Von Christel Buchinger, HKWM 9/II, 2024, Spalten 2223- 2238.*
Seit dem 18. Jh. fressen sich die kapitalistische Industrie, die Städte, Straßen und Eisenbahnen unaufhaltsam in die Landschaft, wird die Erde aufgerissen für den Bergbau, Wälder weichen landwirtschaftlichen Flächen, Luft und Wasser werden in enormem Umfang verschmutzt. Diese Veränderungen vollziehen sich nicht allmählich, sondern in rasendem Tempo und für die Menschen augenfällig. Sie sind Teil der (historischen) Entfaltung einer auf maximale Kapitalverwertung zielenden Wirtschaftsweise. Engels beschreibt schon 1839 in seinen Briefen aus dem Wuppertal die »jämmerliche Erscheinung« der Wupper, die »träg und verschlammt« ihre »purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeckten Bleichen hindurch« ergießt. Auch Marx äußert sich früh (1843) zu der »wirklichen Verachtung«, der »praktischen Herabwürdigung der Natur«, welche »unter der Herrschaft des Privateigentums und des Geldes« stattfindet (Judenfrage), wobei für ihn klar ist, dass der Mensch nicht nur »Teil der Natur« ist, sondern dass der »Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur« eine »ewige Naturnotwendigkeit« bleibt und die anzustrebende »Gesellschaft […] die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur« ist.
Mit der seit den 1970er Jahren entwickelten Begrifflichkeit könnte man den Ansatz von Marx und Engels als ökologisch bezeichnen. Den Schutz der Natur, wie er von den Naturschützern vertreten wird, thematisieren sie nicht. Zeitgenössische Naturverklärungen verspotten beide als »christlich-germanisch-patriarchalische Naturfaselei«. Der Sache nach fügt sich N aber ihrem Ansatz einer rationellen Gestaltung des Mensch- Naturverhältnissses, wenn es bei Marx heißt, dass »alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen […] nicht Eigentümer der Erde [sind]. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre 33 Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen« – eine Forderung nach einer generationengerechten, d.h. nachhaltigen Wirtschaftsweise, wie sie später auf ähnliche Weise im sog. Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung formuliert wird (WCED 1987).
Besonders der konservierende N scheitert am Widerspruch zwischen den zur globalen Vorherrschaft gelangten kapitalistischen Naturverhältnissen und den Prozessen natürlicher Regeneration, deren Störung planetarische Ausmaße angenommen hat und für die Menschheit existenzbedrohend geworden ist. Für »die Versöhnung der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst« ist »der große Umschwung« (Engels), die Überwindung der Kapitalherrschaft, notwendig. Der N als Teil der Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse gewinnt dabei an Bedeutung, wie Forschungen und neue Konzeptionen von N seit Beginn des 21. Jh. zeigen; er muss eingebettet werden in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um eine soziale und ökologische Wende. (…) Im Klassenkampf stand lange die soziale Frage und die Frage nach Krieg und Frieden im Vordergrund, während die Frage der ›Naturzerstörung‹ in der Arbeiterbewegung, ihren Parteien und Organisationen vernachlässigt wurde. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. das globale und menschheitsbedrohende Ausmaß der ökologischen Krise vollständig sichtbar wurde. (…) Rücksichtsloser Ressourcenverbrauch kennzeichnet die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost und West. Der Wiederaufbau in Europa drängte N-Fragen in den Hintergrund, während Arbeiterparteien und Gewerkschaften wachsenden Wohlstand für die Beschäftigten durchsetzten. Rachel Carsons Buch Silent Spring (1962), das die zerstörerischen Auswirkungen des historisch-kritisches wörterbuch des marxismus Einsatzes synthetischer Pestizide auf Ökosysteme beschreibt, trug in den USA maßgeblich zu einer Wende für den N bei, was sich u.a. in der Politisierung bestehender N-Organisationen sowie der Gründung zahlloser Umweltschutzgruppen niederschlug.
(…) Für Frigga Haug bilden »die derzeitigen Überlebensfragen der Menschheit« – die »Ökologiekatastrophe, die Rohstofferschöpfung und die atomare Aufrüstung« – eine dialektische Einheit, deren Ursache die kapitalistische Produktionsweise und mit ihr die »Trennung« von »Leben- und Lebensmittelproduktion« ist. (…) Durch die »Zeitsparlogik« sei »fast alles, was die lebendigen Menschen direkt betrifft, ihre Hege und Pflege ebenso wie der Umgang mit der Natur nicht oder doch nur mit außerordentlich hohen Kosten regulierbar.« (…) China, dessen beschleunigte Entwicklung – wie in allen Industrieländern – jahrzehntelang zu dramatischen Zerstörungen in Natur und Umwelt führte, vollzieht seit den 2010er Jahren eine Kehrtwende und proklamiert »den Aufbau einer ökologischen Zivilisation« – (Kunzmann 2018).
So wird den Bedrohungen durch den Klimawandel – der beschleunigten Wüstenbildung auf rund einem Viertel des chinesischen Territoriums – mit großangelegten Aufforstungsprojekten begegnet. (…) Für die kapitalistische Profitwirtschaft gilt, dass sie – mit dem ihr eingeschriebenen Zwang zur Expansion – ohne ökologische und soziale Destruktivität nicht zu haben ist. Ein Fortschrittswandel zu einer solidarischen und umweltverträglichen Vergesellschaftung ist Menschheitsaufgabe.
* In dieser Rubrik bringt Lunapark21 jeweils einen Eintrag aus dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Das HKWM erschien mit seinem ersten Band 1994, begründet und herausgegeben vom Philosophen Wolfgang Fritz Haug. Anlässlich der Herausgabe des Bandes 9 II im Dezember 2023 schrieb Haug: »Die Vorgeschichte von 1989 hat es vorgeführt: Lange kaum merklich, kann der geschichtliche Prozess zum unwiderstehlichen Strom sich steigern, der Standpunkte und Perspektiven mit sich reißt. (…) Wer das HKWM nicht nur als Nachschlagewerk nutzt, sondern auch oder sogar primär als ›Vorschlagwerk‹, in dem man auf Erkundung gehen kann, wird die Erfahrung machen, dass Vergangenheitserkenntnis der Gegenwart auf eine Weise zu begegnen vermag, die ihr bei aller Differenz ein Licht aufsteckt.« Naturschutz (N) ist nach Bonapartismus, nachhaltige Entwicklung, Krieg, Handel, Energie, Krieg und Frieden, Lüge, Finanzkrise, Kurzarbeit, Mensch-Naturverhältnis, Kubanische Revolution, Misogynie, Landnahme, Klimapolitik, militärisch-industrieller Komplex und Finanzmärkte das 17. ausgewählte Stichwort aus der alphabetischen Stichwörtersammlung des HKWM, das wir hier auszugsweise zitieren.
Dieser wiedergegebene Text enthält den Textanfang sowie Ausschnitte also wesentlich weniger als im Original (Siehe: https://www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=n:naturschutz). Das ist nach der Einleitung in sechs Abschnitte gegliedert und mit einer umfangreichen Bibliographie versehen. Der Bestellvorgang wird auf der Website des InkriT erläutert. (JHS) E: protection of nature. – F: protection de la nature. – R: ochrana prirody. – S: protección de la naturaleza.