Kapitalismus ohne Wachstum


Oder: Degrowth wider Willen

Erscheint in: Lunapark21, Nummer 66 (Herbst 2025)

Sechs Jahre Stagnation – das ist das Resümee des Statistischen Bundesamtes, das Ende August seine Neuberechnung des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die letzten Jahre vorlegte. Gemessen am BIP liegt die »deutsche Wirtschaftsleistung« etwa auf dem Niveau des Jahres 2019. Insgesamt hielten sich Wachstumsphasen und Rückgänge in etwa die Waage. Degrowth, das große Ziel einer engagierten Bewegung – die deutsche Wirtschaft hat es wider Willen hingekriegt. Das heißt nicht, dass die wirtschaftliche Lage genauso ist wie vor sechs Jahren.

2019 lag die offizielle Arbeitslosigkeit bei knapp 2,3 Millionen. Für den August 2025 meldet die Arbeitsagentur, dass die drei Millionen überschritten wurden. Die Stütze der aktuellen Konjunktur ist die Inlandsnachfrage, während der Außenhandel bremst. Es hat sich viel geändert. Eine realistische Sicht der aktuellen Lage liefert noch keine Prognose, aber Hinweise auf Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. An einer Stelle hat sich viel geändert, nur nicht zum Besseren. Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hat in seinem letzten Gesundheitscheck für die Erde gerade noch zwei unter den neun planetaren Grenzen ausmachen können, die im grünen Bereich sind, die Luftverschmutzung und der Zustand der Ozonschicht. Im Bereich der Landnutzung, der Wasserkreisläufe und der Versauerung der Ozeane werden steigende Risiken ausgemacht. Und in Sachen Klimawandel, Biodiversität, der natürlichen Nährstoffkreisläufe und der Vermüllung der Erde stünde die ökologische Ampel auf Rot, wenn es eine solche Ampel gäbe. Da es sie aber nicht gibt, kann die Regierungskoalition über eine mögliche Verschiebung des Ziels der Klimaneutralität auf das Jahr 2050 diskutieren und in der EU gegen das Verbrenneraus intrigieren. Eines ihrer Argumente verfängt bei vielen Leuten, dass das kleine Deutschland doch nicht das Weltklima retten könne.

🔥 Heft Nr. 66 erscheint am 8. Oktober 2025

Jetzt Abo abschließen und die neue Ausgabe
druckfrisch & versandkostenfrei im Briefkasten haben.

👉 Oder Einzelheft bestellen – schnell & direkt.

Jetzt bestellen

Wenn die Bundesrepublik auch nur im Maße des deutschen Anteils an der Erzeugung der Probleme Verantwortung übernehmen würde, dann wäre schon viel gewonnen. Ein entsprechender Druck auf die Eliten ist nicht in Sicht, denn die Erfolge der Umweltpolitik hierzulande basierten nicht nur auf realen Verbesserungen, sondern ebenso auf einem umfangreichen Outsourcing schmutziger Produktionen in andere Weltteile.

Damit ist ein großer Teil der Erfahrung von Umweltverschmutzung aus dem Alltagsleben verschwunden. Der dreckige Schornstein, der nur auf dem Bildschirm zu sehen ist, stinkt nicht. Auch die Folgen der industriellen Landwirtschaft hierzulande finden für die meisten Städter auf einem anderen Stern statt. Viele Entscheidungen fallen ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen: Wahlperioden, die Orientierung an Börsenkursen und Jahresabschlüssen trainieren auf kurzfristige Performance. Dabei weiß jede:r, dass Menschen sich alltäglich über weit entfernte Ereignisse Gedanken machen: die Gesundheit, den Rentenanspruch, die Finanzierung von Wohneigentum und auch die Zukunftsfrage überhaupt, Kinder und was aus ihnen vielleicht einmal wird.

Es geht nicht um den Zeithorizont an sich. Es geht darum, was man beeinflussen kann. Und als Einzelne können die meisten über nicht viel mehr entscheiden als ihr Privatleben. Wirtschaftlich sind sie etwa so einflussreich, wie ihr Vermögen groß und ihr Einkommen sicher ist. Ein Blick auf die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in Deutschland seit 2005 zeigt, wie unsicher die soziale Lage auch in einem kapitalistischen Industrieland mit Sozialstaat ist.

Anfang 2005 war die offizielle Arbeitslosenzahl mit der Einführung von Hartz IV und der Einbeziehung arbeitsfähiger Sozialhilfeempfänger nach oben gesprungen. Auf einige Jahre der guten Konjunktur folgte die Weltwirtschaftskrise, die nur zum Teil durch Ausweitung der Kurzarbeit gedämpft wurde. Vom Höhepunkt 2009 gingen dann die offizielle Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zehn Jahre lang zurück. Ein großer Teil der Pandemiefolgen 2020/21 wurde durch eine massive Ausweitung der Kurzarbeit abgefangen. Doch die folgende Erholung brach im Sommer 2022 mit den Folgen des Ukrainekrieges ab. Die Folgen der Trumpschen Zollpolitik für die deutsche Exportindustrie sind in der Arbeitslosenstatistik noch nicht zu sehen. Hinter den konjunkturellen Schwankungen stehen langfristige Veränderungen. Die deutsche Wirtschaft gehörte 20 Jahre lang zu den Gewinnern der Globalisierung. Doch inzwischen sind chinesische Unternehmen echte Konkurrenten.

2020 legte die Pandemie einige der Schwachstellen der weltweiten Liefernetze bloß. Euro und EU haben zwar die Weltwirtschaftskrise überlebt, aber die sozialen und wirtschaftlichen Folgen waren noch nicht bewältigt, als die neuen Krisen begannen. Die umweltpolitisch notwendige Umstellung der Energieversorgung zieht sich hin. Die schrittweise Einbeziehung der bisher ignorierten Kosten der Umweltzerstörung wird sich in den Erzeuger- und Verbraucherpreisen niederschlagen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist ein regionaler Konflikt. Aber es ist der erste konventionelle Krieg des 21. Jahrhunderts, in dem auf beiden Seiten militärisch vergleichbare Mächte seit fast vier Jahren miteinander kämpfen. Schon dieser Konflikt hat weltweite Folgen. Und die Bäume der Trumpschen Politik werden zwar nicht in den Himmel wachsen, tragen aber zur Zuspitzung der globalen Probleme bei. Die Weltwirtschaft wächst – und die Probleme wachsen mit.

In den siebziger Jahren erfanden deutsche Politiker und Journalisten das Schlagwort vom Nullwachstum. Das klang besser als Stagflation und Rezession. Es war kein Fremdwort und erinnerte mit dem ›Wachstum‹ an etwas Positives. Das wirtschaftliches Wachstum etwas Positives ist, wird nicht nur von Ökologen bestritten. Sie sehen im Wachstumszwang des Kapitals den Grund für die Gefährdung des Lebens auf der Erde.

Allerdings greift diese Kapitalismuskritik zu kurz. Denn auch wenn Akkumulation nach Marx entscheidend für die Entwicklung des Kapitalismus ist, so sind doch Wachstum und Akkumulation von Kapital nicht dasselbe. Bundesregierung und deutsche Unternehmen klagen über die Stagnation, die den deutschen Wohlstand schmälert. Tatsächlich sind viele Arbeitsplätze gefährdet und die Leute haben Angst. Nur gibt es auch Kapitalismus ohne Wachstum, wenn eine Bedingung erfüllt bleibt: dass das Kapitalverhältnis, die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbedingungen erhalten bleibt. Marx gab sich große Mühe, die Geheimnisse der einfachen Reproduktion des Kapitals im ersten und zweiten Band seines großen Werkes zu entschlüsseln. Leider nahmen romantische Kritiker der Moderne und verbalradikale Klassenkämpfer diese auch buchhalterisch präzisen Überlegungen nie wirklich ernst. Auf der Suche nach einer Garantie für den Zusammenbruch des Systems haben sie diese Seiten überblättert oder entschlossen missverstanden. Aber diese »Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbedingungen« heißt, dass die Mehrheit weiterhin nicht über die Mittel verfügt, die Gesellschaft anders zu gestalten. Solange das gesichert ist, ist das System gerade nicht gefährdet.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 66 (Herbst 2025)

Zwei Seiten einer Medaille oder: Die DM war kein Geschenk

„Nur Bares ist Wahres.“ Getreu dem alten Spruch konzentrierte sich die Berichterstattung über die Währungsumstellung in der DDR am 1. Juli 1990 auf das, was zu sehen und anzufassen war, das Bargeld. Der Bargeldumlauf machte in der DDR Ende 1989 jedoch nur knapp vier Prozent der Bilanz aus. Wie in modernen Gesellschaften basierte das Geldwesen der DDR auf Kreditgeld. Die Lohntüte gehörte der Vergangenheit an. 

Für die Währungsumstellung waren zwei Bereiche zu regeln. Die Umstellung der laufenden Zahlungen von Löhnen, Renten, Mieten. Zweitens die Umstellung des DDR-Kreditwesens, der Bankguthaben, der Sparguthaben, der Schulden.

Seit Anfang 1990 liefen Untersuchungen über die voraussichtliche Konkurrenzsituation der DDR-Firmen, Preis- und Produktivitätsvergleiche zwischen Ost und West. Man rechnete mit einem Einbruch der DDR-Betriebe nach Einführung der DM. Formale Preisvergleiche ergaben bei den Erzeugerpreisen ein Verhältnis von etwa 2,5 Mark der DDR zu einer DM.

Um die Konkurrenzfähigkeit der DDR-Betriebe zu erhöhen, erwog die Bundesbank einen Umtauschkurs für die laufenden Zahlungen von 2:1, zwei Mark der DDR für eine DM. Solche Halbierung nach der Währungsunion hätte für die Bevölkerung ein Einkommensniveau auf dem westlichen Sozialhilfesatz festgeschrieben. Hinzu trat ein weiteres Problem. In der DDR waren die Preise für den Grundbedarf fixiert worden. Die dafür nötigen Subventionen stiegen in den 1980er Jahre stark an und machten im Staatshaushalt 1989 mit 51 Milliarden Mark etwas mehr als 18 Prozent aus. Mit der Währungsunion wurde die Preisbildung freigegeben, nur die Mietpreise sollten für eine längere Übergangszeit staatlich reguliert bleiben. Die Subventionierung des Grundbedarfs entfiel. Die Pläne der Bundesbank sahen sogar einen Teuerungsausgleich von 25 Prozent vor, womit ein Einkommen von 1000 DM erreichbar sein sollte. Sparguthaben sollten nur bis zu einer Höhe von 2000 Mark im  Kurs 1:1 umgetauscht werden.

Als am 31. März 1990 der Berliner Tagesspiegel die Pläne der Bundesbank bekannt machte, entstand in der Noch-DDR ein Sturm der Empörung, der beunruhigte Anschlusswähler:innen und Altoppositionelle, ehemalige und verbliebene SED-Genossen vereinte. Der DDR-Gewerkschaftsbund FDGB rief für den 5. April zu landesweiten Protesten auf. Für den Fall einer Ablehnung der Forderung wurde mit Kampfmaßnahmen gedroht: »Wir sind ein Volk! Eins zu eins!« Hunderttausende beteiligten sich an den Protesten. Und tatsächlich wurden die laufenden Zahlungen (Löhne, Renten, Mieten) 1:1 umgestellt, auch um der Vorstellung vieler DDR-Bürger von innerdeutscher Gleichberechtigung zu genügen. Das Bundesfinanzministerium glaubte, dass die resultierenden Einkommen von etwa 40 Prozent des Westniveaus der Produktivität der DDR-Wirtschaft in etwa entsprachen. Ein Teuerungsausgleich erfolgte nicht. Er wurde den Tarifparteien als Aufgabe überlassen.

Nicht beabsichtigt war die heftige Wirkung dieser Proteste im DGB. Der beabsichtigte mitnichten, die Brüder und Schwestern im Osten zu unterstützen und dem Verbot politischer Streiks zu trotzen. Vielmehr brach man sofort die Verbindungen zum FDGB ab. Anfang Mai löste sich der ostdeutsche Dachverband auf.

Die Planungen für die Umstellung der Bestände setzte an der konsolidierten Bilanz des DDR-Kreditwesens an. Die Herkunft der Mittel – die Passiva – wiesen zwei große Brocken auf: die Einlagen der privaten Haushalte (182 Milliarden Mark) und die Auslandsverbindlichkeiten (152,5 Milliarden Mark). Die großen Brocken bei der Mittelverwendung – den Aktiva – waren Kredite an die volkseigene Wirtschaft (231,7 Milliarden Mark) und das Wohnungswesen (102,6 Milliarden Mark). 

Die erste Anpassung des DDR-Kreditsystems erfolgte zum 1. April 1990 mit der Aufteilung der Staatsbank der DDR in die Staatsbank Berlin und die Deutsche Kreditbank AG (DKB). Während die Staatsbank Berlin als Notenbank fungieren sollte, übernahm die DKB das Kreditgeschäft der ehemaligen Staatsbank.

Nach der Aufteilung der Staatsbank in einen Noten- und einen Geschäftsbankanteil war die Verschuldung der Staatsbank Berlin gegenüber den Sparkassen durch Forderungen der Staatsbank an die Kreditbank AG gedeckt. Die DKB wiederum hielt die Rechte an den Schulden der Betriebe, die sich nach der Währungsumstellung auf 115 Milliarden DM beliefen, und des Wohnungsbaus (ca. 50 Milliarden DM). Das waren die sogenannten Altschulden. Die Betriebe hatten kaum Finanzvermögen, knapp 28 Milliarden DM. Wie viel das Sachkapital der DDR-Betriebe wert war, das musste sich erst noch herausstellen.

Nur ein Teil der Sparguthaben wurde 1:1 umgestellt, der Rest 2:1. Denn man wusste, dass die Vermögenswerte des DDR-Kreditwesens – vor allem Kredite an die sozialistischen Betriebe, die sogenannten Altkredite – von zweifelhafter Qualität waren. Außerhalb der Wohnungswirtschaft galten sie als weitgehend uneinbringbar. Um die Schuldenlast der Betriebe zu verringern, wurden dagegen alle Verbindlichkeiten der Betriebe und Einrichtungen im Umtausch 2:1 auf die Hälfte verringert. Die Forderungen der Banken verminderten sich deshalb stärker als ihre Verbindlichkeiten, die entstehende Differenz von etwa 26 Mrd. DM übernahm der Staat: erst die DDR, mit dem 3. Oktober 1990 die Bundesrepublik. Nur an dieser Stelle war die Währungsunion ein Geschenk.

Und die Auslandsverschuldung? Die spielte kaum eine Rolle: Der Albtraum des SED-Politbüros war für die Bundesregierung nur ein Kostenpunkt unter mehreren, keinesfalls der größte.

Im Sommer 1990 waren nicht die Altschulden der DDR-Betriebe, sondern ihre laufenden Kosten das Problem. Doch bald sollten sie im Streit um die Kosten der Einheit zu großer Prominenz gelangen. Die Fragen waren – Wieviel war die DDR wert? Welche Erblasten hat sie der Bundesrepublik hinterlassen? – Einfacher wäre gewesen, sich an der Praxis der Kapitalisten zu orientieren. Die Altkredite an die Wohnungswirtschaft waren nicht nur aufgrund der hohen Instandsetzungsrückstände und ungeklärter Vermögensfragen problematisch. Prinzipiell galten diese Kredite aber als profitabel.

Schwieriger sah es mit den Altkrediten an die Industrie aus. Zu ihnen hielten die westdeutschen Großbanken, die Deutsche und die Dresdner Bank, von Anfang an Abstand. Sie waren nur bereit, die »Geschäftbesorgung« zu übernehmen. Die Altkredite blieben in den Büchern der Deutschen Kreditbank AG. Dort waren Abschreibungen in Milliarden fällig, die in die Kosten der Einheit gebucht wurden. Danach konnte die DKB 1995 an die BayernLB verkauft werden.

Erst Ende 1992 legte die Treuhandanstalt ihre DM-Eröffnungsbilanz zum 1. Juli 1990 vor. Darin bezifferte sie den Wert ihres Anteilsbesitzes, also des Sachkapitals der Treuhandunternehmen, auf 81 Milliarden DM. Das war im Groben der Saldo aus dem Finanzvermögen der Betriebe und ihren Schulden am Stichtag. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auch wenn es für spätere Polemiken schöner war, den Wessis die Schuld zu geben. Nach der Währungsumstellung bestand die Kaufkraft der DDR-Bevölkerung wesentlich im Anspruch auf Lohnzahlung der Betriebe und in Sparanlagen, die auf dem Umweg über die Sparkassen und die Staatsbank der DDR in genau diese Betriebe investiert worden waren. Auch nach der Umstellung auf DM standen hier ostdeutschen Forderungen ostdeutsche Verbindlichkeiten gegenüber. Wären die Altschulden komplett gestrichen worden, wären auch die Sparguthaben der Bevölkerung wertlos geworden. Oder der Staat hätte einspringen müssen. Das tat er nicht. Die DM war kein Geschenk.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Hartz IV war die Vollendung der deutschen Einheit

Der Westen, die EU und das »Modell Tietmeyer«

Für die DDR war die Orientierung an der Bundesrepublik immer Teil des Alltags. Andersherum galt das nicht. Und auch nach der Vereinigung ließen sich Investoren nicht von Patriotismus verleiten. Sie wussten: So viele Geschäfte auch in Neufünfland gemacht werden können – die Zurichtung des Ostens für Geschäfte war kein lohnendes Geschäft. Das private Kapital hielt sich vorsichtig zurück. Man wollte für den Bau von Autobahnen bezahlt werden, nicht dafür bezahlen.

Trotz einiger Erhöhungen von Steuern und Sozialabgaben war eine massive Ausweitung der bundesdeutschen Staatsverschuldung nötig – so massiv, dass selbst die erheblichen Gewinne der bundesdeutschen Privateigentümer nicht mehr zur Finanzierung ausreichten. Mit den hohen Lieferungen in das Anschlussgebiet und erhöhten Importen angesichts des Vereinigungsbooms im Westen ging der Überschuss in der bundesdeutschen Handelsbilanz deutlich zurück. Die Leistungsbilanz, in die neben dem Warenaußenhandel auch die internationalen Geschäfte des Dienstleistungssektors sowie Einkommensübertragungen eingehen, fiel schon 1991 negativ aus. Die in langen Jahren mit deutschen Kapitalexporten aufgebaute Nettovermögensposition musste fast komplett zur Finanzierung des Anschlusses mobilisiert werden.

Daraus ergab sich eine völlig neue Herausforderung für die bundesdeutsche Führungsrolle in Westeuropa. Gestützt auf die Erfolge der deutschen Industrie hatte die Deutsche Mark schon seit den fünfziger Jahren als der Anker des westeuropäischen Außenhandels gegolten. Ab 1971 war sie der Ausgangspunkt aller Versuche, im Rahmen der EG die Schwankungen der Wechselkurse einzuschränken. Den Kern des Projektes bildete die Kooperation zwischen der Bundesrepublik und Frankreich, die seit 1979 im Europäischen Währungssystem geregelt war. Das Kräfteverhältnis war klar: Anders als der französische Franc spielte die DM eine internationale Rolle als zweitwichtigste Reservewährung. De facto war der Franc, wie die anderen Währungen des EWS, an die DM gekoppelt. Deshalb lief mit der neoliberalen Wende in der Bundesrepublik im Herbst 1982 auch die Zeit einer keynesianischen Wirtschaftspolitik der Linkskoalition in Frankreich ab. Das französische Defizit i n der Leistungsbilanz war ohne Konsens mit dem erfolgreichen deutschen Kapital nicht zu finanzieren. Von der Bildung einer gemeinsamen Zentralbank erhoffte sich die französische Regierung die Wiederherstellung zumindest eines gewissen Einflusses auf die Geldpolitik, von der man selbst abhing. Seit 1987 startete sie neue Initiativen in dieser Richtung, parallel zur Vorbereitung des einheitlichen Binnenmarktes der EG für Waren, Arbeitskräfte und Kapital zum 1. Januar 1993. Im Sommer 1989 lagen erste Pläne auf dem Tisch. Zufälligerweise trat genau am 1. Juli 1990 die erste Vorbereitungsstufe der europäischen Währungsunion in Kraft.

Männer für alle Fälle

Der Anschluss der DDR beschleunigte die Entwicklung, denn kurzfristig war die Bundesregierung nun auf ihre Partner besonders angewiesen. Mittel- und langfristig aber war eine Stärkung der deutschen Wirtschaft durch die Erschließung der osteuropäischen Märkte, schließlich auch eine Erweiterung des deutschen Produktionspotentials durch die kapitalistische Integration der DDR zu erwarten. Deshalb drängte die französische Regierung auf eine rasche Einigung über eine gemeinsame Währung, während die bundesdeutschen Verhandler aus dem Finanzministerium und der Bundesbank keine Abstriche an ihren Forderungen zuließen. Aus Sicht der deutschen Wirtschaft sprach wenig gegen eine Aufgabe der DM – wenn sie nur im Tausch dafür den Euro in die Hand bekommen würde. Für diese Ausweitung des Einflusses in Westeuropa besaß die Bundesregierung auch eine eingespielte Truppe, die schon die deutsch-deutsche Währungsunion geplant und geleitet hatte. Ihr Kop f war Hans Tietmeyer, der bereits 1970, noch als Ministerialrat, an den Planungen für eine europäische Währungsunion teilnahm. 1982 begründete er für FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff das Ende der sozialliberalen Koalition. 1990 vertrat er die Bundesrepublik in den Verhandlungen über den monetären Anschluss der DDR. Von 1993 bis 1999 sorgte er als Bundesbankpräsident für die konsequente Umsetzung des neoliberalen Projekts von Maastricht. Im Finanzministerium war Tietmeyers Nachfolger, der Staatssekretär Horst Köhler, der spätere IWF-Chef und spätere Bundespräsident, für die deutsche wie die europäische Währungsunion zuständig. Im Kanzleramt besetzte damals Jürgen Stark die Schnittstelle als Leiter der Abteilung „Geld, Währung, Finanzmärkte“. Wie Köhler und Tietmeyer diente Stark noch einige Zeit unter dem Kanzler Helmut Kohl als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Später war Strak von 200 6 bis 2012 das deutsche Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB). Thilo Sarrazin schließlich, 1989/90 Referatsleiter »Nationale Währungsfragen« im Finanzministerium, dann bis Frühjahr 1991 für die Treuhand zuständig, schaffte es über den Posten des Berliner Finanzsenators bis in den Vorstand der Bundesbank, um sich in dieser Funktion durch ein rechtspopulistisches Buch selbst abzuschaffen.

Diese Herren wussten, dass sich der wirtschaftliche Erfolg einer Währung daran entscheidet, zu welchen Preisen produzierte Güter und Dienstleistungen auf dem Markt umgesetzt werden und wieviel davon als Gewinn nach Abzug der Kosten übrigbleibt. Privateigentümer sind sehr eigen: Wenn sie Zweifel an der Qualität eines Geldes haben, dann verlangen sie davon deutlich mehr für die gleiche Ware. An dieser Freiheit des Privateigentums hat jede noch so unabhängige Zentralbank ihre Schranke. Die berühmte Unabhängigkeit der EZB besteht denn auch nur darin, solche Gewerbefreiheit vor politischen Zumutungen zu schützen. Von Anfang an wurde daher eine Finanzierung staatlicher Defizite durch das Europäische System der Zentralbanken komplett ausgeschlossen, ebenso wie eine Haftung der Mitgliedsländer der Währungsunion für die Staatsschulden eines Teilnehmerlandes.

Störfaktor Deutschland

Die Maastrichtkriterien waren strikt. Neben Beschränkungen für die Schwankungen der Wechselkurse im EWS und einer Orientierung der Preissteigerung und der langfristigen Zinsen an den drei monetär stabilsten Ländern sollten die Staatsfinanzen der Teilnehmerländer als Voraussetzung des Eintritts in die Währungsunion bestimmte Grenzen nicht überschreiten: die Neuverschuldung sollte unter 3 Prozent des BIP; der Schuldenstand unter 60 Prozent des BIP liegen. Als diese Bedingungen unterschrieben wurden, schienen sie ohne große Probleme erreichbar zu sein.

Keine acht Monate später jedoch brachte mitten in der Wirtschaftskrise von 1992 ausgerechnet die DM das Europäische Währungssystem (EWS) ins Wanken. Die Bundesbank hatte angesichts des Vereinigungsbooms und steigender Preise die Leitzinsen deutlich erhöht: Sie stiegen von sechs Prozent im Jahr 1990 im Lauf des Jahres 1991 auf acht Prozent, so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Am 17. Juli 1992 legte die Bundesbank noch einmal nach: auf 8 ¾ Prozent. Zur Finanzierung der Defizite im Außenhandel und in den öffentlichen Haushalten floss Leihkapital nach Deutschland, das dort attraktive Anlagemöglichkeiten fand.

Damit gerieten die westeuropäischen Partner unter Druck, die bisher auf Kapitalimporte hatten setzen können. Die besitzenden Klassen verschärften daraufhin den Klassenkampf von oben: In Italien wurde die Scala mobile abgeschafft, in Frankreich eröffnete die Regierung von Premier Edouard Balladur in der Krise 1992/93 mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit der Beschäftigten des privaten Sektors einen nachhaltigen Angriff auf die Rechte der abhängig Beschäftigten. Doch es reichte nicht. Am 17. September 1992 mussten Großbritannien und Italien praktisch aus dem EWS ausscheiden. Selbst Frankreich konnte im Sommer 1993 nur in einer Notoperation im Währungsverbund mit der DM gehalten werden. Die stabilen Wechselkurse, mit denen auf dem europäischen Binnenmarkt der Währungsspekulation ein Schnippchen geschlagen werden sollte, hatten dem Druck der Spekulanten nicht standgehalten. Die Perspektive einer einheitlichen Währung, die den dauerhaften Zusamm enhalt des europäischen Binnenmarktes garantieren könnte, war in Frage gestellt.

Doch nur Großbritannien mit seinem chronischen Defizit der Leistungsbilanz und der Sonderstellung der Londoner City war dauerhaft für die Maastrichtpläne verloren. Als Antwort auf die Krise der EU formulierten im Spätsommer 1994 Wolfgang Schäuble, damals Fraktionschef der CDU/CSU im Bundestag, und Karl Lamers, der außenpolitische Sprecher der Fraktion, das Konzept vom Kerneuropa: Eine Koalition der Willigen und Konkurrenzfähigen, die gemeinsam einen handlungsfähigen europäischen Imperialismus anstrebt und die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages zu ihrem Feldzeichen erheben konnte – Deutschland, Frankreich, die Beneluxstaaten. Schäuble/Lamers erkannten klar, dass »die Währungsunion der harte Kern der Politischen Union« ist und stellten heraus: »Eine Währungsunion im vorgesehenen Zeitrahmen wird es – in Übereinstimmung mit der im Maastrichter Vertrag enthaltenen Alternative – voraussichtlich zunächst nur in einem klei neren Kreis geben – und im kleineren Kreis wird es sie nur geben, wenn der feste Kern der Fünf dies systematisch und mit starker Entschlossenheit vorbereitet.«

Nationale Hausaufgaben

An Entschlossenheit fehlte es nicht, Kanzler Helmut Kohl gab die Richtung vor: Eine Nationalökonomie sei kein »kollektiver Freizeitpark«. Bis Ende 1994 – in weniger als drei Jahren – wurde der größte Teil der DDR-Volkswirtschaft privatisiert. Während das Kapital sich sein Investitionsrisiko im wilden Osten mit Subventionen und Steuererleichterungen bezahlen ließ, mussten die Sozialkassen für den Unterhalt einer industriellen Reservearmee aufkommen, mit der die Gewerkschaften dauerhaft in die Defensive gedrängt wurden. Das »Billiglohnland gleich hinter Wolfsburg« war längst Realität. Die Aufregung über den Soli, der auf jeder Steuererklärung extra ausgewiesen ist, hatte dabei die weit größeren Transfers im Rahmen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung immer aus den Schlagzeilen verdrängt.

Die Unternehmensverbände der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie hatten am 18. Februar 1993 den geltenden Stufenplan, der bis April 1994 eine Angleichung auf 100 Prozent des Westniveaus vorsah, »außerordentlich gekündigt«. Den folgenden Streik in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie brach die IG Metall jedoch nach zwei Wochen ab, da eine Einigung erreicht worden sei: Die Entgeltangleichung wurde um mehr als zwei Jahre auf Mitte 1996 gestreckt. Die IG Metall akzeptierte überdies eine Härteklausel, die Abweichungen vom Tarifvertrag zuließ. Selbst in der produktivsten Branche war damit der Status des Ostens als eines Niedriglohngebietes festgeschrieben. Zeitgleich führte VW im Westen mit Einverständnis der IG Metall die Vier-Tage-Woche ein – eine Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich, in einem der am besten gewerkschaftlich organisierten Betriebe des Landes.

1996/97, als der Osten unter Kontrolle war, stellte die Bundesregierung die massive Investitionsförderung ein. Das deutsche Kapital warf sich – erfolgreich – wieder auf die Eroberung der Weltmärkte. Im Osten blieb es bei einer ökonomisch vom Rest der Republik abhängigen Provinz, die Jahr für Jahr etwa 30 Prozent ihres Verbrauchs nicht aus eigener Produktion decken kann. Und im Westen? Dort zeigte die massive Verschärfung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt rasch Wirkung: Die Realeinkommen stagnierten, die Lohnquote ging weiter zurück.

Dem deutschen Konkurrenzdruck wie den eigenen Interessen folgend sorgten auch die anderen Euro-Anwärter für eine Verschiebung der sozialen Kräfteverhältnisse. In Frankreich konnte der große Streik des öffentlichen Dienstes im Herbst 1995 die neoliberalen Vorhaben nur zeitweilig stoppen. In Italien beteiligte sich die ehemalige kommunistische Partei an der kapitalistischen Rationalisierung des Landes. Gerade die wirtschaftlich schwächeren Länder sahen keine Alternative, hatten sie doch nur im Vorgriff auf den Euro Chancen auf eine günstige Verschuldung an den Kapitalmärkten. Mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt erhob die EU 1997 auf deutschen Druck die Maastrichtkriterien von einer einmaligen Aufnahmeprüfung zum dauerhaften Grundgesetz der gemeinsamen Währung. Das »Modell Tietmeyer«, das Pierre Bourdieu nicht umsonst nach dem Bundesbankpräsidenten benannt hatte, war etabliert. Zum 1. Januar 1999 übernahm die EZB die Ausstattung von  11 Ländern mit Kreditgeld. Zu diesem Tag wurden die Wechselkurse der 11 Währungen untereinander endgültig fixiert und der Euro trat als Buchgeld ins ökonomische Leben, auch wenn er sich im Alltagsgebrauch noch bis zum 31. Dezember 2001 durch nationale Scheine und Münzen vertreten lassen musste. Auf den internationalen Währungsmärkten wurde der Euro rasch als Nachfolger der DM akzeptiert. Zwar machte die Eurozone bis Ende 2001 eine marktwirtschaftliche Probezeit durch, doch dann schlug sich der Erfolg auf den Weltmärkten in steigenden Devisenkursen und einem Plus der Leistungsbilanz nieder, wesentlich getragen von den stark zunehmenden deutschen Außenhandelsüberschüssen.

Die Bundesrepublik konnte bis Ende 2004 den vereinigungsbedingten Rückschlag ihrer internationalen Vermögensposition ausgleichen. Wohl lag das deutsche Haushaltsdefizit von 2002 bis 2005 über den vorgeschriebenen drei Prozent und gab damit zu einem Defizitverfahren Anlass. Da sich aber dieses Defizit wesentlich aus Steuerkürzungen zugunsten der Unternehmen ergab, gab es für Zweifel an der deutschen Treue zum Euro keinen Grund. Kritiker, die ein Scheitern und einen raschen Zerfall der Währungsunion prognostiziert hatten, wurden widerlegt. Die Eurozone wuchs, statt zu schrumpfen und immer neue Länder bemühten sich um den Anschluss an die EU. Das gestiegene Selbstbewusstsein der kerneuropäischen Eliten zeigte sich 2003 in ihrer Weigerung, den USA in den Irak zu folgen, wobei sie sogar mit dem Erzfeind Russland gemeinsame Sache machten.

Stabile Ungleichheit: Hartz IV

Um die neuen Möglichkeiten allerdings wirklich ausreizen zu können, brauchten die deutschen Eliten noch zwei Veränderungen am rheinischen Kapitalismus. Zum einen ging es darum, die Wirkung der ostdeutschen industriellen Reservearmee auch im Westen voll ausspielen zu können. Zum zweiten darum, die Kosten dieser ostdeutschen Reservearmee zu deckeln. Nicht die Regierungen Helmut Kohls, erst sein Nachfolger nahm diese Aufgaben in Angriff.

Entscheidend für die Verschärfung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt war die Veränderung der »Zumutbarkeitsregelungen« für Arbeitslose und die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe 2005. Denn damit wurde die Praxis der Erhaltung eines gewissen Lebensstandards für Arbeitslose beendet. Nach spätestens einem Jahr sollten sich die Arbeitslosen auf dem Sozialhilfesatz wiederfinden. Vor allem in Ostdeutschland, das bis dahin aufgrund der hohen Erwerbsbeteiligung geringere Sozialhilfequoten als der Westen aufwies, kündigte dies einen massiven Einschnitt an: nicht nur finanziell, sondern auch moralisch. Es war jetzt egal, wie lange man früher gearbeitet hatte. Damit wurde die Voraussetzung für eine massive Ausweitung des deutschen Niedriglohnsektors geschaffen. Die disziplinierenden Wirkungen auch für die Kernbelegschaften zeigten sich in der Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften: Nun sank nicht nur die Lohnquote, sondern auch der Reallohn, in Ost und West.  Mit der Formel des neuen Deutschlands: »Steigende Produktivität + bestenfalls stagnierende Löhne = sinkende Lohnstückkosten« konnte in Europa erstmal keiner mithalten.

Am 12. September 2007 verband Angela Merkel in der Haushaltsdebatte des Bundestages einen Rückblick auf die deutsche Geschichte seit 1989 mit einem Ausblick: »In seinem Kern erzählt der Aufschwung, den wir jetzt erleben, eine großartige Erfolgsgeschichte: die Geschichte, wie Deutschland gleichzeitig Aufbauleistungen für die neuen Bundesländer und die Globalisierung bewältigen konnte. Meine Damen und Herren, wer das geschafft hat, dem braucht auch vor den Veränderungen des 21. Jahrhunderts nicht bange zu sein. Das ist der Geist, in dem wir Politik machen.« Zum 1. Juli 2007 war der Regelsatz Ost endlich an den Regelsatz West angeglichen worden. Die deutsche Einheit war vollendet. Nicht durch die Herstellung gleicher oder gleichwertiger Lebensverhältnisse, sondern durch die Stabilisierung des Gefälles zwischen West und Ost, durch Hartz IV.

Merkels Lob kam vor der Weltwirtschaftskrise 2008/09, vor der Eurokrise 2012, vor dem Brexit und vor Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus. Die letzten 35 Jahre lassen die kapitalistischen Sieger von 1989 nicht immer gut aussehen. Der Neoliberalismus hat viele seiner Kinder schon gefressen, einerseits. Andererseits ist Friedrich Merz, ein treuer Jünger des Modells Tietmeyer, gerade erst zum Bundeskanzler gewählt worden. Gerade durch die Stabilisierung sozialer und regionaler Ungleichheit hat die Eurozone bisher alle Krisen überstanden. Eine Linke, die nur über die Schwächen des Kapitalismus redet und seine Stärken ignoriert, wird daran nichts ändern.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025), spezial brddr: 35 Jahre währungs- und sozialunion

»Ich leiste was, ich leiste mir was.«

Scheitern und Selbstaufgabe des 
Nominalsozialismus in der DDR

Manchmal hilft es, auf eine Problemlage von außen zu gucken. 1991 saßen zwei junge Leute aus Berlin (Ost) im kleinen Wohnzimmer der Familie Hauser in einer Neubausiedlung in Poznań. Przemysław Hauser war Historiker, frischgebackener Professor an der Universität. Mitten in einer Diskussion über das Ende des vormaligen Realsozialismus fragte er, wie lange es denn dauern wird, bis Ostdeutschland das Niveau des Westens erreicht habe?

Voll jugendlichem Leichtsinn, sagten seine Gäste »30 Jahre mindestens, wenn überhaupt«. Der Westen wird ja nicht stehenbleiben. Der Mezzogiorno unterscheidet sich bis heute von Norditalien. Warum sollte so etwas vorbeigehen? Darauf erwiderte Hauser ebenso schnell: »Und was heißt das für uns?« Die Ostberliner hatten nicht viel Geld, aber seit dem 1. Juli 1990 waren sie mit DM ausgestattet.

Einholen und Überholen?

Die Debatte war nicht neu. Der Blick auf den ersten der zwei deutschen Nachkriegsstaaten hatte das Leben in der DDR geprägt. Ihre Gründerväter waren noch davon ausgegangen, dass die Vorzüge des Sozialismus ihren Staat zur attraktiveren Alternative machen würden. Das Diktum Lenins aus dem Jahr 1919 – »Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das allerwichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.« – war für sie Verheißung eines sicheren Erfolges. Es kam anders. Das Ziel des Siebenjahrplans 1959-1965 sollte sein, den Pro-Kopf-Verbrauch Westdeutschlands an allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern zu erreichen und zu übertreffen. Offiziell begründete die SED-Führung diese ökonomische Hauptaufgabe mit den großen Zielen, die sich ihre großen Verbündeten gesetzt hatten. Die sowjetische Partei proklamierte damals, »in den wichtigsten Zweigen der landwirtschaftlichen und industriellen  Produktion die USA in historisch kürzester Frist einzuholen und zu überholen«, die Volksrepublik Chinas würde in weniger als 15 Jahren Großbritannien industriell übertreffen. Tatsächlich sollte der Siebenjahrplan nur die »Republikflucht« stoppen, die massive Abwanderung in den wirtschaftswunderlichen Westen. Der Mauerbau 1961 war das Eingeständnis, dass der ostdeutsche Staat zu viele seiner Bewohner:innen nicht hatte von sich überzeugen können. Von der Staatsgründung bis zum 13. August 1961 hatten fast 2,7 Millionen der einst 18,5 Millionen DDR-Bewohnenden das Land verlassen.

Die Antwort auf diese Krise waren ehrgeizige Reformen, die von der SED-Führung unter Walter Ulbricht vorangetrieben wurden. Messen wir die Arbeitsproduktivität grob am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, dann lag das Gebiet der späteren DDR vor dem Zweiten Weltkrieg etwas über dem Durchschnitt des Deutschen Reiches. Nach dem Krieg und aufgrund der Reparationen an die Sowjetunion erreichte die DDR 1950 noch knapp 40 Prozent des damaligen Westniveaus. Bis 1965 änderte sich daran wenig: Pro Kopf schaffte man mehr oder weniger ein Wachstum wie im Westen. Das hieß aber auch, der Rückstand blieb. Erst die Reformen der 60er Jahre, unterstützt durch günstigere Investitionsbedingungen, zum Beispiel umfangreiche sowjetische Erdöllieferungen und eine steigende Erwerbsquote ermöglichten eine Verringerung des Abstands: bis 1970 auf 45 Prozent, bis 1975 auf 50 Prozent des Westniveaus.

Doch die Aufholstrategie war nicht ohne Risiken. Die Konzentration auf Schwerpunktbereiche vergrößerte Probleme an anderer Stelle. Nicht das Abwürgen des Prager Frühlings 1968, erst die umfangreichen Streiks und Proteste gegen Preiserhöhungen in Polen im Winter 1970/71 kippten die Stimmung im SED-Politbüro. Seit dem 17. Juni 1953 war so etwas immer ihre Angst gewesen. Erich Honecker schickte Ulbricht mit Rückendeckung aus Moskau aufs Altenteil. Alle Ostblockstaaten schwenkten 1971 auf einen neuen Kurs: Herrschaftsstabilisierung durch mehr Massenkonsum. Das, was man hatte, sollten die Bevölkerungen nutzen können und schätzen lernen. In der DDR hieß die neue Hauptaufgabe seit dem VIII. Parteitag 1971 »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik«.

Eine moralische Ökonomie

Sozialpolitik als eigenständiges Aktionsfeld war einerseits ein Eingeständnis: In der DDR gab es Armut. Die durchschnittliche Altersrente betrug 1970 gerade ein Drittel der durchschnittlichen Nettolöhne und Gehälter. Deshalb war Sozialpolitik nötig: Einkommenssteigerungen, Mindestrenten, Ausweitung von Konsumangeboten, ein umfangreiches Wohnungsbauprogramm, mehr Kinderbetreuungseinrichtungen. Fast 50 Prozent der Berufstätigen in der DDR waren Frauen. Andererseits mussten solche sozialen Angebote  erwirtschaftet werden. Die Parteiführung erwartete, dass eine verbesserte Lebenshaltung zu größerer Arbeitsleistung führen werde. Auf die Idee, dass nicht die Arbeitenden das Problem sein könnten, sondern sie selbst, kamen sie nicht.

Der neue Kurs war nicht unpopulär. Die offizielle Politische Ökonomie des Sozialismus hatte eine alte Überzeugung der Arbeiterbewegung als ideologische Grundlage ausgezeichnet: Im Sozialismus solle die Produktion nicht mehr auf den Profit, sondern auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft zielen. Der Sozialismus sollte in diesem Sinne eine moralische Ökonomie sein: eine Wirtschaft, die einem höheren und guten Zweck dient. Die Zielstellung bezog sich negativ auf den Kapitalismus. Aber ohne, dass mit der industriellen Herrschaft über die Natur ein sicherer Überschuss über das notwendige Produkt Freiräume eröffnet, gibt es keine Wahl über die Zwecke der Produktion. Diese Freiheit wurde anerkannt und positiv gesehen. Es mussten nur noch die richtigen Ziele aufgestellt werden. Als Josef Stalin 1951 das entsprechende »Ökonomische Grundgesetz des Sozialismus« formulierte, sah er hier gar kein Problem. Es war klar, wer am Ende über  die »Bedürfnisse der Gesellschaft« zu entscheiden befugt war. Später wurden Interessen der Bevölkerung in den Planzielen partiell berücksichtigt. Jede Diskussion aber hatte ihre Grenze an der »führenden Rolle der Partei«, das heißt an der Herrschaft der Politbürokratie.

Einem anderen Problem musste sich Stalin in langen, gewundenen Erörterungen widmen: Gibt es eine Warenproduktion im Sozialismus? Das Produkt der eigenen Arbeit ist bei industrieller Fertigung wesentlich Nicht- Gebrauchswert für den Produzenten. In der gesellschaftlichen Arbeitsteilung vergrößert sich mit der Beschränktheit und Spezialisierung des einzelnen Produkts zugleich die objektive Abhängigkeit der ökonomischen Subjekte von der Befriedigung vielfältiger Bedürfnisse. Für die Einzelnen kann nur produziert werden, indem gesellschaftlich kooperiert wird. Für die Kontrolle der gesellschaftlichen Gesamtarbeit entwickelten die Ostblockstaaten große bürokratische Apparate, die Warenproduktion und -austausch lenken sollten. Das Zauberwort hieß Planwirtschaft.

Die Realität hieß: Erfüllung oder Nichterfüllung der staatlichen Vorgaben für die industrielle oder landwirtschaftliche »Warenproduktion«, die selbstverständlich eine Warenproduktion war und in Rubel oder Mark, in Złoty oder Kronen verkauft und abgerechnet wurde. Dazu brauchte es ein Preissystem, das Aufwand und Ergebnis widerspiegelte. Und es brauchte Vorleistungen, um die die sozialistischen Betriebe heftig konkurrierten. Schließlich brauchte es ein Finanzsystem, das die Kontrolle der Betriebe ermöglichte. Das sozialistische Geld war so wichtig, dass die volkseigenen Betriebe gesetzlich verpflichtet waren, ihre Einnahmen und Ausgaben korrekt zu verbuchen, ihr Geld auf die staatlichen Banken zu tragen und ihren Zahlungsverkehr weitestgehend bargeldlos abzuwickeln. Die Gewinnabführungen der volkseigenen Betriebe an den Staatshaushalt ermöglichten nicht nur eine Umverteilung der wirtschaftlichen Mittel. Sie sollten verhindern, dass Betriebe  durch Einkäufe auf dem grauen oder schwarzen Markt eigene Interessen realisieren konnten.

Der ungarische Ökonom János Kornai erfand Ende der siebziger Jahre die Unterscheidung zwischen harten und weichen Budgetrestriktionen. Im Kapitalismus wären Firmen harten Budgetrestriktionen unterworfen: Wer nicht erfolgreich ist, geht unter. Im Sozialismus dagegen werde subventioniert, wer Verlust macht, die Budgetrestriktionen seien weich. Deshalb entwickle der Sozialismus immer eine Mangelwirtschaft; die überhöhte Nachfrage eile dem Angebot voraus. Die Popularität dieser Unterscheidung verdankte sich dem Glauben an eine Preisbestimmung durch Angebot und Nachfrage. Mit der Realität kapitalistischer Konkurrenz oder realsozialistischer Warenproduktion hatte sie wenig zu tun. Der Blick nur auf die Verlierer ist irreführend. Kapitalistische Eigentümer können mit ihren Gewinnen machen, was sie wollten. Betriebsleiter im Osten mussten ihre Gewinne weitestgehend abführen, egal wie hoch Instandhaltungs- oder Investitionsbedarfe waren. Sie empfanden die Anfo rderungen der vorgesetzten Ministerien schwerlich als weich.

Klassengesellschaft eigener Art

Zur Kontrolle der Tausenden Betriebe gab es einen ausgebauten Apparat. Schwieriger zu kontrollieren waren die Millionen Beschäftigten. Theoretisch war alles klar. Mit Artikel 12 der stalinschen Verfassung der Sowjetunion von 1936 war das sogenannte Leistungsprinzip in die offizielle Ideologie eingeführt worden: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.« Leo Trotzki kritisierte den Satz als »wenig überzeugende, um nicht zu sagen sinnlose Formel«. Die Losung war nicht den Schriften von Karl Marx, sondern dem elitären Gesellschaftsmodell der Saint-Simonisten des frühen 19. Jahrhunderts entnommen. Zur Klassengesellschaft des Ostblocks passte sie gerade deshalb sehr gut: Die einen müssen etwas leisten, die Vorgesetzten diese Leistung richtig organisieren und bewerten. Auch im Osten war es so, dass ein Arbeitsvertrag zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit verpflichtete. Art und Umfang der Arbeitstätigkeiten unterschiede n sich von denen in industrialisierten westlichen Ländern nicht. So ist es kein Wunder, dass ähnliche Bedürfnis- und Konsumstrukturen festzustellen waren. Es gab aber zwei Unterschiede: Die Preise für Waren des sogenannten Grundbedarfs, Grundnahrungsmittel oder Mieten, sollten möglichst nicht steigen. Und die meisten Arbeitsplätze waren nicht nur durch das Arbeitsgesetzbuch, sondern auch durch die Wirtschaftspolitik praktisch gesichert. Die fehlende Konkurrenz unter den lohnabhängig Beschäftigten verhinderte Konflikte am Arbeitsplatz nicht, veränderte aber ihren Charakter, denn es ging nicht um die Existenz. Und solange es für den Lohn etwas zu kaufen gab, konnten auch die Beschäftigten auf ihre Rechnung kommen. Auf DDR-Plakaten stand: »Ich leiste was, ich leiste mir was.«

Das Selbstverständnis der Arbeitenden im Ostblock hat einer von ihnen klassisch, in einer auch für die DDR gültigen Weise während der Diskussion mit der polnischen Partei- und Staatsführung in der besetzten Warski-Werft in Szczecin Anfang 1971 ausgedrückt: »Wir werden arbeiten, so gut wir können, und Ihr regiert, so gut Ihr könnt.« Die Ungleichheit, die damit akzeptiert war, wird durch den zutreffenden Hinweis auf das notwendige Zusammenwirken im Wirtschaftsprozess nicht aufgehoben. Zwar sitzen alle in einem Boot, aber die einen auf der Ruderbank und die anderen am Steuer. Sozialismus war mal ein Wort für die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse gewesen. Damit hatten die Staaten im Ostblock nur dem Namen nach zu tun. Korrekt sollte deshalb nicht von einem Real-, sondern von einem Nominalsozialismus geredet werden. Was zur Überwindung des Kapitalismus geplant war, erwies sich als eine merkwürdige Klassengesellschaft, die sich ihrer historischen Ð cberlegenheit gar nicht so sicher war.

Spekulation auf den Westen

Schon vor der Verabschiedung des sozialpolitischen Programms hatte der Chef der Staatlichen Plankommission im Februar 1972 auf die fehlende ökonomische Grundlage für eine Reihe von Entscheidungen hingewiesen. Es wurden »relativ reale Leistungspläne« vorgelegt und konnten auch erfüllt wurden. Doch auf dieser Grundlage waren die wohlfahrtsstaatlichen Vorhaben nicht alle erfüllbar. Mit einem chronischen Handelsbilanzdefizit gegenüber dem NSW, dem »nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet«, begann der Anstieg der Westverschuldung. Honeckers Verharmlosung – »Wir haben nicht die Absicht, die Schulden der DDR in zwei Jahren zurückzuzahlen.« – wurde ergänzt durch die Drohung, Kritiker der Verschuldungspolitik würden die Politik des VIII. Parteitags angreifen. Was zumindest das Ende einer Karriere bedeutete. Die Verschuldung gegenüber dem Westen stieg von 2,2 Milliarden DM 1970 auf 11 Milliarden 1975 und 24 Milliarden 1980.

Immer wieder analysierten DDR-Experten in den folgenden 15 Jahren sachlich die aktuellen Schwierigkeiten. Die politische Führung nahm diese Analysen zur Kenntnis, hielt sie aber unter Verschluss. Statt ihren Kurs zu korrigieren, versuchte sie, sich ohne wesentliche Änderungen und ohne öffentliche Debatte durchzuwursteln. Die Folgen waren nicht geheim zu halten. Zwar blieb der Rückstand in der Produktivität zur BRD konstant, aber dafür wurde in immer mehr Bereichen auf Verschleiß gefahren. Seit Anfang der 70er Jahre sank die Rate der Investitionen im produktiven Bereich, in der Landwirtschaft, in Teilen der Industrie, in Verkehr und Bauwirtschaft.


Übertriebene Befürchtungen
Der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Volkskammer, Richard Schröder, war ein Kind der DDR. Dem Hallenser Parteitag der SPD-Ost im Juni 1990 berichtete er über die Koalitionsverhandlungen mit der Ost-CDU: »Wir haben in der Vorverständigung der Neunergruppe entschieden, das Innenministerium nicht vorrangig anzustreben, und zwar aus einer geschichtlichen Erinnerung: Noske. Wir wollten nicht das Oberkommando über die Polizei haben, wenn es in diesem Land zu sozialen Unruhen kommen sollte. Andererseits ist uns das Innenministerium in den Verhandlungen selbst nie angeboten worden. So war es und nicht anders. Wohl aber ist uns ein Staatssekretär angeboten worden. Wir sind jetzt beim dritten
Versuch, diesen Posten zu besetzen und hoffen, in der nächsten Woche endlich zum Erfolg zu kommen. Denn wir wollen uns auch an dieser Stelle nicht vor der Verantwortung drücken.« Welch ein Beispiel von Verantwortungsbereitschaft. Tatsächlich waren Schröders Befürchtungen weit übertrieben. Auch im neuen System setzten gelernte DDR-Bürger auf gewaltfreien Widerstand.


Eine Zeitlang funktionierte das. Ab der zweiten Ölkrise, der Hochzinsphase auf den Finanzmärkten und der Krise in der Sowjetunion Anfang der 80er Jahre funktionierte es nicht mehr.

Die DDR hatte über Jahre das Preisgefälle zwischen den nachlaufenden Erdölpreisen im RGW und den höheren Weltmarktpreisen genutzt, um den Anstieg der Westverschuldung zu begrenzen. Im August 1981 teilte der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew Honecker mit, dass nicht nur Lieferungen von Agrarprodukten, sondern auch von Erdöl an die DDR reduziert werden müssen. Auf die Ankündigung einer Kürzung der sowjetischen Lieferungen von 19 auf 17 Millionen Tonnen pro Jahr schrieb Honecker am 4. September 1981 nach Moskau: »Offen gesagt, damit würden die Grundpfeiler der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik untergraben.«

Austerität in den Farben der DDR

Die sowjetische Führung konnte jedoch nicht nachgeben. Sie regierte ein Land, das sich von den Verlusten des Zweiten Weltkriegs nie wirklich erholen konnte und mit knapp 25 Prozent der globalen Wirtschaft fast 50 Prozent der globalen Rüstungen realisieren sollte. Die DDR reagierte auf die Lieferkürzungen mit einem ökonomischen Gewaltakt, in dem bis Ende 1983 fast alle Heizungssysteme von Heizöl auf Braunkohle umgestellt wurden. Hierzu waren Investitionen in Höhe von über 13 Milliarden Mark nötig, die nun an anderer Stelle fehlten. Der Volksmund taufe die ETU, die Energie- technische Umstellung, um in »Erichs teuerstes Unternehmen«. Um Devisen zu erwirtschaften, verkaufte die DDR zu diesem Zeitpunkt alles in die Welt, wofür sich Käufer fanden. Westberlin und Hamburg durften große Mengen Müll in die DDR entsorgen, und während des ersten Golfkrieges zwischen Iran und dem Irak lieferte die DDR Waffen und Munition – an beide Seiten.

Das Programm war erfolgreich. Vor allem Überschüsse im Außenhandel reduzierten die Westverschuldung von ihrem Höhepunkt, 25 Milliarden DM 1982, auf noch 15,5 Milliarden 1985. Die Milliardenkredite aus der Bundesrepublik gab die DDR nicht aus, sondern setzte sie zum weiteren Aufbau von Guthaben bei westlichen Banken ein, die ihre Kreditwürdigkeit unterstreichen sollten. Ein großer Teil dieser Geldgeschäfte erschien allerdings nicht mehr in den offiziellen Wirtschaftsunterlagen der Staatlichen Plankommission, sondern wurde jenseits des Planes über den Bereich Kommerzielle Koordinierung abgewickelt, der seit 1972 als »Devisenausländer« firmierte. Wissen über die Devisenlage war absolutes Herrschaftswissen. Selbst höchste Wirtschaftsfunktionäre hatten keinen Einblick in die Entwicklung der Westverschuldung.

In der Verrechnung der DDR drückte der »Richtungskoeffizient« den internen Aufwand für die Erwirtschaftung von Devisen aus. 1971 hatte man für eine DM einen Inlandsaufwand von etwa 1,80 DDR-Mark benötigt. Mit der zweiten Ölkrise sprang dieser Wert bis 1981 auf 2,60. In der Exportoffensive 1983/84 konnte er zwei Jahre lang unter 2 Mark gedrückt werden. Die DDR konnte zum letzten Mal etwas aufholen. 1985 erreichte das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 56 Prozent des BRD-Niveaus. Nur kam von dieser Art Fortschritt bei der Bevölkerung immer weniger an.

Der Preis der Austeritätspolitik war nicht so hoch wie in Rumänien, aber er war hoch. Die sächsischen Dreckschleudern in Böhlen und Espenhain, wie die energiefressende Kohlechemie, wurden weiterbetrieben. Die Braunkohleförderung stieg von 258 Millionen Tonnen 1980 auf 312 Millionen Tonnen 1985, bei steigenden Förderkosten. Die Schwefeldioxidemissionen, Verursacher von saurem Regen und Waldsterben, nahmen von 4,2 auf 5,3 Millionen Tonnen zu. In den ökologischen Katastrophengebieten des Landes war die Umweltkrise ein alltägliches soziales Problem. Die Proteste im Herbst 1989 waren im Süden der DDR besonders stark.

Auf die DDR-Landwirtschaft entfielen auch in den 80er Jahren noch etwa 10 Prozent aller Beschäftigten, weil alte und verschlissene Technik nicht ersetzt wurde. In der Industrie waren etwa 10 Prozent der Beschäftigten nur mit Reparaturen beschäftigt. Reformen der Erzeugerpreise trugen den gestiegenen Produktionskosten Rechnung. Die Diskrepanz zu den festen Preisen für den Grundbedarf erforderte wachsende Subventionen, die aus dem Staatshaushalt beglichen werden mussten.

Final countdown

1986 brach der Ölpreis auf dem Weltmarkt ein, für den Außenhandel der Sowjetunion und die Politik ihres neuen Generalsekretärs Michail Gorbatschow eine Katastrophe, für die DDR das Ende der lukrativen Weiterverarbeitung sowjetischen Erdöls für die Westmärkte. 1986 erreichte sie im Westhandel noch knapp eine schwarze Null, danach nahm die Westverschuldung wieder zu. Mit der Ausweitung des Mikroelektronikprogramms wollten Honecker und sein Wirtschaftskommissar Günter Mittag noch einmal das Ruder herumreißen. Im September 1988 überreichten die Vertreter des Zentrums Mikroelektronik Dresden dem Politbüro das Muster des Megabit-Speicherchips. Eine beachtliche Entwicklungsleistung, aber 1 Megabit sind 125 Kilobyte – entsprechende Speicherchips waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Weltmarkt schon in großen Stückzahlen für einen Bruchteil der DDR-Produktionskosten zu haben. Von einer Serienproduktion war die DDR Jahre entfernt. Ende 1988 gelang es  nur mit politischem Druck, einen Volkswirtschaftsplan für das Folgejahr zusammenzunageln. Angesichts des Rückstandes im technologischen Wettlauf sagte Hans-Peter Krüger, der Vordenker der reformorientierten Parteiintelligenz, der DDR den Abstieg »in eine obere Gruppe von Entwicklungsländern« voraus.

Im Sommer 1989 hatte sich auch die weltpolitische Lage geändert. Nun konnten Zehntausende DDR-Bürger es ihrer Staats- und Parteiführung nachmachen: Angesichts der unlösbaren Probleme im eigenen Land wichen sie über Ungarn oder Prag in die Zusammenarbeit mit dem westlichen Kapital aus. Sie konnten nur ihre Arbeitskraft anbieten, aber sie waren zuversichtlich, sich auch im Westen behaupten zu können, gut ausgebildet und Arbeit gewohnt. Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit betrug in der DDR 1960 Stunden. In der Bundesrepublik waren es 1736 Stunden. Mit einem Wort: Abhängig Beschäftigte suchten einen besser bezahlten Job.

Millionen andere blieben und setzten die Politbürokratie unter Druck. Und die reagierte nach scheinbar bewährtem Muster: In einem Gespräch mit Rudolf Seiters, dem Chef des Bundeskanzleramtes, und dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble trug der DDR-Unterhändler und Leiter des Bereiches Kommerzielle Koordinierung Alexander Schalck-Golodkowski am 6. November 1989 Vorstellungen über die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit vor. Es ging wesentlich um neue Kredite in Höhe von insgesamt 10 bis 15 Milliarden DM. Schalck stützte sich dabei auf eine »Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen«, die Planungschef Gerhard Schürer, Außenhandelsminister Gerhard Beil, Finanzminister Ernst Höfner, Statistikchef Arno Donda und er selbst zum 30. Oktober 1989 für das Politbüro erarbeitet hatten. Darin stellten die Planer fest, dass die »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« weder die Zustimmung der Bevölkerung noch  den benötigten Leistungszuwachs der DDR-Volkswirtschaft gebracht hatte. Die Planer sahen die Zahlungsunfähigkeit des Landes in wenigen Jahren voraus. Und dann? Zusammenbruch des Außenhandels, Fehlen lebenswichtiger Importe. Schalck-Golodkowski häufte bereits eine kleine Goldreserve für den nationalen Notstand an, gut 20 Tonnen im Wert von etwa 500 Millionen DM.

Die Analyse hielt die soziale und ökonomische Lage nur noch unter Nutzung milliardenschwerer Kredithilfen aus dem Westen für beherrschbar. Die Antwort des Bundeskanzlers erfolgte am 8. November im Bundestag: »Wir wollen nicht unhaltbar gewordene Zustände stabilisieren. Aber wir sind zu umfassender Hilfe bereit, wenn eine grundlegende Reform der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR verbindlich festgelegt wird.« – Oder: Geld ist da, aber nur zu unseren Bedingungen.

In den DDR-Diskussionen Ende 1989 wurde heftig um die Höhe der Westverschuldung gestritten: Waren es 49 oder 38 Milliarden? Lange Jahre der Geheimniskrämerei hinterließen Verwirrung selbst im Politbüro. Tatsächlich waren es Ende 1989 etwa 20 Milliarden DM. Aber die DDR war nicht deshalb am Ende, weil man solche Schulden aufgehäuft hatte, sondern weil diese Auslandsschulden das Ergebnis ungelöster interner Konflikte waren: Was sollte wie, mit welchen Mitteln produziert werden? Wie sollte es weitergehen, wenn im Westen die Bereitschaft zur Stützung der DDR-Politbürokratie entfallen war, da man den ganzen Laden selbst übernehmen konnte? Um Druck aus dem Kessel zu nehmen, sollte Anfang November den DDR-Bürgern Reisefreiheit gewährt werden. Doch auf die bloße Ankündigung im Fernsehen zogen die einfach zur Grenze und überzeugten die Wachen, sie ohne Befehl von oben durchzulassen. Der Druck nahm nicht ab, sondern zu. Die schrittweise Demontage de r paralysierten Machthaber räumte den Blick frei auf die reale Situation.

Ein Land geht in den Westen

Ende November versuchten Intellektuelle in Ost-Berlin mit dem Aufruf »Für unser Land« für eine Neugründung der DDR zu mobilisieren. Zu diesem Zeitpunkt war die Bevölkerung in der prinzipiellen Haltung zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten schon gespalten, etwa 50/50. In einem differenzierten Feld unterschiedlicher Interessen und verschiedener Vorhaben für eine selbständige DDR, in dem eine Vielzahl von Resolutionen und Aufrufen entstand, nimmt die Unterschriftenaktion »Für unser Land« eine singuläre Stellung ein. Einerseits wurde mit der Aufforderung zur Unterschrift der faktisch nicht existenten Übereinstimmung in der Bevölkerung Rechnung getragen und eine politische Stellungnahme provoziert. Andererseits aber ignorierte der Aufruf diese Interessengegensätze, indem wiederum »das Volk« zur handelnden Person verklärt wurde. Der idealistische Zug des Aufrufs, der auf verwurzelte moralisch-ökonomische Normen verweist, schlo ss eine aufklärerische Auseinandersetzung um die verschiedenen Bedürfnisse und gegensätzlichen Interessen in der angerufenen Bevölkerung aus. Die Erstunterzeichner waren überzeugt, dass eine Verteidigung der DDR nur unter Berufung auf höhere Werte zu begründen – und nur mit massiver Unterstützung aus dem Ausland durchzuführen sei. Denn es drohte eine neue, nun vielleicht selbstorganisierte Sparpolitik. Das wollte niemand. Gegen die BRD traute man sich eine eigenständige DDR nicht zu, mit ihr war sie nicht zu haben. 

Keinem Land des Ostblocks war es gelungen, ein neues Entwicklungsmodell der Ökonomie durchzusetzen. 1989/90 entschied sich, dass es in all diesen Ländern keinen emanzipatorischen Aufbruch geben würde. Nicht die Streikbewegungen von Workuta bis zum Kusbass und die Sowjets der Arbeitskollektive gestalteten das Ende der Gorbatschowschen Perestroika, sondern die Politbürokratie machte sich auf den Weg der Privatisierung. Die letzten Vertreter des Selbstverwaltungs-Programms der Solidarność waren so demoralisiert, dass sie (wie auch die Vertreter der alten marxistisch-leninistischen Staatspartei PZPR) im polnischen Parlament dem Balcerowicz-Plan einer marktwirtschaftlichen Schocktherapie zustimmten. CSSR, Rumänien, Ungarn, Bulgarien – die DDR war keine Ausnahme, nur ihr Weg in den Kapitalismus fiel besonders aus.

Deutsche Schocktherapie

Die Blaupause zum Anschluss der DDR lieferte das Bundesministerium der Finanzen. Die Bonner Beamten waren sich sicher: Nur von einer gesamtdeutschen Regierung könnten die wirtschaftliche Krise und die unausweichlichen sozialen Konflikte im Übergang zur Marktwirtschaft beherrscht werden. Investitionen zum Umbau der Wirtschaft setzten Rechtssicherheit und Gewinnchancen voraus. Insbesondere die Abwanderung von Arbeitskräften aufgrund des erheblichen Lohngefälles zwischen Ost und West sahen die Experten als ein unlösbares Problem einer eigenständigen DDR. Auf einer Klausurtagung des Bundesfinanzministeriums am 30. Januar 1990 standen die Eckpunkte des Konzeptes fest: Kein mittelfristiger, schrittweiser Prozesses. Stattdessen die baldige und schlagartige Einführung der D-Mark in der DDR, gleichzeitige Herstellung der rechtlichen Voraussetzungen marktwirtschaftlicher Beziehungen (freie Preisbildung und Abbau von Subventionen, Gewerbefreiheit usw.), die Aufgabe der wirt schaftlichen und politischen Eigenständigkeit der DDR und ein Staatsvertrag über die Wirtschafts- und Währungsunion als »ein erster Schritt zur Herstellung der staatlichen Einheit nach Artikel 23 des Grundgesetzes«. So sollte verhindert werden, dass die DDR die DM bekommen, aber vielleicht ein wenig Planwirtschaft behalten könne.

Am 6. Februar proklamierte Helmut Kohl offiziell das »Angebot der DM« und machte die Währungsunion zum Wahlprogramm der »Allianz für Deutschland«, die er am Tag zuvor aus der Taufe gehoben hatte. Am 8. Februar legte das Finanzministerium ein ausbalanciertes Gerüst für vertragliche Regelungen mit der DDR vor. Weder die DDR-Regierung unter Hans Modrow, noch die Reste der Opposition hatten dem etwas entgegenzusetzen. Die freien Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 konnte nur noch zwischen verschiedenen Varianten der Selbstaufgabe der DDR entscheiden, eine Selbstaufgabe, die aus der lange gewachsenen Enttäuschung über die Möglichkeiten des »real existierenden Sozialismus« entstanden war. Gegner von Kapitalismus und »Wiedervereinigung« hatten nicht viele Freunde, weder im Osten noch im Westen.

Noch vor der Volkskammerwahl waren am 1. März in Hannover bei einem ersten Treffen der neuen DDR-Gewerkschaftsführung mit DGB- Chef Ernst Breit deutliche Differenzen erörtert und zugleich gemeinsame Arbeitsgruppen vereinbart worden. Diese Arbeitsgruppen sollten ihre Tätigkeit Ende März aufnehmen. Am 7. März stellte der DGB- Bundesausschuss seine positive Position zur deutschen Einheit vor, worin man sich nachdrücklich vom FDGB distanzierte. Am 9. März trafen sich Ernst Breit und Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann in Düsseldorf. In der anschließend publizierten Erklärung verkündeten die Sozialpartner die Notwendigkeit einer marktwirtschaftlichen Umgestaltung der DDR. Diese sei Voraussetzung für die dringend nötigen Investitionen. Die institutionelle Regelung der Arbeitsbeziehungen solle in der DDR nach bundesdeutschem Vorbild eingerichtet werden. Mit großer Selbstverständlichkeit einigte man sich auch über die Unerlässlichkeit b esonderer Tarifgebiete-Ost, in denen »das Lohnniveau zunächst noch deutlich unter dem bundesdeutschen Standard liegen« würde. Die sozialpartnerschaftliche Einführung der »Sozialen Marktwirtschaft« sollte nach Auffassung der Gewerkschaften mittelfristig eine Niedriglohnkonkurrenz im eigenen Land verhindern, die IG-Metall-Chef Franz Steinkühler schon im November 1989 »gleich hinter Wolfsburg« entstehen sah.

Angesichts der Öffnung gegenüber dem Weltmarkt und ihrer geringen Liquidität brauchten die DDR-Betriebe nach dem 1. Juli 1990 sofort neue Kredite zur Begleichung der laufenden Kosten. In der Treuhand begannen Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater im Auftrag des Bundesfinanzministeriums, der sogenannte Leitungsausschuss, stillzulegende Unternehmen auszusortieren. Die Schließung von Böhlen, Espenhain und der Kohlechemie war beschlossen. Die Effektivität der Nahrungsgüter- und Baustoffindustrie war unzureichend, ihre Rationalisierung unerlässlich. Daneben gab es jedoch interessantere Betriebe, so im Maschinenbau, in der Energieproduktion und auch in der chemischen Industrie, etwa das Petrolchemische Kombinat Schwedt, die sehr wohl voll weiter produzierten, zum Teil aufgrund von Exportaufträgen aus Osteuropa. Dafür standen die deutschen Großbanken bereit: Sie stellten gegen Bürgschaften der Treuhandanstalt oder nach eingehender Prüfung Kredit e zu Marktkonditionen bereit.

Desinteresse an den einen und Interesse an anderen Produktionen waren zwei Seiten einer Medaille: der Umstellung auf die Zielgröße Profit. Die Industrieproduktion fiel bis Ende 1990 um gut 50 Prozent. Die Arbeitslosigkeit im Ausschlussgebiet stieg auf fast 600 000, bei zusätzlich 1,7 Millionen Kurzarbeitern. In den Chefetagen hatte sich noch nicht viel geändert, an den Arbeitsplätzen schon. Die Konkurrenz zog ein und jede:r musste sehen, wo er blieb.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug 1991 im Osten nur noch ein Drittel des Westniveaus. Und das auch nur, weil umfangreiche Transfers den völligen Absturz verhinderten. Der folgende »Aufschwung Ost« dauerte knapp sechs Jahre. Er führte die ostdeutsche Transfergesellschaft, die dauerhaft mehr verbrauchte als produzierte, auf etwa 60 Prozent des Westniveaus. Dann brach der Aufholprozess für zehn Jahre ab. Die ostdeutschen Beschwerden über Besserwessis und Verbrecher bei der Treuhandanstalt brachen nicht ab. Sie waren aber nicht als Kritik am neuen System gemeint. Die Währungsunion, die Einführung der DM wurde nicht angegriffen. Sie stand weiterhin für die Teilhabe an deutschen Erfolgen.

Januar 1990. Eine Kneipe in Schwerin. Im Für und Wider über eine Einführung der DM widerspricht niemand dem Einwand, dass dann mindestens ein Drittel der DDR-Betriebe pleite gehen werden. Aber das mache nichts, denn »Das Arbeitslosengeld kriegen wir dann in West!«


Übertriebene Befürchtungen

Der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Volkskammer, Richard Schröder, war ein Kind der DDR. Dem Hallenser Parteitag der SPD-Ost im Juni 1990 berichtete er über die Koalitionsverhandlungen mit der Ost-CDU: »Wir haben in der Vorverständigung der Neunergruppe entschieden, das Innenministerium nicht vorrangig anzustreben, und zwar aus einer geschichtlichen Erinnerung: Noske. Wir wollten nicht das Oberkommando über die Polizei haben, wenn es in diesem Land zu sozialen Unruhen kommen sollte. Andererseits ist uns das Innenministerium in den Verhandlungen selbst nie angeboten worden. So war es und nicht anders. Wohl aber ist uns ein Staatssekretär angeboten worden. Wir sind jetzt beim dritten Versuch, diesen Posten zu besetzen und hoffen, in der nächsten Woche endlich zum Erfolg zu kommen. Denn wir wollen uns auch an dieser Stelle nicht vor der Verantwortung drücken.«

Welch ein Beispiel von Verantwortungsbereitschaft. Tatsächlich waren Schröders Befürchtungen weit übertrieben. Auch im neuen System setzten gelernte DDR-Bürger auf gewaltfreien Widerstand.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025), spezial brddr: 35 Jahre währungs- und sozialunion

So sehen Sieger aus? Kein Gleichgewicht nach dem Gleichgewicht des Schreckens

Erscheint in Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Die goldene Regel der Ethik lautet in einem biederen deutschen Reim: »Was du nicht willst, dass man dir tu’/ das füg auch keinem andern zu.« Im Umgang mit Menschen, die viel Macht haben, war die Berufung auf diese Regel schon immer schwierig. Machthaber gehen einfach davon aus, dass ihnen sowieso nie passieren wird, was sie anderen Menschen antun können. Einfach weil sie genug Macht haben, es zu verhindern. Dass jede Macht Grenzen hat, wird in Zeiten des Erfolges gern verdrängt.

US-Präsident Donald Trump hatte in seiner ersten Amtszeit das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Nun hat er die USA in einen Krieg geführt. Nicht nur, weil er es will. Er wollte schon früher. Sondern weil er es kann. Eine Einschränkung seiner Macht durch eine Entscheidung des US-Kongresses fürchtet er nicht. Skeptiker in den Führungsetagen des US-Militärs, der Geheimdienste und der Diplomatie sind gefeuert. Rücksichten auf isolationistische Strömungen unter seinen Anhängern muss Trump nicht nehmen. Autoritäre Bewegungen müssen nicht homogen sein, sie können sich heftig zerstreiten, ihre Führer können sie nicht absetzen. Tage vor dem Angriff verkündete der rechtsradikale Bewegungskader Stephen Bannon, dass der Präsident es seinen Leuten nur richtig erklären muss. Dafür sei ein Anführer da.

Der Eintritt der USA in den Krieg zwischen Israel und dem Iran ändert zwei Dinge nicht. Zum einen setzen auch die USA allein auf Bombardierungen, das heißt: auf eine militärische Erpressung des Iran. Dazu muss es aber jemanden geben, der dieser Erpressung nachkommt, die aktuelle oder eine andere Regierung. Eine Eroberung und Besetzung des Landes ist nicht beabsichtigt. Nur dann würde man sich von allen weiteren Kompromissen mit einer selbständigen iranischen Staatsmacht unabhängig machen. Fast alle Erfahrungen des Desasters im Irak werden im Weißen Haus gerade ignoriert. Die politischen Rückwirkungen eines unabsehbar langen Kampfeinsatzes von US-Bodentruppen fern der Heimat, ohne Perspektive – diese Erfahrung ist nicht vergessen.

Kein Ende in Sicht

Zum zweiten ist auch nach der schweren Bombardierung eine Lösung nicht abzusehen. Netanyahus Aufrufe zu einer Revolution in Teheran sind lächerlich. Der Krieg gegen den Terror hat gezeigt, wie schwierig ein Regimewechsel und wie unvorhersehbar die Folgen sind. Ohne eine Kapitulation der iranischen Führung in der Frage der Anreicherung von Uran gibt es für die USA und Israel keinen Sieg.

Die NGO Arms Control Association reagierte auf den Angriff in der Nacht vom 21. zum 22. Juni sofort und präzise: »Die US-Militärschläge auf iranische Nuklearziele, darunter den schwer verteidigten, unterirdischen Urananreicherungskomplex von Fordo, können das iranische Atomprogramm zeitweilig zurückwerfen. Doch auf längere Sicht werden Militäraktionen den Iran zu der Erkenntnis drängen, dass Kernwaffen zur Abschreckung nötig sind, und Washington an Diplomatie nicht interessiert ist. Vor dem Beginn der israelischen Bombenoffensive am 13. Juni war es Konsens unter den US-Geheimdiensten, dass der Iran keine Entscheidung über den Bau einer Bombe getroffen hat und Monate, wenn nicht länger, davon entfernt war, eine sehr einfache Bombe zusammenzubauen. Vor Beginn des israelischen Angriffs war man sich einig: Es bestand keine unmittelbare Gefahr, dass der Iran sein Atomprogramm waffenfähig machte.

Militärschläge allein können die umfangreiche iranische Expertise in Nukleartechnologie nicht zerstören. Die Angriffe werden das iranische Programm zurückwerfen, aber nur um den Preis, dass die Entschlossenheit Teherans zur Wiederherstellung seiner entscheidenden Atomprogramme zu stärken, möglicherweise einen Rückzug aus dem Atomwaffensperrvertrag zu erwägen und möglicherweise die Militarisierung des Uranprogramms einzuleiten.«

Sehnsucht nach der guten alten Welt?

Heute wird zuweilen vergessen, mit welcher Erleichterung das Ende des Kalten Krieges aufgenommen wurde. Die Anzahl der verfügbaren Atomsprengköpfe sank von 1986 etwa 64.000 auf etwa 12.000 heute. In Europa kam noch die konventionelle Abrüstung im Rahmen des KSZE-Prozesses dazu. Gewaltige Ressourcen wurden so für den Aufbau einer anderen Welt freigesetzt.

Doch wofür wurden sie genutzt? Welche Welt ist in den letzten 35 Jahren errichtet worden? Der Golfkrieg 1991 zeigte sogleich, dass keine neue Welt des Friedens ausgebrochen war. Damals schrieben Linke von einer »neuen Weltordnung«, die von den USA dominiert werde. Tatsächlich ist es eine Weltunordnung und es geht nicht immer nur um die USA. Selbst zu Zeiten des Kalten Krieges waren auch die beiden Supermächte auf lokale und regionale Verbündete angewiesen. Schon damals bekamen beide Seiten eines solchen Bündnisses nicht immer, was sie wollten. Zum Beispiel an der Frage der Produktion und des Zugangs zu Atomwaffen zeigten sich heftige Konflikte zwischen und in den weltpolitischen Lagern. Weder die USA noch die Sowjetunion wollten hier Konkurrenz.

Zwei plus Sieben

Es gab und gibt nur zwei atomare Supermächte. Verglichen mit den USA und Russland sind die Bestände der Atommächte Großbritannien, Frankreich und China deutlich geringer. Faktisch verfügen heute noch eine Reihe weiterer Länder über solche Massenvernichtungswaffen: Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Das widerspricht dem Programm des Atomwaffensperrvertrages von 1968. Indien, Pakistan und Israel haben den Vertrag nicht unterzeichnet. Nordkorea unterschrieb 1985, ist aber 2003 ausgetreten.

In der Präambel bekennen sich die Teilnehmerstaaten zu dem Ziel, »zum frühestmöglichen Zeitpunkt die Beendigung des nuklearen Wettrüstens herbeizuführen und auf die nukleare Abrüstung gerichtete wirksame Maßnahmen zu ergreifen«. Und Artikel VI legt ausdrücklich fest: »Jede Vertragspartei verpflichtet sich, in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung sowie über einen Vertrag zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter strenger und wirksamer internationaler Kontrolle.« Nur wenige Staaten besaßen Atomwaffen und haben auf sie verzichtet: Südafrika und drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion: die Ukraine, Kasachstan, Belarus. Alle aktuellen Kernwaffenstaaten planen heute, für eine unbegrenzte Zeit an diesen Massenvernichtungswaffen festzuhalten. Die wichtigsten Kernwaffenstaaten verletzten damit den Vertrag, dem sie 1968 (USA, Sowjetunion, Großbritannien) oder 1992 (Frankreich, Volksrepublik China) beigetreten sind.

Israel ist eine nichtoffizielle Atommacht. Der Bestand an Kernwaffen, über die das Land verfügt, wird auf etwa 90 geschätzt. Mit den dazugehörigen Trägermitteln sind sie die ultimative Abschreckungswaffe. Das heißt, sie einzusetzen ist gleichbedeutend mit der totalen politischen Niederlage. Das ist das nukleare Tabu: Ein Einsatz von Kernwaffen mag auf dem Papier kalkulierbar sein, mag ebenso geplant werden wie ein konventioneller Krieg. Und selbstverständlich existieren Berechnungen über Zerstörungsradien und mögliche Verluste, auf dem Papier. Die Explosion eines nuklearen Sprengkopfs wird als ein lokales Ereignis betrachtet. Alle Politiker und Militärs egal welchen Landes wissen, es ist ganz anders. Der DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker sprach in den 1980er Jahren öffentlich über Atomwaffen als »Teufelszeug«. Den sowjetischen Genossen gefiel das nicht: Bloß weil es stimmt, muss man es ja nicht sagen. Wer keine göttliche Rechtfertigung vorzeigen kann, kann den Einsatz von Kernwaffen nicht rechtfertigen. Nur gibt es auch viele politische Entscheidungen ohne Rechtfertigung.

Das iranische Atomprogramm

Erklärtes Ziel der israelischen und US-amerikanischen Luftangriffe ist es, den Iran an der Produktion von Kernwaffen zu hindern. Der Iran unterzeichnete den Atomwaffensperrvertrag 1968. Offiziell vertritt die iranische Regierung die Position, dass sie den Bau von Kernwaffen nie angestrebt hat und eine Urananreicherung nur zu zivilen Zwecken betreiben. Doch die Ausweitung der Anreicherung wurde mindestens als Druckmittel eingesetzt. Das war ein riskantes Spiel. Das Beispiel Nordkorea zeigt: Ein Aufstieg zu einem Kernwaffenstaat ist möglich. Aber erst wenn es geklappt hat, ist die Staatsführung sicher.

Sicher ist die iranische Staatsführung nicht. Die islamistische Diktatur im Iran hat das Land in eine Sackgasse manövriert. Politisch ist der »Kampf gegen den Zionismus« der letzte Rest des globalen Anspruches der islamischen Revolution im Iran. Es war ein Feld, auf dem die arabisch-sunnitischen Regime am Golf unter Druck gesetzt werden sollten. Für die Bevölkerung des Iran hat es, wenn überhaupt, eine ideologische Bedeutung. Mit den Konflikten im Iran, mit den Alltagsproblemen einer Bevölkerung von 90 Millionen Menschen hat es nichts zu tun. Die »Frau-Leben-Freiheit«-Proteste 2022 sind nicht vergessen.

Durch die Straße von Hormuz werden noch immer etwa 20 Prozent der Welterdölexporte verschifft. Doch in den letzten Jahren ging das globale Gewicht des Nahen und Mittleren Ostens zurück. Seine Energiereserven haben nicht mehr die Bedeutung wie Mitte der Siebziger Jahre. Damals entfielen auf den Mittleren Osten stabil über 36 Prozent der globalen Erdölproduktion. In diesem Jahrhundert lag der einsame Höhepunkt bisher im Jahr 2016 bei nur 34 Prozent. Nordamerika war trotz eigener Förderung bis 2018 immer ein Nettoimporteur von Erdöl. Seit 2019 gibt es einen Überschuss. 2023 verbrauchten sogar die USA allein – ohne Kanada – weniger Erdöl, als im eigenen Land gefördert wurde. Aufgrund sinkender Nachfrage geht der Ölverbrauch in Europa insgesamt und in der EU langsam zurück. Massiv zugenommen hat der Erdölverbrauch in Südostasien. Wenn morgen aufgrund des Krieges der Iran versuchen würden, diesen Seeweg zu sperren, dann würde das unter den Abnehmern vor allem Indien, treffen, aber auch China. Der alte Gegensatz zwischen dem Iran und den arabischen Golfstaaten würde massiv verschärft.

Israel: Ende der Abschreckung

Für die Mehrheiten in Israel geht es dagegen um die eigene Existenz. Die Regierung Netanyahu wie ihre Vorgänger verfolgten lange eine Abschreckungsstrategie. Irgendein Kompromiss mit den Palästinensern schien unnötig. Mit dem Blick auf die großen militärischen Möglichkeiten der israelischen Armee sah man die bloße Drohung eines Einsatzes für ausreichend an, um einen effektiven Angriff auch nur auf Teile Israels auszuschließen. Dieses Kalkül erwies sich am 7. Oktober 2023 als Illusion. Deshalb konnte die israelische Regierung seither die nötigen Ressourcen für eine Zerschlagung der Achse des Widerstands mobilisieren. Die Hamas und die Hisbollah sind militärisch besiegt. Die Reaktion des Iran waren erstmalig direkte Raketenangriffe auf Israel im April und Oktober 2024. Sie zeigten nur, wie weit der Angreifer unterlegen war. Die folgenden israelischen Luftangriffe zerstörten wesentliche Elemente der iranischen Luftabwehr. Anfang Dezember fiel das Regime in Syrien, ein letzter Verbündeter des Iran. Gaza ist aus den Schlagzeilen, solange keine Deportation der Bewohner aus dem Küstenstreifen organisiert wird. Auch anderswo ziehen sich ungelöste, blutige Konflikte hin: Im Ostkongo, Sudan, Somalia, …

Der islamistische Traum einer Vernichtung des Zionismus ist auch zerplatzt. Israel verfügt über ganz andere Ressourcen und setzt sie seit dem 7. Oktober rücksichtslos ein. Die israelischen Luftstreitkräfte sind in der Lage, die 1600 Kilometer zwischen Tel Aviv und Teheran selbständig zu überwinden. Sie waren über dem Iran in wenigen Stunden erfolgreicher als Russland in der direkt benachbarten Ukraine in Jahren. Die ukrainische Luftabwehr hält die russischen Bomber auf Abstand. Israel hat die Luftherrschaft über dem Iran erobert und den US-Bombern den Weg freigemacht. Das ist mit modernen Waffensystemen möglich, ohne auf Nuklearwaffen zurückzugreifen.

Der Rest der Welt

Einen direkten Einfluss auf die kriegführenden Staaten haben andere Länder nicht. Doch auf nur einen Tag diplomatischer Gespräche zwischen dem Iran, der EU, Großbritannien, Frankreich und Deutschland reagierte Donald Trump flink mit der Behauptung: »Iran will nicht mit Europa reden, sie wollen mit uns reden.« Europa könne den USA »in dieser Sache nicht helfen.« Keine 36 Stunden später war klar, was gemeint war: Niemand hat etwas zu sagen, wenn die USA Bomben werfen. Nur hat die Empfindlichkeit Trumps tiefere Wurzeln. Allein Entscheidungen zu treffen ist souverän. Die Folgen souveräner Entscheidungen allein zu tragen ist riskant.

Radien, außerhalb derer technische Kampfmittel bei einer Erddetonation kampffähig bleiben:
Aus einem Ausbildungsbuch der Nationalen Volksarmee der DDR

Ein Ende des Konfliktes um das iranische Atomprogramm ist nicht abzusehen. In Washington haben sicher manche Experten das warnende Beispiel Russlands vor Augen. Russland ist eine atomare Supermacht, aber auch nur das. In der Ukraine hat es sich übernommen. Die militärischen Möglichkeiten der USA sind ungleich größer, für eine Eroberung des Irans reichen sie nicht. Was also, wenn die Führung in Teheran nicht nachgibt? Die Auseinandersetzungen im eigenen Land werden zunehmen. Die Abhängigkeit der USA von ihren geschmähten Verbündeten wird sich erhöhen. Alleingänge werden schwieriger, wenn die Abhängigkeit von den Verbündeten wächst. Anfang Juli läuft die aktuelle Frist für eine Neuregelung der US-Zollpolitik gegenüber der EU aus.

Welche Prinzipien?

Von Regierungen wird prinzipieller Widerspruch nicht kommen. Juristische Bedenken gegen einen präventiven Angriff spielen keine Rolle. Die Frage ist, ob eine demokratische Linke nicht nur Macht kritisieren kann, sondern auch dazu beiträgt, Macht zu kontrollieren. Ihre Sache war einmal verloren, als die Leute aufhörten, die Macht zu kontrollieren, die sie selbst für ein großes Ziel, eine historische Mission einsetzen wollten. Am Ende wandten sich die Bevölkerungen im Ostblock dem Kapitalismus als dem kleineren Übel zu. Die Sieger des Kalten Krieges haben den Frieden verloren und tun so, als ob das nichts heißt. Sie können das, weil ihre Herrschaft nicht in Frage steht. Die aktuelle Epoche der Weltwirtschaft und Weltpolitik begann 1989 und dauert an.

Und nun? In den Zeiten des Kalten Krieges schrieb Friedrich Dürrenmatt ein Theaterstück über den Versuch, durch höchsten persönlichen Einsatz die Menschheit vor der atomaren Katastrophe zu retten. Das Stück spielt in einem Irrenhaus: »Die Physiker«. Die Helden auf der Bühne scheitern. Für das Publikum schrieb er in einem Kommentar: »Wer für sich zu lösen versucht, was alle angeht, wird scheitern.« Die Einsicht ist bis heute gültig. Frieden gibt es nicht im Plural.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Die Grenzen ihrer Sprache sind die Grenzen ihrer Welt

Lohnstückkosten, reale Lohnstückkosten und ganz andere Probleme

Gesamtmetall, der Gesamtverband der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie, macht sich Sorgen. Gestützt auf die Forschungen des Instituts der deutschen Wirtschaft teilte der Arbeitgeberverband Ende Januar mit, dass die Lohnstückkosten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie über denen der Wettbewerber lägen:

»Im vorliegenden Vergleich weist die deutsche M+E-Industrie zwar die höchsten Löhne, aber nicht die höchste Produktivität auf. Im Resultat liegen die Lohnstückkosten rund 14 Prozent über dem Durchschnitt wichtiger Wettbewerber.«

Bei den Konkurrenten wird unterschieden zwischen den »traditionellen Wettbewerbern« – das waren Österreich, Belgien, Dänemark, Griechenland, Spanien, Finnland, Frankreich, Italien, Japan, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Schweden, das Vereinigte Königreich und die USA – und den »neuen Wettbewerbern« Bulgarien, Zypern, Estland, Kroatien, Ungarn, Lettland, Malta, Polen, Rumänien, Slowenien, Slowakei, Tschechien und Litauen. Wohlgemerkt, weder China noch Indien tauchen auf dieser Liste auf. Doch selbst ohne Berücksichtigung der Schwellenländer liege die deutsche Industrie zurück. Als Gegenmittel werden eine Steigerung der Produktivität, eine Senkung der Lohnnebenkosten oder eine Verlängerung der Arbeitszeit vorgeschlagen.

Was die Beschreibung der Lage betrifft, äußert sich die amtliche Statistik ähnlich: »Die Arbeitsproduktivität, gemessen als preisbereinigtes BIP je Erwerbstätigenstunde, stagnierte ersten Berechnungen zufolge im Jahr 2024 nahezu (-0,1%). Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen verringerte sich die Arbeitsproduktivität um 0,4 %. Die durchschnittlichen Lohnkosten, gemessen als Arbeitnehmerentgelt pro Kopf beziehungsweise pro Stunde, stiegen im Jahr 2024 kräftig (+5,2% beziehungsweise +5,3%). Folglich nahmen die Lohnstückkosten – definiert als Relation der Lohnkosten zur Arbeitsproduktivität – zu. Sowohl nach dem Stundenkonzept (+5,4%) als auch nach dem Personenkonzept (+5,5 %) waren die Lohnstückkosten deutlich höher als 2023. Verglichen mit dem Jahr 2019 waren die Lohnstückkosten je Stunde sogar um 20,8% höher.«

Dann allerdings folgt beim Statistischen Bundesamt ein Satz, der dem Alarmismus von Gesamtmetall nicht entspricht: »Der Anstieg liegt jedoch im Durchschnitt der EU-Mitgliedstaaten.«

Es gibt noch ein weiteres Problem. Die amtliche Definition der Lohnstückkosten berücksichtigt Preisveränderungen – aktuell also Preissteigerungen – bei der Berechnung der Arbeitsproduktivität. Abgekürzt, wenn auch nicht präzise, schreibt das Statistische Bundesamt vom »preisbereinigten BIP«. Das stimmt strenggenommen natürlich nicht: Ohne Preise könnte man gar kein Bruttoinlandsprodukt ausrechnen. Tonnen von Stahl und Schiffsschrauben, Gebäudereinigung und Gesundheitsdienstleistungen können ohne Preise nicht zusammengezählt werden. Es handelt sich nicht um eine Preisbereinigung, sondern um Bereinigung des Bruttoinlandsproduktes um Veränderungen des Preisniveaus. Wenn bloß ein höherer Preis gezahlt wird, ohne eine Verbesserung des Produkts, steigert das zwar das BIP. Für das »preisbereinigte BIP« wird das aber wieder rausgerechnet – und damit auch für die Berechnung der Arbeitsproduktivität.

Einfach sind solche Berechnungen nicht. Wie die Veränderung von Preisen erfasst wird, wie Qualitätsänderungen berücksichtigt werden, wie die aus den Preisveränderungen verschiedener Waren ein realistischer Durchschnitt bestimmt werden kann – das ist eine Wissenschaft für sich. Aber es ist möglich, und die Ergebnisse solcher wissenschaftlichen Arbeit sollten dann auch verwendet werden.

Sie werden aber nicht immer verwendet. Die zweite Größe, die in die Berechnung der Lohnstückkosten eingeht, sind die Lohnkosten. Hier werden die Preisveränderungen in der amtlichen Definition nicht berücksichtigt. Sachgerecht ist, dass im Arbeitnehmerentgelt nicht nur die ausgezahlten Nettolöhne, sondern auch die Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer berücksichtigt werden. Nicht sachgerecht ist, dass bei den Lohnkosten die Preisveränderungen nicht berücksichtigt werden. Wir müssen in realen Geschäften steigende Preise bezahlen. Deshalb haben die Leute ein Gefühl für das Realeinkommen. Die Statistiker rechnen es so aus: Sie teilen die Einkommensentwicklung durch den Index der Verbraucherpreise. Sie verwenden das Realeinkommen nur nicht bei der Bestimmung der Lohnstückkosten, die damit ein merkwürdiger Zwitter sind: Über dem Bruchstrich steht die nominale Einkommensentwicklung, unter dem Bruchstrich die reale, pr eisveränderungsbereinigte Wertschöpfung.

Was die amtliche Statistik nicht tut, kann man nachholen. Regelmäßig vor Tarifverhandlungen veröffentlichen die Gewerkschaften Berechnungen der »realen Lohnstückkosten«. So kommen die Gewerkschaften zu dem Ergebnis, die deutsche Wirtschaft solle das Jammern lassen und den vorhandenen Verteilungsspielraum anerkennen. Selbstverständlich wissen auch die Ökonomen beim Institut der deutschen Wirtschaft, wie da gerechnet wird. Nur sprechen sie nicht gern darüber. Der Logiker Ludwig Wittgenstein schrieb einst: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Die Grenzen ihrer Sprache sind die Grenzen ihrer Welt. In ihrer Welt soll die Entwicklung der Realeinkommen für die Wettbewerbsfähigkeit im Kapitalismus keine Rolle spielen.

Ebenfalls vom Institut der deutschen Wirtschaft wurde aktuell eine Analyse des leicht gesunkenen Marktanteils der deutschen Exportwirtschaft vorgelegt. Über die Gründe dieser Stagnation gibt es darin aber keine genaue Auskunft: »Insgesamt ist der Befund nicht eindeutig. So hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gegenüber den wichtigsten Handelspartnern auf Basis der verschiedenen realen effektiven Wechselkurse seit 2015 tendenziell leicht verschlechtert, am meisten tendenziell auf Lohnstückkostenbasis. Es erscheint aber kaum plausibel, die leicht verschlechterte preisliche Wettbewerbsfähigkeit als alleinige Ursache für die starke Verschlechterung der deutschen Exportperformance und der deutschen Anteilsverluste bei den globalen Exporten und Importen anzusehen.«

Während Gesamtmetall sich noch ganz sicher gibt, dass ohne Lohndrückerei kein Aufschwung machbar ist, geht diese Analyse etwas unbeholfen von einer deutlich schlechteren »nicht-preislichen Wettbewerbsfähigkeit« aus – um dann festzustellen, dass sich diese »nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit« nicht so richtig messen lasse.

Interessant ist schließlich, dass überhaupt soviel Aufhebens von den Lohnstückkosten gemacht wird. Nach der herrschenden Lehre sollen doch im Außenhandel nur die komparativen Kostenvorteile eine Rolle spielen, die absoluten Kosten dagegen unerheblich sein. Tatsächlich wissen die Unternehmer selbstverständlich, dass es anders ist. Tatsächlich ist die Entwicklung der realen Lohnstückkosten zentral für die Entwicklung der Konkurrenz wie für die Veränderung der realen Wechselkurse der Währungen. Doch lieber wird auf die Untersuchung solcher Zusammenhänge verzichtet, statt auf ein Argument, welches die Belegschaften auf größere Lohnzurückhaltung verpflichtet.

Der Logiker Wittgenstein schrieb auch: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.« Die Schriftstellerin Christa Wolf antwortete darauf: »Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man allmählich zu schweigen aufhören.«

Quellen:

iwconsult für Gesamtmetall: Elfter Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland. Mit den Schwerpunktthemen »Beschäftigung in der M+E-Industrie unter Druck« und »Arbeitszeiten und Lohnstückkosten im Vergleich«.

Jürgen Matthes, Samina Sultan: Deutsches Exportmodell unter Druck – eine Analyse der Exportentwicklung nach 2015. Wirtschaftsdienst 2/2025, 118-124.

Workers of the World, Divide?

Originally published in Lunapark21, issue 64 (Spring 2025) – translated from German (“Proletarier aller Länder, vereinzelt euch?”)

In the summer of 2016, a piece under the above title was published in the newspaper FaktenCheck Europa, where I explored the role of migration as a trigger for nationalist mobilization around Brexit. A few months later, Donald Trump won the U.S. presidency—following a similar script to that of the Brexiteers. By now, hardly anyone denies that Brexit has failed to deliver on any of the promises made by the „Take back control“ campaign. And yet, the right-wing mobilization left a lasting impact. By the time the inevitable damages set in, they could no longer be easily undone.

„Compete for the last job! Join your employer in the battle for market share! Realize that you’re too expensive!“ Donald Trump’s speech before both houses of the U.S. Congress on March 4, 2025, didn’t include these exact words, but it certainly conveyed their meaning. From Elon Musk’s attacks on social benefits and public service workers to the tariff hikes, from claims on foreign territory to the blatant extortion of Ukraine, the U.S. president proudly listed all he has achieved and still aims to achieve.

Reshuffling the World

Commentators are fond of calling Donald Trump a narcissist. But that doesn’t mean he’s the only one who thinks he’s great. His program has a societal base: corporate leaders eager to secure their place in the redivision of global spheres of influence. They rearrange their capital assets and aim to restructure the world with the help of politics. Some observers have even described the process as a “defragmentation” of the global economy.

Users of older Windows computers may still recall the term. The operating system had a tendency to scatter fragments of edited files across the hard drive. Again and again users had to run a defragmentation tool if they didn’t want to wait too long for applications to load. The world economy, after decades of globalization, now shows a high degree of fragmentation. The production of everyday goods is distributed across hundreds of producers in dozens of countries—depending on the most profitable conditions. Across the globe, people cooperate under corporate command, in the name of higher profits. But rising geopolitical uncertainty has cast doubt on this division of labor. A more direct control is the new objective: control over production, over supply chains, over people. Trump’s deportation schemes and tighter border regimes are designed to ensure no one escapes their assigned place in the global hierarchy of inequality.

Some don’t want to escape their assigned places—because some of those places are rather comfortable. And they are fiercely defended. Back in the 2008 financial crisis, the buzzword for key players was “systemic relevance”—“too big to fail.” These days, banks are no longer the stars of the business pages. Even well-informed observers have to look up the name of the U.S. Treasury Secretary—Scott Bessent, billionaire, long-time manager for George Soros. But Trump’s supporters are no longer just IT billionaires. They now include Jamie Dimon, CEO of JPMorgan Chase, the largest U.S. bank. He recently declared an end to his business quarrels with Elon Musk, calling Trump’s tariff hikes no real problem—if only the rest of the world would finally accept them. Yet even Dimon sees cause for concern in rising inflation and global tensions. He has already issued a pre-emptive warning to his shareholders. As for Wall Street’s own role in creating these risks—such as backing a president both pro-capital and authoritarian—he had nothing to say.

Not that the shareholders needed warning. Since April 2024, the markets had welcomed the prospect of a second Trump presidency with rising stock prices—the mere promise of continued tax giveaways to the wealthy was reason enough. But since early December, both the Dow Jones and the broader S&P 500 have been treading water. Trump may disregard the republican institutions of the United States—but he cannot ignore the mood of the capital markets.

The U.S. president has admirers across American society—as long as he is successful. And internationally he is not alone in his ambitions. Like Pope Alexander VI in 1493, Trump and Putin would love to divide the world between them as great men of history. Can they do it? Of course not. They lack the political, economic, and even military power to do so. But that doesn’t mean the current governments of the U.S. and Russia are incapable of inflicting massive suffering. Their power may not be enough to achieve their goals, but it’s more than enough for large-scale destruction. The hope—not only in Washington—is that other states will cave in to cheap blackmail.

Successes and Failures

In fact, even the apparent successes of this policy carry the seeds of its failure. Whatever goals the U.S. government hoped to achieve with its pressure on Ukraine, or with punitive tariffs on Mexico, Canada and China—Donald Trump has, at the very least, succeeded in one long-term goal: European NATO states are rearming. The British Prime Minister is coordinating weapons deliveries to Ukraine. The European Commission is looking to lift the Maastricht restrictions to facilitate national defense plans, mobilizing around 650 billion euros. Additionally, the Commission plans a coordinated procurement program worth 150 billion euros. In Germany, the conservative CDU and the Social Democrats have have joined forces to exempt massive military spending from constitutional debt brake. Trump has won. Yet the rearmament of Europe’s NATO members today is not a contribution to the transatlantic alliance—it is a signal of profound distrust toward the former leader of the free world.

These are the conflicts fought between competing elites. Are there any others? Although majorities in most countries are clearly opposed to war, it has no effect. Wars are started by those in power. And as long as the powerful are not stopped from ruling, wars will end—if at all—on their terms. How could wars be prevented by populations who have been losing the struggle for a modest livelihood for decades, disorganized and without a shared vision of a more hopeful future?

Today’s international politics are built on the defeats of the labor movements in the industrial countries of East and West—and the defeats of anti-colonial liberation movements in the Global South. Organizations attempting to independently articulate the interests of the working classes in their own countries rarely gain national, let alone international significance. As a result, the class struggle has vanished from the global political stage. It will not return through nostalgia for the good old days and their colorfully painted enemy stereotypes. It will return through the fight for peace, here and abroad, for health and clean water, for decent housing and smart textbooks, for free work and free time.

Proletarier aller Länder, vereinzelt Euch?

Im Sommer 2016 erschien in der Zeitung »FaktenCheck Europa« ein Artikel unter obigem Titel, in dem ich der Bedeutung der Migrationsfrage für die nationalistische Mobilisierung in der Brexit-Kampagne nachging. Wenige Monate später gewann Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl. Er folgte demselben Muster wie die Brexetiers. Inzwischen bestreitet kaum jemand mehr, dass der Brexit keines der Versprechen erfüllt hat, mit denen die »Take back control«-Kampagne angetreten war. Die rechte Mobilisierung war dennoch nachhaltig wirksam. Als die absehbaren Schäden eintraten, waren sie nicht mehr leicht rückgängig zu machen.

»Konkurriert um den letzten Arbeitsplatz! Zieht mit Eurem Arbeitgeber in die Schlacht um Marktanteile! Seht ein, dass ihr zu teuer seid!« Die Rede Donald Trumps vor beiden Häusern des US-Kongresses am 4. März 2025 enthielt nicht den Wortlaut dieser Aufforderungen, nur den Inhalt. Von Elon Musks Angriffen auf die Sozialleistungen und die Beschäftigten im öffentlichen Dienst bis zu den Zollerhöhungen, von den Ansprüchen auf fremdes Territorium bis zur offenen Erpressung der Ukraine lobte sich der US-Präsident für alles, was er bisher erreicht hat und noch erreichen will.

Neusortierung der Welt

Gern beschreiben Beobachter Donald Trump als narzisstisch. Aber das heißt nicht, dass nur er allein sich großartig findet. Sein Programm hat eine gesellschaftliche Basis: Unternehmenslenker, die bei der Neueinrichtung von Einflusssphären nicht zu kurz kommen wollen. Sie sortieren die Bestandteile ihres Kapitals, sie wollen mit der Politik die Welt umsortieren. Bei einigen Kommentatoren findet sich die Formulierung von einer »Defragmentierung« der Weltwirtschaft.

Leidgeprüften Nutzer:innen älterer Windows-Rechner ist das Wort noch vertraut. Das Betriebssystem des Marktführers neigte dazu, Teile von bearbeiteten Dateien irgendwo auf der Festplatte zu verteilen. Von Zeit zu Zeit musste man ein Defragmentierungstool laufen lassen, wollte man nicht ewig auf Antwort der Anwendungsprogramme warten. Die Weltwirtschaft weist nach Jahrzehnten der Globalisierung einen hohen Grad an Fragmentierung auf. Abhängig von der Lage der günstigsten Produktionsbedingungen ist die Herstellung alltäglich genutzter Waren auf viele Hundert Teilproduzenten in Dutzenden Ländern verteilt. Nach den Vorgaben ihrer Chefs kooperieren Menschen aus allen Ecken der Welt zum Zwecke größeren Profits. Doch die gewachsene weltpolitische Unsicherheit hat die bisherige Aufteilung der Produktion in Frage gestellt. Eine direktere Kontrolle soll her. Eine direktere Kontrolle der Produktionen und Vertriebswege. Eine direktere Kontrolle der Menschen: Trumps Dep ortationspläne wie die Ausweitung von Grenzkontrollen sollen dafür sorgen, dass niemand seinem Platz in der globalen Ungleichheit entflieht.

Manche wollen ihren Plätzen nicht entfliehen, denn manche Plätze sind komfortabel. Sie werden verteidigt. In der Finanzkrise 2008 gab es für die entscheidenden Akteure das Wort der Systemrelevanz – »too big to fail«. Heute stehen die Banken in der Wirtschaftsberichterstattung nicht im Zentrum. Wer der US-Finanzminister ist – Scott Bessent, etwa eine Milliarde Dollar schwer, lange Zeit Manager beim Investor George Soros – müssen auch informierte Zeitgenossen erst einmal nachschlagen. Doch zur Unterstützung Trumps treten nicht nur IT-Milliardäre an, sondern auch Jamie Dimon, Chef von JPMorgan Chase, der größten US-Bank. Frühere geschäftliche Kontroversen mit Elon Musk erklärte er jüngst für beendet und die Zollerhöhungen Trumps für kein Problem – wenn nur der Rest der Welt sie endlich widerstandslos akzeptieren würde. Aber im US-Inflationsdruck und in den geopolitischen Spannungen sieht selbst Dimon einen Grund zur Besor gnis. Er warnte seine Aktionäre schon einmal vorsorglich. Über den Beitrag der Wall Street zu diesen Risiken, etwa über ihre Unterstützung eines ebenso kapitalfreundlichen wie autoritären Präsidenten, hatte er nichts zu sagen.

Die Aktionäre hatten nicht gewarnt werden müssen. Seit April 2024 hatten die Märkte die Aussicht auf Trumps Präsidentschaft mit Kurssteigerungen begrüßt: Die angekündigte Fortsetzung der Steuergeschenke an die Reichen allein war Grund genug. Doch seit Anfang Dezember dümpeln der Dow Jones und der breitere S&P-500-Index vor sich hin. Mag Trump auch die republikanischen Institutionen der USA missachten, auf die Stimmung an den Kapitalmärkten muss er achten.

Der US-Präsident hat Bewunderer quer durch die US-Gesellschaft, solange er Erfolg hat. Auch international ist er mit seinen Ambitionen nicht allein. Wie weiland der Papst 1493 würden Trump und Putin als große Männer gern die Welt aufteilen. Die Frage ist, ob sie es können. Die Antwort liegt auf der Hand: Sie können es nicht. Es fehlt ihnen die politische, die wirtschaftliche und auch die militärische Macht. Das heißt nicht, dass die derzeitigen Regierungen der USA und Russlands nicht riesiges Leid hervorrufen können. Für ihre Ziele reicht ihre Macht nicht, für ungeheure Zerstörungen leider schon. Die Hoffnung nicht nur der Regierung in Washington ist, dass sich andere Staaten billig erpressen lassen.

Erfolge und Niederlagen

Tatsächlich steckt selbst in den Erfolgen dieser Politik ihr Scheitern. Welche Ziele auch immer die US-Regierung mit der Erpressung der Ukraine, mit der Einführung von Strafzöllen für Mexiko, Kanada und China erreichen wollte, eines seiner langfristigen Ziele hat Donald Trump immerhin erreicht: Die Aufrüstung der europäischen Nato-Staaten ist beschlossen. Der britische Premier koordiniert die Lieferungen an die Ukraine. Die EU-Kommission will die Maastricht-Beschränkungen zugunsten nationaler Rüstungspläne aufheben, mit denen etwa 650 Milliarden Euro mobilisiert werden sollen. Zusätzlich will die Kommission ein koordiniertes Beschaffungsprogramm von 150 Milliarden Euro auflegen. In Deutschland haben sich Union und SPD zusammengefunden, um eine massive Aufrüstung von den Auflagen der Schuldenbremse auszunehmen. Trump hatte Erfolg. Nur ist die Aufrüstung der europäischen Nato-Staaten heute kein Beitrag zur transatlantischen Allianz, sondern Ausdru ck tiefen Misstrauens gegenüber der ehemaligen Führungsmacht der freien Welt.

Dies sind die Konflikte, die konkurrierende Eliten untereinander führen. Gibt es auch andere? Obwohl die Mehrheiten in den meisten Ländern klar gegen Kriege eingestellt sind, hat dies keine Konsequenzen. Kriege werden von den Herrschenden begonnen. Und solange man die Herrschenden am Herrschen nicht hindert, werden die Kriege auch nach ihren Maßgaben beendet werden. Wie sollte auch ein Krieg verhindert werden von Bevölkerungen, die schon in den alltäglichen Auseinandersetzungen um ein bescheidenes Auskommen regelmäßig und seit Jahrzehnten den Kürzeren ziehen, unorganisiert und ohne Vorstellungen über eine freundlichere gemeinsame Zukunft.

Voraussetzung der heutigen internationalen Politik sind die Niederlagen der Arbeiterbewegungen in den Industrieländern in Ost und West und der antikolonialen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt. Organisationen, welche die Interessen der arbeitenden Klassen in einzelnen Ländern selbständig zu formulieren versuchen, erreichen nur selten nationale, in keinem Falle internationale Bedeutung. Der Klassengegensatz ist damit von der Oberfläche der Weltpolitik abgetreten. Nicht die Sehnsucht nach besseren alten Zeiten mit ihren schön kolorierten Feindbildern wird ihn wieder auf die weltweite Tagesordnung setzen, sondern der Kampf um Frieden hier und in fernen Ländern, um Gesundheit und sauberes Wasser, um lichte Wohnungen und kluge Schulbücher, um freie Arbeit und freie Zeit.

Das Recht des Stärkeren– und seine Grenzen

Imperialismus und Freihandel

Donald Trump macht es sich gerne leicht. Er hat immer wieder Zollerhöhungen auf Einfuhren in die USA gefordert und sie immer wieder wirtschaftspolitisch gerechtfertigt. Kaum im Amt, führte er erhöhte Zölle auf Einfuhren aus Kanada, Mexiko und China ein. Um aber die politische Auseinandersetzung in den USA und Regelungen internationaler Verträge zu umgehen, begründete er sie mit einem »nationalen Notstand« aufgrund illegaler Einwanderung und der Einfuhr von Drogen.

Offiziell handelt es sich also um Strafzölle, die solange in Kraft bleiben sollen, bis der »Notstand« behoben ist. Tatsächlich nahm schon die erste Verordnung vom 1. Februar 2025 direkt Bezug auf die Wirkungen von Zollerhöhungen als einem wirtschaftspolitischen Druckmittel während seiner ersten Amtszeit: »Präsident Trump setzte schon immer Amerika im Handel an die erste Stelle.« Selbstverständlich findet Donald Trump sich gut, auch in dieser Frage. Für alle Kapitalisten in der USA gilt das in dieser Frage aber nicht.

Nach einem Aufschub von 30 Tagen gegenüber Mexiko und Kanada setzte Trump die Zollerhöhungen am 4. März voll in Kraft. Einschränkungen galten zunächst nur für Energieträgerimporte aus Kanada (nur 10 Prozent), dann für die Lieferketten der Autokonzerne Ford, GMC und Stellantis. Dann verkündete die US-Regierung, die meisten Zöllerhöhungen für Mexiko ab Anfang April wieder auszusetzen. An welcher Stelle des Hin und Her dieser Konflikt sein wird, wenn diese Zeitschrift bei den Abonnent:innen ankommt, lässt sich Anfang März nicht absehen. Auf die wirtschaftlichen Folgen der entstehenden Unsicherheit nimmt die Trump-Administration keine Rücksicht. Sie geht davon aus, der Zugang zum größten Absatzmarkt der Welt sei Unternehmen in aller Welt einige Kosten wert. Sie wollen übersehen, welche Alternativen es gibt.

Mexiko und Kanada sind das nahe Ausland der USA. Der Konflikt mit China trägt einen anderen Charakter. Die Strafzölle gegenüber der Volksrepublik wurden am 4. März auf 20 Prozent erhöht. Daraufhin erklärte Lin Jiang, der Sprecher des Außenministeriums der Volksrepublik: »Wenn die Vereinigten Staaten tatsächlich das Fentanylproblem lösen wollen, dann wäre der richtige Weg, sich mit China auf der Grundlage der Gleichheit, des gegenseitigen Respekts und des gemeinsamen Vorteils zu verständigen, um die beiderseitigen Anliegen zu erörtern. Sollten die USA eine andere Agenda haben, wenn die USA einen Zollkrieg, einen Handelskrieg oder eine andere Art von Krieg wollen, so sind wir bereit, bis zum Ende zu kämpfen. Wir fordern die USA auf, ihr Dominieren zu beenden und rasch auf den richtigen Weg des Dialogs und der Kooperation zurückzukehren.« Zwei Tage später erläuterte er den Sinn dieser scharfen Intervention genauer: »Die USA sollte n nicht länger versuchen, China unter dem Slogan eines strategischen Wettbewerbs zurückzudrängen oder anzugreifen. Wir haben immer klar die Position vertreten, dass jede Art von Krieg, sei es ein Handelskrieg, ein kalter oder ein heißer Krieg, nicht geführt werden sollte und nicht gewonnen werden kann.«

Der Glaube an den Markt

Die martialische Rhetorik von Notstand und Kritik zeigt, dass alle Seiten in diesen Konflikten von der Annahme ausgehen, ein ungehinderter Handel sei eigentlich für alle Seiten gleichermaßen bekömmlich, dass es nur gewaltsame Eingriffe sind, die im internationalen Handel zu Problemen führen. Im verbalen Lob für unbegrenzte Konkurrenz lassen sich Donald Trump oder Elon Musk von keinen globalisierungsfreundlichen Liberalen übertreffen. Für sie ist selbstverständlich, dass ein freier Markt allen irgendwie zugutekommen müsste. Die dabei beliebte Metapher von der »steigenden Flut, die alle Boote anhebt«, wird in Zeichen der Klimakatastrophe auch im republikanischen Florida irgendwann außer Gebrauch kommen. Es sitzen einfach nicht alle in einem stabilen Boot, manchen steht heute schon das Wasser bis zum Hals. Aber ausgehend vom Dogma der positiven Wirkung des Marktes gibt es eine klare Antwort auf die unbestreitbaren, und von Trump und anderen Rechtsradi kalen immer wieder hervorgehobenen Kehrseiten der Globalisierung selbst in den USA: Da muss jemand betrogen haben! Weil Markt und Privateigentum immer gut sind, kann die schlechte Lage hart arbeitender armer weißer Männer nur auf unfaire Privilegien für andere Länder und Menschen zurückzuführen sein, auf illegale Betätigungen, Währungsmanipulation oder Diebstahl geistigen Eigentums.

Das Beispiel Chinas oder der EU zeigt, wie auch die handelspolitischen Gegner Trumps auf gleicher Grundlage argumentieren. Die EU hat nicht nur auf dem Binnenmarkt alle Zollschranken beseitigt, sondern setzt auch im Handel mit Drittstaaten auf Freihandel. China senkte mit dem Beitritt zur WTO Ende 2001 seine Zölle massiv. Für andere Länder sind es die Zölle der US-Regierung, die den Wettbewerb verzerren. (Grafik Weltbank)

Adam Smith, Freihandel als Kampf

Der Kampf um den Weltmarkt hat zu ganz verschiedenen Konzepten Anlass gegeben. Die Position von Adam Smith (1723-1790) war einfach: Es ist auf dem Weltmarkt im Prinzip nicht anders als auf nationalen Märkten. Die kostengünstigsten Hersteller können ihre Preise so setzen, dass sie einen guten Marktanteil und gute Gewinne erreichen. Wer teurer produziert, kann weniger hohe Gewinne einfahren und hat Schwierigkeiten zu wachsen. Wer zu teuer produziert geht irgendwann pleite. Eine harmonische Geschichte von vorherbestimmtem Gleichgewicht auf den Märkten hat Adam Smith nie erzählt. Er hatte nichts gegen Arbeitsteilung und Konkurrenz, nahm ihre gesellschaftlichen Folgen aber ernst.

Im internationalen Warenverkehr spielen die Kosten für den Transport eine große Rolle – allerdings war es 1780 billiger, Waren von London nach Amsterdam zu verschiffen, als sie von London nach Birmingham zu schaffen. Die Meere sind die Hauptverkehrsadern des Handels, von der Antike bis heute. Die Masse des internationalen Warenhandels wird von etwa zwei Millionen Seeleuten über die Meere gefahren. Der Anteil der Containerschiffe an der Tonnage der Welthandelsflotte ist von 2 Prozent im Jahr 1980 auf 14 Prozent im Jahr 2024 gestiegen. Öltanker (28 Prozent) und Trockengutfrachter (43 Prozent), die etwa Eisenerz von Australien nach China transportieren, machen immer noch den größten Teil der Tonnage aus, auch wenn die riesigen Containerschiffe der Neopanamax-Klasse mit 14.000 Standardcontainern das beliebtere Fotomotiv sind. Die kapitalistische Entwicklung hat die Kosten des Transportes massiv gesenkt und die Sicherheit erhöht. Moderne Datenverarbeitung erm öglicht die Kontrolle einer international verteilten Produktion von Waren auf jedem Schritt. Adam Smith könnte sich in seinen Vorhersagen über die Möglichkeiten der Arbeitsteilung wie in seinen Warnungen vor den Folgen bestätigt fühlen.

Ricardo: Freihandel als Harmonie

David Ricardo (1772-1823) fand Smiths Analyse falsch. Anders als auf nationalen Märkten käme es im Außenhandel nicht auf die absoluten Kostenvorteile, sondern auf die »komparativen Vorteile« an. Auch ein Land, das in jeder Hinsicht unterlegen ist, könne auf dem Weltmarkt Erfolge und eine ausgeglichene Handelsbilanz erreichen. Dazu müsse es sich nur auf die Produktionen spezialisieren, in denen es ein bisschen besser dasteht. In einem prominenten Beispiel geht es um England und Portugal, um Wein und Tuch, die übrigens beide in Portugal billiger hergestellt wurden. Ricardo kam aus einer Familie sephardischer Juden, die aus Portugal nach England gekommen waren. Die Zahlenbeispiele zeigten, dass alle gewinnen können, wenn durch Spezialisierung alle Arbeitskräfte und Produktionsmittel möglichst effizient eingesetzt werden. Im Ostblock gab es Diskussionen, ob im Rahmen einer Planwirtschaft dieses Herangehen genutzt werden könnte. Auch da klappte es nicht : Denn die Grundlage von Ricardos Idee war ja, dass der Produktivitätsunterschied der beiden Länder nicht beseitigt werden muss, das unterlegene Land also weiter absolut unterlegen bleibt. Kein regierender Sozialist wollte das für sein Land gern akzeptieren.

Wie aber soll eine wundersame Arbeitsteilung zwischen Starken und Schwachen auf einem kapitalistischen Weltmarkt funktionieren, auf dem private Unternehmen für ihren privaten Profit handeln, und nicht für den Wohlstand der Nationen? Bei Ricardo sollten Goldtransporte und seine Quantitätstheorie des Geldes den schrittweisen Ausgleich der Leistungsbilanz erklären: Das unterlegene England müsse seine Importe aus Portugal in Gold bezahlen, womit der Geldbestand in England sinkt – und damit nach Ricardo auch alle Preise. Dagegen erhöht der Goldzustrom nach Portugal dort den Geldbestand – und damit alle Preise. So wird die Produktion in Portugal teurer und in England billiger, bis sich ein Gleichgewichtspreis ergibt, der eine ausgeglichene Leistungsbilanz garantiert. Soweit Ricardos Theorie, die von anderen ausgebaut und verfeinert worden ist.

Gleichgewicht der Ungleichgewichte

Gegen die Quantitätstheorie des Geldes spricht eine Menge guter Argumente. Gegen die hier vorgenommene Anwendung sprechen schon die empirischen Befunde. In der kapitalistischen Weltwirtschaft ist kein Automatismus zu erkennen, mit dem unterlegene Ökonomien den produktiveren gleichgestellt werden. Auch wenn sich alle Länder entwickeln – der relative Abstand zwischen den Zentren und den Peripherien will einfach nicht verschwinden. Eine Tendenz zum Ausgleich der Leistungsbilanzen ist nicht festzustellen. Ein Minus im Außenhandel muss durch internationale Kapitalbewegungen gedeckt werden. Die Verlierer der Weltmarktkonkurrenz müssen sich verschulden und ihre Schulden dann bedienen – was in vielen Fällen dafür sorgt, dass sie Verlierer bleiben. Auch unter Linken ist die Vorstellung beliebt, die Währungskurse könnten die Produzenten in ärmeren Ländern schützen. Diese Vorstellung scheitert genau hier. Denn Angebot und Nachfrage auf den Devisenmär kten bilden sich nicht nur durch den Import und Export von Waren und Dienstleistungen, sondern durch Kapitalbewegungen aller Art, die von der Suche nach den besten Anlagemöglichkeiten getrieben werden.

Es gibt die Beschränkungen des Marktes, die Ungleichheit hervorbringen oder reproduzieren. Die außerordentlich hohen Einkommen von etablierten Ärzten und Rechtsanwälten, sind eine Folge von Zugangsbeschränkungen zu diesem Teil des Arbeitsmarktes, die durch Zulassungen und Prüfungen realisiert werden. Die außerordentlich hohen Preise von Medikamenten sind das Ergebnis einer ganz speziellen Gestaltung und Weiterentwicklung des Patentrechts und der Marktgestaltung durch private Krankenkassen. Mit freiem Wettbewerb hat beides nichts zu tun.

Das heißt aber nicht, dass der Markt ausgleichend wirken würde. Im Gegenteil: Das Ergebnis der ungehinderten Konkurrenz ist regelmäßig, dass die Starken stärker werden und die Schwachen schwach bleiben, international nicht anders als auf nationalen Märkten. Deshalb schreibt der amerikanische Marxist Anwar Shaikh (geb. 1945) vom Imperialismus als dem »höchsten Stadium der freien Konkurrenz«. Und deshalb lieben Donald Trump und Elons Musk und die anderen Milliardäre, die bei Trumps Amtseinführung auf der Tribüne standen, die ungehinderte Konkurrenz, solange sie die Stärkeren sind – während sie zugleich den Armen erklären, dass noch mehr ungehinderte Konkurrenz gut für sie wäre, solange sie besser arbeiten, als arme Leute anderswo. Macht bei uns mit, wir sind die Macht!

Zollpolitik als Mittel wofür?

Die Sache ändert sich, wenn große Kapitale feststellen müssen, dass sie nicht oder nicht mehr die Stärkeren sind. Dann werden Schuldige gesucht und gefunden, am freien Markt kann es ja nicht liegen. Dann beginnen politische Konflikte mit den Eliten und unter den Eliten.

Jahrelang haben Gewerkschafter in den USA ihre Kritik an der Deindustrialisierung des Landes unter den verschiedenen Freihandelsabkommen vorgetragen. Als ihr Gegner Donald Trump 2018 Zölle einführte, konnten sie nicht ganz dagegen sein. Die Biden-Regierung hat im wesentlichen die Handelsbeschränkungen fortgeführt, die sie beim Amtsantritt vorfand. Auch jetzt weisen Adam Hersh und Josh Bivens vom gewerkschaftsnahen Economic Policy Institute darauf hin, dass Zölle kein Ersatz für Industriepolitik sind, sie das Leistungsbilanzdefizit kaum verringern und am Ende von den Konsumenten in den USA bezahlt werden – sie beschreiben sie als »Steuer«, die kaum die Reichen trifft und hohe Nebenkosten hat. Aber in einem ersten Punkt beschreiben sie den möglichen Nutzen, den Einfuhrzölle haben könnten: Sie könnten einheimische Produktionen in spezifischen Sektoren schützen. Sie könnten US-Beschäftigte vor unfairer Konkurrenz von bestimmten Handelspartn ern schützen, etwa solchen mit schlechten Arbeitsbedingungen. Und sie könnten die Klimapolitik des Landes ergänzen, wenn Handelspartner weniger strenge Maßstäbe anlegen. Die Frage, welche dieser guten Ziele die Trump-Administration verfolgt, stellen sie lieber nicht. Jenseits von Bernie Sanders gibt es kaum eine Stimme, die in den USA das Gesamtprogramm von Trump & Co kritisiert.

Die Konflikte in den Eliten tragen einen anderen Charakter. Hier wird ausgefochten, welche Unternehmen und Branchen sich mit ihren Interessen durchsetzen. Dabei werden auch Koalitionen geschmiedet, Kompromisse ausgehandelt, Bündnisse geschlossen, wieder aufgelöst und Bündnispartner auch wieder verraten. Vor allem aber werden Verträge geschlossen, wird gekauft und verkauft und damit täglich die Regierungspolitik bewertet. Wo lohnt es sich, Geschäfte zu machen? Und die Stimmen an den Finanzmärkten haben ein Gewicht, das in Milliarden Euro oder Dollar gemessen wird.

Zweifellos nehmen Unternehmen Rücksicht auf die Vorhaben der Regierung. Doch werden sie vermeiden, was ihnen schadet. So ist eine nennenswerte Ausweitung der US-Erdölförderung – »Drill, baby, drill!« – nicht in Sicht. Warum sollten die Förderer den Marktpreis durch ein Überangebot drücken? Zurzeit steht das Barrel der Marke Brent bei 70 Dollar. Das ist mit den Kosten der Förderung vereinbar und gibt noch guten Profit. Also bohren die Unternehmen in dem Umfang, in dem sie erschöpfte Kapazitäten ersetzen müssen. Nur bei deutlich höheren Preisen wären auch neue Projekte profitabel. Donald Trump hat mit den Preissteigerungen der vergangenen Jahre gegen die Demokraten Stimmung gemacht. Für ihn wären fallende Preise an den Tankstellen sehr nützlich, für die Ölgesellschaften aber nicht.

Zweifel an Trump

Die Erfahrung der US-Wirtschaft mit den Trumpschen Zöllen während seiner ersten Amtszeit war nicht nur positiv. Einer der immer wieder vorgebrachten Streitpunkte war und ist die Stahlindustrie. Dabei sind die US-Stahlpreise ohnehin schon deutlich höher als bei der Konkurrenz: Im Dezember 2021 kostete eine Tonne warmgewalzter Stahl in China 646 Dollar, in Westeuropa 1031, in den USA 1855 Dollar. Ende Februar 2025 lag der Preis in China bei 401 Dollar pro Tonne, in Westeuropa bei 635 Dollar, in den USA bei 854. Die höheren US-Preise sind für die dortigen Produzenten gut, für die stahlverarbeitenden Unternehmen in den USA sind sie ein Nachteil, die Endverbraucher – Konsumenten oder Firmen – müssen die Rechnung begleichen. Doch auch den Produzenten helfen die hohen Preise nicht immer. 2024 war eine politische Intervention der Biden-Regierung nötig, um die Übernahme des ehemaligen Branchenführers und heute drittgrößten US-Produzenten US Steel durc h die Konkurrenz aus Japan zu verhindern. Aktuell hat Donald Trump wieder besondere Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte verhängt. An der Lage von US Steel wird das wenig ändern. Dazu bräuchte es Investitionen in moderne Anlagen, um wieder mithalten zu können.

Die bisherigen Reaktionen der US-Börsen zeigen die Skepsis der Investoren, wenn es um die langfristigen Effekte der Zollerhöhungen geht. Die Preisentwicklung verfolgen sie mit Sorge. Mit einer relevanten Verringerung des Defizits im Außenhandel rechnet niemand. Auch künftig werden die USA auf einen Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen sein. Dazu muss man den Anlegern etwas bieten. Die Leitzinsen der US-Zentralbank liegen weiter über 4 Prozent – die Europäische Zentralbank hat ihre Leitzinsen gerade erst von 2,9 auf 2,65 Prozent gesenkt. Auch Trump hätte gern so niedrige Zinsen. Aber selbst wenn er den Erdo ˘ gan machen und den Zentralbankchef ersetzen kann, die Preisentwicklung und die Zinsen auf den Kreditmärkten hätte er damit noch immer nicht unter Kontrolle. So viel Macht das US-Großkapital seinem aktuellen Lieblingspräsidenten auch zugesteht, wenn es um die Kürzung von Sozialleistungen oder die Beschränkung der Migration  geht: Auf die Freiheit, ihr Eigentum nach ihren Vorstellungen zu nutzen, wollen sie nicht verzichten.

Quellen:

Adam S. Hersh and Josh Bivens: Tariffs—Everything you need to know but were afraid to ask

February 10, 2025, Economic Policy Institute.

Anwar Shaikh, Capitalism. Competition, Conflict, Crisis. Oxford University Press 2016.

Ein Votum für einen neuen europäischen Imperialismus?

Das Bundestagswahlergebnis und seine Folgen

Egal, ob sie Positives erreichen oder Negatives verhindern wollten, die Wahlberechtigten haben die Bundestagswahl am 23. Februar 2025 sehr ernst genommen. Die Beteiligung lag bei 82,5 Prozent, über 49,6 Millionen Menschen gaben eine gültige Stimme ab. Da es keine Wahlpflicht gibt, haben sie sich alle aus eigenen, unterschiedlichen politischen Gründen aufgemacht.

Die Initiative für die beiden prägenden Ereignisse des Wahlkampfes gingen von (groß)bürgerlichen Parteien aus. Am Anfang stand der Austritt der FDP aus der Ampelregierung. Auf offener Bühne beging die Partei Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Ihre tiefe Verwirrung wird daran deutlich, dass sie ausgerechnet die Einhaltung der Schuldenbremse zum Scheidungsgrund machte. Parteiübergreifend wird überall nach Möglichkeiten gesucht, dieser Einschränkung der staatlichen Handlungsfähigkeit zu entkommen – aber die kleine FDP will alle auf sie vereidigen? Das war weder glaubwürdig noch zukunftsträchtig.

Zweieinhalb Monate später gelang es der CDU/CSU, der Endphase des Wahlkampfes einen ganz neuen Charakter zu geben. Sie versuchte, mit einer ausländerfeindlichen Agenda der AfD Stimmen abzujagen – während sie zugleich mit der Zustimmung der AfD die SPD und Grüne erpressen wollte. Das ist gescheitert. SPD und Grüne verweigerten die offene Kapitulation. Massendemonstrationen gegen Rechts füllten wieder – wie Anfang 2024 – Straßen und Plätze, auch jenseits der Großstädte. Abweichler in den Reihen der Union und der FDP erhielten von Angela Merkel, der »Oma gegen Rechts« (taz), öffentliche Rückendeckung. »Die Linke« im Bundestag hatte eine große Stunde. Selbst die Zustimmung der AfD und des BSW konnten dem Zustrombegrenzungsgesetz zu keiner Mehrheit verhelfen. Eine erfolgreiche Schandtat kann Zuspruch mobilisieren, ein gescheiterter Coup aber nicht. Die Union blieb unter 30 Prozent.

Elfmeter verwandelt

Für die Linkspartei war das letzte Jahr eine Nahtoderfahrung. Aber die Partei hat sich nach dem Austritt des BSW aufgerappelt. Schon im September, als der Vorstand der Grünen Jugend zurück- und mehrheitlich aus der Partei austrat, kündigten sich neue Perspektiven an. In ihrem sehr aktiven Wahlkampf konzentrierte sich die Linkspartei auf soziale Fragen wie Mieten und Preissteigerungen. Sie hat ihre Mitgliedschaft und ein Umfeld mobilisieren können. Das war die Basis, wichtig, aber allein nicht entscheidend. Der Wahlkampf hätte für sie auch ganz anders ausgehen können. Dann aber legte Friedrich Merz am 29. Januar den Ball auf den Elfmeterpunkt, »Die Linke« konnte verwandeln und wurde am Wahltag reich beschenkt. Für viele, die im letzten Jahr gegen Rechts demonstriert hatten, war endlich ein Bezugspunkt auszumachen.

Nun sind die Wahlen vorbei und die Frage bleibt, ob es der Linkspartei wie den Lottogewinnern ergeht, die ihren Gewinn wieder verspielen. Historische Analogien finden sich immer. Für die PDS wäre es die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2001, für »Die Linke« die Bundestagswahl 2009. In beiden Fällen jubelte die Partei über die Vergrößerung ihrer politischen Möglichkeiten und übersah die unveränderten gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. Für die aktuelle Lage müssen wir nur Spiderman etwas abwandeln: »Aus größerer Kraft folgt größere Verantwortung.«

Die nächste Regierung

Mit der lautstarken Verabschiedung der Ära Merkel hatten Merz & Co. ihre eigene Zeitenwende ausgerufen. Doch die CDU hat nicht gewonnen. Sie hat nur die Wahlverlierer beerbt. Am Tag danach erinnerte die Vorgängerin an das Wahlergebnis der rechten Konkurrenz am Ende ihrer Amtszeit: 2021 lag die AfD bei 10,3 Prozent. Am 23. Februar 2025 sind es 20,8 Prozent geworden.

Die rechnerische Mehrheit von Union und AfD im Bundestag ist keine politische Mehrheit. Die Forschungsgruppe Wahlen meldet, das aktuell 67 Prozent der Befragten in der AfD »eine Gefahr für unsere Demokratie sehen«. Nach der Allensbach-Umfrage unter den deutschen »Eliten« wollten im Januar 2025 stolze 64 Prozent der Befragten in der Präsidentschaft Donald Trumps »eine Chance« erkennen. Bei einigen ist diese Antwort nur Ausdruck der Hoffnung, weiter in den USA gute Geschäfte zu machen. Bei anderen ist es Ausdruck der Hoffnung, in einem autoritären Staat weniger Rücksicht nehmen zu müssen: auf Beschäftigte, auf Gewerkschaften, die Umwelt und Konsumentenrechte. Nach Jahren der Stagnation macht sich die Kapitalseite ernsthaft Sorgen um ihren Standort Deutschland. Auch hierzulande suchen einige Unternehmenslenker nach »vernünftigen Leuten« von ganz rechts.

Das heißt aber nicht, dass man in größerem Umfang mit der AfD gemeinsame Sache machen kann. Ein Exportland, das sich von der Welt isoliert, wird nicht gut funktionieren. Jeden Tag liefert die Regierung Trump Gründe, sich von der einstigen Führungsmacht der freien Welt zu emanzipieren. Angesichts neuer geopolitischer Konflikte ist das Programm von Merz ein erfolgreiches Deutschland in einer erfolgreichen EU, ein neuer europäischer Imperialismus. Viele politische, wirtschaftliche und militärische Voraussetzungen dafür müssen erst noch geschaffen werden.

 Im Kampf um die Regierung hatte die CDU/CSU 2023 erfolgreich das Bundesverfassungsgericht angerufen, um den »Klima- und Transformationsfonds« der Ampelregierung zu verhindern. Damals ging es um 60 Milliarden Euro, heute um ganz andere Summen – aber auch um andere Zwecke. Eine massive Aufrüstung soll von den Auflagen der Schuldenbremse ausgenommen, daneben in zehn Jahren 500 Milliarden in verschiedene Bereiche der Infrastruktur gesteckt werden. Die SPD wird mittun. Seit Hartz-IV strukturell mehrheitsunfähig, befindet sie sich als kleinere Ergänzung zur CDU in einer babylonischen Gefangenschaft.

Ein Denkmal für St. Florian

Die meisten deutschen Wahlberechtigten sind älter als 50 Jahre. Man kann davon ausgehen, dass ihnen ein Spruch geläufig ist, der sich in ländlichen Gebieten noch an manchen Hauswänden findet: »Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!« Eine eingängige Formulierung für das Prinzip des Privateigentums: Jede/r sich selbst der oder die Nächste.

Eine politische Folge dieses Denkens ist auf den Karten mit den Wahlergebnissen zu sehen: Der ganze Osten um Berlin ist bei den Erststimmen »blau«, von Kap Arkona bis Plauen, von drei Wahlkreisen abgesehen. Und auch in Berlin ist es der AfD erstmals gelungen, ein Direktmandat zu erreichen (in Marzahn-Hellersdorf). Warum? In Frankreich hat es die Linke 2024 hinbekommen, einen Durchmarsch des Rassemblement National zu verhindern. Durch die Bildung einer gemeinsamen Plattform, durch Wahlabsprachen und vor allem durch eine sehr aufmerksame Wähler:innenschaft, die Prioritäten gesetzt hat. Die Rechten nicht zu wählen war ihnen wichtiger als der jeweils eigene Kirchturm. Hierzulande scheint so etwas nicht zu gehen. Das heißt etwas.

Selbstverständlich ist hier nicht nur »Die Linke« in der Verantwortung. Doch das »Der hat aber angefangen!«-Argument gehört in den Buddelkasten und wird der politischen Lage nicht gerecht. Der Wahlerfolg der AfD im Osten ist ein Denkmal für St. Florian.

In den sechziger Jahren schrieb der Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch: »Macht hat in einem gewissen Sinne derjenige, der es sich leisten kann, nichts lernen zu müssen.« Er brachte damit ein wichtiges Argument für die Begrenzung von Macht und gegen autoritäre Modelle aller Art auf den Punkt: Leute, die zu viel Macht haben, müssen nichts lernen. Bis irgendwann der Punkt kommt, an dem ihre Macht allein zum Machterhalt nicht mehr ausreicht – aber bis dahin geht meist viel kaputt. Karl W. Deutsch hat damit zugleich den kleinen Leuten eine Mahnung mitgegeben: So anstrengend Aufklärung, Lernen und Wissenschaft auch sind – und sie sind anstrengend – sie können es sich gar nicht leisten, darauf zu verzichten. Solange sie versuchen, sich nur um ihre eigene kleine Welt zu kümmern, wird die große Welt mit ihren Umbrüchen alle Lebenspläne durcheinanderwirbeln. Am 23. Februar haben sich Millionen Menschen aufgemacht, um Positives zu erreichen oder  Negatives zu verhindern. Jetzt kommt es darauf an, was sie mit den Folgen ihrer Wahlentscheidung anfangen.