Stadtbild-Verschiebung

Neu eingefärbte gebrauchte Hüte zu kaufen, davon riet im Jahr 1808 ein christlicher Kommentator ab. Der erste derbe Regen würde die Farbe ins Gesicht laufen lassen. Es ging um die Hamburger Judenbörse. So nannte man den Flohmarkt in der Elbstraße, wo nur Waren aus nicht zunftgebundener Herstellung angeboten werden durften:

Gebrauchtkleider, Textilien aus englischer Maschinenarbeit und Kolonialwaren. In den 1830er Jahren wurden die Bürger der Hamburger Mittelklasse regelmäßig handgreiflich gegen die industrielle Konkurrenz und pflegten den Juden die Karren umzuschmeißen und die Fenster einzuwerfen. Dabei waren sie es gewesen, die Kleinbürger, die Juden den Zugang zu jedem anderen Produktionsgewerbe verwehrten und nur die Chance gelassen hatten, im Kleinhandel ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nun aber, da sich nach den Napoleonischen Kriegen die immer billigeren Waren aus nicht-zünftiger Produktion durchsetzten, waren sie erbost, dass diese Waren auch in ihrer Stadt angeboten wurden.

Die Reaktion der Bürger Anfang des 19. Jahrhunderts erinnert mich an die 1980er Jahre im Hamburger Stadtteil Ottensen. Damals veränderte sich das Stadtbild, und ich war dabei. In der Krise zu Beginn jenes Jahrzehnts, als ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wurde, begannen ›Gastarbeiter‹ aus der Türkei in Ottensen Gemüseläden aufzumachen, Teestuben und Döner-Buden einzurichten, wagten den Gang in die Selbstständigkeit, um sich vor Abschiebung zu schützen. Mit der Familie arbeiteten sie fortan Tag und Nacht daran, den Stadtbürgern das Kaffeetrinken auf der Straße beizubringen, den Wert frischen Gemüses und den Verzehr eines Döners zu schätzen, einer Spezialität, die nur entfernt an die namensgebende Köstlichkeit aus dem osmanischen Reich erinnert, und dessen abenteuerlich niedriger Preis damals wie heute durch schlecht bezahlte Arbeit zustande kommt.

Fünfzig Jahre später verändert sich das Stadtbild erneut. Am Hamburger Gänsemarkt können sich Obdachlose nicht länger an den Abluftschächten aufwärmen, weil das Einkaufszentrum nach Ankauf durch den Investor Benko abgerissen worden ist. Dessen Geschäftsmodell der Kaufhaussanierung bestand darin, die Mieten der Häuser zu erhöhen, so den Wert der Immobilie zu steigern und auf den erhöhten Wert des Grundstücks Kredite für weitere Immobilienkäufe aufzunehmen. Im Ergebnis haben die überhöhten Mieten die Kaufhäuser vorzeitig in den Ruin getrieben und Ladengeschäfte aus den Innenstädten vertrieben. Ein Wiederauflegen ist angesichts des heutigen Volumens des Internethandels ausgeschlossen.

In Zeiten, in denen das Alte nicht länger trägt, hat Problemverschiebung Konjunktur. Wenn das Geschäftsmodell der Bodenspekulation nicht mehr funktioniert, sollen andere, vermeintlich Fremde, daran schuld sein. Es soll nicht am eigenen Handeln gelegen haben, wenn das Geschäft stagniert, nicht daran, dass man Waren aus Billiglohnländern bezieht, dass man nicht in Läden kauft, sondern über das Internet und sich die Waren vor die Haustür liefern lässt von Menschen, die für diesen Job miserabel bezahlt werden. Wenn der eigene Laden eingeht, die Einkaufszentren verwaisen und die Bodenspekulation die letzte sinnvolle Nutzung städtischer Räume zerstört, dann soll für diese Verlumpung des Stadtbildes nicht das eigene Handeln verantwortlich sein, nicht die eigene Gier nach Gewinn, sondern als nicht zum Stadtbild gehörig diejenigen, die in den Nischen der Städte hausen müssen, nicht das Geld zum Einkauf in Luxusläden aufbringen können und den ganzen Konsumdreck auch noch in die Häuser derjenigen ausliefern müssen, die das angerichtet haben.

Jürgen Bönig bringt die Fahrt der Geisterbahn durch konsumzerstörte Innenstädte keinen Spaß, sondern Erkenntnis über gezielte Problemverschiebung.

Range Extender

Was Friedrich Merz verlängert

Bundeskanzler Merz interessierte sich bei der Internationalen Automobil-Ausstellung in München vor allem für den Range Extender. Den als Reichweitenverlängerung getarnten Explosions-Hilfsmotor von Elektrofahrzeugen setzte er als Position der Bundesregierung gegen die EU-Vorschriften zur CO2-Minderung durch.

Reichweitenverlängerung bei Elektroautos hört sich an wie ein Zusatz, um die Speicherfähigkeit von Batterien zu erhöhen. Tatsächlich handelt es sich bei der Technologie, deren Innovationskraft Merz im September am Stand von BMW bewunderte, um einen einfachen Benzin- oder Dieselmotor, der während der Fahrt die Batterie wieder auflädt. Weil er deshalb ohne Getriebe immer mit leistungsoptimaler Drehzahl wirken kann, gilt die Ergänzung des Elektromotors durch einen Explosionsmotor als hocheffizient – ist aber auch hocheffizient beim Ausstoß von Schadstoffen.

Bei allen Elektrofahrzeugen gilt der Grundsatz, dass die Art der Erzeugung der Elektrizität bestimmt, ob ein solches Fahrzeug CO2 ausstößt oder nicht. Elektrofahrzeuge sind nicht an sich klimafreundlich, sondern nur, wenn der Ladestrom ohne CO2- 64 Ausstoß aus erneuerbaren Energiequellen stammt – in Deutschland nur etwa zur Hälfte des Verbrauchs. Der Reichweitenverlängerer stößt als Explosionsmotor garantiert CO2 aus, wenn er nicht mit Wasserstoff und dessen Derivaten betankt wird, die noch nicht zur Verfügung stehen. Wozu ist bei Elektromotoren also die Benutzung einer veralteten Technik notwendig?

Da es in Deutschland kein Tempolimit auf Autobahnen gibt, fahren Elektroautos bei höheren Geschwindigkeiten unter exorbitantem Stromverbrauch. Um eine Masse auf die doppelte Geschwindigkeit zu bringen, ist aus physikalischen Gründen das Vierfache der Energiemenge notwendig. Weil die Fahrzeuge auf hohe Geschwindigkeiten ausgerichtet sind, die allein in Deutschland zulässig sind, schleppen sie ein Mehrfaches an Batteriegewicht mit sich, was wiederum unnötig viel Elektroenergie verbraucht. Um bei diesen schweren und schnellen Fahrzeugen dennoch eine angemessene Reichweite bis zur Neuladung zu erreichen, werden sie zusätzlich mit einem Explosionsmotor versehen. So lässt sich kein Weltauto bauen.

Elektroautos werden trotz der Tatsache, dass ihr CO2-Ausstoß von der Art der Stromerzeugung abhängt, als nachhaltige Fahrzeuge ohne CO2- Ausstoß gerechnet. Offenbar sollen die Elektroautos mit Explosionsmotor als Hybride oder mit Range Extender als nachhaltige Fahrzeuge gewertet und vom Verbot der Zulassung von CO2-ausstoßenden Fahrzeugen ausgenommen werden.

Wie schon beim Abgasskandal, bei dem die Innovation darin bestand, die Zulassungsbehörden über den tatsächlichen Abgasausstoß zu täuschen, will Merz der Autoindustrie dazu verhelfen, ihre dicken übermotorisierten Kaleschen auch weiterhin zu verkaufen und dennoch die formalen Vorschriften einzuhalten.

Was immer an Reichweite der Range Extender verlängert, dehnt er die schlichte Lüge in die Zukunft aus, formal einen unnötigen Schadstoff- Ausstoß wegzurechnen, ohne dass CO2 eingespart wird. Ein Tempolimit auf Autobahnen auf 130 km/h würde deutlich mehr an Emissionen einsparen – nicht nur beim Fahrzeugbetrieb, auch beim Autobau und bei der Einrichtung der Infrastruktur –, als der Hilfsmotor für schnelle Herrenfahrer je zu sparen vermag.

Reichweitenverlängerer sind eine benzingetriebene Lüge mit technischen Mitteln, von der Bundeskanzler Merz wird nachträglich sagen können: Der Weltuntergang fand unter peinlicher Einhaltung aller formalen Vorschriften statt.

Der Bauer als Scheinselbständiger

Industrielle Landwirtschaft und ihre Folgen.

Ackervögelein nannte Maria Sibylla Merian die Schmetterlinge und Falter, die sie mit ihren Freundinnen in Gärten und auf Äckern beobachtete und 1679 in »Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung« bei ihrer Metamorphose von der Raupe zum Falter beschrieb und zeichnete.

Diese Insekten lebten auf Wiesen, Äckern und Wäldern in der Nähe von Ortschaften, waren zum Teil angewiesen auf bestimmte Pflanzen und Umgebungsverhältnisse und somit in ihrer wunderbaren Verwandlung auf die Aktivität des Menschen vor allem in der Landwirtschaft. In der längsten bekannten Zeitreihe über das Vorkommen von Fluginsekten stellte 2017 die »Krefelder Studie« fest, dass die Masse der Insekten seit 1989 um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen war.

Ein erster Einbruch der Insektenpopulation hat hundert Jahre früher stattgefunden, als nach dem Ersten Weltkrieg erstmals als Stickstofflieferant nicht mehr tierische und menschliche Ausscheidungen, sondern Kunstdünger eingesetzt werden konnte, der in einem aufwändigen Prozess durch Fixierung des Luftstickstoffes gewonnen werden muss.

2750 Tonnen Stickstoffdünger explodierten 2020 in Beirut und zerstörten Getreidespeicher und einen Teil der Stadt. Die Energie, die bei der Explosion freiwurde, muss mindestens in die Herstellung der Nitratsalze gesteckt worden sein, die in unterschiedlichen Zubereitungen als Dünger und Sprengstoff geeignet sind. Deshalb lagen die seit 1913 in Deutschland errichteten riesigen Hochdruckanlagen nach dem Haber-Bosch-Verfahren grenzfern auf den Braunkohlenvorkommen Mitteldeutschlands. Seitdem haben Produktion und Verkauf von Ammoniaksalzen den Schmetterlingen das Nisten im Kot abgewöhnt – seit 1946 stieg die Ammoniakproduktion weltweit von nahe Null auf jährlich 150 Millionen Tonnen, die für 1,4 Prozent des Energiebedarfs und 3 bis 5 Prozent des CO2-Ausstoßes der Welt verantwortlich sind. Im Gegensatz dazu binden Pflanzen mit bestimmten Bakterien in Wurzelknöllchen leise den Stickstoff aus der Luft, der mit dem Kot pflanzenfressender Tiere auf die Äcker gelangen kann. Aber, wie der genossenschaftliche Agrarökonom der Landlosen Brasiliens Antonio Andrioli feststellte – »Ein Traktor kann nicht scheißen« und somit Dünger für die Felder liefern – wohl aber lässt sich bei immer größer werdenden maschinell bearbeiteten Feldern an Traktoren, Saatgut, Hilfsmitteln und Kunstdünger viel Geld verdienen – und wenn, wie jetzt ein Krieg tobt, steigen die Preise dafür auf das Dreifache.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde DDT, das Soldaten vor Ungeziefer schützte, gegen Insekten auf den Feldern eingesetzt – bis Rachel Carson mit »Der Stumme Frühling« 1962 bewusst machte, dass Insekten Nahrung für die Vögel sind, die auch andere Ackerschädlinge vertilgten. Dieser Futterquelle beraubt, bleibt es auf den Äckern still.

Samen als Waren

Die Selbständigkeit der Bauern schwand mit Fortschritten bei der Vermehrung der Samen. Schon die Züchtung von Hybrid-Samen verlangte zu viel Aufwand. Außerdem büßte dieses Saatgut den zunächst gewährten Vorteil größerer Früchte im Zuge der nachfolgenden Generationen wieder ein. Mit der Züchtung von Herbizid-widerständigen und gentechnisch veränderten Samen gelang den Agrarkonzernen schließlich ein Coup: Unablässig muss für die Monokultur das ganze Sortiment an Samen, Insektiziden, Herbiziden und Wuchshilfsmitteln von den vier großen Saatkonzernen Bayer, Corteva, Syngenta und BASF gekauft werden, die ihre Monopolstellung ausnutzen.

Die Praxis dieser wirklichen Bestimmer darüber, was auf den immer 35 größer werdenden Äckern passiert, behandelt das ökologische System Acker mit seinen verschiedensten mitwirkenden Pflanzen, Lebewesen, Pilzen und Bodentieren, als ob es ein Baukasten wäre – was darin nicht wachsen soll, wird umgebracht und auch alles andere, was helfend in der Landwirtschaft mitwirkt.

Schöpfung als bürgerliches Missverständnis

Das System der industrialisierten Landwirtschaft ist effizient im Detail, profitgesteuert und monopolisiert und im Ganzen verschwenderisch mit dem Leben und zerstörend. Es führt dazu, dass in Brasilien mit Kunstdünger Futtermittel hergestellt, mit Schiffen über den Atlantik gebracht und an Schweine in Deutschland verfüttert werden, deren Gülle den Boden verseucht, um schließlich in China verzehrt zu werden – fast ausschließlich zu dem Zweck, mit den erforderlichen industriellen Stoffen der Kette Geld zu verdienen statt den Dung der Tiere ortsnah als Dünger für die Nahrungspflanzen einzusetzen.

Aber es kann nicht nur an Insektiziden und Herbiziden liegen, dass so viele Arten von Insekten, Vögeln, Säugetieren, Pflanzen und Pilzen rar geworden sind. Ende der 1950er Jahre beobachtete ich mit meinem Onkel in Schleswig-Holstein den Einsatz erster Mähdrescher. Der Onkel war unzufrieden mit dem Ergebnis. Die neuen Maschinen ließen viel liege.

»Da muss ich ja nachsammeln«, sagte er. Doch er hat sich geirrt. Dass Mähdrescher im Laufe der Jahrzehnte effektiver geworden sind, dass sie keinen Halm mehr für Maus und Hamster übriglassen und der Greifvogel hungert, darin liegt nicht der Fortschritt, sondern die Katastrophe.

Die indigene Agrarwissenschaftlerin Robin Wall Kimmerer hat in ihrem Buch »Geflochtenes Süßgras« beschrieben, warum vermeintliche Effizienz verheerend wirken kann. An den großen Seen Amerikas hatten frühe Siedler beschrieben, wie die Indigenen in riesigen Mengen Wildquartalsbericht 1525-2025 reis ernteten, aber mit dem Sammeln aufhörten, wenn sie genug für sich hatten. Bei einer Exkursion in Minnesota machte ein Maschinenbau-Student aus Europa gleich mal Vorschläge, wie mit technischen Mitteln zu verhindern sei, dass mindestens die Hälfte des Reises in den See fiel.

Dankend lehnten die Einheimischen ab, mehr Reis zu ernten, weil er dann nächstes Jahr nicht mehr austreiben würde und die Enten keine Rast mehr an den Seen machen würden, wenn sie keinen Reis mehr vorfänden.

Als die feudal-abhängigen Bauern im Krieg 1525 gegen die Geldforderungen der Grundherren kämpften, verteidigten sie ihre Rechte an der Allmende und beharrten darauf, dass sie alle Quellen von Nahrung auf ihrem Land nutzen durften, der nicht der exklusive Besitz der Grundherrn sein sollte – den Wald als Weide für das Vieh, als Quelle von Holz, Einstreu und Wild, Gewässer als Fischgrund und Lieferant von Baumaterial, den Dung der Tiere und Menschen als Dünger für die Felder, die immer wieder brach liegen mussten und jedes Jahr neu auf die Bauern verteilt wurden, damit nicht ein Teil des Landes bevorzugt wurde. Sicher, es ließe sich auch mit der Hand-Axt ein ganzer Wald zugrunde richten, aber die Bauernfamilien verstanden offenbar die Welt um sich herum als komplexes System von Geschenken, die die Natur gibt, wenn man sie richtig zu pflegen versteht. Sie saßen nicht dem Missverständnis auf, die Welt sei die Schöpfung eines göttlichen Handwerkers, die sich ohne Schaden durch den menschlichen Produktionsmittelbesitzer auf seinem Privatbesitz wieder nachbauen lässt.

Zu allen Fragen roter und grüner Gentechnik sei das »GID Magazin« des Gen-ethischen Netzwerks e.V. empfohlen. www.gen-ethisches-netzwerk.de

Die Kühne-Oper in Hamburg: Eine moralische Konkursanzeige

Viele Milliardäre wohnen in Hamburg, doch nur wenige vermögen es wie Klaus-Michael Kühne, politische Entscheider willfährig zu machen

In der letzten Novemberwoche hat die Bürgerschaft, das Hamburger Parlament, einem Vertrag zwischen der Stadt und der Kühne-Stiftung zugestimmt. Einzig die Linkspartei votierte gegen das Papier, das den Bau eines neuen Opernhauses auf dem Baakenhöft, einer in den Fluss ragenden Halbinsel in der HafenCity, ermöglicht.

Den größten Teil der Baukosten soll die Kühne-Stiftung übernehmen, sofern sie sich nach Ausführungsplanung und Kostenabschätzung dafür entscheidet. Die Stadt trägt die Kosten der Erschließung samt Hochwasserschutz und stellt das Grundstück zur Verfügung. Sie soll das Opernhaus, dessen Fertigstellung für 2034 in Aussicht steht, übernehmen und dessen Betrieb finanzieren. Für Sanierung und Betrieb des alten Opernhauses am Dammtor ist ebenfalls die Stadt verantwortlich. Die neue Oper an spektakulärer Stelle wäre ein weiteres prägendes Bauprojekt, das der Stifter Kühne in Hamburg aus eigener Macht durchgesetzt hätte.

Raub und Hehlerei

Der gebürtige Hamburger, der sein Vermögen mit der Spedition Kühne + Nagel verdient hat, verlegte Firmenund persönlichen Wohnsitz in die Schweiz zum Nachteil des deutschen Fiskus.

Klaus-Michaels Vater, Alfred Kühne und dessen Bruder Werner kontrollierten die Firma, nachdem sie den jüdischen Mitinhaber Adolf Maas hinausgedrängt hatten. Am 1. Mai 1933 traten die Brüder der NSDAP bei.

Kühne & Nagel wurde ›Nationalsozialistischer Musterbetrieb‹ und verdiente nach der Besetzung Frankreichs, Belgiens und der Niederlande Millionen beim Transport geraubten jüdischen Eigentums. Im Entnazifizierungsverfahren kam die Unternehmerfamilie glimpflich davon.

In den 1960er Jahren übernahm Klaus-Michael das Unternehmen und baute es zu einem internationalen Konzern aus.

Von der Herkunft seines Vermögens möchte Kühne lieber nichts wissen. Er verhinderte das Erscheinen einer von ihm in Auftrag gegebenen Jubiläumsschrift, die die Naziverbrechen thematisiert, und verweigert beharrlich die unabhängige Aufarbeitung der Verbindung zum Naziregime.

Klaus-Michael sei 1945 doch erst sieben Jahre alt gewesen, fand unter anderem Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher, und von der Nazi-Hehlerei nach dem Krieg nichts übrig gewesen; der nachherige Aufstieg also eigene Leistung – eine moralisch sonderbare und sachlich falsche Argumentation, denn den Besitzern von Produktionsmitteln blieben bei der Währungsreform immer noch die durch Hehlerei erworbenen Fahrzeuge, Verträge, Geschäftsbeziehungen und Sachwerte.

Gefährdete Investitionen

Die Geschichte des Operngeschenks an die Stadt lässt sich besser verstehen, wenn man die Lage der Grundstücke kennt, die zur Rettung von Spekulationsgewinnen in einem privaten-öffentlichen Dreieckshandel freigeräumt werden sollen

Kühne war unter anderem an den Immobiliengeschäften des René Benko beteiligt. Der kaufte, nicht nur in Hamburg, Kaufhäuser in Innenstadtlage aus der Insolvenzmasse, forderte überhöhte Mieten und nahm auf den überhöhten Wert der Immobilie Kredite auf, die zum Ankauf weiterer Immobilien dienten. Kühne ist in zwei Projekte involviert, die unheilvoll für die Hansestadt ausgingen und jetzt durch das Operngeschenk nach dem Bankrott von Benko gerettet werden sollen:

Zum einen der ökologisch und für das Stadtbild katastrophale Elbtower an den Elbbrücken, den der vormalige Bürgermeister Olaf Scholz unbedingt 245 Meter hoch gebaut haben wollte und dessen durch Lage und Baukosten hohe Mieten niemand bezahlen wollte.

Auf dem ursprünglichen Plan der HafenCity war an der Wasserkante ein Museum, möglicherweise ein Naturhistorisches Museum mit Aquarium geplant, das den Umgang der Stadt mit der Elbe thematisiert hätte.
In einer Kombination privater und öffentlicher Bauspekulation entstand im Sommer 2024 die Idee, das Evolutioneum, ein städtisches naturhistorisches Museum zur Artenvielfalt, das aus den Sammlungen der Universität hervorgegangen ist, als Ankermieter in den Sockelgeschossen des Elbtowers unterzubringen. Damit befände sich das Museum am falschen Ort, im falschen Gebäude, zu hohen Kosten, nur um das Imponiergebäude aus falschem Grunde zu finanzieren.

Das andere bedürftige Projekt ist eine Einkaufspassage am Gänsemarkt in der Hamburger Innenstadt, die abgerissen, neu erbaut und erweitert werden sollte. Weil dem Neubau die Hamburgische Staatsoper mit ihren erneuerten Betriebsgebäuden im Wege stand, machte Kühne den Vorschlag, eine neue Oper auf dem Baakenhöft zu bauen und das alte Opernhaus abzureißen.

Bürgermeister Tschentscher lehnte dieses Vorhaben glattweg ab. Doch mit Benkos Insolvenz, die 2023 den Stillstand der Bauarbeiten an beiden Projekten nach sich zog, veränderten sich die Rahmenbedingungen.

Geschichtsvergessenheit

Der Baakenhöft war ursprünglich für ein bedeutendes öffentliches Gebäude vorhergesehen, das das Parlament des geplanten Nordstaates (Schleswig-Holsteins, Hamburgs und Niedersachsens) aufnehmen und Publikum in die HafenCity ziehen sollte.

Im Zuge einer zivilgesellschaftlichen Debatte um Hamburgs Rolle im Kolonialismus wurde zudem deutlich, dass im Baakenhafen die sogenannten Schutztruppen zum Völkermord an den Herero und Nama aufgebrochen waren, und deshalb dort der Beteiligung Hamburgs am Kolonialismus und am Völkermord gedacht werden müsste.

Doch den Platz hat sich Kühne für seine Oper ausgesucht. Dem Stifter gelingt es, seine Interessen in einer Stadt durchzusetzen, in der er auf sein Milliardenvermögen keine Steuern zahlt. Er kann eine Verwendung öffentlicher Gelder erzwingen, die nicht den vorherigen staatlichen Absichten entspricht.

Einer weiteren Geschichtsvergessenheit macht sich die Stadt schuldig, wenn sie die Hamburgische Staatsoper privater Verwertung unterwirft. In dem 1827 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbauten Gebäude am Dammtor fanden in Zeiten des Vormärzes und der Revolution 1848 Theateraufführungen, Singspiele und Opern statt, die die bürgerlichen Ideale der Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie feierten. Mit dem Stadttheater hatte das Bürgertum einen Ort, an dem es seiner selbst bewusst werden konnte. Martin Haller, der Rathausbaumeister, ergänzte das Gebäude 1871 um ein Foyer, in dem sich das Publikum ergehen konnte. Der Nachkriegsbau nahm die Idee einer einsehbaren Öffentlichkeit auf, indem das Foyer ganz verglast wurde, so dass das vorbeiflanierende Publikum dem Opernbesuch von außen zuschauen kann. Doch wenn im historischen Gebäude der Staatsoper demnächst nurmehr eingeschränkter privater Theaterbetrieb stattfindet, könnte die Einkaufspassage am Gänsemarkt durch die nicht mehr nötigen Funktionsgebäude der Staatsoper erweitert werden. Was zählt das städtisch-demokratische Erbe, wenn ein Milliardär andere Pläne hat?

Kühne und seine Stiftung halten alle Karten in der Hand. Erst nach der Ausführungsplanung werden sie über den Bau und dessen Finanzierung entscheiden und das sicherlich auch daran messen, ob die zwei anderen Baustellen in ihrem Sinne geregelt sind. Ein Blick auf den Siegerentwurf des begrenzten Wettbewerbs für die Kühne-Oper zeigt, dass das Evolutioneum, statt in den Benko- Tower gestopft, viel besser in das mit begehbaren begrünten Terrassen umsäumte Gebäude in der Elbe passen würde als ein Opernhaus, das keine Geschichte und keine Moral kennen will.

Jürgen Bönig meinte im Frühjahr 2022 in Lunapark21, der Benko-Tower sollte einfach nicht gebaut werden.
www.lunapark21.net/ein-hochhaus-an-der-elbe

Natur:)?!

Nachdem die Hunde Rassisten bereits im Stich gelassen haben, weil sie sich nicht so verhalten wollen, wie sie aussehen und genetisch ausgestattet sind, haben jetzt auch noch die Vögel bewiesen: Geschlecht ist von Natur aus nicht eindeutig.

Forscherinnen der University of the Sunshine Coast stellten bei der Untersuchung von 500 verletzten Vögeln in einer Klinik im Südosten des australischen Bundesstaates Queensland fest, dass bei bis zu sechs Prozent der Vögel die körperlichen Merkmale des Geschlechts nicht mit deren genetischer Ausstattung übereinstimmen.

Bei den fünf untersuchten Vogelarten wurde in drei bis sechs Prozent der Fälle das durch körperliche Untersuchung festgestellte organische Geschlecht durch DNA-Analyse dementiert. Es fanden sich genetische Männchen mit vollständig weiblichem Erscheinungsbild, genetische Weibchen mit vollständig männlichem Erscheinungsbild sowie Individuen mit einer Mischung aus Hoden- und Eierstockgewebe. Das war auch kein Hindernis für eine entsprechende Fortpflanzung: Ein genetisch männlicher Kookaburra hatte kurz vor der Untersuchung Eier gelegt.

Das wundert niemanden, der oder die weiß, dass das Geschlecht von Meeresschildkröten von der Temperatur des Strandes abhängt, an dem die Sonne die dort eingegrabenen Eier ausbrütet, und dass bei Seepferdchen die Männchen trächtig werden und ihre Nachkommen in einem Beutel herumschleppen, und dass Schnecken zu zweit beides ganz langsam können: Eier legen und befruchten.

Die meisten Medien meldeten das Untersuchungsergebnis als Anzeichen von Geschlechtswechsel, obwohl ein Wechsel hier nicht vorliegt: Die Vögel waren so bunt aus dem Ei gekrochen.

Nur diejenigen, die in der Benennung von Personen durchsetzen wollen, dass es nur Männer oder Frauen geben soll und nichts dazwischen und daneben, sind um die Begründung für diese Sprachvorschrift gebracht. Wenn es in der Natur bei den von den Dinosauriern abstammenden Vögeln mindestens fünf Mischungen von Geschlecht gibt, wie soll dann bei Menschen das über Körpermerkmale hinausgehende soziale Geschlechtsverhalten sich im Käfig einer Zweideutigkeit halten lassen?

Diese Erkenntnis über die Mehrdeutigkeit von Geschlecht in der Natur wird Frau Kulturstaatsministerin Weimar schmerzen, der auf einer naturwidrigen Zuordnung zu zwei Geschlechtern besteht und damit nicht nur vielen Vögeln eine zutreffende Benennung vorenthält. Mit der Anrede als Frau Ministerin ist Wolfram Weimer selbstverständlich mitgemeint – was immer der Verleger und Journalist außer Klimaleugner und Kritiker der Merkelschen Flüchtlingspolitik auch sein mag.

Aber Hoffnung wächst: Vielleicht ist es molekularbiologisch möglich, die Blockade der Gene von Kulturstaatsministern zu enthemmen, auf dass sie die Vielfalt der Geschlechter in der Natur wahrnehmen können – und alles davor, dahinter, darunter, daneben und dazwischen.

Jürgen Bönig schätzt es, aus der Geisterbahn der Eindeutigkeit auf die Vielfalt von Natur blicken zu können. (Siehe auch Geisterbahn »Rasse-K.o.« in LP21 Heft 58; https://www.lunapark21.net/rasse-k-o/)

Der Bauer als Privateigentümer

Gelderwerb im Trachtenkostüm im 19. Jahrhundert

 Auf den Hamburger Märkten tauchten nach der Französischen Revolution Bäuerinnen immer häufiger in Tracht ihres Heimatortes auf. So ließ sich erkennen, wo die Rübchen, der Kohl, die Äpfel und die Kartoffeln gewachsen waren.

Eine Darstellung vieler dieser Trachten im Bild, der »Ausruf in Hamburg« von 1808, kennt 120 regionale Straßenhändlerinnen und Straßenhändler, die laut rufend auf Straßen und Märkten der Stadt Aale, Hühner, Bänder und Schleifen, Muscheln und Kaninchen, Körbe und Krüge anboten. Was sie verkauften und woher das auf Kähnen in die Stadt kam, ließ sich an dieser Art Verkaufsuniform ablesen, die natürlich schlichter war als das, was die Dörfler, beispielsweise der Vier- und Marschlande im Südosten der Stadt, zu Festtagen anzogen.

Das Kostüm der Bäuerinnen und Bauern hatte mit dem starken Wandel zu tun, der die Beziehung von Stadt und Land und das Verhältnis der Ackerbau treibenden Bevölkerung zu Grund und Boden anging: Sie waren bürgerliche Privateigentümer des Bodens geworden, den sie bewirtschafteten, und sie begannen den Ertrag nicht mehr an der Dicke der Kartoffeln zu bemessen, sondern im Überschuss an Geld, den sie nach dem Verkauf ihrer Ackerfrüchte auf Märkten erzielen konnten.

Es geht ums Geld

Ein solches Wirtschaftssystem, in dem sorgfältig vermerkt wurde, was an Arbeit in einen Acker hineingesteckt worden war, und was durch dessen Erträge an Geld erlöst werden könnte auf dem dafür günstigsten Markt, lernte 1803 der junge Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) auf dem Mustergut des Kaufmannes und nachmaligen Baron Voght kennen. Der hatte die Ansichten des schottischen Philosophen Adam Smith über die Freiheit der Eigentümer von Produktionsmitteln eifrig studiert. Als Schüler der landwirtschaftlichen Lehranstalt bekam Thünen die Aufgabe, festzustellen, ob die Bauern der Dörfer in Groß Flottbek es auch richtig machten – nämlich genau überlegten, wo sie was anbauten und in welcher Menge, um nach dem Verkauf der Früchte ihrer Arbeit auf dem nahen Markt der großen Stadt Hamburg möglichst viel Geld übrig zu haben. Damit sie den Transport auf den schlechten Landwegen und dem günstigen Wasserweg und dessen Kosten nicht  vergaßen, zeichnete er ihnen fast vierzig Jahre später an, in welchen Kreisen um den zentralen Marktort Kühe, Gemüse und Wald sein sollten, damit sie zu einem Maximum an Gewinn kamen.

Der Wunsch von Adligen, mehr exklusive Rechte auf Land, Acker und Wald zu haben, um daraus Geld zu ziehen, war bereits im 16. Jahrhundert ein Auslöser des Bauernkrieges gewesen. Nach der Niederlage der Bauern in ihrem Versuch, die Allmende als ihr gemeinschaftliches Eigentum zu retten, ging diese Entwicklung zum Privateigentum weiter. Die Französische Revolution von 1789 warf Kirchengüter auf den Markt, machte das private Eigentum an Mitteln der Produktion und auch des Bodens zur heiligsten Sache der Nation und beförderte damit zunächst einmal die Produktivität der Landwirtschaft. Den Massenheeren der Französischen Revolution versuchten feudale Staaten entgegenzutreten, in dem sie Gewerbefreiheit einführten und Befreiung der Bauern von feudalen Bindungen, sie also zu Privateigentümern des Bodens machten, den sie bebauen konnten, wie und mit was sie wollten. Dieser Prozess der Übereignung von Grund und Boden mit den verschiedensten Ansprüchen von Feuda lherren, Landesherren, Klöstern und freien Bauern auf eine Nutzung in exklusivem bürgerlichem Privatbesitz zog sich nach der Niederlage Frankreichs und der Restauration zahlreicher monarchischer Staaten in deutschen Landen bis 1865 hin. Die sogenannte Befreiung der Bauern funktionierte so wie die Befreiung von Sklaven in den USA. Mit Landübereignung und Geldzahlungen wurden nicht etwa abhängige Bauern oder Sklaven für ihre bisherige Behandlung entschädigt, sondern Feudalherren oder Sklavenhalter für die ihnen künftig entgehenden Leistungen der vormaligen Unfreien.

Die meisten Landwirte mussten das Wirtschaften in Geld erst lernen, als sie Allmenden nicht mehr nutzen konnten, etwa den Wald als Holzvorrat und Weide für das Vieh, die privates Eigentum von Grundbesitzern geworden waren. Für das Bezahlen von Pacht und Zins für Boden, Saatgut und Geräte fehlte den meisten von ihnen das Geld, dem von den 1860er Jahren an Genossenschaften abhalfen nach Ideen, die in den Krisen vor 1848 Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Heinrich Raiffeisen entwickelt hatten.

Adlige Familien profitierten in Deutschland von diesem Wechsel der Eigentumsformen mehrfach: Sie behielten den größten Teil des Landes, bekamen von den befreiten Bauern Geld als Entschädigung und Pacht und konnten das Land mit den bäuerlichen Arbeitskräften bewirtschaften, die sie als Gesinde losgeworden waren und die es nicht zu eigenem Bodeneigentum gebracht hatten. Die kriegerisch herbeigeführte Einigung zum Deutschen Reich 1871 war dann ein Angebot an die alte herrschende Klasse, am neuen Staat führend mitzutun. Adlige hatten im Offizierskorps teil am Sieg über gegnerische Staaten, wurden Diplomaten und Berater der Monarchie und stiegen zu bürgerlichen Großagrariern und Waldbesitzern auf, die unter Zollschutz die Städte mit Nahrungsmittel und Bau- und Brennmaterial versorgten und Erträge in der rüstungswichtigen Schwerindustrie investierten.

Der Umbau gesellschaftlicher Struktur wurde kulturell verbrämt. Nie wieder ist ein Modernisierungsprozess hin zu bürgerlichem Besitz und bürgerlichem Staat so in ein mittelalterliches Kostüm gekleidet worden wie in Deutschland im 19. Jahrhundert. Die Romantik liebte Geschichten von Ritter und Burgfräulein, erfand allerlei Wappen und Ehrenzeichen des Handwerks, als es sich in Industrie wandelte. Hunderte von Theaterstücken ließen vergangene Welten wieder erstehen, die es nie gegeben hatte, um gegenwärtige Moral zu begründen. Die Wartburg, in der Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hatte, wurde bunter ausgemalt, als sie je gewesen war und durfte in erfundenen mittelalterlichen Kostümen begangen werden. Obwohl der Kaiser des Deutschen Reiches, erblicher Vorsteher eines bürgerlichen Staates, mit dem um 1800 zugrunde gegangenen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nichts zu tun hatte, mussten die Regierungssitze des Deutschen Kaisers wie Bur gen, Schlösser und Wehrtürme scheinen.

Hunderte von Heimat-, Schützen- und Trachtenvereinen entstanden, die ausbauten, was an Bauernkleidung noch zu finden war und mit ihren Neuerfindungen verdeckten, dass hier Privateigentümer des Bodens als Verkäufer ihrer Agrarprodukte für die Städter erkennbar sein wollten. Dort spielte dann wieder der Bauernkrieg eine Rolle, der aber nicht als überregionaler Aufstand gegen die Ansprüche einer herrschenden Klasse inszeniert wurde, sondern als Vorwegnahme der Kriege einer Nation gegen die andere.

Von Caesaren und Kaisern

Warum populistische Diktatoren gewählt werden

An der Diktatur des zweiten Französischen Kaiserreichs von 1852 bis 1870 hat die Linke lernen müssen, dass freies Stimmrecht nicht unbedingt zu einer demokratisch-sozialistischen Republik führt. Das Ergebnis kann auch eine sozialverbrämte Diktatur sein, die, statt reaktionär zu wirken, die kapitalistische Modernisierung vorantreibt, und das ganz ohne Demokratie und Rechtssicherheit, die als notwendige Voraussetzung kapitalistischen Produzierens angenommen wurden.

Die kapitalistische Modernisierung verwirklicht sich auch im Raub an anderen Bürgern, im Glücksrittertum, Spekulation und Abenteuern, bei denen gelegentlich der Bürger vom Balkon geschossen wird.

Ausgang dieser Lektion war der Februar 1848. Der König von Frankreich, ›Bürgerkönig‹ Louis-Philippe, der durch die Revolution vom Juli 1830 an die Macht gekommen war, hatte sich mittlerweile der reaktionären Heiligen Allianz Metternichs angeschlossen. Nachdem er eine Versammlung zur Reform des Zensuswahlrechts verboten hatte – die Opposition veranstaltete solche Zusammenkünfte oft als Bankett für tausend und mehr Teilnehmende, wobei in Reden und Toasts gesellschaftliche Missstände beklagt wurden –, kam es am 21. Februar 1848 zu Protesten in Paris, die nach heftigen Barrikaden- und Straßenkämpfen zum Sturz der Regierung und Abdankung des Königs führten.

Die Pariser Erhebung wurde zum Fanal und löste Aufstände beinahe in ganz Europa aus, die auf die Errichtung demokratischer Republiken zielten.

Die Revolutionsregierung der Zweiten Französischen Republik (1848-1852) vereinte Vertreter der Linken wie Louis Blanc, Liberale, Demokraten und konservative Rechte. Sie beschloss die Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien – gegen Entschädigung der Sklavenhalter –, Abschaffung der Todesstrafe für politische Delikte, Einführung der Pressefreiheit, allgemeines Wahlrecht und, nach einem Konzept von Blanc – ein Recht auf Arbeit, das für Erwerbslose durch Beschäftigung in den Nationalwerkstätten verwirklicht werden sollte.

Als die Linke bei der Wahl zur Nationalversammlung unterlag und die Werkstätten geschlossen werden sollten, kam es Ende Juni 1848 zu einem Aufstand der Pariser Arbeiterschaft, den Armee und Nationalgarde unter Louis-Eugène Cavaignac blutig niederschlugen. Im Dezember 1848 kandidierte Cavaignac für das Amt des Staatspräsidenten, das die neue Verfassung vorsah, und verlor die Wahl als ›Schlächter der Arbeiter von Paris‹ haushoch gegen den aus dem Exil zurückgekehrten Louis-Napoléon Bonaparte, dem Neffen des großen Napoléon. Drei Jahre später, im Dezember 1851, löste Louis Bonaparte nach einem Staatsstreich die Nationalversammlung auf und ließ sich ein Jahr später als Napoleon III. zum Kaiser des Zweiten französischen Kaiserreichs krönen, auf Lebenszeit von »Volkes und Gottes Gnaden«. Die Opposition war bei der Verteidigung der Nationalwerkstätten nicht einig gewesen und wurde in ihren fraktionierten Teilen eingekauft oder mith ilfe von Schlägertrupps brutal unterdrückt.

Der 18. Brumaire

Der ursprüngliche Protagonist der bürgerlichen Revolution, der Europa veränderte, General Napoléon Bonaparte, hatte sich in einem Staatstreich 1799, am 18. Brumaire des französischen Revolutionskalenders, als Erster Konsul zum Alleinherrscher gemacht, am 9. November. 1851 machte sich Louis-Napoléon III. kurz vor Ende seiner Amtszeit zum Alleinherrscher, am 2. Dezember, dem Tag, an dem sich sein Onkel 1804 zum Kaiser krönen ließ. Die Kaiserkrönung holte Louis III. am 2. Dezember 1852 nach, nachdem er das Volk über die Wiederherstellung des Kaisertums hatte abstimmen lassen, mit überwältigender Zustimmung von fast acht Millionen Ja- und 250.000 Nein-Stimmen.

Caesarismus und Bonapartismus

Das allgemeine Stimmrecht, das auf Männer beschränkt war, zeitigte ein von nieandem erwartetes Ergebnis: Das Volk hatte einen Usurpator gewählt, der vorgeblich die Interessen der Massen als Diktator verwirklichte und das nur tun konnte, wenn er immer wieder neue Angebote an Gewinn durch Kriege machte. Frankreich führte Kriege im System der entstehenden Nationalstaaten, die immer riskant und manchmal erfolgreich waren und deren letzter gegen den preußischen Bonaparte Bismarck Louis III. die Macht kosteten.

Zur Charakterisierung des neuen diktatorischen Regimes fand der Begriff Cäsarismus Verwendung, der auf Parallelen mit den Kaisern des Römischen Reiches verweist, die dem Volk im Zentrum des Imperiums mit Lebensmitteln das Maul stopften und durch Spiele amüsierten und ruhigstellten. Karl Marx hingegen entwickelte den Begriff des Bonapartismus. Er sprach dem Neffen von Napoléon Bonaparte das historische Verdienst ab, das er dessen Onkel zubilligte – durch seine Feldzüge und Einrichtung seiner Eroberungen das feudale Regime zerstört und kapitalistische Produktionsverhältnisse ermöglicht zu haben. In seiner Schrift »Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, die 1852 noch unter dem Titel »Der 18te Brumaire des Louis Napoleon« in New York erschien, heißt es: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und üb erlieferten Umständen.« Und Marx gibt auch einen Grund an, warum Bonapartisten so grotesk mit historischen Vorbildern ihre eigene Person erhöhen und Louis III. eben nur die Farce, die Karikatur von Napoleon I. war: »Wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszenen aufzuführen.«

Welcher Transformationsprozess?

Erst am Schluss des Textes, den der Hamburger Verleger Otto Meißner 1869 nach dem »Kapital« dem europäischen Publikum zugänglich machte, geht Marx auf die Konstellation der Klassen ein. Diese Passagen können einem den Glauben an die Menschheit zurückgeben, weil Bonapartismus eben nicht zu allen Zeiten erfolgreich ist, sondern tatsächliche Probleme als Bedingung einer Selbst-Entmündigung des Wahlvolkes voraussetzt. Die Glücksritter des scheinbar sich verselbständigten Staates konnten sich auf die zahlreichste Klasse der damaligen französischen Gesellschaft verlassen, die Parzellenbauern, die Louis III. immer wieder stützten, und die gerade erst den Umgang mit dem Privateigentum an Grund und Boden und den notwendigen Zins- und Pachtzahlungen lernen mussten. Sie wurden in die Spekulationen der Machthaber verstrickt, gewannen oder verloren Geld in waghalsigen Aktienspekulationen und setzten mit auf Sieg bei den zahlreichen Kriegen, die Frankreich  begann, mit wechselndem Ergebnis. Durch den Sieg im ersten Krimkrieg beispielsweise wurde Russland zu Reformen veranlasst, Frankreich gewann an Macht, alle gewöhnten sich an die Klärung von Interessenkonflikten durch Krieg und erst das unerwartete Ende des Krieges löste die erste weltweite Wirtschaftskrise des sich durchsetzenden Kapitalismus aus.

Im damaligen rasanten Transformationsprozess der französischen Gesellschaft zur kapitalistischen Produktionsweise, den Marx beobachtete, hoffte er auf das mit der Industrie entstehende Proletariat und sah 19 Jahre später seine Prognose von 1852 in der Kommune von Paris erfüllt: »Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule herabstürzen.«

Arbeits-Leistung

Arbeit kam für mich im DDR-Fernsehen immer als konkrete Tätigkeit vor: Die Ernte musste eingebracht, die festgefrorene Braunkohle abgebaut, die Platten zu Bauten zusammengefügt werden. Menschen waren gefragt bei ihrer Arbeit das Soll zu erfüllen, Leistung zu erbringen, damit andere es warm hatten, wohnen oder essen konnten.

Als Kanzler Kohl 1990 davon sprach, durch gemeinsame Anstrengung die ostdeutschen Länder »wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt« – verstanden wir aufgrund unserer Erfahrung aus früheren Wahlkämpfen, dass er Bedingungen schaffen wollte, unter denen Unternehmen andere arbeiten lassen würden, so dass eine florierende Wirtschaft entstehen würde. Viele DDR-Sozialisierte werden gedacht haben, der Staat Helmut Kohls würde das alles selber durch staatliche Tätigkeit machen.

Dabei kam die Arbeits-Leistung vieler DDRler unter die Räder, die mit wenig Mitteln improvisiert zusammengebaut hatten, was anders nicht zu erreichen war. Wir schätzten auch die Fachbücher für Handwerk und Kunst der DDR, die viel genauer und praktischer darstellten, wie mit welchen Werkzeugen und Kniffen produziert werden konnte. Pech nur,

– dass bei den Unternehmens- und Grundstücksübereignungen die Arbeit der vielen entwertet wurde,

– dass mit modernster Technik neue Produktion aufgebaut wurde und viel weniger Lohnarbeit zu schlechteren Bedingungen entstand als in Westdeutschland,

– dass das Fortkommen nicht an eine Arbeits-Leistung gekoppelt war, sondern an Glück, Skrupellosigkeit und das arbeitslose Einkommen aus Geldbesitz, an das man wie auch immer gekommen war.

Gemeinsam lernten wir: In der BRD zählt die Leistung offenbar mehr als die Arbeit. Die Leistung kann darin bestehen, im Lotto zu gewinnen, durch Spekulation reich zu werden oder einen guten Deal zu machen mit dem Hauptzweck, andere für sich arbeiten zu lassen.

2025 steht im Koalitionsvertrag, Leistung und Anstrengung müssten sich auszahlen. Wieder verstehen CSU/CDU und SPD darunter, durch Subventionen und Steuererleichterungen Unternehmen zu veranlassen, andere gewinnbringend für sich arbeiten zu lassen. Der sozialdemokratische Wunsch, bei kleinen Renten wenigstens die Lebensleistung zählen zu lassen, soll ausgleichen, dass Arbeitende ein Leben lang zu wenig Lohn erhielten oder, wie viele Ex-DDRler, zu geringe Renteneinzahlungen angerechnet bekommen.

Die Leistung von Kleinrentnern besteht darin, dass sie sich ein Leben lang unverschämt niedrige Löhne haben bieten lassen müssen. Und die Leistung der anderen, die jetzt staatlich gefördert, weniger Steuern zahlen und größere Abschreibungen bekommen sollen, von der Zahlung zu geringer Löhne profitiert zu haben.

Täuschen wir uns also nicht – wir werden uns gegen diejenigen wehren müssen, deren Leistung vor allem darin besteht, andere mit geringem Lohn für sich arbeiten zu lassen und ihre Herrschaft über andere mit Geld durchzusetzen. Sie wissen nicht, welche Produkte den Menschen und der Welt guttun, sie schätzen nicht das Vergnügen der Arbeit und sie helfen nicht, unseren Planeten und unsere Gemütsruhe zu bewahren.

Jürgen Bönig leistet sich vierteljährlich eine Fahrt durch die Schreckenskammer der Begriffe.

Auftritt der Bauern als Proletarier

Engels Umdeutung der Bauernkriege

»Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall verrathen haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe als Verräter vorfinden«, schrieb Friedrich Engels in »Der deutsche Bauernkrieg«, der im November 1850 in den letzten beiden Heften der Neuen Rheinischen Zeitung Politisch-ökonomische Revue in Hamburg herauskam.

Mit dem Gelegenheitsaufsatz, der der Verarbeitung der eigenen Niederlage diente, bescherte Engels der sowjetischen und der DDR-Geschichtsschreibung die Figur einer frühbürgerlichen Revolution, die weder den Interessen und Auffassungen der Bauern des 16. Jahrhunderts noch den sich ändernden Produktionsverhältnissen in der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert gerecht wurde.

Weil Engels im Exil in London andere Quellen nicht zugänglich waren, nutzte er die drei Bände »Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges«, die Wilhelm Zimmermann (1807-1878) 1841 bis 1843 veröffentlicht hatte, als alle Welt über erste Wirkungen der kapitalistischen Produktionsweise nachzudenken begann. Der evangelische Theologe Zimmermann hatte dafür die Unterlagen des Stuttgarter Staatsarchives gesichtet und den Bauernkrieg von 1525 als Konflikt zwischen oben und unten, zwischen Klassen und nicht zwischen Völkern dargestellt, zu der Engels ihn dann mit der Ergänzung Großer deutscher Bauernkrieg umzudeuten begann.

Zimmermann, der 1848 Abgeordneter der Nationalversammlung auf dem äußersten linken Flügel geworden war, teilte Engels Kritik an der Zögerlichkeit des deutschen Bürgertums bei der Bildung von größeren bürgerlichen Staaten, den National-Staaten. Aber um die Analogie möglichst weit zu treiben, setzte Engels die Erhebung von 1525 gegen die Durchsetzung der Geldwirtschaft und für die alten bäuerlichen Rechte mit dem Verhalten von Bauern und Bürgertum in der Revolution 1848 gleich. Die kapitalistische Produktionsweise mit spezifischen Wirkungsmechanismen eines auf Profit ausgerichteten Kapitals mit bürgerlichem Eigentum an Produktionsmitteln wurde kurzerhand in das 16. Jahrhundert vorverlegt. Tatsächlich hatte Geld in der damals herrschenden Natu-raltauschwirtschaft nur eine geringe Rolle gespielt, bis mit zunehmendem Fernhandel mehr Luxuswaren nach Europa kamen. Um solche neuen Waren zu erlangen, hatten Geistlichkeit, Grund- und Feudalherren mehr  Naturalien, Dienste und Geld von den Bauern verlangt. 1525 wollten Bauern gar kein exklusives Eigentum an ihrem Land, sondern weiter die Allmende – Äcker, Gewässer und Wälder – gemeinsam nutzen, ohne dass Feudalherren sie davon ausschlossen.

Feudale Staaten, in denen Könige und Kaiser nur lose regional sich überkreuzende Herrschafts- und Dienstansprüche verknüpften, wirkten ganz anders als der moderne bürgerliche Staat. Der war im Kampf gegen die französische soziale Revolution im 19. Jahrhundert entstanden, umfasste unter der Klammer einer Nation einen größeren Markt für Waren, Produktionsmittel und Arbeitskräfte und griff viel stärker auf alle Staatsbürger zu, als es 300 Jahre zuvor auch nur im Ansatz vorstellbar gewesen wäre.

Damit Engels Vergleich funktionierte, musste für die Frühe Neuzeit die Existenz einer Arbeiterklasse ohne Besitz und Zugriff auf Produktionsmittel angenommen werden und statt der komplexen Beherrschungsverhältnisse des Feudalismus ein Plebs mit gleichen Interessen: Bauern und städtische Arme hätten sich zum Ziel einer frühbürgerlichen Revolution zusammengeschlossen.

Revolutionär Thomas Müntzer

Hatte Zimmermann in der ersten Fassung das Ringen der Völker im Krieg als Antrieb des geschichtlichen Fortschritts nur am Rande erwähnt, hob er in der Neubearbeitung 1856 die Bedeutung hervorragender Männer auch aus den unteren Schichten hervor. Engels gab seinen Aufsatz 1870 und noch einmal 1875 im Verlag Dietz heraus und verwendete einen Teil des Erlöses zugunsten der Arbeiterbewegung. In einem kommentierenden Vorwort verschärfte er die Beschimpfung des Bürgertums als zur Staatsbildung unfähig, differenzierte aber die Klassenverhältnisse der Gegenwart. Schließlich musste er begründen, warum es Staatspräsident Louis Bonaparte, dem späteren Napoléon III., gelungen war, die größte Klasse in Frankreich, die Bauern, die erstmals über Land als freies Privateigentum verfügten, Pacht zahlten und Kredite aufnehmen mussten für Saat und Vieh, hinter sich als Diktator zu einen.

Im größten Teil des Textes von 1850 behandelt Engels das Schicksal von Thomas Müntzer (1489-1525), den er einen plebejischen Revolutionär nennt, um den sich die revolutionäre Partei zusammenschließt. »Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert.«

Der Zweck, über die eigene Niederlage 1848 nachzudenken, hat mit dem, was der Pfarrer Müntzer predigte, dachte, was ihn antrieb, nichts zu tun. Die Projektion der eigenen Probleme auf eine Person in anderen gesellschaftlichen Verhältnissen und anderen Gedanken hatte Nachwirkungen in der DDR-Geschichtsschreibung. Kaum beachtet öffnete am 8. Dezember 1989 im Deutschen Historischen Museum in Berlin anlässlich des 500. Geburtstags von Thomas Müntzer eine historisch-biographische Ausstellung, die behauptete: Müntzer »erstrebte auf der Grundlage seines revolutionären Verständnisses christlicher Lehren eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft im Interesse des ausgebeuteten und geknechteten Volkes.«

Bereits Zimmermann hatte erhebliche Zweifel, ob Müntzer zum gradlinigen Revolutionär taugt. Über dessen letzte Briefe schrieb er 1843: »Das ist nicht die Sprache der ruhigen Zuversicht; er hat sich in eine Stimmung hinaufgeschraubt, die an Wahnsinn streift (…) Alles an ihm zeigt sich jetzt überspannt, echauffiert, er wandelt wie in einem Gewölke von Schwärmerei, das aus dem Abgrund aufsteigt, an dessen Rand angelangt er schwindelt.«

Spätestens seit Ajatollah Khomeini, den Taliban oder den Evangelikalen sollten Aufklärer ihre Absichten nicht in religiöse Vorstellungen hineindeuten, sondern sie als handlungsbestimmende Ideologien in Mitteln und Zielen ernstnehmen. Solche Klarheit aber wurde aus späteren Ausgaben von Zimmermanns Werk über den Bauernkrieg entfernt. Wilhelm Blos, 1890 Herausgeber der Illustrierten Volksausgabe des jetzt »Großer Deutscher Bauernkrieg« genannten Werkes, schreibt über Kürzungen: »Was wir ausgeschieden haben, waren meistens theologische Abhandlungen, zu denen ein Geschichtsschreiber der Reformationszeit ganz von selbst kommt, die aber für die große Masse des Volkes ohne weitere Bedeutung sind.« Seltsamerweise laufen Bauern und Ritter auf den beigefügten Holzstichen in adretten Schuhen und nicht barfuß über den Acker und zerschlagen im Bildersturm Ölgemälde auf Keil-Rahmen, die es erst im 19. Jahrhundert gab.

Die Deutung der Bauernkriege von 1525 war damit endgültig in Butzenscheibenromantik verwandelt, die blutigen Konflikte um bäuerlichen Allgemeinbesitz in Festzügen und Illustrationen umgedeutet zur Vorgeschichte des kriegerisch um Nation und Führer geeinten deutschen Reiches als eines modernen bürgerlichen Staates.

Originalausgaben der referenzierten Texte sind zumeist über das Münchner Digitalisierungs-Zentrum frei herunterzuladen.

Zu den Waffen!

Wehrpflicht?

»I ain›t got no quarrel with them Vietcong.« erklärte Muhammad Ali 1966, als er zum Wehrdienst eingezogen werden sollte.

Er hätte seine Gegnerschaft zum Vietnamkrieg der USA nicht erklären können, wenn die USA den Kampf nicht durch Entsendung von immer mehr Wehrpflichtigen hätten bestreiten wollen. Und die USA hätten diesen Krieg vermutlich nicht verloren, wenn der Tod von Wehrpflichtigen nicht den Widerstand im Heimatland angefeuert hätte.

Wehrpflicht ist immer ein zweischneidiges Schwert für den Staat, der sie einführt oder einführen muss, um einen Krieg zu führen. Als die Bundesrepublik nach der Niederlage des Nationalsozialismus wieder eine Armee aufzustellen begann, baute sie zwei Elemente ein, die eine Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden und mit den Zielen möglicher Kriege erzwingen: Neben der allgemeinen Wehrpflicht für Männer gab es den Zivil-Dienst, zu dem man erst durch Prüfung einer Spruchkammer zugelassen war. Der Soldat der Bundeswehr sollte zudem Bürger in Uniform und damit als normaler Bürger den Werten des Grundgesetzes verpflichtet sein – eine Schlussfolgerung aus der Geschichte des Deutschen Reiches und seiner Armee.

In der 1968er Bewegung verfolgten linke Gruppen hinsichtlich der Wehrpflicht und der Gefahren der Vereinnahmung von Wehrpflichtigen zu nationalistischen Abenteuern unterschiedliche Konzepte antimilitaristischer Arbeit innerhalb der Armee. Sie nahmen dabei Diskussionen um Volksbewaffnung oder Berufsarmee auf, die die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert während der Entstehung eines größeren deutschen Staates diskutiert hatte.

Im Streit um Dauer und Umfang des Wehrdienstes in der preußischen Armee hatte Bismarck das preußische Parlament draußen vor halten wollen. In einer langdauernden Wehrpflicht, die nur einen geringen Teil der Wehrpflichtigen betraf, sahen viele liberale Kritiker mit Friedrich Engels die Gefahr einer Absonderung der Armee von der Bevölkerung, die das Heer zum Einsatz im Inneren gegen die eigene Bevölkerung gefügig machte. Weil diese Armee zudem noch unter der Befehlsgewalt adliger Offiziere stand, war zu erwarten, dass sie Kriege auf riskante, eskalierende und jede Rücksicht vergessende Weise führen würden, wie es in parlamentarischen Staaten mit einer Armee mit breiter Wehrpflichtigen-Basis nur in Extremsituationen möglich war. Eine kürzere Dienstzeit, die alle Wehrpflichtigen einbezöge, würde zwar nicht den Einsatz im Inneren unmöglich machen, es aber erschweren, die Soldaten zu veranlassen, auf Landsleute oder gar Verwandte zu schießen. Un d im Krieg gegen einen anderen Staat würden die Toten auch nicht wie Söldner beklagt werden, sondern als Verwandte.

Die Idee der Volksbewaffnung wurde im Deutschen Reich nicht umgesetzt – die Kriege führten Bauernsöhne unter dem Kommando von adligen Offizieren, die im Inneren gegen die städtische Arbeiterbewegung und im Äußeren auf riskante karrierefördernde Manöver orientiert waren.

Dass ausgerechnet der adlige Waldbesitzer und CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg 2010 als Verteidigungsminister die Aussetzung der Wehrpflicht veranlasste und 2011 über den unsachgemäßen Erwerb eines Doktortitels stolperte, gehört zur feinen Ironie der Sozialgeschichte. Den Adelstitel hatte er schließlich geerbt und damit auch den modernisierten rücksichtslosen Umgang mit professionellem Soldatenvolk, dem Wehrpflichtige bei Ausübung ihres Handwerks nicht dazwischenkommen sollten.

Wie Merz eine Berufsarmee zu handhaben gedenkt, hat er mit seinem Wahlkampf gegen Migration bewiesen. Ausdrücklich nannte er Menschen aus Afghanistan, die nicht ins Land gelassen oder abgeschoben werden sollten. Verbündete aus Afghanistan, Ortskräfte und andere zivil arbeitende Personen, die der Zusage der Bundesrepublik vertraut hatten, werden sich merken, dass sie nach der Niederlage nicht mehr willkommen sind.