Arbeit kam für mich im DDR-Fernsehen immer als konkrete Tätigkeit vor: Die Ernte musste eingebracht, die festgefrorene Braunkohle abgebaut, die Platten zu Bauten zusammengefügt werden. Menschen waren gefragt bei ihrer Arbeit das Soll zu erfüllen, Leistung zu erbringen, damit andere es warm hatten, wohnen oder essen konnten.
Als Kanzler Kohl 1990 davon sprach, durch gemeinsame Anstrengung die ostdeutschen Länder »wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt« – verstanden wir aufgrund unserer Erfahrung aus früheren Wahlkämpfen, dass er Bedingungen schaffen wollte, unter denen Unternehmen andere arbeiten lassen würden, so dass eine florierende Wirtschaft entstehen würde. Viele DDR-Sozialisierte werden gedacht haben, der Staat Helmut Kohls würde das alles selber durch staatliche Tätigkeit machen.
Dabei kam die Arbeits-Leistung vieler DDRler unter die Räder, die mit wenig Mitteln improvisiert zusammengebaut hatten, was anders nicht zu erreichen war. Wir schätzten auch die Fachbücher für Handwerk und Kunst der DDR, die viel genauer und praktischer darstellten, wie mit welchen Werkzeugen und Kniffen produziert werden konnte. Pech nur,
– dass bei den Unternehmens- und Grundstücksübereignungen die Arbeit der vielen entwertet wurde,
– dass mit modernster Technik neue Produktion aufgebaut wurde und viel weniger Lohnarbeit zu schlechteren Bedingungen entstand als in Westdeutschland,
– dass das Fortkommen nicht an eine Arbeits-Leistung gekoppelt war, sondern an Glück, Skrupellosigkeit und das arbeitslose Einkommen aus Geldbesitz, an das man wie auch immer gekommen war.
Gemeinsam lernten wir: In der BRD zählt die Leistung offenbar mehr als die Arbeit. Die Leistung kann darin bestehen, im Lotto zu gewinnen, durch Spekulation reich zu werden oder einen guten Deal zu machen mit dem Hauptzweck, andere für sich arbeiten zu lassen.
2025 steht im Koalitionsvertrag, Leistung und Anstrengung müssten sich auszahlen. Wieder verstehen CSU/CDU und SPD darunter, durch Subventionen und Steuererleichterungen Unternehmen zu veranlassen, andere gewinnbringend für sich arbeiten zu lassen. Der sozialdemokratische Wunsch, bei kleinen Renten wenigstens die Lebensleistung zählen zu lassen, soll ausgleichen, dass Arbeitende ein Leben lang zu wenig Lohn erhielten oder, wie viele Ex-DDRler, zu geringe Renteneinzahlungen angerechnet bekommen.
Die Leistung von Kleinrentnern besteht darin, dass sie sich ein Leben lang unverschämt niedrige Löhne haben bieten lassen müssen. Und die Leistung der anderen, die jetzt staatlich gefördert, weniger Steuern zahlen und größere Abschreibungen bekommen sollen, von der Zahlung zu geringer Löhne profitiert zu haben.
Täuschen wir uns also nicht – wir werden uns gegen diejenigen wehren müssen, deren Leistung vor allem darin besteht, andere mit geringem Lohn für sich arbeiten zu lassen und ihre Herrschaft über andere mit Geld durchzusetzen. Sie wissen nicht, welche Produkte den Menschen und der Welt guttun, sie schätzen nicht das Vergnügen der Arbeit und sie helfen nicht, unseren Planeten und unsere Gemütsruhe zu bewahren.
Jürgen Bönig leistet sich vierteljährlich eine Fahrt durch die Schreckenskammer der Begriffe.
