Die US- Arbeitslosenzahlen und die weißen Flecken der Trumpschen Wirtschaftspolitik
Am 1. August 2025 verkündete US-Präsident Trump, die Chefin des weltweit anerkannten <I>Bureau of Labor Statistics (BLS)<I>, Erika McEntarfer, sei gefeuert. Ihm gefielen die Arbeitsmarktzahlen nicht, die das BLS am selben Tag gemeldet hatte: Statt der für Juli erwarteten 115.000 neuen Jobs nur 73.000 und nur 258.000 neue Jobs für Mai und Juni zusammen, eine Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent. Am Tag zuvor hatte Trump neue Zölle verordnet, um den Reichtum seiner Lieblingsamerikaner noch größer zu machen. Die neuen Arbeitslosenzahlen waren da ein böser Kommentar. Aber es geht um mehr als den Arbeitsmarkt.
Trump behauptete, McEntarfer hätte die Arbeitsmarktstatistik manipuliert. Eine alberne Unterstellung, die mit der Arbeitsweise einer großen wissenschaftlichen Einrichtung mit etwa 2100 Beschäftigten (das Statistische Bundesamt hat etwa 2500 Beschäftigte und ist für weit mehr Themen zuständig) nichts zu tun hat. McEntarfers Vorgänger William Beach, Ökonom bei der konservativen Heritage Foundation und 2019 von der ersten Trump Administration ins Amt gebracht, widersprach ebenso wie Arbeitswissenschaftler, Ökonomen und Statistiker im In- und Ausland. Ob Trump die Kompetenz hat, die vom US-Senat bestätigte Chefin des BLS zu feuern, ist, höflich gesagt, umstritten. Vertrauen in den derzeitigen Senat oder die Fähigkeit der höheren US-Gerichte, die Alleingänge des Präsidenten zu stoppen, hat wohl kaum jemand.
Kaderpolitik
Schon am 11. August nominierte Trump den Ökonomen Erwin John Antoni III als Nachfolger, der bisher nur in rechten Think Tanks arbeitete. Bei der Heritage Foundation war er Chefökonom für das ›Project 2025‹, die 2023 veröffentlichte Blaupause für einen Umbau der US-Regierung in Trumps zweiter Amtszeit. Unklar ist, ob dieser wissenschaftlich nicht qualifizierte Kandidat die Anhörungen im Kongress überstehen wird. Selbst erzliberale Politiker und Ökonomen haben Zweifel geäußert. Ebenso unklar ist, wie lange sich die Neuberufung hinziehen wird. In der Zwischenzeit führt der stellvertretende Leiter William J. Wiatrowski das BLS, der zuvor schon zweimal als amtierender Chef fungie.
Die Tatsache, dass das BLS seine Arbeitsmarktdaten für Mai und Juni revidierte, nahm Trump zum Anlass, Misstrauen gegen die Arbeit der Behörde zu schüren. Dabei sind solche Revisionen unvermeidlich. Die kurzfristig verfügbaren US-Arbeitsmarktdaten sind mit den Statistiken der deutschen Bundesagentur für Arbeit nicht vergleichbar. Die Bundesagentur funktioniert in einem sozialstaatlichen System, in dem die Betroffenen ein Interesse haben, in der Statistik zu erscheinen. Mit der Zahlung von Arbeitslosengeld und Bürgergeld verfügt die deutsche Behörde über umfassende und aktuelle Datenbestände zu den verschiedenen Bereichen der Arbeitslosigkeit wie auch der Erwerbstätigkeit, deren Zahlungen in die Arbeitslosenversicherung ihre Haupteinnahmequelle bildet..
Der US-Arbeitsmarkt
Auch in den USA gibt es eine, nur deutlich komplizierter geregelte und zutiefst restriktive Arbeitslosenversicherung. So waren im August 2025 nur knapp zwei Millionen Erwerbslose unterstützungsberechtigt. Bei 152 Millionen Beschäftigten sind das gerade 1,2 Prozent. Nur unter besonderen Bedingungen ist der Kreis der Berechtigten erweitert, etwa während der Covid-Pandemie, als fast alle Erwerbslosen in den USA unterstützungsberechtigt waren. Jene Sonderprogramme sind längst ausgelaufen. Das BLS kommt für den August 2025 auf eine Arbeitslosenquote von mehr als vier Prozent, fast 7,4 Millionen Erwerbslose, von denen nur 26 Prozent Unterstützung erhalten.
Seine Daten bezieht das BLS einerseits vom Current Employment Survey, einer unternehmensbezogene Beschäftigungsstatistik. Schon hier gibt es Verzögerungen in der Berichterstattung. Andererseits ist es der mit dem Census Bureau gemeinsam betriebene Current Population Survey, eine monatliche Befragung von 60.000 Haushalten. Selbstverständlich haben solche Daten nicht die gleiche Stabilität wie die Unterlagen einer Leistungsbehörde. Aber das ist bekannt und wird bei allen sachkundigen Analysen berücksichtigt: Schlussfolgerungen aus den BLS-Daten sollte man nur mit Blick auf wenigstens drei aufeinanderfolgende Monatsberichte ziehen. Die Abschwächung des US-Arbeitsmarktes im Frühjahr und Sommer 2025 zieht sich schon länger als drei Monate. Deshalb war die US-Zentralbank im September bereit, die Leitzinsen zu senken. Ein angespannter Arbeitsmarkt gilt den Kapitalmärkten als gutes Zeichen.
Wissenschaft für den Staat
Trump sieht das anders. Früher gab es mal Diskussionen, wie hoch die Arbeitslosigkeit liegen könne, damit eine Regierungspartei in den USA wiedergewählt wird. Tatsächlich ist es mit den Wahlen nicht nur dort komplizierter. Und tatsächlich geht es nicht nur um die Arbeitsmarktstatistik. Das BLS ist in den USA die zentrale Einrichtung zur Bestimmung der Preissteigerung, des Verbraucherpreisindex, der Inflationsrate. Empfindlichkeiten autoritärer Herrscher an dieser Stelle haben schon Erdoğan und Putin gezeigt. Trump behauptet, seine Zollerhöhungen würden von den US-Handelspartnern bezahlt werden. Real wirken sie wie eine Steuer, die von den US-Importeuren oder den US-Konsumenten bezahlt wird. Der Präsident würde sicherlich einen Boss des BLS bevorzugen, der unpassende Nachrichten verhindert.
Deshalb seine Entscheidung für Erwin John Antoni III. Denn der hatte als Ökonom der Heritage Foundation in das Project 2025 hineingeschrieben: »Das Bureau of Economic Analysis, das Census Bureau und das BLS des Arbeitsministeriums sollten in einer besser kontrollierbaren, fokussierten und effizienten Statistikbehörde zusammengefasst werden.« Anders als das BLS gehören das für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Produktionsstatistik zuständige Bureau of Economic Analysis und das Census Bureau zum US-Handelsministerium. Eine Fusion dieser verschiedenen Institutionen wäre alles andere als einfach. Aber die Absicht ist klar: Ein vom Weißen Haus gesteuertes, zentralisiertes statistisches Informationssystem, das nur nützliche Daten an die Öffentlichkeit lässt und störende Informationen gar nicht mehr erhebt.
Dass statistische Erhebungen und Veröffentlichungen in der Regel nur staatlichen Behörden möglich sind und daher nicht nur wissenschaftlichen Maßgaben folgen, ist in Lunapark21 schon mehrfach diskutiert worden. Ob es nun die Statistiken über Sterbefälle in Russland sind, die seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine geheim gehalten werden. Oder ob es die Zahl der Selbstmorde in der DDR war, die erst 1990 ihren Platz im Statistischen Jahrbuch gefunden haben: Es waren im Jahr 1989 insgesamt 4294, davon 2875 männlich und 1419 weiblich, auf 100.000 Einwohner 25,8 – in der alten Bundesrepublik waren es im selben Jahr nur 16,4 auf 100.000 Einwohner. Durch Weggucken und Verheimlichen ändert sich nicht die Welt, aber vielleicht das Ansehen, das eine Regierung in der Welt genießt. Trotzdem brauchen die staatliche Administration wie private Eigentümer zutreffende Informationen über das Land, in dem sie herrschen. Das kann nicht klappen, wenn man Wiss enschaft zu einem technischen Hilfsmittel oder zur Magd des Machterhaltes degradiert. Dann wachsen die weißen Flecken, die auch mit Gewalt nicht alle zu kontrollieren sind. Ist die Trumpsche Wissenschaftspolitik erfolgreich, so wird die US-Regierung zum Blindflug gezwungen. Zu einem Blindflug ohne Instrumente. Eine sanfte Landung ist da unwahrscheinlich.
