„Elektromobilität ist grün und richtet sich gegen die traditionelle Öl- und Autoindustrie“

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Im Zusammenhang mit der „Elektromobilität“ wird argumentiert, es gehe dabei um eine grundlegende Veränderung der bestehenden Wirtschaftsstrukturen. Konzerne, die mit der vorherrschenden Automobilität verbunden sind – also die traditionellen Öl- und Autokonzerne – würden verdrängt durch Unternehmen einer neuen, fortschrittlichen Ökonomie. Die Grundthese lautet: Grüner Kapitalismus ersetzt braune, „fossile“ Unternehmen. Das trifft nicht zu – ist eine Quartalslüge. Die neue Ökonomie der Elektromobilität ist die alte Ökonomie der Autogesellschaft.

 Die Verkehrswissenschaftler Weert Canzler und Andreas Knie veröffentlichten Mitte 2018 ein Buch mit dem Titel „Taumelnde Giganten“. Danach erlebten wir eine „Säkularisierung des Autos“. Canzler/Knie schreiben: „Weil es so viele Autos gibt, kann man damit gar nicht mehr angeben.“ Die Autokonzerne seien „nicht motiviert, in neue, innovative Konzepte zu investieren.“ Die Autoren empfehlen der Automobilindustrie eine Zerlegung: Es sei nicht sinnvoll, wenn ein und dasselbe Unternehmen sowohl Autos baue als auch Serviceleistungen wie etwa für Carsharing anbiete. Das sei „unter einem Konzerndach kaum zu vereinbaren.“ 

Eine vergleichbare Einschätzung von „taumelnden“ Öl- und Auto- „Giganten“ findet sich in einer von Timo Daum verfassten Schrift mit dem Titel „Das Auto im digitalen Kapitalismus“, die von der Rosa Luxemburg-Stiftung verbreitet wird. Dort ist zu lesen: „Damals [2007 und 2008; d. LP21-Red.] gehörten noch neun der zehn größten Unternehmen der Welt zur Öl- und Autoindustrie. Heute sind es nur noch fünf. […] Aus den fünf größten Unternehmen der Internet-Ökonomie – Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft – sind mittlerweile die fünf mächtigsten Unternehmen der Welt geworden.“

So eindeutig diese Aussagen erscheinen – sie sind unrichtig. Das Gewicht von Öl-Auto im gesamten Block der „Global 500“ – also der 500 größten Unternehmen in der Welt – ist über einen längeren Zeitraum von drei Jahrzehnten sogar noch gewachsen. Rund ein Drittel des Gesamtumsatzes der „Global 500“ entfallen auf Öl, Auto und Flugzeugbau. Zwar gibt es einen Aufstieg der „Internet-Ökonomie“; doch diese sind bisher hinsichtlich ihres realen Gewichts noch relativ weit abgeschlagen. Wobei dieses reale Gewicht sich vor allem nach dem Umsatz bemisst. Zieht man zum Vergleich die Profite heran, dann ist das Bild ähnlich, zumal die Gewinne in der „Internet-Ökonomie“ oftmals gering sind; in einigen Fällen werden sogar Verluste eingefahren (beispielsweise bei Tesla).

Wobei der zitierte Autor Timo Daum sich durchaus auch auf den Umsatz und hier sogar auf dieselbe Standardquelle, wie sie in der Tabelle in dieser Quartalslüge verwendet wird, bezieht: auf die Statistik der „Global 500“, veröffentlicht vom US-Magazin Fortune.

Beschränken wir uns, wie auch in der Publikation „Das Auto im digitalen Kapitalismus“ erfolgt, auf die zehn größten Konzerne der Welt. Hier sieht das Bild aus wie in der Tabelle wiedergegeben.

Danach blieb der Anteil der Öl- und Autokonzerne unter den zehn größten Konzernen der Welt in den letzten knapp zwei Jahrzehnten stabil. 1990 gab es in dieser Gruppe vier Ölkonzerne (Royal Dutch Shell, Exxon, BP und Mobil) und drei Autokonzerne (GM, Ford und Toyota). 2017 waren es sogar fünf Ölkonzerne (Sinopec, China National Petroleum, Shell, BP und Exxon) und zwei Autokonzerne (Toyota und VW). Die in dieser Schrift zitierten Internetkonzerne hingegen lagen auf der Fortune-Liste im Geschäftsjahr 2017 auf den folgenden Rängen: Apple Rang 11, Amazon Rang 18, Alphabet (= Google) Rang 52, Microsoft Rang 71 und Facebook Rang 274. Die Behauptung, die fünf Internet-Konzerne seien „die mächtigsten der Welt“ geworden, bezieht sich – Apple teilweise ausgenommen – offensichtlich auf die Börsenkapitalisierung, also auf den Wert des Aktienkapitals. Doch diese Werte sind in erheblichem Maß volatil und spekulativ; sie dürften in einer kommenden Krise deutlich sinken.

Da es eine vergleichbare Struktur nicht nur 1990 und 2017, sondern auch in den anderen hier aufgeführten Jahren (1999, 2008 und 2013) gab, kann die Aussage von einem durchgehend enorm hohen und weitgehend gleichbleibend großen Gewicht von Öl/Auto in der Top-Ten-Gruppe als allgemein gelten.

Wir haben in der Tabelle das letzte Jahr gewählt, das in der zitierten Fortune-Statistik der „Global 500“ verfügbar ist. Die 2018er Zahlen für die „Global 500“ werden erst im Mai 2019 vorliegen. Sicherheitshalber überprüften wir jedoch die wichtigsten Einzelergebnisse von Konzernen, um die es bei der 2018er Liste gehen wird. Danach erzielten im vergangenen Jahr vor allem die Ölkonzerne gewaltige Umsatzsteigerungen (Shell um 21 %, BP um gut 20%, Exxon um 18% und Sinopec sogar um 50%; die Umsatzzahlen für China National Petroleum lagen bei Redaktionsschluss dieses LP21-Heftes noch nicht vor). Die zwei aufgeführten Autokonzerne (Toyota und VW) konnten ebenfalls ihre Umsätze steigern, wenn auch in einem wesentlich geringeren Umfang. Erstmals dürfte im Jahr 2018 mit Apple ein Internetkonzern in die Gruppe der Top Ten aufgerückt sein, wobei er dann hier wohl keinen Öl- oder Autokonzern, sondern Berkshire Hathaway verdrängt haben dürfte.

Das heißt: Grundsätzlich wird sich also an der Struktur der zehn gewichtigsten Unternehmen der Welt auch im vergangenen Jahr nichts geändert haben. Interessant ist, dass auch die chinesische Ökonomie in großem Maßstab von der Ölindustrie bestimmt wird; im übrigen zunehmend auch von Autokonzernen wie SAIC, Geely, BYD und BAIC. Dabei entfallen bei denjenigen chinesischen Autokonzernen, die im Westen (wie BYD und BAIC) als Hersteller von Elektro-Kfz hervorgehoben werden, mehr als zwei Drittel ihres Umsatzes auf die Fertigung von herkömmlichen Kraftfahrzeugen.

Die bei Weert Canzler und Andreas Knie zitierte Aussage, Autos zu bauen und Serviceleistungen wie Carsharing anzubieten, lasse sich „unter einem Konzerndach kaum vereinbaren“, wurde in den letzten Wochen konterkariert: Daimler und BMW bringen ihre Carsharing-Serviceleistungen „car to go“ und „drive now“ in eine gemeinsame Firma ein und wollen zukünftig auch beim Autobau eng kooperieren.

Festzuhalten ist: Die traditionelle Autobranche ist auch heute noch die führende Industrie im weltweiten Kapitalismus. Sie steht in enger Verbindung mit der Ölbranche. In der Regel befinden sich unter den zehn mächtigsten Unternehmen der Welt sieben Öl-und Autokonzerne. Wobei es inzwischen zwei Tendenzen gibt, die diese fatale Machtzusammenballung nochmals verstärken werden: Erstens investieren Öl-Gas-Konzerne längst in großem Maßstab in „Elektromobilität“. So übernahm 2018 der niederländisch-britische Konzern Shell das Amsterdamer Unternehmen New Motion, das sich auf den Aufbau von E-Ladestationen spezialisiert hat. Zweitens wächst mit Elektromobilität die Nachfrage nach Kupfer, seltenen Erden und Lithium. Damit setzen Rohstoffkonzerne wie Glencore zum Sprung in die Gruppe der Top-Ten an. Die Rohstoffkonzerne wiederum repräsentieren ein besonders düsteren Kapitel im weltweiten Kapitalismus – siehe der jüngste Dammbruch in Brasilien (in diesem Heft Seite 36ff).

Zitate nach: Weert Canzler, Andreas Knie: „Taumelnde Giganten. Gelingt der Autoindustrie die Neuerfindung? “, München 2018 (oekon-Verlag) // Timo Daun, Das Auto im digitalen Kapitalismus. Dieselantrieb, Elektroantrieb, Autonomes Fahren und die Zukunft der Mobilität, Berlin März 2018 (Rosa Luxemburg Stiftung).

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