Und nun ein chinesisches Jahrhundert?

Ein etwas skeptischerer Blick in die Zukunft

Die Wirtschaftspresse hierzulande klingt besorgt: Die Wachstumsrate des chinesischen Bruttosozialprodukts wird voraussichtlich das dritte Mal in Folge fallen – von 6,8 Prozent (2017) über 6,6 Prozent (2018) auf 6,4 Prozent (2019). Das sind zwar alles Zuwächse, von denen der Westen seit Jahrzehnten nur noch träumen kann, aber – man gibt sich beunruhigt. Nicht ganz zu Unrecht, denn China ist zu einem der wichtigsten Handelspartner des Westens geworden: Wenn die Konjunktur dort “schwächelt”, geht es den Exporteuren hier schlechter. Wurde früher gesagt: „Wenn die USA niesen, bekommt der Rest der Welt Schnupfen“, so gilt das heute offenbar für China. In der Tat, das amerikanische, präziser: das US-amerikanische Jahrhundert ist zu Ende.

Es wäre töricht, nach “Schuldigen” für dieses Ende zu suchen, denn es begann sich ökonomisch schon vor mehr als vierzig Jahren abzuzeichnen, mit dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods, dem sogenannten “Erdölschock” und vor allem mit der Krise des Fordismus. Zwar blieben die USA politisch und erst recht militärisch noch über viele Jahre die unumstrittene Führungsmacht des Westens, aber ökonomisch hatten sie vielerorts von der Substanz gelebt. Der marode Zustand der Infrastruktur, das heruntergekommene Verkehrswesen, die verfallenden Städte, all das, was heute beklagt wird, ist das Resultat einer auf kurzfristigen Maximalprofit und Entstaatlichung orientierten Wirtschaftsstrategie, die zuweilen mit dem Schlagwort “Neoliberalismus” bezeichnet wird.

Dass die Hegemonie einzelner Länder und Regionen nicht ewig andauert, ist eigentlich eine aus der Geschichte, insbesondere der Wirtschaftsgeschichte, wohlbekannte Binsenweisheit. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg war “das englische Jahrhundert” zu Ende, und auch hier ist rückblickend zu erkennen, dass die einstige “Werkstatt der Welt” schon vierzig Jahre zuvor, mit dem Eintritt in die Große Depression (1873—94), begonnen hatte, ihren Zenit zu überschreiten. Vor Beginn der industriellen Revolution waren, vielleicht nicht hegemonial, aber doch zentral für die europäische Kapitalismusentwicklung, in chronologischer Reihenfolge und von Süden nach Norden wandernd, Italien, Oberdeutschland und die Niederlande (Spanien und Portugal hatten zwar schon 1494, im Vertrag von Tordesillas, die sogenannte Neue Welt unter sich aufgeteilt, spielten aber, im äußersten Südwesten Europas gelegen und auf andre Kontinente konzentriert, in diesem Prozess keine große Rolle).

Was bei solch einem Rückblick zumeist aus dem Auge verloren wird, ist der “Rest” der Welt, dessen Bedeutung allenfalls in Gestalt des Kolonialsystems erscheint, als Ausbeutungsobjekt, hier vor allem als Lieferant von Sklaven und Rohstoffen, insbesondere von Gold und Silber sowie von “Kolonialwaren” (Kaffee, Kakao, Gewürzen usw.), wie sie in Deutschland bis 1945 genannt wurden. Ein hervorragendes Beispiel für einen solchen “Westblick” war die von einem Quartett (Immanuel Wallerstein, Samir Amin, Giovanni Arrighi, Andre Gunder Frank) begründete Weltsystemtheorie, die als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst Westeuropa, sodann die USA ansah (weshalb ihre Charakterisierung als “eurozentristisch” auch nicht zutrifft). Frank, an dessen 90. Geburtstag am 24. Februar zu erinnern ist, schied später aus dem Quartett aus und stellte die doppelsinnige Forderung “ReOrient World History” auf, eine kaum ins Deutsche übersetzbare Formulierung, da sie nicht nur eine Re- bzw. Umorientierung der Weltgeschichtsschreibung beinhaltet, sondern zugleich eine auf den Osten (den Orient) orientierte.[1]

Auch wer den polemisch zugespitzten und zuweilen, wie beim Beschreiten neuer Wege nahezu unvermeidlich, überspitzten Auffassungen Franks nicht zustimmen will, wird die Schriften des 2005 verstorbenen Gelehrten dann mit Gewinn lesen, wenn es darum geht, abseits vom Mainstream zu begreifen, wieso China heute wieder eine so große Rolle in Weltwirtschaft und Weltpolitik spielt.

Wieder – das ist der entscheidende Punkt, denn bis zum Beginn der industriellen Revolution war China eine führende Weltmacht, von der europäischen Aufklärung mit großem Respekt betrachtet, ob nun von Juristen wie Montesquieu oder Ökonomen wie Adam Smith. Die “neue Seidenstraße” wird eben deshalb so genannt, weil die alte ein Sinnbild für all das war, was Jahrhunderte lang von China nach Europa exportiert worden war, und zwar über Afghanistan, Persien und die Levante, also auf einer südlich des Russischen Reichs gelegenen Route. Heute blickt der Westen mit einer seltsamen Mixtur aus Erschrecken und Bewunderung auf den erneuten Aufstieg Chinas zu einer Weltmacht. Das zeigt nicht zuletzt die in Deutschland geradezu hysterisch geführte Debatte darüber, ob der chinesische Marktführer Huawei an der Einführung des 5G-Mobilfunkstandards in den Mitgliedsländern der EU beteiligt werden darf oder nicht. Er könnte ja die deutsche Industrie ausspionieren – als ob deren relative Rückständigkeit auf den wichtigsten Gebieten moderner Technologieentwicklung nicht inzwischen weltweit offenbar geworden ist.

In der Tat ist mit China ein Land zu einer ökonomischen Supermacht geworden, das weder den Grundsätzen der freien unsozialen Marktwirtschaft verpflichtet ist noch denen der bürgerlichen Demokratie nach westlichem Muster. Das ist der gewaltige Unterschied zur damaligen Lage in der Sowjetunion, die aus ökonomischer Sicht nie den Durchbruch an die Weltspitze geschafft hatte und technologisch, außer auf militärisch relevanten Gebieten, dem Westen stets hinterhergehinkt war. Diese neue Situation kann vom einst führenden Westen nur als Bedrohung empfunden werden, und zwar ganz unabhängig davon, wie man Chinas politische und ökonomische Entwicklung der letzten dreißig Jahre in den welthistorischen Prozess einordnet, ob, wie auf dem XIII. Parteitag im Oktober 1987 formuliert, auf den Aufbau eines “Sozialismus chinesischer Prägung” gerichtet oder, wie viele ihrer ideologischen Kritiker im Westen meinen, auf die Einführung eines “chinesischen Kapitalismus”.

In seinen letzten Arbeiten stellte Frank die USA und China, etwas plakativ, als Papiertiger und Feuerdrachen gegenüber, und er meinte, einen Prozess beobachten zu können, “in dessen Verlauf sich das weltweite Gravitationszentrum kontinuierlich verschiebt: von Ostasien/China nach Westeuropa, dann über den Atlantik in die USA, dort von der Ost- zur Westküste und nun weiter über den Pazifik zurück nach Ostasien, wie ich es in ’Um die Welt in achtzig Jahren’ beschrieben habe.”

Franks Beobachtung geht von der Fortexistenz miteinander konkurrierender Nationen aus. Angesichts des weltweit wachsenden Nationalismus kann diese Perspektive nicht sehr optimistisch stimmen, auch und schon gar nicht, wenn die geopolitischen Ambitionen Chinas in den Blick genommen werden, die sich beispielsweise in der Besetzung unbewohnter Inseln im südchinesischen Meer manifestieren, die einzig dazu dient, auf diese Weise seinen Festlandsockel beträchtlich auszuweiten und die dort vermuteten Rohstoffvorkommen auszubeuten. Die gegenwärtig wieder zunehmenden Spannungen im Verhältnis Chinas und seiner Nachbarn im Süden und im Osten sind ebenso unübersehbar wie in ihren politischen und militärischen Folgen unkalkulierbar.

Angesichts dieser Situation steht zu hoffen, dass die von Frank behauptete Kontinuität sich als falsch erweisen wird. An die Stelle eines neuen Hegemons sollte vielmehr eine polyzentristische Weltwirtschaft treten. Ob die unter kapitalistischen Bedingungen herstellbar ist, muss jedoch nach aller Erfahrung bezweifelt werden.

Thomas Kuczynski hat im VSA: Verlag Hamburg eine neue Textausgabe von Marx’ Kapital Band Eins publiziert, von der soeben eine Nachauflage erschienen ist

Anmerkungen:

[1] Vgl. insbesondere Andre Gunder Frank: ReOrient. Global Economy in the Asian Age. Berkeley 1998; eine deutsche Übersetzung (mit einem Vorwort von Andrea Komlosy) erschien erst 2016 im Promedia Verlag Wien: ReOrient. Globalgeschichte im Asiatischen Zeitalter. Zur Forderung selbst vgl. die Website http://www.rrojasdatabank.info/agfrank/2004es03/html (Aufruf am 1. 3. 2019)

[2] Frank: Orientierung im Weltsystem. Von der Neuen Welt zum Reich der Mitte. Promedia Verlag Wien 2005, S.85, mit Verweis auf seinen Aufsatz: Around the World in Eighty Years, in: Journal for the Comparative Study of Civilizations, Nr. 5/2000, S. 45-98

Ein halb-feudales deutsches Kaiserreich?


Über einige heroische Einbildungen des Bürgertums

Die Revolution 1918/19 wird vielfach gefeiert als Aufbruch, der parlamentarische Demokratie, allgemeines Wahlrecht – auch für Frauen – und soziale Rechte brachte. Leider sei die Republik dann an den feudalen Überresten des Kaiserreichs gescheitert, so als hätten der Adel in Staatsapparat, Militär, Polizei und Justiz aus überlebter Vorgestrigkeit im Nationalsozialismus Demokratie und Republik beseitigt, um zum feudalen Kaiserreich zurückzukehren.

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Doppel genäht hält besser


Die Finanzierung der Konterrevolution und ihrer Freikorps 1918-1920

Waldemar Pabst traf sich im Winter 1918 mit dem Großindustriellen Hugo Stinnes und Friedrich Minoux. Die Reste der kaiserlichen Truppen hatten an Weihnachten im Kampf gegen die Matrosen der revolutionären Volksmarinedivision (VMD) in Berlin versagt, darunter auch die Garde-Kavallerie-Schützendivision, eine kaiserliche Elitetruppe, die im Frühjahr 1918 aus Russland infolge des Gewaltfriedens abgezogen worden war. Sie sollte damals den deutschen Armeen bei der Frühjahrsoffensive 1918 helfen, die amerikanischen, britischen und französischen Truppen der Entente ins Meer zu werfen. Der Plan misslang, fast 900 000, meist junge Männer, ließen in diesen wenigen letzten Monaten des Ersten Weltkrieges ihr Leben.

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„Mir ging es darum, das Werk endlich auf dem Stand zu präsentieren, den Marx selbst fixiert hatte“

Ein Gespräch mit Thomas Kuczynski, dem Herausgeber der neuen Textausgabe von Karl Marx, Das Kapital

Ende 2017 erschien im Verlag VSA, Hamburg, „Karl Marx Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie – Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals“ in Form einer „Neuen Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski“. In weniger als einem halben Jahr war die erste Auflage vergriffen, eine zweite befindet sich im Verkauf. Das macht deutlich: Das Interesse an der „Neuen Textausgabe“ ist groß. Gleichzeitig gab es aber auch kritische Stimmen, die den enormen Aufwand, den Thomas Kuczynski als Herausgeber und Bearbeiter dieses Werkes zu leisten hatte, hinterfragten: Reichen die „Blauen Bände“, die Marx-Engels-Werke (MEW), und die hochwissenschaftliche MEGA nicht? Warum brauchen wir eine „Neue Textausgabe“? Warum wird in ein solches Projekt ein Jahrzehnt Arbeit eines Wissenschaftlers „investiert“?

Lunapark21 stellte diese Fragen demjenigen, der diese gewaltige Leistung selbst bewerkstelligte: Thomas Kuczynski, der im Übrigen seit der ersten Ausgabe von Lunapark21 im Rahmen der Rubrik „Geschichte und Ökonomie“ in dieser Zeitschrift präsent ist.

Thomas K. wurde von Jürgen Bönig, Autor des 2017 erschienenen Buchs „Karl Marx in Hamburg“ und Mitglied der LP21-Redaktion, interviewt.

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