Engels Umdeutung der Bauernkriege
»Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall verrathen haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe als Verräter vorfinden«, schrieb Friedrich Engels in »Der deutsche Bauernkrieg«, der im November 1850 in den letzten beiden Heften der Neuen Rheinischen Zeitung Politisch-ökonomische Revue in Hamburg herauskam.
Mit dem Gelegenheitsaufsatz, der der Verarbeitung der eigenen Niederlage diente, bescherte Engels der sowjetischen und der DDR-Geschichtsschreibung die Figur einer frühbürgerlichen Revolution, die weder den Interessen und Auffassungen der Bauern des 16. Jahrhunderts noch den sich ändernden Produktionsverhältnissen in der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert gerecht wurde.
Weil Engels im Exil in London andere Quellen nicht zugänglich waren, nutzte er die drei Bände »Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges«, die Wilhelm Zimmermann (1807-1878) 1841 bis 1843 veröffentlicht hatte, als alle Welt über erste Wirkungen der kapitalistischen Produktionsweise nachzudenken begann. Der evangelische Theologe Zimmermann hatte dafür die Unterlagen des Stuttgarter Staatsarchives gesichtet und den Bauernkrieg von 1525 als Konflikt zwischen oben und unten, zwischen Klassen und nicht zwischen Völkern dargestellt, zu der Engels ihn dann mit der Ergänzung Großer deutscher Bauernkrieg umzudeuten begann.
Zimmermann, der 1848 Abgeordneter der Nationalversammlung auf dem äußersten linken Flügel geworden war, teilte Engels Kritik an der Zögerlichkeit des deutschen Bürgertums bei der Bildung von größeren bürgerlichen Staaten, den National-Staaten. Aber um die Analogie möglichst weit zu treiben, setzte Engels die Erhebung von 1525 gegen die Durchsetzung der Geldwirtschaft und für die alten bäuerlichen Rechte mit dem Verhalten von Bauern und Bürgertum in der Revolution 1848 gleich. Die kapitalistische Produktionsweise mit spezifischen Wirkungsmechanismen eines auf Profit ausgerichteten Kapitals mit bürgerlichem Eigentum an Produktionsmitteln wurde kurzerhand in das 16. Jahrhundert vorverlegt. Tatsächlich hatte Geld in der damals herrschenden Natu-raltauschwirtschaft nur eine geringe Rolle gespielt, bis mit zunehmendem Fernhandel mehr Luxuswaren nach Europa kamen. Um solche neuen Waren zu erlangen, hatten Geistlichkeit, Grund- und Feudalherren mehr Naturalien, Dienste und Geld von den Bauern verlangt. 1525 wollten Bauern gar kein exklusives Eigentum an ihrem Land, sondern weiter die Allmende – Äcker, Gewässer und Wälder – gemeinsam nutzen, ohne dass Feudalherren sie davon ausschlossen.
Feudale Staaten, in denen Könige und Kaiser nur lose regional sich überkreuzende Herrschafts- und Dienstansprüche verknüpften, wirkten ganz anders als der moderne bürgerliche Staat. Der war im Kampf gegen die französische soziale Revolution im 19. Jahrhundert entstanden, umfasste unter der Klammer einer Nation einen größeren Markt für Waren, Produktionsmittel und Arbeitskräfte und griff viel stärker auf alle Staatsbürger zu, als es 300 Jahre zuvor auch nur im Ansatz vorstellbar gewesen wäre.
Damit Engels Vergleich funktionierte, musste für die Frühe Neuzeit die Existenz einer Arbeiterklasse ohne Besitz und Zugriff auf Produktionsmittel angenommen werden und statt der komplexen Beherrschungsverhältnisse des Feudalismus ein Plebs mit gleichen Interessen: Bauern und städtische Arme hätten sich zum Ziel einer frühbürgerlichen Revolution zusammengeschlossen.
Revolutionär Thomas Müntzer
Hatte Zimmermann in der ersten Fassung das Ringen der Völker im Krieg als Antrieb des geschichtlichen Fortschritts nur am Rande erwähnt, hob er in der Neubearbeitung 1856 die Bedeutung hervorragender Männer auch aus den unteren Schichten hervor. Engels gab seinen Aufsatz 1870 und noch einmal 1875 im Verlag Dietz heraus und verwendete einen Teil des Erlöses zugunsten der Arbeiterbewegung. In einem kommentierenden Vorwort verschärfte er die Beschimpfung des Bürgertums als zur Staatsbildung unfähig, differenzierte aber die Klassenverhältnisse der Gegenwart. Schließlich musste er begründen, warum es Staatspräsident Louis Bonaparte, dem späteren Napoléon III., gelungen war, die größte Klasse in Frankreich, die Bauern, die erstmals über Land als freies Privateigentum verfügten, Pacht zahlten und Kredite aufnehmen mussten für Saat und Vieh, hinter sich als Diktator zu einen.
Im größten Teil des Textes von 1850 behandelt Engels das Schicksal von Thomas Müntzer (1489-1525), den er einen plebejischen Revolutionär nennt, um den sich die revolutionäre Partei zusammenschließt. »Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert.«
Der Zweck, über die eigene Niederlage 1848 nachzudenken, hat mit dem, was der Pfarrer Müntzer predigte, dachte, was ihn antrieb, nichts zu tun. Die Projektion der eigenen Probleme auf eine Person in anderen gesellschaftlichen Verhältnissen und anderen Gedanken hatte Nachwirkungen in der DDR-Geschichtsschreibung. Kaum beachtet öffnete am 8. Dezember 1989 im Deutschen Historischen Museum in Berlin anlässlich des 500. Geburtstags von Thomas Müntzer eine historisch-biographische Ausstellung, die behauptete: Müntzer »erstrebte auf der Grundlage seines revolutionären Verständnisses christlicher Lehren eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft im Interesse des ausgebeuteten und geknechteten Volkes.«
Bereits Zimmermann hatte erhebliche Zweifel, ob Müntzer zum gradlinigen Revolutionär taugt. Über dessen letzte Briefe schrieb er 1843: »Das ist nicht die Sprache der ruhigen Zuversicht; er hat sich in eine Stimmung hinaufgeschraubt, die an Wahnsinn streift (…) Alles an ihm zeigt sich jetzt überspannt, echauffiert, er wandelt wie in einem Gewölke von Schwärmerei, das aus dem Abgrund aufsteigt, an dessen Rand angelangt er schwindelt.«
Spätestens seit Ajatollah Khomeini, den Taliban oder den Evangelikalen sollten Aufklärer ihre Absichten nicht in religiöse Vorstellungen hineindeuten, sondern sie als handlungsbestimmende Ideologien in Mitteln und Zielen ernstnehmen. Solche Klarheit aber wurde aus späteren Ausgaben von Zimmermanns Werk über den Bauernkrieg entfernt. Wilhelm Blos, 1890 Herausgeber der Illustrierten Volksausgabe des jetzt »Großer Deutscher Bauernkrieg« genannten Werkes, schreibt über Kürzungen: »Was wir ausgeschieden haben, waren meistens theologische Abhandlungen, zu denen ein Geschichtsschreiber der Reformationszeit ganz von selbst kommt, die aber für die große Masse des Volkes ohne weitere Bedeutung sind.« Seltsamerweise laufen Bauern und Ritter auf den beigefügten Holzstichen in adretten Schuhen und nicht barfuß über den Acker und zerschlagen im Bildersturm Ölgemälde auf Keil-Rahmen, die es erst im 19. Jahrhundert gab.
Die Deutung der Bauernkriege von 1525 war damit endgültig in Butzenscheibenromantik verwandelt, die blutigen Konflikte um bäuerlichen Allgemeinbesitz in Festzügen und Illustrationen umgedeutet zur Vorgeschichte des kriegerisch um Nation und Führer geeinten deutschen Reiches als eines modernen bürgerlichen Staates.
Originalausgaben der referenzierten Texte sind zumeist über das Münchner Digitalisierungs-Zentrum frei herunterzuladen.