Angewandte Paranoia

Starttermine für zwei neue Action-Spektakel

Am 25. September ist »Relay« im Kino erschienen – deutscher Titel »The Negotiator« – ein raffinierter Anti-Korruptions-Verschwörungs-Thriller von David Mackenzie.

Die Story folgt einem inoffiziellen New Yorker Spezialisten für diskrete Transaktionen, der Kontakte und Kompromisse zwischen konfliktgeladenen Gegnern arrangiert. Direkt ist Ash, so heißt der Mann, nicht erreichbar, er kommuniziert umsichtig via Wegwerf-Handys, nutzt Zwischenwirte wie einen Telefondienst für Hör- und Sprechgeschädigte, durch den in Echtzeit und höflich Anrufe schriftlich weitergeleitet werden.

Anders als oft in Paranoia-Thrillern, beispielsweise in der »Bourne«-Filmreihe oder in »Staatsfeind Nr.1«, geht es hier nicht um ahnungslose Opfer im Visier degenerierter Geheimdienste, sondern um vorsätzliche, informierte Täter, halbgute wie böse: Angstverstörte Whistleblower wollen unterschlagene Unterlagen loswerden, korrupte Unternehmen ihre brisanten Dossiers wieder im eigenen Giftschrank halten, Stratege Ash verhandelt anonym den Transfer: Rückerstattung und eiserne Verschwiegenheit gegen Sicherheitsgarantie für Leib und Leben. Es geht um sehr viel Geld.

Das läuft geschmeidig, fesselnd und routiniert. Aber Dinge gehen schief – Berufsrisiko des Unterhändlers, auch wenn der noch so geeicht ist auf Überraschungen seitens einer rücksichtslosen Kundschaft. 

Nach all dem Rennen und Retten stellt das Geschehen tiefere Fragen – nach Mitverantwortung, Integrität, Angst um die eigene Person. Sowie, nebenbei, nach den Perspektiven von archaischer, regelloser Communication directe in einer zunehmend umgerechneten, digitalen Welt.  

Mit Hypnose, noch ohne Internet und Smartphone konnte Erz-Bösling Dr. Mabuse in der Weimarer Republik an der Schwelle zum Naziregime Angst und Schrecken verbreiten. Und das so gründlich, dass Fritz Langs subversives »Testament des Dr. Mabuse« im Januar 1933 sofort nach Fertigstellung verboten wurde, wegen »praktischer Anleitung zum Verbrechen«. Filmstart in Westdeutschland erst 1951 in gekürzter Fassung.

Francis Ford Coppolas Klaustrophobie-Klassiker »Der Dialog« zeigte 1974 beklemmend, was akustische High-Tech-Überwachung auslösen kann; finstere Cyber-Intrigen und Identitätsdiebstahl kennt man seit 1995 dank dem Cyber-Thriller »Das Netz«.

Seit stummen Anfängen nutzt und inszeniert die Kunstsparte Film paranoide Überwältigungs-Phantasien, jeweils passend zum herrschenden System, Zeitgeist und technischen Know-How. Hellsichtige, beunruhigende Genre-Meisterwerke von Film noir (»Sunset Boulevard«) und Luis Buñuel (»Er«) bis Horror (»Them! Formicula«) und Science Fiction (»Alien«) sind entstanden so wie endlose Mainstream-Streifen mit austauschbaren Handlungsmustern – und alle spiegeln sie die ewige, unterliegende Angst vor undurchsichtigen Kräften, vor Kontrollverlust, Verunsicherung, Anarchie, vor Vernichtung.

Nachschub ist in Arbeit, die Angst stimmt immer und wird garantiert nie langweilig. 

Kathryn Bigelow, erste Frau mit einem Regie-Oscar (2010, für »Tödliches Kommando – The Hurt Locker«), bringt acht Jahre nach ihrem schockierenden »Detroit« einen schon jetzt hochgelobten Polit-Thriller heraus, »A House of Dynamite«. Der Film dreht sich um einen anonymen Nuklearangriff auf die USA und wird dort als »paranoia wartime thriller« vorgestellt. Ab 24. Oktober zu sehen auf Netflix; ab 9. Oktober in wenigen hiesigen Kinos.

Ilse Henckel hat als Dokumentarin, Übersetzerin und Filmkritikerin für den Spiegel-Verlag gearbeitet. Sie lebt in Hamburg.

Paranoia-Thriller – kleine Auswahl:

»Das Cabinet des Dr. Caligari«, 1920, Robert Wiene • »Er«, 1953, Luis Buñuel • »Botschafter der Angst«, 1962, John Frankenheimer • »Zeugen einer Verschwörung – Parallax View« 1974, Alan Pakula • »Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren«, 1981, Brian de Palma • »Das Leben der Anderen«, 2006, Florian Henckel von Donnersmarck • »Black Box – Gefährliche Wahrheit«, 2021, Yann Gozlan.