spielwiese

Rainer Ehrt

Karikatur auf Seite 5

Rainer Ehrt, Arbeiter-und Bauernsohn, geboren 1960 in Elbingerode/Harz, begann 1981 ein Designstudium an der Kunsthochschule Halle/Burg Giebichenstein, um es gleich wieder abzubrechen. Nach einem Jahr »Bewährung in der Produktion« als Hilfsarbeiter in diversen Druckereien, folgte 1983-88 das Studium der Graphik und Illustration an der Hallenser Hochschule. Seither beackert er weitläufige Arbeitsfelder: Cartoon/Illustration, Malerei, Zeichnung, Druckgraphik, Lyrik, Kurzprosa und – last not least – das originalgraphische Künstlerbuch. 2007 erhielt er für das Malerbuch »Baal-Monologe« (nach Brecht) den Brandenburgischen Kunstpreis, 2008 in Lissabon den »Grand Prix World Press Cartoon«, 2012 den «Grand Prix Satyricon« in Legnica (Polen), 2020 den Kunstpreis der Stadt Wernigerode. Seine Cartoons und Illustrationen erschienen unter anderem in den Satiremagazinen »Eulenspiegel« und »Nebelspalter« sowie in »Cicero«, der »Märki schen Allgemeinen« und im »BUND-Magazin«. www.rainerehrt.de

Blühende Landschaften 1

Plakat Seite 45

Die Abbildung auf Seite 45 ist der Nachbau eines CDU-Wahlplaktes aus dem Bundestagswahlkampf 1998. Unser Grafiker hat an die Stelle der Seebrücke von Ahlbeck, des Leipziger Bahnhofs, des Wismarer Markplatzes und des Kraftwerks »Schwarze Pumpe« den von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Berliner Reichstag (1995) und den Abriss des Palastes der Republik (2006) gesetzt.

Angeklebte Banane

Grafik Seite 47

Kunst ist Banane. Der italienische Künstler Maurizio Cattelan sagt von sich selbst, dass er nie eine Kunstakademie von innen gesehen habe und eigentlich auch kein Künstler sei. Er wurde unter anderem bekannt durch eine lebensgroße fotorealistische Skulptur des von einem Meteoriten erschlagenen Papstes Woitila.

Der Pop-Art-Künstler Andy Warhol setzte eine gesprayte Banane auf das Cover einer LP der legendären Band Velvet Underground. Der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel wurde dadurch bekannt, dass er eben eine solche Spray-Banane an die Fassaden von Galerien und Museen sprühte.

Maurizio Cattelan, ob nun Künstler oder nicht, kennt die Kunstgeschichte und spielt mit ihr genauso virtuos wie mit den Skurilitäten des Kunstmarktes. Bei der Messe »Art Basel Miami« klebte er mit silbernem Gaffaband eine Banane an die Kojenwand einer Pariser Galerie, nannte das Werk »Comedian« und die angeklebte Frucht wurde für 120.000 Dollar verkauft.

Unser Grafiker nahm sich der Form dieses  Kunstwerkes an, wechselte von silbrigem Gaffertape zu Klebeband aus 1990er Jahre 100 Markscheinen – West – und klebte eine Banane, auf Anraten seines aus Dresden stammenden Druckers, an eine alte unverputzte Ziegelwand. Solche Wende-Ambiente-Wände gibt es in ehemaligen West-Industrievierteln wie Köln Kalk immer noch.

Jens-Fietje Dwars:
Blühende Landschaften 2

Fotos Seite 57 und 59

Jens-Fietje Dwars, geb. 1960 in Weißenfels, Philosophiestudium in Wrocl /aw, Berlin und Jena, 1986 Promotion über Ludwig Feuerbach, seit 2000 freier Schriftsteller, Buchgestalter, Film- und Ausstellungsmacher, Chefredakteur der Thüringer Literaturzeitschrift Palmbaum, Herausgeber der Edition Ornament, www.dwars-jena.de

Jens-F. Dwars schreibt über seine Fotos:

Ich fotografiere seit 27 Jahren Wahlplakate. Sie sind Zeitzeichen im doppelten Sinne: Allzu schnell vergessen wir die Botschaften, mit denen die Parteien um unsere Stimme buhlen. Wenn Aufklärung nach Kant Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sein soll, so sind Wahlen staatlich legitimierte Akte einer freiwilligen Entmündigung: Alle Jahre wieder geben wir unsere Stimmen an andere ab. Das Foto »blühende Landschaften« entstand im Jahr 2000. Es zeigt die Rückseite eines leer stehenden Abstellraums, den sich der Anglerverein von Dorndorf-Steudnitz 1974 am Rand der B 88 zwischen Dornburg und Camburg bei Jena errichtet hat. Der Verein gab den Abstellraum schon vor 1989 auf. Seit langem wird die Rückseite als Werbeflächs genutzt.

Joachim Römer

Arbeits-Leistung

Arbeit kam für mich im DDR-Fernsehen immer als konkrete Tätigkeit vor: Die Ernte musste eingebracht, die festgefrorene Braunkohle abgebaut, die Platten zu Bauten zusammengefügt werden. Menschen waren gefragt bei ihrer Arbeit das Soll zu erfüllen, Leistung zu erbringen, damit andere es warm hatten, wohnen oder essen konnten.

Als Kanzler Kohl 1990 davon sprach, durch gemeinsame Anstrengung die ostdeutschen Länder »wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt« – verstanden wir aufgrund unserer Erfahrung aus früheren Wahlkämpfen, dass er Bedingungen schaffen wollte, unter denen Unternehmen andere arbeiten lassen würden, so dass eine florierende Wirtschaft entstehen würde. Viele DDR-Sozialisierte werden gedacht haben, der Staat Helmut Kohls würde das alles selber durch staatliche Tätigkeit machen.

Dabei kam die Arbeits-Leistung vieler DDRler unter die Räder, die mit wenig Mitteln improvisiert zusammengebaut hatten, was anders nicht zu erreichen war. Wir schätzten auch die Fachbücher für Handwerk und Kunst der DDR, die viel genauer und praktischer darstellten, wie mit welchen Werkzeugen und Kniffen produziert werden konnte. Pech nur,

– dass bei den Unternehmens- und Grundstücksübereignungen die Arbeit der vielen entwertet wurde,

– dass mit modernster Technik neue Produktion aufgebaut wurde und viel weniger Lohnarbeit zu schlechteren Bedingungen entstand als in Westdeutschland,

– dass das Fortkommen nicht an eine Arbeits-Leistung gekoppelt war, sondern an Glück, Skrupellosigkeit und das arbeitslose Einkommen aus Geldbesitz, an das man wie auch immer gekommen war.

Gemeinsam lernten wir: In der BRD zählt die Leistung offenbar mehr als die Arbeit. Die Leistung kann darin bestehen, im Lotto zu gewinnen, durch Spekulation reich zu werden oder einen guten Deal zu machen mit dem Hauptzweck, andere für sich arbeiten zu lassen.

2025 steht im Koalitionsvertrag, Leistung und Anstrengung müssten sich auszahlen. Wieder verstehen CSU/CDU und SPD darunter, durch Subventionen und Steuererleichterungen Unternehmen zu veranlassen, andere gewinnbringend für sich arbeiten zu lassen. Der sozialdemokratische Wunsch, bei kleinen Renten wenigstens die Lebensleistung zählen zu lassen, soll ausgleichen, dass Arbeitende ein Leben lang zu wenig Lohn erhielten oder, wie viele Ex-DDRler, zu geringe Renteneinzahlungen angerechnet bekommen.

Die Leistung von Kleinrentnern besteht darin, dass sie sich ein Leben lang unverschämt niedrige Löhne haben bieten lassen müssen. Und die Leistung der anderen, die jetzt staatlich gefördert, weniger Steuern zahlen und größere Abschreibungen bekommen sollen, von der Zahlung zu geringer Löhne profitiert zu haben.

Täuschen wir uns also nicht – wir werden uns gegen diejenigen wehren müssen, deren Leistung vor allem darin besteht, andere mit geringem Lohn für sich arbeiten zu lassen und ihre Herrschaft über andere mit Geld durchzusetzen. Sie wissen nicht, welche Produkte den Menschen und der Welt guttun, sie schätzen nicht das Vergnügen der Arbeit und sie helfen nicht, unseren Planeten und unsere Gemütsruhe zu bewahren.

Jürgen Bönig leistet sich vierteljährlich eine Fahrt durch die Schreckenskammer der Begriffe.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Ukrainisch

Erfahrungen aus dem Fernunterricht

Als der Krieg begann, wurde mir klar, wie wenig ich über die Ukraine wusste.

Im Februar 2022 schien es nur eine Frage von Tagen bis zur vollständigen Besetzung des Landes und der Ermordung seines Präsidenten und der Regierungsmitglieder zu sein. Doch während Fernsehreporter, auf der Flucht aus dem Osten des Landes, berichteten und an den Grenzübergängen nach Westen chaotische Zustände herrschten, geriet der russische Vormarsch ins Stocken.

Bald trafen erste Flüchtlinge auch in der Nähe meines Wohnortes ein, und wie schon im Jahr zuvor, nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, wurden in den größtenteils verlassenen Erkelenzer Tagebaudörfern leerstehende Häuser für ihre Unterbringung hergerichtet.

Ich wollte mehr über die Ukraine erfahren. Und ich nahm mir vor, die ukrainische Sprache zu erlernen.

Im Internet fand ich Sprachübungen, ich besorgte mir ein Lehrbuch. Die Volkshochschule bot keine Kurse an, und so nahm ich im Sommer 2024 Kontakt zu einer Sprachschule auf, um im Fernunterricht zu lernen. Ich entschied mich für einen Kurs am Samstag, und pünktlich um 11.30 Uhr blickten vier Fernschüler in das freundliche Gesicht eines vollbärtigen, vielleicht 40 Jahre alten Mannes, der uns mit »Привіт« (privjit) begrüßte, auf Deutsch: »Hallo«, und das Du als Anrede vorschlug. Er sprach in einwandfreiem Deutsch mit leichtem Akzent. Meine Mitschüler, drei junge Männer, hatten ukrainische Partnerinnen und hielten Kontakt zu deren Angehörigen in der Ukraine, während ich nur aus Sympathie und Interesse für die Ukraine teilnahm.

Unser Lehrer hieß Mychajlo, und seine gestenreichen und oft witzigen Erläuterungen landestypischer Eigenarten ließen einen vergessen, dass sein Wohnort kaum mehr als 50 bis 60 Kilometer von der Front entfernt lag. Er erklärte uns, dass Russisch lange geltende Amtssprache gewesen war, weshalb seine persönlichen Dokumente auf Russisch abgefasst seien, ein Überbleibsel, wie er hinzufügte, aus der Zeit, »als die Russen noch unsere Freunde waren«. Damit endete sein Kommentar zum Krieg, und ich kann mich nicht erinnern, dass er sich sonst jemals über seine Situation beklagt hätte.

Заклинання 
buchstabieren

In der ersten Doppelstunde beschäftigten wir uns mit dem ukrainischen Alphabet, mit Konsonanten und Vokalen. Wir verabschiedeten uns bis zum nächsten Mal, doch schon am Morgen des zweiten Samstags erhielten wir eine E-Mail, in der Mychajlo uns mitteilte, dass er an diesem Tag alle Stunden absagen müsse, da nach dem Beschuss der Stadt kein Strom und kein Internet verfügbar seien. Um uns zu informieren, war er in einen Nachbarort gefahren, wo er das mobile Internet nutzen konnte. Die nächste Doppelstunde fand dann wieder statt. Wir lernten Begrüßungen und kurze Dialoge.

Mychajlo legte Wert darauf, uns nicht nur mit den Druckbuchstaben, sondern auch mit der ukrainischen Schreibschrift vertraut zu machen, die wir ab der dritten Doppelstunde übten. Mich erinnerte das ein wenig an die deutsche Sütterlinschrift, und wir taten uns alle schwer, Texte in dieser neuerlichen Variation eines ohnehin fremden Alphabets abzuschreiben.

Eigentlich sollte uns die Schreibschrift befähigen, Audioübungen und Lösungstexte schneller zu notieren. Aber ich gestehe, dass ich in der kurzen vorgegebenen Zeit nur eine kaum leserliche, teils mit lateinischen Buchstaben vermischte Druckschrift zustande brachte, die mich anschließend beim Vorlesen vor Probleme stellte.

Es folgte ein erneuter Unterrichtsausfall. Per WhatsApp teilte Mychajlo uns mit, dass seine Schwester und ihr Mann zu Besuch gekommen waren, dass dieser am Vortag von Soldaten und Polizei gefangen genommen worden war und sie die ganze Nacht bei ihm verbracht hatten.

Die folgenden Unterrichtseinheiten konnten, bis auf einen Samstag im Oktober, an dem nach Drohnenangriffen die Stromversorgung zusammengebrochen war, ohne Ausfälle stattfinden. Wir kamen zügig voran. Unser Lehrer hatte Freude daran, uns nicht nur die Sprache seines Landes, sondern auch kulturelle Eigenheiten zu vermitteln. Etwa, dass Borschtsch eigentlich nicht lecker aussehen kann, wenn er gut schmecken soll. Gelegentlich benannte er sprachliche regionale Unterschiede – »das sagt man in der Westukraine« Unterhaltsam waren seine Erklärungen zu missverständlichen Formulierungen, von deren unbedachter Anwendung er uns mit spitzbübischem Lächeln abriet. Etwa bei der Verabschiedung: »Wenn jemand до побачення (auf Wiedersehen) zu seiner Ehefrau sagt, dann braucht er eigentlich auch gar nicht wieder zu kommen« Manchmal schien es ihn kaum auf dem Stuhl zu halten, wenn er seine lebhaften Au sführungen mit ausholenden Armbewegungen unterstrich. Dann aber setzte er ruhig den Unterricht fort.

все нормально 
alles normal

An einem Freitag, Ende November, erhielten wir von Mychajlo eine WhatsApp-Nachricht aus dem Krankenhaus. Er war mit dem Auto unterwegs gewesen, als durch russischen Beschuss die Ampelanlagen ausfielen und ein entgegen kommender Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Beim Zusammenprall erlitt Mychajlo eine Kopfverletzung. Der Unterricht am folgenden Tag müsse ausfallen. In ein paar Tagen werde er das Krankenhaus verlassen können, allerdings in den nächsten Wochen ohne Kamera arbeiten. Am Samstag der folgenden Woche sahen wir Mychajlo dennoch wieder, er hatte die Kapuze seines Hoodies über den Kopf gezogen.

Wir Schüler tauschten uns in der WhatsApp-Gruppe aus, etwa wenn jemand sich für das nächste Mal entschuldigte, was meist von allen freundlich kommentiert wurde. Auch Fragen zu verpassten Übungen und Hausaufgaben wurden in der Gruppe geklärt. Da Ende November der Ab-schluss des ersten Kurses und die Weihnachtszeit bevorstand, fragten wir Mychajlo, ob er einen Wunsch habe. Er antwortete, dass er alles habe in der Ukraine.

Auf meine Nachricht, über ihn als in der Ukraine lebenden Sprachlehrer und seinen Unterricht einen Artikel zu schreiben, teilte Mychajlo mir im Dezember mit, welch großes Problem für ihn die Kontrollen durch Polizei und Militär seien. Ohne Arbeitspapiere könne es sein, dass er gewaltsam von der Straße geholt werde und sich zwei, drei Tage später bereits im Krieg befinde. Viele Männer säßen einfach zu Hause oder arbeiteten online. »Mein Leben besteht darin, dass ich am Computer arbeite. Manchmal gehe ich abends in den Supermarkt, um Lebensmittel einzukaufen. Ich kann sonst nirgendwo hingehen oder ausgehen, um Spaß zu haben. Derzeit sind die demokratischen Freiheiten in der Ukraine, insbesondere für Männer, sehr eingeschränkt.«

Es kam auch im neuen Jahr zu mehreren Unterrichtsausfällen. In der ersten Februarwoche wurde Mychajlo um fünf Uhr morgens auf dem Weg zum Supermarkt von Soldaten festgenommen, zum territorialen Sammelzentrum gebracht und anschließend vor der Ärztekammer untersucht. Da ihm und weiteren dort festgehaltenen Männern alle Dokumente und Smartphones abgenommen worden waren, konnte er zwei Tage lang zu niemandem Kontakt aufnehmen. Es wurde festgestellt, dass er für den Militärdienst nur bedingt geeignet ist, und so durfte er wieder nach Hause gehen.

Побачимось!

Reinhard Noffke berichtete in Lunapark21 über Landschaftszerstörung durch Kohletagebaue und weitere Umweltprobleme. Mit dem Abschluss des zweiten Ukrainisch-Sprachkurses Ende März musste er seine Teilnahme aufgrund anderer Verpflichtungen beenden.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Im Trickreich

Von Zeichenstift und computergeneriertem Bilderrausch

Weit hinter der Zeitrechnung mögen die Anfänge des Zeichentrickfilms liegen, dort, wo einst ein troglodytischer Ur-Visionär im lebendigen Flackern seines Feuers den ersten Ur-Höhlenlöwen auf seine Ur-Höhlenwand malte. Wo wenig später mittelalterliche Glasmalereien mit biblischen Szenen entstanden, Schatten- und Puppenspiele stattfanden oder Moritatensänger mit Schautafeln auf Dorfplätzen auftraten.

1865 veröffentlichte Wilhelm Busch seine kecke Bilderfolge »Max und Moritz« – Vorboten kommender Cartoons, und 30 Jahre darauf erschien mit ihrem Kollegen „The Yellow Kid“ der erste, moderne Comic-Strip in den USA.

In Europa begeisterte das 19. Jahrhundert sein fortschrittliches Bürgertum mit revolutionären Erfindungen wie der Elektrizität samt künstlicher Hellig- und Schnelligkeit, mit Fotografie und ingeniösen Apparaturen, die statische Bilder und Zeichnungen in Bewegung setzen sollten – vom famosen »Abblätterbuch« aka Daumenkino bis zum formidablen »Elektrischen Schnellseher« von Siemens & Halske, Stückzahl etwa 140.

In Paris stellten die Brüder Lumière Anfang 1896 ihren epochalen Kinematographen vor, mit ihrem winzigen Kurzfilm »Ankunft eines Zuges im Bahnhof von La Ciotat«. 

Gut vier Jahre früher aber, 1892, war ein anderer Neubeginn gelungen: Ein allererstes Zeichentrickfilmchen war zu bestaunen: Der »Pauvre Pierrot« von Charles-Émile Reynaud, Dauer fünf Minuten, handcoloriert, ein Ahnherr von »Asterix«.

England folgte 1901 mit »Dolly´s Toys« und bereicherte 1969 nicht nur die Beatles-Welt mit dem »Yellow Submarine«, handgezeichnet.

Nach einem marginalen Zeichentrick-Anfang (»Prosit Neujahr 1910!«), richtete sich der deutsche Schöpfergeist zügig auf den Zeichen- und Sachtrick-Reklamefilm. Dessen Wegbereiter war Julius Pinschewer, der beizeiten die enorme Zugkraft auf ein ablenkungsbedürftiges Massenpublikum erkannt hatte und progressiv umsetzte. Während des Ersten Weltkriegs lieferte er anti-britische Zeichentrick-Propaganda, (»Das Säugetier«), danach arbeitete Pinschewer mit bedeutenden, Bauhaus-nahen Künstlern weiter, mit Walther Ruttmann (»Berlin – Die Sinfonie der Großstadt«); mit Scherenschnittmeisterin Lotte Reiniger, die für ihre filigranen Flachfigurenfilme nicht Zeichenstift, sondern Schere nutzte – so für »Das Geheimnis der  Marquise«, einem zarten Auftragswerk für Nivea-Creme, und, ganz besonders, für ihren einzigartigen, abendfüllenden Silhouetten-Stummfilm »Die Abenteuer des Prinzen Achmed«.

Ziemlich spät, 1953, folgte auch ein Zeichentrick-Spielfilm aus bundesdeutscher Herstellung, »Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen«, schwarzweiß, nach lehrreichen Geschichten von Wilhelm Busch. Und seither läuft eine zuverlässig trickreiche Produktion von vorwiegend Jugendfilmen und -serien aller Macharten für Fernsehen und Kino. 

Unterdessen hatte jemand in Kalifornien mit nachhaltigem Schwung den Grundstein für ein künftiges Milliarden-Imperium gelegt: Walt Disney, das alles überstrahlende Genie des Zeichentrickfilms.

Kaum gab es den Tonfilm, die »wiederholbare Schallbegleitung«, schon stand sein »Steamboat Willie« am Ruder eines Mississippi-Dampfers und pfiff sich eins: Mickey Mouse, damals noch ganz am Anfang seiner weltumspannenden Karriere – 1928 eine Cartoon-Sensation. Deutscher Titel: »Ein Schiff streicht durch die Wellen«.

Mit Musik nun hob das gesamte Genre in ungeahnte kommerzielle Dimensionen ab. Dazu kam das neue Technicolor-Verfahren, und »Schneewittchen und die sieben Zwerge« erschien 1937 als erster Animations-Publikumsmagnet in Spielfilmlänge – geradezu als Inkarnation des Zeichentrickwunders.

Disneys diesjähriges Schneewittchen-Remake als Kreuzung aus Realfilm und unmärchenhaften CGI-Zwergen hingegen floppte fürchterlich.   

1953 folgt ein neues US-Zeichentrick-Ereignis: Die »Wasserprinzessin“ Esther Williams schwimmt einen vergnügten Unterwasser-Pas-de-Trois mit Katz´und Maus – den berühmten Cartoon-Helden Tom und Jerry – nicht die erste, doch die anmutigste Nahbegegnung zwischen 3D-Mensch und 2D-Figuren.

Seither sind neben dem klassischen Trickfilm neue Animations-Techniken wie die computergenerierte Bildherstellung = CGI etabliert. Schon 1973 waren vergleichsweise schlichte Digital-Effekte im Sci-Fi-Thriller »Westworld« zu sehen, ihre phänomenale Strahlkraft jedoch entfaltete sich erst 1995 in der umwerfenden 3D-Spielzeugwelt von »Toy Story«. 

Es war der erste, komplett CGI-animierte Trickspielfilm und ein glorreicher Erfolg für die Pixar-Studios; dem drei weitere, noch besser animierte Toy Stories folgten. Mittlerweile ist »Toy Story 5« in Arbeit und soll nächstes Jahr zu sehen sein. 

Unter den fernöstlichen Trickfilm-Produzenten nun glänzt Japan, Land der Mangas und 10.000 Animes. Und das höchstkarätig, seit 1971 der zweifache Oscarpreisträger Hayao Miyazaki die Welt mit vielschichtigen, wundersam atmosphärischen Animationsfilmen betört. Filme wie »Chihiros Reise ins Zauberland«, »Prinzessin Mononoke«, sein rotunder Waldgeist »Totoro«, sind traditionelles Handwerk und feinste Ergebnisse von Phantasie, Zeit, Stift und Wasserfarbe.

Parallel dazu beeindrucken visionäre CGI-Animes, wie beispielsweise »Summer Wars«, die nicht nur visuelle Effekte, sondern auch inhaltlich »Real« – und Cyberwelten elegant verwirbeln können.

China überfliegt zur Zeit mit seinem neuen CGI-Fantasy-Epos »Ne Zha 2« absolut jeden Genre-Kassenrekord und imponiert mit immensen Einspielergebnissen von bislang mehr als zwei Milliarden Dollar.

Schwindelerregend gut gemachte Animationen sind heute Kino- Fernseh- und Spielealltag. Ihre unwahrscheinlichen Helden jenseits von Zeit & Raum, Tod & Teufel, ob gezeichnet, digital oder geknetet, sind die geflügelten Ikonen unserer Popkultur: Buzz Lightyear, Micky Maus, Shrek, das HB-Männchen, Betty Boop, Wallace und Gromit …

Auch unser »Werner« kesselt mit. Ob und was KI noch verbessern kann, wird sich zeigen.

Und Nachschub liegt an: Im Kino läuft »Elio« – das intergalaktisch-spannende Hightech-CGI-Selbstfindungs-Abenteuer um einen elfjährigen, von Freudlosigkeit geplagten Weltraum-Fan, der dringend von Aliens entführt werden will. 

Natürlich bunt, lustig und kurios, wie üblich im familienfreundlichen Disney-Pixar-Trickreich.

Zur Zeit findet sich der kluge »Flow« in manchen Kinos, CGI-Wunderwerk und diesjähriger Oscargewinner aus Lettland; für Leute ab 6.

Wer herzzerreißende und -erwärmende Stop-Motion-Handwerkskunst vorzieht, dem seien Adam Elliots australische »Memoiren einer Schnecke« anempfohlen; für Leute ab 12, Starttermin 24. Juli.

Ilse Henckel hat als Dokumentarin, Übersetzerin und Filmkritikerin für den Spiegel-Verlag gearbeitet. Sie lebt in Hamburg.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Vor zwanzig Jahren starb der Zeichner F. K. Waechter

Eine Erinnerung

Die Lust am Unsinn entspringt dem Gefühl einer Freiheit, die uns überkommt, wenn wir einmal die Zwangsjacken der Logik und der vermeintlichen Realität der Welt ablegen können.

Friedrich Karl Waechter (1937 – 2005) hat mehr als einfache humoristische Ideen geschaffen. An vielen seiner Arbeiten werden Humor-Auslöser direkt nachvollziehbar. Viele Zeichnungen reichen aber auch weit über eine einfache Witz-Entladung in Form einer Pointe hinaus oder können ohne Weiteres auf eine Pointe verzichten.

F. K. Waechter, wie er sich als Künstler nannte, war ein deutscher Zeichner, Karikaturist, Cartoonist, schrieb und zeichnete Kinderbücher und war Autor von Theaterstücken. Er arbeitete für die Zeitschrift Pardon und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Satiremagazins Titanic. Außerdem war er Mitglied der Künstlergruppe der »Neuen Frankfurter Schule«.

Sobald sich ein Karikaturist oder ein satirischer Zeichner mit menschlichen und gesellschaftlichen Schwächen befasst, betreibt er notwendigerweise auch Psycho- und Sozioanalyse. Er sieht hinter die Kulissen, hinter die Oberfläche von Mensch und Gesellschaft.

F. K. Waechters Stärke besteht neben aller Skurrilität auch in seinem Blick auf die schwachen und absurden Stellen seines Objektes. Er hat die Fähigkeit, den Befund seiner Analyse graphisch umzusetzen, so dass er allgemein und gleich verstanden wird. Sehen und Umsetzen kommt nicht eins nach dem andern, sondern ist ein Vorgang. Dieser Zeichner sieht die Welt mit psycho-graphischen Augen.

Von »Situationskomik« kann man in den meisten Waechter-Zeichnungen sprechen, die mehr oder weniger psychologisch motivierte Bezüge haben. Das Komische liegt dabei oft in einer Unangemessenheit des Verhaltens und der Reaktion darauf.

In einfachen Linien und sparsamer Schraffur wird zum Beispiel in der linken Zeichnung ein bürgerliches Ambiente skizziert. Jedes Ding – bis hin zur Dunstabzugshaube – befindet sich (mit einer Ausnahme) an dem Ort, wo es hingehört. Möglicherweise nimmt man nicht sofort wahr, worum es geht, denn beim ersten flüchtigen Betrachten wird durch die vielen Details vom zentralen Aspekt abgelenkt. Es muss erst der Text gelesen werden, um das Problem zu erkennen: »Wie ist es möglich«, dachte Corinna, »dass ein einziger Ellbogen in einer klaren Fleischbrühe den liebsten Menschen so fremd machen kann?«

Hier erfolgt eine genaue Bezeichnung der Suppe – eine klare Fleischbrühe, in der jetzt statt Nudeln oder sonstiger Suppeneinlagen ein Ellbogen ist. Kann ein Mensch so unempfindlich sein, dass er die heiße Nässe der Brühe nicht spürt? Das Befremden Corinnas zeigt sich nicht nur im Gesichtsausduck – mit beiden Händen hält sie sich an der Tischkante fest. Die im gesamten Bild formal und inhaltlich zelebrierte Ordnung wird durch die Ellbogeneinlage gestört. Dieses feine Detail im Zentrum der Gesamtdarstellung zeigt ein zeitgenössisches Beziehungsdilemma: Die ersehnte absolute Übereinstimmung mit dem Partner kann es nicht geben. Dabei könnte man sein Verhalten sogar positiv interpretieren – der »liebste Mensch« ist von Corinna so eingenommen, dass er außer ihr nichts mehr wahrnimmt. Doch diese Beziehung hat einen Riss bekommen – denn ihr Gegenüber weicht von ihrer Ordnungsvorstellung ab und offenbart mit dieser Geste die befremdlich e Fremdheit des Anderen.

Waechter thematisiert unterschwellig immer auch das Ausgeliefertsein des Menschen an die gegebenen Umstände, das Hineingeworfensein in die Absurdität alltäglicher oder spezieller Vorkommnisse und den Versuchen einer Bewältigung. Man könnte bei vielen Zeichnungen auch von »Bewältigungsstrategien« sprechen, ob sie nun bewusst oder unbewusst angewandt werden.

Waechter lässt dem Witz die Freiheit, sich einzustellen oder nicht. Man kann ihn zwar locken, aber ein echter Witz lässt sich nicht herbeizwingen: Der Witz ist eine Diva.

Es gibt noch etwas anderes in Waechters speziellem Humor, das schwer in Worte zu fassen ist. Es ist diese naiv unschuldige Unmittelbarkeit in der Physiognomie seiner Figuren, die ohne Theatralik oder Verzerrungen in der Mimik auskommen und trotzdem oder vielleicht gerade dadurch in ihr Innerstes hineinahnen lassen. Denken Sie an Corinnas entsetztes Schauen – ihr Gesicht besteht aus der einfachen skizzenhaften Andeutung von Augen, Nase, Mund. Sie schaut ohne Verzerrung, ohne Attitude einfach nur auf ihren »liebsten Menschen« und trotzdem spürt man ihr Entsetzen direkt. Der schlichte Gesichtsausdruck verleiht den Figuren eine ganz eigentümliche Innigkeit.

Waechter war genial – aber was war sein Geheimnis? Wie ich von seiner Frau erfahren konnte, hat er eine Zeichnung, deren Idee ihm gefiel, mehrmals wiederholt, zehn- oder sogar zwanzigmal. Von diesen in etwa gleich aussehenden Zeichnungen mit minimalen Abweichungen hat Waechter die für ihn stimmigste ausgewählt. Dieses Vorgehen könnte man mit dem Spielen eines Musikinstrumentes vergleichen: Erst wer über das Beherrschen der Technik hinaus mit dem Musikstück durch und durch vertraut ist, kann etwas hineinlegen, das berührt. Vielleicht hat es auch mit der Zen-Kunst zu tun: Durch ständiges Üben und Wiederholen kann man eine Tätigkeit in einer Absichtslosigkeit durchführen, die sie vom begrenzten Willen befreit. Dieser Aspekt scheint mir bei humoristischen Arbeiten von großer Bedeutung zu sein und bestätigt die notwendige technische und inhaltliche Präzision, genaue Planung und die Übung in der Ausführung, die wir von vielen Humoristen kenne n, um dem Witz den Boden bereiten zu können, den er braucht, um sich wie von selbst einzustellen.

Friederike Groß ist Professorin für Illustration an der University of Europe for Applied Sciences, Campus Berlin. Von 1985 bis 2013 arbeitete sie als Karikaturistin für die Stuttgarter Zeitung und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Von 2008 bis 2014 war sie als Dozentin für Zeichnen an der ETH in Zürich tätig.

Den Text entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin in Auszügen ihrem Beitrag »Unter Drogeneinfluß gebügeltes Hemd – Humoristische Erscheinungen im Werk F. K. Waechters«; kunsttexte.de, Themenheft 1: Humor und Subversion in Kunst und Design – eine Art Künstlerheft, Berlin/Hamburg 2018/19.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)

Der Palast der Republik und der symbolische Umgang mit verlorenen Ideen

Stellvertreterabriss

Es war nicht einfach, in der DDR als Kind patriotisch zu sein. Unsere Kindergartenkunstwerke, die stolz die Landesfahne zeigen sollten, scheiterten regelmäßig am Emblem: Hammer, Zirkel, Ährenkranz – das konnte niemand von einer Fünfjährigen verlangen. Die Lösung war pragmatisch: ein Loch in der Mitte. Aber zufrieden konnte man damit nicht sein. Es fehlte etwas. Man möchte sagen: das Entscheidende.

Pikanterweise wurde das fehlende Emblem, das Loch in der Fahne später zum Symbol selbst: Für ein Land, das untergegangen war, weil es das Entscheidende nicht hinbekommen hatte. Auch an der Fassade des Palasts der Republik fehlte das Emblem bald: offiziell abgeschraubt, nicht ersetzt. Kein Symbol, kein Anspruch, kein Zentrum.

Gestartet war der Palast nicht als bloßes Gebäude, sondern als Anspruch: „Power to the People“, in Architektur gegossen. Das Volk sollte nicht nur zuschauen, sondern dabei sein. Parlament und Freizeit unter einem Dach. Volkskammer und Kegelbahn. Hochgradig symbolisch – aber eben auch real. Nicht, dass das für alle funktioniert hätte. Eine Siebenjährige zum Beispiel hatte davon wenig. Eis, ja. Rolltreppe, auch. Aber der Ort blieb unverständlich. Groß, hell, überwältigend. Irgendetwas stimmte nicht. Man passte nicht hinein.

Inzwischen sieht die Berliner Mitte an der Stelle so aus, als ob es den Palast der Republik nie gegeben hätte. Auch von den jahrelangen Debatten um Abriss oder Erhalt ist nichts mehr zu sehen. Heute ersetzt die Hohenzollern-Fassade den entkernten Fortschrittsversuch: ein neu gebautes altes Schloss, dessen Ruinen einst für den Bau des Palasts weichen mussten. Nicht als Rekonstruktion des Alten, sondern als Attrappe des vermeintlich Ewigen. Als hätten sich die Machtverhältnisse rückabgewickelt. Geschichte nicht bewältigt, sondern umetikettiert.

Die letzte Volkskammer-Sitzung im Palast fand im März 1990 statt. Im September, noch vor dem offiziellen Ende der DDR, erwirkte die Mitarbeiterversammlung die Schließung des Palasts – wegen der Gesundheitsgefahren durch die Asbestbelastung. Es stand die Frage: Wie weiter mit dem Palast? Die offizielle Antwort hatte sich schnell gefunden: Schon 1991 gab der Bundestagsbeschluss zur »Wiederherstellung der historischen Mitte Berlins unter Einbeziehung des Schlossstandorts« den indirekten Startschuss für die Debatte um den Abriss.

Die Umsetzung der offiziellen Antwort dagegen zog sich. Nicht wenige Stimmen gab es für Sanierung und Weiternutzung, als so etwas wie ein Ort gesamtdeutscher Demokratie.

Salamitaktik

Dass der Asbest wegmusste, da gab es kein Drumherum, auch für keine Palastbefürworterin. Und tatsächlich wurde die Asbestsanierung ergebnisoffen durchgeführt. 1995, nach knapp zwei Jahren Arbeit und rund 70 Millionen DM Kosten wäre eine Weiternutzung nach Umbau möglich gewesen.

Der endgültige Bundestagsbeschluss zum Palast-Abriss folgte 1998: Das Gebäude sei nicht mehr wirtschaftlich nutzbar; eine Rekonstruktion des Schlosses wurde in Aussicht gestellt. Die Debatte um Für und Wider war damit nur weiter angeheizt. Nicht nur die »Palast-Initiative«, sondern auch Künstler:innen und Architekt:innen erhoben Einspruch. Proteste, Petitionen, Debatten hielten noch viele Jahre an. Sogar Wolf Biermann und Gregor Gysi waren sich einig, vielleicht zum ersten und einzigen Mal.

Zwischenzeitlich wurde das Gebäude entkernt. Nur das Stahlskelett blieb und wurde als »Kunstbaustelle« für Theaterproduktionen, Lichtinstallationen, Raumexperimente zwischengenutzt. Im gleichzeitigen Architekturwettbewerb zum »Schlossareal« 2002 fiel die Entscheidung zugunsten eines historisierenden Schloss-Neubaus mit rekonstruierten Fassaden und moderner Nutzung im Innern. Die Proteste verstummten erst allmählich, als ab 2006 auch das Stahlgerüst zurückgebaut wurde. 2008 war der Schlossplatz wieder frei. Während der Pandemie eröffnete schließlich das neu gebaute Humboldt-Forum.

Was hätte sein können

Der Palast war ein politischer Körper. Glänzend verkleidet, innen strukturell vergiftet. Die massenhafte Verwendung von Spritzasbest – obwohl in der DDR seit 1969 verboten – war mehr als eine technische Entscheidung. Es war ein toxischer Kompromiss: Fortschritt um jeden Preis, selbst auf Kosten der eigenen Lunge. Eine Ausnahme, extra für das Vorzeigeprojekt genehmigt – und am Ende der Grund für die Rückabwicklung. Ökonomischer Zwang in ideologischer Verpackung? Oder eben andersherum.

Der Palast war Projektionsfläche. Zu seinen Lebzeiten, und danach erst recht. Es ging um das Projekt, das Versprechen: eine moderne Gesellschaft, sozialistisch, technokratisch vielleicht, aber doch mit einem anderen Grundton. Dass es so nicht kam, ist bekannt. Wer sich über »Erichs Lampenladen« lustig machte, meinte selten nur die Beleuchtung. Doch der Abriss war nicht nur das Ende eines dysfunktionalen Bauwerks. Es war die endgültige Rückabwicklung des Versuchs, Macht und Öffentlichkeit in ein Verhältnis zu setzen, das mehr versprach als Repräsentation. Nicht, dass die DDR das eingelöst hätte – aber der Versuch war erkennbar. Symbole zerstören wirkt nicht nur auf das, was war. Sondern mindestens ebenso auf das, was hätte sein können. Der Abriss war ein symbolischer Schlussstrich unter eine Idee, ein Stellvertreterabriss.

Heute lebt Erichs Lampenladen auf Ebay weiter. Die »Originale Palast der Republik Lampe Sputnik Systemleuchte DDR Design #624« wird in klein für knapp 4000 Euro angeboten, in groß für stolze 12.500 Euro. Günstiger kommt die »Vintage Pusteblume Sputnik DDR Palast der Republik Kronleuchter Mid Century« mit nur 1150 Euro. Man kann das als Ironie der Geschichte lesen – oder als Fortsetzung des Projekts mit anderen Mitteln. Wo einst Volkseigentum leuchtete, leuchten nun Einzelstücke im Wohnzimmer. Vom kollektiven Ort zur privaten Trophäe. Geschichte als Einrichtungsstil.

Der neue Bau – das Humboldt Forum – gibt sich aufgeschlossen. Postkoloniale Führungen, digital gestützte Vermittlung, Eintritt frei im Erdgeschoss. Ein Fortschritt. Und doch steht auf dem Platz heute wieder ein Schloss. Symbol einer anderen Weltordnung. Eine, in der man das Volk draußen stehen lässt.

Was bleibt

Vielleicht war die Idee erst im Kontrast zu verstehen. Als Gegenbild zum Schloss. Als Fortschrittsversuch, der aus der Zeit fiel. Als Symbol für die Möglichkeit, dass es auch anders gehen könnte. Der Palast der Republik war nie der Ort, an dem alle Versprechen eingelöst wurden. Aber er war der Ort, an dem Versprechen wenigstens sichtbar waren. Als Kegelbahn mit Parlament, als Lampenladen mit Volksanspruch. Ein Ort, der zu seinen Lebzeiten nicht recht zu verstehen war – und hinterher dennoch fehlt.

Was ist ökonomisch an dieser Geschichte? Der gute schwedische Stahl, einst mit raren Devisen teuer bezahlt, am Ende als Schrott verscherbelt. Vielleicht aber auch: Dass die Zerstörung von Symbolen immer auch Kosten produziert, die sich nicht in Haushaltszahlen messen lassen. Und dass Fortschritt nicht nur eine Frage der Technik oder Mittel ist, sondern des kollektiven Lernens.

1999, ein paar Fahrradminuten von den Abrissdebatten zum Palast entfernt, prangte auf dem Ostberliner Haus des Lehrers ein riesiges Banner: »Wir waren das Volk«. Chance vertan. Die Geschichte um den Palast-Abriss ist am Ende doch nur ein recht kleiner Zipfel eines ziemlich großen Ganzen.

Erschienen in: Lunapark21, Heft 65 (Sommer 2025)