Viele Milliardäre wohnen in Hamburg, doch nur wenige vermögen es wie Klaus-Michael Kühne, politische Entscheider willfährig zu machen
In der letzten Novemberwoche hat die Bürgerschaft, das Hamburger Parlament, einem Vertrag zwischen der Stadt und der Kühne-Stiftung zugestimmt. Einzig die Linkspartei votierte gegen das Papier, das den Bau eines neuen Opernhauses auf dem Baakenhöft, einer in den Fluss ragenden Halbinsel in der HafenCity, ermöglicht.
Den größten Teil der Baukosten soll die Kühne-Stiftung übernehmen, sofern sie sich nach Ausführungsplanung und Kostenabschätzung dafür entscheidet. Die Stadt trägt die Kosten der Erschließung samt Hochwasserschutz und stellt das Grundstück zur Verfügung. Sie soll das Opernhaus, dessen Fertigstellung für 2034 in Aussicht steht, übernehmen und dessen Betrieb finanzieren. Für Sanierung und Betrieb des alten Opernhauses am Dammtor ist ebenfalls die Stadt verantwortlich. Die neue Oper an spektakulärer Stelle wäre ein weiteres prägendes Bauprojekt, das der Stifter Kühne in Hamburg aus eigener Macht durchgesetzt hätte.
Raub und Hehlerei
Der gebürtige Hamburger, der sein Vermögen mit der Spedition Kühne + Nagel verdient hat, verlegte Firmenund persönlichen Wohnsitz in die Schweiz zum Nachteil des deutschen Fiskus.
Klaus-Michaels Vater, Alfred Kühne und dessen Bruder Werner kontrollierten die Firma, nachdem sie den jüdischen Mitinhaber Adolf Maas hinausgedrängt hatten. Am 1. Mai 1933 traten die Brüder der NSDAP bei.
Kühne & Nagel wurde ›Nationalsozialistischer Musterbetrieb‹ und verdiente nach der Besetzung Frankreichs, Belgiens und der Niederlande Millionen beim Transport geraubten jüdischen Eigentums. Im Entnazifizierungsverfahren kam die Unternehmerfamilie glimpflich davon.
In den 1960er Jahren übernahm Klaus-Michael das Unternehmen und baute es zu einem internationalen Konzern aus.
Von der Herkunft seines Vermögens möchte Kühne lieber nichts wissen. Er verhinderte das Erscheinen einer von ihm in Auftrag gegebenen Jubiläumsschrift, die die Naziverbrechen thematisiert, und verweigert beharrlich die unabhängige Aufarbeitung der Verbindung zum Naziregime.
Klaus-Michael sei 1945 doch erst sieben Jahre alt gewesen, fand unter anderem Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher, und von der Nazi-Hehlerei nach dem Krieg nichts übrig gewesen; der nachherige Aufstieg also eigene Leistung – eine moralisch sonderbare und sachlich falsche Argumentation, denn den Besitzern von Produktionsmitteln blieben bei der Währungsreform immer noch die durch Hehlerei erworbenen Fahrzeuge, Verträge, Geschäftsbeziehungen und Sachwerte.
Gefährdete Investitionen
Die Geschichte des Operngeschenks an die Stadt lässt sich besser verstehen, wenn man die Lage der Grundstücke kennt, die zur Rettung von Spekulationsgewinnen in einem privaten-öffentlichen Dreieckshandel freigeräumt werden sollen
Kühne war unter anderem an den Immobiliengeschäften des René Benko beteiligt. Der kaufte, nicht nur in Hamburg, Kaufhäuser in Innenstadtlage aus der Insolvenzmasse, forderte überhöhte Mieten und nahm auf den überhöhten Wert der Immobilie Kredite auf, die zum Ankauf weiterer Immobilien dienten. Kühne ist in zwei Projekte involviert, die unheilvoll für die Hansestadt ausgingen und jetzt durch das Operngeschenk nach dem Bankrott von Benko gerettet werden sollen:
Zum einen der ökologisch und für das Stadtbild katastrophale Elbtower an den Elbbrücken, den der vormalige Bürgermeister Olaf Scholz unbedingt 245 Meter hoch gebaut haben wollte und dessen durch Lage und Baukosten hohe Mieten niemand bezahlen wollte.
Auf dem ursprünglichen Plan der HafenCity war an der Wasserkante ein Museum, möglicherweise ein Naturhistorisches Museum mit Aquarium geplant, das den Umgang der Stadt mit der Elbe thematisiert hätte.
In einer Kombination privater und öffentlicher Bauspekulation entstand im Sommer 2024 die Idee, das Evolutioneum, ein städtisches naturhistorisches Museum zur Artenvielfalt, das aus den Sammlungen der Universität hervorgegangen ist, als Ankermieter in den Sockelgeschossen des Elbtowers unterzubringen. Damit befände sich das Museum am falschen Ort, im falschen Gebäude, zu hohen Kosten, nur um das Imponiergebäude aus falschem Grunde zu finanzieren.
Das andere bedürftige Projekt ist eine Einkaufspassage am Gänsemarkt in der Hamburger Innenstadt, die abgerissen, neu erbaut und erweitert werden sollte. Weil dem Neubau die Hamburgische Staatsoper mit ihren erneuerten Betriebsgebäuden im Wege stand, machte Kühne den Vorschlag, eine neue Oper auf dem Baakenhöft zu bauen und das alte Opernhaus abzureißen.
Bürgermeister Tschentscher lehnte dieses Vorhaben glattweg ab. Doch mit Benkos Insolvenz, die 2023 den Stillstand der Bauarbeiten an beiden Projekten nach sich zog, veränderten sich die Rahmenbedingungen.
Geschichtsvergessenheit
Der Baakenhöft war ursprünglich für ein bedeutendes öffentliches Gebäude vorhergesehen, das das Parlament des geplanten Nordstaates (Schleswig-Holsteins, Hamburgs und Niedersachsens) aufnehmen und Publikum in die HafenCity ziehen sollte.
Im Zuge einer zivilgesellschaftlichen Debatte um Hamburgs Rolle im Kolonialismus wurde zudem deutlich, dass im Baakenhafen die sogenannten Schutztruppen zum Völkermord an den Herero und Nama aufgebrochen waren, und deshalb dort der Beteiligung Hamburgs am Kolonialismus und am Völkermord gedacht werden müsste.
Doch den Platz hat sich Kühne für seine Oper ausgesucht. Dem Stifter gelingt es, seine Interessen in einer Stadt durchzusetzen, in der er auf sein Milliardenvermögen keine Steuern zahlt. Er kann eine Verwendung öffentlicher Gelder erzwingen, die nicht den vorherigen staatlichen Absichten entspricht.
Einer weiteren Geschichtsvergessenheit macht sich die Stadt schuldig, wenn sie die Hamburgische Staatsoper privater Verwertung unterwirft. In dem 1827 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbauten Gebäude am Dammtor fanden in Zeiten des Vormärzes und der Revolution 1848 Theateraufführungen, Singspiele und Opern statt, die die bürgerlichen Ideale der Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie feierten. Mit dem Stadttheater hatte das Bürgertum einen Ort, an dem es seiner selbst bewusst werden konnte. Martin Haller, der Rathausbaumeister, ergänzte das Gebäude 1871 um ein Foyer, in dem sich das Publikum ergehen konnte. Der Nachkriegsbau nahm die Idee einer einsehbaren Öffentlichkeit auf, indem das Foyer ganz verglast wurde, so dass das vorbeiflanierende Publikum dem Opernbesuch von außen zuschauen kann. Doch wenn im historischen Gebäude der Staatsoper demnächst nurmehr eingeschränkter privater Theaterbetrieb stattfindet, könnte die Einkaufspassage am Gänsemarkt durch die nicht mehr nötigen Funktionsgebäude der Staatsoper erweitert werden. Was zählt das städtisch-demokratische Erbe, wenn ein Milliardär andere Pläne hat?
Kühne und seine Stiftung halten alle Karten in der Hand. Erst nach der Ausführungsplanung werden sie über den Bau und dessen Finanzierung entscheiden und das sicherlich auch daran messen, ob die zwei anderen Baustellen in ihrem Sinne geregelt sind. Ein Blick auf den Siegerentwurf des begrenzten Wettbewerbs für die Kühne-Oper zeigt, dass das Evolutioneum, statt in den Benko- Tower gestopft, viel besser in das mit begehbaren begrünten Terrassen umsäumte Gebäude in der Elbe passen würde als ein Opernhaus, das keine Geschichte und keine Moral kennen will.
Jürgen Bönig meinte im Frühjahr 2022 in Lunapark21, der Benko-Tower sollte einfach nicht gebaut werden.
www.lunapark21.net/ein-hochhaus-an-der-elbe