Funktionierende Elektromobilität ohne Lobby

Seit mehr als ein Jahrhundert funktionieren Straßenbahnen, Eisenbahnen, S-Bahnen und U-Bahnen elektrisch

Immer wieder ist von der „Einführung der Elektromobilität“ die Rede. Abgesehen davon, dass nicht einmal das Elektroauto wirklich eine neue Erfindung ist und schon vor über 100 Jahren auf der Straße unterwegs war, ist die Elektromobilität im öffentlichen Verkehr schon seit Jahrzehnten verbreitet und technisch weit entwickelt. Leider hat die Elektromobilität jenseits der Auto-Mobilität aber bei den meisten Verkehrspolitikern keinen guten Stand, obwohl sie zwei gewaltige technische Vorteile besitzt, die sie im Vergleich zur individuellen Elektromobilität sehr viel effizienter macht: Zum ersten haben Bahnen und Oberleitungsbusse eine direkte Energiezuleitung während der Fahrt und umgehen damit elegant die Schwierigkeit der Energiespeicherung. Damit haben sie auch nicht das Problem des hohen Gewichts und des Ressourcenbedarfs der Akkus und deren begrenzter Lebensdauer. Zum zweiten sind Massenverkehrsmittel alleine schon deswegen effizienter, weil sie von vielen Menschen gleichzeitig genutzt werden können, dadurch wesentlich weniger Energie pro Fahrgast verbrauchen und weil die Fahrzeuge fast rund um die Uhr unterwegs sind – während das durchschnittliche Auto, ob Elektro oder nicht, mehr als 23 Stunden pro Tag unnütz herumsteht.

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China, nicht das Klima

Elektromobilität vergrößert das Zerstörungspotential

Elektromobilität wird vielfach als etwas dargestellt, das „von außen“ kommt, was der traditionellen Autobranche gar aufgezwungen werden müsste. Das ist nicht der Fall. Die „traditionelle“ Autoindustrie selbst setzt massiv auf „Elektromobilität“. Sie tut dies als Resultat einer spezifischen Konstellation in der Weltautoindustrie. Dabei spielt nicht das Klima, sondern China die entscheidende Rolle.

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Das Elektroauto – eine Sackgasse

Ein Diskussionsbeitrag auf der „Streikkonferenz“ in Braunschweig im Februar 2019

Drei Vorbemerkungen seien gestattet.

Erstens: 1986 saß ich mit einem gewissen Prof. Ulrich Seiffert auf dem Podium eines Kongresses zur Zukunft des Automobils. Damals sagte jener Mensch, er war Entwicklungschef bei VW: „In fünf bis sechs Jahren wird das Elektro-Hybrid-Fahrzeug auf dem Markt sein.“ Das war vor gut drei Jahrzehnten![1]

Zweitens: Ich werde am 24. März in Leipzig auf der dortigen Buchmesse mein neues Buch vorstellen mit dem Titel: „Mit dem Elektroauto in die Sackgasse. Wie Elektromobilität den Klimawandel beschleunigt“.

Drittens. Ich bin mit allen hier im Saal solidarisch, wenn es um konkrete Arbeitskämpfe geht. Das war so 1986, als ich in Puebla, Mexiko, vor Ort den wochenlangen VW-Streik unterstützte und es dabei gelang, dass im VW-Motorenwerk in Salzgitter ein Warnstreik in Solidarität mit den VW-Beschäftigten in Puebla durchgeführt wurde. Die Kolleginnen und Kollegen in Mexiko gewannen den Kampf. Das war so in den 1990er Jahren, als ich zusammen mit Ford-Kollegen in Köln die Zeitungçözüm yolu– linkseröm“ machte. Und das war so beim Opel-Streik 2004 in Bochum [2]. Doch diese praktische Solidarität entbindet uns nicht – als vernunftbegabte und links engagierte Menschen – von einer grundsätzlichen Kritik am Produkt Auto.

Übrigens: Gestern Abend, bei der beeindruckenden Auftaktveranstaltung der Streikkonferenz im überfüllten Saal, da wurden im Hauptreferat und in allen Reden Dutzende spannende Streiks erwähnt und gewürdigt. Doch der eine Streik, der am selben Tag, an dem diese Veranstaltung durchgeführt wurde, stattfand, dieser wurde von niemandem genannt – der Streik der Schülerinnen! Nicht einmal die Vertreterin der GEW hatte den auf dem Schirm. Das ist doch peinlich und absurd. Und vor allem ist das deshalb hier für uns wichtig, weil diese jungen Leute eben nicht für mehr Elektroautos auf die Straße gehen, sondern für eine Zukunft dieser Generation auf dem Planeten. Und die wird es nur geben, wenn wir unter anderem das Produkt Auto als solches kritisch betrachten – wie in den folgenden sieben Thesen.

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„Elektromobilität ist grün und richtet sich gegen die traditionelle Öl- und Autoindustrie“

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Im Zusammenhang mit der „Elektromobilität“ wird argumentiert, es gehe dabei um eine grundlegende Veränderung der bestehenden Wirtschaftsstrukturen. Konzerne, die mit der vorherrschenden Automobilität verbunden sind – also die traditionellen Öl- und Autokonzerne – würden verdrängt durch Unternehmen einer neuen, fortschrittlichen Ökonomie. Die Grundthese lautet: Grüner Kapitalismus ersetzt braune, „fossile“ Unternehmen. Das trifft nicht zu – ist eine Quartalslüge. Die neue Ökonomie der Elektromobilität ist die alte Ökonomie der Autogesellschaft.

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Heft 45: Sackgasse E-Auto

Liebe Leserin, lieber Leser,

am 6. März legte die US-Notenbank das „Beige Book“ vor und dokumentierte in diesem Konjunkturbericht (einer Zusammenfassung der Einschätzungen der zwölf regionalen Zentralbanken zur Wirtschaftslage), dass sich das Wirtschaftswachstum in den USA deutlich abschwächt. Am 19. März, einen Tag vor Drucklegung der neuen Lunapark21-Ausgabe, halbierte der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“ seine Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr auf 0,8 Prozent. Das ist Fast-Stagnation. Doch zu diesen Themen findet sich in diesem Heft kein Beitrag. Die Weltkonjunktur wurde im vorausgegangenen Heft Nr. 44 umfassend analysiert, dabei wurden die jüngsten Anpassungen nach unten vorweggenommen (siehe dort Seite 40ff).

Dabei hatten wir als LP21-Team auf unserem Jahresplenum, das am 19. Januar stattfand, eine ausführliche und teilweise kontroverse Debatte über das letzte Heft – den Titel und den Hauptartikel – geführt. Dazu heißt es im Protokoll von diesem Treffen unter anderem: „Diskussion um das Titelbild bzw. die Titelzeile: ´Warten auf den großen Knall´. Als Überschrift des Handelsblatts von WW übernommen, von J. Römer trotz [Vorliegen] anderer Entwürfe weiter genommen, auch weil es vorzeitig für die Heftwerbung (für den Kiosk-Vertrieb) benutzt worden war […] Th. K.: Würde nicht warten auf den großen Knall, sondern ihn befördern.“

Dem Plenum lag eine Blattkritik von außen, verfasst von Marcus Staiger vor. In dieser heißt es u.a.: „Während ich bei anderen, explizit linken Publikationen oft das Gefühl habe, dass ich da Essays lese […], bekomme ich bei Lunapark immer den Eindruck vermittelt, dass die Leute, die da schreiben, auch immer genau wissen, von was sie da schreiben. Das mag auch an der extremen Vorliebe für Tabellen und Diagramme des Blattmachers selbst liegen, aber nichtsdestotrotz erscheinen die Artikel dann eben auch gut recherchiert und faktenbasiert. Wie man die einzelnen Datensätze dann wiederum genau interpretiert und […] ob der große Knall tatsächlich schon im nächsten Jahr kommt oder erst in zwei oder drei oder vier Jahren – da finde ich, sollte man den Zahlen doch ein wenig mehr Raum zum Atmen geben […] Denn was, wenn nicht? Dass die nächste Krise mit Bestimmtheit kommt, ist ohne Zweifel. Dass sich dieser Kapitalismus allerdings in einer solchen auch endgültig zerlegt, ist die Hoffnung und Prophezeiung der MarxistInnen seit 150 Jahren. Erfüllt haben sich diese Voraussagen angesichts der kakerlakenhaftigen Überlebenskunst der kapitalistischen Produktionsweise allerdings nie.“ Marcus schreibt bilanzierend, er habe „den Eindruck, dass diese Wirtschaftsweise und ihre VertreterInnen nach jeder Krise fester im Sattel sitzen als zuvor.“

So, wie von Marcus beschrieben, ist es, zumindest was „den Kapitalismus als System“ betrifft. Dass sich dieser Kapitalismus in einer kommenden Krise „endgültig zerlegt“, sagt niemand bei Lunapark21, schon gar nicht im konkreten Heft 44. Im Gegenteil. Zugespitzt würde ich sagen: Vorstellbar ist eine Welt, in der der Kapitalismus überlebt und dabei zugleich die Menschheit entsorgt. In dem debattierten Artikel wurde mit „Warten auf den großen Knall“ – so ausgewiesen – eine Titelgeschichte der Tageszeitung „Handelsblatt“, einschließlich deren Überschrift, zitiert. In dem Artikel kommentierte ich dies wie folgt: „Was für eine Zumutung – ´Warten auf den Knall, den großen´´? Was ist das für eine […] Gesellschaftsordnung? […] Es wird davon ausgegangen, dass es alle sieben bis zehn Jahre eine Wirtschaftskrise gibt […], dass dann Unternehmen zusammenkrachen und Millionen ihre Arbeit verlieren […] dass es Hunderttausende Krisengewinnler gibt, deren Profite darin bestehen, dass anders in Existenzangst und ins Elend gestoßen werden…“

Eine Lösung im Sinne unserer Zielsetzungen und Engagements ist von einem solchen „großen Knall“ ganz offensichtlich nicht zu erwarten. Wie heißt die Zeile in der „Internationale“?: „Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun.“ Wenn wir in diesem Heft auf den Seiten 6 bis 11 ausführlich auf den Kosovo-Krieg eingehen, dann auch deshalb, weil die Ökonomie kapitalistischer Konkurrenz in einem logischen Zusammenhang mit der Ökonomie des Krieges steht. Die Aufkündigung des INF-Vertrags durch die US-Regierung weist darauf hin, dass die US-Regierung den unaufhaltsamen Aufstieg des chinesischen Kapitalismus mit militärischen Mitteln stoppen will.

Das ist das erste Lunapark21-Heft ohne die klugen, präzisen Überlegungen von Georg Fülberth. Der Autor der Rubriken „Seziertisch“ (seit Heft 1 / Frühjahr 2008) und „Lexikon“ (seit Heft 5 / Frühjahr 2009), Georg Fülberth, will sich eine Pause gönnen. Wir wünschen ihm viel Kraft – und machen das, was er sich wünscht: weiterarbeiten „an der Sache, die so einfach, aber schwer zu machen ist…“

In der Hoffnung auf kreative Lektüre verbleibt

Winfried Wolf

https://www.lunapark21.net/?p=4802