Industrielle Landwirtschaft und ihre Folgen.
Ackervögelein nannte Maria Sibylla Merian die Schmetterlinge und Falter, die sie mit ihren Freundinnen in Gärten und auf Äckern beobachtete und 1679 in »Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung« bei ihrer Metamorphose von der Raupe zum Falter beschrieb und zeichnete.
Diese Insekten lebten auf Wiesen, Äckern und Wäldern in der Nähe von Ortschaften, waren zum Teil angewiesen auf bestimmte Pflanzen und Umgebungsverhältnisse und somit in ihrer wunderbaren Verwandlung auf die Aktivität des Menschen vor allem in der Landwirtschaft. In der längsten bekannten Zeitreihe über das Vorkommen von Fluginsekten stellte 2017 die »Krefelder Studie« fest, dass die Masse der Insekten seit 1989 um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen war.
Ein erster Einbruch der Insektenpopulation hat hundert Jahre früher stattgefunden, als nach dem Ersten Weltkrieg erstmals als Stickstofflieferant nicht mehr tierische und menschliche Ausscheidungen, sondern Kunstdünger eingesetzt werden konnte, der in einem aufwändigen Prozess durch Fixierung des Luftstickstoffes gewonnen werden muss.
2750 Tonnen Stickstoffdünger explodierten 2020 in Beirut und zerstörten Getreidespeicher und einen Teil der Stadt. Die Energie, die bei der Explosion freiwurde, muss mindestens in die Herstellung der Nitratsalze gesteckt worden sein, die in unterschiedlichen Zubereitungen als Dünger und Sprengstoff geeignet sind. Deshalb lagen die seit 1913 in Deutschland errichteten riesigen Hochdruckanlagen nach dem Haber-Bosch-Verfahren grenzfern auf den Braunkohlenvorkommen Mitteldeutschlands. Seitdem haben Produktion und Verkauf von Ammoniaksalzen den Schmetterlingen das Nisten im Kot abgewöhnt – seit 1946 stieg die Ammoniakproduktion weltweit von nahe Null auf jährlich 150 Millionen Tonnen, die für 1,4 Prozent des Energiebedarfs und 3 bis 5 Prozent des CO2-Ausstoßes der Welt verantwortlich sind. Im Gegensatz dazu binden Pflanzen mit bestimmten Bakterien in Wurzelknöllchen leise den Stickstoff aus der Luft, der mit dem Kot pflanzenfressender Tiere auf die Äcker gelangen kann. Aber, wie der genossenschaftliche Agrarökonom der Landlosen Brasiliens Antonio Andrioli feststellte – »Ein Traktor kann nicht scheißen« und somit Dünger für die Felder liefern – wohl aber lässt sich bei immer größer werdenden maschinell bearbeiteten Feldern an Traktoren, Saatgut, Hilfsmitteln und Kunstdünger viel Geld verdienen – und wenn, wie jetzt ein Krieg tobt, steigen die Preise dafür auf das Dreifache.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde DDT, das Soldaten vor Ungeziefer schützte, gegen Insekten auf den Feldern eingesetzt – bis Rachel Carson mit »Der Stumme Frühling« 1962 bewusst machte, dass Insekten Nahrung für die Vögel sind, die auch andere Ackerschädlinge vertilgten. Dieser Futterquelle beraubt, bleibt es auf den Äckern still.
Samen als Waren
Die Selbständigkeit der Bauern schwand mit Fortschritten bei der Vermehrung der Samen. Schon die Züchtung von Hybrid-Samen verlangte zu viel Aufwand. Außerdem büßte dieses Saatgut den zunächst gewährten Vorteil größerer Früchte im Zuge der nachfolgenden Generationen wieder ein. Mit der Züchtung von Herbizid-widerständigen und gentechnisch veränderten Samen gelang den Agrarkonzernen schließlich ein Coup: Unablässig muss für die Monokultur das ganze Sortiment an Samen, Insektiziden, Herbiziden und Wuchshilfsmitteln von den vier großen Saatkonzernen Bayer, Corteva, Syngenta und BASF gekauft werden, die ihre Monopolstellung ausnutzen.
Die Praxis dieser wirklichen Bestimmer darüber, was auf den immer 35 größer werdenden Äckern passiert, behandelt das ökologische System Acker mit seinen verschiedensten mitwirkenden Pflanzen, Lebewesen, Pilzen und Bodentieren, als ob es ein Baukasten wäre – was darin nicht wachsen soll, wird umgebracht und auch alles andere, was helfend in der Landwirtschaft mitwirkt.
Schöpfung als bürgerliches Missverständnis
Das System der industrialisierten Landwirtschaft ist effizient im Detail, profitgesteuert und monopolisiert und im Ganzen verschwenderisch mit dem Leben und zerstörend. Es führt dazu, dass in Brasilien mit Kunstdünger Futtermittel hergestellt, mit Schiffen über den Atlantik gebracht und an Schweine in Deutschland verfüttert werden, deren Gülle den Boden verseucht, um schließlich in China verzehrt zu werden – fast ausschließlich zu dem Zweck, mit den erforderlichen industriellen Stoffen der Kette Geld zu verdienen statt den Dung der Tiere ortsnah als Dünger für die Nahrungspflanzen einzusetzen.
Aber es kann nicht nur an Insektiziden und Herbiziden liegen, dass so viele Arten von Insekten, Vögeln, Säugetieren, Pflanzen und Pilzen rar geworden sind. Ende der 1950er Jahre beobachtete ich mit meinem Onkel in Schleswig-Holstein den Einsatz erster Mähdrescher. Der Onkel war unzufrieden mit dem Ergebnis. Die neuen Maschinen ließen viel liege.
»Da muss ich ja nachsammeln«, sagte er. Doch er hat sich geirrt. Dass Mähdrescher im Laufe der Jahrzehnte effektiver geworden sind, dass sie keinen Halm mehr für Maus und Hamster übriglassen und der Greifvogel hungert, darin liegt nicht der Fortschritt, sondern die Katastrophe.
Die indigene Agrarwissenschaftlerin Robin Wall Kimmerer hat in ihrem Buch »Geflochtenes Süßgras« beschrieben, warum vermeintliche Effizienz verheerend wirken kann. An den großen Seen Amerikas hatten frühe Siedler beschrieben, wie die Indigenen in riesigen Mengen Wildquartalsbericht 1525-2025 reis ernteten, aber mit dem Sammeln aufhörten, wenn sie genug für sich hatten. Bei einer Exkursion in Minnesota machte ein Maschinenbau-Student aus Europa gleich mal Vorschläge, wie mit technischen Mitteln zu verhindern sei, dass mindestens die Hälfte des Reises in den See fiel.
Dankend lehnten die Einheimischen ab, mehr Reis zu ernten, weil er dann nächstes Jahr nicht mehr austreiben würde und die Enten keine Rast mehr an den Seen machen würden, wenn sie keinen Reis mehr vorfänden.
Als die feudal-abhängigen Bauern im Krieg 1525 gegen die Geldforderungen der Grundherren kämpften, verteidigten sie ihre Rechte an der Allmende und beharrten darauf, dass sie alle Quellen von Nahrung auf ihrem Land nutzen durften, der nicht der exklusive Besitz der Grundherrn sein sollte – den Wald als Weide für das Vieh, als Quelle von Holz, Einstreu und Wild, Gewässer als Fischgrund und Lieferant von Baumaterial, den Dung der Tiere und Menschen als Dünger für die Felder, die immer wieder brach liegen mussten und jedes Jahr neu auf die Bauern verteilt wurden, damit nicht ein Teil des Landes bevorzugt wurde. Sicher, es ließe sich auch mit der Hand-Axt ein ganzer Wald zugrunde richten, aber die Bauernfamilien verstanden offenbar die Welt um sich herum als komplexes System von Geschenken, die die Natur gibt, wenn man sie richtig zu pflegen versteht. Sie saßen nicht dem Missverständnis auf, die Welt sei die Schöpfung eines göttlichen Handwerkers, die sich ohne Schaden durch den menschlichen Produktionsmittelbesitzer auf seinem Privatbesitz wieder nachbauen lässt.
Zu allen Fragen roter und grüner Gentechnik sei das »GID Magazin« des Gen-ethischen Netzwerks e.V. empfohlen. www.gen-ethisches-netzwerk.de
