Der Bauer als Privateigentümer

Gelderwerb im Trachtenkostüm im 19. Jahrhundert

 Auf den Hamburger Märkten tauchten nach der Französischen Revolution Bäuerinnen immer häufiger in Tracht ihres Heimatortes auf. So ließ sich erkennen, wo die Rübchen, der Kohl, die Äpfel und die Kartoffeln gewachsen waren.

Eine Darstellung vieler dieser Trachten im Bild, der »Ausruf in Hamburg« von 1808, kennt 120 regionale Straßenhändlerinnen und Straßenhändler, die laut rufend auf Straßen und Märkten der Stadt Aale, Hühner, Bänder und Schleifen, Muscheln und Kaninchen, Körbe und Krüge anboten. Was sie verkauften und woher das auf Kähnen in die Stadt kam, ließ sich an dieser Art Verkaufsuniform ablesen, die natürlich schlichter war als das, was die Dörfler, beispielsweise der Vier- und Marschlande im Südosten der Stadt, zu Festtagen anzogen.

Das Kostüm der Bäuerinnen und Bauern hatte mit dem starken Wandel zu tun, der die Beziehung von Stadt und Land und das Verhältnis der Ackerbau treibenden Bevölkerung zu Grund und Boden anging: Sie waren bürgerliche Privateigentümer des Bodens geworden, den sie bewirtschafteten, und sie begannen den Ertrag nicht mehr an der Dicke der Kartoffeln zu bemessen, sondern im Überschuss an Geld, den sie nach dem Verkauf ihrer Ackerfrüchte auf Märkten erzielen konnten.

Es geht ums Geld

Ein solches Wirtschaftssystem, in dem sorgfältig vermerkt wurde, was an Arbeit in einen Acker hineingesteckt worden war, und was durch dessen Erträge an Geld erlöst werden könnte auf dem dafür günstigsten Markt, lernte 1803 der junge Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) auf dem Mustergut des Kaufmannes und nachmaligen Baron Voght kennen. Der hatte die Ansichten des schottischen Philosophen Adam Smith über die Freiheit der Eigentümer von Produktionsmitteln eifrig studiert. Als Schüler der landwirtschaftlichen Lehranstalt bekam Thünen die Aufgabe, festzustellen, ob die Bauern der Dörfer in Groß Flottbek es auch richtig machten – nämlich genau überlegten, wo sie was anbauten und in welcher Menge, um nach dem Verkauf der Früchte ihrer Arbeit auf dem nahen Markt der großen Stadt Hamburg möglichst viel Geld übrig zu haben. Damit sie den Transport auf den schlechten Landwegen und dem günstigen Wasserweg und dessen Kosten nicht  vergaßen, zeichnete er ihnen fast vierzig Jahre später an, in welchen Kreisen um den zentralen Marktort Kühe, Gemüse und Wald sein sollten, damit sie zu einem Maximum an Gewinn kamen.

Der Wunsch von Adligen, mehr exklusive Rechte auf Land, Acker und Wald zu haben, um daraus Geld zu ziehen, war bereits im 16. Jahrhundert ein Auslöser des Bauernkrieges gewesen. Nach der Niederlage der Bauern in ihrem Versuch, die Allmende als ihr gemeinschaftliches Eigentum zu retten, ging diese Entwicklung zum Privateigentum weiter. Die Französische Revolution von 1789 warf Kirchengüter auf den Markt, machte das private Eigentum an Mitteln der Produktion und auch des Bodens zur heiligsten Sache der Nation und beförderte damit zunächst einmal die Produktivität der Landwirtschaft. Den Massenheeren der Französischen Revolution versuchten feudale Staaten entgegenzutreten, in dem sie Gewerbefreiheit einführten und Befreiung der Bauern von feudalen Bindungen, sie also zu Privateigentümern des Bodens machten, den sie bebauen konnten, wie und mit was sie wollten. Dieser Prozess der Übereignung von Grund und Boden mit den verschiedensten Ansprüchen von Feuda lherren, Landesherren, Klöstern und freien Bauern auf eine Nutzung in exklusivem bürgerlichem Privatbesitz zog sich nach der Niederlage Frankreichs und der Restauration zahlreicher monarchischer Staaten in deutschen Landen bis 1865 hin. Die sogenannte Befreiung der Bauern funktionierte so wie die Befreiung von Sklaven in den USA. Mit Landübereignung und Geldzahlungen wurden nicht etwa abhängige Bauern oder Sklaven für ihre bisherige Behandlung entschädigt, sondern Feudalherren oder Sklavenhalter für die ihnen künftig entgehenden Leistungen der vormaligen Unfreien.

Die meisten Landwirte mussten das Wirtschaften in Geld erst lernen, als sie Allmenden nicht mehr nutzen konnten, etwa den Wald als Holzvorrat und Weide für das Vieh, die privates Eigentum von Grundbesitzern geworden waren. Für das Bezahlen von Pacht und Zins für Boden, Saatgut und Geräte fehlte den meisten von ihnen das Geld, dem von den 1860er Jahren an Genossenschaften abhalfen nach Ideen, die in den Krisen vor 1848 Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Heinrich Raiffeisen entwickelt hatten.

Adlige Familien profitierten in Deutschland von diesem Wechsel der Eigentumsformen mehrfach: Sie behielten den größten Teil des Landes, bekamen von den befreiten Bauern Geld als Entschädigung und Pacht und konnten das Land mit den bäuerlichen Arbeitskräften bewirtschaften, die sie als Gesinde losgeworden waren und die es nicht zu eigenem Bodeneigentum gebracht hatten. Die kriegerisch herbeigeführte Einigung zum Deutschen Reich 1871 war dann ein Angebot an die alte herrschende Klasse, am neuen Staat führend mitzutun. Adlige hatten im Offizierskorps teil am Sieg über gegnerische Staaten, wurden Diplomaten und Berater der Monarchie und stiegen zu bürgerlichen Großagrariern und Waldbesitzern auf, die unter Zollschutz die Städte mit Nahrungsmittel und Bau- und Brennmaterial versorgten und Erträge in der rüstungswichtigen Schwerindustrie investierten.

Der Umbau gesellschaftlicher Struktur wurde kulturell verbrämt. Nie wieder ist ein Modernisierungsprozess hin zu bürgerlichem Besitz und bürgerlichem Staat so in ein mittelalterliches Kostüm gekleidet worden wie in Deutschland im 19. Jahrhundert. Die Romantik liebte Geschichten von Ritter und Burgfräulein, erfand allerlei Wappen und Ehrenzeichen des Handwerks, als es sich in Industrie wandelte. Hunderte von Theaterstücken ließen vergangene Welten wieder erstehen, die es nie gegeben hatte, um gegenwärtige Moral zu begründen. Die Wartburg, in der Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hatte, wurde bunter ausgemalt, als sie je gewesen war und durfte in erfundenen mittelalterlichen Kostümen begangen werden. Obwohl der Kaiser des Deutschen Reiches, erblicher Vorsteher eines bürgerlichen Staates, mit dem um 1800 zugrunde gegangenen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nichts zu tun hatte, mussten die Regierungssitze des Deutschen Kaisers wie Bur gen, Schlösser und Wehrtürme scheinen.

Hunderte von Heimat-, Schützen- und Trachtenvereinen entstanden, die ausbauten, was an Bauernkleidung noch zu finden war und mit ihren Neuerfindungen verdeckten, dass hier Privateigentümer des Bodens als Verkäufer ihrer Agrarprodukte für die Städter erkennbar sein wollten. Dort spielte dann wieder der Bauernkrieg eine Rolle, der aber nicht als überregionaler Aufstand gegen die Ansprüche einer herrschenden Klasse inszeniert wurde, sondern als Vorwegnahme der Kriege einer Nation gegen die andere.