Gold – Der wahre Wert der Waren-Welt

Oder: 42 Jahre Es-möge-geschehen-Weltwährung
Winfried Wolf. Lunapark21 – Heft 23

Vor 42 Jahren, am 15. August 1971, verkündete der US-amerikanische Präsident Richard M. Nixon das „Schließen des Goldfensters“: US-Dollar würden zukünftig definitiv nicht mehr zu einem garantierten Kurs in Gold umtauschbar sein. Eine Ära ging zu Ende. Nach 179 Jahren Bindung des Dollars an die Edelmetalle Silber und Gold sollte der Wert des US-Dollar nur noch darin bestehen, dass die Dollar-Besitzer auf die Stabilität und Macht der USA vertrauen.[1]

Kenner der Materie werden jetzt einwenden: So ganz durchgängig war die Bindung des Dollars an einen Edelmetallanker dann wieder nicht. Richtig! Im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) wurden zur Finanzierung desselben erstmals „Greenbacks“ ausgegeben, Dollarnoten ohne Silber- oder Golddeckung. Im Kapitalismus sind Kriege oft die furchtbaren Väter aller Dinge: Es kam zur Inflation. 1873 wurde dann in einem neuen Münzgesetz der US-Dollar erneut an Gold gebunden (damals im Übrigen nur noch an Gold; Silber wurde „demonetisiert“).

1971 also der Donnerschlag: Der US-amerikanische Dollar – eine „Fiat-Währung“. Fiat ist Latein und heißt: „Es möge geschehen; es geschehe“. Ob es dann tatsächlich geschieht, dass der Dollar und mit diesem das Weltwährungssystem stabil bleiben würden, war die blanke Hoffnung. Der Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman urteilte, damit sei „ein einzigartiges Geldregime etabliert“ worden. Dessen Basis war und ist ausgesprochen wankend. So gab es in den gut vier Jahrzehnten erhebliche Erschütterungen im Finanz- und Währungssystem. Drei Beispiele:

1973 kam es zu heftigen Währungsturbulenzen; die Devisenbörsen der westlichen Welt mussten für zwei Wochen geschlossen werden. Der Versuch, feste Währungsrelationen ohne den Goldanker beizubehalten, war gescheitert. Danach wurde ein System flexibler Wechselkurse vereinbart, was jedoch seinerseits zu periodischen massiven Währungsspekulationen und zu Dutzenden Krisentreffen von Zentralbankchefs führte.

Am 19. Oktober 1987 ereignete sich an der Wall Street ein Börsenkrach, der alle westlichen Börsen erfasste und in dessen Verlauf allein an der New Yorker Börse Aktienkapital im Wert von mehr als einer Billion (1000 Milliarden) US-Dollar vernichtet wurde. Erst zwei Jahre später konnten die damals erlittenen Kursverluste wieder wettgemacht werden (Tokio bildete die Ausnahme). Der damalige Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz, Edzard Reuter, äußerte: „Es scheint mir bemerkenswert, dass die Stimmen inzwischen nicht mehr so überzeugt klingen, die eine Wiederholung des Jahres 1929 und all seiner Folgen für ausgeschlossen halten.“[2]

Schließlich zerschellte im August 1993 das Europäische Währungssystem (EWS), das zwölf Jahre zuvor just als Antwort auf das Ende des Bretton Woods-System etabliert worden war. Einzelne Länder – so Großbritannien und Schweden – erlebten in diesem Zusammenhang spezifische schwere Währungskrisen.

Verfolgt man die längerfristigen Bewegungen des Goldpreises seit Aufhebung der Goldbindung, die es bis August 1971 noch in Ansätzen gab, so kam es durchaus zu erheblichen Auf- und Abwärtsbewegungen (siehe Grafik auf Seite 40). Der Goldpreis – und hier insbesondere der reale Goldpreis – erhöhte sich nach der Weltwirtschaftskrise 1973-75 deutlich, was zugleich heißt, dass der US-Dollar im Wert sank. Dieser deflationierte Goldpreis stieg im Zeitraum 1979 bis 1981 im Zusammenhang mit der Rohstoffverteuerung und der neuen weltweiten Rezession ein weiteres Mal an und erreichte als deflationierter Goldpreis (in Preisen von 2000) erstmals Spitzenwerte von 1400 Dollar je Feinunze. Der Rückgang des Goldpreises in den Jahren danach, die relativ geringen Ausschläge nach oben und unten in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten und die Entwicklung hin zu einem 23-Jahres-Tief im Jahr 1999 korrespondieren mit einem relativ hohen Wirtschaftswachstum in den USA in den zwei relativ langen Wirtschaftszyklen der 1980er und 1990er Jahre unter den US-Präsidenten Ronald Reagan, George Bush (sen.) und Bill Clinton. Bereits zum Zeitpunkt der Krise des neuen Marktes 2001/2002 beginnt der Goldpreis erstmals wieder zu steigen – die zurückgestaute Finanzkrise wird erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Sein Anstieg beschleunigt sich mit der neuen Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2007 begann. Sie erreicht mit der Eurokrise 2011/2012 einen neuen Höhepunkt, der denjenigen von Anfang der 1980er Jahre nochmals übertrifft.

Für den Zeitraum 2011 bis 2013 kann tatsächlich von einer Fieberkurve gesprochen werden, die der Goldpreis abbildet – und es ist im Kern eine Fieberkurve des Dollarwerts.

Der innere Wert von Gold
Die gute alte, verblichene Financial Times Deutschland zitierte einmal einen auf Rohstoffanlagen spezialisierten Vermögensverwalter, wonach „der Goldpreis fundamental nicht zu erklären“ sei.[3] Ja, so derselbe Banker, es handle sich um eine „unrentable Geldanlage“, deren „innerer Wert sich – anders als bei Aktien – nicht bestimmen lässt“. In einer solchen Aussage steckt sicher ein Goldkörnchen Wahrheit. Letzten Endes ist Gold jedoch ein recht handfestes und wenig mystisches Ding. Zunächst einmal ist zu klären, warum es Gold ist, das diesen Fixpunkt des kapitalistischen Wirtschaftens darstellt. Warum nicht leuchtende Feuersteine oder tiefschwarze Basaltsteine? Warum nicht Maggi-Gewürz-Fläschchen oder Apple-iPhones oder High heels? Auf individueller Ebene ist eine Schatzbildung beispielsweise in Form von Schuhen ja durchaus vorstellbar; Imelda Marcos hatte am Ende ihrer Karriere als Gattin des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos insgesamt 1062 Paar Schuhe gehortet. Allerdings zeigten sich just hier Probleme, wie sie typisch für ein ungeeignetes allgemeines Tauschmittel sind – das Schuhwerk vergammelt.[4]

Gold weist demgegenüber fünf Charakteristika auf, die es in seiner Gesamtheit vor allen anderen kapitalistischen Waren auszeichnet.

Erstens wird Gold nur unter extrem schwierigen Bedingungen, mit großem Aufwand und überwiegend mit dem Einsatz menschlicher Arbeit gefördert. In Gold ist eine ungeheure Menge menschlicher Arbeit – überwiegend lebendige Arbeit, zu einem gewissen, aber nur sehr langsam wachsenden Teil auch „tote Arbeit“ (früher verausgabte Arbeit, die in Maschinen und Anlagen steckt) – verkörpert.[5]

Zweitens ist die Goldförderung eine Art der Kapitalanlage, die erst nach zehn bis zwölf Jahren Früchte trägt. Solange dauern die Exploration neuer Goldfunde und das bergmännische Aufschließen derselben. Kurzfristige Produktionsschwankungen sind damit ausgeschlossen.

Drittens sind die Goldvorräte der Welt äußerst begrenzt, so dass derzeit trotz eines sehr hohen Goldpreises weltweit pro Jahr nur 2700 Tonnen gefördert werden. Wobei dies wiederum geschichtlicher Weltrekord ist. In den letzten hundert Jahren konnte die weltweite Goldförderung „nur“ verfünffacht werden – von 500 auf 2700 Tonnen im Jahr; seit dem Zweiten Weltkrieg gab es eine gute Verdopplung der jährlichen Goldförderung.[6] Damit wächst der stoffliche Output von Gold deutlich langsamer als derjenige anderer kapitalistischer Waren; auch langsamer als z.B. die Kohle- oder Ölförderung oder gar die Pkw-Herstellung.[7]

Viertens ist Gold fast für ewige Zeiten haltbar – es verrottet nicht, verdunstet, brennt und oxydiert nicht. Daher gibt es einen mehr als tausend Jahre alten Goldschatz. Bislang wurden in den vergangenen mehr als 1000 Jahren weltweit rund 170000 Tonnen Gold geschürft. Dieser Goldschatz verteilt sich wie folgt: 30700 Tonnen lagern bei wenigen Zentralbanken, 25000 Tonnen sind Eigentum von privaten Investoren und Fonds; 79000 Tonnen sind in – meist in individuellem Eigentum befindlichen – Schmuck und 18000 Tonnen sind in Kunstgegenständen gebunden. Gold in vergleichbarer Größenordnung fand Verwendung in der Industrie und in der Zahnmedizin.[8]

Fünftens schließlich ist Gold äußerst kompakt; bereits kleinste Einheiten sind höchst wertvoll. Der aktuelle Goldpreis von 1330 US-Dollar je Feinunze (Stand: 24. September 2013) besagt, dass für ein Goldblatt mit 31,1 Gramm Gewicht 1330 Dollar oder 984 Euro zu bezahlen sind.

Diese Charakteristika sind alle untypisch für die kapitalistische Produktion – und gerade deshalb für den spezifischen Zweck, den Gold im kapitalistischen Produktionsprozess erfüllte und gegebenenfalls neu erfüllt, geeignet. Und dieser Zweck lautet: Da im Kapitalismus die Produkte menschlicher Arbeit Warencharakter haben, da die Waren und Dienstleistungen gegen andere Dienstleistungen und Waren getauscht werden und da dieser Austauschprozess auseinanderfällt, bedarf es der Vermittlung. Diese erfolgt durch Geld: W-G -W: Ware wird zu Geld und Geld wird zur anderen Ware. Wenn das Geld selbst ebenso werthaltig ist wie die auszutauschenden Waren, ist der Vorgang für alle Beteiligten – es herrschen Konkurrenz und damit Misstrauen! – unproblematisch. Handelt es sich um Papiergeld mit Goldstandard, ist der Prozess solange unkritisch, wie das Austausch treibende Publikum davon ausgeht, dass die Banken respektive die Zentralbank über ausreichende Goldvorräte verfügen, um das Versprechen, wertloses Papier oder Blechgeld in Gold umzutauschen, auch realisieren zu können. Handelt es sich allerdings um „Fiat-Währungen“, dann kann in Krisenzeiten eben ein „bank-run“ drohen – mit der Gefahr des Zusammenbruchs einer Währung und gegebenenfalls des Kollapses des Weltfinanzsystems. Siehe 1929ff. Siehe die kritischen Tage nach der Lehman-Pleite vor fünf Jahren (siehe Seite 8).

Das Vertrauen in Gold in Krisenzeiten ist nicht im puren „Glauben“ an einen ideellen Goldwert begründet. Es handelt sich, wie von Karl Marx ausgeführt, bei Gold selbst um verkörperte Arbeitszeit: „In der unmittelbaren Produktion erscheint unmittelbar ein bestimmtes Quantum Gold als Produkt und damit als der Wert, das Äquivalent einer bestimmten Arbeitszeit. Es gilt also nur, die Arbeitszeit, die in den verschiedenen Waren realisiert ist, zu bestimmen, und sie der Arbeitszeit, die direkt das Gold produziert, gleichzusetzen, um zu sagen, wieviel Gold in einer bestimmten Ware enthalten ist.“[9] Die Werthaltigkeit von Gold ist somit in starkem Maß mitbestimmt durch die beschriebene Knappheit dieser Ware und die „Arbeitsdichte“, die in Gold verkörpert ist. Auf das letztere wird noch einzugehen sein.

Weltgoldschatz & Weltmacht

Gold hatte, wie beschrieben, im Kapitalismus immer eine große Bedeutung. In jüngerer Zeit wächst diese Bedeutung. In ihr reflektieren sich auch die Kräfteverhältnisse im kapitalistischen Weltsystem. Dies lässt sich auf verschiedenen Ebenen belegen.

Produktion und Goldförderung: Die Förderung des Goldes erfolgt naturgemäß dort, wo es die Vorkommen gibt – vor allem in Südafrika, USA, Kanada, Australien, Ghana, Usbekistan, Papua-Neuguinea und China. Die Konzerne, die die weltweite Goldförderung kontrollieren, sind dann allerdings fast ausschließlich Unternehmen, die ihren Sitz in den imperialistischen Zentren haben. Oder es handelt sich um Firmen, deren Mehrheitseigentümer in Europa oder in den USA beheimatet sind. Kanada als Firmensitz spielt eine große Rolle, weil die Gesetzgebung Kanadas für Rohstoffkonzerne maßgeschneidert ist. Unter anderem wird Rohstoffkonzernen, die in Kanada gelistet sind, bei Korruption (um Konzessionen zu erlangen) faktisch Straffreiheit gewährt.[10] Fast alle Goldproduzenten sind extrem schlecht beleumundet – fester Bestandteil ihres Geschäftsmodells sind Repression und Korruption. Natürlich handelt es sich dabei immer um ehrenwerte Gesellschaften. Langjährige Aufsichtsratsmitglieder des US-Goldproduzenten Freeport-McMoRan, der besonders berüchtigt ist für Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen, waren Henry Kissinger und zwei Top-US-Militärs.

Weiterverarbeitung von Gold: Zwar gibt es in der Schweiz keine Goldvorkommen, doch der größte Teil der Weltgoldproduktion passiert – physisch! – den Alpenstaat. Aus einem aktuellen Bericht: „2011 wurden mehr als 2600 Tonnen Rohgold mit einem Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar in die Schweiz importiert. Das ist fast so viel, wie in diesem Zeitraum auf der ganzen Welt Gold geschürft wurde.“[11] Dieses in die Schweiz importierte Gold durchläuft eine der vier großen Schweizer Goldscheideanstalten.

Eine interessante Story in der Story: Die einmalige Rolle, die die Schweiz im Welt-Gold-Business einnimmt, entstand in den 1930er Jahren und während des Zweiten Weltkriegs, als, wie es in dem zitierten Artikel verschwurbelt heißt, „große Goldmengen in der Schweiz in Sicherheit gebracht“ wurden. Tatsächlich landete damals vor allem viel Gold, das die Nazis Jüdinnen und Juden geraubt und aus den besetzten Gebieten ebenfalls durch Raub geschafft hatten, in der Schweiz, wo es neu eingeschmolzen und somit der Charakter der illegalen Aneignung unkenntlich gemacht wurde.

Das Gold der Zentralbanken und das Fonds-Gold: Das Gold, das bei den „Investoren“ gehortet wird, ist zu 90 Prozent bei Fonds konzentriert, die in den USA und in Europa beheimatet sind. Der Goldschatz der Zentralbanken, der, wie bereits ausgeführt, 30700 Tonnen Gold ausmacht, verteilt sich nicht etwa gleichmäßig auf die rund 100 wichtigsten Zentralbanken dieser Welt. Vielmehr entfallen bereits 70 Prozent dieses Welt-Zentralbankschatzes auf die imperialistischen Hochburgen USA (8150 t), Deutschland (3500 t), Frankreich (2800 t), Italien (2400 t), die Schweiz (1040 t), die EZB (502 t) und den IWF (3200 t). Bezieht man Japan (765 t), die Niederlande (613 t), Portugal (383 t), Großbritannien (310 t), Spanien (282 t) und Österreich (280 t) mit ein, so entfallen bereits 80 Prozent des Notenbankschatzes auf nur elf westliche Länder und zwei westlich dominierte Institutionen.[12]

Und was ist mit China – hieß es nicht, dieses Land befände sich bereits in der Arena, in der um die imperialistische Vorherrschaft gekämpft wird? Richtig! China rückte 2012 (mit 370 Tonnen Förderung) zum weltweit größten Goldproduzenten auf. Chinas Nationalbank hatte bis vor kurzem kaum Goldreserven. Doch seit 2011 baut das Land seine nationalen Goldreserven massiv auf; 2012 waren es 1054 Tonnen. Es kursiert auch das hartnäckige Gerücht, China fordere eine zweite, den US-Dollar ergänzende Weltwährung – und zwar eine Währung, die Goldstandard aufweist.

Übrigens: Die Euro-Krise hat auch höchst handfeste Folgen für die Goldschatz-Zirkulation. In den Euro-Krisenländern Griechenland, Spanien und Portugal gibt es einen Boom beim Goldverkauf – vor allem Privatleute verkaufen Goldschmuck, um das Überleben zu finanzieren. In Portugal hat sich der Goldexport zwischen 2009 und 2011 verfünffacht. In Spanien schossen binnen zweier Jahre 15000 „compro oro“- („Ich kaufe Gold“) -Lädchen aus dem Boden. Der Goldexport Spaniens nach Deutschland hat sich im Zeitraum 2009 bis 2011 verdreizehnfacht.

Auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki will das Unternehmen Hellas Gold – es wird vom kanadischen Konzern Eldorado Gold kontrolliert – 180 Hektar Eichen- und Buchenwald abholzen und neue Goldminen eröffnen – heftig bekämpft von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden. Die griechische Zentralbank wiederum kaufte im ersten Halbjahr 2013 massiv Gold auf, um im Fall eines Euro-Austritts eine neue nationale Währung in bescheidenem Umfang absichern zu können.[13]

peak gold

Es gibt nicht nur peak oil – es gibt auch peak gold, das Goldfördermaximum. Dieses wurde in vielen Ländern mit Goldförderung bereits erreicht – in Südafrika war dies schon 1970 der Fall. Seither ist in diesem klassischen Land der Förderung von Edelmetallen – neben Gold vor allem Platin – die Goldförderung rückläufig. Und zwar auf dramatische Weise. 1970, auf dem Gipfel der südafrikanischen Goldförderung, wurden aus den südafrikanischen Goldminen genau 1000417 Kilogramm – oder etwas mehr als 1000 Tonnen – Gold geholt. Drei Jahrzehnte später, im Jahr 2000, waren es weniger als die Hälfte (430 Tonnen) – und nur ein gutes Jahrzehnt später, im vergangenen Jahr 2012, waren es nur noch 167 Tonnen. Damit wurde die niedrigste Goldförderung des Landes seit dem Jahr 1905 erreicht! Tatsächlich befindet sich die südafrikanische Goldproduktion in einem Überlebenskampf. Und dies aus drei Gründen:

Erstens sind die südafrikanischen Minen seit vielen Jahrzehnten in Betrieb; die Förderung erfolgt in immer größeren Tiefen und wird damit erheblich verteuert. In einzelnen Gruben – so in denjenigen des Goldförderkonzerns Sibanye Gold – hat ein Minenarbeiter allein auf dem Werksgelände zwei Stunden „Anfahrtsweg“, bis er tief im Stollen, oft zwei und mehr Kilometer unter der Erdoberfläche, die Arbeit beginnen kann. Entsprechend wird in der Financial Times geklagt: „Das heißt, dass die Hälfte einer Acht-Stunden-Schicht für Fahrten zum Arbeitsplatz aufgewandt werden.“[14] Die Folge: Die Minenkonzerne versuchen, die Schichtzeiten zu verlängern.

Zweitens sind die südafrikanischen Löhne der Minenarbeiter im weltweiten Vergleich der Goldförderung hoch – gemessen an Kriterien wie Menschenwürde sind sie unverantwortlich niedrig (siehe Seite 6).

Drittens wird die Goldförderung in Regionen mit deutlich geringeren Arbeitskosten und angesichts des hohen Goldpreises in aggressiver Weise gesteigert – teilweise, wie in China und Russland der Fall, aus strategischen Gründen (um den Goldschatz der Zentralbanken aufzustocken) durch die Regierungen gefördert.[15]

Andere Länder, in denen peak gold bereits erreicht wurde, sind die USA (peak 1998), Australien (1997), Russland (1989), Brasilien (1990), Chile (2000) und Simbabwe (1999).

Auf weltweiter Ebene wurde noch im Jahr 2008 angenommen, peak gold sei bereits 2001 erreicht worden – mit einer Goldförderung von 2649 Tonnen. Inzwischen stieg die Förderung nochmals – auf 2700 Tonnen im Jahr 2012. Geologen sagen nun für 2020 oder spätestens für 2025 das Goldfördermaximum voraus.

Offensichtlich ist „peak gold“ ein ebenso weicher Begriff wie „peak poil“. Steigt der Goldpreis, dann vergrößern sich Geschäft, Gier & Gewinn. Barrieren, die aus Gründen des Umweltschutzes oder der Respektierung der Menschenrechte bislang als gesetzt galten, werden niedergerissen. Als es zur Deepwater Horizon-Katastrophe kam, waren viele entsetzt, dass im Golf von Mexiko 1250 Meter unter der Meeresoberfläche nochmals 10.685 Meter tief in die Erdkruste gebohrt und von dort Öl gefördert wurde. Inzwischen gehen die Bohrungen nochmals tiefer – mit nochmals gesteigertem Risiko.

Auch Gold wird immer tiefer im Erdinneren gefördert. In Südafrika wurden inzwischen Rekordtiefen von bis zu 4000 Meter erreicht. Beim aktuell hohen Goldpreis lohnt es sich bereits, eine Tonne Gestein wegzuräumen, um aus dieser Erd- und Gesteinsmasse 1 Gramm (also 0,001 Kilogramm) Gold zu gewinnen. Aber, was heißt das, „eine Tonne Gestein wegzuräumen“? In Wirklichkeit wird dieses Gestein herausgesprengt, es werden Sände und Schlämme mit hochgiftigem Quecksilber und Zyanidlaugen zersetzt. Es werden riesige Berge eingeebnet, Landschaften zerstört und die Grundlagen für menschliches und tierisches Leben gefährdet.

Die Gruppe „Rettet den Regenwald“ schreibt dazu: „Der Goldabbau setzt eine tickende Zeitbombe in Gang. Zyanidbehandeltes Gestein bildet an der Luft Säuren, die sich über lange Zeiten in den Untergrund fressen. Früher oder später droht dadurch eine Verseuchung des Grundwassers. Ein anderes Verfahren ist die Gewinnung von Gold aus Fluss-Sand, meist mittels Quecksilber. Dieses verbindet sich mit dem Goldstaub und bildet dabei eine Legierung. Um das reine Gold zu gewinnen, wird diese Verbindung erhitzt und das Quecksilber verdampft. Dabei gelangen die giftigen Dämpfe ungefiltert an die Luft und in die Flüsse. Zusätzlich werden Schwermetalle wie Arsen, Blei, Kadmium und Quecksilber freigesetzt. Allein in den Amazonas werden pro Jahr schätzungsweise 100 Tonnen Quecksilber gekippt. Der moderne Goldabbau ist eine Katastrophe für Menschen und Umwelt.“[16]

Trotz dieser unbeschreiblichen Gier nach Gold und trotz der Gefahr, dass noch weitere Barrieren niedergerissen und riesige Regionen mit Kulturlandschaften und Siedlungen einfach weggesprengt werden, um ein paar 100 zusätzliche Kilogramm Gold zu fördern, ist doch gesichert: Gold ist knapp. Ein Goldfördermaximum ist nahe. Das Zusammenkommen dieser Knappheit des Edelmetalls, durch die natürlichen Begebenheiten bedingt, mit der steigenden Nachfrage, gespeist durch die Finanzkrise und eine mögliche neue weltweite Krise können dazu führen, dass der Goldpreis in bislang kaum vorstellbare Höhen – einige sprechen von 5000 US-Dollar je Feinunze – hochschnellt. Was ja heißt, dass der Wert des US-Dollar in den Keller fällt – eben weil niemand mehr an ein „Fiat – es geschehe!“ glaubt.

***

Nochmals zurück zum Ausgangspunkt, dem 15. August 1971. Ohne Zweifel war es auch ein Zeichen von Schwäche, dass damals der US-Präsident das Ende von Bretton Woods verkünden und damit die Goldbindung des US-Dollars aufkündigen musste. Doch es war natürlich auch eine Machtdemonstration. Demonstriert wurde: Wir rücken unseren Goldschatz nicht heraus – obgleich die vertragliche Verpflichtung dazu bestand. Es handelte sich schließlich um eine einseitige Aufkündigung. Die US-Regierungen hielten bis heute eisern ihren Goldschatz zusammen. Die in den USA gehorteten 8134 Tonnen Gold decken bei dem aktuellen Marktpreis immerhin gut 30 Prozent der in Umlauf befindlichen US-Dollar ab. Der Goldanteil an allen Währungsreserven der USA ist mit 74,1 Prozent auch Weltrekord. In China lag dieser Anteil 2011 bei 1,6 Prozent; inzwischen könnten es drei Prozent sein.

In Deutschland liegt dieser Anteil formal ebenfalls bei 71,4 Prozent. Dumm ist nur, dass 70 Prozent des deutschen Goldschatzes nicht in Deutschland, sondern in den USA (1536t), in Paris (374 t) und in London (450t) deponiert ist. Diese deutschen Goldvorräte lagern also, in interessanten Proportionen verteilt, bei den westlichen Siegermächten. Das hat ohne Zweifel auch etwas mit den innerimperialistischen Kräfteverhältnissen zu tun.[17]

Anmerkungen:

[1] Siehe Quartalslüge (Seiten 4/5). Am 2.4.1792 wurde mit dem „Coinage Act“ (Münz-Gesetz) der Dollar zur US-Währung mit einer genauen Festlegung des Verhältnisses Dollar zu Silber und Silber zu Gold. Faktisch wurde zunächst Silber zum entscheidenden Anker. 1834 wurde das Verhältnis Silber zu Gold leicht verändert, sodass nunmehr Gold Silber verdrängte und der US-Dollar de facto Goldstandard erhielt. Die USA konnten im Ersten Weltkrieg, anders als z. B. Großbritannien und Deutschland, den Goldstandard verteidigen. Unter US-Präsident Roosevelt kam es 1934 zu einer Aufwertung des Dollars bzw. zu einer Abwertung des Goldpreises – erstmals auf jene 35 US-Dollar je Feinunze, die auch im Bretton Woods-System 1944 vereinbart wurde. Vorher,1933, wurde in den USA jeder private Besitz von Gold verboten. Dieses Verbot wurde erst 1974 wieder aufgehoben.

[2] Nach: Spiegel 48/1987; zitiert bei: Ernest Mandel / Winfried Wolf, Cash, Crash & Crisis, Hamburg 1988, S. 34.

[3] Financial Times Deutschland 29.9.2010 (zitiert wurde Christoph Eibl, Vorstandschef des Schweizer Vermögensverwalters Tiberius Asset Management.)

[4] Im Herbst 2012 wurde vermeldet, dass die im Nationalmuseum von Manila (!) aufbewahrte Schuhsammlung der Schuhfetischistin I.M. zunehmend verrottet. Ruckedigu – Schimmel am Schuh, in: Der Spiegel 23.9.2012.

[5] Ernest Mandel lieferte Daten, wonach in der südafrikanischen Goldförderung von Ende der 1960er Jahre „der Input lebendiger Arbeit pro Kilogramm Feingold im Vergleich zu 1907 noch leicht zugenommen hat.“ Er schrieb dazu: „Dies ist nicht erstaunlich, da ja im Bergbau das Gesetz der rückläufigen Erträge für gegebene Erzvorkommen gilt, infolge der Notwendigkeit, im Laufe der Zeit immer tiefere Schichten abzubauen.“ Ernest Mandel, Der Spätkapitalismus, Frankfurt am Main 1972, Seite 386f.

[6] Im 16. und 17. Jhd. wurden pro Jahr rund 350 bis 500 kg Gold gefördert (oder durch Raub „neu gewonnen“). Im 18. Jhd. waren es im Schnitt 1000 Kilogramm jährlich. Im 19. Jhd. (= industrielle Revolution; Weltmarkt) gab es die größten Steigerungen von knapp 2 Tonnen auf 40 Tonnen in den letzten Jahren dieses Jahrhunderts. Anfang des 20. Jhd. waren es dann die bereits zitierten 500 Tonnen Goldförderung pro Jahr.

[7] Die Steinkohleförderung wurde seit 1900 (20 Mio t) um das Zwanzigfache und seit 1950 (= 550 Mio t) um das Sechsfache gesteigert (2011 = 4000 Mio t). Die Autoproduktion wurde seit 1950 (= 13 Mio Pkw) um das Sechsfache erhöht (2012 = 75 Mio Pkw).

[8] Die jährliche Nachfrage nach Gold übersteigt derzeit das Angebot (= die Neuförderung) deutlich (um rund 1000 Tonnen), was jedoch aktuell durch Wiederaufbereitung (Recycling) ausgeglichen wird.

[9] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 118.

[10] Die größten Konzerne mit Goldförderung: Barrick Gold (Kanada), Newport Mining (USA), Anglogold Ashanti (Südafrika – starker Einfluss aus den USA & GB); Goldcorp (Kanada), Freeport-McMoRan (USA), Gold Fields (Südafrika; überwiegend britisches Kapital), Kinross Gold (Kanada), Yamana Gold (Kanada).

[11] Wolfgang Koydl, Goldstaub, in: Süddeutsche Zeitung 23.2.2013. Real dürften zwischen 70 und 80% des im Jahr neu gewonnenen Goldes durch die Schweiz zirkulieren. Die Differenz zum SZ-Zitat erklärt sich durch die große Menge von wiederaufbereitetem Gold (2011: 1612 Tonnen!).

[12] Basis: 2011. Nach: Handelsblatt 20.8.2011.

[13] Informationen zu Portugal nach Deutsche Wirtschaftsnachrichten 17.8.2013; zu Spanien Zeit online 21.12.2012; zu Griechenland Deutsche Wirtschaftsnachrichten 27.5.2013 und Handelsblatt 4.12.2012.

[14] Andrew England, Sibanye Gold seeks to buck trend of decline and revive ageing mines, in: Financial Times vom 23.9.2013. Das Unternehmen Sibanye (mit 35000 Beschäftigten!) existiert erst seit Ende 2012 und entstand als Abspaltung des weltweit aktiven Goldförderkonzerns Gold Fields, der seine südafrikanischen Minen abtrennte und auf diese Weise Ballast abwerfen wollte.

[15] Einige Beispiele, wie anderswo die Goldförderung allein im Zeitraum 2000 bis 2010 gesteigert wurde. China von 100 Tonnen im Jahr 2000 auf 340 Tonnen 2010; Peru von 9 auf 148 (!); Indonesien von 11 auf 104; Ghana von 16 auf 92; Mexiko von 8 auf 79; Papua-Neuguinea von 34 auf 67; Argentinien von 1 auf 58; Kolumbien von 29 auf 53; Tansania von 2 auf 39 und Mali von 2 Tonnen im Jahr 2000 auf 38 Tonnen 2010

[16] Rettet den Regenwald e.V., GOLD – Fakten über Goldförderung und die Auswirkungen in der Umwelt, 2012. Siehe: www.regenwald.org. Angaben zu den Beschäftigten im weltweiten Goldbergbau nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.12.2009 und 12.10.2012; Tagesschau Schweiz, Sendung „Kassensturz“, 26.10.2012.

[17] Der Bundesrechnungshof rügte im Herbst 2012, dass die „bei den Notenbanken im Ausland gelagerten deutschen Goldreserven noch nie von der Bundesbank selbst oder durch andere unabhängige Prüfer körperlich aufgenommen und auf Echtheit und Gewicht geprüft worden“ seien. Nach: Wirtschaftswoche 29.10.2012.

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