Osteuropa: Migration lässt Arbeitslosigkeit sinken

„Arbeitskräftemangel als Wachstumsmotor?“ überschreiben die Ökonomen des renommierten „Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche“ (WIIW) ihre neueste Studie zur Lage in Osteuropa. Ihr Fazit: Sinkende Arbeitslosigkeit führt zu steigenden Einkommen und zu höheren Konsumausgaben, die das Bruttoinlandsprodukt in den ost- und südosteuropäischen Ländern um durchschnittliche 1,5% mehr wachsen lassen als im westlichen Euro-Raum.

Vasily Astrov vom WIIW zieht eine bescheidene Bilanz. Sowohl in China als auch in den USA und der Euro-Zone sinkt das reale BIP-Wachstum im laufenden Jahr 2016; für die Folgejahre sieht es nicht viel besser aus. „Die äußerst expansive Geldpolitik hat es nicht geschafft, die Nachfrage anzukurbeln“, resümiert der Experte. Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien und Rumänien stehen gegen diesen Trend und auch in Serbien geht es – Astrov zufolge – bergauf. Geschuldet ist dieses zwischen 2,5% und 6% (für Rumänien) liegende Wirtschaftswachstum der sinkenden Arbeitslosigkeit, die wiederum eine Folge der Auswanderung vor allem junger Osteuropäer nach Westeuropa ist. Ein vor zwei Monaten erschienener Weltbankbericht bezifferte die Migration von Ost nach West mit 20 Millionen Menschen, die zwischen 1990 und 2012 ihre Heimatländer in Richtung Westeuropa und Nordamerika verlassen haben. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich 3,7 Millionen im westlichen Ausland; 15% aller rumänischen und 6% aller polnischen Beschäftigten verdienen ihr Geld fern der Heimat. Das hat dazu geführt, dass – mit Ausnahme Kroatiens – die Arbeitslosenquote in den osteuropäischen EU-Ländern einstellig geworden ist; anders stellt sich die Lage auf dem Balkan dar, wo Kosovo mit 33% den traurigen Rekord hält.

Niedrigere Arbeitslosigkeit führt – wenig überraschend – zu höheren Löhnen, was sich in vermehrten Konsumausgaben niederschlägt. Der private Verbrauch ist es auch, der die Wirtschaft in Osteuropa ankurbelt. Länder wie Bulgarien, Rumänien und Polen haben 2016 zudem die Mindestlöhne merkbar erhöht, was ebenfalls mehr Geld in den Konsum pumpt. Die auffälligste Verbesserung am Arbeitsmarkt weist interessanter Weise Ungarn auf. Dort ging die Arbeitslosigkeit von 10% (2013) auf 5,5% (2016) zurück. Inwieweit dies auch den Orban’schen Zwangsmaßnahmen zuzuschreiben ist, nach denen die Auszahlung von Sozialleistungen an die Bereitschaft gekoppelt ist, in öffentlichen Beschäftigungsprogrammen („Közmunka“) mitzuwirken, kann statistisch nicht erhoben werden.

Als Boom will die Entwicklung in Osteuropa freilich niemand bezeichnen. Dazu fehlt die Investitionsfreude auf Seiten der Unternehmen. Kredite werden von ihnen kaum aufgenommen, allenfalls kleinere Erweiterungen aus Eigenkapital finanziert. Also geben sich die WissenschaftlerInnen des WIIW mit dem kleinen Kaufkraftplus zufrieden, das zur Zeit in den meisten Ländern östlich von Deutschland und Österreich zu beobachten ist.

 

In der nächsten Print-Ausgabe von Lunapark21 ist Hannes Hofbauer mit einem Beitrag über die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der FPÖ vertreten

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