Das Projekt Lightspeed – die Produktion des Biontech-Impfstoffes

Unterschätzte Sprünge

Selten hat eine Abendlektüre so bedeutsame Konsequenzen gehabt. Am Freitag, dem 24. Januar 2020, entnahm Ugur Sahin einer Meldung in The Lancet, dass der Krankheitserreger SARS-CoV-2 oder Covid 19 von Mensch zu Mensch und auch ohne Krankheitssymptome weitergegeben werden könne.

Wenn alle Menschen anfällig waren, die Inkubationszeit zwei Wochen, die Übertragungsrate zwei bis sieben und die Sterblichkeit 0,3 bis 10 Prozent der Infizierten betrug, wären mehr als zwei Millionen Todesfälle zu erwarten, errechnete der Arzt in Mainz. Das wären mehr als bei der Spanischen Grippe in den 1920er Jahren.

Als Fachleute und Gesundheitsorganisationen noch beruhigten, die Epidemie würde sich lokal halten lassen und in kurzer Zeit auslaufen, ließen die Gründer und Inhaber von Biontech, das Ärzteehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin, die gesamte Firma innerhalb einer Woche auf die schnelle Entwicklung eines Impfstoffes auf mRNA-Basis ausrichten. Das Kürzel steht für messengerRibonukleinsäure, m für messenger, englisch Bote und A für acid, englisch Säure. Auf solcher Basis hatte Biontech individualisierte Impfstoffe gegen Krebserkrankungen entwickelt.

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Haste Töne? Revolutionäre?

Unbedingt! Rudi-Dutschke auf sechs CDs

Dem Ousia-Lesekreis-Verlag kommt das Verdienst zu, sich um das Vermächtnis von Rudi Dutschke – und damit um das Vermächtnis der authentischen 1968er Revolte von Zehntausenden vor allem jungen Menschen – mit verschiedenen Publikationen verdient gemacht zu haben. Nun gibt es seit einigen Wochen mit dem Titel „Die Stimme der Revolution“ eine Box und sechs CDs (darunter eine MP3 CD) – so gut wie alles O-Ton Rudi Dutschke. Es handelt sich um öffentliche Reden von Dutschke, beziehungsweise um Interviews mit ihm. Die Qualität der Aufnahmen ist erstaunlich gut; die Aufbereitung mit zwei Booklets hoch-professionell – vieles, was heute kaum noch bekannt ist, gut erläuternd.

Die Revolte, für die Rudi Dutschke ohne Zweifel das Gesicht und der Sprecher war, fand zwischen 1965 und 1968 statt. Sie ist für Westdeutschland und auch für die heutige Bundesrepublik Deutschland prägend. Da Dutschke als ehemaliger DDR-Bürger (er ging 1961 in den Westen) bis zu seinem Tod am 24. Dezember 1979 eine positive Sicht auf eine Wiedervereinigung auch für eine radikal-linke Politik für elementar hielt, sollte er auch für linke Ex-DDR-Bürgerinnen und Bürger von großem Interesse sein. An einer Stelle nennt er die DDR sogar als „Vorbild“ – in dem dialektischen Sinn, dass ihm hier die Erkenntnis vermittelt worden sei, „welche Möglichkeiten verspielt werden können“.

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Heißer Ritt

Ein spannender Roman über Jugend in Zeiten des ökonomischen Umbruchs

Das Motorrad benutzt er gar nicht mehr. Aber es hängen Erinnerungen daran, Erinnerungen an Zeiten, als das Leben noch ein schönes Abenteuer schien. Nun ist das Leben verbaut von Arbeit, Ehe, Kindern und Geldsorgen. Und auch die Gegend, in der Patrick Casati mit seiner Familie lebt, hat die besten Zeiten hinter sich. Eine deindustrialisierte Region in der französischen Provinz, deren lokale Politiker hoffen, die verlorenen Einnahmen durch die Schaffung touristischer Angebote zurück zu gewinnen.

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Der Schärfste im ganzen Land.

andré geicke: leseprobe

Joseph Vogls Buch „Kapital und Ressentiment”

Da haben sie uns doch in unserer Eitelkeit getroffen. Wir, die Lunapark21-Redaktion, hatten uns eingebildet, verdammt scharfe Typen zu sein. Doch nun mussten wir erfahren, „Deutschlands schärfster Kapitalismuskritiker” sei Joseph Vogl.

So zu lesen in der Wirtschaftswoche, der Vogl im März ein Interview gab. Und der Mann sitzt nicht etwa hinter den sieben Bergen, sondern in Berlin mit einer Literaturprofessur an der Humboldt-Universität.

Anfang des Jahres war „Kapital und Ressentiment – Eine kurze Geschichte der Gegenwart”, das jüngste Werk des 63-Jährigen, erschienen.

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Per U-Bahn in die Freiheit

Der Roman “Underground Railroad” von Colson Whitehead

Es ist eine einfache Geschichte. Eine Abenteuergeschichte. Cora heißt die Heldin, eine junge Sklavin auf einer Plantage in Georgia. Cora ist klug. Sie versteht es, ihre Auflehnung zurückzuhalten und den grausamsten Disziplinarstrafen zu entgehen. Und dennoch weiß sie sich zu behaupten. Caesar, Sklave wie Cora, hat ein Auge auf sie geworfen. Er schlägt ihr vor, gemeinsam zu fliehen. Cora überwindet ihre Bedenken, und die beiden wagen die Flucht, zu Fuß und dann – mit der Eisenbahn durch unterirdische Tunnel.

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Auf Visite in selbstverwalteten Betrieben

Eine Erkundung auf 120 Seiten

Der Autor nimmt uns mit auf eine Reportagereise zu sieben selbstverwalteten Betrieben kreuz und quer durch Europa auf der Suche nach „Best-Practise-Beispielen“, wie es im Vorwort heißt, um das Ergebnis zwei Seiten später nur noch als „eklektische Sammlung“ anzukündigen.

Die Auswahl ist aber durchaus interessant. Wir lernen eine Seifenmanufaktur in Thessaloniki kennen, einen Energieversorger in London, einen Teeproduzenten bei Marseille, eine Sozialgenossenschaft für Suchtkranke in Bozen, einen Supermarkt in Warschau, den drittgrößten Industriekonzern Spaniens und einen landwirtschaftlichen Betrieb nahe Wien.

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Von der Verkehrswende zur Verkehrsrevolution

Klaus Gietinger: Vollbremsung. Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen. Frankfurt 2019 (Westend Verlag)

Klaus Gietinger, Filmemacher, Autor und Aktivist, war lange Zeit mit wenigen anderen ein einsamer Rufer, der die Verheerungen des Autowahns anprangert. („Totalschaden“, „99 Crashes“). In dieser Rolle war er ein gern gesehener Exot in den Talkshows, dessen Thesen und Positionen man entweder ironisch lächelnd oder entsetzt ungläubig zur Kenntnis genommen hat. Richtig ernst ist er vom Expertenkartell ums Auto herum nicht genommen worden. Das könnte sich nun ändern, der Exot ist dabei, vom belächelten Außenseiter zur Speerspitze einer Bewegung, die er „De-Karre-sierung“ bzw. „De-Carisierung“ nennt, zu werden. Die Zeitläufte hierfür sind günstig und Gietinger nimmt sie zum Anlass, seine Autokritik zu aktualisieren und zu verschärfen.

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Marx und Herkules


Besprechung der neuen Marx-Biographie von Michael Heinrich

Biografien sind unter den schier unüberschaubaren Einlassungen zu Karl Marx ein ganz besonderer Stoff, der – nicht überraschend – vor dem Hintergrund seines 200. Geburtstages am vergangenen 5. Mai zu einem Hoch anschwillt. Spätestens seit Paul Feyerabends Werk „Against Method“ (1975) wissen wir, dass methodisch alles erlaubt, was stringent und plausibel ist, was nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden sollte. Unabhängig von der Methodik geht dies fraglos in sich mit äußerst unterschiedlichen Qualitäten einher. Dies reicht beispielsweise von der antiquiert-orthodoxen, kleinbürgerlichen Biografie von Franz Mehring (1918) über Jürgen Neffes „Marx – Der Unvollendete“ (2017) mit blassen, teilweise ärgerlich-irreführenden Gegenwartsbezügen bis hin zu sehr ausgewogenen Abwägungen von Kurt Bayertz (2018), der unaufgeregt der – überwiegend impliziten – Philosophie im Leben und Wirken von Marx nachgeht, also „lediglich“ einen, wiewohl zentralen Aspekt in den Blick nimmt.

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