In dieser Rubrik bringt Lunapark21 jeweils einen Eintrag aus dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Das HKWM erschien mit seinem ersten Band 1994, begründet und herausgegeben vom Philosophen Wolfgang Fritz Haug. Anlässlich der Herausgabe des Bandes 9 II im Dezember 2023 schrieb Haug: »Die Vorgeschichte von 1989 hat es vorgeführt: Lange kaum merklich, kann der geschichtliche Prozess zum unwiderstehlichen Strom sich steigern, der Standpunkte und Perspektiven mit sich reißt. (…) Wer das HKWM nicht nur als Nachschlagewerk nutzt, sondern auch oder sogar primär als ›Vorschlagwerk‹, in dem man auf Erkundung gehen kann, wird die Erfahrung machen, dass Vergangenheitserkenntnis der Gegenwart auf eine Weise zu begegnen vermag, die ihr bei aller Differenz ein Licht aufsteckt.«
Nachhaltige Entwicklung (nE) ist nach Krieg, Handel, Energie, Krieg und Frieden, Lüge, Finanzkrise, Kurzarbeit, Mensch-Naturverhältnis, Kubanische Revolution, Misogynie, Landnahme, Klimapolitik, militärisch-industrieller Komplex und Finanzmärkte das 15. ausgewählte Stichwort aus der alphabetischen Stichwörtersammlung des HKWM, das wir hier auszugsweise zitieren.
Dieser wiedergegebene Text enthält den Textanfang sowie Ausschnitte, also wesentlich weniger als im Original (Siehe: https://www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=n:nachhaltige_entwicklung). Das ist in mehrere Abschnitte gegliedert und mit einer umfangreichen Bibliographie versehen. Der Bestellvorgang wird auf der Website des InkriT erläutert. (JHS)
E: sustainable development. – F: développement durable. – S: desarrollo sostenible. Autoren: Ernest Garcia, Hansjörg Tuguntke · HKWM 9/II, 2024, Spalten 1723-1745
Seit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 wurde der Ausdruck nE zur gängigen Maxime in Vorschlägen und Debatten zu gesellschaftlichen Veränderungen. Er bekundet den Wunsch nach einem auf Dauer angelegten sozioökonomischen Entwicklungsprozess, der die Auswirkungen von Armut und Ungleichheit abfedert und zugleich verhindert, dass die natürlichen Existenzgrundlagen der Menschheit in ihrem Stoffwechsel mit der Natur untergraben werden. Die World Commission on Environment and Development (WCED) – die sog. Brundtland-Kommission – hatte nE zuvor in ihrem einflussreichen Bericht Our Common Future abstrakt definiert als eine »Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können« (1987, 46).
Das in Rio de Janeiro beschlossene Aktionsprogramm der Agenda 21 fordert die »Integration von Umwelt- und Entwicklungsbelangen […] im Dienste der nE« (Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992, 1) in internationale wie nationale Politik; ergänzend wurden lokale Programme ökologischer Modernisierung unter Bürgerbeteiligung angestoßen. Als Leitvokabel der Agenda 21 ist nE eine Antwort auf den wahrgenommenen Konflikt zwischen Mensch und Umwelt. Sie verspricht, sowohl ökologische Probleme als auch Probleme der Ressourcenknappheit lösen zu können, ohne die wirtschaftliche Entwicklung, geschweige denn die herrschende kapitalistische Produktionsweise infrage zu stellen.
Was allerdings konkret unter nE verstanden werden soll, bleibt in allen einschlägigen programmatischen Dokumenten vage. Gerade diese Vagheit ermöglicht es, dass sich die ›Weltgemeinschaft‹ auf nE als ›Ziel‹ zu einigen vermochte, in dem sich, je nach Interpretation des Ausdrucks, unterschiedliche bis gegensätzliche Interessen – von Regierungen, Kapitalfraktionen, sozialen Bewegungen usw. – wiederfinden können. Kontroversen entzündeten sich dabei v.a. daran, ob nE mit Wachstum (bzw. mit welcher Art von Wachstum) kompatibel ist, ob und wie natürliche Ressourcen monetarisierbar und ersetzbar sind und ob Prioritäten zwischen unterschiedlichen Dimensionen (ökonomisch, ökologisch, sozial u.a.) von ›Entwicklung‹ bestehen bzw. ob eine Separation dieser Dimensionen überhaupt möglich und sinnvoll ist.
Bei all dem bleibt oft die Frage unbeantwortet oder ganz ausgeklammert, unter welchen Bedingungen nE überhaupt zu verwirklichen wäre (vgl. Garcia 1995/1999, 8ff). Ist nE als unbegrenztes Wachstum bzw. unbegrenzt verlängerbare Entwicklung nicht – unabhängig von der Produktionsweise – ein Widerspruch in sich? Kann nE gelingen, ohne mit der verbreiteten Vorstellung zu brechen, die Menschen stünden einer objekthaften, manipulierbaren Natur als Äußeres gegenüber?
Notwendig scheint eine »Nachhaltigkeitsrevolution«, die einen »Formationswandel« hin zu einer selbstverwalteten Gesellschaft herbeiführt, die als »bewusst hergestelltes Anderes« (Dörre 2021, 223) einer ökologisch zerstörerischen Wirtschaftsweise Einhalt gebietet und eine humanere, mit den Naturbedingungen verträglichere Lebensweise erlaubt.
In einigen Gegenden Europas zeichnet sich spätestens ab dem 17. Jahrhundert eine deutliche Übernutzung des Waldes ab, bes. wo seit dem Mittelalter intensiver Bergbau betrieben wird.
In konzeptioneller Hinsicht ähneln die Marxschen Ausführungen zum Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur den Vorstellungen für eine Kreislaufwirtschaft oder eine ökologische Modernisierung wie sie seit der Wende zum 21. Jh. diskutiert werden. Zugleich unterscheidet sich Marx deutlich von ihnen, indem er die These starkmacht, dass ein Gleichgewicht zwischen Entnahme und Wiederauffüllung der natürlichen Ressourcen im Kapitalismus nicht zu realisieren ist. […] Eine egalitärere wirtschaftliche und gesellschaftliche Organisation ist daher geboten. Ihre Verwirklichung hängt davon ab, ob sich eine Kultur der (Selbst-)Mäßigung durchsetzen und mit einer emanzipatorischen Perspektive verbunden werden kann. (…) In diesem Sinne plädiert Joaquim Sempere angesichts der zerstörerischen Wirkung der herrschenden Produktionsweise für »einen sozialistischen Ausweg«. Die kapitalistischen Zentren des Nordens seien bereits »hochgradig sozialisierte Vol kswirtschaften«, weil wichtige Teile der Wirtschaftstätigkeit nicht über den Markt, »sondern von der öffentlichen Verwaltung gesteuert werden, die ihre Ausgaben nach politischen Kriterien tätigt«(…) Erforderlich sei allerdings »eine Idee von Sozialismus im materiellen Sinne, d.h. eine gesellschaftliche Neuordnung, die nicht nur umverteilt und plant, sondern (1) dies zugunsten der großen Mehrheit nach egalitären Kriterien tut, (2) einen gesellschaftlichen Stoffwechsel implementiert, der mit der natürlichen Umwelt verträglich ist, und (3) diese Wirtschaftsweise an eine stationäre, nicht wechselnde Dynamik anpasst.«
Für Eva von Redecker (Revolution für das Leben. Frankfurt/M 2020) begründet die kapitalistische Eigentumsform als »Sachherrschaft« ein »Weltverhältnis der Verfügungshoheit und der Verletzlizenz« und verbindet sich mit der »sachlichen Herrschaft, also der Tyrannei des Profits«, unter der die »Verwertung der Natur auf eine vollkommen blinde Weise« geschieht, zur »sachlichen Sachherrschaft.« Es brauche eine antikapitalistische »Revolution für das Leben«, (,,,) als »Aufstand der Lebenden gegen die Umweltzerstörung« in den Protestpraktiken »der internationalen Klimagerechtigkeitsbewegung«, von »Black Lives Matter«, »Ni Una Menos« usw. neue Beziehungsformen bereits zukunftsweisend und ermöglichend präsent. (…)
Die ökologische Krise zwingt dazu, die Tür zur kapitalistischen Produktionsweise zu schließen – und viele Türen zu öffnen, um neue Wege zu erforschen, die aus der global gewordenen Bedrohungslage hinausführen könnten.
