Kinder kommen ökonomisch vor als Beeinflussende der Kaufentscheidungen ihrer Eltern und Ausgebende von Taschengeld. Von den Wirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen sind sie am längsten betroffen, ohne Einfluss darauf nehmen zu können. Auch bei Lunapark21 kommen Kinderinteressen selten vor. Für die grafischen Startpunkte unserer Rubriken setzen wir mit Kinderzeichnungen ein kleines Zeichen.
Manuela Renz
Seite 12 bis 14
Die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst – vor allem der klassischen Moderne – war Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Inspiration. Die Fotografie erwies sich als das perfekte Medium für ihr Motto: »Momente einfangen, Geschichten erzählen, Blickwinkel ändern«. Ging es Manuela Renz zunächst um emotionale Gesamteindrücke, entwickelte sie dann einen eigenen Stil, der das Objekt in seiner Doppeldeutigkeit und Schönheit des zunächst Verborgenen in den Mittelpunkt stellt und den Betrachtenden einen zweiten Blick darauf öffnet. Sie verzichtet auf digitale Nachbearbeitung.
Rainer Ehrt
Karikatur auf Seite 5
Als Arbeiter- und Bauernsohn 1960 in Elbingerode geboren, beackert Rainer Ehrt seit dem Ende seiner Studienzeit an der Kunsthochschule Halle/Burg Giebichenstein 1981, einem Jahr »Bewährung in der Produktion« als Hilfsarbeiter und an der Hallenser Hochschule seit 1988 die Arbeitsfelder Cartoon/Illustration, Malerei, Zeichnung, Druckgraphik, Lyrik, Kurzprosa und originalgraphisches Künstlerbuch. 2007 erhielt er den Brandenburgischen Kunstpreis, 2008 in Lissabon den Grand Prix World Press Cartoon, 2012 den Grand Prix Satyricon in Legnica, Polen, und 2020 den Kunstpreis der Stadt Wernigerode. Er veröffentlicht unter anderem in den Satiremagazinen Eulenspiegel und Nebelspalter sowie in Cicero, Märkische Allgemeine, BUND-Magazin. www.rainerehrt.de
Frei nach René Magritte
Seite 38, 41, 45, 47, 51, 53, 57
Wie bei vielen der bisher 66 Ausgaben von Lunapark21 bin ich beim Nachdenken über Bebilderungen zu den Texten und bei der Recherche nach meine Ideen tragenden Bildelementen auf den Surrealisten René Magritte gestoßen. Der haderte mit den klassischen griechischen Philosophen. Er warf ihnen vor, die Sprache als einziges Medium des Denkens und Philosophierens gesetzt zu haben. Magritte behauptete, mit seinen Bildern ebenso gute geistige Arbeit zu leisten – das Denken geschehe dabei auf eine Art und Weise, die mit Worten nicht möglich sei – auf Augenhöhe mit den Buchstabengebilden.
Magritte haderte auch mit den belgischen Kommunisten. Zweimal trat er in ihre Partei ein und wieder aus. Den Funktionären der Organisation, die der Marxschen Forderung nachzukommen trachteten, die Welt zu verändern anstatt sie nur, wie alle bisherige Philosophie, verschieden zu interpretieren, verlangten von Magritte eineindeutige Entwürfe für Plakate und die Massen mitreißendes Agit-Prop-Material. Dem konnte und wollte der Maler nicht nachkommen. Er hätte eher Walter Benjamin zugestimmt, der analysierte, der Surrealismus sei die Bewegung gewesen, die die Kräfte des Unbewussten und Irrationalen für die Revolution habe gewinnen wollen. Magritte glaubte so wenig an die Einheit von Bild und Begriff, wie ich daran glaube, dass eineindeutige Bebilderungen Texten gerecht werden können. Magritte setzte sich in vielen seiner Texte und Bilder mit Ähnlichkeiten auseinander, für ihn sind sich, wenn überhaupt, Begriff und begriffenes Sujet ähnlich, nie glei ch oder gar identisch. Hört sich banal an, ist es aber nur, solange man so tut, als sei man naiv. Magritte schrieb davon, dass die gemalten Dinge seiner Bilder Themen und Fragen nicht darstellen, sondern damit zusammenhängende Fragen und Probleme evozieren würden (wörtlich: heraus- bzw. hervorrufen, bewirken). Er schrieb 1929 in einem Aufsatz: »In einem Gemälde bestehen Wörter aus derselben Substanz wie Bilder«. Ich konnte web-recherchierend ja nur über die von Magritte bemalten Totenmasken Napoleons stolpern. Im Werksverzeichnis von David Sylvester aus dem Jahr 1993 sind drei Versionen aufgeführt. Es ist unwahrscheinlich, dass Magritte selbst ihnen den Namen Die Zukunft der Statuen gab. Im Aufsatz von 1929 schrieb er: »Ein Objekt ist von seinem Namen nicht so besessen, daß man nicht einen anderen, der besser dazu paßt, finden könnte.«
Alle Grafiken & Fotos im Heft, die nicht anders gekennzeichnet sind, stammen von mir oder aus dem LP21 Archiv. Joachim Römer
Nachdem die Hunde Rassisten bereits im Stich gelassen haben, weil sie sich nicht so verhalten wollen, wie sie aussehen und genetisch ausgestattet sind, haben jetzt auch noch die Vögel bewiesen: Geschlecht ist von Natur aus nicht eindeutig.
Forscherinnen der University of the Sunshine Coast stellten bei der Untersuchung von 500 verletzten Vögeln in einer Klinik im Südosten des australischen Bundesstaates Queensland fest, dass bei bis zu sechs Prozent der Vögel die körperlichen Merkmale des Geschlechts nicht mit deren genetischer Ausstattung übereinstimmen.
Bei den fünf untersuchten Vogelarten wurde in drei bis sechs Prozent der Fälle das durch körperliche Untersuchung festgestellte organische Geschlecht durch DNA-Analyse dementiert. Es fanden sich genetische Männchen mit vollständig weiblichem Erscheinungsbild, genetische Weibchen mit vollständig männlichem Erscheinungsbild sowie Individuen mit einer Mischung aus Hoden- und Eierstockgewebe. Das war auch kein Hindernis für eine entsprechende Fortpflanzung: Ein genetisch männlicher Kookaburra hatte kurz vor der Untersuchung Eier gelegt.
Das wundert niemanden, der oder die weiß, dass das Geschlecht von Meeresschildkröten von der Temperatur des Strandes abhängt, an dem die Sonne die dort eingegrabenen Eier ausbrütet, und dass bei Seepferdchen die Männchen trächtig werden und ihre Nachkommen in einem Beutel herumschleppen, und dass Schnecken zu zweit beides ganz langsam können: Eier legen und befruchten.
Die meisten Medien meldeten das Untersuchungsergebnis als Anzeichen von Geschlechtswechsel, obwohl ein Wechsel hier nicht vorliegt: Die Vögel waren so bunt aus dem Ei gekrochen.
Nur diejenigen, die in der Benennung von Personen durchsetzen wollen, dass es nur Männer oder Frauen geben soll und nichts dazwischen und daneben, sind um die Begründung für diese Sprachvorschrift gebracht. Wenn es in der Natur bei den von den Dinosauriern abstammenden Vögeln mindestens fünf Mischungen von Geschlecht gibt, wie soll dann bei Menschen das über Körpermerkmale hinausgehende soziale Geschlechtsverhalten sich im Käfig einer Zweideutigkeit halten lassen?
Diese Erkenntnis über die Mehrdeutigkeit von Geschlecht in der Natur wird Frau Kulturstaatsministerin Weimar schmerzen, der auf einer naturwidrigen Zuordnung zu zwei Geschlechtern besteht und damit nicht nur vielen Vögeln eine zutreffende Benennung vorenthält. Mit der Anrede als Frau Ministerin ist Wolfram Weimer selbstverständlich mitgemeint – was immer der Verleger und Journalist außer Klimaleugner und Kritiker der Merkelschen Flüchtlingspolitik auch sein mag.
Aber Hoffnung wächst: Vielleicht ist es molekularbiologisch möglich, die Blockade der Gene von Kulturstaatsministern zu enthemmen, auf dass sie die Vielfalt der Geschlechter in der Natur wahrnehmen können – und alles davor, dahinter, darunter, daneben und dazwischen.
Jürgen Bönig schätzt es, aus der Geisterbahn der Eindeutigkeit auf die Vielfalt von Natur blicken zu können. (Siehe auch Geisterbahn »Rasse-K.o.« in LP21 Heft 58; https://www.lunapark21.net/rasse-k-o/)
Der Erste Weltkrieg, unter dem die Wirtschaft der Schweiz erheblich gelitten hatte, war vorbei, ein Aufschwung folgte, doch schon 1927, noch ehe es wieder abwärts ging, musste das Züricher Bankhaus von Lazar Felix Pinkus Bankrott anmelden. Im gleichen Jahr übersiedelte sein Sohn Theodor nach Berlin, um sich bei Ernst Rowohlt zum Buchhändler ausbilden zu lassen.
Lazar Pinkus hatte sich zeitweise dem Zionismus verbunden gefühlt, Theo Pinkus war zum Sozialisten geworden, trat dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und später der KPD bei. 1933 hat er, als Jude und Kommunist doppelt gefährdet, das Land wieder verlassen, doch die Freundschaft mit dem ein Jahr älteren Sozialdemokraten Robert Dewey, den er in Berlin kennengelernt hatte, hielt bis ans Lebensende.
In seine Heimatstadt zurückgekehrt, machte Pinkus sich als Buchhändler selbständig, sein Geschäft wurde mit der Zeit zum wichtigsten Antiquariat deutschsprachiger linker Literatur. Robert Dewey blieb in Deutschland, wechselte zur KPD, leitete schließlich den Berliner Unterbezirk Steglitz-Zehlendorf, wurde aber verhaftet und 1938 zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er konnte die Haft überleben, wurde später, zu DDR-Zeiten, Verwaltungsdirektor der Akademie der Wissenschaften.
In den siebziger Jahren war ich mit den beiden jüngeren Kindern Robert Deweys in engeren Kontakt gekommen; 1985 war es wohl, da übermittelten sie mir eine Einladung in die Wohnung ihrer Eltern draußen in Schöneweide, nahe der Spree – am anderen Ufer sah man die Hallen, die Schornsteine von Großbetrieben, die ein paar Jahre später stillgelegt wurden. Theo Pinkus, so hieß es, wolle mich sprechen, es gehe um irgendwelche Übersetzungen.
Dem Namen nach war mir Pinkus damals schon bekannt, doch wusste ich kaum mehr von ihm, als dass er Antiquar war. Vor seinem Ostberliner Zwischenhalt bei den Deweys war er gemeinsam mit seiner Frau Amalie vier Wochen durch China gereist; sie wirkte erschöpft, hatte auch, wie ich später erfuhr, eine schwere Operation hinter sich, Theo, immerhin schon Mitte Siebzig, war erstaunlich agil. Er gebe, so erklärte er mir, ein kleines Blatt heraus, den Zeitdienst, und wolle dort mit Beiträgen aus der russischen Presse über die Perestrojka informieren, den neuen Kurs der sowjetischen Politik. Mit ihm verband sich für viele noch einmal, oft zum letzten Mal, die Hoffnung auf eine Erneuerung des Sozialismus. Honorieren, so bemerkte er zuletzt, könne er meine Arbeit leider nicht – aber es sei für die Weltrevolution. Dabei lächelte er ironisch und zwinkerte mir zu.
Mir schien jedoch, dass er tief innen noch immer dieser Idee anhing, und das fand ich gut, sie war ja keine bloße Jugendillusion: Wenn Landesgrenzen für die Krisen der bürgerlichen Ordnung kein Hindernis sind, kann ihre revolutionäre Überwindung, die doch immer krisenhafte Situationen voraussetzt, ebenso international verlaufen. Hatte Pinkus nicht auch einmal einen Band Dokumente der Weltrevolution herausgegeben? Hatte ich diesen dicken Band nicht sogar in der Hand gehabt? Ich recherchierte im Internet und merkte bald: Ich hatte da etwas verwechselt – bei der Büchergilde Gutenberg war gegen Ende der sechziger Jahre eine Reihe dieses Namens erschienen, Herausgeber war jedoch der holländische Sozialist Frits Kool. Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur lautete einer der Titel, Die Linke gegen die Parteiherrschaft ein anderer. Vielleicht dachte Pinkus nicht ganz so radikal, aber jene Parteigläubigkeit, Parteihörigkeit, die viele Sozialisten seiner Generatio n nie hatten ablegen können, war seine Sache nicht: In der Schweiz wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, da er angeblich nicht weit genug links stand, den Sozialdemokraten hingegen stand er zu weit links, wieder wurde er ausgeschlossen. Parteien, so hat er einmal geäußert, seien wie Straßenbahnen. Man komme mit ihnen gut voran, doch das letzte Stück Weges müsse man nun einmal laufen. Vielleicht habe ich den Satz in der Ende der achtziger Jahre erschienenen Biographie Theo und Amalie Pinkus-de Sassi. Leben im Widerspruch gelesen.
Es war im übrigen nicht leicht, für den Zeitdienst Texte zu finden, die Substanz hatten. Übersetzt habe ich unter anderem einen Beitrag über den Entwurf eines Betriebsverfassungsgesetzes, ein Interview über die Mängel im sowjetischen Gesundheitswesen und eine kritische Betrachtung der damaligen staatlichen Geheimhaltungspraxis.
Im Juli 1987 erreichte mich eine Postkarte mit einer Graphik von Walter Crane: Ein Schriftband Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! umspannt den Erdball, den fünf Arbeiter umschreiten; sie verkörpern die Arbeiterklasse der fünf Kontinente. Über allen schwebt als weiblicher Genius die Freiheit. Crane (1845 – 1915) war der wichtigste Illustrator von Arts&Crafts, einer Kunstrichtung, die auch den Jugendstil beeinflusst hat, und er war Sozialist. Die Karte kam von Theo Pinkus; er werde, so schrieb er mir, Ende des Monats in der Hauptstadt (der DDR – Anm. d. Red.) sein. Angeredet hatte er mich mit Lieber Gen.; dass er, der seit mehr als einem halben Jahrhundert für eine bessere Ordnung stritt, mich, der ich vierzig Jahre jünger war als er, seinen Genossen nannte, empfand ich als höchst ehrenvoll.
Getroffen habe ich mich mit Pinkus im Foyer des Lindenhotels, Friedrichstraße, Ecke Unter den Linden. Als ich kam, war er noch im Gespräch mit der Witwe des im April jenes Jahres gestorbenen Philosophen Wolfgang Heise. Er kannte wohl manchen in der DDR, hatte Kontakt zu unangepassten Geistern, doch auch zu Größen der SED, die seine Kunden waren. Dann war ich an der Reihe: Er lobte meine Textauswahl, unser Hauptthema aber war die Reformpolitik in der Sowjetunion. Um dem Sozialismus eine Zukunft zu geben, war nach dem Hauptgrund der Missstände im Lande zu fragen. Ich sah diesen Hauptgrund im adminstrativen Verständnis der führenden Rolle der Partei, der auch Gorbatschow noch folgte: Die Partei gibt die Grundlinien der Politik vor. Pinkus meinte darauf, führend zu sein könne nur bedeuten, den sozialistischen Vorschlag in die Debatte einzubringen, entscheiden müsse das Volk. Später habe ich auf den Begriff der führenden Rolle völlig verzichtet. Dass ein alternativer Sozialismus sich, wenn es mit dem jetzigen System zu Ende ging, nicht würde durchsetzen können, hatte ich damals noch nicht bedacht, er wohl ebenso wenig.
Ein drittes und letztes Mal haben wir uns 1988 oder ‘89 gesehen; ich erfuhr, dass er den Zeitdienst eingestellt hatte, erhielt zu meiner Überraschung noch ein Honorar. Wir saßen zu viert oder fünft in seinem Hotelzimmer im Interhotel am Alexanderplatz, zu einem politischen Gespräch ist es nicht mehr gekommen.
Die Karte, die Theo Pinkus mir 1987 geschickt hatte, war von der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung verlegt worden. Dahinter stand eine der beiden Stiftungen, die das Ehepaar Pinkus 1971 gegründet hatte. Die andere diente dem Betrieb des Studienzentrums Salecina; gemeinsam mit vielen Helfern hatten sie einen jahrhundertealten Bauernhof entsprechend umgebaut. Im Frühjahr 1991 hatte ich mich dort zu einem Sommerkurs angemeldet, doch im Mai ist Theo Pinkus – drei Monate vor seinem 82. Geburtstag – ganz plötzlich gestorben, und so bin ich in Berlin geblieben. Vielleicht war es ein Fehler.
Robert Dewey hat der Tod seines Freundes schwer getroffen, nachts wanderte er schlaflos in der Wohnung umher. Amalie hat ihren Mann um mehrere Jahre überlebt. Die zwei Stiftungen gibt es noch, doch fehlten der Studienbibliothek Ende der neunziger Jahre die Mittel für einen geregelten Betrieb, den größten Teil der Bestände hat darauf die Züricher Stadtbibliothek übernommen. Salecina wird weiterhin als alternatives Zentrum genutzt, doch von Sozialismus ist wohl nicht mehr die Rede.
Erhard Weinholz, Hochschul-Ökonom, Dr. phil., geboren 1949 in Brandenburg an der Havel, lebt seit 1969 im Ostteil Berlins. 1982 verlor er aus politischen Gründen seinen Arbeitsplatz an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 2001 bis 2007 war er Redaktionsmitglied der historisch-literarischen Zeitschrift Horch und Guck.
Am 25. September ist »Relay« im Kino erschienen – deutscher Titel »The Negotiator« – ein raffinierter Anti-Korruptions-Verschwörungs-Thriller von David Mackenzie.
Die Story folgt einem inoffiziellen New Yorker Spezialisten für diskrete Transaktionen, der Kontakte und Kompromisse zwischen konfliktgeladenen Gegnern arrangiert. Direkt ist Ash, so heißt der Mann, nicht erreichbar, er kommuniziert umsichtig via Wegwerf-Handys, nutzt Zwischenwirte wie einen Telefondienst für Hör- und Sprechgeschädigte, durch den in Echtzeit und höflich Anrufe schriftlich weitergeleitet werden.
Anders als oft in Paranoia-Thrillern, beispielsweise in der »Bourne«-Filmreihe oder in »Staatsfeind Nr.1«, geht es hier nicht um ahnungslose Opfer im Visier degenerierter Geheimdienste, sondern um vorsätzliche, informierte Täter, halbgute wie böse: Angstverstörte Whistleblower wollen unterschlagene Unterlagen loswerden, korrupte Unternehmen ihre brisanten Dossiers wieder im eigenen Giftschrank halten, Stratege Ash verhandelt anonym den Transfer: Rückerstattung und eiserne Verschwiegenheit gegen Sicherheitsgarantie für Leib und Leben. Es geht um sehr viel Geld.
Das läuft geschmeidig, fesselnd und routiniert. Aber Dinge gehen schief – Berufsrisiko des Unterhändlers, auch wenn der noch so geeicht ist auf Überraschungen seitens einer rücksichtslosen Kundschaft.
Nach all dem Rennen und Retten stellt das Geschehen tiefere Fragen – nach Mitverantwortung, Integrität, Angst um die eigene Person. Sowie, nebenbei, nach den Perspektiven von archaischer, regelloser Communication directe in einer zunehmend umgerechneten, digitalen Welt.
Mit Hypnose, noch ohne Internet und Smartphone konnte Erz-Bösling Dr. Mabuse in der Weimarer Republik an der Schwelle zum Naziregime Angst und Schrecken verbreiten. Und das so gründlich, dass Fritz Langs subversives »Testament des Dr. Mabuse« im Januar 1933 sofort nach Fertigstellung verboten wurde, wegen »praktischer Anleitung zum Verbrechen«. Filmstart in Westdeutschland erst 1951 in gekürzter Fassung.
Francis Ford Coppolas Klaustrophobie-Klassiker »Der Dialog« zeigte 1974 beklemmend, was akustische High-Tech-Überwachung auslösen kann; finstere Cyber-Intrigen und Identitätsdiebstahl kennt man seit 1995 dank dem Cyber-Thriller »Das Netz«.
Seit stummen Anfängen nutzt und inszeniert die Kunstsparte Film paranoide Überwältigungs-Phantasien, jeweils passend zum herrschenden System, Zeitgeist und technischen Know-How. Hellsichtige, beunruhigende Genre-Meisterwerke von Film noir (»Sunset Boulevard«) und Luis Buñuel (»Er«) bis Horror (»Them! Formicula«) und Science Fiction (»Alien«) sind entstanden so wie endlose Mainstream-Streifen mit austauschbaren Handlungsmustern – und alle spiegeln sie die ewige, unterliegende Angst vor undurchsichtigen Kräften, vor Kontrollverlust, Verunsicherung, Anarchie, vor Vernichtung.
Nachschub ist in Arbeit, die Angst stimmt immer und wird garantiert nie langweilig.
Kathryn Bigelow, erste Frau mit einem Regie-Oscar (2010, für »Tödliches Kommando – The Hurt Locker«), bringt acht Jahre nach ihrem schockierenden »Detroit« einen schon jetzt hochgelobten Polit-Thriller heraus, »A House of Dynamite«. Der Film dreht sich um einen anonymen Nuklearangriff auf die USA und wird dort als »paranoia wartime thriller« vorgestellt. Ab 24. Oktober zu sehen auf Netflix; ab 9. Oktober in wenigen hiesigen Kinos.
Ilse Henckel hat als Dokumentarin, Übersetzerin und Filmkritikerin für den Spiegel-Verlag gearbeitet. Sie lebt in Hamburg.
Paranoia-Thriller – kleine Auswahl:
»Das Cabinet des Dr. Caligari«, 1920, Robert Wiene • »Er«, 1953, Luis Buñuel • »Botschafter der Angst«, 1962, John Frankenheimer • »Zeugen einer Verschwörung – Parallax View« 1974, Alan Pakula • »Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren«, 1981, Brian de Palma • »Das Leben der Anderen«, 2006, Florian Henckel von Donnersmarck • »Black Box – Gefährliche Wahrheit«, 2021, Yann Gozlan.
Mukran zwischen LNG-Terminal, Hafengeschichte und der Kunst, immer wieder danebenzuliegen
Es gibt Gegenden, die von der Weltpolitik eher gestreift als geprägt werden. Und es gibt Orte wie Mukran. Eine Bucht im Nordosten Rügens, steiniger Strand, Sassnitzer gingen hier früher baden. Bis in den 1980er-Jahren Bagger und Baukolonnen anrückten und den Küstenabschnitt in eine Großbaustelle verwandelten und einen Hafen schufen, durch den Mukran zur Bühne geopolitischer Experimente wurde..
Heute liegt hier eines der jüngsten LNG-Terminals Deutschlands. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 drehte Deutschland in Rekordzeit seine Energiepolitik um: weg vom Pipeline-Gas aus Russland, hin zu Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, Katar, Nigeria oder wo gerade Verträge zu bekommen waren. Die damalige Bundesregierung beschloss eine beispiellose LNG-Offensive, verabschiedete ein LNG-Beschleunigungsgesetz und ließ Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin – und schließlich vorsichtshalber noch Mukran – errichten. Mukran ging 2024 ans Netz, mit einer jährlichen Umschlagskapazität von 13,5 Milliarden Kubikmeter.
Vom Pipeline-Traum zum LNG-Terminal
LNG steht für Liquefied Natural Gas: Erdgas, auf minus 162 Grad heruntergekühlt, damit es flüssig wird und sich in Tankschiffen transportieren lässt. Das spart 600-fach Volumen, kostet aber eine Menge. LNG hat den Vorteil, dass es weltweit beschaffbar und schnell verfügbar ist. An Pipelines ist es nicht gebunden. Pro Tonne verursacht es allerdings mehr CO2 als Pipeline-Gas – allein fürs Verflüssigen und Wiedererhitzen muss viel Energie aufgewendet werden. Leckagen sind nicht auszuschließen und belasten die Umwelt. Und die Abhängigkeiten bleiben, auch wenn die Lieferanten wechseln.
Als Mukran 2024 ans Netz ging, waren die deutschen Speicher zu über 90 Prozent gefüllt – ein historischer Wert. Auch Anfang 2025 lagen sie noch bei rund 70 Prozent, ausreichend für einen durchschnittlichen Winter. Gleichzeitig sank der Gasverbrauch. Trotzdem hielt die Regierung am Ausbau fest, mit dem Argument der Versorgungssicherheit. Kritiker:innen warfen ihr vor, überdimensionierte Kapazitäten zu schaffen, die für Jahrzehnte fossile Infrastruktur zementieren.
Die Realität: 2024 flossen über Mukran nur rund 1,3 Milliarden Kubikmeter ins Netz – gerade einmal 1,5 Prozent des deutschen Gasverbrauchs. Im ersten Quartal 2025 lag die Auslastung bei fünf Prozent. Inzwischen gibt der Terminal-Betreiber Deutsche ReGas an, dass die Slots weitgehend gebucht sind. Es war zeitweise aber auch eines der Terminal-Schiffe abgezogen worden. Fast die Hälfte der deutschen Gasimporte kommt aus Norwegen, rund ein Viertel aus den Niederlanden, meist Transitgas, und knapp 20 Prozent aus Belgien. Der größte Teil des importierten LNG aber stammt aus den USA. Die Deutsche Umwelthilfe weiß von 86 Prozent, die Nachrichtenagentur Reuters spricht gar von 91 Prozent. Über Mukran wird damit im Wesentlichen Fracking-Gas importiert.
ReGas ist sich des Problems anscheinend bewusst. In ihrer Online-Präsenz zum zugehörigen Projekt »Versorgungssicherheit für Ostdeutschland und seine Nachbarn« heißt es unter der Frage »Woher kommt das LNG«: »Als Infrastruktur-Betreiber ist die Deutsche ReGas an das LNGV (Verordnung zu regulatorischen Rahmenbedingungen für LNG-Anlagen) gebunden. Darin sind in Abschnitt 2, § 5 – ›Buchungsauflagen für langfristig Buchende‹ die Rahmenbedingungen klar benannt: ›Alle angebotenen Produkte müssen dem Grundsatz der Transparenz und Diskriminierungsfreiheit unterliegen.‹ Vor diesem Hintergrund ist es nicht zulässig, bestimmte Herkunftsländer oder auch Förderarten vertraglich auszuschließen, soweit diese nicht sanktioniert sind. Faktisch obliegt die Entscheidung über die Lieferquelle und damit verbunden auch die Förderart allein den Lieferanten, die die entsprechenden Kapazitäten des Terminals gebucht haben bzw. buchen._ ab Klarer kann man Fracking wohl nicht schreiben, ohne Fracking zu schreiben.
Erstens kommt es anders…
Schon die erste Inkarnation des Hafens Mukran war ein politisches Großprojekt. Überlegungen für eine Eisenbahnfähre zwischen der DDR und der Sowjetunion hatte es bereits in den sechziger Jahren gegeben, als Polen – mal wieder – die Transitgebühren erhöhen wollte. Die Erhöhung wurde zurückgezogen, die Fährpläne auf Eis gelegt. Im Sommer 1980 bestreikte die Solidarność die Lenin-Werft in Gdansk, und die sowjetisch/DDR-deutschen Verhandlungen über eine Eisenbahnverbindung über die Ostsee begannen erneut. Ein Hafen auf Rügen sollte entstehen, verbunden mit Klaipeda in Litauen. Der Nutzen war klar: Eine sichere Verbindung, kostengünstiger und schneller als der Landweg über Polen. Die Nutzungsfragen blieben schwierig, über die Betriebszeit hinweg. Wieviel Militär? Wieviel Weiterfahrt, wieviel Umschlag? Die Finanzfragen ließen sich klären – jeder macht seins.
Ab 1982 verwandelten Baufahrzeuge die Prorer Wiek in eine Schlammwüste. Neben Bauarbeitern wurden auch Soldaten eingesetzt – darunter Bausoldaten, die als Waffendienstverweigerer in der DDR im ›Spatendienst‹ landeten. Sie kamen in Prora unter, in jenem kilometerlangen ehemaligen KdF-Seebad, das während der Nazi-Diktatur nie als Ferienanlage genutzt wurde und in der DDR seine militärische Weiternutzung fand. Gut zwei Milliarden Ostmark flossen in das gigantische Hafenprojekt, sechs Spezialfähren aus der Wismarer Werft waren geplant – mit Doppelhüllenrumpf gegen Torpedos und geheimen Truppendecks – von denen fünf tatsächlich gebaut wurden.
Die Fährschiffe – die größten, die die DDR je baute – nahmen je 103 sowjetische Waggons auf Breitspur auf. Im Güterbahnhof Mukran wurde ein Viertel der Wagen auf deutsche Achsen gesetzt, drei Viertel per Kran oder Gabelstapler entladen. Noch heute ist Mukran der einzige Bahnhof in Deutschland mit russischer Spurweite. Als man damit noch werben konnte, hieß es stolz: der westlichste Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn.
Als der Hafen 1986 in Betrieb ging, galt er als modernster Eisenbahnfährhafen Europas. Der Betrieb lief nicht unbedingt reibungslos: Die bulgarischen Gabelstapler waren unzuverlässig und dauernd kaputt, die westdeutschen waren zu schwer und brachen durch die Planken. Die Stasi versuchte, das Werksgelände unter Kontrolle zu halten, Schiffe der Nato fuhren gern neben den Fähren und machte allerhand Fotos. Die Sowjets nutzen die Verbindung dann einerseits doch stärker militärisch als vereinbart und schickten andererseits zu wenig umspurbare Waggons für die Weiterfahrt, so dass viel mehr umzuladen war als von DDR-Seite ursprünglich geplant.
Finanziell aber war das Projekt zunächst ein Erfolg. Bereits in den ersten zwölf Monaten wurden 160 Millionen Valuta-Mark eingespart, die sonst als Transitgebühren an Polen fällig gewesen wären. In den nächsten Jahren wurde die Transitmenge durch Polen weiter reduziert. Auf lange Sicht hätte das Projekt seine Kosten also einspielen können. Doch nach drei Jahren kam die Wende.
Ironischerweise rettete ausgerechnet der Abzug der Roten Armee zwischen 1991 und 1994 den Hafen: Über Mukran wurde mehr als eine Million Tonnen Militärtechnik zurück in die Sowjetunion verschifft, finanziert aus einem Teil des 15 Milliarden DMark schweren Finanzpakets aus Bonn.
… zweitens, als man denkt
Heute wiederholt sich die Geschichte in gewisser Weise. Das schwimmende LNG-Terminal wurde mit dem Argument eingerichtet, Deutschland unabhängiger zu machen. Doch was ankommt, ist vor allem Frackinggas aus den USA – und nicht einmal in Mengen, die die Infrastruktur auslasten.
Dass viele Rüganer:innen skeptisch sind, überrascht nicht. Umweltverbände warnen vor einer fossilen Sackgasse, Bürgerinitiativen sehen den Tourismus bedroht, die AfD schürt Wut über ›Berliner Projekte‹. Dass Klimabewegung und Rechtsaußen gleichzeitig – wenn auch nicht unbedingt gemeinsam – vor Ort sind, zeigt die Sprengkraft des Themas.
Mukran bleibt damit das, was es seit den 1980ern ist: kein Ort am Rand, sondern ein Kreuzungspunkt großer Politik. Was geplant wird, kommt selten wie gedacht.
Am 1. August 2025 verkündete US-Präsident Trump, die Chefin des weltweit anerkannten Bureau of Labor Statistics (BLS), Erika McEntarfer, sei gefeuert. Ihm gefielen die Arbeitsmarktzahlen nicht, die das BLS am selben Tag gemeldet hatte: Statt der für Juli erwarteten 115.000 neuen Jobs nur 73.000 und nur 258.000 neue Jobs für Mai und Juni zusammen, eine Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent. Am Tag zuvor hatte Trump neue Zölle verordnet, um den Reichtum seiner Lieblingsamerikaner noch größer zu machen. Die neuen Arbeitslosenzahlen waren da ein böser Kommentar. Aber es geht um mehr als den Arbeitsmarkt.
Trump behauptete, McEntarfer hätte die Arbeitsmarktstatistik manipuliert. Eine alberne Unterstellung, die mit der Arbeitsweise einer großen wissenschaftlichen Einrichtung mit etwa 2100 Beschäftigten (das Statistische Bundesamt hat etwa 2500 Beschäftigte und ist für weit mehr Themen zuständig) nichts zu tun hat. McEntarfers Vorgänger William Beach, Ökonom bei der konservativen Heritage Foundation und 2019 von der ersten Trump Administration ins Amt gebracht, widersprach ebenso wie Arbeitswissenschaftler, Ökonomen und Statistiker im In- und Ausland. Ob Trump die Kompetenz hat, die vom US-Senat bestätigte Chefin des BLS zu feuern, ist, höflich gesagt, umstritten. Vertrauen in den derzeitigen Senat oder die Fähigkeit der höheren US-Gerichte, die Alleingänge des Präsidenten zu stoppen, hat wohl kaum jemand.
Kaderpolitik
Schon am 11. August nominierte Trump den Ökonomen Erwin John Antoni III als Nachfolger, der bisher nur in rechten Think Tanks arbeitete. Bei der Heritage Foundation war er Chefökonom für das ›Project 2025‹, die 2023 veröffentlichte Blaupause für einen Umbau der US-Regierung in Trumps zweiter Amtszeit. Unklar ist, ob dieser wissenschaftlich nicht qualifizierte Kandidat die Anhörungen im Kongress überstehen wird. Selbst erzliberale Politiker und Ökonomen haben Zweifel geäußert. Ebenso unklar ist, wie lange sich die Neuberufung hinziehen wird. In der Zwischenzeit führt der stellvertretende Leiter William J. Wiatrowski das BLS, der zuvor schon zweimal als amtierender Chef fungie.
Die Tatsache, dass das BLS seine Arbeitsmarktdaten für Mai und Juni revidierte, nahm Trump zum Anlass, Misstrauen gegen die Arbeit der Behörde zu schüren. Dabei sind solche Revisionen unvermeidlich. Die kurzfristig verfügbaren US-Arbeitsmarktdaten sind mit den Statistiken der deutschen Bundesagentur für Arbeit nicht vergleichbar. Die Bundesagentur funktioniert in einem sozialstaatlichen System, in dem die Betroffenen ein Interesse haben, in der Statistik zu erscheinen. Mit der Zahlung von Arbeitslosengeld und Bürgergeld verfügt die deutsche Behörde über umfassende und aktuelle Datenbestände zu den verschiedenen Bereichen der Arbeitslosigkeit wie auch der Erwerbstätigkeit, deren Zahlungen in die Arbeitslosenversicherung ihre Haupteinnahmequelle bildet..
Der US-Arbeitsmarkt
Auch in den USA gibt es eine, nur deutlich komplizierter geregelte und zutiefst restriktive Arbeitslosenversicherung. So waren im August 2025 nur knapp zwei Millionen Erwerbslose unterstützungsberechtigt. Bei 152 Millionen Beschäftigten sind das gerade 1,2 Prozent. Nur unter besonderen Bedingungen ist der Kreis der Berechtigten erweitert, etwa während der Covid-Pandemie, als fast alle Erwerbslosen in den USA unterstützungsberechtigt waren. Jene Sonderprogramme sind längst ausgelaufen. Das BLS kommt für den August 2025 auf eine Arbeitslosenquote von mehr als vier Prozent, fast 7,4 Millionen Erwerbslose, von denen nur 26 Prozent Unterstützung erhalten.
Seine Daten bezieht das BLS einerseits vom Current Employment Survey, einer unternehmensbezogene Beschäftigungsstatistik. Schon hier gibt es Verzögerungen in der Berichterstattung. Andererseits ist es der mit dem Census Bureau gemeinsam betriebene Current Population Survey, eine monatliche Befragung von 60.000 Haushalten. Selbstverständlich haben solche Daten nicht die gleiche Stabilität wie die Unterlagen einer Leistungsbehörde. Aber das ist bekannt und wird bei allen sachkundigen Analysen berücksichtigt: Schlussfolgerungen aus den BLS-Daten sollte man nur mit Blick auf wenigstens drei aufeinanderfolgende Monatsberichte ziehen. Die Abschwächung des US-Arbeitsmarktes im Frühjahr und Sommer 2025 zieht sich schon länger als drei Monate. Deshalb war die US-Zentralbank im September bereit, die Leitzinsen zu senken. Ein angespannter Arbeitsmarkt gilt den Kapitalmärkten als gutes Zeichen.
Wissenschaft für den Staat
Trump sieht das anders. Früher gab es mal Diskussionen, wie hoch die Arbeitslosigkeit liegen könne, damit eine Regierungspartei in den USA wiedergewählt wird. Tatsächlich ist es mit den Wahlen nicht nur dort komplizierter. Und tatsächlich geht es nicht nur um die Arbeitsmarktstatistik. Das BLS ist in den USA die zentrale Einrichtung zur Bestimmung der Preissteigerung, des Verbraucherpreisindex, der Inflationsrate. Empfindlichkeiten autoritärer Herrscher an dieser Stelle haben schon Erdoğan und Putin gezeigt. Trump behauptet, seine Zollerhöhungen würden von den US-Handelspartnern bezahlt werden. Real wirken sie wie eine Steuer, die von den US-Importeuren oder den US-Konsumenten bezahlt wird. Der Präsident würde sicherlich einen Boss des BLS bevorzugen, der unpassende Nachrichten verhindert.
Deshalb seine Entscheidung für Erwin John Antoni III. Denn der hatte als Ökonom der Heritage Foundation in das Project 2025 hineingeschrieben: »Das Bureau of Economic Analysis, das Census Bureau und das BLS des Arbeitsministeriums sollten in einer besser kontrollierbaren, fokussierten und effizienten Statistikbehörde zusammengefasst werden.« Anders als das BLS gehören das für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Produktionsstatistik zuständige Bureau of Economic Analysis und das Census Bureau zum US-Handelsministerium. Eine Fusion dieser verschiedenen Institutionen wäre alles andere als einfach. Aber die Absicht ist klar: Ein vom Weißen Haus gesteuertes, zentralisiertes statistisches Informationssystem, das nur nützliche Daten an die Öffentlichkeit lässt und störende Informationen gar nicht mehr erhebt.
Dass statistische Erhebungen und Veröffentlichungen in der Regel nur staatlichen Behörden möglich sind und daher nicht nur wissenschaftlichen Maßgaben folgen, ist in Lunapark21 schon mehrfach diskutiert worden. Ob es nun die Statistiken über Sterbefälle in Russland sind, die seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine geheim gehalten werden. Oder ob es die Zahl der Selbstmorde in der DDR war, die erst 1990 ihren Platz im Statistischen Jahrbuch gefunden haben: Es waren im Jahr 1989 insgesamt 4294, davon 2875 männlich und 1419 weiblich, auf 100.000 Einwohner 25,8 – in der alten Bundesrepublik waren es im selben Jahr nur 16,4 auf 100.000 Einwohner. Durch Weggucken und Verheimlichen ändert sich nicht die Welt, aber vielleicht das Ansehen, das eine Regierung in der Welt genießt. Trotzdem brauchen die staatliche Administration wie private Eigentümer zutreffende Informationen über das Land, in dem sie herrschen. Das kann nicht klappen, wenn man Wiss enschaft zu einem technischen Hilfsmittel oder zur Magd des Machterhaltes degradiert. Dann wachsen die weißen Flecken, die auch mit Gewalt nicht alle zu kontrollieren sind. Ist die Trumpsche Wissenschaftspolitik erfolgreich, so wird die US-Regierung zum Blindflug gezwungen. Zu einem Blindflug ohne Instrumente. Eine sanfte Landung ist da unwahrscheinlich.
Auf den Hamburger Märkten tauchten nach der Französischen Revolution Bäuerinnen immer häufiger in Tracht ihres Heimatortes auf. So ließ sich erkennen, wo die Rübchen, der Kohl, die Äpfel und die Kartoffeln gewachsen waren.
Eine Darstellung vieler dieser Trachten im Bild, der »Ausruf in Hamburg« von 1808, kennt 120 regionale Straßenhändlerinnen und Straßenhändler, die laut rufend auf Straßen und Märkten der Stadt Aale, Hühner, Bänder und Schleifen, Muscheln und Kaninchen, Körbe und Krüge anboten. Was sie verkauften und woher das auf Kähnen in die Stadt kam, ließ sich an dieser Art Verkaufsuniform ablesen, die natürlich schlichter war als das, was die Dörfler, beispielsweise der Vier- und Marschlande im Südosten der Stadt, zu Festtagen anzogen.
Das Kostüm der Bäuerinnen und Bauern hatte mit dem starken Wandel zu tun, der die Beziehung von Stadt und Land und das Verhältnis der Ackerbau treibenden Bevölkerung zu Grund und Boden anging: Sie waren bürgerliche Privateigentümer des Bodens geworden, den sie bewirtschafteten, und sie begannen den Ertrag nicht mehr an der Dicke der Kartoffeln zu bemessen, sondern im Überschuss an Geld, den sie nach dem Verkauf ihrer Ackerfrüchte auf Märkten erzielen konnten.
Es geht ums Geld
Ein solches Wirtschaftssystem, in dem sorgfältig vermerkt wurde, was an Arbeit in einen Acker hineingesteckt worden war, und was durch dessen Erträge an Geld erlöst werden könnte auf dem dafür günstigsten Markt, lernte 1803 der junge Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) auf dem Mustergut des Kaufmannes und nachmaligen Baron Voght kennen. Der hatte die Ansichten des schottischen Philosophen Adam Smith über die Freiheit der Eigentümer von Produktionsmitteln eifrig studiert. Als Schüler der landwirtschaftlichen Lehranstalt bekam Thünen die Aufgabe, festzustellen, ob die Bauern der Dörfer in Groß Flottbek es auch richtig machten – nämlich genau überlegten, wo sie was anbauten und in welcher Menge, um nach dem Verkauf der Früchte ihrer Arbeit auf dem nahen Markt der großen Stadt Hamburg möglichst viel Geld übrig zu haben. Damit sie den Transport auf den schlechten Landwegen und dem günstigen Wasserweg und dessen Kosten nicht vergaßen, zeichnete er ihnen fast vierzig Jahre später an, in welchen Kreisen um den zentralen Marktort Kühe, Gemüse und Wald sein sollten, damit sie zu einem Maximum an Gewinn kamen.
Der Wunsch von Adligen, mehr exklusive Rechte auf Land, Acker und Wald zu haben, um daraus Geld zu ziehen, war bereits im 16. Jahrhundert ein Auslöser des Bauernkrieges gewesen. Nach der Niederlage der Bauern in ihrem Versuch, die Allmende als ihr gemeinschaftliches Eigentum zu retten, ging diese Entwicklung zum Privateigentum weiter. Die Französische Revolution von 1789 warf Kirchengüter auf den Markt, machte das private Eigentum an Mitteln der Produktion und auch des Bodens zur heiligsten Sache der Nation und beförderte damit zunächst einmal die Produktivität der Landwirtschaft. Den Massenheeren der Französischen Revolution versuchten feudale Staaten entgegenzutreten, in dem sie Gewerbefreiheit einführten und Befreiung der Bauern von feudalen Bindungen, sie also zu Privateigentümern des Bodens machten, den sie bebauen konnten, wie und mit was sie wollten. Dieser Prozess der Übereignung von Grund und Boden mit den verschiedensten Ansprüchen von Feuda lherren, Landesherren, Klöstern und freien Bauern auf eine Nutzung in exklusivem bürgerlichem Privatbesitz zog sich nach der Niederlage Frankreichs und der Restauration zahlreicher monarchischer Staaten in deutschen Landen bis 1865 hin. Die sogenannte Befreiung der Bauern funktionierte so wie die Befreiung von Sklaven in den USA. Mit Landübereignung und Geldzahlungen wurden nicht etwa abhängige Bauern oder Sklaven für ihre bisherige Behandlung entschädigt, sondern Feudalherren oder Sklavenhalter für die ihnen künftig entgehenden Leistungen der vormaligen Unfreien.
Die meisten Landwirte mussten das Wirtschaften in Geld erst lernen, als sie Allmenden nicht mehr nutzen konnten, etwa den Wald als Holzvorrat und Weide für das Vieh, die privates Eigentum von Grundbesitzern geworden waren. Für das Bezahlen von Pacht und Zins für Boden, Saatgut und Geräte fehlte den meisten von ihnen das Geld, dem von den 1860er Jahren an Genossenschaften abhalfen nach Ideen, die in den Krisen vor 1848 Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Heinrich Raiffeisen entwickelt hatten.
Adlige Familien profitierten in Deutschland von diesem Wechsel der Eigentumsformen mehrfach: Sie behielten den größten Teil des Landes, bekamen von den befreiten Bauern Geld als Entschädigung und Pacht und konnten das Land mit den bäuerlichen Arbeitskräften bewirtschaften, die sie als Gesinde losgeworden waren und die es nicht zu eigenem Bodeneigentum gebracht hatten. Die kriegerisch herbeigeführte Einigung zum Deutschen Reich 1871 war dann ein Angebot an die alte herrschende Klasse, am neuen Staat führend mitzutun. Adlige hatten im Offizierskorps teil am Sieg über gegnerische Staaten, wurden Diplomaten und Berater der Monarchie und stiegen zu bürgerlichen Großagrariern und Waldbesitzern auf, die unter Zollschutz die Städte mit Nahrungsmittel und Bau- und Brennmaterial versorgten und Erträge in der rüstungswichtigen Schwerindustrie investierten.
Der Umbau gesellschaftlicher Struktur wurde kulturell verbrämt. Nie wieder ist ein Modernisierungsprozess hin zu bürgerlichem Besitz und bürgerlichem Staat so in ein mittelalterliches Kostüm gekleidet worden wie in Deutschland im 19. Jahrhundert. Die Romantik liebte Geschichten von Ritter und Burgfräulein, erfand allerlei Wappen und Ehrenzeichen des Handwerks, als es sich in Industrie wandelte. Hunderte von Theaterstücken ließen vergangene Welten wieder erstehen, die es nie gegeben hatte, um gegenwärtige Moral zu begründen. Die Wartburg, in der Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hatte, wurde bunter ausgemalt, als sie je gewesen war und durfte in erfundenen mittelalterlichen Kostümen begangen werden. Obwohl der Kaiser des Deutschen Reiches, erblicher Vorsteher eines bürgerlichen Staates, mit dem um 1800 zugrunde gegangenen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nichts zu tun hatte, mussten die Regierungssitze des Deutschen Kaisers wie Bur gen, Schlösser und Wehrtürme scheinen.
Hunderte von Heimat-, Schützen- und Trachtenvereinen entstanden, die ausbauten, was an Bauernkleidung noch zu finden war und mit ihren Neuerfindungen verdeckten, dass hier Privateigentümer des Bodens als Verkäufer ihrer Agrarprodukte für die Städter erkennbar sein wollten. Dort spielte dann wieder der Bauernkrieg eine Rolle, der aber nicht als überregionaler Aufstand gegen die Ansprüche einer herrschenden Klasse inszeniert wurde, sondern als Vorwegnahme der Kriege einer Nation gegen die andere.
Beim Eisenbahnunfall am 3. Juni 2022 starben fünf Menschen, als eine Regionalbahn bei Burgrain auf der Strecke München–Garmisch-Partenkirchen entgleiste. 16 Fahrgäste wurden schwer, 62 leicht verletzt.
Es ist zu befürchten, dass die voraussichtlich im Herbst beginnende juristische Aufarbeitung des Zugunglücks die eigentlichen Ursachen außer Acht lassen wird.
Denn die Katastrophe hat eine rund zwei Jahrzehnte alte und für die tödlichen Unfallfolgen entscheidende Vorgeschichte. So wurde im Zuge eines Bundesstraßen-Ausbaus der eingleisige Bahndamm bei Burgrain, einem Ortsteil Garmisch-Partenkirchens, in seiner Substanz angegriffen, indem seine ursprüngliche Fußbreite zugunsten der Bundesstraße verschmälert und ein tiefer gelegener Wildbach an den Fuß des Bahndamms gelegt wurde. Der ehemals sanfte Hang des Bahndamms wurde zum steilen Abhang.
Die Entgleisung
Luftbilder zeigen Bahnschwellen unterschiedlicher Helligkeit, weshalb es auf der Bahnstrecke bei Burg-rain schon vor dem Unglück einige Schwellenwechsel gegeben haben muss. Es stellt sich die Frage nach dem Grund dieser Gleisreparaturen, und ob man seitens der Deutschen Bahn (DB) aus diesen anscheinend gehäuft auftretenden Schäden die richtigen Schlüsse gezogen hat? Bahnschwellen gelten bei vorschriftsmäßigem Einbau als langlebig, doch die an der Unglücksstelle eingebauten Betonschwellen reagieren bei partiellen Belastungen empfindlich. Außerdem bereitet der sogenannte Betonfraß Probleme. Dabei kommt es zu einer Alkali-Kieselsäure-Reaktion, bei der Silikate in den Zuschlagsstoffen des Betons mit Alkalien im Zement reagieren, was zur Rissbildung und letztlich durch Umwelteinwirkungen zur Sprengung des Betons von innen heraus führt.
Sollten die vor dem Unglück ausgewechselten Schwellen durch Betonfraß beeinträchtigt gewesen sein, hätte man als verantwortungsbewusster Eisenbahnbetrieb alle baugleichen Schwellen auf dem Bahndamm entlang des steilen Abhangs vorsorglich auswechseln müssen.
Und wenn nicht der Betonfraß die Ursache gewesen sein sollte, dann hätte man die tiefere Ursache für die Beschädigungen analysieren und rechtzeitig entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten müssen. Die Ursache für gebrochene Betonschwellen ist stets deren mangelhafte Auflage, in der Regel infolge eines nachgebenden Untergrunds. Dies wiederum kann durch einen durchnässten Bahndamm oder durch Fehler beim Umbau des Bahndamms entstanden sein. Darüber hinaus lag die Entgleisungsstelle im ohnehin kritischen Bereich des Übergangs von der im Zuge der Straßenbaumaßnahmen entstandenen Betonbrücke zum umgebauten Bahndamm und hätte einer gesonderten Betrachtung bedurft.
Die Unfallfolgen
Entgleisungen kommen immer mal wieder aus verschiedensten Gründen vor und lassen sich im rauen Eisenbahnbetrieb nie ganz ausschließen. Der anerkannt hohe Sicherheitsstandard der Eisenbahn trägt diesem Risiko aber insofern Rechnung, als mit entsprechenden Schutzeinrichtungen die Folgen einer Entgleisung möglichst klein gehalten werden. Für die zwingend notwendige Anwendung solcher Schutzeinrichtungen gibt es einschlägige Vorschriften, die für den steilen Bahndamm des Unglücksortes leider nur indirekt gelten.
Der Einbau sogenannter Fang- oder Führungsschienen hätte zwar die Entgleisung des Zuges nicht verhindert, jedoch zweifellos den Absturz der Wagen bis in den Wildbach und den für fünf Menschen tödlichen Aufprall auf die Straßenkante. Die Eisenbahn-Bau- und -Betriebsordnung schreibt Fangschienen beispielsweise auf Brücken vor, damit ein entgleisender Zug nicht abstürzen kann. Vor dem Umbau des Bahndamms hätte eine Entgleisung wie vor drei Jahren nur dazu geführt, dass die Doppelstockwagen, vermutlich ohne größere Beschädigungen, auf dem sanft abfallenden Hang des Bahndamms zum Liegen gekommen wären.
Man könnte als verantwortungsvolles Eisenbahnunternehmen zu der Auffassung gelangt sein, dass der umgebaute Bahndamm mit seinem steilen Abhang des gleichen Schutzes bedurft hätte, der auf einer Brücke vorgeschrieben ist. Und auch das Eisenbahn-Bundesamt, das als Sicherheitsbehörde für den Bahnbetrieb für die Zulassung von Fahrzeugen und Infrastruktur, für die Genehmigung des Betriebs von Eisenbahnen und die Überwachung der Einhaltung von Rechtsnormen verantwortlich ist, hätte zu solcher Auffassung kommen müssen.
Schuldzuweisung
»Der Unfall war die unmittelbare Folge regel- und pflichtwidrigen Verhaltens des vor Ort tätigen betrieblichen Personals«, so die abschließende Bewertung der DB nach der Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei, die zur Hauptmeldung in der Tagesschau wurde. Zusätzlich schiebt die DB nach: Auch die damals ressortverantwortlichen Vorstandsmitglieder sollen Verantwortung für das Unglück tragen, denn die zum Unglückszeitpunkt zuständige Bahn-Tochter DB Netz habe nur unzureichend auf umfangreiche Erkenntnisse zu schadhaften Betonschwellen reagiert.
Wollte man das Zugunglück wirklich aufarbeiten, stellte sich kaum die Frage nach Schuldigen im Betriebsdienst. Ein aufmerksamer Lokführer kann zwar Hinweise zum Streckenzustand geben, doch ein Fahrdienstleiter kann die Notwendigkeit einer Streckensperrung aufgrund seines fehlenden baulichen Fachwissens gar nicht abschätzen. Tatsächlich haben nicht einzelne Personen bei klaren Vorgaben falsch reagiert. In solchen Gefahrfällen muss ein mehrfacher Meldeweg dafür sorgen, dass die Behebung der Schäden stattfindet.
Es muss geklärt werden, weshalb angesichts der zahlreichen defekten Schwellen nicht die notwendigen Maßnahmen eingeleitet wurden. Einzig die verantwortliche Leitung der Bahntochter DB Netz hat hier versagt und statt ›Versagen des Personals vor Ort‹ hätte es heißen müssen: ›Leitungs- und Strukturversagen der Deutschen Bahn‹ haben zu diesem Unfall geführt.
Geradezu grotesk erscheint es, dass dieser Bahndamm, von dem bewiesenermaßen tödliche Gefahren ausgehen, immer noch nicht mit lebensrettenden Fangschienen ausgerüstet wurde.
Dieter Doege, Jahrgang 1947, stammt aus einer Bahnerfamilie und war, technisch ausgebildet über vier Jahrzehnte für diverse Verkehrsunternehmen in Deutschland und im europäischen Ausland tätig. Er hat für verschiedene Auftraggeber aus Politik und Wirtschaft unzählige Studien im Bereich des öffentlichen Verkehrs verfasst.
Stuttgart 21 – das endlose Desaster erreicht seinen Point of no Return
Fällt der Name Stuttgart 21 kommt meist die Frage: Ist das immer noch nicht fertig?
Dabei scheint sich jetzt zu verwirklichen, was der grüne Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann 2010 – da war er noch nicht der Verkehrsminister Baden-Württembergs – als das »dümmste Bahnprojekt der Eisenbahngeschichte« bezeichnet hat. Ein zwölf Milliarden plus x Euro teures Projekt, das unglaublichen, verkehrs- und klimapolitischen Schaden anrichtet. Aber allen Unkenrufen zum Trotz, kann noch was geändert werden. Die entscheidende Rolle spielt dabei eine Bahnstrecke, die es als ehemalige Magistrale in sich hat: Die Gäubahn.
Kurz vor seinem Tod 2023 hat der frühere Bahnchef Heinz Dürr, der 1994 die Überführung von Bundesbahn und Reichsbahn in eine privatrechtliche Gesellschaft vollzog, im Interview mit dem Autor zugegeben, dass die Gewinnung von Freiflächen für Immobilienspekulation im Zentrum von Stuttgart der wahre Grund für das Projekt war (siehe Foto).
Natürlich wollten auch andere sich ein goldenes Näschen verdienen. Allen voran der Tunnelbohrer Herrenknecht, Baufirmen wie Zöblin, Hoch-Tief, die Stuttgarter Flughafengesellschaft und das in Baden-Württemberg breitreifig aufgestellte Autokapital Porsche, Daimler und Bosch.
Und von Anfang an wurde gelogen, dass die Schwellen bröselten.
Gelogen deshalb, weil es kein Bahnprojekt war. Denn bei einem Bahnprojekt hätte man sich zuerst gefragt, wieviel Züge will ich und welche Fahrpläne mache ich dafür und wie sieht der Bahnhof dazu aus? Aber Dürr und andere wollten die Flächen haben, den Kopfbahnhof weghauen und unten schauen, was dann für die Bahn übrigbleibt. Diesem ›Übrig‹ gaben sie einen Namen, der nach Zukunft klang und behaupteten, mit der Hälfte der Gleise, 8 unten statt zuvor 16 oben, könnten doppelt so viele Züge fahren wie auf dem als ›Sack-‹ diskreditierten Bahnhof. Unterstellend, ein Kopfbahnhof sei eine Sackgasse, die Zeit und Fahrweg kostet.
Der Kopfbahnhof
Da es heute Wendezüge gibt, geht in einem Kopfbahnhof faktisch nichts verloren. Es gibt keinen Zeitverlust und es gibt kaum zusätzlichen Fahrweg. Ist der Kopfbahnhof so konstruiert wie der Stuttgarter, in dem die Züge über drei Ebenen im Gleisvorfeld sortiert werden, dann gibt es nur wenige Kreuzungen. Und die gibt es auch im Durchgangsbahnhof, der sich außerhalb des Bahnsteigbereichs von acht auf vier Gleise verengt.
Hinzu kommen mehrere positive Faktoren eines Kopfbahnhofes:
1. Er fängt Verspätungen auf, weil der verspätete Zug auf ein leeres Gleis ausweichen kann. Das ist beim Durchgangsbahnhof kaum möglich, weil die wenigen Gleise meistens belegt sind. Durchgangsbahnhöfe geben die Verspätung weiter.
2. Kopfbahnhöfe sind grundsätzlich ebenerdig, der Umstieg also barrierefrei möglich.
3. Kopfbahnhöfe sind großzügiger, weniger hektisch und im Betrieb kostengünstiger.
4. Der integrale Taktverkehr, bei dem alle Züge stündlich oder halbstündlich ein- und danach wieder ausfahren, der die Reisezeit für die Fahrgäste verkürzt und langes Warten ausschließt, braucht mehr Gleise, und die gibt es im Kopfbahnhof. Mit acht Gleisen im Stuttgarter Tiefbahnhof ist das nicht machbar.
Bei angenommener gleicher Gleiszahl leistet ein Durchgangsbahnhof höchstens 30 Prozent mehr. Um 16 Kopfgleise zu ersetzen, bräuchte es also mindestens 12 Durchfahrtsgleise. Der Stuttgarter Tiefbahnhof ist zu klein.
Doch das Dürr-Märchen von der höheren Leistungsfähigkeit des schmalbrüstigen Tiefbahnhofes hat sich gehalten und wurde durch mehrere gefälschte Stresstests gestützt. 2011 sollte Stuttgart 21 49 Züge in der Spitzenstunde schaffen, 2023 gar fast 60. Kein Bahnhof mit nur acht Gleisen kann das leisten.
Da hilft auch keine Digitalisierung, wie etwa das Zugleitsystem ETCS, das nur auf der freien Strecke etwas bringt, im Bahnhof aber wegen der hohen Bremskurve (es wird früher gebremst) eher zu leichten Zeitverlusten führt. Der Kopfbahnhof, hätte man ihn mit wenigen Mitteln aufgerüstet, hätte gar, so das Beratungsunternehmen Vieregg-Rössler, 56 Züge in der Spitzenstunde verkraftet.
Die behauptete Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 ist der größte Betrug dieses Projekts. Der Baden-Württembergische Verkehrsminister weiß das. Er ließ deswegen erstens ein sogenanntes Nahverkehrsdreieck (Vaihingen, Feuerbach, Bad Cannstatt) entwickeln, in dem viele Züge den Tiefbahnhof umfahren, der somit seine Funktion als Hauptbahnhof verliert, was das Umsteigen erschweren wird.
Zweitens ließ er die zu wenigen Gleise doppelt belegen – also vorn auf dem Gleis hält ein Zug und hinten einer –, was für die Pünktlichkeit und den Durchlauf katastrophal ist, da die Züge einander behindern. Zudem ist es gefährlich, weil die Bahnsteige ein sträflich starkes Gefälle aufweisen.
Drittens hat er Doppelstockzüge bestellen lassen, die in Vierfach-Traktion fahren können, also mit vier Triebfahrzeugen. Mit Tausenden von Menschen, die so ein Zug befördert, werden die bislang 60 Kilometer engen und steilen Tunnel mit zu schmalen Rettungswegen zur möglichen Todesfalle.
Die Gäubahn
Der Tiefbahnhof hat noch weitere Nachteile. Die Gäubahn, die seit über 100 Jahren über eine wunderschöne Panoramastrecke in den Kopfbahnhof einfährt, soll nunmehr über einen Umweg zum Flughafen Stuttgart in den Tiefbahnhof geführt werden. Nur gibt es dafür derzeit keine brauchbare Bahnstrecke. Ein irrwitziger drei Milliarden teurer zwölf Kilometer langer ›Paffensteigtunnel‹ soll jetzt gebaut werden. Der ist noch nicht einmal planfestgestellt und auch noch nicht finanziert. Die Extratour gefährdet das gesamten Projekt Stuttgart 21. Von den täglich 5000 Fahrgästen der Gäubahn streben laut Prognose überhaupt nur 70 zum Flughafen (siehe Grafik).
Claus Weselsky, Ehrenvorsitzender der Gewerkschaft der Lokomotivführer dazu: »Mir ist nicht klar, wieso wir, wenn wir uns alle ein gemeinsames Ziel setzen, nämlich, dass die Eisenbahn das klimafreundlichste Verkehrsmittel der Zukunft ist, einen Regionalflughafen mit der Eisenbahn anbinden müssen, obwohl sich alle Welt von dem abgewandt hat.«
Die Stuttgart-21-Betreiber glauben, diesen Tunnel unter Verwendung massenhaft klimaschädlichen Stahlbetons in sieben Jahren gebaut zu haben, ein Wolkenkuckucksheim. Es würde vermutlich 10 bis15 Jahre dauern, und so lange sollen die Fahrgäste aus Italien, der Schweiz, vom Bodensee weit vor dem Tiefbahnhof in Vaihingen in überfüllte Stadt- und S-Bahnen umsteigen, und wenn sie weiter als nach Stuttgart wollen, auch noch im Tiefbahnhof.
Benedikt Weibel, Ex-Bahnchef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) dazu: »Ich muss sagen, dass man da Milliarden verbaut, Milliarden und Abermilliarden, und am Schluss ist das Angebot so schlecht für eine ganze Region. Ich finde gar keine Worte für diesen Zustand.«
Das bringt die Anwohnergemeinden der Gäubahn und ihre Oberbürgermeister auf die Barrikaden. Entgegen den einstigen Versprechungen, mit Stuttgart 21 werde die Gäubahn nicht nur zweigleisig ausgebaut, sondern auch schneller und besser an Stuttgart angebunden, geschieht nun das Gegenteil:
Im Frühjahr 2027 soll die Gäubahn an ihrer Einführung zum Kopfbahnhof gekappt werden, und im Sommer 2027 soll der Kopfbahnhof ganz verschwinden. Das allerdings erst ein halbes Jahr nach der mehrfach verschobenen Teileröffnung des Tiefbahnhofs im Dezember 2026, weil selbst die Bahnplaner unsicher sind, ob der Tunnelbahnhof den Kopfbahnhof komplett ersetzen kann.
Um allerdings schon mal vollendete Tatsachen zu schaffen, will die DB die Gäubahn früher kappen, mit der Begründung, die neue S-Bahn brauche Teile des Gäubahndammes. Das ist komplett falsch, wie die Bahn in einer eigenen Untersuchung festgestellt hat.
Das zuständige Eisenbahnbundesamt (EBA), das bisher jede Unzulänglichkeit in der S-21-Planung der Bahn abgenickt hat, stellt sich auch hier nicht dagegen, obwohl die Planfeststellung eine solche Kappung nicht zulässt. DB und EBA treten dabei vor Gericht als siamesische Zwillinge auf, und das Stuttgarter Verwaltungsgericht übernahm deren krude Argumentation. Auch die Verwaltungsrichter in der nächsthöheren Instanz haben die von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) beantragte einstweilige Verfügung gegen die Kappung abgelehnt, mit einer Begründung, die die windigen Argumente der DB fast vollständig übernimmt. Doch die DUH gibt nicht auf, sie erstreitet gerade die Berufung und hat auch noch eine zweite Klage erhoben.
Die Baufläche
Übrigens würde die Beibehaltung der alten Gäubahnanbindung allein den Stuttgarter OB und seinen grünen Baubürgermeister in ihrer Bauwut auf dem Kopfbahngelände nicht stören. Trotzdem soll sie vernichtet werden.
Da aber der Widerstand gegen die Gäubahnkappung auch in der CDU und innerhalb der zerrissenen Grünen steigt, steigen die Chancen, dass nicht nur die Gäubahnanbindung, sondern auch der Kopfbahnhof erhalten bleibt.
Die Projektbetreiber werden allerdings nie zugeben, dass der Tiefbahnhof zu klein und zu gefährlich ist, und sie wollen alle oberirdischen Gleise weghauen, egal ob der Tiefbahnhof die behaupteten Erwartungen erfüllt. Wie bei den betrügerischen Stresstests wird das nach der Teileröffnung sicherlich behauptet werden.
Winfried Hermann (73) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (77) wissen, dass S 21 nie die hochgesteckten Ziele schaffen wird. Trotzdem lassen sie den Unsinn zu. Beide haben angekündigt, bei den nächsten Landtagswahlen im Frühjahr 2026 nicht mehr zu kandidieren. Wenn S 21 kracht, sind sie beide in Rente.
Das Hauptargument der Stadt Stuttgart ist nach wie vor, sie wolle auf dem Kopfbahnhofgelände Wohnungen bauen, und zwar 50 Prozent davon als Sozialwohnungen. Doch allein die Entwidmung des Geländes würde sie 1,7 Milliarden Euro kosten, die die Stadt nicht hat. Daher werden Sozialwohnungen hier in der besten Stadtlage niemals entwickelt werden, sondern nur Hochpreiswohnungen. Zudem würde die letzte Frischluftschneise im schon jetzt aufgeheizten Stuttgarter Talkessel zerstört (der Kopfbahnhof liegt am tiefsten Punkt), eine klimatische Katastrophe.
Dabei gibt es gigantischen Büro- und Wohnungsleerstand in Stuttgart. 11.000 Wohnungen stehen leer sowie unzählige Bürokomplexe (EnBW, Eiermann-Campus, W&W, Erwin Schöttle Areal) und es gibt Brachflächen. Sogar die Einwohnerzahl nimmt ab.
Das hindert OB Frank Nopper (CDU) nicht, für das Kopfbahnhofareal Bebauungspläne aufzustellen; die Grünen im Gemeinderat immer dabei. Dagegen richtet sich ein Bürgerentscheid, initiiert von BUND, VCD, Pro Bahn, SÖS, Aktionsbündnis gegen S 21, DUH, ver.di und dem DGB, der bis Mitte Oktober 20.000 Stimmen sammeln will und Nopper gefährlich werden könnte.
Selbstverständlich hieße zum jetzigen Zeitpunkt die Lösung allein: Ein Kombibahnhof aus dem abgespeckten Tiefbahnhof und dem gesamten modernisierten Kopfbahnhof. Dazu dürften unten aufgrund der Brandgefahr keinesfalls Doppelstockzüge, sondern nur wenige ICE-Züge mit begrenzten Fahrgastzahlen fahren, und die Rettungswege und Sicherungsmaßnahmen in den zu schmalen und steilen Tunneln müssten entscheidend verbessert werden.
Bis zum Frühjahr 2027 ist noch Zeit. Wenn bis dann keine Kehrtwende erfolgt, wird der teuerste, schlechteste und brandgefährlichste Bahnhof der Welt Realität, und das Klima und die Menschen nicht nur in Stuttgart schauen in die Röhre.
Klaus Gietinger arbeitet als Filmregisseur, Sach- und Drehbuchautor und ist Autor des Dok-Filmes »Das Trojanische Pferd – Stuttgart 21 – Der Film.«.
»Wenn Sie ein Land kolonisieren wollen, in dem bereits Menschen leben, müssen Sie eine Garnison für das Land finden oder einen Wohltäter, der in Ihrem Namen eine Garnison bereitstellt. (…) Der Zionismus ist ein kolonisierendes Projekt, und deshalb steht und fällt es mit der Frage der Streitkräfte«, riet vor hundert Jahren der Publizist Zeev Jabotinsky seinen zionistischen Mitstreiter:innen.
Das Zitat findet sich in Rashid Khalidis im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Buch »Der Hundertjährige Krieg um Palästina«.
Khalidi, Jahrgang 1948, ist Historiker und war Professor für Modern Arab Studies an der Columbia University in New York. Das hier vorgestellte Buch wurde unter dem Titel »The Hundred Years‘ War on Palestine« bereits 2020 publiziert und stellt die Entwicklungen bis ins Jahr 2014 dar. In einem Nachwort vom März 2024 für die deutsche Ausgabe ordnet der Autor die späteren Ereignisse ein.
Die zionistische Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts, in Reaktion auf den virulenten europäischen Antisemitismus, mit dem Ziel der Gründung eines jüdischen Staates. Dem lag die Vorstellung von Jüd:innen als einer Nation zugrunde – ein Konzept, das in vielen Ländern in Überwindung feudaler Herrschaft verfolgt wurde. Im Rekurs auf die Bibel wurde eine Staatsgründung in Palästina angestrebt, obwohl damals dort nur eine Minderheit von Jüdinnen und Juden lebte.
Britisches Mandat
Nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage des Osmanischen Reiches sprach der Völkerbund Großbritannien die Mandatsherrschaft über Palästina zu. Der britischen Regierung erschien es opportun, den Zionismus zu unterstützen. Schon 1917 hatte sie ihr Wohlwollen gegenüber der »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« bekundet. Bezeichnend für die nach dem damaligen Außenminister benannte Balfour-Deklaration sei, so Khalidi, dass die arabische Bevölkerungsmehrheit von etwa 94 Prozent nur als ›bestehende nichtjüdische Gemeinschaften in Palästina‹ erwähnt wurde. Der arabischen Mehrheit »wurden lediglich ›bürgerliche und religiöse Rechte‹ zugesagt, nicht aber politische oder nationale Rechte«. Der jüdischen Minderheit von sechs Prozent dagegen sicherte Großbritannien nationale Rechte zu. Khalidi wertet die Balfour-Deklaration als »eine Kriegserklärung des britis chen Empire« an die Bevölkerung Palästinas.
Während Türken, Iraner, Syrer, Ägypter und Iraker in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ein gewisses Maß an Unabhängigkeit erlangten, entsprechend dem Prinzip nationaler Selbstbestimmung, wie es US-Präsident Wilson und Lenin in der Sowjetunion vertraten, handelte Großbritannien in Palästina nach anderen Regeln. Auch im Mandatstext des Völkerbundes tauchen die Worte Araber und Palästinenser nicht auf. Eine Heimstätte des jüdischen Volkes sollte demnach nicht etwa geschaffen, sondern ›wiederhergestellt‹ werden. »In den Augen der Verfasser des Mandats gehörte die gesamte zweitausendjährige Kultur des Landes aus der osmanischen, mamelukischen, ayyubidischen, kreuzfahrerischen, abbasidischen, umayyadischen, byzantinischen und früheren Zeit zu keinem Volk oder nur amorphen religiösen Gruppe.«
Über seine wissenschaftlichen Analysen als Historiker hinaus, verfügt Khalidi über persönliche Einblicke in die Geschichte Palästinas. Er entstammt einer Familie islamischer Gelehrter und Juristen in Palästina. Sein Großvater gründete 1899 eine bedeutende Bibliothek in Jerusalem. Sein Onkel war einst Bürgermeister der Stadt, sein Vater war als Diplomat tätig. Rashid Khalidi selbst beriet mehrere palästinensische Delegationen.
Die Briten hätten die Palästinen-ser: innen mit der gleichen Herablassung behandelt, die sie anderen unterworfenen Bevölkerungen entgegenbrachten. Doch anders als in den anderen kolonisierten Gebieten brachte das Mandat einen Zustrom ausländischer Siedler:innen mit sich, »die ihr Ziel darin sahen, das Land zu übernehmen«. Bis 1926 hatte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung auf 18 Prozent verdreifacht. Infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland stieg der Anteil bis 1939 auf über 30 Prozent.
Die Ignoranz der Briten gegenüber den politischen Forderungen der arabischen Bevölkerung habe sich 1936 in spontaner Gewalt entladen und ab 1937 als bewaffnete Erhebung der Entrechteten. Mit aller Macht sei das Empire gegen die Aufständischen vorgegangen. »Es war ein blutiger Krieg gegen die Mehrheit des Landes, in dem zehn Prozent der erwachsenen männlichen arabischen Bevölkerung getötet, verwundet, inhaftiert oder ins Exil getrieben wurde.«
Der Imageschaden Großbritanniens in den arabischen Ländern und der Einsatz der Besatzungstruppen an den Fronten des Zweiten Weltkriegs führten 1939 zu einem Kurswechsel und einer Beschränkung jüdischer Immigration.
1942 rief die zionistische Bewegung im Biltmore Hotel in New York, schon damals die Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung, zum ersten Mal offen dazu auf, ganz Palästina in einen jüdischen Staat zu verwandeln, was nicht zuletzt angesichts des Holocaust die Unterstützung der neuen Weltmacht USA fand.
Im Unterschied zu den Zionist: innen, deren Jewish Agency mit Regierungsbefugnissen ausgestattet war, hätten die Palästinenser:innen, geschwächt und uneins nicht zuletzt infolge ihres gescheiterten Aufstands, über keine zentrale staatliche Struktur verfügt, was sich »militärisch, finanziell und diplomatisch als fatale Schwäche« erwies.
Gegen die Absicht Londons, die jüdische Immigration nach Palästina weiterhin zu begrenzen, um die arabischen Führungen in den Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreiches nicht zu brüskieren, setzten die USA durch, die Holocaust-Überlebenden aus den Vertriebenenlagern Europas in Palästina aufzunehmen. Im eigenen Land wollten weder die USA noch Großbritannien diese Menschen haben.
Vereinte Nationen
Aus Empörung über die politische Wende der Mandatsmacht richtete sich die Militanz der jüdischen Bevölkerung Palästinas nun auch gegen die Briten. Es kam zu Attentaten auf Verwaltungsbeamte; ein Sprengstoffanschlag verwüstete 1946 das britische Hauptquartier im King David Hotel in Jerusalem. Wirtschaftlich geschwächt durch den Krieg gegen Deutschland kapitulierte Großbritannien schließlich in Palästina und überließ das Problem den Vereinten Nationen.
Die beschlossen 1947 die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat, was Khalidi als einen »eklatanten Verstoß gegen den in der UN-Charta verankerten Grundsatz der Selbstbestimmung« bewertet. »Die Vertreibung einer ausreichenden Anzahl von Arabern, um einen jüdischen Mehrheitsstaat zu ermöglichen, war die zwangsläufige, unvermeidliche Folge. Wie Balfour keinen Gedanken daran verschwendete, was seine Deklaration für die palästinensischen Araber:innen bedeutete, dachten auch Truman und Stalin, als sie die Resolution 181 durchsetzten, nicht lange darüber nach, was nach dieser Abstimmung mit den Palästinenser:innen geschehen würde.«
Was folgte, war ein Krieg, den Israel gegen Truppen Ägyptens, Syriens, Jordaniens, des Irak und gegen die einheimische palästinensische Bevölkerung gewann, die im Zuge ethnischer Säuberungen und Diebstahls ihres Landes bis 1949 zu etwa 80 Prozent aus dem Gebiet, das zum neuen Staat Israel wurde, vertrieben war und sich zu Hunderttausenden in den Flüchtlingslagern Jordaniens, des Libanons, Syriens und Ägyptens wiederfand. Das Trauma dieses Krieges ging als Nakba, als »Kata-strophe« in das kollektive Gedächtnis der Palästinenser:innen ein.
Seitens der arabischen Regierungen erfuhr die palästinensische Bevölkerung kaum Unterstützung. Zu stark war die Konkurrenz unter diesen jungen Staaten, zu groß der Einfluss Großbritanniens. Und die neuen Supermächte USA und die Sowjetunion taten nichts, um »die Gründung des in der Teilungserklärung vorgesehenen arabischen Staates zu unterstützen«.
Der Gazastreifen sei bereits seit 1947 zum »Schmelztiegel des Widerstands« geworden. »Die meisten Gründungsmitglieder der Fatah und der PLO kamen aus den beengten Verhältnissen des schmalen Küstenstreifens«. Während des Suezkrieges 1956 kam es dort zu Massakern durch israelische Truppen, was in den westlichen Medien kaum erwähnt worden sei. Erst mit der Gründung der Befreiungsbewegung PLO im Jahr 1964 hätten sich die Palästinenser:innen allmählich wieder Gehör verschafft.
US-Engagement
Der Sechs-Tage-Krieg 1967 markiere die Hinwendung Israels zu den USA, womit sich eine neue Achse im Nahen Osten etabliert habe, die bis heute fortbestehe. Es sei die US-Regierung gewesen, die grünes Licht für einen Präventivschlag gegen die Luftstreitkräfte Syriens, Ägyptens und Jordaniens erteilt hätte. Die Resolution 242 des Uno-Sicherheitsrats von November 1967 forderte in einer diffusen Formulierung zwar den Rückzug Israels aus besetzten Gebieten, habe aber de facto erlaubt, »die besetzten palästinensischen und syrischen Gebiete zu kolonisieren und zudem einige von ihnen – Ostjerusalem und die Golanhöhen – formell zu annektieren. (…) Dass die Uno diese Handlungen wiederholt verurteilt hat, aber nicht einmal ein Hauch von Sanktionen oder echtem Druck auf Israel erfolgte, wirkte sich im Lauf der Zeit als eine stillschweigende internationale Akzeptanz dieser Handlungen aus. (…) Und wie bei der Balfour-Erklärung wurden Palästina und die P alästinenser in diesem Schlüsseldokument mit keinem Wort erwähnt.«
Ebenso hätten sie im Camp-David-Abkommen und im Friedensvertrag zwischen Israel und Ägyptern 1979 keine Rolle gespielt. Ministerpräsident Menachem »Begin und seine Nachfolger im Likud, Jitzchak Schamir, Ariel Scharon und dann Benjamin Netanjahu, stellten sich unerbittlich gegen eine palästinensische Staatlichkeit, Souveränität oder Kontrolle des besetzten Westjordanlands und Ostjerusalems (…) und hielten daran fest, dass das gesamte Palästina allein dem jüdischen Volk gehöre und dass ein palästinensisches Volk mit nationalen Rechten nicht existiere.«
Kritisch nimmt Khalidi die PLO in den Blick, auf deren verfehlte Politik unter anderem die Gründung der Hamas 1987 und deren Aufstieg zurückgehe. Ihr Exil in Tunis, von 1982 bis 1994, habe die Organisation ebenso selbst verschuldet. »Das Verhaltensmuster der Widerstandsbewegung – ihre Feinde rücksichtslos zu provozieren, ihre Gastgeber zu entfremden und schließlich (wie aus Jordanien im Schwarzen September 1971, LP21-Red.) vertrieben zu werden – sollte sich elf Jahre später in Beirut wiederholen.«
Auch der international gefeierte, zwischen 1993 und 1995 mit der PLO in Oslo ausgehandelte Kompromiss habe Israel nicht gehindert, mit Landnahme und Verdrängung der Palästinenser:innen fortzufahren.
Die konsequente palästinensische Perspektive des Buches verhilft zu einem besseren Verständnis des Konflikts. Der ist aber auch Resultat einer historischen Tragödie, die Khalidi kaum in den Blick nimmt: Die Erfahrungen von Diskriminierung, Vertreibung und Pogromen, denen Juden und Jüdinnen über Jahrhunderte wieder und wieder ausgesetzt waren, kumulierten in latenter Verzweiflung, die der jüdische Staat nach dem Holocaust in Entschlossenheit und Aggressivität wendete.
Wenn Israel als einzige Demokratie des Nahen Ostens gilt, so ist sie zugleich die letzte Kolonialmacht im Nahen Osten, deren Sinn allerdings nicht die Ausbeutung der Indigenen ist. »Der Kolonialismus, dem wir unterworfen sind, ist einzigartig, weil sie keine Verwendung für uns haben. Der beste Palästinenser für sie ist entweder tot oder verschwunden«, bemerkte der Literaturwissenschaftler Edward Said vor 30 Jahren.