Im Trickreich

Von Zeichenstift und computergeneriertem Bilderrausch

Weit hinter der Zeitrechnung mögen die Anfänge des Zeichentrickfilms liegen, dort, wo einst ein troglodytischer Ur-Visionär im lebendigen Flackern seines Feuers den ersten Ur-Höhlenlöwen auf seine Ur-Höhlenwand malte. Wo wenig später mittelalterliche Glasmalereien mit biblischen Szenen entstanden, Schatten- und Puppenspiele stattfanden oder Moritatensänger mit Schautafeln auf Dorfplätzen auftraten.

1865 veröffentlichte Wilhelm Busch seine kecke Bilderfolge »Max und Moritz« – Vorboten kommender Cartoons, und 30 Jahre darauf erschien mit ihrem Kollegen „The Yellow Kid“ der erste, moderne Comic-Strip in den USA.

In Europa begeisterte das 19. Jahrhundert sein fortschrittliches Bürgertum mit revolutionären Erfindungen wie der Elektrizität samt künstlicher Hellig- und Schnelligkeit, mit Fotografie und ingeniösen Apparaturen, die statische Bilder und Zeichnungen in Bewegung setzen sollten – vom famosen »Abblätterbuch« aka Daumenkino bis zum formidablen »Elektrischen Schnellseher« von Siemens & Halske, Stückzahl etwa 140.

In Paris stellten die Brüder Lumière Anfang 1896 ihren epochalen Kinematographen vor, mit ihrem winzigen Kurzfilm »Ankunft eines Zuges im Bahnhof von La Ciotat«. 

Gut vier Jahre früher aber, 1892, war ein anderer Neubeginn gelungen: Ein allererstes Zeichentrickfilmchen war zu bestaunen: Der »Pauvre Pierrot« von Charles-Émile Reynaud, Dauer fünf Minuten, handcoloriert, ein Ahnherr von »Asterix«.

England folgte 1901 mit »Dolly´s Toys« und bereicherte 1969 nicht nur die Beatles-Welt mit dem »Yellow Submarine«, handgezeichnet.

Nach einem marginalen Zeichentrick-Anfang (»Prosit Neujahr 1910!«), richtete sich der deutsche Schöpfergeist zügig auf den Zeichen- und Sachtrick-Reklamefilm. Dessen Wegbereiter war Julius Pinschewer, der beizeiten die enorme Zugkraft auf ein ablenkungsbedürftiges Massenpublikum erkannt hatte und progressiv umsetzte. Während des Ersten Weltkriegs lieferte er anti-britische Zeichentrick-Propaganda, (»Das Säugetier«), danach arbeitete Pinschewer mit bedeutenden, Bauhaus-nahen Künstlern weiter, mit Walther Ruttmann (»Berlin – Die Sinfonie der Großstadt«); mit Scherenschnittmeisterin Lotte Reiniger, die für ihre filigranen Flachfigurenfilme nicht Zeichenstift, sondern Schere nutzte – so für »Das Geheimnis der  Marquise«, einem zarten Auftragswerk für Nivea-Creme, und, ganz besonders, für ihren einzigartigen, abendfüllenden Silhouetten-Stummfilm »Die Abenteuer des Prinzen Achmed«.

Ziemlich spät, 1953, folgte auch ein Zeichentrick-Spielfilm aus bundesdeutscher Herstellung, »Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen«, schwarzweiß, nach lehrreichen Geschichten von Wilhelm Busch. Und seither läuft eine zuverlässig trickreiche Produktion von vorwiegend Jugendfilmen und -serien aller Macharten für Fernsehen und Kino. 

Unterdessen hatte jemand in Kalifornien mit nachhaltigem Schwung den Grundstein für ein künftiges Milliarden-Imperium gelegt: Walt Disney, das alles überstrahlende Genie des Zeichentrickfilms.

Kaum gab es den Tonfilm, die »wiederholbare Schallbegleitung«, schon stand sein »Steamboat Willie« am Ruder eines Mississippi-Dampfers und pfiff sich eins: Mickey Mouse, damals noch ganz am Anfang seiner weltumspannenden Karriere – 1928 eine Cartoon-Sensation. Deutscher Titel: »Ein Schiff streicht durch die Wellen«.

Mit Musik nun hob das gesamte Genre in ungeahnte kommerzielle Dimensionen ab. Dazu kam das neue Technicolor-Verfahren, und »Schneewittchen und die sieben Zwerge« erschien 1937 als erster Animations-Publikumsmagnet in Spielfilmlänge – geradezu als Inkarnation des Zeichentrickwunders.

Disneys diesjähriges Schneewittchen-Remake als Kreuzung aus Realfilm und unmärchenhaften CGI-Zwergen hingegen floppte fürchterlich.   

1953 folgt ein neues US-Zeichentrick-Ereignis: Die »Wasserprinzessin“ Esther Williams schwimmt einen vergnügten Unterwasser-Pas-de-Trois mit Katz´und Maus – den berühmten Cartoon-Helden Tom und Jerry – nicht die erste, doch die anmutigste Nahbegegnung zwischen 3D-Mensch und 2D-Figuren.

Seither sind neben dem klassischen Trickfilm neue Animations-Techniken wie die computergenerierte Bildherstellung = CGI etabliert. Schon 1973 waren vergleichsweise schlichte Digital-Effekte im Sci-Fi-Thriller »Westworld« zu sehen, ihre phänomenale Strahlkraft jedoch entfaltete sich erst 1995 in der umwerfenden 3D-Spielzeugwelt von »Toy Story«. 

Es war der erste, komplett CGI-animierte Trickspielfilm und ein glorreicher Erfolg für die Pixar-Studios; dem drei weitere, noch besser animierte Toy Stories folgten. Mittlerweile ist »Toy Story 5« in Arbeit und soll nächstes Jahr zu sehen sein. 

Unter den fernöstlichen Trickfilm-Produzenten nun glänzt Japan, Land der Mangas und 10.000 Animes. Und das höchstkarätig, seit 1971 der zweifache Oscarpreisträger Hayao Miyazaki die Welt mit vielschichtigen, wundersam atmosphärischen Animationsfilmen betört. Filme wie »Chihiros Reise ins Zauberland«, »Prinzessin Mononoke«, sein rotunder Waldgeist »Totoro«, sind traditionelles Handwerk und feinste Ergebnisse von Phantasie, Zeit, Stift und Wasserfarbe.

Parallel dazu beeindrucken visionäre CGI-Animes, wie beispielsweise »Summer Wars«, die nicht nur visuelle Effekte, sondern auch inhaltlich »Real« – und Cyberwelten elegant verwirbeln können.

China überfliegt zur Zeit mit seinem neuen CGI-Fantasy-Epos »Ne Zha 2« absolut jeden Genre-Kassenrekord und imponiert mit immensen Einspielergebnissen von bislang mehr als zwei Milliarden Dollar.

Schwindelerregend gut gemachte Animationen sind heute Kino- Fernseh- und Spielealltag. Ihre unwahrscheinlichen Helden jenseits von Zeit & Raum, Tod & Teufel, ob gezeichnet, digital oder geknetet, sind die geflügelten Ikonen unserer Popkultur: Buzz Lightyear, Micky Maus, Shrek, das HB-Männchen, Betty Boop, Wallace und Gromit …

Auch unser »Werner« kesselt mit. Ob und was KI noch verbessern kann, wird sich zeigen.

Und Nachschub liegt an: Im Kino läuft »Elio« – das intergalaktisch-spannende Hightech-CGI-Selbstfindungs-Abenteuer um einen elfjährigen, von Freudlosigkeit geplagten Weltraum-Fan, der dringend von Aliens entführt werden will. 

Natürlich bunt, lustig und kurios, wie üblich im familienfreundlichen Disney-Pixar-Trickreich.

Zur Zeit findet sich der kluge »Flow« in manchen Kinos, CGI-Wunderwerk und diesjähriger Oscargewinner aus Lettland; für Leute ab 6.

Wer herzzerreißende und -erwärmende Stop-Motion-Handwerkskunst vorzieht, dem seien Adam Elliots australische »Memoiren einer Schnecke« anempfohlen; für Leute ab 12, Starttermin 24. Juli.

Ilse Henckel hat als Dokumentarin, Übersetzerin und Filmkritikerin für den Spiegel-Verlag gearbeitet. Sie lebt in Hamburg.

Phänomen Bollywood

Von Ludwig Ganghofer zu Shah Rukh Khan

Schmonzetten, Süßholz fürs Volk, öder Endlos-Schwulst mit Sari und Musik – das sind einige Vorurteile von Bollywood-Nihilisten, die ein ehrwürdiges Filmgenre als einfältig bis befremdlich abtun.

Vorspann

Genauer gesehen, ist Indiens multilaterale Filmbranche inklusive Bollywood ein hochfunktionales Geschäftsmodell mit präsentabler Leistungsbilanz. Als Weltmarktführer bedient sie im Schnitt mit drei fertigen Spielfilmen pro Tag eine milliardenfache, enthusiastische Kundschaft, fabriziert zuverlässig Unterhaltungsfilme zwischen buntgemixter Masala-Ablenkung und patriotischem Polit-Thriller.

Ihr kulturelles Fundament umfasst steinalte Kunstformen, Millionen Götter und Dämonen, sie jongliert mit divergenten Menschenbildern, Klimazonen, Lebensbedingungen und, natürlich, mit vielen internationalen Vorlagen. Länger schon kooperiert Hollywood mit indischen Produzenten, Disney hat seit Jahren eine Filiale in Mumbai, vormals Bombay. Bollywood, oft deplatziertes Synonym für die ganze indische Filmszene, weiß, was es tut und für wen, reguläre Westzuschauer sind keine Zielgruppe, wir sind Beifang.

Schon mit den frühesten Bewegtbildern entstand 1898 im damaligen Bengalen, British India, ein dokumentarischer Kurzfilm, 1913 in Bombay der erste noch tonlose Spielfilm. Kommerziell in Schwung kam das neue Hindi-Medium mit dem versierten Heimat- und Ganghofer-Regisseur Franz Ostermayr, vulgo Franz Osten, der 1925 48-jährig aus Bayern nach Bombay gebeten wurde, um dort mit Fachwissen und West-Ausrüstung eine zweckmäßige Filmproduktion anzuschieben. Was ihm mit drei Stummfilmen erfolgreichst gelang, darunter Shiraz – Grabmal einer großen Liebe, ein opulentes Melodram um den Bau des Taj Mahal. Und eine frühe Vorahnung von Bollywood.

Weiter ging es für den Bayern in Indien mit der Entwicklung der 1934 gegründeten Tonfilmgesellschaft Bombay Talkies, für die Franz Osten mehrere, wiederum relevante Filme drehte, stets zwischen Indien und der familieneigenen Bavaria Film AG in Geiselgasteig unterwegs, bis die britische Kolonialregierung den angejahrten Filmpionier 1939 kurz nach Kriegsbeginn als feindliches Element heim ins Hitlerreich schickte. Bollywood gedieh weiter ohne ihn. 

Hauptfilm

Mit dem Jahr 1951 brachte der legendäre Filmemacher Raj Kapoor, Schauspieler, Regisseur und Produzent, einen seiner charismatischsten Helden auf die Leinwand, Awara – Vagabund von Bombay: Der junge Raj, durch Unrecht und Armut zum Dieb wider Willen gemacht, verliert alles, dank Jugendliebe Rita aber nie die Hoffnung auf die Zukunft. Ein Habenichts mit Flair, der sich nicht unterkriegen lässt, wurde zur durchschlagenden Identifikationsfigur während der harten sozialen und reformistischen Umwälzungen im Indien Nehrus*, wenige Jahre nach der Unabhängigkeit.

Gleichfalls durchschlagend war das gesellschaftskritische Meisterwerk finanziell mit unvorstellbaren 100 Millionen verkauften Kinokarten.

Durch den Einsatz neuer Farbdramaturgie und Aufnahmetechniken, mit verehrten Darstellern und Musikern fand Bollywood in den 1960er und 70er Jahren zu ausgelassener Hochform und behielt sie lange. Es krachte 
vor Energie und Zuschauern, und nichts – weder steinerweichende Schicksalsschläge, infamste Niedertracht, noch hinterhältigste Verwicklungen – nichts lief ohne großkalibrigen Überschwang, ohne die hohen Emotionen, die bis heute gezielt ins kollektive Gemüt Indiens treffen. Film-Noir-Tristesse gibt es nicht, und die Hoffnung stirbt nie.

Auch da nicht, wo neben dem gefühlsechten Verführungskino ein dunkleres Bollywood aufbricht, wo die ewige Liebe, umrahmt von Terrorismus, Ignoranz, Korruption, Alkoholismus, Verbrechen, einen beklemmenden Verlauf nehmen kann.

Unerlässlich jedoch sind die in die Handlung eingebauten Songs, jene im hiesigen Okzident gern missbilligten Phantasie-Sequenzen, Bollywoods Markenzeichen. Oft nur muntere Revue-Nummern, sind sie öfter noch eine dramaturgisch hilfreiche zweite Ebene im Geschehen: Hier wird es gesanglich tiefer erklärt und kommentiert, hier dürfen intime Wünsche und Gedanken offenbart werden, was in aller Aufrichtigkeit sonst unüblich wäre. Diese Zwischenakte sind ausgefeilte, in Musik und Choreographie gesetzte Kleinkunstwerke in möglichst kreativen Szenerien. Undenkbar, ein Viel-Stunden-Werk ohne vier bis fünf solcher ingeniösen Nebenschauplätze. Aufgeschlossenheit und Untertitel helfen, sie zu genießen.

Kurz nach der Jahrtausendwende landete Bollywood endlich auch in unserer sachlichen Bundesrepublik. Zuerst per synchronisierten DVDs im Handel, dann persönlich in der Hauptstadt, um die Berlinale 2008 zu beglänzen. Wo durch den gesamt-europäischen Ticket-Ansturm bollyverrückter Fans die Festival-Telefonleitungen zusammenbrachen: Shah Rukh Khan, der King of Bollywood, Indiens weltumschwärmter Spitzenstar, wollte seine Reinkarnations-Rache-Romanze Om Shanti Om an der Karl-Marx-Allee vorstellen, im einstigen Ostsektor-Filmpalast International. Und alle wollten hin.

Auf einmal liefen selbst diesseits von Arthaus-Kinos und Bildungs-TV moderne indische Spielfilme auf Deutsch im volksnahen Kino und Fernsehen, es  gab Hindi-Lehrgänge, Saris zu kaufen oder Bollywood-Tanzkurse. Manch eine Volkshochschule hat sie bis heute im Programm. 

Der Hype ist längst verblasst, das breite DVD-Angebot an subkontinentalen Mainstream-Filmen ist globalen Streamingdiensten, TV-Spartensendern und Videoportalen gewichen, das klassische Bollywood, wie es singt und tanzt, hat nach Jahrzehnten der Box-Office-Sause langsam Platz gemacht für ein urbaneres New Bollywood mit freimütigeren Komödien und patriotischen Action-Krachern, die mittlerweile nicht mehr primär in Mumbai, sondern auch in anderen,  anderssprachigen Filmfabriken im cinematischen Multiversum Indien hergestellt werden.

Abspann

Eigentlich bin einst auch ich, geeicht auf mitteleuropäisches Understatement und Aufklärung (und erst recht auf pseudo-indische Kino-Abenteuer wie Der Dschungel ruft) an meinen ersten Bollywood-Filmen gescheitert – bonbonbunter Gefühlsbombast, kein tieferes Thema, entsetzlich langweilig, schnell war ich weg.

Einiges Reflektieren über eigene Erwartungen und kulturgesteuerte Klischeevorstellungen jedoch zog mich zum Glück ein weiteres Mal in einen Hindi-Film. Veer Zaara – Die Legende einer Liebe hat mich geläutert und gründlich umgestimmt – ein  grandioses, mitreißend erzähltes Bollywood-Epos, fand ich, ein geradezu subversiver indischer Heimatfilm. Mit Shah Rukh Khan. 

Der, inzwischen im Rentenalter, arbeitet zur Zeit mit Tochter Suhana am Action-Thriller King, geplanter Start 2026.

Ilse Henckel hat als Dokumentarin, Übersetzerin und Filmkritikerin für den Spiegel-Verlag gearbeitet. Sie lebt in Hamburg.

* Jawarhalal Nehru, von 1947 bis zu seinem Tod 1964 Ministerpräsident Indiens.

Aus der ruhmreichen Hindi-Filmkiste:

Mani Ratnam: Dil se – Von ganzem Herzen, 1998;

Ashutosh Gowariker: Lagaan, 2001;

Ashutosh Gowariker: Swades – Heimat, 2004;

Sanjay Leela Bhansali: Black, 2005;

Rakeysh Omprakash Mehra: Rang de Basanti – Die Farbe Safran, 2006;

Rajkumar Hurani: Three Idiots, 2009.

Made in Japan

Godzilla – Monument der Filmgeschichte, Naturwunder

Diesen November ist er 70 geworden, der sagenhafte Godzilla. Man merkt es ihm nicht an – gigantisch und ohrenzerreißend fräst er seine Schneisen der Verwüstung durch weltweite Kinos und Bildschirme, durch bislang 38 offizielle Spielfilme, Science-Fiction/Horror-Abenteuer zwischen bizarrem Kult-Trash und Hochglanz-Monster-Bombast.

Oft lädiert, gelegentlich auch tot, kosmetisch wie charakterlich stets runderneuert, steht Godzilla für zuverlässigen Kintopp-Terror im Kampf gegen oder auch für die Menschheit.

Seit seinem 50sten Geburtstag glänzt Godzillas Stern auf Hollywoods Walk of Fame, zum 67sten hat Nippon seinem pleistozänen Monstre sacré eine feine 4K-Restaurierung des Schwarz-Weiß-Originals von 1954 spendiert, und seit März nun krönt ihn sein erster Oscar – für Beste Visuelle Effekte, im imposanten japanischen Monster-Epos »Godzilla Minus One«.

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