Zu den Waffen!

Wehrpflicht?

»I ain’t got no quarrel with them Vietcong.« erklärte Muhammad Ali 1966, als er zum Wehrdienst eingezogen werden sollte.

Er hätte seine Gegnerschaft zum Vietnamkrieg der USA nicht erklären können, wenn die USA den Kampf nicht durch Entsendung von immer mehr Wehrpflichtigen hätten bestreiten wollen. Und die USA hätten diesen Krieg vermutlich nicht verloren, wenn der Tod von Wehrpflichtigen nicht den Widerstand im Heimatland angefeuert hätte.

Wehrpflicht ist immer ein zweischneidiges Schwert für den Staat, der sie einführt oder einführen muss, um einen Krieg zu führen. Als die Bundesrepublik nach der Niederlage des Nationalsozialismus wieder eine Armee aufzustellen begann, baute sie zwei Elemente ein, die eine Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden und mit den Zielen möglicher Kriege erzwingen: Neben der allgemeinen Wehrpflicht für Männer gab es den Zivil-Dienst, zu dem man erst durch Prüfung einer Spruchkammer zugelassen war. Der Soldat der Bundeswehr sollte zudem Bürger in Uniform und damit als normaler Bürger den Werten des Grundgesetzes verpflichtet sein – eine Schlussfolgerung aus der Geschichte des Deutschen Reiches und seiner Armee.

In der 1968er Bewegung verfolgten linke Gruppen hinsichtlich der Wehrpflicht und der Gefahren der Vereinnahmung von Wehrpflichtigen zu nationalistischen Abenteuern unterschiedliche Konzepte antimilitaristischer Arbeit innerhalb der Armee. Sie nahmen dabei Diskussionen um Volksbewaffnung oder Berufsarmee auf, die die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert während der Entstehung eines größeren deutschen Staates diskutiert hatte.

Im Streit um Dauer und Umfang des Wehrdienstes in der preußischen Armee hatte Bismarck das preußische Parlament draußen vor halten wollen. In einer langdauernden Wehrpflicht, die nur einen geringen Teil der Wehrpflichtigen betraf, sahen viele liberale Kritiker mit Friedrich Engels die Gefahr einer Absonderung der Armee von der Bevölkerung, die das Heer zum Einsatz im Inneren gegen die eigene Bevölkerung gefügig machte. Weil diese Armee zudem noch unter der Befehlsgewalt adliger Offiziere stand, war zu erwarten, dass sie Kriege auf riskante, eskalierende und jede Rücksicht vergessende Weise führen würden, wie es in parlamentarischen Staaten mit einer Armee mit breiter Wehrpflichtigen-Basis nur in Extremsituationen möglich war. Eine kürzere Dienstzeit, die alle Wehrpflichtigen einbezöge, würde zwar nicht den Einsatz im Inneren unmöglich machen, es aber erschweren, die Soldaten zu veranlassen, auf Landsleute oder gar Verwandte zu schießen. Un d im Krieg gegen einen anderen Staat würden die Toten auch nicht wie Söldner beklagt werden, sondern als Verwandte.

Die Idee der Volksbewaffnung wurde im Deutschen Reich nicht umgesetzt – die Kriege führten Bauernsöhne unter dem Kommando von adligen Offizieren, die im Inneren gegen die städtische Arbeiterbewegung und im Äußeren auf riskante karrierefördernde Manöver orientiert waren.

Dass ausgerechnet der adlige Waldbesitzer und CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg 2010 als Verteidigungsminister die Aussetzung der Wehrpflicht veranlasste und 2011 über den unsachgemäßen Erwerb eines Doktortitels stolperte, gehört zur feinen Ironie der Sozialgeschichte. Den Adelstitel hatte er schließlich geerbt und damit auch den modernisierten rücksichtslosen Umgang mit professionellem Soldatenvolk, dem Wehrpflichtige bei Ausübung ihres Handwerks nicht dazwischenkommen sollten.

Wie Merz eine Berufsarmee zu handhaben gedenkt, hat er mit seinem Wahlkampf gegen Migration bewiesen. Ausdrücklich nannte er Menschen aus Afghanistan, die nicht ins Land gelassen oder abgeschoben werden sollten. Verbündete aus Afghanistan, Ortskräfte und andere zivil arbeitende Personen, die der Zusage der Bundesrepublik vertraut hatten, werden sich merken, dass sie nach der Niederlage nicht mehr willkommen sind.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

»Wir müssen den Begriff Faschismus verwenden«

Repression und Gegenwehr in der Türkei

Eigentlich hätte an dieser Stelle ein Artikel von Ali Ergin Demirhan aus Istanbul zur politischen Krise in der Türkei erscheinen sollen. Während Ali und ich noch per E-Mail diskutierten, welche Fragen aus unserem jeweiligen Blickwinkel der Artikel verhandeln sollte, kam die Meldung, nach Hausdurchsuchungen in Istanbul seien sieben Journalist:innen verhaftet worden.

Ali selbst war nicht betroffen, aber einer der sieben ist Ozan Cırık, ein enger Kollege aus dem Nachrichten-Projekt sendika.org, in dem Ali lange Zeit verantwortlicher Redakteur gewesen ist. Jetzt war viel zu tun: Anwälte, Öffentlichkeitsarbeit, Unterstützung im privaten Umfeld organisieren – keine Zeit, einen Artikel zu schreiben. Aber aus den Vorgesprächen mit Ali lässt sich ein Bild der Lage gewinnen.

»Ali, Du hast Razzien erlebt, wurdest mehrfach in Polizeigewahrsam genommen, vor Gericht gestellt und mit Bußgeldern belegt – wegen Deiner journalistischen Arbeit und Deiner politischen Kommentare. Was macht diese Art der Repression mit Journalist:innen, Bewegungen, und der breiteren Öffentlichkeit?«

Ali: Ich hatte selbst nie eine Haftstrafe abzusitzen. Aber ich habe Monate in Polizeigewahrsam und in Gerichtssälen verbracht. Das hat mich Lebenszeit gekostet, und eine Menge Geld und Energie. Viele Menschen, Zehntausende aus der sozialen und politischen Opposition sind mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert. Erdoğan versucht, die komplette Opposition handlungsunfähig zu machen. Zwar geben die sozialen und politischen Bewegungen den Kampf nicht auf. Aber die Taktik der Strafverfolgung schwächt uns, und ermöglicht so Erdoğan den Machterhalt. Und es geht eine Botschaft in breite Teile der Bevölkerung: »Seht nur, Erdoğan kann man nicht stürzen. Die Opposition kämpft mit allen Mitteln, die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter ihr, und trotzdem schaffen sie es nicht, ihn loszuwerden.«

Journalismus ist kein Verbrechen

Die Begründung für die jüngsten Verhaftungen ist von Deutschland aus schwer nachzuvollziehen: Die Journalist:innen hätten für technische Unterstützung und journalistische Arbeit Geld genommen, heißt es zuerst. Zwei der Festgenommenen wurden unter der Auflage gerichtlicher Kontrollen wieder frei gelassen. Für die anderen ist Haftbefehl erlassen worden, der Vorwurf: »Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung«. Laut Presse-Gewerkschaft DİSK Basın-İş liegt eine Geheimhaltungs-anordnung vor, genauere Gründe sind daher noch nicht bekannt. Was aber schon mal klar ist: Journalismus ist kein Verbrechen.

Wenn Wahlen etwas ändern würden…

Hintergrund meiner Artikel-Anfrage an Ali waren die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu im März dieses Jahres und die nachfolgenden Proteste. İmamoğlu ist Mitglied der größten Oppositionspartei CHP. Schon kurz nach der Festnahme am Morgen des 19. März kochten die Proteste hoch. Drei Tage später veröffentlichte Ali einen Artikel auf sendika.org, in dem es heißt: »So wie es bei Gezi nicht nur um ein paar Bäume ging, geht es heute nicht nur um die Absetzung von İmamoğlu.« Gemeint waren die Gezi-Park-Proteste von 2013 einerseits und andererseits die Proteste auf den Straßen von Istanbul seit dem 19. März.

Ich habe Ali gefragt, wie die Situation um den Istanbuler Bürgermeister einzuschätzen sei.

Ali: Jede:r in der Türkei weiß, dass es sich um ein politisches Verfahren handelt. Erdoğan will seinen mächtigsten Gegner loswerden, der in Istanbul immerhin schon dreimal Wahlen gegen Erdoğans Partei gewonnen hat. Es war schon vorher nicht korrekt, von einer türkischen Demokratie zu sprechen. Aber nach İmamoğlus Verhaftung ist klar: Es macht überhaupt keinen Sinn mehr, von Wahlen und Demokratie zu sprechen, so beschränkt und formal begrenzt das alles auch war. Es macht also auch keinen Sinn, noch irgendwie auf die nächsten Wahlen zu hoffen. Wir müssen uns jetzt bewegen.

Kurdenfrage gelöst?

Einen Monat vor der Festnahme von İmamoğlu und dem Aufflammen der Proteste hatte Abdullah Öcalan Schlagzeilen gemacht: Er verkündete aus der Haft die Selbstauflösung der PKK. Dazu hat Lunapark21 ein Interview mit Reimar Heider, einem Aktivisten der kurdischen Bewegung hierzulande, im Heft. (Siehe Seite 17) Auch Ali habe ich dazu gefragt:

»Nachdem Abdullah Öcalan die PKK zur Selbstauflösung aufgerufen hatte, erklärte Erdoğan die Kurdenfrage für gelöst. Hat der Staat einfach das Problem als nicht existent umdefiniert? Und was bleibt vom kurdischen Kampf – politisch, sozial, kulturell?«

Ali: Es ist nicht das erste Mal, dass Öcalan zur Selbstauflösung der PKK aufruft. Es gibt verschiedenste kurdische Organisationen, legal oder illegal, bewaffnet oder friedlich. Die kurdische Bewegung kämpft in vier Staaten im Nahen Osten. Die PKK ist zwar die älteste, aber nicht die einzige bewaffnete kurdische Organisation. In Syrien haben die Kurden einen Fast-Staat und eine große Armee. Auch im Irak und in Iran haben sie sowohl politische Parteien als auch verschiedene Guerilla-Organisationen. Ich meine, die kurdische Bewegung beendet den bewaffneten Kampf gegen die Türkei und in der Türkei vor allem deshalb, weil sie den kurdischen Status in Syrien verteidigen will. Außerdem zwingt die neue Kriegsordnung der USA und Israels im Nahen Osten sowohl die Türkei als auch die kurdische Bewegung zu einem temporären Waffenstillstand. Die kurdische Frage ist damit natürlich nicht gelöst.

Die Kurden sagen: Wenn es in der Türkei Demokratie und eine rechtsstaatliche Ordnung gäbe, bräuchte es keinen bewaffneten Kampf. Aber jede:r weiß, dass es in der Türkei eben keine Demokratie und keine rechtsstaatliche Ordnung gibt. Beide Seiten haben diese Verhandlungen aus ihren einander widersprechenden Interessen heraus gestartet. Der Kampf kann jederzeit wieder aufflammen.

Langer Atem

In Lunapark21 war Ali zuletzt 2016 in den Ausgaben 34 und 35 zu Wort gekommen.* Im Jahr darauf gab es Anlass, zum 50. zu gratulieren. Geburtstag? Bestehen? Nein. Die Plattform sendika.org ist innerhalb der Türkei wieder und wieder zensiert worden. Ihre Lösung: Sie zählten in ihren URLs jeweils hoch: sendika1.org, sendika2.org und so weiter. Juristisch-technisch muss jede URL von Neuem verboten und blockiert werden. Mit der 50. Zensur haben sie sich ins Guinness-Buch der Rekorde eintragen lassen. In den nächsten Monaten ging es noch rauf bis 
sendika64.org. Die Formen der Repression unterliegen Konjunkturen. Die Gegenwehr hält an. Um ein kurzfristiges Phänomen geht es nicht.

Erdoğanismus? Militarismus? Religiöser Nationalismus? Ob man inzwischen einen eigenen Begriff für die Situation finden müsste, habe ich gefragt.

Ali: All diese Begriffe stimmen irgendwie. Und sind doch nicht genug, um die Realität angemessen zu beschreiben. Wir müssen den Begriff Faschismus benutzen. Es gibt eine Verfassung und ein Parlament, die aber keinen realen Einfluss auf Erdoğans Machtausübung haben. Es geht nicht nur um einen einzelnen Mann. Erdoğans Machtbasis ist nicht nur von ihm oder seiner Partei errichtet worden. Es gibt eine Koalition aus Islamisten, türkischen Nationalisten, Faschisten und militärischen und traditionellen Cliquen im Staatsapparat mit Verbindungen zu Nato und Geheimdiensten, die Erdoğan unterstützen.

2016 hatte ich Ali gefragt, wieviel Hoffnung er für die Zukunft sieht.

Seine Antwort: Es gibt ein riesiges Potenzial an linken, progressiven, revolutionären Kräften in der Türkei. Wir müssen den Anspruch erheben, dass diese Zukunft uns gehört. Ich glaube daran, dass wir das schaffen können.

Meine letzte Frage damals war: Was wünschst Du Dir an internationaler Solidarität?

Ali kurz und präzise: Jede und jeder muss Gegenwehr im eigenen Land organisieren. Das ist Solidarität.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

* Die Artikel aus Heft 34 und 35 finden sich unter Lunapark21.net:

Auflösung der Arbeiterpartei Kurdistans PKK

Interview mit Reimar Heider

Reimar Heider ist Arzt, seit vielen Jahren Menschenrechtsaktivist und seit 25 Jahren aktiv in der Internationalen Initiative »Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan«. Er hat eine Reihe von Büchern von Öcalan übersetzt.

In seiner Stellungnahme vom 25. Februar 2025 erklärt Abdullah Öcalan, die Voraussetzungen der Entstehung der PKK seien in den 1990er Jahren entfallen, weshalb die PKK wie andere Organisationen »ihresgleichen« aufgelöst werden sollte. Das legt nahe, dass die PKK ihre Existenzberechtigung schon vor mehr als 25 Jahren verloren hat.

In der PKK fand seit Ende der 1980er Jahre eine Auseinandersetzung um die sozialistischen Staaten statt, die revolutionäre Bewegungen nicht unterstützten und einen Mangel an Freiheit und Demokratie im Inneren aufwiesen.

Seit dem ersten Waffenstillstand mit dem türkischen Staat 1993 versuchte die PKK, von den Strukturen der realsozialistischen Vorbilder wegzukommen, besonders davon, dass eine Partei eine ganze Gesellschaft bestimmt und dominiert.

Von Öcalan kam 2002 der Impuls, die PKK aufzulösen, was dann auch geschah. Das war der Versuch, vom Avantgarde-Partei-Modell überzugehen zu einem Kongress-Modell all der damals bestehenden kurdischen Organisationen.

Hauptproblem nach 2002 waren die Beharrungskräfte, die mit der kurdischen Bewegung und ihrer Tradition entstanden waren. Die PKK war zum Symbol geworden. Der eher rechte Flügel der Bewegung versuchte die Umbruchsituation zu nutzen, um eine Reihe von Prinzipien über Bord zu werfen: Sozialismus, Frauenbefreiung, den Kampf gegen kurdischen Nationalismus.

Dagegen wurde 2005 die Notbremse gezogen. Die PKK wurde wiedergegründet mit einer veränderten Programmatik. Diesen Prozess schildert Öcalan in seinem Buch »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt«, geschrieben in der Zeit, als es die PKK nicht gab. Darin hat er Gedanken und theoretische Impulse des US-amerikanischen libertären Sozialisten Murray Bookchin aufgenommen.

Es geht vordringlich um die Organisierung von Zivilgesellschaft in basisdemokratischen Strukturen – Abschied vom Avantgarde-Konzept einer leninistischen Partei, Aufgabe eines kurdischen Nationalstaates als Ziel.

Also weg von der Eroberung der Staatsmacht?

Ja, stattdessen, ausgehend vom Rätegedanken, eine Selbstorganisierung der Bevölkerung auf kommunaler Ebene, ein Zusammenschluss von Konföderationen. Dabei sind drei Punkte zentral: 1. Die Befreiung der Frau und als Bedingung dafür eine umfassende Selbstorganisierung der Frauen. 2. Die Ökologie, die sozialistische Bewegungen sehr vernachlässigt haben mit ihren Fortschritts- und Industrialisierungs-Modellen. 3. Das Bekämpfen eines kurdischen Nationalismus.

Denkst Du, dass es gelungen ist, solches Herangehen in den Köpfen der bewegten Menschen zu verankern?

Ich glaube, diese politischen Konzepte sind schon gut verstanden worden und weitgehend akzeptiert. In den 2010er Jahren fanden in der Türkei viele Kämpfe für die demokratischen Rechte der Kurd:innen statt. Unter den neuen Vorzeichen eine Strategie Richtung autonomer Strukturen, die nicht mehr eine territoriale Autonomie zum Ziel hatte, wurde trotz extremer Repression seitens des Staates versucht, von der Basis her alternative politische und soziale Strukturen aufzubauen.

Daraus ist ein Selbstvertrauen entstanden und ein Bewusstsein, dass die kurdische Bewegung mit ihrer Transformation einen wichtigen Beitrag geleistet hat zur weltweiten Diskussion um einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Ich glaube die kurdische Freiheitsbewegung hat größere Ansprüche als andere, wirklich zukunftsweisende Ideen und Beispiele zu deren Umsetzung beigesteuert zu haben.

In Nordostsyrien mit seiner heterogenen Bevölkerung bestehen enge Verbindungen zwischen der Partei der Demokratischen Union PYD und der PKK. Welchen Einfluss hatte die Praxis in Rojava auf die Politik der PKK?

In Rojava ist es gelungen, wegzukommen vom Bild einer kurdischen nationalen Befreiungsbewegung. Das hätte schon nicht funktionieren können, weil das bei der arabischen und bei den anderen Bevölkerungen Angst erzeugt hätte. Die Zusammensetzung der Bevölkerung gleicht dort einem Mosaik. Es ist der kurdischen Bewegung mit dem Konzept des demokratischen Konförderalismus gelungen, die verschiedenen Gruppen einzubeziehen, auch die religiösen.

Das zeigt auch die Benennung der Region, es wird von Nordost-Syrien gesprochen, nicht von West-Kurdistan. Die heutigen Strukturen dort mögen maßgeblich von der PYD initiiert worden sein, sind aber von Anfang an mit dem Ziel einer multikulturellen, multiethnischen, multinationalen Demokratie angelegt gewesen.

Kannst Du noch etwas sagen zur ökonomischen Grundlage dessen, was in Nord-Ost-Syrien geschieht?

Die ökonomische Struktur im syrischen Staat beruhte auf einer regionalen Teilung: In den landwirtschaftlich genutzten Gebieten entlang der Grenze zur Türkei, die mehrheitlich von Kurd:innen bewohnt werden, wurden ausschließlich Nahrungsmittel angebaut. Die Weiterverarbeitung zu Mehl, Brot oder Konserven fand in den syrischen Zentren statt. Somit hat kein Landesteil eine eigene wirtschaftliche Basis, um zu überleben. Die gesamte Wirtschaft soll nun auf Basis von freiwilligen Kooperativen mit dem Ziel der Selbstversorgung neu organisiert werden.

Vieles dreht sich darum, das türkische Handelsembargo entlang der 800 Kilometer langen Grenze zu umgehen. Immer wieder wird die Grenze auch von der irakischen Seite geschlossen. Lebensnotwendige Güter zu beschaffen, ist also ein aufreibendes Geschäft, verbunden mit vielen kleinen und größeren lokalen Kompromissen.

Eine Einnahmenquelle ist das Erdöl. Aber auch das kann nur mehr recht als schlecht gefördert, nicht aber in der Region verarbeitet werden – es gibt keine Raffinerien.

Wie sieht die Türkei auf die Umwälzungen seit dem 7. Oktober 2023?

Die Türkei hat das Problem, das im Nahen Osten gerade eine neue Ordnung geschaffen wird, in der Israel eine sehr viel größere Rolle spielt als die Türkei. Die Türkei hat Angst, überrollt zu werden. Der sogenannte Indian Middle East Corridor, dieses gigantische Infrastrukturprojekt – Energie, Pipelines und Handelswege –, dass von Indien und westlichen Staaten als Gegenstück zu Chinas Neuer Seidenstraße vorangetrieben wird, findet unter Ausschuss der Türkei statt. Die Pipelines vom Persischen Golf führen an der Türkei vorbei. Die von ihr beanspruchte Schlüsselrolle in der Region rückt in weite Ferne.

Der Krieg gegen die Kurden führt für die Türkei auch zu ökonomischen Problemen. Und die massiven Menschenrechtsverletzungen lassen die Türkei international schlecht dastehen. Wenn sich der türkische Staat mit einem großen Teil seiner Bevölkerung versöhnen würde, könnte das eine positive Wirkung im gesamten Nahen Osten entfalten.

Das Regime Präsident Erdoğans hat in der Türkei seit 2015 jede Krise zum Ausbau des autoritären Staates genutzt. Welche Vereinbarungen sind mit der Regierung Erdoğan möglich?

Eine demokratische Gesellschaft entsteht in der Türkei nicht dadurch, dass Erdoğan auf einmal demokratisch wird. Eine politische Lösung der kurdischen Frage aber würde per se eine Demokratisierung bedeuten – weg von dieser nationalistisch-chauvinistischen Unterdrückung großer Teile der Bevölkerung. Wenn dieses Konfliktfeld wegfällt, öffnet das auch Raum für andere, demokratische Forderungen durchzusetzen.

Das Interview für Lunapark21 führte Joachim Römer.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Cartoonistin in Gaza: »Zeichnen bedeutet, dass ich noch am Leben bin«

Begegnung mit der Cartoonistin Safaa Odah

Die anhaltenden Offensiven des israelischen Militärs gegen die Hamas im Gaza-Streifen zwingen die Palästinenser:innen immer wieder zur Binnenflucht. Die Ohnmacht der Menschen spiegelt sich in den Arbeiten der dort lebenden Künstler:innen. Zu ihnen zählt die Zeichnerin Safaa Odah. Zehn Tage nach dem Versuch, Kontakt mit ihr über Internet aufzunehmen, kann ich ihr endlich ins Gesicht sehen. Über ein Video, das sie aus dem Gaza-Streifen auf mein Handy schickt.

Safaa trägt ein buntes Kopftuch. Schwarzen Kaftan bis zum Boden. Mit dem Finger zeigt sie auf Plastikplanen über ihrem Kopf. Sie böten kaum Schutz vor der sengenden Sonne, Wind und anhaltender Kälte nachts, erzählt sie auf Arabisch. Ihre Stimme spricht gegen das Röhren der Drohnen an, die am Himmel unaufhörlich brummen und alles überwachen: »Nach der Vertreibung meiner Familie aus Rafah bin ich jetzt in Al-Mawasi, einem Vorort von Khan Younis im südlichen Gaza-Streifen. Ich lebe hier in einem Zelt, einer Notunterkunft.«

Ausgehende Essensvorräte und ständige Angst

Die israelische Kriegsführung drängt immer mehr Menschen in abgelegene Landstreifen wie in Al Mawasi. Safaa Odah hat mit ihrer Familie mehrfach die Unterkunft wechseln müssen. »Ich lebe in ständiger Angst«, erzählt sie, »manche Einschläge und Detonationen sind ganz nah. Militärfahrzeuge, die ich sehen kann, sind weniger als einen Kilometer entfernt. Die Ernährungslage ist katastrophal und verschlechtert sich mit jedem Mal, wenn der Krieg sich wie jetzt zuspitzt.«

Dann steht Safaa auf, stützt sich auf einen Stapel von Matratzen: »Ich lebe hier mit meinen Eltern und weiteren zwanzig Personen auf engstem Raum. Unsere Essensvorräte gehen zur Neige. Wir wissen nicht, was wir essen sollen, wenn sie aufgebraucht sind.«

Hunger als Waffe? Israel steht deshalb am Pranger. Den Krieg gegen die Hamas zahlt vor allem die Zivilbevölkerung. Safaa Odah ist Mitte 20. Genauer nachzufragen ist aus kulturellen Gründen für mich nicht passend, sagt mir Nadia Hodali, die Übersetzerin der kleinen Texte in ihrem Cartoon-Buch, die in Ramallah, im Westjordanland lebt.

Kostbares Zeichenpapier, fehlendes Tablet

Safaa hat einen Master in Psychologie. Zeichnerisch ist sie Autodidaktin. Vor dem Krieg besaß sie ein Tablet. »Ohne mein Tablet zeichne ich jetzt nur noch auf Papier. Ein Fehler kostet mich jedes Mal ein ganzes kostbares Blatt Papier. Früher konnte ich Zeichenfehler sekundenschnell digital ausradieren, Farben einsetzen und korrigieren oder alles wegwischen und neu anfangen. Jetzt geht nichts mehr davon. Das zermürbt mich«, erzählt sie seufzend.

Gerade ist ihr erstes Cartoon-Buch erschienen. Erwerbbar auf der Kunsthandel-Internetseite Etsy. Auf dem Einband ihres Cartoon-Buches heißt es »Zeichen-Tagebuch von Oktober 2023 bis Dezember 2024«. Darin gibt es ein Selbstportrait: Ein Mädchen im Schlaf, Koffer in der Hand, Rucksack auf dem Rücken. Auch nachts und im Schlaf, suggeriert die Botschaft des Cartoons, gilt es jederzeit gerüstet zu sein für den Notfall.

Eine andere Zeichnung zeigt einen Engel, der heruntergestiegen ist zur Erde und mit Nadel und Faden versucht, den Körper eines Opfers wieder zusammenzuflicken. Utopisch und sehr menschlich zugleich.

In dem etwa 30 Quadratmeter großen Zelt leben mehrere Familien dicht an dicht. Der Krieg treibt Safaa vor sich her. An immer neue Orte der Binnenflucht. »Jedes Mal, wenn wir gezwungen sind, weiterzuziehen, beginnt ein neues Leben. Man sucht seine Routine darin, soweit das möglich ist. Jeder hat seine Aufgaben: Ich muss kochen. Handys aufladen gehen an Ladestationen, die oft Kilometer weit entfernt sind. Starke Winde zerfetzen derweil die Zeltplanen, Stangen brechen. Unsere Zeltstoffe bezahlen wir selbst, das sind alles keine Hilfsgüter.« Ihre Familie habe ein paar Rücklagen für solche Notfälle gebildet, erzählt sie. Einige bunte Kanister stehen in der Hitze, im Schatten der Zeltplanen. »Ich gehe Kilometer weit, um mein Handy und das der Anderen aufzuladen«, erzählt Safaa.

Wenn Zeichnen zur Gefahr wird

Wie gefährlich ist es, im Krieg Karikaturen zu zeichnen? Charlie Hebdo, die Toten von Paris und der Krieg der Karikaturen sind auf einmal in meinem Kopf. Nada Hodali, Safaas Übersetzerin in Ramallah, sagt: »Es ist gefährlich.« Safaas Arbeiten erscheinen in palästinensischen sozialen Medien, auf ihrem Facebook- und Instagram-Account. Ihre Zeichnungen kommen an, weil sie nicht politisch sind. Sie meinte unlängst: »Wie immer Andere über meine Arbeit denken, ich möchte meine Stimme zu Gehör bringen.«

Mohammad Saba’aneh ist eine Generation älter, auch palästinensischer Cartoon-Zeichner und lebt im Westjordanland. Er wurde vor dem aktuellen Krieg verhaftet und verfolgt wegen seiner Zeichnungen, von israelischer Seite wie von Hamas und anderen palästinensischen Gruppen, erzählt er. Er lobt Safaas Arbeit. »Ihre Cartoons leben von persönlichen Erlebnissen des Massakers, von Alltagserfahrungen im Gazastreifen. Sie vermag Bilder zu schaffen, die dem Grauen ein menschliches Antlitz verleihen. Mit wenigen Strichen. Berührend, eindringlich.« In Safaas Zeichnungen ist der Krieg zwar permanent spürbar. Aber ohne sichtbares Feindbild. Vielmehr zeichnet sie über die eigene Existenz und Not und über die ihrer Mitmenschen. Mild und mit einem lauten Schrei zugleich.

In ihrem Zelt in Al Mawasi in Khan Younis ist zur Zeit alles andere wichtiger als Zeichnen. Es gebe keinen Strom, kein fließend Wasser. Auch dafür müssen die Menschen oft kilometerweit gehen, erzählt sie. »Wir leben in einer schrecklichen Zeit. Dennoch zeichne ich weiter. Zeichnen bedeutet für mich Leben. Zeichnen heißt, dass ich noch am Leben bin. Es gibt mir Hoffnung inmitten all der endlosen Kämpfe.«

Martin Gerner ist freier Autor, Journalist und Filmemacher. Er lehrt zu Konflikten und Medien, berichtet aus Krisenregionen. Bekannt wurde er durch seine Arbeit über Afghanistan – nun richtet er den Blick auf Palästina.

Safaa and the Tent. Diary of a Cartoonints from Gaza Oct 2023 – Dec 2024
Das Buch auf der Website Etsy (englisch):
https://www.etsy.com/de/listing/1873916928/safaa-und-das-zelt-das-tagebuch-der

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

eingeblättert

Tech and Drugs

Jede Unternehmensberatung würde von Heroin abraten und stattdessen Fentanyl empfehlen. Aber soweit bekannt, arbeiten McKinsey und andere Consulting-Firmen nicht für Drogen-Kriminelle. Und die wissen auch ohne Hilfe: Fentanyl ist deutlich profitabler als Heroin.

Fentanyl lässt sich an beliebigem Ort synthetisch herstellen, ebenso Amphetamine. Man braucht sich nicht um landwirtschaftlichen Anbau zu kümmern, sich nicht mit Bauern verständigen und keine illegalen Rohstoffe schmuggeln. Und wenn die Taliban den Anbau von Schlafmohn verbieten, ist das nur von Vorteil.

Synthetische Drogen lassen sich auf verschiedene Weise erzeugen, und es lassen sich Drogen kreieren. An die tausend neue psychoaktive Substanzen, auch Designerdrogen genannt, registrierte das Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung während der vergangenen zehn Jahre.

Seit 1990 ist ein internationales Übereinkommen in Kraft, das den Verkehr sogenannter Vorläuferstoffe zur Herstellung von Suchtmitteln verbietet. Ohne Erfolg: Die Drogen-Chemiker griffen zurück auf die Vorläuferstoffe der Vorläuferstoffe, und die sind in so verbreitetem industriellem Gebrauch, dass sie sich nicht verbieten lassen. Der Erwerb der Zutaten ist also legal, die Handelswege und Empfänger kaum zu ermitteln, wo der Transport durch Drohnen die Grenzkontrollen umgeht.

Auch im Vertrieb sucht das Verbrechen neue Wege. Doch die Konsument:innen in den USA und in Westeuropa bevorzugen nach wie vor die traditionelle Art des Drogenerwerbs von Angesicht zu Angesicht auf der Straße, in Bars oder Clubs. In Russland ist man weiter. Angeboten und bestellt wird via Darknet oder Social Media, die Ware wird in einem Versteck deponiert, dessen Ortsangabe nach erfolgter Bezahlung, vorzugsweise in Kryptogeld, übermittelt wird. Dieser Komfort und die geringeren Kosten gegenüber Heroin oder Kokain haben den Markt zugunsten synthetischer Drogen gewendet.

Das Geschäftsmodell dürfte sich auch im Westen durchsetzen – und die Todesfälle in die Höhe treiben, denn synthetische Drogen wirken stärker und effektiver als Heroin. Dabei gefährdet der Konsum nicht nur das eigene Leben, mit jedem Kauf illegaler Drogen unterstützt man das Organisierte Verbrechen.


Prozentual und absolut

Immer drei Nummern größer. Im vergangenen Jahr hat China Sonnenenergie-Anlagen mit einer Kapazität von insgesamt 277 Gigawatt installiert; in einem Jahr mehr als bis dato in den Vereinigten Staaten überhaupt existieren.

Zwischen 2014 und 2024 hat China die Energieerzeugung aus Windkraft verdreifacht, die aus Sonnenenergie gar verdreißigfacht, und produziert heute mehr an Wind- und Sonnenenergie als der Rest der Welt zusammen.

Das sollte die Menschen in Shuozhou beunruhigen. Nahe der 1,6-Millionenstadt im Norden der Provinz Shanxi befindet sich einer der größten Steinkohle-Tagebaue des Landes. Kaum jemand in Shuozhou, dessen Unterhalt nicht direkt oder mittelbar von der Kohleindustrie abhinge. »Die Adern der örtlichen Ökonomie sind schwarz von Kohle«, wie das britische Magazin The Economist formulierte. Ohne Kohle wäre die Stadt wohl am Ende. Und dennoch können deren Bewohner:innen gelassen bleiben.

Zwar geht der Anteil der Kohle an der Energieerzeugung Chinas zurück und liegt derzeit bei 60 Prozent. Das bedeutet aber nicht, dass die Fördermenge gesunken wäre. Im Gegenteil, der Energiebedarf der Wirtschaft wächst so stark, dass der Verbrauch der Kohlekraftwerke noch steigt. Mit 4,8 Milliarden Tonnen liegt der Anteil Chinas an der jährlich weltweit verfeuerten Kohle bei mehr als der Hälfte.

Anders als in anderen Ländern sind Chinas Kohlkraftwerke nicht veraltet. Das Durchschnittsalter der Anlagen beträgt zwölf Jahre, viele mehr sind in Bau. Auch die Kohleförderung ist zum großen Teil auf neuestem Stand. Etliche kleine Minen wurden geschlossen, die großen automatisiert. Ein Tagebau in Xinjiang rühmt sich, seine 300 smarten Förderfahrzeuge von lediglich sechs Angestellten steuern zu lassen.

Insgesamt sind in China 2,7 Millionen Personen im Kohlesektor tätig. Installation und Wartung der Wind- und Solaranlagen erfordern weit mehr Personal. 7,4 Millionen Menschen waren 2023 in diesem Bereich beschäftigt, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor.

Angesichts dieser Entwicklungen ist das von China ausgegebene Ziel, bis 2060 CO2neutral zu sein, zweifelhaft.


Ein Grundrecht

Der Bürokratieabbau schreitet voran, zum Beispiel im U.S. Department of Education. 1300, gut die Hälfte, der Mitarbeiter:innen des Ministeriums wurden schon entlassen, und die Ministerin angewiesen, die Schließung der Behörde vorzubereiten.

Die Maßnahme ließe sich als Konsequenz angesichts eines hervorragenden Bildungsstands des Landes verstehen, doch das Gegenteil ist der Fall. Seit der Covid-Pandemie sind die Testergebnisse für Lesefähigkeit unter den Schüler:innen auf ein Allzeittief eingebrochen. Der Anteil der 13- bis 14-Jährigen, die die unterste Stufe »basic« verfehlen, ist auf Rekordniveau.

Die New York Times versuchte ihren Lesenden die Schwierigkeit solcher Leseschwäche mit folgender Sentenz zu verdeutlichen: »Thesearestudentsforwhomforwhomakingtheirwaythroughtexttheirwaythroughtextfeelslikethis«, entziffert etwa: »Dies sind Schüler, für die einen Text durchzulesen, sich etwa so anfühlt.« Und die würden sich fragen, wie man überhaupt bis zum Ende des Zeitungsartikels kommen sollte, und wie es sein kann, dass anderen Menschen das offenbar ganz leichtfällt, nur einem selbst nicht.

Die Schwäche verleite dazu, so die Times, nur wenige Zeilen lange Texte zu lesen. Aber ohne Hintergrundwissen ergebe ein kurzer Absatz wenig Sinn. Wie stellten es Menschen an, die Welt zu verstehen, wenn sie kaum jedes einzelne Wort verstehen? Lesen sei ein Grundrecht, statuierte das Blatt.

Die OECD verzeichnet einen globalen Rückgang der Lese- und Schreibfähigkeit seit 2017. In den USA habe der Trend 2012 eingesetzt, vor Corona. Heute würden 
30 Prozent der US-Bürger:innen auf einem Niveau lesen, das man von einem zehnjährigen Kind erwarte.

Schulkinder mit guten Leistungen schneiden bei den Lesetests nach wie vor gut ab; es sind die Ergebnisse der Schwachen, die kollabieren. Elon Musk, Donald Trumps Effizienz-Beauftragter, hat dem Bildungsministerium knapp eine Milliarde Dollar gestrichen, mit dem Institute bezahlt wurden, die im Auftrag der Behörde Daten über Bildung und Erziehung erhoben und analysierten. Um die Kenntnisvermittlung an den Schulen steht es schlecht, aber die Kenntnis darüber wird sich verlieren.


Trassenführung

Meistens verlief die Reise über Samarkand, doch eine einzige Trasse bildete die alte Seidenstraße nie, eher ein Wegenetz. So auch die neue Seidenstraße, als ›Belt and Road Initiative‹ von Chinas Präsident Xi Jinping 2013 gestartet.

Die Straße existiert in Form verschiedener Schienenwege und als Schifffahrtsroute vom Osten Chinas bis nach Europa, und dient dem Handel, vor allem chinesischen Exporten, aber auch der strategischen Versorgung Chinas mit Rohstoffen aus Zentralasien und Russland – wichtig für den Fall einer militärischen Konfrontation mit den USA.

Die militärische Konfrontation mit den USA blieb bislang aus. Stattdessen führt Russland Krieg gegen die Ukraine, was die Versicherungsprämien für Bahnfracht auf dem sogenannten nördlichen Korridor der Seidenstraße via Russland in die Höhe trieb, zumal Putin kaum noch die Ressourcen auftreiben kann, um die Strecke betriebsfähig zu erhalten.

China verkauft mit Waren im Wert von jährlich rund 500 Milliarden Euro mehr an die EU als an die Vereinigten Staaten.

Der Seeweg durchs Rote Meer liegt seit zwei Jahren unter Huthi-Beschuss. Daher wächst die Rolle des mittleren Korridors, dessen Geleise über Kasachstan, Aserbaidschan und die Türkei verlaufen, wobei zwischendrin noch das Kaspische Meer durchquert werden muss. Durch Ausbau der Häfen und Verbesserungen der Grenzkontrollen konnte die Fahrtzeit nach Europa auf etwa drei Wochen verkürzt werden. Die Frachtkosten liegen gegenüber der 14tägigen Zugfahrt über Russland um ein Drittel höher. Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine bot DHL die Tür-zu-Tür-Zustellung zwischen Hamburg und Shanghai binnen 17 Tagen an, beklagte aber bereits „knappe Schienenkapazitäten“.

Seit Dezember ist nun eine weitere Bahnstrecke im mittleren Korridor in Bau, die durch Kirgistan und Usbekistan abkürzen soll. Der Plan für diese Streckenführung existiert seit 30 Jahren. Doch erst der Krieg gab Anlass zur Realisierung, die einige Jahre in Anspruch nehmen wird.

Die Bahn ist nicht nur schneller als Seefracht, sie erweitert auf der Strecke die Handelsverbindungen verschiedener Länder. Dennoch wird sie die Schifffahrt nie ersetzen können. 55.000 Standardcontainer wurden über den mittleren Korridor 2024 transportiert. Die passen auch in zwei Ultra-Large-Containerschiffe.


Eine einfache Rechnung

Nehmen wir an, Importe aus einem bestimmten Land beliefen sich im vergangenen Jahr auf 500 Millionen Dollar, Exporte dorthin auf 250 Millionen Dollar. US-Handelsbilanzdefizit geteilt durch US-Import, also 250 durch 500 ist gleich 0,5 oder 50 Prozent. Das ist der neue Zolltarif auf Waren aus jenem Land. Eben: auf Waren. Dienstleistungen, für die die USA häufig einen Handelsüberschuss erzielen, lassen wir mit Donald Trump mal unter den Tisch fallen.

Für rund 200 Länder hat Trump die neuen Tarife am 2. April per Erlass festgesetzt. »Lasst eure Zollschranken fallen« rief der Präsident der Welt zu »und kauft für zig Milliarden Dollar amerikanische Waren.«

Das wird in manchen Ländern dann doch wie ein verspäteter Aprilscherz erschienen sein, etwa den 2,3 Millionen Bewohnenden Lesothos, nach Pro-Kopf-Einkommen eines der ärmsten Länder. Außer Textilien, Nahrungsmittel und Schafwolle hat das Land den USA kaum etwas anzubieten. Auf diese Artikel schlagen nun 50 Prozent Zoll auf, da Lesotho zu wenig Boeings und Teslas gekauft hat.

Offenbar ist den Deal-Makern, die nach den Entlassungen durch Elon Musk noch in den Behörden der USA verblieben sind, entgangen, dass die Zahlen der Handelsbilanzen für konkrete Produkte zu konkretem Nutzen stehen, und dass die Produkte der hochindustrialisierten Ökonomien für die ärmere Welt weder erschwinglich noch von Nutzen sind.

Der spitze Bleistift kam sogar für Gebiete zur Anwendung, die kein eigenständiger Staat sind. So konnte sich der Bürgermeister der St. Pierre und Miquelon Inseln, einem französischen Überseegebiet südlich von Neufundland, zunächst nicht erklären, woher die laut US-Angabe rund drei Millionen Dollar an Außenhandelsüberschuss rühren sollten, bis sich herausstellte, dass eine einzelne fette Ladung Heilbutt im vergangenen Jahr in die USA verkauft worden war. Da St. Pierre und Miquelon ansonsten so gut wie nichts in die Vereinigten Staaten exportieren, regt der verhängte Zolltarif von 50 Prozent die rund 6000 Inselbewohner:innen nicht auf.

Die zu Australien gehörende Heard-Insel am Rand des antarktischen Meeres ist mit zehn Prozent Zoll milder weggekommen. Aber auch ein höherer Tarif hätte die das Eiland bevölkernden Pinguine sicherlich kalt gelassen. Menschen leben dort nicht.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Bedarfsgerecht?

Die Entwicklung des Existenzminimums im Sozialrecht

Was braucht der Mensch? Wer im deutschen Sozialstaat auf Unterstützung angewiesen ist, bekommt darauf eine präzise Antwort – in Euro und Cent. Dabei wird im sogenannten Regelsatz nur ein Teil des soziokulturellen Existenzminimums abgebildet: Er soll die staatlichen Leistungen für den notwendigen Lebensunterhalt außerhalb von stationären Einrichtungen abdecken. Im Zentrum steht der Eck-Regelsatz (des Familienvorstands bzw. Vorstands der heutigen Bedarfsgemeinschaft), von dem mit Abschlägen die Leistungen für sonstige Haushalts-Zugehörige abgeleitet werden.

Dieser faktische Mindeststandard umfasst insbesondere die für Ernährung, Kleidung, Körperpflege, Hausrat, Haushaltsenergie (ohne die Anteile für Heizung und Erzeugung von Warmwasser) anfallenden lebensnotwendigen geldlichen Aufwendungen, sowie Bedarfe für ein Mindestmaß der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Nicht zum Regelsatz gehören die Kosten der Unterkunft (KdU) sowie die einmaligen Beihilfen für besondere Bedarfe und weitere Mehrbedarfe, die hier nicht dargestellt werden können.

Erstmals eingeführt wurden solche Leistungen mit dem am 01.06.62 in Kraft getretenen Bundessozialhilfegesetz (§ 3 BSHG, individuelle Hilfen). Basis der Leistungsbemessung war ein Warenkorb. Höhe und Einzelheiten der Sozialleistungen regelten die Bundesländer in Regelsatzverordnungen; finanzielle Leistungsträger waren letztlich die Kommunen. Im Zuge der Massenarbeitslosigkeit in der BRD der 70er Jahre waren die Kommunen mit den Kosten zunehmend überfordert.

Mit der deutschen Vereinigung erfolgte seit den 90er Jahren die Umstellung auf das sogenannte Statistikmodell. Grundlage war nun das Ausgabe- und Verbraucherverhalten unterer Einkommensschichten, ermittelt durch das Statistische Bundesamt. Im Jahr 1991 lagen die Regelsätze im Westen zwischen 457 DM in Bayern und 483 DM in Berlin (West), im Osten zwischen 435 DM in Sachsen und 468 DM in Berlin (Ost).

Als Teil des Föderalen Konsolidierungsprogramms wurde im Juli 1993 die Anpassung der Regelsätze ab 1995 auf höchstens drei Prozent gedeckelt – reale Erhöhungen blieben darunter. 1998 erreicht der Durchschnitt der Regelsätze West knapp 539 DM, der Durchschnitt Ost 520 DM. Dann erfolgte im Juni 1999 die Ankoppelung an den aktuellen Rentenwert, wodurch die prozentuale Anpassung faktisch ausgesetzt bzw. verschoben wurde. Zwingend festgeschrieben wird das Lohnabstandsgebot.

Bereits im rot-grünen Koalitionsvertrag im Herbst 1998 war die Umstellung auf eine „bedarfsorientierte soziale Grundsicherung“ vorgesehen. Unter maßgeblicher Beteiligung der Bertelsmann-Stiftung wurden ab 1999 Umsetzungskonzepte erarbeitet. Im zuständigen Bundesministerium für Arbeit waren die treibenden Kräfte weniger der Minister selbst (Riester), sondern Staatssekretär Gerd Andres sowie dessen Abteilungsleiter Bernd Buchheit, im Bundeskanzleramt der Staatsminister Frank Walter Steinmeier. Doch erst nach der nächsten Bundestagswahl 2002 folgte unter dem Arbeitsminister Wolfgang Clement die Agenda 2010. Erstmalig wurde hier offen formuliert, dass die Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf dem finanziellen Niveau der letzteren erfolgen soll.

Zum Jahresanfang 2005 wurde mit Hartz IV die Arbeitslosenhilfe abgeschafft, deren Leistungen sich auf einen pauschalierten Prozentsatz des letzten Arbeitsentgelts belaufen hatten. Auch diese als erwerbsfähig eingestuften Menschen erhielten nun den Regelsatz und wurden mit der erwerbsfähigen Klientel des bisherigen BSHG im SGB-II zusammengefasst (Arbeitslosengeld II). Zweck war explizit die Senkung der zu tragenden Kosten. Die „Bewirtschaftung“ der so produzierten erwerbsfähigen Klientel aus einer Hand war den Aufbau einer komplett neuen Behörde wert, der seitens der Bundesanstalt für Arbeit und den Kommunen gemeinsam getragenen Einrichtungen bzw. der Jobcenter. Damit verbunden war eine spürbare Entlastung der Kommunen von Sozialausgaben. Die sonstige nicht-erwerbsfähige Klientel landete über Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsunfähigkeit im SGB-XII, 4. Kapitel.

Eine neue Regelsatzstruktur und -höhe sollte auch einen großen Teil der bisherigen einmaligen Leistungen (z.B. für Bekleidung und Hausrat) enthalten. Der Eckregelsatz (West) wurde auf monatlich 345 Euro festgesetzt; in Ostdeutschland galt bis zum 1. Juli 2007 ein geringerer Regelsatz von nur 331 Euro. Ab 2011 folgte das Regelsatzermittlungsgesetz (RBEG). Sozialleistungen wie Kindergeld oder Kindesunterhalt werden angerechnet.

Die Entwicklung des Regelsatzes über die letzten 30 Jahre ermöglicht einen Vergleich zur Einkommensentwicklung anderer Schichten der Bevölkerung. Der Eckregelsatz ist mit unterschiedlichen Manövern von 526/506 DM (West/Ost) im Jahre 1995 auf 563 Euro im Jahr 2025 gestiegen. Was zunächst als nicht unbeträchtlich erscheint, stellt sich jedoch inflationsbereinigt bestenfalls als Stagnation dar und liegt noch unter der Entwicklung der Geringverdienerhaushalte insgesamt (Benjamin Held/Irene Becker, Sozial-ökologisches Existenzminimum, Februar 2025, S. 42; Grafik 1).

Kritik an der Regelsatz-Berechnung

Verschiedentlich gerieten die Berechnungsmodi des Regelbedarfes juristisch unter Druck. Entscheidend ist bis heute der Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes vom 23.07.2014. Die Regelbedarfsleistungen seien »derzeit noch verfassungsgemäß«. Soweit die tatsächliche Deckung existenzieller Bedarfe in Einzelpunkten jedoch zweifelhaft sei (etwa bei den Kosten für Haushaltsstrom, Mobilität und die Anschaffung von langlebigen Gütern wie Kühlschrank und Waschmaschine), habe der Gesetzgeber eine tragfähige Bemessung der Regelbedarfe bei ihrer anstehenden Neuermittlung auf der Grundlage der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2013 sicherzustellen.

Die Regelbedarfsermittlung erfolgt auf Basis der alle fünf Jahre durchgeführten Einkommens- und Verbrauchsstichproben (EVS), aktuell der von 2023. Doch zur Referenzgruppe (die 15 % der untersten Einkommen) gehören die erwerbstätigen Aufstocker, die selbst vom Regelsatz leben müssen, was zu Zirkelschlüssen führt. An den Ausgaben der Vergleichsgruppe werden willkürliche Streichungen von bis zu 180 Euro monatlich vorgenommen. Größere Anschaffungen (z.B. Waschmaschine), die angespart werden müssten, bleiben im Regelbedarf unberücksichtigt.

Die nachträgliche, auf die EVS gestützte Ermittlung des Regelbedarfes rief so lange wenig Kritik hervor, wie die Verbraucherpreise relativ konstant blieben. Das änderte sich drastisch ab 2022: »Die derzeitige Methode laut § 28a SGB XII wird als nicht mehr angemessen erachtet. Denn sie bezieht sich auf einen Zwölfmonatszeitraum, der bereits ein halbes Jahr vor dem Zeitpunkt der Anpassung endet, im Vergleich zum davor liegenden Zwölfmonatszeitraum.« (Dr. Irene Becker)

Ausgehend von solchen Kritikpunkten berechnete der Paritätische Gesamtverband für das Jahr 2024 berechtigte Eckregelbedarfe bis zu 813,- Euro monatlich (Grafik 2).

Eine Aussicht auf baldige Verwirklichung haben diese Reformvorschläge nicht. Im Gegenteil: Die Bundesregierung will den Druck auf Erwerbslose noch erhöhen und durch Sozialkürzungen Spielraum im Haushalt schaffen, obwohl das wenig Aussicht auf Erfolg hat. Die nachhaltige Entsolidarisierung in der Gesellschaft hat die Sozialpolitik zu einem Verliererthema gemacht, das in Parteien wie Gewerkschaften gerne gemieden wird. Was bleibt? Einerseits die Verteidigung von unabhängigen Sozialberatungen und der Versuch, auf juristischen Wegen Verschlechterungen abzuwehren und Verbesserungen einzuklagen. Andererseits der Protest gegen die Ausgrenzung von Erwerbslosen und die Lüge von der Chancengleichheit.

Michael Breitkopf war aktiv in den Recherchen zum Berliner Bankenskandal und der Sozialberatung im Stadtteilbüro Berlin-Friedrichshain.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Hartz IV war die Vollendung der deutschen Einheit

Der Westen, die EU und das »Modell Tietmeyer«

Für die DDR war die Orientierung an der Bundesrepublik immer Teil des Alltags. Andersherum galt das nicht. Und auch nach der Vereinigung ließen sich Investoren nicht von Patriotismus verleiten. Sie wussten: So viele Geschäfte auch in Neufünfland gemacht werden können – die Zurichtung des Ostens für Geschäfte war kein lohnendes Geschäft. Das private Kapital hielt sich vorsichtig zurück. Man wollte für den Bau von Autobahnen bezahlt werden, nicht dafür bezahlen.

Trotz einiger Erhöhungen von Steuern und Sozialabgaben war eine massive Ausweitung der bundesdeutschen Staatsverschuldung nötig – so massiv, dass selbst die erheblichen Gewinne der bundesdeutschen Privateigentümer nicht mehr zur Finanzierung ausreichten. Mit den hohen Lieferungen in das Anschlussgebiet und erhöhten Importen angesichts des Vereinigungsbooms im Westen ging der Überschuss in der bundesdeutschen Handelsbilanz deutlich zurück. Die Leistungsbilanz, in die neben dem Warenaußenhandel auch die internationalen Geschäfte des Dienstleistungssektors sowie Einkommensübertragungen eingehen, fiel schon 1991 negativ aus. Die in langen Jahren mit deutschen Kapitalexporten aufgebaute Nettovermögensposition musste fast komplett zur Finanzierung des Anschlusses mobilisiert werden.

Daraus ergab sich eine völlig neue Herausforderung für die bundesdeutsche Führungsrolle in Westeuropa. Gestützt auf die Erfolge der deutschen Industrie hatte die Deutsche Mark schon seit den fünfziger Jahren als der Anker des westeuropäischen Außenhandels gegolten. Ab 1971 war sie der Ausgangspunkt aller Versuche, im Rahmen der EG die Schwankungen der Wechselkurse einzuschränken. Den Kern des Projektes bildete die Kooperation zwischen der Bundesrepublik und Frankreich, die seit 1979 im Europäischen Währungssystem geregelt war. Das Kräfteverhältnis war klar: Anders als der französische Franc spielte die DM eine internationale Rolle als zweitwichtigste Reservewährung. De facto war der Franc, wie die anderen Währungen des EWS, an die DM gekoppelt. Deshalb lief mit der neoliberalen Wende in der Bundesrepublik im Herbst 1982 auch die Zeit einer keynesianischen Wirtschaftspolitik der Linkskoalition in Frankreich ab. Das französische Defizit i n der Leistungsbilanz war ohne Konsens mit dem erfolgreichen deutschen Kapital nicht zu finanzieren. Von der Bildung einer gemeinsamen Zentralbank erhoffte sich die französische Regierung die Wiederherstellung zumindest eines gewissen Einflusses auf die Geldpolitik, von der man selbst abhing. Seit 1987 startete sie neue Initiativen in dieser Richtung, parallel zur Vorbereitung des einheitlichen Binnenmarktes der EG für Waren, Arbeitskräfte und Kapital zum 1. Januar 1993. Im Sommer 1989 lagen erste Pläne auf dem Tisch. Zufälligerweise trat genau am 1. Juli 1990 die erste Vorbereitungsstufe der europäischen Währungsunion in Kraft.

Männer für alle Fälle

Der Anschluss der DDR beschleunigte die Entwicklung, denn kurzfristig war die Bundesregierung nun auf ihre Partner besonders angewiesen. Mittel- und langfristig aber war eine Stärkung der deutschen Wirtschaft durch die Erschließung der osteuropäischen Märkte, schließlich auch eine Erweiterung des deutschen Produktionspotentials durch die kapitalistische Integration der DDR zu erwarten. Deshalb drängte die französische Regierung auf eine rasche Einigung über eine gemeinsame Währung, während die bundesdeutschen Verhandler aus dem Finanzministerium und der Bundesbank keine Abstriche an ihren Forderungen zuließen. Aus Sicht der deutschen Wirtschaft sprach wenig gegen eine Aufgabe der DM – wenn sie nur im Tausch dafür den Euro in die Hand bekommen würde. Für diese Ausweitung des Einflusses in Westeuropa besaß die Bundesregierung auch eine eingespielte Truppe, die schon die deutsch-deutsche Währungsunion geplant und geleitet hatte. Ihr Kop f war Hans Tietmeyer, der bereits 1970, noch als Ministerialrat, an den Planungen für eine europäische Währungsunion teilnahm. 1982 begründete er für FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff das Ende der sozialliberalen Koalition. 1990 vertrat er die Bundesrepublik in den Verhandlungen über den monetären Anschluss der DDR. Von 1993 bis 1999 sorgte er als Bundesbankpräsident für die konsequente Umsetzung des neoliberalen Projekts von Maastricht. Im Finanzministerium war Tietmeyers Nachfolger, der Staatssekretär Horst Köhler, der spätere IWF-Chef und spätere Bundespräsident, für die deutsche wie die europäische Währungsunion zuständig. Im Kanzleramt besetzte damals Jürgen Stark die Schnittstelle als Leiter der Abteilung „Geld, Währung, Finanzmärkte“. Wie Köhler und Tietmeyer diente Stark noch einige Zeit unter dem Kanzler Helmut Kohl als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Später war Strak von 200 6 bis 2012 das deutsche Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB). Thilo Sarrazin schließlich, 1989/90 Referatsleiter »Nationale Währungsfragen« im Finanzministerium, dann bis Frühjahr 1991 für die Treuhand zuständig, schaffte es über den Posten des Berliner Finanzsenators bis in den Vorstand der Bundesbank, um sich in dieser Funktion durch ein rechtspopulistisches Buch selbst abzuschaffen.

Diese Herren wussten, dass sich der wirtschaftliche Erfolg einer Währung daran entscheidet, zu welchen Preisen produzierte Güter und Dienstleistungen auf dem Markt umgesetzt werden und wieviel davon als Gewinn nach Abzug der Kosten übrigbleibt. Privateigentümer sind sehr eigen: Wenn sie Zweifel an der Qualität eines Geldes haben, dann verlangen sie davon deutlich mehr für die gleiche Ware. An dieser Freiheit des Privateigentums hat jede noch so unabhängige Zentralbank ihre Schranke. Die berühmte Unabhängigkeit der EZB besteht denn auch nur darin, solche Gewerbefreiheit vor politischen Zumutungen zu schützen. Von Anfang an wurde daher eine Finanzierung staatlicher Defizite durch das Europäische System der Zentralbanken komplett ausgeschlossen, ebenso wie eine Haftung der Mitgliedsländer der Währungsunion für die Staatsschulden eines Teilnehmerlandes.

Störfaktor Deutschland

Die Maastrichtkriterien waren strikt. Neben Beschränkungen für die Schwankungen der Wechselkurse im EWS und einer Orientierung der Preissteigerung und der langfristigen Zinsen an den drei monetär stabilsten Ländern sollten die Staatsfinanzen der Teilnehmerländer als Voraussetzung des Eintritts in die Währungsunion bestimmte Grenzen nicht überschreiten: die Neuverschuldung sollte unter 3 Prozent des BIP; der Schuldenstand unter 60 Prozent des BIP liegen. Als diese Bedingungen unterschrieben wurden, schienen sie ohne große Probleme erreichbar zu sein.

Keine acht Monate später jedoch brachte mitten in der Wirtschaftskrise von 1992 ausgerechnet die DM das Europäische Währungssystem (EWS) ins Wanken. Die Bundesbank hatte angesichts des Vereinigungsbooms und steigender Preise die Leitzinsen deutlich erhöht: Sie stiegen von sechs Prozent im Jahr 1990 im Lauf des Jahres 1991 auf acht Prozent, so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Am 17. Juli 1992 legte die Bundesbank noch einmal nach: auf 8 ¾ Prozent. Zur Finanzierung der Defizite im Außenhandel und in den öffentlichen Haushalten floss Leihkapital nach Deutschland, das dort attraktive Anlagemöglichkeiten fand.

Damit gerieten die westeuropäischen Partner unter Druck, die bisher auf Kapitalimporte hatten setzen können. Die besitzenden Klassen verschärften daraufhin den Klassenkampf von oben: In Italien wurde die Scala mobile abgeschafft, in Frankreich eröffnete die Regierung von Premier Edouard Balladur in der Krise 1992/93 mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit der Beschäftigten des privaten Sektors einen nachhaltigen Angriff auf die Rechte der abhängig Beschäftigten. Doch es reichte nicht. Am 17. September 1992 mussten Großbritannien und Italien praktisch aus dem EWS ausscheiden. Selbst Frankreich konnte im Sommer 1993 nur in einer Notoperation im Währungsverbund mit der DM gehalten werden. Die stabilen Wechselkurse, mit denen auf dem europäischen Binnenmarkt der Währungsspekulation ein Schnippchen geschlagen werden sollte, hatten dem Druck der Spekulanten nicht standgehalten. Die Perspektive einer einheitlichen Währung, die den dauerhaften Zusamm enhalt des europäischen Binnenmarktes garantieren könnte, war in Frage gestellt.

Doch nur Großbritannien mit seinem chronischen Defizit der Leistungsbilanz und der Sonderstellung der Londoner City war dauerhaft für die Maastrichtpläne verloren. Als Antwort auf die Krise der EU formulierten im Spätsommer 1994 Wolfgang Schäuble, damals Fraktionschef der CDU/CSU im Bundestag, und Karl Lamers, der außenpolitische Sprecher der Fraktion, das Konzept vom Kerneuropa: Eine Koalition der Willigen und Konkurrenzfähigen, die gemeinsam einen handlungsfähigen europäischen Imperialismus anstrebt und die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages zu ihrem Feldzeichen erheben konnte – Deutschland, Frankreich, die Beneluxstaaten. Schäuble/Lamers erkannten klar, dass »die Währungsunion der harte Kern der Politischen Union« ist und stellten heraus: »Eine Währungsunion im vorgesehenen Zeitrahmen wird es – in Übereinstimmung mit der im Maastrichter Vertrag enthaltenen Alternative – voraussichtlich zunächst nur in einem klei neren Kreis geben – und im kleineren Kreis wird es sie nur geben, wenn der feste Kern der Fünf dies systematisch und mit starker Entschlossenheit vorbereitet.«

Nationale Hausaufgaben

An Entschlossenheit fehlte es nicht, Kanzler Helmut Kohl gab die Richtung vor: Eine Nationalökonomie sei kein »kollektiver Freizeitpark«. Bis Ende 1994 – in weniger als drei Jahren – wurde der größte Teil der DDR-Volkswirtschaft privatisiert. Während das Kapital sich sein Investitionsrisiko im wilden Osten mit Subventionen und Steuererleichterungen bezahlen ließ, mussten die Sozialkassen für den Unterhalt einer industriellen Reservearmee aufkommen, mit der die Gewerkschaften dauerhaft in die Defensive gedrängt wurden. Das »Billiglohnland gleich hinter Wolfsburg« war längst Realität. Die Aufregung über den Soli, der auf jeder Steuererklärung extra ausgewiesen ist, hatte dabei die weit größeren Transfers im Rahmen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung immer aus den Schlagzeilen verdrängt.

Die Unternehmensverbände der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie hatten am 18. Februar 1993 den geltenden Stufenplan, der bis April 1994 eine Angleichung auf 100 Prozent des Westniveaus vorsah, »außerordentlich gekündigt«. Den folgenden Streik in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie brach die IG Metall jedoch nach zwei Wochen ab, da eine Einigung erreicht worden sei: Die Entgeltangleichung wurde um mehr als zwei Jahre auf Mitte 1996 gestreckt. Die IG Metall akzeptierte überdies eine Härteklausel, die Abweichungen vom Tarifvertrag zuließ. Selbst in der produktivsten Branche war damit der Status des Ostens als eines Niedriglohngebietes festgeschrieben. Zeitgleich führte VW im Westen mit Einverständnis der IG Metall die Vier-Tage-Woche ein – eine Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich, in einem der am besten gewerkschaftlich organisierten Betriebe des Landes.

1996/97, als der Osten unter Kontrolle war, stellte die Bundesregierung die massive Investitionsförderung ein. Das deutsche Kapital warf sich – erfolgreich – wieder auf die Eroberung der Weltmärkte. Im Osten blieb es bei einer ökonomisch vom Rest der Republik abhängigen Provinz, die Jahr für Jahr etwa 30 Prozent ihres Verbrauchs nicht aus eigener Produktion decken kann. Und im Westen? Dort zeigte die massive Verschärfung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt rasch Wirkung: Die Realeinkommen stagnierten, die Lohnquote ging weiter zurück.

Dem deutschen Konkurrenzdruck wie den eigenen Interessen folgend sorgten auch die anderen Euro-Anwärter für eine Verschiebung der sozialen Kräfteverhältnisse. In Frankreich konnte der große Streik des öffentlichen Dienstes im Herbst 1995 die neoliberalen Vorhaben nur zeitweilig stoppen. In Italien beteiligte sich die ehemalige kommunistische Partei an der kapitalistischen Rationalisierung des Landes. Gerade die wirtschaftlich schwächeren Länder sahen keine Alternative, hatten sie doch nur im Vorgriff auf den Euro Chancen auf eine günstige Verschuldung an den Kapitalmärkten. Mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt erhob die EU 1997 auf deutschen Druck die Maastrichtkriterien von einer einmaligen Aufnahmeprüfung zum dauerhaften Grundgesetz der gemeinsamen Währung. Das »Modell Tietmeyer«, das Pierre Bourdieu nicht umsonst nach dem Bundesbankpräsidenten benannt hatte, war etabliert. Zum 1. Januar 1999 übernahm die EZB die Ausstattung von  11 Ländern mit Kreditgeld. Zu diesem Tag wurden die Wechselkurse der 11 Währungen untereinander endgültig fixiert und der Euro trat als Buchgeld ins ökonomische Leben, auch wenn er sich im Alltagsgebrauch noch bis zum 31. Dezember 2001 durch nationale Scheine und Münzen vertreten lassen musste. Auf den internationalen Währungsmärkten wurde der Euro rasch als Nachfolger der DM akzeptiert. Zwar machte die Eurozone bis Ende 2001 eine marktwirtschaftliche Probezeit durch, doch dann schlug sich der Erfolg auf den Weltmärkten in steigenden Devisenkursen und einem Plus der Leistungsbilanz nieder, wesentlich getragen von den stark zunehmenden deutschen Außenhandelsüberschüssen.

Die Bundesrepublik konnte bis Ende 2004 den vereinigungsbedingten Rückschlag ihrer internationalen Vermögensposition ausgleichen. Wohl lag das deutsche Haushaltsdefizit von 2002 bis 2005 über den vorgeschriebenen drei Prozent und gab damit zu einem Defizitverfahren Anlass. Da sich aber dieses Defizit wesentlich aus Steuerkürzungen zugunsten der Unternehmen ergab, gab es für Zweifel an der deutschen Treue zum Euro keinen Grund. Kritiker, die ein Scheitern und einen raschen Zerfall der Währungsunion prognostiziert hatten, wurden widerlegt. Die Eurozone wuchs, statt zu schrumpfen und immer neue Länder bemühten sich um den Anschluss an die EU. Das gestiegene Selbstbewusstsein der kerneuropäischen Eliten zeigte sich 2003 in ihrer Weigerung, den USA in den Irak zu folgen, wobei sie sogar mit dem Erzfeind Russland gemeinsame Sache machten.

Stabile Ungleichheit: Hartz IV

Um die neuen Möglichkeiten allerdings wirklich ausreizen zu können, brauchten die deutschen Eliten noch zwei Veränderungen am rheinischen Kapitalismus. Zum einen ging es darum, die Wirkung der ostdeutschen industriellen Reservearmee auch im Westen voll ausspielen zu können. Zum zweiten darum, die Kosten dieser ostdeutschen Reservearmee zu deckeln. Nicht die Regierungen Helmut Kohls, erst sein Nachfolger nahm diese Aufgaben in Angriff.

Entscheidend für die Verschärfung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt war die Veränderung der »Zumutbarkeitsregelungen« für Arbeitslose und die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe 2005. Denn damit wurde die Praxis der Erhaltung eines gewissen Lebensstandards für Arbeitslose beendet. Nach spätestens einem Jahr sollten sich die Arbeitslosen auf dem Sozialhilfesatz wiederfinden. Vor allem in Ostdeutschland, das bis dahin aufgrund der hohen Erwerbsbeteiligung geringere Sozialhilfequoten als der Westen aufwies, kündigte dies einen massiven Einschnitt an: nicht nur finanziell, sondern auch moralisch. Es war jetzt egal, wie lange man früher gearbeitet hatte. Damit wurde die Voraussetzung für eine massive Ausweitung des deutschen Niedriglohnsektors geschaffen. Die disziplinierenden Wirkungen auch für die Kernbelegschaften zeigten sich in der Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften: Nun sank nicht nur die Lohnquote, sondern auch der Reallohn, in Ost und West.  Mit der Formel des neuen Deutschlands: »Steigende Produktivität + bestenfalls stagnierende Löhne = sinkende Lohnstückkosten« konnte in Europa erstmal keiner mithalten.

Am 12. September 2007 verband Angela Merkel in der Haushaltsdebatte des Bundestages einen Rückblick auf die deutsche Geschichte seit 1989 mit einem Ausblick: »In seinem Kern erzählt der Aufschwung, den wir jetzt erleben, eine großartige Erfolgsgeschichte: die Geschichte, wie Deutschland gleichzeitig Aufbauleistungen für die neuen Bundesländer und die Globalisierung bewältigen konnte. Meine Damen und Herren, wer das geschafft hat, dem braucht auch vor den Veränderungen des 21. Jahrhunderts nicht bange zu sein. Das ist der Geist, in dem wir Politik machen.« Zum 1. Juli 2007 war der Regelsatz Ost endlich an den Regelsatz West angeglichen worden. Die deutsche Einheit war vollendet. Nicht durch die Herstellung gleicher oder gleichwertiger Lebensverhältnisse, sondern durch die Stabilisierung des Gefälles zwischen West und Ost, durch Hartz IV.

Merkels Lob kam vor der Weltwirtschaftskrise 2008/09, vor der Eurokrise 2012, vor dem Brexit und vor Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus. Die letzten 35 Jahre lassen die kapitalistischen Sieger von 1989 nicht immer gut aussehen. Der Neoliberalismus hat viele seiner Kinder schon gefressen, einerseits. Andererseits ist Friedrich Merz, ein treuer Jünger des Modells Tietmeyer, gerade erst zum Bundeskanzler gewählt worden. Gerade durch die Stabilisierung sozialer und regionaler Ungleichheit hat die Eurozone bisher alle Krisen überstanden. Eine Linke, die nur über die Schwächen des Kapitalismus redet und seine Stärken ignoriert, wird daran nichts ändern.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025), spezial brddr: 35 Jahre währungs- und sozialunion

Teile eines Ganzen

Staatssozialismus im kapitalistischen Weltsystem

Traditionell hatte die internationale Arbeiterbewegung eine kollektive Mobilisierung der einheimischen, westeuropäischen, urbanen, industriellen Arbeiterklasse erwartet. Die Realität enttäuschte diese Vorstellung: Selbst dort, wo Volksaufstände im Sinne von »sozialistischen Revolutionen« interpretiert werden konnten, traten diese meist im Zusammenhang mit anti-kolonialen Befreiungskämpfen auf, und fast nie unter aktiver Führung eines einheimischen Industrieproletariats, das von einer progressiven, oder gar sozialistischer Form von Ideologie beeinflusst gewesen wäre. (Zum Begriff des Staatssozialismus siehe Kasten.) Vor dem ersten Weltkrieg existierten 163 Kolonien, 152 von ihnen betrieben von westeuropäischen Staaten. In diese Zeit fiel der Höhepunkt des Kolonialsystems.


Staatssozialismus
Ich skizziere die Geschichte staatssozialistischer Systeme im Rahmen des kapitalistischen Weltsystems
im Zeitraum 1950 bis 2022. Dabei nutze ich nur einen Teil einer Marxschen Sozialismusdefinition: Im
folgenden sollen solche Gesellschaften als staatssozialistisch angesehen werden, in denen der Staat
gesamtgesellschaftliche Maßnahmen einführte, um die Gesellschaft von der Last der privaten Aneignung der
Arbeit anderer zu befreien, indem Produktionsmittel enteignet und in Staatseigentum überführt wurden.
Der Begriff ist beschreibend und nicht wertend angelegt, kein Ausdruck eines tieferen, übergeschichtlichen Wesens. Es geht darum, empirische Vergleiche zu ermöglichen, Dieser Definition entsprechend behandelt
die vorliegenden Untersuchung die heutige Volksrepublik China, aber auch Laos, Nordkorea, Vietnam
und Kuba als Staaten, die ihren staatssozialistischen Charakter behalten haben. (Vgl. József Böröcz, 2009,
The European Union and Global Social Change: A Critical Geopolitical-Economic Analysis, pp. 116-117.)


Eine der ersten Lektionen aus der Geschichte staatssozialistischer Transformationen ist, dass diese niemals losgelöst von der grundsätzlichen Gewalt auftraten, die aus den imperialen Strukturen der Welt resultiert. Die globalen Strukturen kapitalistischer Ausbeutung basieren auf der Verflechtung des Privateigentums an Produktionsmitteln und imperial-geopolitischer Macht. Ein Widerstand gegen das eine führt automatisch zum Widerstand gegen das andere. Ein Stück weit erklärt diese Verschlingung, warum sozialistische Revolutionen so selten sind.


Datenbasis
Die Berechnungen basieren auf der Maddison Project Database, version 2020 (Bolt, Jutta and Jan Luiten
van Zanden (2020), »Maddison style estimates of the evolution of the world economy. A new 2020 update«,
https://www.rug.nl/ggdc/historicaldevelopment/ maddison/). Die Quelle enthält Zeitreihen für BIP und
Bevölkerung nach Ländern. Die BIP-Angaben sind in Geary-Khamis-Dollar, die Kaufkraftparitäten nahe
kommen. Daten für die DDR und für den Kosovo in der post-jugoslawischen Periode fehlen. Selbstverständlich gibt es weitreichende Diskussionen bezüglich der Angemessenheit von BIP-Schätzungen als Maß der wirtschaftlichen Leistung. Angesichts der Unvollständigkeit oder einfach des Fehlens von besseren und vergleichbaren Veröffentlichungen von BIP Daten sollte diese Zahlen als Indikatoren, nicht als genaue Maße oder das letzte Wort zum Thema genommen werden.


Die gewaltsame Niederlage der Pariser Commune 1871 und die relativ schnelle Zerschlagung der Aufstände in Kiel, München, Berlin, Wien und Budapest 1918/19 verhinderten die Umsetzung der Marxschen Erwartung, dass ein weltweiter Flächenbrand sozialistischer Revolutionen seinen Ursprung im Herzen des Weltsystems nehmen würde. Staatssozialismus entwickelte sich zunächst in einem einzelnen Land, dann in einem geographisch zusammenhängenden Block von Ländern. Die Revolution im Weltmaßstab blieb aus, und so steckten diese staatssozialistischen Gebilde in einem ansonsten aggressiv kapitalistisch-imperialistischen Umfeld fest. Wie eine staatssozialistische Gesellschaft ohne Beeinträchtigung durch externe anti-sozialistische Kräfte eigentlich aussehen könnte, wissen wir nicht.

Gewicht in der Weltwirtschaft

Seit der Oktoberrevolution bildete sich in 23 der weltweit etwa 200 Staaten eine staatssozialistische Produktionsweise, in denen also Produktionsmittel enteignet und in Staatseigentum überführt wurden. 1917 machte die Bevölkerung staatssozialistischer Gesellschaften knapp ein Zehntel der Menschheit aus. In den frühen 1960er Jahren erreichte sie ein Drittel – und damit ihren vorläufigen Höhepunkt. Das wirtschaftliche Gewicht in der Weltwirtschaft ergibt sich grob aus dem Anteil am Weltbruttosozialprodukt. Zwischen 1950 und 1991 hat sich dieser Anteil für die staatssozialistischen Ökonomien erstaunlich wenig geändert: Es blieb bei etwa einem Siebtel. Nur zweimal in der Periode des »Kalten Krieges« erreichte der staatssozialistische Anteil am modernen kapitalistischen Weltsystem einen historischen Höchststand von sogar 16,5 Prozent: 1958 und 1986.

Aus den Bevölkerungszahlen und dem Bruttosozialprodukt ergibt sich das BIP pro Kopf, ein grobes Maß für die Arbeitsproduktivität. Die Periode des Kalten Krieges war geprägt von einem langsamen Wachstum des BIP pro Kopf in den Mitgliedsstaaten des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). 1950 erreichten sie gut 90 Prozent des weltweiten Durchschnitts, lagen also in der unteren Hälfe der globalen Semi-Peripherie. 1961 erreichten sie das weltweite Mittel. 1975 wurde der Weltdurchschnitt um 10 Prozent überschritten. Im Jahr 1989 war man auf den Durchschnitt zurückgefallen. Das war der Zeitpunkt, an dem der Ostblock sich auflöste. Über den Zeitraum seiner Existenz hat weder der RGW insgesamt noch eines seiner Mitgliedsländer die Marke von 200 Prozent des weltweiten Mittels überschreiten können. Erst damit wäre man ins Herz der Weltökonomie vorgestoßen.

Antikoloniale Kämpfe

In scharfem Gegensatz zur Sowjetunion und den Mitgliedsstaaten des RGW unterstützte Jugoslawien offen die früheren Kolonien und nunmehr unabhängigen 29 Mitgliedsstaaten der Bandung Konferenz 1955. Fünf Jahre später wurde in Moskau eine internationale Konferenz abgehalten, die der Suche nach globalen Strategien für weltweiten Sozialismus gewidmet war.* Erstmals wurden hier von der sowjetischen Führung anti-koloniale Kämpfe als wahrhaft progressive Form politischer Aktion akzeptiert. Anti-koloniale Kämpfe und neuerdings unabhängige Gesellschaften wurden als fruchtbarer Boden für die Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau des Sozialismus angesehen.

Die Öffnung hin zur »Dritten Welt« führte auch zu einem signifikanten Anstieg des Interesses seitens europäischer und eurasischer Staaten und deren ideologischer, geheimdienstlicher, militärischer und Planungsapparate an den Kämpfen in geographisch entlegenen Gebieten in Afrika und Asien. Die antikolonialen Befreiungskämpfe waren eine Dimension des Kalten Krieges.

Gleichzeitig trat auf derselben Moskauer Konferenz das chinesisch-sowjetisches Zerwürfnis zutage. In der Folge kam es zu einer ideologischen, geheimdienstlichen, militärischen Konfrontation zwischen den beiden mächtigsten staatssozialistischen Staaten. Das Zerwürfnis führte zu strukturellen Spannungen und Widersprüchen bezüglich der globalen Position der staatssozialistischen Gesellschaften. Aus Sicht des globalen Kapitals wurden die staatssozialistischen Gesellschaften und seine mächtigsten imperialen Strukturen weiter als zusammenhängender Block angesehen. Dabei beendete das Jahr 1960 die bisherige überstaatliche Kooperation. Die beiden staatssozialistischen Gesellschaften mit den größten staatlichen Kapazitäten standen sich und den jeweils nächsten Verbündeten von nun an feindlich gegenüber. Es folgte eine enorme Verschwendung von Ressourcen für ideologisches, geheimdienstliches, militärisches Gerangel. Tragisch war, dass China s Großer Sprung nach vorn, nicht zuletzt Reaktion auf das abrupte Ende der Freundschaft und Zusammenarbeit mit der UdSSR, im Land zu großflächigem Hunger mit genozidalen Ausmaßen führte.

Von der Stagnation zur Bedeutungslosigkeit

Im »Kalten Krieg« erreichten die Sowjetunion und ihre Verbündeten global ein militärstrategisches Gleichgewicht mit dem Westen. Der militärischen Parität stand ein ökonomisches Ungleichgewicht gegenüber. Der »Kalte Krieg« war für die staatssozialistische Seite dieser Ungleichung eine unverhältnismäßig größere Last. Diese Last führte zum Kollaps der geopolitischen Position der Sowjetunion und letztlich zum Ende des Staatssozialismus in der UdSSR und ihrer Verbündeten. Die RGW-Staaten erreichten den Höhepunkt ihres ökonomischen Gewichts mit 11,3 % des Weltprodukts im Jahr 1964. Es folgte ein zunächst milder Rückgang und dann ein drastischer Absturz 1978. Zum Ende des Ostblocks machten die RGW-Staaten 8,6 Prozent der Weltproduktion aus.

Die kulturellen Eliten der staatssozialistischen Gesellschaften in Europa und Nord-Eurasien entschieden sich, alle staatssozialistischen Institutionen zur Herstellung von Gleichheit und Gleichberechtigung aufzugeben, in der Hoffnung auf einen berechenbaren und demokratischen sozialen Frieden auf der Grundlage eines steilen ökonomischen Aufschwungs. Es war ein Teufelspakt, der fehlgeschlagen ist. Die Auflösung des Ostblocks und die Einführung verfassungsmäßig verankerter privater Akkumulation von Kapital und Ausbeutung stoppten den ökonomischen Absturz nicht. Die ökonomischen Anteile der RGW-Nachfolgestaaten am Bruttoweltprodukt fielen 1999 auf zusammen 5,1 Prozent – weniger als die Hälfte des Wertes von 1964. Seitdem liegen sie zwischen 5,3 und 6,3 Prozent. Der Kollaps führte zu einem unmittelbaren Sinken des Lebensstandards. Die Gruppe erreichte den absoluten Tiefpunkt mit 82 Prozent des weltweiten durchschnittlichen BIPs pro Kopf im Jahr 1997. Seitdem  sehen die ehemaligen RGW-Staaten ein Wachstum, das etwas steiler ausfällt als zuvor. Entsprechend überstieg das pro-Kopf-BIP der Gruppe im Durchschnitt 124 Prozent des weltweiten mittleren Pro-Kopf-BIPs. Wenn der bisherige Verlauf anhält, werden die ehemaligen RGW-Staaten ungefähr im Jahr 2030 die wirtschaftliche Position erreichen, die sie ohne den post-staatssozialistischen Umbruch innegehabt hätten. Damit würde ein halbes Jahrhundert post-staatssozialistischer Übergangskrise ihr Ende finden.

Das ökonomische Gewicht der UdSSR zwischen 1950 und der Auflösung 1990 erreichte sein Maximum mit 8,4 Prozent des Weltbruttosozialprodukts im Jahr 1964. 1991 fiel das ökonomische Gewicht der UdSSR auf weniger als sechs Prozent. Anschließend sehen wir eine scharfen Abfall auf weniger als drei Prozent im Jahr 1998, gefolgt von einem langsamen Anstieg auf Werte zwischen 3,5 und vier Prozent.

Chinas Aufstieg im Weltsystem

Geographisch gesprochen ist 1989/90 der Staatssozialismus aus Nord-Eurasien, Europa und Afrika verschwunden. Das globale Zentrum des Staatssozialismus ist nach Osten verschoben. Heute finden wir es vor allem in den östlichen und südöstlichen Teilen Asiens, und in einigen geographisch isolierten Enklaven in der Karibik. Die geokulturellen Eigenheiten, die die verbliebenen staatssozialistischen Gesellschaften in Ost- und Südost-Asien kennzeichnen, sind für den Erhalt des staatssozialistischen Charakters ihrer Gesellschaften eindeutig zuträglicher, als das bei ihren Entsprechungen in Europa und Nord-Eurasien der Fall war. Letztere waren scheinbar wesentlich anfälliger für antikommunistische, antisozialistische Ideen, seien sie liberal, eurozentristisch, nationalistisch, rassistisch oder ausgewachsen faschistisch.

Chinas Geschichte bildet einen bemerkenswerten Gegenpol zum Ungemach der ehemaligen RGW-Staaten. Von den späten 1950ern bis in die späten 1970er lag das Land bei 3,4 bis 5,6 Prozent der Weltwirtschaft, hatte mit einer Hungersnot und chaotischer politischer Gewalt zu kämpfen. Infolge weitreichender innenpolitischer Reformen wuchs das Gewicht Chinas an der Weltwirtschaft von etwa vier Prozent im Jahr 1976 auf über 16 Prozent in den 2020er Jahren. Beispiellos ist dabei nicht so sehr Chinas Anteil an der Weltwirtschaft an sich – schließlich kontrollierte China 1820 fast ein Drittel der Weltproduktion. Es geht darum, wie steil Chinas Aufstieg zu globalem Einfluss ausgefallen ist.

Weil die sowjet-zentrierten europäischen und nord-eurasischen Teile des staatssozialistischen Blocks zum kapitalistischen Mainstream zurückkehrten, fiel der globale Anteil der verbleibenden staatssozialistischen Ökonomien am Welt-BIP 1990 auf ein Tief von sieben Prozent. Der Gesamtanteil derjenigen Staaten, die nach 1990 staatssozialistisch geblieben sind, hat im Jahr 2020 den früheren Höchststand überschritten und liegt derzeit bei 17,4 bis 17,5 Prozent.

Im Gegensatz zum verbreiteten westlichen Mainstream-Jargon sind weder Staatssozialismus noch Sozialismus an sich aus dem kapitalistischen Weltsystem beseitigt worden. Nach anfänglichem Rückgang in Folge des Verlusts der europäischen und nord-eurasischen Mitstreiter ist die Gruppe verbleibender staatssozialistischer Staaten im Aufwind und hat die vormaligen Spitzen ökonomischer Leistungsfähigkeit bereits hinter sich gelassen. Und der ökonomische Aufstieg resultiert ausschließlich aus einem raschen Wachstum innerhalb dieser Staaten. In den letzten 50 Jahren ist kein Land zur Gruppe der staatssozialistischen Systeme hinzugestoßen.

Keine Garantie für Fortschritt

Sowohl die Periode des Kalten Krieges als auch die Ära nach 1989 zeigen große Unterschiede zwischen den staatssozialistischen Gesellschaften. Der Untergang von staatssozialistischen Gesellschaften passt nicht zu den Ideen eines historisch gerechtfertigten Optimismus, wonach Verbesserungen der menschlichen Lebensbedingungen unumkehrbar und die Ablösung der kapitalistischen Wirtschaftsweise durch eine staatssozialistische unwiderruflich wären. Die intellektuelle und politische Herausforderung besteht darin, neue Wege zu finden, ohne von einer Unumkehrbarkeit der institutionellen Arrangements auszugehen, die wir für fortschrittlich halten.

József Böröcz ist emeritierter Professor der Soziologie der Rutgers State University of New Jersey

* Erklärung von 81 Kommunistischen und Arbeiterparteien. https://www.marxists.org/history/international/comintern/sino-soviet-split/other/1960statement.htm

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025), spezial brddr: 35 Jahre währungs- und sozialunion

»Ich leiste was, ich leiste mir was.«

Scheitern und Selbstaufgabe des 
Nominalsozialismus in der DDR

Manchmal hilft es, auf eine Problemlage von außen zu gucken. 1991 saßen zwei junge Leute aus Berlin (Ost) im kleinen Wohnzimmer der Familie Hauser in einer Neubausiedlung in Poznań. Przemysław Hauser war Historiker, frischgebackener Professor an der Universität. Mitten in einer Diskussion über das Ende des vormaligen Realsozialismus fragte er, wie lange es denn dauern wird, bis Ostdeutschland das Niveau des Westens erreicht habe?

Voll jugendlichem Leichtsinn, sagten seine Gäste »30 Jahre mindestens, wenn überhaupt«. Der Westen wird ja nicht stehenbleiben. Der Mezzogiorno unterscheidet sich bis heute von Norditalien. Warum sollte so etwas vorbeigehen? Darauf erwiderte Hauser ebenso schnell: »Und was heißt das für uns?« Die Ostberliner hatten nicht viel Geld, aber seit dem 1. Juli 1990 waren sie mit DM ausgestattet.

Einholen und Überholen?

Die Debatte war nicht neu. Der Blick auf den ersten der zwei deutschen Nachkriegsstaaten hatte das Leben in der DDR geprägt. Ihre Gründerväter waren noch davon ausgegangen, dass die Vorzüge des Sozialismus ihren Staat zur attraktiveren Alternative machen würden. Das Diktum Lenins aus dem Jahr 1919 – »Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das allerwichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.« – war für sie Verheißung eines sicheren Erfolges. Es kam anders. Das Ziel des Siebenjahrplans 1959-1965 sollte sein, den Pro-Kopf-Verbrauch Westdeutschlands an allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern zu erreichen und zu übertreffen. Offiziell begründete die SED-Führung diese ökonomische Hauptaufgabe mit den großen Zielen, die sich ihre großen Verbündeten gesetzt hatten. Die sowjetische Partei proklamierte damals, »in den wichtigsten Zweigen der landwirtschaftlichen und industriellen  Produktion die USA in historisch kürzester Frist einzuholen und zu überholen«, die Volksrepublik Chinas würde in weniger als 15 Jahren Großbritannien industriell übertreffen. Tatsächlich sollte der Siebenjahrplan nur die »Republikflucht« stoppen, die massive Abwanderung in den wirtschaftswunderlichen Westen. Der Mauerbau 1961 war das Eingeständnis, dass der ostdeutsche Staat zu viele seiner Bewohner:innen nicht hatte von sich überzeugen können. Von der Staatsgründung bis zum 13. August 1961 hatten fast 2,7 Millionen der einst 18,5 Millionen DDR-Bewohnenden das Land verlassen.

Die Antwort auf diese Krise waren ehrgeizige Reformen, die von der SED-Führung unter Walter Ulbricht vorangetrieben wurden. Messen wir die Arbeitsproduktivität grob am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, dann lag das Gebiet der späteren DDR vor dem Zweiten Weltkrieg etwas über dem Durchschnitt des Deutschen Reiches. Nach dem Krieg und aufgrund der Reparationen an die Sowjetunion erreichte die DDR 1950 noch knapp 40 Prozent des damaligen Westniveaus. Bis 1965 änderte sich daran wenig: Pro Kopf schaffte man mehr oder weniger ein Wachstum wie im Westen. Das hieß aber auch, der Rückstand blieb. Erst die Reformen der 60er Jahre, unterstützt durch günstigere Investitionsbedingungen, zum Beispiel umfangreiche sowjetische Erdöllieferungen und eine steigende Erwerbsquote ermöglichten eine Verringerung des Abstands: bis 1970 auf 45 Prozent, bis 1975 auf 50 Prozent des Westniveaus.

Doch die Aufholstrategie war nicht ohne Risiken. Die Konzentration auf Schwerpunktbereiche vergrößerte Probleme an anderer Stelle. Nicht das Abwürgen des Prager Frühlings 1968, erst die umfangreichen Streiks und Proteste gegen Preiserhöhungen in Polen im Winter 1970/71 kippten die Stimmung im SED-Politbüro. Seit dem 17. Juni 1953 war so etwas immer ihre Angst gewesen. Erich Honecker schickte Ulbricht mit Rückendeckung aus Moskau aufs Altenteil. Alle Ostblockstaaten schwenkten 1971 auf einen neuen Kurs: Herrschaftsstabilisierung durch mehr Massenkonsum. Das, was man hatte, sollten die Bevölkerungen nutzen können und schätzen lernen. In der DDR hieß die neue Hauptaufgabe seit dem VIII. Parteitag 1971 »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik«.

Eine moralische Ökonomie

Sozialpolitik als eigenständiges Aktionsfeld war einerseits ein Eingeständnis: In der DDR gab es Armut. Die durchschnittliche Altersrente betrug 1970 gerade ein Drittel der durchschnittlichen Nettolöhne und Gehälter. Deshalb war Sozialpolitik nötig: Einkommenssteigerungen, Mindestrenten, Ausweitung von Konsumangeboten, ein umfangreiches Wohnungsbauprogramm, mehr Kinderbetreuungseinrichtungen. Fast 50 Prozent der Berufstätigen in der DDR waren Frauen. Andererseits mussten solche sozialen Angebote  erwirtschaftet werden. Die Parteiführung erwartete, dass eine verbesserte Lebenshaltung zu größerer Arbeitsleistung führen werde. Auf die Idee, dass nicht die Arbeitenden das Problem sein könnten, sondern sie selbst, kamen sie nicht.

Der neue Kurs war nicht unpopulär. Die offizielle Politische Ökonomie des Sozialismus hatte eine alte Überzeugung der Arbeiterbewegung als ideologische Grundlage ausgezeichnet: Im Sozialismus solle die Produktion nicht mehr auf den Profit, sondern auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft zielen. Der Sozialismus sollte in diesem Sinne eine moralische Ökonomie sein: eine Wirtschaft, die einem höheren und guten Zweck dient. Die Zielstellung bezog sich negativ auf den Kapitalismus. Aber ohne, dass mit der industriellen Herrschaft über die Natur ein sicherer Überschuss über das notwendige Produkt Freiräume eröffnet, gibt es keine Wahl über die Zwecke der Produktion. Diese Freiheit wurde anerkannt und positiv gesehen. Es mussten nur noch die richtigen Ziele aufgestellt werden. Als Josef Stalin 1951 das entsprechende »Ökonomische Grundgesetz des Sozialismus« formulierte, sah er hier gar kein Problem. Es war klar, wer am Ende über  die »Bedürfnisse der Gesellschaft« zu entscheiden befugt war. Später wurden Interessen der Bevölkerung in den Planzielen partiell berücksichtigt. Jede Diskussion aber hatte ihre Grenze an der »führenden Rolle der Partei«, das heißt an der Herrschaft der Politbürokratie.

Einem anderen Problem musste sich Stalin in langen, gewundenen Erörterungen widmen: Gibt es eine Warenproduktion im Sozialismus? Das Produkt der eigenen Arbeit ist bei industrieller Fertigung wesentlich Nicht- Gebrauchswert für den Produzenten. In der gesellschaftlichen Arbeitsteilung vergrößert sich mit der Beschränktheit und Spezialisierung des einzelnen Produkts zugleich die objektive Abhängigkeit der ökonomischen Subjekte von der Befriedigung vielfältiger Bedürfnisse. Für die Einzelnen kann nur produziert werden, indem gesellschaftlich kooperiert wird. Für die Kontrolle der gesellschaftlichen Gesamtarbeit entwickelten die Ostblockstaaten große bürokratische Apparate, die Warenproduktion und -austausch lenken sollten. Das Zauberwort hieß Planwirtschaft.

Die Realität hieß: Erfüllung oder Nichterfüllung der staatlichen Vorgaben für die industrielle oder landwirtschaftliche »Warenproduktion«, die selbstverständlich eine Warenproduktion war und in Rubel oder Mark, in Złoty oder Kronen verkauft und abgerechnet wurde. Dazu brauchte es ein Preissystem, das Aufwand und Ergebnis widerspiegelte. Und es brauchte Vorleistungen, um die die sozialistischen Betriebe heftig konkurrierten. Schließlich brauchte es ein Finanzsystem, das die Kontrolle der Betriebe ermöglichte. Das sozialistische Geld war so wichtig, dass die volkseigenen Betriebe gesetzlich verpflichtet waren, ihre Einnahmen und Ausgaben korrekt zu verbuchen, ihr Geld auf die staatlichen Banken zu tragen und ihren Zahlungsverkehr weitestgehend bargeldlos abzuwickeln. Die Gewinnabführungen der volkseigenen Betriebe an den Staatshaushalt ermöglichten nicht nur eine Umverteilung der wirtschaftlichen Mittel. Sie sollten verhindern, dass Betriebe  durch Einkäufe auf dem grauen oder schwarzen Markt eigene Interessen realisieren konnten.

Der ungarische Ökonom János Kornai erfand Ende der siebziger Jahre die Unterscheidung zwischen harten und weichen Budgetrestriktionen. Im Kapitalismus wären Firmen harten Budgetrestriktionen unterworfen: Wer nicht erfolgreich ist, geht unter. Im Sozialismus dagegen werde subventioniert, wer Verlust macht, die Budgetrestriktionen seien weich. Deshalb entwickle der Sozialismus immer eine Mangelwirtschaft; die überhöhte Nachfrage eile dem Angebot voraus. Die Popularität dieser Unterscheidung verdankte sich dem Glauben an eine Preisbestimmung durch Angebot und Nachfrage. Mit der Realität kapitalistischer Konkurrenz oder realsozialistischer Warenproduktion hatte sie wenig zu tun. Der Blick nur auf die Verlierer ist irreführend. Kapitalistische Eigentümer können mit ihren Gewinnen machen, was sie wollten. Betriebsleiter im Osten mussten ihre Gewinne weitestgehend abführen, egal wie hoch Instandhaltungs- oder Investitionsbedarfe waren. Sie empfanden die Anfo rderungen der vorgesetzten Ministerien schwerlich als weich.

Klassengesellschaft eigener Art

Zur Kontrolle der Tausenden Betriebe gab es einen ausgebauten Apparat. Schwieriger zu kontrollieren waren die Millionen Beschäftigten. Theoretisch war alles klar. Mit Artikel 12 der stalinschen Verfassung der Sowjetunion von 1936 war das sogenannte Leistungsprinzip in die offizielle Ideologie eingeführt worden: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.« Leo Trotzki kritisierte den Satz als »wenig überzeugende, um nicht zu sagen sinnlose Formel«. Die Losung war nicht den Schriften von Karl Marx, sondern dem elitären Gesellschaftsmodell der Saint-Simonisten des frühen 19. Jahrhunderts entnommen. Zur Klassengesellschaft des Ostblocks passte sie gerade deshalb sehr gut: Die einen müssen etwas leisten, die Vorgesetzten diese Leistung richtig organisieren und bewerten. Auch im Osten war es so, dass ein Arbeitsvertrag zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit verpflichtete. Art und Umfang der Arbeitstätigkeiten unterschiede n sich von denen in industrialisierten westlichen Ländern nicht. So ist es kein Wunder, dass ähnliche Bedürfnis- und Konsumstrukturen festzustellen waren. Es gab aber zwei Unterschiede: Die Preise für Waren des sogenannten Grundbedarfs, Grundnahrungsmittel oder Mieten, sollten möglichst nicht steigen. Und die meisten Arbeitsplätze waren nicht nur durch das Arbeitsgesetzbuch, sondern auch durch die Wirtschaftspolitik praktisch gesichert. Die fehlende Konkurrenz unter den lohnabhängig Beschäftigten verhinderte Konflikte am Arbeitsplatz nicht, veränderte aber ihren Charakter, denn es ging nicht um die Existenz. Und solange es für den Lohn etwas zu kaufen gab, konnten auch die Beschäftigten auf ihre Rechnung kommen. Auf DDR-Plakaten stand: »Ich leiste was, ich leiste mir was.«

Das Selbstverständnis der Arbeitenden im Ostblock hat einer von ihnen klassisch, in einer auch für die DDR gültigen Weise während der Diskussion mit der polnischen Partei- und Staatsführung in der besetzten Warski-Werft in Szczecin Anfang 1971 ausgedrückt: »Wir werden arbeiten, so gut wir können, und Ihr regiert, so gut Ihr könnt.« Die Ungleichheit, die damit akzeptiert war, wird durch den zutreffenden Hinweis auf das notwendige Zusammenwirken im Wirtschaftsprozess nicht aufgehoben. Zwar sitzen alle in einem Boot, aber die einen auf der Ruderbank und die anderen am Steuer. Sozialismus war mal ein Wort für die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse gewesen. Damit hatten die Staaten im Ostblock nur dem Namen nach zu tun. Korrekt sollte deshalb nicht von einem Real-, sondern von einem Nominalsozialismus geredet werden. Was zur Überwindung des Kapitalismus geplant war, erwies sich als eine merkwürdige Klassengesellschaft, die sich ihrer historischen Ð cberlegenheit gar nicht so sicher war.

Spekulation auf den Westen

Schon vor der Verabschiedung des sozialpolitischen Programms hatte der Chef der Staatlichen Plankommission im Februar 1972 auf die fehlende ökonomische Grundlage für eine Reihe von Entscheidungen hingewiesen. Es wurden »relativ reale Leistungspläne« vorgelegt und konnten auch erfüllt wurden. Doch auf dieser Grundlage waren die wohlfahrtsstaatlichen Vorhaben nicht alle erfüllbar. Mit einem chronischen Handelsbilanzdefizit gegenüber dem NSW, dem »nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet«, begann der Anstieg der Westverschuldung. Honeckers Verharmlosung – »Wir haben nicht die Absicht, die Schulden der DDR in zwei Jahren zurückzuzahlen.« – wurde ergänzt durch die Drohung, Kritiker der Verschuldungspolitik würden die Politik des VIII. Parteitags angreifen. Was zumindest das Ende einer Karriere bedeutete. Die Verschuldung gegenüber dem Westen stieg von 2,2 Milliarden DM 1970 auf 11 Milliarden 1975 und 24 Milliarden 1980.

Immer wieder analysierten DDR-Experten in den folgenden 15 Jahren sachlich die aktuellen Schwierigkeiten. Die politische Führung nahm diese Analysen zur Kenntnis, hielt sie aber unter Verschluss. Statt ihren Kurs zu korrigieren, versuchte sie, sich ohne wesentliche Änderungen und ohne öffentliche Debatte durchzuwursteln. Die Folgen waren nicht geheim zu halten. Zwar blieb der Rückstand in der Produktivität zur BRD konstant, aber dafür wurde in immer mehr Bereichen auf Verschleiß gefahren. Seit Anfang der 70er Jahre sank die Rate der Investitionen im produktiven Bereich, in der Landwirtschaft, in Teilen der Industrie, in Verkehr und Bauwirtschaft.


Übertriebene Befürchtungen
Der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Volkskammer, Richard Schröder, war ein Kind der DDR. Dem Hallenser Parteitag der SPD-Ost im Juni 1990 berichtete er über die Koalitionsverhandlungen mit der Ost-CDU: »Wir haben in der Vorverständigung der Neunergruppe entschieden, das Innenministerium nicht vorrangig anzustreben, und zwar aus einer geschichtlichen Erinnerung: Noske. Wir wollten nicht das Oberkommando über die Polizei haben, wenn es in diesem Land zu sozialen Unruhen kommen sollte. Andererseits ist uns das Innenministerium in den Verhandlungen selbst nie angeboten worden. So war es und nicht anders. Wohl aber ist uns ein Staatssekretär angeboten worden. Wir sind jetzt beim dritten
Versuch, diesen Posten zu besetzen und hoffen, in der nächsten Woche endlich zum Erfolg zu kommen. Denn wir wollen uns auch an dieser Stelle nicht vor der Verantwortung drücken.« Welch ein Beispiel von Verantwortungsbereitschaft. Tatsächlich waren Schröders Befürchtungen weit übertrieben. Auch im neuen System setzten gelernte DDR-Bürger auf gewaltfreien Widerstand.


Eine Zeitlang funktionierte das. Ab der zweiten Ölkrise, der Hochzinsphase auf den Finanzmärkten und der Krise in der Sowjetunion Anfang der 80er Jahre funktionierte es nicht mehr.

Die DDR hatte über Jahre das Preisgefälle zwischen den nachlaufenden Erdölpreisen im RGW und den höheren Weltmarktpreisen genutzt, um den Anstieg der Westverschuldung zu begrenzen. Im August 1981 teilte der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew Honecker mit, dass nicht nur Lieferungen von Agrarprodukten, sondern auch von Erdöl an die DDR reduziert werden müssen. Auf die Ankündigung einer Kürzung der sowjetischen Lieferungen von 19 auf 17 Millionen Tonnen pro Jahr schrieb Honecker am 4. September 1981 nach Moskau: »Offen gesagt, damit würden die Grundpfeiler der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik untergraben.«

Austerität in den Farben der DDR

Die sowjetische Führung konnte jedoch nicht nachgeben. Sie regierte ein Land, das sich von den Verlusten des Zweiten Weltkriegs nie wirklich erholen konnte und mit knapp 25 Prozent der globalen Wirtschaft fast 50 Prozent der globalen Rüstungen realisieren sollte. Die DDR reagierte auf die Lieferkürzungen mit einem ökonomischen Gewaltakt, in dem bis Ende 1983 fast alle Heizungssysteme von Heizöl auf Braunkohle umgestellt wurden. Hierzu waren Investitionen in Höhe von über 13 Milliarden Mark nötig, die nun an anderer Stelle fehlten. Der Volksmund taufe die ETU, die Energie- technische Umstellung, um in »Erichs teuerstes Unternehmen«. Um Devisen zu erwirtschaften, verkaufte die DDR zu diesem Zeitpunkt alles in die Welt, wofür sich Käufer fanden. Westberlin und Hamburg durften große Mengen Müll in die DDR entsorgen, und während des ersten Golfkrieges zwischen Iran und dem Irak lieferte die DDR Waffen und Munition – an beide Seiten.

Das Programm war erfolgreich. Vor allem Überschüsse im Außenhandel reduzierten die Westverschuldung von ihrem Höhepunkt, 25 Milliarden DM 1982, auf noch 15,5 Milliarden 1985. Die Milliardenkredite aus der Bundesrepublik gab die DDR nicht aus, sondern setzte sie zum weiteren Aufbau von Guthaben bei westlichen Banken ein, die ihre Kreditwürdigkeit unterstreichen sollten. Ein großer Teil dieser Geldgeschäfte erschien allerdings nicht mehr in den offiziellen Wirtschaftsunterlagen der Staatlichen Plankommission, sondern wurde jenseits des Planes über den Bereich Kommerzielle Koordinierung abgewickelt, der seit 1972 als »Devisenausländer« firmierte. Wissen über die Devisenlage war absolutes Herrschaftswissen. Selbst höchste Wirtschaftsfunktionäre hatten keinen Einblick in die Entwicklung der Westverschuldung.

In der Verrechnung der DDR drückte der »Richtungskoeffizient« den internen Aufwand für die Erwirtschaftung von Devisen aus. 1971 hatte man für eine DM einen Inlandsaufwand von etwa 1,80 DDR-Mark benötigt. Mit der zweiten Ölkrise sprang dieser Wert bis 1981 auf 2,60. In der Exportoffensive 1983/84 konnte er zwei Jahre lang unter 2 Mark gedrückt werden. Die DDR konnte zum letzten Mal etwas aufholen. 1985 erreichte das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 56 Prozent des BRD-Niveaus. Nur kam von dieser Art Fortschritt bei der Bevölkerung immer weniger an.

Der Preis der Austeritätspolitik war nicht so hoch wie in Rumänien, aber er war hoch. Die sächsischen Dreckschleudern in Böhlen und Espenhain, wie die energiefressende Kohlechemie, wurden weiterbetrieben. Die Braunkohleförderung stieg von 258 Millionen Tonnen 1980 auf 312 Millionen Tonnen 1985, bei steigenden Förderkosten. Die Schwefeldioxidemissionen, Verursacher von saurem Regen und Waldsterben, nahmen von 4,2 auf 5,3 Millionen Tonnen zu. In den ökologischen Katastrophengebieten des Landes war die Umweltkrise ein alltägliches soziales Problem. Die Proteste im Herbst 1989 waren im Süden der DDR besonders stark.

Auf die DDR-Landwirtschaft entfielen auch in den 80er Jahren noch etwa 10 Prozent aller Beschäftigten, weil alte und verschlissene Technik nicht ersetzt wurde. In der Industrie waren etwa 10 Prozent der Beschäftigten nur mit Reparaturen beschäftigt. Reformen der Erzeugerpreise trugen den gestiegenen Produktionskosten Rechnung. Die Diskrepanz zu den festen Preisen für den Grundbedarf erforderte wachsende Subventionen, die aus dem Staatshaushalt beglichen werden mussten.

Final countdown

1986 brach der Ölpreis auf dem Weltmarkt ein, für den Außenhandel der Sowjetunion und die Politik ihres neuen Generalsekretärs Michail Gorbatschow eine Katastrophe, für die DDR das Ende der lukrativen Weiterverarbeitung sowjetischen Erdöls für die Westmärkte. 1986 erreichte sie im Westhandel noch knapp eine schwarze Null, danach nahm die Westverschuldung wieder zu. Mit der Ausweitung des Mikroelektronikprogramms wollten Honecker und sein Wirtschaftskommissar Günter Mittag noch einmal das Ruder herumreißen. Im September 1988 überreichten die Vertreter des Zentrums Mikroelektronik Dresden dem Politbüro das Muster des Megabit-Speicherchips. Eine beachtliche Entwicklungsleistung, aber 1 Megabit sind 125 Kilobyte – entsprechende Speicherchips waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Weltmarkt schon in großen Stückzahlen für einen Bruchteil der DDR-Produktionskosten zu haben. Von einer Serienproduktion war die DDR Jahre entfernt. Ende 1988 gelang es  nur mit politischem Druck, einen Volkswirtschaftsplan für das Folgejahr zusammenzunageln. Angesichts des Rückstandes im technologischen Wettlauf sagte Hans-Peter Krüger, der Vordenker der reformorientierten Parteiintelligenz, der DDR den Abstieg »in eine obere Gruppe von Entwicklungsländern« voraus.

Im Sommer 1989 hatte sich auch die weltpolitische Lage geändert. Nun konnten Zehntausende DDR-Bürger es ihrer Staats- und Parteiführung nachmachen: Angesichts der unlösbaren Probleme im eigenen Land wichen sie über Ungarn oder Prag in die Zusammenarbeit mit dem westlichen Kapital aus. Sie konnten nur ihre Arbeitskraft anbieten, aber sie waren zuversichtlich, sich auch im Westen behaupten zu können, gut ausgebildet und Arbeit gewohnt. Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit betrug in der DDR 1960 Stunden. In der Bundesrepublik waren es 1736 Stunden. Mit einem Wort: Abhängig Beschäftigte suchten einen besser bezahlten Job.

Millionen andere blieben und setzten die Politbürokratie unter Druck. Und die reagierte nach scheinbar bewährtem Muster: In einem Gespräch mit Rudolf Seiters, dem Chef des Bundeskanzleramtes, und dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble trug der DDR-Unterhändler und Leiter des Bereiches Kommerzielle Koordinierung Alexander Schalck-Golodkowski am 6. November 1989 Vorstellungen über die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit vor. Es ging wesentlich um neue Kredite in Höhe von insgesamt 10 bis 15 Milliarden DM. Schalck stützte sich dabei auf eine »Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen«, die Planungschef Gerhard Schürer, Außenhandelsminister Gerhard Beil, Finanzminister Ernst Höfner, Statistikchef Arno Donda und er selbst zum 30. Oktober 1989 für das Politbüro erarbeitet hatten. Darin stellten die Planer fest, dass die »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« weder die Zustimmung der Bevölkerung noch  den benötigten Leistungszuwachs der DDR-Volkswirtschaft gebracht hatte. Die Planer sahen die Zahlungsunfähigkeit des Landes in wenigen Jahren voraus. Und dann? Zusammenbruch des Außenhandels, Fehlen lebenswichtiger Importe. Schalck-Golodkowski häufte bereits eine kleine Goldreserve für den nationalen Notstand an, gut 20 Tonnen im Wert von etwa 500 Millionen DM.

Die Analyse hielt die soziale und ökonomische Lage nur noch unter Nutzung milliardenschwerer Kredithilfen aus dem Westen für beherrschbar. Die Antwort des Bundeskanzlers erfolgte am 8. November im Bundestag: »Wir wollen nicht unhaltbar gewordene Zustände stabilisieren. Aber wir sind zu umfassender Hilfe bereit, wenn eine grundlegende Reform der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR verbindlich festgelegt wird.« – Oder: Geld ist da, aber nur zu unseren Bedingungen.

In den DDR-Diskussionen Ende 1989 wurde heftig um die Höhe der Westverschuldung gestritten: Waren es 49 oder 38 Milliarden? Lange Jahre der Geheimniskrämerei hinterließen Verwirrung selbst im Politbüro. Tatsächlich waren es Ende 1989 etwa 20 Milliarden DM. Aber die DDR war nicht deshalb am Ende, weil man solche Schulden aufgehäuft hatte, sondern weil diese Auslandsschulden das Ergebnis ungelöster interner Konflikte waren: Was sollte wie, mit welchen Mitteln produziert werden? Wie sollte es weitergehen, wenn im Westen die Bereitschaft zur Stützung der DDR-Politbürokratie entfallen war, da man den ganzen Laden selbst übernehmen konnte? Um Druck aus dem Kessel zu nehmen, sollte Anfang November den DDR-Bürgern Reisefreiheit gewährt werden. Doch auf die bloße Ankündigung im Fernsehen zogen die einfach zur Grenze und überzeugten die Wachen, sie ohne Befehl von oben durchzulassen. Der Druck nahm nicht ab, sondern zu. Die schrittweise Demontage de r paralysierten Machthaber räumte den Blick frei auf die reale Situation.

Ein Land geht in den Westen

Ende November versuchten Intellektuelle in Ost-Berlin mit dem Aufruf »Für unser Land« für eine Neugründung der DDR zu mobilisieren. Zu diesem Zeitpunkt war die Bevölkerung in der prinzipiellen Haltung zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten schon gespalten, etwa 50/50. In einem differenzierten Feld unterschiedlicher Interessen und verschiedener Vorhaben für eine selbständige DDR, in dem eine Vielzahl von Resolutionen und Aufrufen entstand, nimmt die Unterschriftenaktion »Für unser Land« eine singuläre Stellung ein. Einerseits wurde mit der Aufforderung zur Unterschrift der faktisch nicht existenten Übereinstimmung in der Bevölkerung Rechnung getragen und eine politische Stellungnahme provoziert. Andererseits aber ignorierte der Aufruf diese Interessengegensätze, indem wiederum »das Volk« zur handelnden Person verklärt wurde. Der idealistische Zug des Aufrufs, der auf verwurzelte moralisch-ökonomische Normen verweist, schlo ss eine aufklärerische Auseinandersetzung um die verschiedenen Bedürfnisse und gegensätzlichen Interessen in der angerufenen Bevölkerung aus. Die Erstunterzeichner waren überzeugt, dass eine Verteidigung der DDR nur unter Berufung auf höhere Werte zu begründen – und nur mit massiver Unterstützung aus dem Ausland durchzuführen sei. Denn es drohte eine neue, nun vielleicht selbstorganisierte Sparpolitik. Das wollte niemand. Gegen die BRD traute man sich eine eigenständige DDR nicht zu, mit ihr war sie nicht zu haben. 

Keinem Land des Ostblocks war es gelungen, ein neues Entwicklungsmodell der Ökonomie durchzusetzen. 1989/90 entschied sich, dass es in all diesen Ländern keinen emanzipatorischen Aufbruch geben würde. Nicht die Streikbewegungen von Workuta bis zum Kusbass und die Sowjets der Arbeitskollektive gestalteten das Ende der Gorbatschowschen Perestroika, sondern die Politbürokratie machte sich auf den Weg der Privatisierung. Die letzten Vertreter des Selbstverwaltungs-Programms der Solidarność waren so demoralisiert, dass sie (wie auch die Vertreter der alten marxistisch-leninistischen Staatspartei PZPR) im polnischen Parlament dem Balcerowicz-Plan einer marktwirtschaftlichen Schocktherapie zustimmten. CSSR, Rumänien, Ungarn, Bulgarien – die DDR war keine Ausnahme, nur ihr Weg in den Kapitalismus fiel besonders aus.

Deutsche Schocktherapie

Die Blaupause zum Anschluss der DDR lieferte das Bundesministerium der Finanzen. Die Bonner Beamten waren sich sicher: Nur von einer gesamtdeutschen Regierung könnten die wirtschaftliche Krise und die unausweichlichen sozialen Konflikte im Übergang zur Marktwirtschaft beherrscht werden. Investitionen zum Umbau der Wirtschaft setzten Rechtssicherheit und Gewinnchancen voraus. Insbesondere die Abwanderung von Arbeitskräften aufgrund des erheblichen Lohngefälles zwischen Ost und West sahen die Experten als ein unlösbares Problem einer eigenständigen DDR. Auf einer Klausurtagung des Bundesfinanzministeriums am 30. Januar 1990 standen die Eckpunkte des Konzeptes fest: Kein mittelfristiger, schrittweiser Prozesses. Stattdessen die baldige und schlagartige Einführung der D-Mark in der DDR, gleichzeitige Herstellung der rechtlichen Voraussetzungen marktwirtschaftlicher Beziehungen (freie Preisbildung und Abbau von Subventionen, Gewerbefreiheit usw.), die Aufgabe der wirt schaftlichen und politischen Eigenständigkeit der DDR und ein Staatsvertrag über die Wirtschafts- und Währungsunion als »ein erster Schritt zur Herstellung der staatlichen Einheit nach Artikel 23 des Grundgesetzes«. So sollte verhindert werden, dass die DDR die DM bekommen, aber vielleicht ein wenig Planwirtschaft behalten könne.

Am 6. Februar proklamierte Helmut Kohl offiziell das »Angebot der DM« und machte die Währungsunion zum Wahlprogramm der »Allianz für Deutschland«, die er am Tag zuvor aus der Taufe gehoben hatte. Am 8. Februar legte das Finanzministerium ein ausbalanciertes Gerüst für vertragliche Regelungen mit der DDR vor. Weder die DDR-Regierung unter Hans Modrow, noch die Reste der Opposition hatten dem etwas entgegenzusetzen. Die freien Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 konnte nur noch zwischen verschiedenen Varianten der Selbstaufgabe der DDR entscheiden, eine Selbstaufgabe, die aus der lange gewachsenen Enttäuschung über die Möglichkeiten des »real existierenden Sozialismus« entstanden war. Gegner von Kapitalismus und »Wiedervereinigung« hatten nicht viele Freunde, weder im Osten noch im Westen.

Noch vor der Volkskammerwahl waren am 1. März in Hannover bei einem ersten Treffen der neuen DDR-Gewerkschaftsführung mit DGB- Chef Ernst Breit deutliche Differenzen erörtert und zugleich gemeinsame Arbeitsgruppen vereinbart worden. Diese Arbeitsgruppen sollten ihre Tätigkeit Ende März aufnehmen. Am 7. März stellte der DGB- Bundesausschuss seine positive Position zur deutschen Einheit vor, worin man sich nachdrücklich vom FDGB distanzierte. Am 9. März trafen sich Ernst Breit und Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann in Düsseldorf. In der anschließend publizierten Erklärung verkündeten die Sozialpartner die Notwendigkeit einer marktwirtschaftlichen Umgestaltung der DDR. Diese sei Voraussetzung für die dringend nötigen Investitionen. Die institutionelle Regelung der Arbeitsbeziehungen solle in der DDR nach bundesdeutschem Vorbild eingerichtet werden. Mit großer Selbstverständlichkeit einigte man sich auch über die Unerlässlichkeit b esonderer Tarifgebiete-Ost, in denen »das Lohnniveau zunächst noch deutlich unter dem bundesdeutschen Standard liegen« würde. Die sozialpartnerschaftliche Einführung der »Sozialen Marktwirtschaft« sollte nach Auffassung der Gewerkschaften mittelfristig eine Niedriglohnkonkurrenz im eigenen Land verhindern, die IG-Metall-Chef Franz Steinkühler schon im November 1989 »gleich hinter Wolfsburg« entstehen sah.

Angesichts der Öffnung gegenüber dem Weltmarkt und ihrer geringen Liquidität brauchten die DDR-Betriebe nach dem 1. Juli 1990 sofort neue Kredite zur Begleichung der laufenden Kosten. In der Treuhand begannen Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater im Auftrag des Bundesfinanzministeriums, der sogenannte Leitungsausschuss, stillzulegende Unternehmen auszusortieren. Die Schließung von Böhlen, Espenhain und der Kohlechemie war beschlossen. Die Effektivität der Nahrungsgüter- und Baustoffindustrie war unzureichend, ihre Rationalisierung unerlässlich. Daneben gab es jedoch interessantere Betriebe, so im Maschinenbau, in der Energieproduktion und auch in der chemischen Industrie, etwa das Petrolchemische Kombinat Schwedt, die sehr wohl voll weiter produzierten, zum Teil aufgrund von Exportaufträgen aus Osteuropa. Dafür standen die deutschen Großbanken bereit: Sie stellten gegen Bürgschaften der Treuhandanstalt oder nach eingehender Prüfung Kredit e zu Marktkonditionen bereit.

Desinteresse an den einen und Interesse an anderen Produktionen waren zwei Seiten einer Medaille: der Umstellung auf die Zielgröße Profit. Die Industrieproduktion fiel bis Ende 1990 um gut 50 Prozent. Die Arbeitslosigkeit im Ausschlussgebiet stieg auf fast 600 000, bei zusätzlich 1,7 Millionen Kurzarbeitern. In den Chefetagen hatte sich noch nicht viel geändert, an den Arbeitsplätzen schon. Die Konkurrenz zog ein und jede:r musste sehen, wo er blieb.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug 1991 im Osten nur noch ein Drittel des Westniveaus. Und das auch nur, weil umfangreiche Transfers den völligen Absturz verhinderten. Der folgende »Aufschwung Ost« dauerte knapp sechs Jahre. Er führte die ostdeutsche Transfergesellschaft, die dauerhaft mehr verbrauchte als produzierte, auf etwa 60 Prozent des Westniveaus. Dann brach der Aufholprozess für zehn Jahre ab. Die ostdeutschen Beschwerden über Besserwessis und Verbrecher bei der Treuhandanstalt brachen nicht ab. Sie waren aber nicht als Kritik am neuen System gemeint. Die Währungsunion, die Einführung der DM wurde nicht angegriffen. Sie stand weiterhin für die Teilhabe an deutschen Erfolgen.

Januar 1990. Eine Kneipe in Schwerin. Im Für und Wider über eine Einführung der DM widerspricht niemand dem Einwand, dass dann mindestens ein Drittel der DDR-Betriebe pleite gehen werden. Aber das mache nichts, denn »Das Arbeitslosengeld kriegen wir dann in West!«


Übertriebene Befürchtungen

Der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Volkskammer, Richard Schröder, war ein Kind der DDR. Dem Hallenser Parteitag der SPD-Ost im Juni 1990 berichtete er über die Koalitionsverhandlungen mit der Ost-CDU: »Wir haben in der Vorverständigung der Neunergruppe entschieden, das Innenministerium nicht vorrangig anzustreben, und zwar aus einer geschichtlichen Erinnerung: Noske. Wir wollten nicht das Oberkommando über die Polizei haben, wenn es in diesem Land zu sozialen Unruhen kommen sollte. Andererseits ist uns das Innenministerium in den Verhandlungen selbst nie angeboten worden. So war es und nicht anders. Wohl aber ist uns ein Staatssekretär angeboten worden. Wir sind jetzt beim dritten Versuch, diesen Posten zu besetzen und hoffen, in der nächsten Woche endlich zum Erfolg zu kommen. Denn wir wollen uns auch an dieser Stelle nicht vor der Verantwortung drücken.«

Welch ein Beispiel von Verantwortungsbereitschaft. Tatsächlich waren Schröders Befürchtungen weit übertrieben. Auch im neuen System setzten gelernte DDR-Bürger auf gewaltfreien Widerstand.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025), spezial brddr: 35 Jahre währungs- und sozialunion

spezial brddr: 35 jahre währungs- und sozialunion

Der Mauerfall war und ist das Symbol für die globale Niederlage des Kommunismus im 20. Jahrhundert. Die Währungsunion vom 1. Juli 1990 ist das deutsche Symbol für den ultimativen Triumph der Marktwirtschaft: Die DM war stärker. Am 3. Oktober 1990 folgte die staatliche Vereinigung. 35 Jahre später wundern sich viele damals Beteiligte und heutige Beobachter, warum sich Ost und West im bundesdeutschen Staatsgebiet noch immer deutlich unterscheiden.

Woran das liegt? Für manche zeigen sich hier die unterschätzten Folgen des Sozialismus. Andere können im andauernden Rückstand des Ostens nur Wirkungen eines hemmungslosen Kapitalismus erkennen. Noch andere bestehen darauf, dass eine wirkliche Marktwirtschaft im Osten nach 1990 nie eine Chance hatte, weil sie von Monopolen verhindert worden sei. Und dann gibt es noch jene, für die es im Osten nie einen Sozialismus gab, weshalb sie als Linke auch nichts mit unerfreulichen Erscheinungen jenseits des Eisernen Vorhangs zu tun hatten. So viele Standpunkte, so wenig Aufklärung. Man sagt, Fakten sind eine hartnäckige Sache. Vorurteile aber auch.

Wie immer bei schwierigen Problemen ist es wichtig, richtig zu sortieren. Das Spezial konzentriert sich auf drei Fragen: Was ist 1989/90 mit dem Ostblock gescheitert? Welche Rolle spielte der Ost-West-Gegensatz im vereinigten Deutschland? Und was heißt es, dass nicht alle Formen politbürokratischer, »staatssozialistischer« Wirtschaft verschwunden sind?

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

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