Energie

historisch-kritisches wörterbuch des marxismus

In dieser Rubrik bringt Lunapark21 jeweils einen Eintrag aus dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Das HKWM erschien mit seinem ersten Band 1994, begründet und herausgegeben vom Philosophen Wolfgang Fritz Haug. Das Berliner Institut für kritische Theorie (InkriT) betreut seitdem das Projekt und sagt dazu: „Neben der Arbeiterbewegung und den sozialistischen und kommunistischen Erfahrungen sind es u.a. die Fragen der Umweltproblematik und vor allem der Frauenbewegung, die Eingang gefunden haben. Auch die Befreiungstheologie und die Fragen der postkolonialen »Dritten Welt« nehmen einen substanziell gefüllten, beträchtlichen Raum ein.“ Die Beiträge in der Nachfolge von Marx und Engels stehen mithin in einer Tradition des offenen, zukunftsfähigen Denkens.

Energie (E) nach Krieg und Frieden, Lüge, Finanzkrise, Kurzarbeit, Mensch-Naturverhältnis, Kubanische Revolution, Misogynie, Landnahme, Klimapolitik und militärisch-industrieller Komplex das elfte ausgewählte Stichwort aus der alphabetischen Stichwörtersammlung des HKWM, das wir hier auszugsweise zitieren. Dieser wiedergegebene Ausschnitt enthält mehr als man bei Eingabe des Links: http://www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=e:energie zum Stichwort Energie findet, aber wesentlich weniger als im Original. Das ist in mehrere Abschnitte gegliedert und mit einer umfangreichen Bibliographie versehen. Der Bestellvorgang wird auf der Website des InkriT erläutert. (JHS)

E: energy. – F: énergie. – R: ėnergija. – S: energía. – C: nengliang Juan Martinez-Alier (RCD) HKWM 3, 1997, Spalten 364-370

Energie Von griech. ἐνέργεια, „Wirksamkeit, Tätigkeit, Betätigung, Kraft“. Ursprünglich wird E als Kontinuum von subjektiver Verausgabung und objektiver Wirkung einer ›Kraft‹ gefasst. Hiervon wird unterschieden einmal der im 19. Jh. entwickelte physikalische E-Begriff, der sowohl für die Technosphäre als auch für die Ökosphäre angewendet wird; sowie zum andern der übliche E-Begriff, der einen spezifischen E-Fetischismus hervorgebracht hat, den William Stanley Jevons 1865 kritisch darstellt: „Nicht zu besiegen sind insbesondere die falschen Auffassungen, die mit dem Thema Elektrizität im Umlauf sind. Elektrizität ist, kurz gesagt, für die Gegenwart, was das Perpetuum Mobile für eine nicht sehr ferne Vergangenheit war. Die Leute sind über die feinen Ausschläge elektrischer Kraft so erstaunt, dass es ihnen so vorkommt, als wiesen sie ein umso profunderes Verständnis ihrer Eigenart , je mehr übernatürliche Wirkungen sie von ihr erwarteten. Dann aber gehen sie im allgemeinen den einen Schritt zu weit, den die Verfechter des Perpetuum Mobile taten – sie behandeln Elektrizität nicht als eine überragende Art und Weise der Verteilung von Kraft, sie behandeln sie als eine Quelle selbst-erzeugender Kraft“.

Das wissenschaftliche Denken des E-Begriffs ermöglicht Einsichten, die mit dem historischen Materialismus prinzipiell vereinbar sind und ihn operationell machen – nicht nur in Fragen der Elektrifizierung. Umso folgenschwerer war es, dass die Klassiker des historischen Materialismus in ihrem Nachvollzug der Erkenntnisse der E-Lehre auf der Strecke blieben.

Marx und Engels waren kleine Kinder, als Nicolas-Léonard Sadi Carnot 1824 seine Überlegungen über die Bewegkraft des Feuers schrieb. Sie waren Zeitgenossen der Wissenschaftler, die zwischen 1840 und 1850 die beiden Hauptsätze der Thermodynamik for-mulierten. (…) Die Thermodynamik er-
klärte die Umwandlung von Wärme in Arbeit (in der Dampfmaschine). Thermodynamik wurde der anerkannte Name für die wissenschaftliche E-Lehre, wobei E eine Neubildung war, die solche Sachverhalte offensichtlich unterschiedlicher Art (Bewegung, Wär-me, Ernährung) bezeichnen sollte, die alle mit Hilfe des Ersten Hauptsatzes (Zerstreuung von E, auch Entropiegesetz genannt) erklärt werden konnten. (…)

Kapital Bd. I wird 1867 veröffentlicht, als die kulturelle Wahrnehmung der Energetik bereits zunahm, und doch schlossen Marx und Engels das Studium der Nutzung von E nicht in ihre Analyse der Wirtschafts- und Sozialgeschichte ein. Sie blieben dem Begriff der »Produktivkräfte« verpflichtet, wobei ›Kraft‹ (im Sinne von ›Stärke‹, die in der Physik schließlich als eine Form von E angesehen wurde) in einem physikalisch vagen Sinn verwendet wurde, ohne jegliche Zurechnung von E-Einheiten (in Metern pro Kilogramm, Kalorien oder Pferdestärken – Bezeichnungen, die damals gebräuchlich waren).

Die gesellschaftliche Bedeutung von Änderungen der E-Nutzung ist ihnen gewiss nicht entgangen: Wasser oder Wind als Umsetzungen von Sonnen-E als typisch für vorkapitalistische, vorindustrielle Zeiten; Kohle (schmutzig und begrenzt vorhanden) und die Dampfmaschine als charakteristisch für den industriellen Kapitalismus. Das Thema des exponentiellen Wachstums in der Kohleverwendung war in England Gegenstand öffentlicher Debatten. Und doch wird Jevons‘ Buch von 1865 über die Kohlenfrage von Marx und Engels nicht erwähnt. Sie exzerpierten niemals Statistiken über die Verwendung von E, und sie übersahen die Bedeutung der humanökologischen E-Lehre, die ihnen von Sergej A. Podolinsky in den 1880er Jahren nahegelegt wurde. (…)

Alfred Schmidt hat Recht mit seinem Hinweis, dass Marx‘ Begriff des »Stoffwechsels« als einer Beziehung des Stoffumsatzes zwischen Mensch und Erde nicht metaphorisch ist (vgl. Schmidt 1962, 63-78). Marx bezieht sich spezifisch auf die Kreisläufe von Pflanzennährstoffen, die Justus Liebig und Jean Baptiste Boussingault sowie andere Chemiker seit den 1840er Jahren erforschen. Marx erkennt dieses Verdienst Liebigs an, anerkennt aber nicht Jacob Moleschott (1822-1893) (…) als denjenigen, der den Begriff Stoffwechsel (materieller Stoffumsatz) eingeführt hat. (…) Jedenfalls erstreckt sich Marx‘ Interesse am Stoffumsatz in der Landwirtschaft nicht auf die Industrie, und es erstreckt sich nicht auf die Untersuchung des E-Flusses in Produktion und Konsumtion.

Eine Gelegenheit zur Integration der Untersuchungen von Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit Untersuchungen der E-Nutzung wird verpasst, als Engels kompetent, aber negativ auf die Ideen reagiert, die zwischen 1880 und 1883 (auf Russisch, Französisch, Italienisch, Deutsch) von Podolinsky in mehreren Zeitschriften veröffentlicht werden. (…)

Sein Gedankengang: Landwirtschaftliche Produktion stammt aus Photosynthese und aus menschlicher Arbeit, man kann E-Bilanzen erstellen über die Umwandlung von Nahrungs-E in Arbeit und daraufhin über die Umwandlung von menschlicher Arbeit (unterstützt durch die Hilfe domestizierter Tiere und anderer E-Hilfsquellen) in landwirtschaftliche Produktion; das Existenzminimum erfordert, dass die E-Produktivität der menschlichen Arbeit die Umwandlungsrate von Nahrungs-E in Arbeit übertrifft; natürlich muss ein solches Mehrprodukt umso größer sein, je ausdifferenzierter eine Gesellschaft ist; die Untersuchung des E-Mehrprodukts kann so eventuell mit der Untersuchung historischer Epochen verbunden werden. (…)

Vermutlich durch Marx angehalten, auf Podolinskys Arbeit zu reagieren, erstellt Engels eine getreue Wiedergabe ihres Inhalts, verwirft sie aber als wenig interessante Mischung aus Ökonomie und Physik. Obwohl die E-Kosten landwirtschaftlicher Produkte kalkulierbar sind, ist Engels weiterhin der Auffassung, eine Berechnung des E-Gehalts industrieller Produkte scheitere an unüberwindbaren Schwierigkeiten. (…)

Angesichts der säkularen Fehlprogrammierung der Gesellschaftsanalyse stellt sich dem Marxismus im Übergang zum 21. Jh. die Aufgabe, die E-Lehre mit der Kritik der politischen Ökonomie zu verbinden und in Theorie und Praxis zur Anwendung zu bringen.

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