„Alternativlos“ statt „Basta“

Ein Rückblick auf die Ära Merkel

Wer die Bundeskanzlerin nur vom Fernsehen kannte, wird erstaunt gewesen sein, sie in weniger offiziellen Situationen zu erleben: selbstsicher, reaktionsschnell, sprachlich präzise, mit einem Talent für Ironie. Keine Spur von „Mutti“, schon gar nicht von „Kohls Mädchen“.

Die Pose, die sie vor den Kameras einnahm, könnte man ihr übelnehmen, diese immer gleiche Performance der gütig-geduldigen Kindergärtnerin, in der sich eine Geringschätzung der Auffassungsgabe der Bevölkerung ausdrückte und die das Publikum gleichzeitig über die intellektuelle Fähigkeit seiner Kanzlerin täuschte.

Angela Merkel ist verdammt schlau. Und sie wusste, was die Stunde geschlagen hat und schritt zur Tat, als es Not tat, Helmut Kohl abzusägen.

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Der Schärfste im ganzen Land.

andré geicke: leseprobe

Joseph Vogls Buch „Kapital und Ressentiment”

Da haben sie uns doch in unserer Eitelkeit getroffen. Wir, die Lunapark21-Redaktion, hatten uns eingebildet, verdammt scharfe Typen zu sein. Doch nun mussten wir erfahren, „Deutschlands schärfster Kapitalismuskritiker” sei Joseph Vogl.

So zu lesen in der Wirtschaftswoche, der Vogl im März ein Interview gab. Und der Mann sitzt nicht etwa hinter den sieben Bergen, sondern in Berlin mit einer Literaturprofessur an der Humboldt-Universität.

Anfang des Jahres war „Kapital und Ressentiment – Eine kurze Geschichte der Gegenwart”, das jüngste Werk des 63-Jährigen, erschienen.

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Leben und Treiben in der Spätmoderne

Eine soziologische Studie gesellschaftlicher Diskontinuität

Andreas Reckwitz: „Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“, Suhrkamp 2019, 308 Seiten, 18 Euro

Die Erwartungen von vor 30 Jahren, der Fortschritt würde sich quasi automatisch als Siegeszug von Demokratie und Marktwirtschaft vollziehen, erwiesen sich als Täuschung, als Illusion, deren Ende Andreas Reckwitz nüchtern konstatiert, um dann seine Sicht auf die gesellschaftlichen Entwicklungen vorzustellen.

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„You can do anything“

Die gescheiterte Revolution des Donald Trump

Er war kein Intellektueller. Die Presse und seine eigenen Parteigenossen hatten ihn zunächst als ungebildet und als Gaukler verachtet, als Präsidentschaftskandidat hätte er keine Chance. Aber er besaß den Instinkt für die Stimmung und die Wünsche der einfachen Leute und verstand es, zu begeistern.

Und er wusste, wer Schuld daran trüge, dass Amerika auf der Weltbühne geschwächt erschien und dass die ausländische Konkurrenz seiner Wirtschaft zusetzte: das Establishment in Washington. Mit seinem Ruf „Make America Great Again“ fand er den werbewirksamen Ausdruck für die Sehnsüchte einer großen Zahl von Menschen und gewann die Wahl.

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Ant Group – Eine unerhört schnelle Ameise

Geldverleiher gehen neue Wege und ein Chinese geht voran

Nein, so etwas macht man nicht, als Partygast andere Gäste beleidigen. Nun, es war eigentlich keine Party, aber Jack Ma hat sich danebenbenommen, als er im vergangenen Oktober auf einer Konferenz der Finanzbranche in Shanghai die chinesischen Banken Pfandleiher nannte.

Wahrlich dreist. Denn was macht eine Bank? Sie finanziert mutige Unternehmer, Unternehmerinnen mit Ideen, Geschäftsideen. Banken finanzieren die Wirtschaft von morgen. Ein Pfandleiher aber schätzt die silberne Zuckerdose des armen Mütterchens auf fünf Dollar und leiht ihr für das gute Stück fünf Dollar und keinen Cent mehr.

Und wer ist Jack Ma? Chinese, Jahrgang 1964, und mit 50 Milliarden Dollar einer der reichsten Männer der Welt.

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Unter Männern

Ein Buch über die Frauen im Deutschen Bundestag

„Was verbirgt sich hinter der Ehelosigkeit? Eine geschiedene Frau wäre für ein hohes Amt ebenso wenig geeignet wie eine alleinerziehende Mutter. Aber die Junggesellin? Ist sie zu hässlich für einen Mann? Ist sie eine Schreckschraube? Liebt sie etwa – schrecklich, das denken zu müssen – Frauen? Ist sie eine männerfeindliche Emanze? Solchen Verdächtigungen und Ressentiments sahen sich unverheiratete Frauen in der Politik ausgesetzt.“ – So soll es hierzulande zugegangen sein? Und man erinnert sich: Gott ja, so war es wirklich, und ist noch gar nicht lange her.

Man kann die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland als Geschichte seines Parlaments erzählen. Man kann sie auch anhand der Frauen des Parlaments erzählen. Das macht Torsten Körner. „In der Männer-Republik – Wie Frauen die Politik eroberten“ heißt sein im Februar dieses Jahres erschienenes Buch. Mit einer langen Reihe von Portraits, von den Müttern des Grundgesetzes, über die erste Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt, über Lenelotte von Bothmer, die 1970 die Parlamentarier im Hosenanzug schockierte, und der ersten Bundestagspräsidentin Annemarie Renger bis zur ersten Bundeskanzlerin gelingt Körner eine flüssige und mit Erkenntnisgewinn zu lesende Erzählung.

Parlamentarierinnen der CSU, der CDU, FDP und SPD und der Grünen werden vorgestellt, die über alle ideologischen Differenzen und Jahrzehnte hinweg die Erfahrung eint, dass sich das Parlament allzu oft, sobald frau das Wort ergreift, in eine laute Horde pubertierender Jugendlicher zu verwandeln scheint.

Über Sexismus in der Politik wurde kaum gesprochen. Für die Frauen gab es dabei wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren. „Man musste das Baggern so abwehren, dass der Herr nicht tödlich beleidigt und fortan dein Todfeind in der Fraktion war. Das war ein schwer zu beherrschendes Spiel“, so zitiert Körner Carola von Braun, FDP-Bundestagsabgeordnete von 1980 bis 1983.

Vielleicht ist es kein Nachteil, dass ein Mann dieses Buch geschrieben hat, denn der Respekt, den der Autor seinen Protagonistinnen entgegenbringt, überzeugt um so mehr, als er nicht als frauenbündlerisch abgetan werden kann.

Geradezu ehrfurchtsvoll beschreibt er Mut und Selbstbehauptung der Politikerinnen des 1984 ausschließlich von Frauen besetzten Grünen-Fraktionsvorstandes. Obwohl oder gerade weil sich Annemarie Borgmann, Heidemarie Dann, Erika Hickel, Christa Nickels, Waltraud Schoppe und Antje Vollmer auf eine sachlich-pragmatische Arbeit konzentriert und sich nicht besonders feministisch positioniert hätten, „konnte vermutlich der feministische Funke auf die anderen Parteien und in die Gesellschaft überspringen“.

Ähnlich beurteilt Körner die Wirkung Angela Merkels: „Jetzt, auf der globalen Bühne, wo zunehmend autokratische Machtmänner, disruptive Charismatiker, regressive Clowns und aggressive Nationalisten unterwegs sind, wird der Begriff Feministin neu justiert und bestimmt sich beinahe ex negativo. In einer Welt, wo es möglich ist, mit offener Frauenfeindschaft an die Staatsspitze zu gelangen, wird die Kanzlerin als bekennende Multilateralistin nach Ansicht vieler zur Feministin, ohne dass es von ihr ausgesprochen werden müsste. Die Sehnsucht nach einer progressiven Frau wächst dort, wo Männer mit Regression und ihrem Geschlecht Politik machen. Merkel wird, nolens volens, zur Anti-Macho-Kanzlerin, zur Gegenspielerin der Dicke-Hosen-Politik.“

Learning by Doing

Ein kluges Buch über die Revolte in Hongkong

War es in Wahrheit ganz anders? Haben etwa die Spitzenbeamten des chinesischen Verbindungsbüros in Hongkong künstlich eine Unabhängigkeitsbewegung ins Leben rufen wollen, um damit Staatschef Xi Jinping in Schwierigkeiten zu bringen, wie die china-freundliche Hongkonger Tageszeitung Sing Pao berichtete? Was für ein perfides Spiel!

Aber solchen Verschwörungstheorien schenkt Au Loong-Yu keinen Glauben. In seinem Buch zeichnet er die Entstehung und den Verlauf der Proteste genau und verständlich nach. Au, Jahrgang 1956, wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Hongkong auf. Bis 1995 arbeitete er als Lehrer an einer High School. Heute wirkt er als Publizist.

„Es ist streng verboten, positiv über irgendeine Forderung der Bürger*innen Hongkongs in Bezug auf Demokratie und Freiheit zu berichten“, gab eine Propagandaabteilung der chinesischen Presse vor. Doch die Repression folgt nicht allein einer kohärenten Politik Chinas, wie Au seinem Publikum verrät. Machtkämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei werden auch über Wahlen in Hongkong ausgetragen und Erfolge der Protestbewegung dienen der Kaltstellung von Parteikadern, denen Konkurrenten die Verantwortung für die missglückte Unterdrückung zuweisen können.

Die Übernahme Hongkongs als Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China im Jahr 1997 fiel mit einer Wirtschaftskrise zusammen, von der vor allem Ostasien betroffen war, und die Ausgangspunkt der Politisierung einer jungen Generation in Hongkong wurde. Zu deren Radikalisierung ab 2008 trug die Unterdrückung des Kantonesischen zugunsten des Hochchinesischen bei, wie auch ein Projekt zur Etablierung eines chinesischen Patriotismus im Bildungswesen ab 2010.

Proportional zur gewachsenen Wirtschaftskraft Chinas hat Hongkong an ökonomischer Bedeutung für die Volksrepublik eingebüßt. Daher kann Peking seinen politischen Ansprüchen inzwischen ungehemmt Nachdruck verleihen.

Gegen die Änderung der Wahlgesetze 2014 protestierten die Studierenden, und deren Verhaftung brachte dann Hunderttausende auf die Straße. Gegen Tränengas suchten die Menschen sich mit Regenschirmen zu schützen, was der Bewegung bald ihren Namen gab.

Die Regenschirm-Bewegung aber spaltete die Bevölkerung Hongkongs. „Die einst begeisterte Jugend verfiel in Passivität“, resümiert Au und fährt fort: „Hätte Peking nicht versucht, den Auslieferungsgesetzentwurf einzubringen, hätte es den Aufstand von 2019 vielleicht nicht gegeben.“

Am 6. Juni gingen 2000 Juristinnen und Juristen auf die Straße, drei Tage später folgte ein Million Menschen. Am 16. Juni waren es zwei Millionen.

Au analysiert die Dynamik der Entwicklung und erklärt, wie sich eine Bewegung radikalisiert, wenn Zugeständnisse zu spät kommen und wie repressive Maßnahmen kontraproduktiv wirken, wenn die Polizei mit brutaler Härte bislang indifferente Bürger gegen sich aufbringt

Die Bewegung hatte keine eigentlichen Anführer, aber Akteure, die ihre Erfahrungen machten. Als Träger der Proteste sieht Au eine „Generation 1997“ und fasst damit die kurz vor 1997 Geborenen als Träger der Regenschirm-Bewegung und die danach Geborenen als Träger der Bewegung von 2019 zusammen.

Die Darstellung folgt den Ereignissen bis Anfang 2020 und breitet eine Fülle von Erkenntnissen aus über Protest und Repression. Der Ausblick fällt nüchtern aus: „Die jungen Leute sind mutiger, haben aber Parteipolitik oder jede Idee von Organisation abgelehnt. Es ist schwer vorstellbar, wie sie einem bis an die Zähne bewaffneten Staatsapparat entgegentreten könnten.“

Das Buch ist sorgfältig ediert, illustriert mit prägnanten Schwarzweiß-Fotos, ergänzt um eine Zeittafel, ein Quellen- und Abkürzungsverzeichnis und eine Karte der Bezirke Hongkongs. Die Kapiteleinteilung ist übersichtlich, die deutsche Übersetzung flüssig zu lesen.

Ein ausführliches Interview mit Au Loong-Yu von 2006 findet sich unter: https://newleftreview.org/issues/ii42/articles/loong-yu-au-alter-globo-in-hong-kong

Per U-Bahn in die Freiheit

Der Roman “Underground Railroad” von Colson Whitehead

Es ist eine einfache Geschichte. Eine Abenteuergeschichte. Cora heißt die Heldin, eine junge Sklavin auf einer Plantage in Georgia. Cora ist klug. Sie versteht es, ihre Auflehnung zurückzuhalten und den grausamsten Disziplinarstrafen zu entgehen. Und dennoch weiß sie sich zu behaupten. Caesar, Sklave wie Cora, hat ein Auge auf sie geworfen. Er schlägt ihr vor, gemeinsam zu fliehen. Cora überwindet ihre Bedenken, und die beiden wagen die Flucht, zu Fuß und dann – mit der Eisenbahn durch unterirdische Tunnel.

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Auf Visite in selbstverwalteten Betrieben

Eine Erkundung auf 120 Seiten

Der Autor nimmt uns mit auf eine Reportagereise zu sieben selbstverwalteten Betrieben kreuz und quer durch Europa auf der Suche nach „Best-Practise-Beispielen“, wie es im Vorwort heißt, um das Ergebnis zwei Seiten später nur noch als „eklektische Sammlung“ anzukündigen.

Die Auswahl ist aber durchaus interessant. Wir lernen eine Seifenmanufaktur in Thessaloniki kennen, einen Energieversorger in London, einen Teeproduzenten bei Marseille, eine Sozialgenossenschaft für Suchtkranke in Bozen, einen Supermarkt in Warschau, den drittgrößten Industriekonzern Spaniens und einen landwirtschaftlichen Betrieb nahe Wien.

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Blasenbildung

Die Finanzbranche als Klotz am Bein des Kapitalismus

Trotz allem, Corona treibt auch ein paar schöne Blüten. Die Wirtschaftswoche, Pflichtblatt an der Frankfurter Börse, stellte Karl Marx auf den Titel, auf rotem Grund mit gewaltiger Mähne und Atemmaske. „Er ist wieder da!“ kündet die Ausgabe vom 9. April.

Der Artikel ist dann aber das Gegenteil einer Rehabilitation des Autors des Kapital. Zwar konstatiert die Wirtschaftswoche, dass der sich abzeichnende „Zusammenbruch der Wirtschaft vor allem die Armen und die untere Mittelschicht“ treffe und „purer Kapitalismus“ eben nicht Wohlstand für alle produziere. Sorge bereite dennoch der Furor, mit dem nun die „Steinzeitsozialisten“ reagierten. Als solche nennt der Text Sahra Wagenknecht, Saskia Esken und den „Posterboy der Neuen Linken“, Kevin Kühnert. Aber auch Papst Franziskus, Markus Söder und Horst Seehofer, der bezahlbares Wohnen als die „soziale Frage unserer Zeit“ erkannte, geraten in die Kritik. Corona katapultiere „linke Randpositionen ins Zentrum der politischen Debatte“.

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Grundrecht auf staatliche Aktivität

spezial > kapitalistische krisen in den zeiten der pandemie

André Geicke (LP21-Autor)

Entfaltung der Persönlichkeit und Handlungsfreiheit zählen zu den Grundrechten, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit auch. Letztere sind aber Voraussetzungen der erstgenannten. Persönliche Freiheit und Entfaltung kann uneingeschränkt überhaupt nur wahrnehmen, wer gesund und wessen Leben nicht bedroht ist. In Zeiten von Pest und Cholera ist an Persönlichkeitsentfaltung nicht mal zu denken.

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