Die Lüge vom erschwinglichen Essen

Pestizide und ihre versteckten Kosten

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 ist die Bedeutung von Lebensmittelpreisen für die gesellschaftliche Stabilität erneut in das allgemeine Bewusstsein zurückgekehrt. Damals gab es in über 40 Ländern so genannte Food Riots, Hungerrevolten, die mehrere Regierungen ins Wanken brachten und zum Sturz der Regierung von Haiti führten.

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Tragik der Allmende

Gedanken eines Bewohners der Tagebauregion zum Wert unseres Grundwassers

Unter dem Begriff der Tragik der Allmende kennen wir die Problematik von uns allen kostenlos zur Verfügung stehenden Gütern: Da für ihre Nutzung kein (angemessener) Preis zu entrichten ist und eine Ausweitung des Verbrauchs zunächst nur der Allgemeinheit schadet, dem Einzelnen aber einen Vorteil bringt, fehlt der individuelle Anreiz für eine schonende und nachhaltige Bewirtschaftung.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass auch in Deutschland nicht mehr von einer grenzenlosen Verfügbarkeit an Trinkwasser ausgegangen werden kann. Zwar liegt der Wasserverbrauch der Privathaushalte momentan noch etwa zehn Prozent unter dem Wert von 1991, allerdings dürfte dies eher mit sparsameren Haushaltsgeräten und WC-Spülungen zu erklären sein als mit einer Änderung des Verbraucherverhaltens. Dagegen könnte der sich in den vergangenen Jahren abzeichnende neuerliche Anstieg ein Anzeichen für höhere Entnahmen sein, auch zur Gartenbewässerung.

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Versemmelt und Versandet

Die Vertiefung der Fahrrinne der Elbe scheitert an den Gezeitenkräften

Debakel im hohen Norden der Republik: Die Elbvertiefung als größter wasserwirtschaftlicher Eingriff aller Zeiten galt Ende letzten Jahres als gescheitert, Deutschlands größter Seehafen konnte sich nur mit Not, Mühe und noch mehr Geld eine Atempause bei der Hafenschlick-Problematik verschaffen und aktuell rauschen die Umschlagszahlen in den Keller.  Grundlegende Probleme des Hafens werden nicht in Angriff genommen – offenbar regiert allein das Prinzip Hoffnung an der Unterelbe.

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Kannibalismus

Die US-amerikanische Philosophin Nancy Fraser ordnet den kapitalistischen Dschungel

Der Kapitalismus ist chancenlos. Das versteht, wer Nancy Frasers Buch „Der Allesfresser“ gelesen hat.

Und man versteht auch, dass das nicht unbedingt eine gute Nachricht ist. Der Kapitalismus zehre in zunehmendem Maße seine eigenen Grundlagen auf, indem er sämtliche gesellschaftlichen und außergesellschaftlichen Bereiche kannibalisiere. Das legt die Autorin auf rund 250 Seiten überzeugend dar. „Cannibal Capitalism“ lautet denn auch der Originaltitel des 2022 erschienenen Werks, das seit März dieses Jahres auf Deutsch vorliegt.

Nancy Fraser, 1947 in Baltimore geboren, ist Professorin an der New School for Social Research in New York. In ihrem jüngsten Buch knüpft sie an Karl Marx und dessen Analyse kapitalistischer Ökonomie an, fasst den Gegenstand aber weiter und unterzieht außerökonomische Bereiche ihrer Betrachtung. Den Kapitalismus nur als eine besondere Wirtschaftsweise zu sehen, reiche nicht aus. Wir müssten uns als „kapitalistische Gesellschaft“ verstehen.

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Vom Kriege

Frieden schaffen, womit?

Das Sterben muss aufhören. Mehr Waffen bedeuten mehr Tote, lautet eine These. Und dennoch hat die Regierung Panzer geschickt, um „die brutalen Invasoren zurückzuschlagen“, wie sie am 22. September in London erklärte. Es war das Jahr 1941.

Den ersten ausgelieferten Panzer taufte die Gattin des sowjetischen Botschafters auf den Namen Stalin. Die weiteren blieben namenlos. Insgesamt lieferten Briten und Kanadier während des Zweiten Weltkrieges 5000, die USA 7000 Panzer an die Sowjetunion – und Lkw, Flugzeuge, Lokomotiven, Frachtschiffe, Reifen, Schienen, Telefone, Verbandskästen.

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Aufmarsch im Indopazifik

US-Militärbasen, koloniale Traditionen, (deutsche) Kanonenbootpolitik

Was die jährlich im Februar stattfindende Münchener Sicherheitskonferenz mit Bezug auf Nato-Strategie und deren Umfeld verkörpert, ist in Fernost der Shangri-La-Dialog, die Asien-Sicherheitskonferenz in Singapur. Bei der jüngsten Tagung Anfang Juni kündigte der deutsche  Verteidigungsminister Boris Pistorius an, dass die Bundeswehr ihr Engagement im Indopazifik „in den nächsten Jahren verstetigen“ müsse.

Schon seit Jahren betrachten die USA China als neuen strategischen Rivalen und leiteten eine massive Aufrüstung ihrer Basen im Pazifik ein, wo sie ohnehin seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit ihrer ersten imperialen Ausdehnung, militärisch präsent sind.

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Außenpolitik als Naturwissenschaft auf dem Bierdeckel

Ein kritischer Blick auf den britischen Experten für foreign affairs Tim Marshall

Beginnen wir mit einem Zitat des Dichters Peter Hacks: „Die Außenpolitik ist an der Politik das Geistlose. Wenn die Innenpolitik die Durchsetzung von Gedanken zwar nicht zum Ziel hat, so arbeiten doch die Klassen, wenn sie ihre Machtkämpfe betreiben, unbewußt und nebenher an einem Gesamtgefüge, dem Staat. So ein Staat hat eine Grenze, die ist der Rand, bis zu dem man gehn kann, und der Rahmen, innerhalb dessen Fortschritte sich abstecken und messen lassen.

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Jonglieren mit Mindestalter und Beitragsdauer

Die Rentenreform in Frankreich

„Altersarmut“ ist zumindest bislang eher ein deutscher als ein französischer Begriff.  Die Sprache ist auch hierbei Ausdruck der materiellen Verhältnisse. Denn die Statistiken belegen, dass jedenfalls in den letzten Jahren die absolute Armut im Rentenalter in der Bundesrepublik ein wesentlich verbreiteteres Phänomen war als in Frankreich. 

Dies belegen auch Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). So zeigen Angaben aus der OECD Library von 2017 für das Jahr 2014 bezogen auf Deutschland einen Anteil der „Personen, deren Einkommen weniger als die Hälfte des verfügbaren Medianhaushaltseinkommens beträgt“, in Höhe von 9,5 Prozent bei den über 66-Jährigen, jedoch für Frankreich zum selben Zeitpunkt in Höhe von nur 3,6 Prozent.

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Zwischen Schiffschaukel und Achterbahn

Persönliche Bilanzen zur Mitarbeit bei Lunapark21

… die undogmatischen und prägnant vorgetragenen Inhalte

Lunapark21 war für mich lange eine Idee, auf deren materielle Gestaltwerdung ich nicht gewettet hätte. Dass ein Magazin sehr sinnvoll ist, das gesellschaftliche und vor allem ökonomische Fragen fundiert aus marxistischer Perspektive analysiert, stand und steht außer Frage. Doch wie sollte das gelingen, ohne eine Partei oder finanzstarke Organisation im Rücken? Darüber haben wir, Winnie, Wolfgang Pomrehn und ich, immer wieder in Winnies schönem Häuschen mit dem wilden Garten in Michendorf diskutiert – stets bei einem guten Wein und oft vom Hausherren hervorragend bekocht.

Es ist allein Winnies Beharrlichkeit, seiner Überzeugungskraft, Energie und Expertise zu verdanken, dass Lunapark21 tatsächlich startete, und alle Krisen und auch persönlichen Konflikte überdauerte. Lunapark21 ist – leider muss man demnächst sagen: war – ein tolles Produkt für die Linke im weiteren Sinne. Sie hat sich deutlich abgehoben von so vielen anderen linken Publikationen – durch die hervorragende und extrem kreative Gestaltung ebenso wie durch die undogmatischen und trotzdem prägnant vorgetragenen Inhalte. Zu den letzten der insgesamt 61 Ausgaben habe ich aus Zeitgründen nicht mehr beigetragen, nur noch als Leser von der Arbeit anderer profitiert. Klar ist: Lunapark21 war Winnies Projekt, ohne ihn geht es nicht. Ich werde sie vermissen. Und noch mehr ihren Chefredakteur, meinen Genossen und Freund.

Daniel Behruzi, Frankfurt am Main


…Themen aus der feministischen Bewegung abzubilden

Bekannt war mir Winnie Wolf als Linker, als herausragender Genosse der 68er Bewegung im deutschsprachigen Raum. Als Persönlichkeit und als Freund lernte ich Winnie als Chefredaktor der Zeitschrift Lunapark21 kennen, als er zusammen mit Gisela Notz mich vor gut acht Jahren in die Redaktion holte. Es war ihm ein Anliegen, in der Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie, entsprechende Standpunkte und Diskussionsthemen aus der Frauen- und feministischen Bewegung abzubilden. Vorbehaltlos hat er Vorschläge für Beiträge aufgenommen und unterstützt – was mir die Chance gab, langwierige Kämpfe der Frauen in der Schweiz für ihre Rechte zu erklären und darzustellen. Eine eigene Geschichte, die im umliegenden Ausland nicht immer verstanden wird.

Ich lernte Winnie auch als unermüdlichen Schaffer kennen mit einer schier unerschöpflichen Arbeitskraft. Kaum war ein LP21-Heft im Druck, ein Projekt, das für ihn bis zuletzt „eine Herzensangelegenheit“ war, standen bei ihm bereits weitere Projekte an wie Zeitungen zu spezifischen Themen aber auch Bücher, die er als Autor zeichnete. Wir verlieren mit Winnie einen herausragenden Genossen und Freund, dem die linke Bewegung sehr vieles zu verdanken hat!

Therese Wüthrich, Bern


Der Idee zu 101 Märchen

Im Jahr 2015 fragte uns Winnie, den wir beide aus unterschiedlichen Zusammenhängen kannten, ob wir nicht Interesse an einer regelmäßigen Kolumne in Lunapark 21 hätten. Inhalt der Texte sollte eine ideologiekritische Analyse neoliberaler Behauptungen und Ideen unter dem Titel „Märchen des Neoliberalismus“ sein. Der Vorschlag sagte uns zu, und so verfassten wir für das im September 2015 erschienene Heft 32 unser erstes Märchen unter der Überschrift „Freihandel schafft Arbeitsplätze & Wohlstand“.

Vier Jahre später teilte uns Winnie dann mit, dass die Mehrheit der Redaktion – gegen sein Votum – unsere Kolumne auslaufen lassen wolle. Uns kam das entgegen, hatten wir aus verschiedenen Gründen doch selbst überlegt, die Märchen an anderer Stelle zu publizieren. Insbesondere der nur vierteljährliche Erscheinungsrhythmus von Lunapark war uns zu langsam.

Nach 21 Märchen – die letzten beiden erschienen im Heft 48 (Titel: „Gewerkschaften sind schädliche Kartelle“) sowie im Sonderheft „Mietenexplosion vs. Daseinsvorsorge“ (Titel: „Staatliche Eingriffe in die Mieten am Wohnungsmarkt sind schädlich!“) – war Anfang des Jahres 2020 unsere Autorenschaft bei Lunapark beendet. Die Märchen sind seitdem übergangslos in der Monatszeitschrift OXI erschienen.

Ende des vergangenen Jahres hatten wir unser selbst gestecktes Ziel von rund 50 publizierten Märchen erreicht und wollten unsere Kolumne einstellen. Auf Bitte der OXI-Redaktion schrieben wir noch drei weitere Märchen, und im August werden alle Kolumnen und weitere unveröffentlichte Texte als „Wirtschaftsmärchen. Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales“ im PapyRossa Verlag erscheinen.

Die Idee, aus den Märchen ein Buch zu machen, stammt von Winnie. Er hat uns das als Perspektive für die Kolumne bereits 2015 nahegelegt. Wir hätten ihm gern ein Exemplar geschenkt.

Kai Eicker-Wolf und Patrick Schreiner


Rückblick mit Ausblick ohne Winnie

Einem von Anbeginn regelmäßig schreibenden Autor des Lunapark hatte ich als Abonnent 2015 wegen (aus meiner Sicht) inhaltlicher Unzulänglichkeiten einen kritischen Brief geschrieben. Der antwortete und räumte ein, dass ich einen wunden Punkt getroffen hätte, um anschließend auf mein Mitarbeits-Angebot an den Lunapark nach meiner Pensionierung zu sprechen zu kommen:

„Prima, dass Du Lunapark korrigierend auf die Finger sehen willst. Gleichzeitig mit dieser Mail schicke ich eine andere an Winnie Wolf und sage ihm, er solle Dein Angebot unbedingt annehmen. Ein Hindernis sehe ich allenfalls in seiner erratischen Arbeitsweise, mit der die Tatsache vereinbar gemacht werden muss, dass noch eine zusätzliche Station, nämlich eine Korrekturphase, einzubauen ist. Aber ohne diese könnte Lunapark orthographisch nicht besser sein als die Blätter, die die Korrektoren längst abgeschafft haben und dann eben so sind, wie sie sind.“

Zu den Anfängen unserer Zusammenarbeit schrieb Winnie 2016 im Lunapark21-Editorial : „Der Marburger GEW-Aktivist Jürgen Hahn-Schröder, der zu unserer großen Freude seit einigen LP21-Ausgaben das Korrekturlesen bei Lunapark21 besorgt, hielt sich in den Produktionswochen dieses Heftes in einer wild-romantischen Region Frankreichs auf. Er war trotz Urlaubs mehrmals zwischen erfrischenden Bädern in der Ardèche bereit, bepackt mit Rucksack und Laptop nach Aubenas zu radeln, um im „McDoof“ (McDonald‘s war tatsächlich in erreichbarer Nähe der einzige öffentlich zugängliche Ort mit Internet-Anschluss) die jeweils neu gestalteten LP21-Seiten herunterzuladen, diese umgehend Korrektur zu lesen und dann die korrigierten pdf-Seiten zwecks Übernahme und Endkontrolle directement an uns zurückzusenden. Bis vor kurzem bewerkstelligten wir das Korrekturlesen höchst altmodisch: Die pdf-Seiten in der ersten Gestaltung wurden ausgedruckt, dann auf Papier  Korrektur gelesen. Schließlich wurden die Seiten mit den handschriftlichen Korrekturen per Post nach Köln zum Gestalter und zur Eingabe geschickt. Diese – vielleicht von vielen als skurril empfundene – Ära scheint seit Jürgens Einstieg als Chefkorrektor ehrenhalber nun vorbei zu sein.“

Das erste Mal persönlich trafen wir uns, das Kerntandem der LP21 – Winfried Wolf und der künstlerische Gestalter Joachim Römer – und ich am 27. November 2016 im Hauptbahnhof zu Berlin. Wir saßen beieinander, aßen zusammen und wir besprachen u.a.  die Fragen: Was soll die Korrekturgrundlage von Texten für den lunapark21 sein? Welches Regelwerk soll gelten? Wie weit sollen Korrekturen  in Texten gehen und wie sieht ein mit dem Autor oder der Autorin konsensfähiges Procedere aus? Dazu entwickelte sich in den folgenden Jahren ein Konzeptpapier: „Der schlaue Redaktör“, redaktionelle Tipps für die Autorinnen und Autoren von Lunapark21.

Im November 2021, also nach der lebensbedrohlichen Erkrankung und Operation kann ich (vorübergehend aufatmend) schreiben: „Lieber Winnie, großen Dank für deine organisatorischen Arbeiten für unseren gemeinsamen Aktiv-Aufenthalt in Südtirol. Da kommt jetzt schon Vorfreude auf.“ Und er schreibt vor unserem ersten und letzten gemeinsamen Treffen im Südtiroler Bad Dreikirchen im März 2022: „Wir – gemeint: die sechs der Technischen Redaktion – haben aus meiner  Sicht eine gute neue LP21 gemacht. Wir – das genannte engere Team und gerne möglichst zusätzlich aus dem Plenums-Kreis – wollen grundsätzlich weitermachen. Wir als Technische Redaktion werden uns vom 2. bis zum 6. Mai vier Tage zurückziehen, nein, nicht nach Salecina, aber immerhin nach Bad Dreikirchen, und prüfen, ob und wenn ja; wie unsere Teamfähigkeit gestärkt werden kann.“ Und ein Jahr später, den Kampf ums eigene Leben verloren, lässt Winnie an diesem, ei nem seiner wichtigsten  Kraftquellorte, 13 Freunde, verbunden mit ihm in verschiedenen Freundschaftserfahrungen und -graden sich versammeln, seiner gedenken und in seinem Sinne beschließen:  weitermachen.

Jürgen Hahn-Schröder, Marburg


Ab und zu

Vor dreieinhalb Jahren ließ ich mich ansprechen. Gut, ab und zu einen Beitrag für Lunapark21 könnte ich wohl schreiben. Dann aber begegnete ich in der Redaktion anderen, die sich stärker einsetzten und die wie ich das Potential der Lunapark21 erkannten, und die Phantasie und Ehrgeiz entwickelten, das Heft zu verbessern. Wir haben uns richtig reingehängt, uns gegenseitig im Eifer angesteckt, Fähigkeiten entwickelt, und es hat Spaß gemacht. Die Lunapark sieht heute anders aus als vor dreieinhalb Jahren; ich vermutlich auch.

André Geicke, Hamburg


„Weniger arte, mehr Arbeiter-Illustrierte-Zeitung.“

In der ersten großen Diskussion zum Lunapark21-Projekt legten unsere Gestalter auch einen Entwurf vor, wie das Ganze aussehen sollte. Und die Gestaltung war sehr gut. Es hat sich der ganz besondere Anspruch angekündigt, der die Arbeit an den Heften in den folgenden Jahren geprägt hat. Aber ich habe gemeckert – und meine Formulierung haben sich die Beteiligten gut gemerkt: „Weniger arte, mehr Arbeiter-Illustrierte-Zeitung.“

Damit wollte ich keinem Traditionalismus das Wort reden. Es ging nicht um das alte Selbstbewusstsein von Marxisten, in deren Theorie alles geklärt war: Die Revolutionen sind die „Lokomotiven der Geschichte“, die Gleise werden durch die ökonomische Entwicklung gelegt und die Kommunisten sind die Lokomotivführer, denn sie „haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariates die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“ (Manifest der Kommunistischen Partei) – also darum ging es nicht. Die Redaktion von Lunapark war nie der Überzeugung, in einer historischen Mission unterwegs zu sein.

Es ging mir um die ziemlich schwierige Verbindung zwischen dem Alltag der Leute und einer gründlichen Kritik der globalen wie der lokalen kapitalistischen Ökonomie. Historisch gesehen gibt es da weniger eine Verbindung, als eine sehr traditionelle Arbeitsteilung: Es gibt Leute, die malochen, finden vieles Mist und lesen manchmal schlaue Kritiken an der Welt, in der sie leben. Und es gibt Leute, die finden auch vieles Mist und schreiben schlaue Kritiken an der Welt, in der wir alle leben. Die Schnittmenge zwischen beiden Gruppen ist klein. Denn so wie diese Gesellschaft eingerichtet ist, muss man sehr gegensätzliche Anforderungen in den 24 Stunden eines Tages unterbringen, wenn man in beiden Gruppen unterwegs ist.

Auch Lunapark21 ist es leider nicht gelungen, zur Aufhebung dieser traditionellen Arbeitsteilung beizutragen. An der Gestaltung lag es nicht. Im Inhalt der Hefte zeigte es sich, weil die Schwerpunkte rasch wechselten.  Über Konflikte wurde berichtet, wenn sie sich zuspitzten – aber nicht, wenn sie stagnierten. Wir haben die Geschichten selten zu Ende erzählt. (Es finden sich immer Konflikte, die sich gerade zuspitzten.) Die damit verbundene Kurzatmigkeit, die teils schrägen apokalyptischen Töne laufen auf eine Selbstbestätigung eines eher engen Kreises aktiver Funktionäre oder funktionierender Aktivisten hinaus. Als normal arbeitender Mensch mit normalen Kolleginnen und Kollegen kann man sich das auf die Dauer kaum leisten. Das Problem ist alt. Eine Lösung für dieses Problem wäre etwas Neues.

Sebastian Gerhardt, Berlin, Autor und 2012-2017 Geschäftsführer bei Lunapark21.


„… man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“*

Für mich war Lunapark21 ein 15 Jahre währender Versuch, die Noten dieser Melodie zu finden – nicht als „Vorsänger, im Vollbesitz der Wahrheit“ (Die Schmetterlinge).

Am Anfang, bei den Gründungplenen, geschah etwas, was ich in linken Zusammenhängen bis dahin nicht erlebt hatte: Da nahmen die Menschen von der analytisch schreibenden Zunft „die äußere Verpackung“ ernst. Den Gestaltern wurde für ihr Tun eine weitgehende Autonomie eingeräumt. „Über das Titelblatt entscheiden die Gestalter!“ Außer wenn aus der Redaktion ein hartes Veto kam. Das geschah nur einmal: Da durften wir nicht „des Kaisers neue Kleider“ abbilden – die Fibeglasnachbildung von Donald Trump, nackt.

Die für die Lesend-Betrachtenden sichtbare Reibung zwischen Texten und Bildern war gewollt: Die Melodie muss Dissonanzen enthalten beim Aufspielen zum Tanz.

„Die wirklichen Verhältnisse sind für schöne Töne ganz vertrakt, sie sind immer konkret und nicht abstrakt“, ließe sich in Abwandlung einer Zeile der Schmetterlinge feststellen.

Lunapark21 war auch der Versuch, den sonst üblichen Rahmen linker Publizistik zu verlassen. Es fanden sich einzelne Schreibende aus verschiedenen Spektren zusammen zu einem debattenfreudigen linkspluralistischen Versuch. Das basierte auch darauf, dass die Herzkammer unseres Projektes, Winnie, zwar weiter linkssozialistisch schlug, sich aber zunehmend nicht mehr auf die engen Auslegungen einer bestimmten Strömung bezog.

Die Bandbreite der Texte bewegte sich zwischen leisem Pfeifen im Walde und pathetischem Choral. Wir legten viel Wert darauf, unsere Texte auch für nicht akademische Linke verständlich aufzubereiten. Journalismus hat viel mit Handwerk zu tun.

Unser Trial-and-Error-Vorgehen folgte keiner vorher theoretisch festgelegten Notenabfolge. Vergleichbar mit gutem Jazz, war es ein sich ständig veränderndes Verhältnis von Notation und Improvisation. Es passierte nicht selten, dass wir zwei Tage vor Drucktermin das fertig layoutete Heft komplett umbauten – wichtige Texte rein, andere wichtige Texte um ein Heft verschieben.

Der gewollte Vielklang bedeutete auch, dass alle Beteiligten viel Dissonanz aushalten mussten. Rückblickend finde ich es schade, dass es uns und vor allem Winnie nicht immer gelang, auszuhalten und trotzdem gemeinsam weiterzumachen. Wir brauchten offenbar mehr als zehn Jahre Übung darin, dass es nicht ums Rechthaben geht – auch aus der Erfahrung, wie oft man selbst schon daneben gelegen hatte. Bei allen, die auch wegen unserer falschen Härte nicht mehr mitsingen konnten, möchte ich mich entschuldigen.

Ganz persönlich verbinde ich mit Lunapark21 das langsame Wachsen einiger tiefer Freundschaften. Das an der gemeinsamen Sache mit hohem Aufwand und viel Herzblut arbeiten ging fast unmerklich über in eine persönliche Verbundenheit. Wir redeten seltener über Gott, dafür viel über die Welt, die auch unsere kleinen privaten Welten beinhaltete. Kurze Anrufe über einen neuen Seitenplan konnten sich auswachsen zu zwei Stunden gegenseitigem Zuhören und Erzählen.

Bei meinem letzten Besuch bei Winnie in der Charité, ein paar Tage bevor er nicht mehr kommunizieren konnte, erzählte er von seinen Sternensänger-Einsätzen im Umland von Ravensburg. Bis dahin wusste ich nicht, wie schön seine Singstimme war. Er sang, auf schwäbisch, das Sternensängerlied.

Joachim Römer, Köln, Gestalter von Lunapark21

*Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung.