Egal, ob man Popmusik mag oder nicht – jede und jeder kennt Madonna, kennt Abba und kennt Alla Pugatschowa. Letztere nicht?
In Russland schon. 1949 in Moskau geboren, kann Alla Borissowna Pugatschowa auf eine 50-jährige künstlerische Laufbahn zurückblicken. »Sie war mehrere Jahrzehnte lang ein Sexsymbol, eine Stilikone, eine Inspiration für sowjetische Frauen und eine Heldin der russischen Boulevardpresse«, heißt es bei Wikipedia. Dabei habe sie, einzig unter sowjetischen Pop-Stars, über Stadien, Konzertsäle und Fernsehbildschirme immer den hohen Wert innerer Freiheit vermittelt, wie der Economist schreibt.
Die UdSSR verlieh ihr den Ehrentitel Volkskünstlerin, sie erhielt den Staatspreis der Russischen Föderation und mehrere Verdienstorden für das Vaterland, wobei die Staatsführer wohl eher ihre Gunst suchten als umgekehrt. »Seien Sie offen und ehrlich«, empfahl sie Michail Gorbatschow, der sie um Rat gefragt hatte, wie er sich im Kontakt mit der Öffentlichkeit verhalten solle.
Sie setzte sich für eine Liberalisierung der Kunst in der Sowjetunion ein. Sie sang für die Arbeitstrupps, die nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl aufräumten und, den Tod vor Augen, nach ihr gerufen hatten.
Sie bezog Stellung gegen die Atomenergie.
Vor drei Jahren verließ sie Russland, nachdem sich ihr Ehemann auf Instagram gegen den russischen Überfall auf die Ukraine ausgesprochen hatte.
Im September dieses Jahres gab sie in ihrem heutigen Wohnort in Lettland ein dreieinhalbstündiges Interview, das auf YouTube* schon nach einer Woche 20 Millionen Mal geklickt worden war. Darin gibt sie Auskunft über ihr Leben, ihre Karriere, ihre Ansichten.
»Was zählt, ist die Gesundheit deiner Kinder, deines Ehemannes und das Glück deiner Familie«, konstatiert sie. Ein Satz, der für einen Staat, der höchste Opfer für seinen Krieg fordert, einem Landesverrat gleichkommen muss. »Bete für Frieden und schwelge nicht im Krieg«, fordert Pugatschowa. Die Größe eines Landes bemesse sich an seiner Großzügigkeit, nicht am Stolz seiner Führer. Dem erwartbaren Protest hält sie entgegen:
»Patriotismus ist der Heimat zu sagen, dass sie Unrecht hat.«
* Das Video mit englischen Untertiteln findet sich unter https://www.youtube.com/ watch?v= D6rFxVPz7UI oder „alla pugacheva interview“ eingeben…