern man sich vom wissenschaftlichen Sprachduktus und Kapitelüberschriften wie »Leiharbeit zwischen organisatorischer Abgrenzung und widersprüchlicher Kooperation im Arbeitsprozess« nicht abhalten lässt.

Die zitierte Zeile weist schon darauf hin, dass eine Untersuchung von Wirkungen in verschiedene Richtungen folgen wird. Mayer-Ahuja nimmt – anders als der Buchtitel kündet – die Fragmentierungen innerhalb von Lohnarbeit in ihrer Dialektik in den Blick, hinsichtlich der spaltenden wie solidarisierenden Impulse. So führe etwa ›Management by 36 Race‹, also die unternehmerische Strategie, Arbeitsprozesse nicht nur organisatorisch, sondern zugleich ethnisch zu trennen, um Kooperation zu behindern, häufig zu einer Verbundenheit im Kleinen mit Möglichkeiten der Solidarisierung und Mobilisierung, wie 1973 beim Streik türkischer Arbeiter bei Ford in Köln.

Gruppenarbeit etwa, mit der auch deutsche Unternehmen seit der Wirtschaftskrise 1973/74 nach dem Vorbild des japanischen Autoherstellers Toyota zu experimentieren begannen, befördere die Ausbildung eines Wir-Gefühls, berge aber auch die Gefahr einer Beschränkung von Solidarität auf das einzelne Team. Die mit Gruppenarbeit einhergehende Verlagerung von Verantwortung nach unten könne zur Identifikation mit dem Unternehmen und Akzeptanz der Marktanforderungen verleiten.

Andererseits schließt solch eine Identifikation die mit dem Produkt und einen Stolz auf die eigene Arbeit ein, was auch jenseits von Gruppenarbeit schon zur Verteidigung der Qualität des Produkts gegen Bestrebungen des Unternehmens zur Senkung der Produktionskosten geführt hat.

Klasse

›Klasse‹ werde meist noch ahistorisch und im Sinne Max Webers als Ding, »als Bestandteil einer festgefügten ›Sozialstruktur‹ behandelt«, so dass Individuen einem Kategoriensystem zugeordnet werden könnten. Klasse müsse dagegen »als soziales Verhältnis, als strukturierender Prozess« verstanden werden. Das sei nicht allein als wissenschaftlicher Anspruch zu verstehen, sondern auch wichtig, um sich seiner persönlichen Stellung und Interessen bewusst zu werden.

Neben der Klassenzugehörigkeit begründeten noch andere Faktoren soziale Ungleichheit – Geschlecht, ethnischer Hintergrund, Migrationsstatus –, doch wirkten diese »nicht jenseits, sondern mitten in der Klassengesellschaft.« Lohnabhängigkeit, die heute rund 90 Prozent der Bevölkerung vom Minijob bis ins Management einschließe, zeichne sich durch den Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft, durch Ausbeutung und Fremdbestimmung aus, wobei die eingetretene gesellschaftliche Ausdifferenzierung Verbindendes in den Hintergrund treten lässt und daran hindert, die gegensätzlichen Interessen von Unternehmen und Beschäftigten zu erkennen, wie auch die grundsätzliche kapitalistische Logik in Frage zu stellen.

Positiv sei die Entwicklung zu rechtlicher Gleichstellung von Arbeitenden und Angestellten zu werten, die 1956/57 mit einem Streik der Beschäftigten in der westdeutschen Metallindustrie einsetzte. Infolge einer fachlichen Ausdifferenzierung in beiden Gruppen, hätte sich die Unterteilung seither verwischt, zumal auch Angestelltentätigkeiten in zunehmendem Maße Rationalisierungen tayloristischen Stils unterworfen wurden.

Dagegen habe sich das ›Normalarbeitsverhältnis‹ der 1980er Jahre – integrierte Belegschaft in Vollzeit, Schichtdienst, mit direkten und unbefristeten Verträgen – zergliedert, so dass Beschäftigte in Leiharbeit, mit Werkvertrag oder als Solo- Selbständige einer Kernbelegschaft gegenüberstehen. Ganze Bereiche sind ausgelagert an prekäre Randbelegschaften. Viele sind in Teilzeit beschäftigt oder in sozialversicherungsfreie Minijobs gedrängt. So liege der Anteil der Teilzeitbeschäftigten im Gesundheitssektor über 50 Prozent, in Altenheimen und ambulanten Pflegediensten sogar bei zwei Dritteln.

Gegen den Raubbau an ihrer Arbeitskraft verteidigen die Beschäftigten nicht zuletzt deren Reproduktion und leisten zugleich einen Beitrag zur Stabilisierung des Systems. Wenn jedoch »viele qualifizierte Pflegekräfte in Krankenhäusern in den letzten Jahren ihre Arbeitszeit verkürzt oder den Beruf sogar ganz aufgegeben haben«, sollte das als Warnsignal verstanden werden.

Fraktionierungen

Besonderes Augenmerk richtet Mayer-Ahuja auf patriarchale Strukturen, durch die weibliche Beschäftigte benachteiligt werden, und auf Auswirkungen von Rassismus. Bei letzterem wirken staatliche Migrationspolitik und unternehmerische Personalpolitik zusammen, wenn etwa in der Fleischindustrie vorzugsweise Personen beschäftigt werden, deren Rechtsansprüche aufgrund fehlender Staatsbürgerschaft gering sind. Sofern das Aufenthaltsrecht an Erwerbsarbeit gekoppelt ist, sind Geflüchtete gezwungen, »jeden Job anzunehmen, um nicht in Krieg und Elend zurückgeschickt zu werden«.

Selbst in Unternehmen, die auf 37 Gleichheit aller Beschäftigten setzen, landen Migrant:innen vermehrt auf unteren Ebenen, da ihre Berufsabschlüsse in Deutschland vielfach nicht anerkannt werden. Fehlende Sprachkenntnisse und ungesicherter Aufenthaltsstatus tun ein Übriges. So wird beispielsweise die Reinigung von Büros fast ausschließlich von Migrant:innen erledigt, die sich gegen Arbeitsverdichtung nur schwer wehren können. Wurden »im Jahr 1980 im öffentlichen Dienst noch zirka 85 Quadratmeter pro Person und Stunde gereinigt, waren es in privaten Reinigungsfirmen in den 1990er Jahren bereits bis zu 270 Quadratmeter«.

Dieser Artikel kann nur wenige Schlaglichter auf die umfänglichen Betrachtungen der diversen Umstände werfen, unter denen Lohnarbeit sich vollzieht und die Mayer-Ahuja auf ihre Möglichkeiten hinsichtlich politischer Erkenntnis der Beschäftigten und deren Selbstorganisation untersucht. Das Buch sei allen Betriebsräten, Vertrauensleuten und sozialpolitisch Interessierten empfohlen. Es hilft, Interessenlagen zu identifizieren und sich gegen vorgebliche Sachzwänge und postulierte Alternativlosigkeiten zu immunisieren.
Ein Buch kann nicht alles. Die Autorin schränkt ein: »Wir haben uns hier vor allem mit der arbeitenden Klasse befasst. Für die Seite des Kapitals steht eine entsprechende Analyse noch aus.“ Wir dürfen gespannt sein.

Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut – Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann. München 2025.