„Aufregend und langweilig zugleich“

Zur Debatte über die Zukunftsaussichten des Sozialismus in China

Die China-Debatte nervt mich zunehmend, ich finde sie aufregend und langweilig zugleich. Sie regt mich auf, weil das Gros der europäischen Linken sich anmaßt, darüber zu befinden, ob und wie China zum Sozialismus gelangt, obgleich ihr eigner Versuch in Osteuropa kläglich gescheitert und in Westeuropa ein solcher Versuch noch nicht einmal unternommen worden ist. Ich halte mich da an Lenin, der vor hundert Jahren meinte, dass sich die Dinge anders entwickelt haben, als es sich Marx und Engels gedacht hatten. So ist das auch heute in China.

weiterlesen„Aufregend und langweilig zugleich“

Warum steigen die Preise?

Die Zentralbanken und ihre Sorge um eine zu geringe Inflation

Der Wert einer Ware ist nach Marx durch den zu ihrer Reproduktion erforderlichen Arbeitsaufwand bestimmt. Sinkt dieser Arbeitsaufwand, beispielsweise durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität, so sinkt auch der Wert der einzelnen Ware. Ihr Preis hingegen ist, ebenfalls nach Marx, der Geldausdruck ihres Werts. Die Preise können seiner Meinung nach zwar infolge eines veränderten Verhältnisses von Angebot und Nachfrage schwanken, aber das Gravitationszentrum, um das sie schwanken, bleibt der Wert. Im Idealfall, wenn Angebot und Nachfrage übereinstimmen, ist der Preis der exakte Geldausdruck des Werts, und wenn die Arbeitsproduktivität steigt, fallen die Preise. So weit die Theorie.

Ein Blick in die historische Statistik zeigt, dass seit Marxens Zeiten die Preise enorm gestiegen sind, beispielsweise der Goldpreis in London von 1865 bis August 2019 von 4,24 Pfund Sterling auf 1245,57 Pfund, also auf fast das Dreihundertfache, und im selben Zeitraum die allgemeinen Warenpreise in Großbritannien auf immerhin knapp das 94fache.1 Den daraus zu ziehenden Schluss jedoch, dass die allgemeine Arbeitsproduktivität auf ein Hundertstel gesunken sei, die spezielle in der Goldproduktion gar auf ein Dreihundertstel, wird wohl niemand für richtig befinden. Ist also die Marx’sche Arbeitswerttheorie falsch?

Marx fügte seiner Feststellung „Preis ist an sich nichts als der Geldausdruck des Werts“ die Erläuterung hinzu: „Hierzulande z. B. werden die Werte aller Waren in Goldpreisen, auf dem Kontinent dagegen hauptsächlich in Silberpreisen ausgedrückt. Der Wert von Gold und Silber wie der aller andern Waren wird reguliert von dem zu ihrer Erlangung notwendigen Arbeitsquantum.“2 Diese prononcierte Aussage, die seine außerordentlich verwickelte Darstellung der verschiedenen Wertformen im Kapital-Band I auf den Punkt bringt, entzieht all jenen Diskussionen den Boden, die davon ausgehen, dass Marx im ersten Band lediglich eine Werttheorie entwickelt habe, der erst im dritten Band eine Preistheorie folgen sollte (an der er gescheitert sei).

Mithin ging Marx davon aus, dass Geld in Gestalt von Gold- oder Silbermünzen Produkt gesellschaftlicher Arbeit ist, die in Arbeitszeit gemessen wird, also selbst einen bestimmten Wert hat. Allerdings bemerkte er schon damals, dass Gold „in dieser Funktion durch relativ wertlose Papierzettel ersetzt werden kann“.3 Das Geld, mit dem heute eingekauft wird, das Papiergeld, aber auch das „Plastikgeld“ (Bank- bzw. Kreditkarten) und erst recht das „virtuelle Geld“, mit dem die bestellte Ware beim Online Banking bezahlt wird, sie alle symbolisieren daher einen Wert, der mit dem Arbeitsaufwand zu ihrer Herstellung nichts zu tun hat: Die Herstellung eines Fünfhundert-Euro-Scheins kostet nicht mehr als die eines Fünf-Euro-Scheins, und der Preis, der für den Erwerb einer Kreditkarte gezahlt werden muss, hängt nicht davon ab, ob mit ihr Einkäufe von zwanzig Euro „bezahlt“ werden oder Einkäufe von zwanzigtausend Euro.

So betrachtet, ist auch voll verständlich, dass die „relativ wertlosen Papierzettel“ nahezu beliebig vermehrt werden können, um anschließend, wenn die darin ausgedrückten Preise allzu stark gestiegen sind, auf den Zetteln ein paar Nullen wegzustreichen; die deutsche Hyperinflation von 1923 und ihr mit der Streichung von neun Nullen angezeigtes Ende ist wohl das instruktivste Beispiel, aber auch die seit 1990 vorgenommenen Streichungen von drei bis sechs Nullen in Polen, der Türkei, Russland, Argentinien usw. waren bemerkenswert.

Bleibt die Frage, was das Spiel mit den Papierzetteln bewirkt, welchen Sinn diese „Schöpfung aus dem Nichts“ hat, warum diejenigen, die viel Geld und zudem in der Wirtschaft das Sagen haben, nichts dagegen unternehmen. Die Antwort ist ebenso einfach wie sie unverständlich ist für die meisten, die nur wenig Geld haben: Das eigene Geld interessiert wirklich Reiche kaum. Sie reagieren, vielleicht nicht in der Öffentlichkeit, aber im trauten Kreis genauso wie der russische Oligarch Oleg Deripaska, der in der Finanzkrise von 2008 neunzig Prozent seines Geldvermögens, etwa 25 Milliarden US-Dollar, verlor, und im Interview meinte: Es ist doch nur Geld… Recht hatte er, denn sein Realvermögen – die ihm gehörenden Fabriken, Bergbauunternehmen, Elektrizitätswerke usw. – blieb ihm ja erhalten, und das ist das Entscheidende für den Kapitalisten, nicht das eigene Geld.

Das Geld der anderen dagegen, das ist interessant, denn „die anderen“, das sind die, die die im Unternehmen produzierten Waren und Dienstleistungen kaufen. Ob sie über das Geld wirklich verfügen oder es sich auf dem Wege des Kredits besorgen müssen, ist schon zweitrangig. Zweitrangig, aber keineswegs ohne Effekt: Die künstliche, durch Kreditvergabe erzeugte Erhöhung der zahlungsfähigen Nachfrage bewirkt eine erhöhte Geldmenge, und die führt bei gleichbleibender Geldumlaufgeschwindigkeit nahezu automatisch zu steigenden Preisen.

Zu Marx’ Zeiten war die Masse des als Zirkulationsmittel funktionierenden Geldes durch die Preissumme der Waren und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bestimmt.4 Heutzutage, da Geld „aus dem Nichts erschaffen“ werden kann, ist es umgekehrt: Die Preissumme der Waren ist durch die Masse des als Zirkulationsmittel funktionierenden Geldes und dessen Umlaufgeschwindigkeit bestimmt. Das durch Kreditvergabe erzeugte Anwachsen der Geldmenge hat die steigenden Preise zur Folge. Steigen die Preise nicht mehr, ist – von durch exorbitanten technischen Fortschritt bewirktem Preisverfall abgesehen – Gefahr im Verzug, denn schon ein Gleichbleiben der Preise deutet auf eine nachlassende Kreditvergabe hin, die eine Abschwächung der kreditierten Konjunktur zur Folge haben kann. Und umgekehrt in der Phase einer Überhitzung der Konjunktur: Nicht nur steigt die kreditierte Geldmenge enorm, auch ihre Umlaufgeschwindigkeit erhöht sich, was die Preise zwangsläufig noch weiter st eigen lässt.

Daraus resultiert, dass die Konjunkturforschungsinstitute mit besonderer Sorgfalt die Bewegung der Preise beobachten. Zurzeit sind sie besorgt, dass die Inflation in Europa so gering ist, und meinen, dass sie wieder auf zwei Prozent pro Jahr steigen müsse. Dass bei der gegenwärtigen Nullzinspolitik diejenigen, die ihre kleinen Ersparnisse auf der Bank zu liegen haben, damit Jahr für Jahr zwei Prozent Verlust zu verbuchen haben, stört die Forschungsinstitute offenbar nicht, denn zur Behebung dieses „Kollateralschadens“ genügt es ja, den Geschädigten im Bedarfsfalle neue Kredite auszureichen.

Allerdings zeigt die Geschichte auch, dass die Wege kreditierter Konjunktur nur eine begrenzte Reichweite haben, ganz einfach deshalb, weil die ausgereichten Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden können. Dem kann zwar durch weitere Kreditaufnahme entgegengewirkt werden, womit aber früher oder später die sogenannte Konjunkturüberhitzung beginnt, die dann meistens im Krach endet: Die regelmäßig wiederkehrenden Finanzkrisen zeigen, dass die nur scheinbare Abkoppelung von der materiellen Produktion (der sog. Realwirtschaft) nichts daran ändert, dass es realwirtschaftliche Vorgänge sind, die die Eigentümer auch der ausgeklügeltsten Finanzprodukte aus ihren Wolkenkuckucksheimen wieder auf den harten Boden der Realität zurückschleudern, erst recht natürlich die Besitzer auf Kredit gekaufter Eigenheime, die in Wahrheit der kreditierenden Bank gehören. Das hat, sicherlich nicht zum letzten Male, die Finanzkrise von 2007 sehr nachdrücklich demo nstriert.

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin

Anmerkungen:

1 Zu den konkreten Daten vgl. http://www.measuringworth.com sowie https://www.gold.de/kurse/goldpreis/britische-pfund/ (konsultiert am 16. 8. 2019).

2 Karl Marx: Lohn, Preis und Profit. In: Marx-Engels-Werke, Bd. 16, S. 127. – In der von mir 2015 im Hamburger LAIKA-Verlag herausgegebenen kommentierten Einzelausgabe S. 76.

3 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1. In: Marx-Engels-Werke, Bd. 23, S. 140/41. – In meiner 2017 im Hamburger VSA: Verlag erschienenen Neuen Textausgabe S. 96.

4 Vgl. ebenda, S. 133 bzw. S. 89.

Maschinen für Rosinen

Die andere Seite der “Berlin-Blockade”

Im vorigen Monat wurde in Deutschland und besonders in Berlin mit großem Aufwand der siebzigste Jahrestag des Endes der sogenannten Berlin-Blockade gefeiert. Für die heute wieder über ganz Deutschland Herrschenden wahrlich ein Anlass zu freudiger Erinnerung, denn damit ging „die erste Schlacht des Kalten Krieges” (Egon Bahr) für die Sowjetunion verloren. In der Feierlaune wurden allerdings wesentliche Vorgänge entweder gänzlich ignoriert oder völlig verzerrt dargestellt. Hier ist einiges nachzutragen und richtigzustellen.

weiterlesenMaschinen für Rosinen

Und nun ein chinesisches Jahrhundert?

Ein etwas skeptischerer Blick in die Zukunft

Die Wirtschaftspresse hierzulande klingt besorgt: Die Wachstumsrate des chinesischen Bruttosozialprodukts wird voraussichtlich das dritte Mal in Folge fallen – von 6,8 Prozent (2017) über 6,6 Prozent (2018) auf 6,4 Prozent (2019). Das sind zwar alles Zuwächse, von denen der Westen seit Jahrzehnten nur noch träumen kann, aber – man gibt sich beunruhigt. Nicht ganz zu Unrecht, denn China ist zu einem der wichtigsten Handelspartner des Westens geworden: Wenn die Konjunktur dort “schwächelt”, geht es den Exporteuren hier schlechter. Wurde früher gesagt: „Wenn die USA niesen, bekommt der Rest der Welt Schnupfen“, so gilt das heute offenbar für China. In der Tat, das amerikanische, präziser: das US-amerikanische Jahrhundert ist zu Ende.

weiterlesenUnd nun ein chinesisches Jahrhundert?

„Mir ging es darum, das Werk endlich auf dem Stand zu präsentieren, den Marx selbst fixiert hatte“

Ein Gespräch mit Thomas Kuczynski, dem Herausgeber der neuen Textausgabe von Karl Marx, Das Kapital

Ende 2017 erschien im Verlag VSA, Hamburg, „Karl Marx Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie – Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals“ in Form einer „Neuen Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski“. In weniger als einem halben Jahr war die erste Auflage vergriffen, eine zweite befindet sich im Verkauf. Das macht deutlich: Das Interesse an der „Neuen Textausgabe“ ist groß. Gleichzeitig gab es aber auch kritische Stimmen, die den enormen Aufwand, den Thomas Kuczynski als Herausgeber und Bearbeiter dieses Werkes zu leisten hatte, hinterfragten: Reichen die „Blauen Bände“, die Marx-Engels-Werke (MEW), und die hochwissenschaftliche MEGA nicht? Warum brauchen wir eine „Neue Textausgabe“? Warum wird in ein solches Projekt ein Jahrzehnt Arbeit eines Wissenschaftlers „investiert“?

Lunapark21 stellte diese Fragen demjenigen, der diese gewaltige Leistung selbst bewerkstelligte: Thomas Kuczynski, der im Übrigen seit der ersten Ausgabe von Lunapark21 im Rahmen der Rubrik „Geschichte und Ökonomie“ in dieser Zeitschrift präsent ist.

Thomas K. wurde von Jürgen Bönig, Autor des 2017 erschienenen Buchs „Karl Marx in Hamburg“ und Mitglied der LP21-Redaktion, interviewt.

weiterlesen„Mir ging es darum, das Werk endlich auf dem Stand zu präsentieren, den Marx selbst fixiert hatte“

Anthropozän

Ideengeschichtliches zu einer wissenschaftlich umstrittenen Kategorie

Johann Gottfried Herder (1744-1803) begann seine „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ mit dem Kapitel „Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen“ und mit dem Satz „Vom Himmel muss unsere Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts anfangen, wenn sie einigermaßen diesen Namen verdienen soll.“ Auch Marx hatte diesen universalhistorischen Blick, als er in den „Pariser Manuskripten“ vermerkte: „Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später eben so wohl die Wissenschaft von dem Menschen wie die Wissenschaft von dem Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: es wird eine Wissenschaft sein.“ (MEW, Bd. 40, S. 544)

weiterlesenAnthropozän

Spekulationskrisen

Historisches zur Bitcoin-Euphorie

Kaufen, um teurer zu verkaufen, das ist die Grundformel des Handelskapitals. Deshalb meinte schon Benjamin Franklin (1706–1790) schlankweg, Handel sei Betrug (cheating). Zwar ist das für Kapitaleigentümer heutzutage nicht mehr die Hauptmethode der Bereicherung, ganz aus der Mode gekommen ist sie jedoch nicht: Sobald zum Verkauf angebotene Waren, aus welchen Gründen auch immer, knapp werden, fangen ihre Preise an zu steigen, also kann man das Gekaufte teurer verkaufen, und das Spekulieren beginnt. Jedoch, auf welche Weise der Kapitaleigner mit der ihm gehörenden Ware spekuliert, ist im Anfang noch nicht entschieden: Er kann darauf setzen, dass die Preise weiter steigen, dann wird er, sofern gut bei Kasse, nicht verkaufen, sondern zuwarten und damit Knappheit wie Preise weiter in die Höhe treiben; oder er setzt darauf, dass der “Hype” vorbei ist, dann wird er verkaufen, wodurch sich mit dem steigenden Angebot die Knappheit vermindert, so dass die Preise fallen.

weiterlesenSpekulationskrisen

Treue Hände? Treuhandgesellschaften einst und heute

Aus: LunaPark21 – Heft 31

„Treuhand 2.0 für Griechenland“ lautete eine Schlagzeile beim Nachrichtensender n-tv. Das Kürzel 2.0 sollte wohl an das Wirken der Treuhandanstalt erinnern, die die einst im „Register der volkseigenen Wirtschaft“ erfassten DDR-Betriebe zu zwei Dritteln privatisiert bzw. reprivatisiert und zu einem knappen Drittel liquidiert hat (einige wenige wurden kommunalisiert). Der kürzlich verstorbene Siegfried Wenzel, zu DDR-Zeiten zeitweilig einer der Stellvertreter des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, hat diese Vorgänge instruktiv beschrieben. [1]

Aber das Rechtsinstitut der „treuen Hand“ (lateinisch: manus fidelis) ist sehr viel älteren Datums, und ursprünglich bezeichnete es

weiterlesenTreue Hände? Treuhandgesellschaften einst und heute

Religionskriege?

„Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ (Karl Liebknecht)

Thomas Kuczynski in Lunapark21 – Heft 30

Vier Jahre nachdem Francis Fukuyama das angebliche „Ende der Geschichte“ verkündet hatte, läutete 1993 sein Landsmann Samuel Ph. Huntington (1927-2008) mit seinem später zu einem ganzen Buch umgestalteten Aufsatz „Clash of Civilizations“ (Kampf der Kulturen) eine neue Etappe ideologischer Geschichtsbetrachtung ein, und zwar mit ungemein großem Erfolg.

weiterlesenReligionskriege?

Griechenland und die europäische Linke

Aus: LunaPark21 – Heft 31

Unter europäischem Blickwinkel ist zunächst festzuhalten, dass mit Syriza zum ersten Mal seit der Nelkenrevolution in Portugal (1974) wieder eine links orientierte Partei Regierungsgeschäfte in einem EU-Land übernommen hatte.

Damit dies Beispiel nicht Schule macht und auf diese Weise die Kapitalherrschaft in Europa gefährdet, wurde die Syriza-Regierung von Anfang an als „linksradikal“ verteufelt und auf das Schärfste bekämpft. Darin waren sich die politischen Vertreter des europäischen Großkapitals völlig einig.

Gegen diese Phalanx hätte die Syriza-Regierung

weiterlesenGriechenland und die europäische Linke