Eine Erinnerung
Die Lust am Unsinn entspringt dem Gefühl einer Freiheit, die uns überkommt, wenn wir einmal die Zwangsjacken der Logik und der vermeintlichen Realität der Welt ablegen können.
Friedrich Karl Waechter (1937 – 2005) hat mehr als einfache humoristische Ideen geschaffen. An vielen seiner Arbeiten werden Humor-Auslöser direkt nachvollziehbar. Viele Zeichnungen reichen aber auch weit über eine einfache Witz-Entladung in Form einer Pointe hinaus oder können ohne Weiteres auf eine Pointe verzichten.
F. K. Waechter, wie er sich als Künstler nannte, war ein deutscher Zeichner, Karikaturist, Cartoonist, schrieb und zeichnete Kinderbücher und war Autor von Theaterstücken. Er arbeitete für die Zeitschrift Pardon und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Satiremagazins Titanic. Außerdem war er Mitglied der Künstlergruppe der »Neuen Frankfurter Schule«.
Sobald sich ein Karikaturist oder ein satirischer Zeichner mit menschlichen und gesellschaftlichen Schwächen befasst, betreibt er notwendigerweise auch Psycho- und Sozioanalyse. Er sieht hinter die Kulissen, hinter die Oberfläche von Mensch und Gesellschaft.
F. K. Waechters Stärke besteht neben aller Skurrilität auch in seinem Blick auf die schwachen und absurden Stellen seines Objektes. Er hat die Fähigkeit, den Befund seiner Analyse graphisch umzusetzen, so dass er allgemein und gleich verstanden wird. Sehen und Umsetzen kommt nicht eins nach dem andern, sondern ist ein Vorgang. Dieser Zeichner sieht die Welt mit psycho-graphischen Augen.
Von »Situationskomik« kann man in den meisten Waechter-Zeichnungen sprechen, die mehr oder weniger psychologisch motivierte Bezüge haben. Das Komische liegt dabei oft in einer Unangemessenheit des Verhaltens und der Reaktion darauf.
In einfachen Linien und sparsamer Schraffur wird zum Beispiel in der linken Zeichnung ein bürgerliches Ambiente skizziert. Jedes Ding – bis hin zur Dunstabzugshaube – befindet sich (mit einer Ausnahme) an dem Ort, wo es hingehört. Möglicherweise nimmt man nicht sofort wahr, worum es geht, denn beim ersten flüchtigen Betrachten wird durch die vielen Details vom zentralen Aspekt abgelenkt. Es muss erst der Text gelesen werden, um das Problem zu erkennen: »Wie ist es möglich«, dachte Corinna, »dass ein einziger Ellbogen in einer klaren Fleischbrühe den liebsten Menschen so fremd machen kann?«
Hier erfolgt eine genaue Bezeichnung der Suppe – eine klare Fleischbrühe, in der jetzt statt Nudeln oder sonstiger Suppeneinlagen ein Ellbogen ist. Kann ein Mensch so unempfindlich sein, dass er die heiße Nässe der Brühe nicht spürt? Das Befremden Corinnas zeigt sich nicht nur im Gesichtsausduck – mit beiden Händen hält sie sich an der Tischkante fest. Die im gesamten Bild formal und inhaltlich zelebrierte Ordnung wird durch die Ellbogeneinlage gestört. Dieses feine Detail im Zentrum der Gesamtdarstellung zeigt ein zeitgenössisches Beziehungsdilemma: Die ersehnte absolute Übereinstimmung mit dem Partner kann es nicht geben. Dabei könnte man sein Verhalten sogar positiv interpretieren – der »liebste Mensch« ist von Corinna so eingenommen, dass er außer ihr nichts mehr wahrnimmt. Doch diese Beziehung hat einen Riss bekommen – denn ihr Gegenüber weicht von ihrer Ordnungsvorstellung ab und offenbart mit dieser Geste die befremdlich e Fremdheit des Anderen.
Waechter thematisiert unterschwellig immer auch das Ausgeliefertsein des Menschen an die gegebenen Umstände, das Hineingeworfensein in die Absurdität alltäglicher oder spezieller Vorkommnisse und den Versuchen einer Bewältigung. Man könnte bei vielen Zeichnungen auch von »Bewältigungsstrategien« sprechen, ob sie nun bewusst oder unbewusst angewandt werden.
Waechter lässt dem Witz die Freiheit, sich einzustellen oder nicht. Man kann ihn zwar locken, aber ein echter Witz lässt sich nicht herbeizwingen: Der Witz ist eine Diva.
Es gibt noch etwas anderes in Waechters speziellem Humor, das schwer in Worte zu fassen ist. Es ist diese naiv unschuldige Unmittelbarkeit in der Physiognomie seiner Figuren, die ohne Theatralik oder Verzerrungen in der Mimik auskommen und trotzdem oder vielleicht gerade dadurch in ihr Innerstes hineinahnen lassen. Denken Sie an Corinnas entsetztes Schauen – ihr Gesicht besteht aus der einfachen skizzenhaften Andeutung von Augen, Nase, Mund. Sie schaut ohne Verzerrung, ohne Attitude einfach nur auf ihren »liebsten Menschen« und trotzdem spürt man ihr Entsetzen direkt. Der schlichte Gesichtsausdruck verleiht den Figuren eine ganz eigentümliche Innigkeit.
Waechter war genial – aber was war sein Geheimnis? Wie ich von seiner Frau erfahren konnte, hat er eine Zeichnung, deren Idee ihm gefiel, mehrmals wiederholt, zehn- oder sogar zwanzigmal. Von diesen in etwa gleich aussehenden Zeichnungen mit minimalen Abweichungen hat Waechter die für ihn stimmigste ausgewählt. Dieses Vorgehen könnte man mit dem Spielen eines Musikinstrumentes vergleichen: Erst wer über das Beherrschen der Technik hinaus mit dem Musikstück durch und durch vertraut ist, kann etwas hineinlegen, das berührt. Vielleicht hat es auch mit der Zen-Kunst zu tun: Durch ständiges Üben und Wiederholen kann man eine Tätigkeit in einer Absichtslosigkeit durchführen, die sie vom begrenzten Willen befreit. Dieser Aspekt scheint mir bei humoristischen Arbeiten von großer Bedeutung zu sein und bestätigt die notwendige technische und inhaltliche Präzision, genaue Planung und die Übung in der Ausführung, die wir von vielen Humoristen kenne n, um dem Witz den Boden bereiten zu können, den er braucht, um sich wie von selbst einzustellen.
Friederike Groß ist Professorin für Illustration an der University of Europe for Applied Sciences, Campus Berlin. Von 1985 bis 2013 arbeitete sie als Karikaturistin für die Stuttgarter Zeitung und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Von 2008 bis 2014 war sie als Dozentin für Zeichnen an der ETH in Zürich tätig.
Den Text entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin in Auszügen ihrem Beitrag »Unter Drogeneinfluß gebügeltes Hemd – Humoristische Erscheinungen im Werk F. K. Waechters«; kunsttexte.de, Themenheft 1: Humor und Subversion in Kunst und Design – eine Art Künstlerheft, Berlin/Hamburg 2018/19.