Nicht USA, nicht Islamische Republik. Für einen unabhängigen Kampf im Iran

Erscheint in: Lunapark21 Heft 68, Frühjahr 2026. Vorab online

Die USA und Israel haben am 28. Februar einen massiven Angriff auf den Iran begonnen. Während diese Zeilen entstehen, werden zahlreiche iranische Städte schwer bombardiert. Ziel ist es, die Sicherheits-, Militär- und Industrieinfrastruktur des Landes so weit zu zerstören, dass der Iran keinerlei Bedrohung mehr darstellen kann. Wie in solchen Kriegen üblich, treffen die Bomben auch Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen – und das wird so lange weitergehen, wie der Krieg andauert. Allein am ersten Kriegstag wurden in einer Grundschule 165 Mädchen im Alter von sieben bis zwölf Jahren getötet; weitere Berichte über zivile Opfer treffen weiterhin ein.

Wie dieser Krieg ausgehen wird, lässt sich schwer vorhersagen. Sicher ist jedoch: Die USA haben – angeführt von Israel – einen neuen Krieg begonnen und rechtfertigen ihn mit dem Anspruch, Freiheit und Demokratie zu bringen, indem sie Menschen töten.

Es braucht keine weiteren Voraussetzungen, gegen diesen Krieg zu sein.

In Solidarität mit der iranischen Bevölkerung müssen wir die Aggression der USA und Israels unmissverständlich verurteilen. Mehr noch, es gilt, ein internationales Netzwerk der Solidarität aufzubauen und Antikriegsaktionen zu organisieren. Die blutige Niederschlagung des iranischen Volksaufstands durch die Islamische Republik, eines Aufstands, der nur zwei Monate vor den Angriffen begonnen hatte und sich schnell über das Land ausbreitete, wird nun als Vorwand genutzt, um diesen imperialistischen Krieg zu legitimieren. Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun.

Aus der langen Geschichte des Konflikts zwischen den USA und Israel auf der einen, dem Iran auf der anderen Seite wissen wir, dass dieser Krieg mitnichten für die Befreiung und die demokratischen Rechte der iranischen Bevölkerung geführt wird. Ebenso haben wir erlebt, dass imperialistische Mächte und ihre regionalen Verbündeten weder im Irak noch in Afghanistan, Libyen oder Syrien durch Krieg Freiheit und Demokratie gebracht haben. Die Befreiung der iranischen Bevölkerung kann nur aus ihrem eigenen Willen und ihrem eigenen Kampf hervorgehen – getragen von internationaler Solidarität.

In der Frage der internationalen Solidarität will ich ein Stück zurück gehen. Im Jahr 2003, als unter Führung der USA die Vorbereitungen für den Krieg gegen den Irak liefen, bat die Bush-Regierung um die Erlaubnis, türkisches Territorium für die geplante Nordfront gegen den Irak zu nutzen. Entsprechend wurde am 1. März ein Memorandum des Premierministers im Parlament zur Abstimmung gestellt, das der türkischen Regierung das Entsenden von Truppen in andere Länder und anderen Ländern die Anwesenheit ihrer Truppen in der Türkei erlauben sollte. Im Vorfeld der Abstimmung hatte sich sowohl international wie innerhalb der Türkei bereits eine starke Antikriegsbewegung formiert.

Die globalen Proteste vom 15. Februar 2003 wurden zum sichtbarsten Ausdruck dieser Reaktion. Millionen Menschen gingen in vielen Ländern auf die Straße. Auch in der Türkei fanden Massendemonstrationen statt. Sozialistischen und linken Kreisen war eine breite gesellschaftliche Mobilisierung gegen den Krieg gelungen. Diese Stimmung prägte unmittelbar die Debatten rund um die Abstimmung am 1. März 2003. Das Memorandum wurde letztlich nicht angenommen.

In der Türkei ist die Agenda der sozialistischen Bewegung nicht im selben Maße um eine breite Forderung nach »Nein zu Imperialismus und Krieg« vereint, wie das 2003 der Fall war. Der Antikriegsdiskurs findet längst nicht mehr die gleiche breite gesellschaftliche Resonanz. Die zunehmende Stärke des US-Imperialismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und die gesellschaftliche Schwächung der sozialistischen Bewegung mögen zur Zersplitterung des antiimperialistischen Kampfes beigetragen haben. Darüber hinausgehend aber scheint sich die sozialistische Bewegung selbst nicht mehr als gesellschaftlich verändernde Kraft zu verstehen. In internationalen Konflikten organisiert sie daher oft keinen eigenen, unabhängigen Weg des Kampfes mehr. Stattdessen fühlen sich manche genötigt, sich – unter dem Banner der »Zurückdrängung des Imperialismus« – an das baathistische Syrien, an Putins Russland oder an die Islamische Republik Iran anzulehnen; eine Haltung, die sich rhetorisch leicht instrumentalisieren lässt. Und es geht noch weiter: Innerhalb der internationalen linken Bewegung werden diejenigen, die von einem dritten Weg sprechen, beschuldigt, auf der Seite des imperialistischen Lagers zu stehen.

Das wesentliche Ziel des laufenden Krieges ist die Schwächung des Iran. Der Iran soll, mit oder ohne Islamische Republik, zu einer Bedrohung Israels nicht länger in der Lage sein. Gleichzeitig sollen die Sicherheit der Ölrouten am Golf verbessert und möglicherweise die Beziehungen Chinas und Russlands zum Iran relevant verschlechtert werden.

Seit Kriegsbeginn haben US-Vertreter einige dieser Ziele offen vertreten. Israel wiederum strebt sogar einen zersplitterten Iran an, in ethnische Regionen aufgeteilt, um jede Gefahr zu beseitigen, die sie von irgendeiner Form eines iranischen Staates ausgehen sehen. Während Netanyahu in der internationalen Presse von der Befreiung des iranischen Volkes spricht, benutzt er in der hebräisch-sprachigen Presse für den Iran das Wort Amalek – Feinde Israels. Unglücklicherweise scheint eine Reihe von Iraner:innen auf die Befreiungsrhetorik hereinzufallen und ist bereit, die blutige Niederschlagung der jüngsten Proteste durch die Islamische Republik als Begründung für den aktuellen Krieg zu akzeptieren.

Von wirtschaftlichen Forderungen zum Aufstand gegen das Regime

Die jüngste Volksbewegung im Iran begann am 28. Dezember in Teheran. Basarhändler und kleine Geschäftsinhaber schlossen ihre Läden und gingen auf die Straße, um gegen die drastische Abwertung der iranischen Währung, des Rial, zu protestieren. Im Verlauf des vergangenen Jahres hat der Rial nahezu 80 Prozent seines Wertes verloren.

Die Ladenbesitzer erklärten, der Währungsverfall mache es zunehmend schwieriger, ihre Geschäfte mit Waren zu versorgen und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Mit dem 1.Januar 2026 breiteten sich die Proteste rasch über den Basar hinaus aus. Sie erfassten nicht nur große Städte wie Teheran und Maschhad, sondern weite Teile des Landes – insbesondere auch die ärmeren Viertel kleinerer Städte.
Zu Anfang gingen die Menschen auf die Straße, um ihrem Ärger über den rapiden Anstieg der Inflation Ausdruck zu verleihen, die selbst die grundlegendsten Dinge des täglichen Bedarfs unerschwinglich gemacht hatte. Die Menschen trafen auf Waffengewalt von Sicherheitskräften. Trotz verschärfter Sicherheitsmaßnahmen entwickelten sich mehrere kleinere Städte zu wichtigen Zentren der Unruhen.

Nach Angaben von HRANA¹ hatte es bis zum 6. Januar in mindestens 285 Orten in 27 Provinzen und 92 Städten im gesamten Iran Proteste gegeben. 36 Menschen waren nach Berichten bis zu diesem Zeitpunkt getötet worden, unter ihnen zwei Angehörige der Sicherheitskräfte. Von staatlichen Stellen, sogar vom obersten Führer Khamenei gab es öffentliche Stellungnahmen, in denen die wirtschaftliche Not anerkannt und die in den Protesten vorgetragenen Beschwerden insbesondere der Händler und Ladenbesitzer ein Stück weit als berechtigt anerkannt wurden. Bis zum 1. Januar hatten die Proteste noch nicht den Charakter einer landesweiten Massenveranstaltung. Dann aber wurden am 8. und 9. Januar Demonstrationen im ganzen Land abgehalten.

Zu einem gewissen Grad waren diese Demos beeinflusst durch einen Aufruf von Reza Pahlavi, dem Sohn des früheren Schahs, der 1979 gestürzt worden war. Vor dem 8. Januar hatte es keinen Aufruf von Pahlavi gegeben. Pro-monarchistische Unterstützer hatten bis dahin in den Protesten keine entscheidende Rolle gespielt. Dann aber rief Pahlavi zur Besetzung von Regierungsgebäuden auf. Ab diesem Zeitpunkt wurden Internet- und Telefonverbindungen gekappt, und verlässliche Informationen vom Geschehen waren kaum noch zu bekommen.

Später erst erreichten Bilder die Außenwelt, in denen das Ausmaß der Massenproteste deutlich wurde, die sich über alle Provinzen im Iran erstreckten. Das Ausmaß der Mobilisierungen vom 8. und 9. Januar hat die Islamische Republik in ihren Grundfesten erschüttert. Das Regime setzte bewaffnete Sicherheitskräfte zur Niederschlagung der Demonstrationen ein. Es hieß später von offizieller Seite, dass während der Proteste »tausende Menschen getötet wurden«. Unabhängige Stellen wie die Menschenrechtsorganisation HRANA berichteten von Tausenden, die von Sicherheitskräften getötet wurden, tausenden Verletzten und zahlreichen Verhaftungen allein an diesen beiden Tagen.

Das Internet war nach diesen Ereignissen noch eine ganze Weile blockiert, internationale Telefonverbindungen waren nur noch in eine Richtung möglich. Im Ergebnis wurde das Ausmaß des Massakers in den folgenden Tagen nur Stück für Stück ersichtlich, und selbst das nur auf der Basis fragmentarischer und beschränkter Informationen. Auf der Grundlage selektiver Veröffentlichungen behauptete die Islamische Republik, es hätte bewaffnete Zusammenstöße in einigen Städten gegeben. Die Protestierenden wurden nicht als Demonstranten, sondern als Aufständische bezeichnet. Pahlavis Aufruf zur Besetzung von Regierungsgebäuden – und seine bekannten Verbindungen zu Israel – galten als Rechtfertigung für die Massaker.

Die Islamische Republik ist in der Unterdrückung von Aufständen sehr erfahren. In den vergangenen 47 Jahren hat das Regime wiederholt unter Beweis gestellt, dass sie, wenn nötig, sämtliche Mittel einzusetzen und nicht zögern, das Blut der Protestierenden zu vergießen. Soweit die Sicherheitskräfte eine Massenmobilisierung nicht ohne Weiteres eingrenzen können, legitimiert sie den Einsatz bewaffneter Repression häufig dadurch, dass Elemente eingesetzt werden, die die Situation gezielt in Gewalt eskalieren lassen. Es ist recht wahrscheinlich, dass diese Taktik auch in jenen zwei Tagen Anwendung fand.

Es hat auch Anschuldigungen gegeben, dass in manchen Städten die Hinwendung zu Gewalt auf Elemente mit Verbindung zu Pahlavi (oder dem Mossad), bzw. laut manchen Behauptungen auch Verbindungen zu den Volksmudschaheddin zurück geht. Ob das stimmt, oder nicht, bleibt fraglich. Unbestreitbar ist hingegen, dass die Islamische Republik vollständig auf ein Massakers diesen Ausmaßes eingerichtet war. Als sie das für nötig hielten, haben sie mit rücksichtsloser Entschlossenheit den Protest der Bevölkerung in Blut ertränkt.

Die strukturell verkommene Ökonomie der Islamischen Republik

Bei jedem Ausbruch von Massenprotesten neigen viele Beobachter auf internationaler Ebene – ob rechts oder links – dazu, Israel oder die Vereinigten Staaten als die Hauptursache, wenn nicht sogar als die einzige Ursache dieser Erschütterungen darzustellen. Dabei verweisen sie auf die antiisraelische Haltung der Islamischen Republik und ihren anhaltenden Konflikt mit den USA. Äußere Faktoren wie die Sanktionen der USA und der EU haben ohne Zweifel einen Anteil an den ökonomischen Schwierigkeiten im Iran. Der entscheidende Faktor aber liegt anderswo: in der verkommenen inneren Struktur der Islamischen Republik selbst. Institutionalisierte Korruption, systematische Plünderung, fest verankerte Mechanismen der Gewinnabschöpfung und Patronage haben die iranische Wirtschaft im Lauf der Zeit wie eine chronische Krankheit gelähmt.

Nach dem Iran-Irak-Krieg und mit Beginn der frühen 1990er Jahre hat die Islamische Republik unter der Führung des damaligen Präsidenten Rafsanjani neoliberale Umstrukturierungen umgesetzt. Angeblich sollte die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Ölreserven reduziert werden. Praktisch aber sind die Produktionsmittel und Ressourcen, die in umfassenden Enteignungen nach der Revolution von 1979 unter staatlicher Kontrolle waren, im Rahmen dieses neoliberalen Programms schrittweise privatisiert worden. Es bildete sich ein neues Bürgertum. Dieses trat an die Stelle der alten kapitalistischen Klasse, von denen ein Großteil in den Nachwirkungen der Revolution ihr Kapital ins Ausland transferiert hatten. Parallel zu dieser Entwicklung wurden breite Teile der Bevölkerung in immer tiefere Armut und chronische wirtschaftliche Unsicherheit gedrängt.

Seit der Einführung neoliberaler Politik haben die aufeinanderfolgenden Regierungen der Islamischen Republik manchmal die Rhetorik politischer Reformen benutzt, manchmal populistische wirtschaftliche Versprechen von sich gegeben. Nie aber haben sie versucht, strukturell in das ausbeuterische System einzugreifen, das sich unter Kontrolle des klerikalen Establishments, der Revolutionsgarden und der Bourgeoisie konsolidiert hatte.

Bis mindestens 2018 zog es das Regime vor, die strukturellen Probleme der Wirtschaft als vorübergehende und zufällige Krisen darzustellen. Wie andere kapitalistische Systeme auch haben sie die Krise nicht versucht zu lösen, sondern vor sich herzuschieben. Zugleich setzte es darauf, dass die Armen weiterhin politisch passiv blieben. Sie konzentrierten sich stattdessen mehr auf die Befriedigung der lauteren bürgerlichen und mittleren Schichten, die ihre Unzufriedenheit mit mehr Nachdruck vorgetragen hatten.

Mit anderen Worten: Die Islamische Republik hat die Verelendung der Unterschichten konsequent als zweitrangig behandelt. Statt die Widersprüche in der eigenen Wirtschaftsordnung anzugehen, haben sie ihre Hoffnungen auf externe Arrangements gelegt: Eine Einigung beim Atomabkommen, eine Aufhebung der Sanktionen, einen erwarteten Zustrom von ausländischem Kapital. Die Strategie des Hinauszögerns hat letztlich aber ihre Grenzen erreicht.

Die jahrelangen Arbeitskämpfe vor allem in der Industrie und im Dienstleistungssektor ließen sich relativ leicht eindämmen. Es folgten wiederholte Proteste verarmter Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Regionen. Schließlich brach sich der Ärger der Armen in den letzten Tagen des Jahres 2017 Bahn; eine neue Phase war eingeleitet. Von diesem Zeitpunkt an wurden Forderungen nach strukturellen Veränderungen auf immer breiterer Basis artikuliert. Diese Mobilisierungen waren nicht länger auf ökonomische Beschwerden beschränkt. Es ging um die Grundfesten des Regimes, Slogans zielten direkt auf den Obersten Führer Khamenei. Die Aufstände 2017-18, 2019 und 2025-26 resultierten vor allem aus wirtschaftlicher Not. Der Frauen-Leben-Freiheit-Aufstand 2022 ging dagegen aus Forderungen von Frauen nach körperlicher Selbstbestimmung und Freiheit hervor. Was all diese Protestwellen vereinte, ist die Konfrontation mit der reaktionären Ordnung des Regimes.

Proteste und Krieg im nationalen und internationalen Zusammenhang

Am 8. und 9. Januar richtete die Islamische Republik auf den Straßen ein Massaker an und hinterließ Tausende Tote. Leider hat eine pro-monarchistische Bewegung versucht, dieses Blutvergießen zu instrumentalisieren, um für eine ausländische Intervention im Iran zu werben. Von einigen kurdischen Organisationen abgesehen fehlt eine breite und organisierte Massenopposition. Und so wird Reza Pahlavi mit Hilfe israelischer Medien als die einzige Alternative zur Islamischen Republik präsentiert. Seit dem 10. Januar haben monarchistische Kräfte bei vielen der Demonstrationen in Nordamerika und Europa eine dominierende Rolle übernommen. Doch auch wenn sie in der Berichterstattung der großen Medien weit weniger sichtbar sind, haben linke und demokratische Kräfte, die eine imperialistische Intervention ablehnen, in den vergangenen Wochen ebenfalls Aktionen gegen das Regime organisiert.

Die monarchistische Bewegung zeigt autoritäre und proto-faschistische Tendenzen und erinnert an die politische Kultur der MAGA-Bewegung. Der gelegentliche Slogan »MIGA« – Make Iran Great Again – macht klar, dass diese Verbindung explizit so gemeint und nicht aus Versehen in Verwendung ist. Dem palästinensischen Kampf stehen sie offen feindlich gegenüber. Auf ihren Demonstrationen weht die israelische neben der vor-revolutionären iranischen Flagge. Gegen Kritiker einer ausländischen Einmischung wie gegen nicht-monarchistische Regimegegner fahren sie aggressive Attacken. Ihre Einschüchterungs- und Druckversuche, die insbesondere in den sozialen Medien offen zutage treten, unterstreichen den autoritären Charakter dieser Bewegung.

Iranische Monarchisten versuchen, den Kampf des iranischen Volkes ihrem eigenen Projekt einzuverleiben. Damit haben sie die ohnehin begrenzte internationale Solidarität mit dem legitimen Kampf im Iran weiter geschwächt. Unglücklicherweise haben über viele Jahre hinweg wesentliche Teile der internationalen sozialistischen Bewegung jeden Aufstand der iranischen Arbeiterklasse gegen Armut und Unterdrückung, jede Mobilisierung der Bevölkerung für grundlegende demokratische Rechte als tendenziell externe Verschwörungen unter der Regie der USA oder Israels interpretiert, statt sie als Produkte konkreter historischer Umstände zu verstehen. Die breite internationale Unterstützung für den Frauen-Leben-Freiheit Aufstand 2022 stellt eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Doch selbst dort, wo diese Bewegungen nicht einfach als Verschwörungen abgetan werden, werden sie häufig vor allem im Rahmen regionaler Machtkonkurrenzen oder größerer geopolitischer Konfrontationen interpretiert. Mit solchen Ansätzen landen wir in der Falle: Als ob es nur „entweder die USA oder die Islamische Republik“ gäbe, und nicht auch die Möglichkeit einer politischen Front, die gleichzeitig gegen das Regime und gegen den Imperialismus ist.

Ohne Zweifel haben die USA und Israel als ihr regionaler Verbündeter die Islamische Republik seit langem als strategischen Gegner betrachtet. Es ist nur wenige Monate her, dass diese beiden Kräfte einen großangelegten Angriff auf den Iran gestartet haben. Ziel war die militärische und industrielle Infrastruktur, eine Vielzahl ziviler Opfer wurden in Kauf genommen. Nun führen sie einen noch umfassenderen Angriff durch als damals. Die USA und Israel scheinen entschlossen, diesen Krieg bis zur Kapitulation oder bis zum Zusammenbruch der Islamischen Republik fortzusetzen. Keins dieser Ergebnisse aber dürfte der iranischen Bevölkerung einen wirklichen Nutzen bringen. Von Beginn des Krieges an war das iranische Volk der eigentliche Verlierer.

Hätte die iranische Bevölkerung die Islamische Republik durch ihren eigenen Kampf stürzen können, wäre dies ein bedeutender Schritt zur Freiheit für das iranische Volk gewesen. Unterdrückte Völker überall auf der Welt hätten daraus Hoffnung schöpfen können. Damit die iranische Bevölkerung einen solchen Punkt hätte erreichen können, hätte ihr Kampf von Anfang an als legitim anerkannt und durch internationale Solidarität unterstützt werden müssen. Statt solcher Solidarität jedoch hat sich ein Teil der sozialistischen Bewegung auf entweder USA oder (den bestehenden) Iran festlegen lassen, und die nötige Unterstützung für einen anderen Iran blieb aus. Marxist:innen dürfen einen Volksaufstand nicht allein aus einer engen anti-imperialistischen Perspektive beurteilen. Sie müssen die Umstände des Kampfes berücksichtigen, die aus den gesellschaftlichen Widersprüchen eines Landes hervorgehen, müssen die Klassenstruktur der an diesem Kampf beteiligten Kräfte analysieren und die konkreten Möglichkeiten und Ergebnisse in den Blick nehmen, die daraus entstehen können.

Die Islamische Republik operiert als systematischer Herrschaftsapparat, der sich gegen Arbeiter, Frauen, unterdrückte ethnische Gruppen und selbst gegen die Natur richtet. Sie hat den gesellschaftlichen Wohlstand in den Händen eines engen Machtblocks konzentriert. Politische Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung verschmelzen in einer einheitlichen Herrschaftsstruktur. Im Namen des Anti-Imperialismus mit einem solch reaktionären Staat zu paktieren, schwächt den Imperialismus in keiner Weise. Es isoliert im Gegenteil jede potenziell progressive Alternative, die damit im Dominanzfeld der reaktionären Kräfte eingekesselt wird.Eine solche Position untergräbt die Möglichkeit, dass die Arbeiterklasse als historisches Subjekt hervortritt. Stattdessen werden die Menschen in die Arme von Kräften getrieben, die die transformative Energie der Bevölkerung letztlich in den Dienst imperialistischer Macht lenken. Genau das ist im Iran passiert. Die Arbeiterklasse wurde in Richtung der Monarchisten und ihres reaktionären Programms gedrängt.

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben einige iranische Marxist:innen immer wieder klar analysiert, dass die Proteste und Aufstände im Iran aus den elementarsten Forderungen nach Leben und Freiheit hervorgehen – Forderungen, die von großen Teilen der Gesellschaft artikuliert werden und besonders scharf von den enteigneten und verarmten Schichten der Arbeiterklasse. Diese Aufstände sind ein Aufbegehren gegen eine seit siebenundvierzig Jahren bestehende reaktionäre kapitalistische Diktatur. Unsere Analysen aber sind im Wesentlichen übergangen worden. Stattdessen tauchten immer neue Ausflüchte auf. Mir ist mehrfach die Frage gestellt worden: Gibt es im Iran überhaupt ein sozialistisches Subjekt? Wenn die Antwort nein lautet, dann müsse man – so die Schlussfolgerung – im Kampf gegen den Imperialismus die Islamische Republik verteidigen. Es war absehbar, dass sich dieser Zirkel der Verleugnung eines Tages aufbrechen und in einem groß angelegten imperialistischen Krieg münden würde.

Im Fall des Irans mag es etwas spät sein, aber als internationale Sozialist:innen müssen wir neu denken. Eine soziale Bewegung in der Erklärung ihrer inneren Widersprüche zu berauben und allein auf regionale Dynamiken abzustellen, produziert eine gravierende theoretische Verzerrung. Wer komplexe gesellschaftliche Erschütterungen auf geopolitische Konfrontationen reduziert, verdeckt die materiellen Kräfte und sozialen Widersprüche, aus denen sie hervorgehen.


Araz Bağban ist iranischer Aktivist in der Diaspora.
Übersetzung: Susanne Rohland

Ebenfalls vom Autor:

The Rage of the Poor in Iran, Januar 2018 bei The Socialist Project Kanada:
https://socialistproject.ca/2018/01/rage-poor-iran/

İranın Sivil Siyasetinde Devrim Muhafızlarının Gölgesi (etwa: Der lange Schatten der Revolutionsgarden über der zivilen Politik im Iran), Juli 2021 bei birartıbir (eins plus eins), türkisch:
https://birartibir.org/istibdadin-bekasi-icin-ordu-sirket-aygiti/

Die Islamische Republik Iran, Anti-Imperialismus und die Linke, Lunapark21 Heft 66 (Herbst 2025) und hier online:
https://www.lunapark21.net/der-feind-meines-feindes-ist-kein-freund/

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