Ein türkischer Streik in Deutschland

40 Jahre Ford-Streik 1973-2013
Lunapark21 – Heft 23

Eine Montage aus zeitgenössischen und aktuellen Beiträgen, Aussagen von Beteiligten und einem Gespräch zwischen Mara Elskamp, Gymnasiastin (18 Jahre), Peter Bach, Rentner und Beteiligter am Ford-Streik 1973 (66 Jahre) und – für LP21 – Joachim Römer, Künstler (56 Jahre). Mit bisher unveröffentlichten Fotos von Gernot Huber.

Peter Bach; 5. September 2013: Heute Abend bin noch mal hingefahren, um zu fotografieren. Alles entspannt. Kein Torverkehr. Die Kollegen hatten Pause und warteten am Tor auf Pizza-Taxis oder Döner-Kuriere. Klar, keiner von ihnen war 1973 dabei. Aber von dreien die Väter. Einer ist seit 27 Jahren bei Ford als Staplerfahrer. Die Väter haben Renten unter 1000 Euro. Sie leben in der Türkei – dort ist es billiger. „750 Euro Rente – der Lohn für 32 Jahre Y-Halle.“ Alle, auch der Pförtner, liefern Stories vom Ford-Streik. Hörensagen-Stories.

24. August 2013: Heute vor 40 Jahren stoppten Arbeiter der Spätschicht in der Y-Halle bei Ford die Fließbänder. Einer der wichtigsten Streiks der Geschichte der Bundesrepublik begann. In Köln ist heute, am 40. Jahrestag, die Erinnerung daran keiner der bürgerlichen Medien eine Zeile wert. Nur die linksalternative Stadtrevue bringt in der August-Ausgabe einen gut recherchierten Text. Der Autor, Felix Klopotek, bilanziert: „Zum ersten Mal erlebt eine erschrockene deutsche Öffentlichkeit so genannte Gastarbeiter als politisches Subjekt – als Herren ihres eigenen Geschicks. (…) Erst ein gutes Vierteljahrhundert später erkennt eine deutsche Regierung an, dass die Republik ein Einwanderungsland ist. Faktisch stand das bereits 1973 fest. Die streikenden Migranten fordern nicht nur höhere Löhne (…) sie fordern mehr Urlaub, die Aufhebung diskriminierender Lohngruppen, langsamere Fließbandgeschwindigkeiten. Kurz: (…) Forderungen, die sich gegen das Arbeitsregime richten. Sie zeugen von einem neuen Selbstbewusstsein der migrantischen Arbeiter.”[1]

Gespräch zu dritt: 1973 arbeiteten bei Ford in Köln 24000 Menschen, davon 12000 sog. Gastarbeiter. Eine Besonderheit war, dass Ford, weil sie massenhaft diese billigen Arbeitskräfte eingestellt hatten, technische Umstellungen zur Arbeitserleichterung und Arbeitseinsparung, die es in anderen Autokonzernen gab, nicht vornahm. Die Arbeit an den Bändern war extrem kräftezehrend und dazu angetan, die Gesundheit der dort Arbeitenden schnell zu verschleißen. Bewusst geplant oder unbewusst in Kauf genommen – klar war: Wenn jemand nicht mehr kann, die drei Anwerbebüros in Istanbul, Ankara und Erzurum konnten jederzeit neue, unverbrauchte Arbeiter rekrutieren.
In der Y-Halle arbeiteten die Menschen den ganzen Tag „über Kopf“. Beispielsweise hockten sie in einer Grube und montierten über Kopf Achsen. Spätestens nach drei Jahren ist eine Rückenmuskulatur so verhärtet, dass sie unaufhörlich und unerträglich schmerzt. Viele gingen entsprechend nach zwei bis drei Jahren in die Türkei zurück. Die Gesundheitskosten wurden in die Türkei zurück exportiert.

Aus einem Artikel von P. Nottelmann, 10 Jahre nach dem Ford-Streik: „Man kam, um hier zu arbeiten, Geld zu verdienen, und (…) nach einer gewissen Zeit (…) zurückzugehen. Diese Einstellung, zusammen mit der aus dem Heimatland mitgebrachten ‚psychischen Stabilität‘ und Härte im Ertragen widriger Umstände, befähigt zu einer beachtlichen ‚Frustrationstoleranz‘, mit der die Belastungen aus der Trennung von der Familie, dem anfänglichen Leben im Wohnheim und der ungewohnten, schweren Arbeit bewältigt wurden.“[2]

Gespräch zu dritt: Im August 1973 kamen hunderte türkische Kollegen zu spät aus ihrem Urlaub in der Türkei zurück. Wir hatten damals drei Wochen Werksferien. In der Zeit konnte man nicht mit dem Auto hin- und zurückfahren, alle Verwandten besuchen und auch noch ein paar Tage Urlaub machen. Fast alle fuhren mit dem Auto, weil sie viel Material mitnahmen. Ich erinnere mich, dass es in einem Jahr auf dem „Autoput“, dieser endlos langen, damals noch nicht zur Autobahn ausgebauten Straße durch Jugoslawien, 27 Verkehrstote unter den Kölner Ford Kollegen und ihren Familien gab. Dass viele ein oder zwei Wochen später zurückkamen, wurde all die Jahre geduldet, 1973 wurde hunderten gekündigt.
Zur Erinnerung: 1973 war das Jahr der sogenannten Erdölkrise. Damit einher ging eine Krise der Automobilindustrie. Der Belegschaftsabbau in den Automobilfabriken sollte vor allem durch die „Rückwanderung der Gastarbeiter“ bewerkstelligt werden. Die deutsche Industrie wollte die Leute loswerden. Man wollte die ja nicht arbeitslos hier haben. Ford legte also 1973 eine „härtere Gangart“ ein. Es wurden nicht alle Zuspätkommer entlassen, sondern nur die, die Ford für entbehrlich hielt. Die Entlassenen fehlten jetzt an den Bändern. Besonders in der Y-Halle – damals wie heute die Endmontagehalle – mussten die Verbliebenen sich direkt nach den Ferien überschlagen, um die Arbeit trotz der fehlenden Kollegen zu schaffen. Der Unmut darüber entlud sich am 24. August, das war ein Freitag, während der Spätschicht. In der Y-Halle wurden die Bänder abgeschaltet.
Die Kollegen zogen jetzt von Halle zu Halle. In jeder Halle schlossen sich Leute an. Zuletzt zog eine riesige Demonstration über die Brücke zu den drei Westhallen.[3] Auch dort standen kurz darauf alle Bänder still. Die Demo zog über die Brücke zurück vor das M-Gebäude, in dem u.a. die Personalabteilung und der Betriebsrat saßen. Der Betriebsrat stellte sich vor den Demo-Zug und teilte mit, sie hätten „großes Verständnis“. Man werde „in Verhandlungen mit der Geschäftsleitung eintreten“. Es gab einen Schlagabtausch mit Reden, Buh-Rufen und Beifall. Am Ende stand: Die Arbeit wird nicht mehr aufgenommen – die Nachtschicht ist abgesagt. Wir gehen jetzt nach Hause. Am Montag geht es weiter.
Standen dort ausschließlich türkische Arbeiter?
Vorwiegend. Dazu vielleicht 500 Deutsche und einige Dutzend Italiener und Jugoslawen. Aus der Werkzeughalle waren etwa 200 Deutsche mitgegangen, vorwiegend Handwerker. Die wurden sofort von Vorgesetzten bzw. von Betriebsräten bearbeitet, sich von dem „Türkenstreik“ fernzuhalten. Unter den beteiligten Deutschen gab es eine Gruppe, die nannte sich „Kölner Ford-Arbeiter“, ein Zusammenschluss von politischen Gruppierungen links von der DKP. Die waren schon längere Zeit im Werk aktiv und genauso überrascht vom Ausbruch des Streiks wie Geschäftsleitung und Betriebsrat. Übers Wochenende verteilten die „Kölner Ford-Arbeiter“ Flugblätter in den Wohnheimen und sprachen mit vielen Kollegen.
Der Streik ging am Montag an derselben Stelle wieder los wie am Freitag. Die Spätschicht, die den Streik angefangen hatte, hatte am Montag Frühschicht. Wieder zog ein anwachsender Zug Streikender von Halle zu Halle, legte die Produktion lahm und versammelte sich vor dem W-Gebäude. Der Betriebsrat wiederholte seine Position vom Freitag, ging damit sofort in einem Buhkonzert unter. Das Selbstbewusstsein war durch die Wiederaufnahme des Streiks enorm gewachsen.
Es wurde eine Streikleitung gewählt, per Vorschlag und allgemeiner Zustimmung. Baha Targün, den die Medien nachher zum Rädelsführer hochschrieben, kam in die Streikleitung – er sprach fließend deutsch und türkisch. Ein deutscher Kollege kam rein, weil er am Freitag wegen seines engagierten Auftretens Werksverbot erhalten hatte. Neben einer Reihe türkischer waren auch zwei italienische Kollegen dabei.

Auszug aus einem Spiegel-Artikel 1973: „Auf der 14 Tage währenden Streik-Szene in mindestens 80 westdeutschen Unternehmen spielten Gastarbeiter, vor allem Türken, erstmals eine zuweilen bestimmende Rolle. Aber auch ihre einheimischen Kollegen, seit je für ihre Disziplin bekannt, haben den Tugendballast abgeworfen. Rund 122000 Lohnempfänger praktizierten in den vergangenen vier Monaten eine Form des Streiks, die sogar in der offiziellen Sprache des Bundesarbeitsgerichts als ´wild` disqualifiziert wird: Ausstände zu Zeiten bestehender Tarifverträge, ohne Urabstimmung und Einhaltung der Friedenspflicht. Bestürzt hatte Kanzler Willy Brandt in der vorletzten Woche mit ansehen müssen, wie über Deutschlands Bildschirme eine Totalshow der wilden Streiks abgelaufen war. (…) Die Kämpfe begannen ohne aktive Hilfe der Gewerkschaften, durchweg sogar gegen den Willen der Gewerkschafts-Vorstände und der amtierenden Betriebsräte. Vielfach verlief die Front nicht zwischen Arbeitnehmern und Unternehmensleitungen, sondern zwischen Arbeitern und den von ihnen gewählten Vertretern in Betriebsrats- und Gewerkschaftsbüros.“[4]

Gespräch zu dritt: Schon am Freitag schlug einer von den „Kölner Ford-Arbeitern“ als Forderung 60 Pfennig mehr für alle vor (in den 73er-Streiks eine populäre Forderung). Daraufhin gab es eine kurze Debatte bei der herauskam: Wir wollen 1 Mark mehr! Schnell kamen andere Forderungen hinzu: Sechs Wochen Urlaub, Rücknahme der Entlassungen gegen die „Zu-Spät-Kommer“, Heruntersetzung der Bandgeschwindigkeiten, Einstellung von zusätzlichem Personal, keine Repressalien wegen Streikteilnahme und 600 Mark im Monat für Lehrlinge. Dieses Forderungpaket wurde von allen als unverhandelbar angesehen, also grundsätzlich anders als in den normalen deutschen Tarifverhandlungen: Man fordert 8 Prozent und freut sich am Ende über dreieinhalb.
Warum hat sich die Gewerkschaft nicht mit dem Streik solidarisiert?
Ein schwieriges Kapitel. Auch unter den deutschen Kollegen gab es eine Stimmung: Natürlich ist das richtig, jetzt zu streiken. Bei Opel wurde ja gestreikt und jeden Tag las man in der Zeitung von bestreikten Betrieben. Der Betriebsrat und ein Großteil der IG Metall im Betrieb hatten einen paternalistischen Rassismus tief verinnerlicht. „Diesen dummen Türken steht das nicht zu, uns vorzuschreiben wie und wann hier gestreikt wird und schon gar nicht wofür!“ Ich vergleiche die Haltung gerne mit Eltern, die, egal was die Kinder haben wollen, sagen: „Jetzt gibt es das nicht!“ „Und warum nicht?“ „Weil ich es gesagt habe!“ Die Betriebsräte vertraten aus ihrem Selbstverständnis heraus zuerst mal die deutschen Arbeiter. Ein krasses Beispiel: Bei den Betriebsratswahlen vor dem Streik 1973 hatte ein türkischer Kollege mit über 6000 die meisten Stimmen von allen Kandidaten bekommen. Doch der wurde nicht freigestellt. Fast alle Betriebsräte bei Ford – die deutschen, versteht sich – waren für ihre Betriebsratstätigkeit von der Arbeit freigestellt. Selbst eine ganze Reihe gewerkschaflicher Vertrauensleute waren freigestellt. Wenn der Betriebsrat die Geschäftsleitung bat, stellt uns den und den Vertrauensmann frei, tat Ford das. Der Kuckelkorn hatte als Vertrauenkörperleiter 16 für ihn freigestellte Leute.[5]
Der Ford-Betriebsrat war außerdem auch für bundesdeutsche Verhältnisse extrem antikommunistisch. Dass linke Gruppierungen sich an die Spitze dieses Streik geschoben hatten, das ging für sie überhaupt nicht.
Welche Gruppen waren das?
Leute von der KPD/AO waren in der Streikleitung. Anarchosydikalisten, die Gruppe „Arbeiterkampf“ (später Kommunistischer Bund) und eine ganze Reihe aus anderen Organisationen waren aktiv im Streik.

Felix Klopotek; in der Kölner Stadtrevue: „Der Streik setzt Emotionen frei, wer die Fabrik bis dato als einen Ort der Erniedrigung und des Aussaugens erlebt hat, entdeckt, dass alles von ihm abhängt. Wenn nicht gearbeitet wird, passiert auch nichts. So einfach ist das. So erhebend. Noch heute sprechen alte Aktivisten davon, es sei ein Tanz auf dem Rücken des Tigers gewesen. Vielleicht erklärt sich daraus die überharte Repression, die den Streikenden angedroht wird. Der Profitausfall wird aufs gesamte Geschäftsjahr bezogen eher gering gewesen sein. Aber der emotionale Effekt, diese Explosion der Befreiung, das Durchatmen – wenn das Schule machen würde. Wenn der Funke überspränge! Nicht auszudenken. Aber schon ab Dienstag zeichnet sich ab, dass der Kreis der aktiven Streikenden sich auf die türkischen Arbeiter und die linken Gruppen beschränkt, die Spaltung ist da. Die Gewerkschaft kann ihren Einfluss auf die deutschen Kollegen geltend machen. Halbgare Kompromisse werden angeboten, auf die die Streikenden nicht eingehen können – nicht nach diesen Tagen des Zorns und der Euphorie.“[1]

Christian Frings; in Direkte Aktion: „Die Kölner Boulevardpresse schrieb von ‘Türken-Terror’ – und fragte ängstlich: ‘Übernehmen Gastarbeiter die Macht? Zum ersten Mal wurde ihnen ihre Stärke bewusst.’ In globaler Perspektive der für das 20. Jahrhundert prägenden Leitindustrie, dem Auto, betrachtet, wiederholte sich hier nur, was Mitte der 1930er Jahre in den großen Sit-Down-Streiks in den USA passiert war und später in den schnell expandierenden Automobilproduktionen Brasiliens und Südafrikas und dann Südkoreas geschehen
sollte und heute in China und Indien stattfindet. Völlig unabhängig von den jeweiligen kulturellen Settings scheint die fordistische Massenproduktion von Autos (und Elektro-Waren) zum einen auf ein migrantisches, sprich bäuerliches, Subjekt als Arbeitskraft angewiesen zu sein, zum anderen aber durch ihre spezifische Produktionsweise auch eine spezifische Rebellionsweise zu provozieren. Die technische Art der Verkettung einer arbeitsteiligen Produktion durch Fließband- und Zuliefersysteme verleiht auch kleinen, unqualifizierten Arbeitergruppen an neuralgischen Punkten einen enormen Machthebel, der zum Ausgangspunkt massenhafter Kämpfe werden kann. Diese Form proletarischer Produktionsmacht hat sich zusammen mit den permanenten räumlichen Verlagerungen der Produktion über den Erdball verbreitet.“[6]

Protokoll über einen Teilnehmer am Ford-Streik: „Axel, 1973 Elektriker bei Ford, schildert die ungeheure Respektlosigkeit der meisten Vorgesetzten, aber auch vieler deutscher Kollegen gegenüber den türkischen Kollegen. Er nennt es ’Kolonialherrenmentalität’, und die sei sehr lebendig gewesen auch im Betriebsrat und in der IG Metall. Dagegen zu rebellieren war wesentlicher Antrieb des Streiks. Axel spricht von einem ängstlichen, unsicheren Respekt, der nach dem Streik bei den Deutschen gegenüber den Türken spürbar war. Beschwerden in den Hallen seien von da an mit Aufmerksamkeit begegnet worden. Bei den in der Folgezeit noch häufigen kurzen Arbeitsniederlegungen habe niemand mehr mit Repressionen reagiert. Axel resümiert: ’Die türkischen Kollegen haben im Werk mit dem Streik einen riesigen Schritt Richtung Gleichbehandlung getan. Heute ist Migrant/Nichtmigrant in den Hallen kein Thema mehr’.“[7]

Ein Streikaktivist: „Die vier Tage Ende August 1973 gehören zu den Schlüsselerlebnissen meines Lebens. (…) Die bösartige Zerschlagung der Besetzung des Ford-Werkes unter tatkräftiger Mithilfe der Gewerkschaft (…) mag man als Niederlage einstufen, aber es gab ja noch die Zeit davor und es gibt sie danach. Menschen unserer Sozialisation werden kaum je ein zweites Mal in dieser zeitlichen Verdichtung einen so intensiven Einblick in Lebensbereiche bekommen, die ihnen vorher in keiner Weise bekannt waren. Eine nicht in Worte zu fassende Bereicherung. Fritz der Funker.“[8]

Gespräch zu dritt: Am 29. August 1973, ist die Geschäftsleitung zu der Einschätzung gekommen, der Streik werde nicht von selbst erlahmen. Ab da spielten sie offenbar verschiedene Szenarien durch, wie sie den Streik zerschlagen könnten. Das haben sie am nächsten Tag aus ihrer Sicht ziemlich gut hinbekommen. Sie haben der morgendlichen Streikdemo durchs Werk eine Gegendemonstration von einigen hundert mit dem Schild: „Wir wollen arbeiten!“ entgegengeschickt, von der ich bis heute nicht weiß, aus welchen Leuten sie sich zusammensetzte. Als die auf Höhe unserer Demo waren, stürmten die prügelnd auf uns los und rissen unser Transparent runter. Wir waren völlig überrascht. Was machen wir jetzt? Verprügeln? Wir hatten ja beschlossen, auch Arbeitswillige nicht zu verprügeln. Wir zogen weiter. Die Angreifer stießen weiter hinten auf die Streikleitung und griffen die an. Das führte zu einer riesigen Prügelei. Polizei war auf dem Gelände, die Streikleitung und einige aktive Kollegen wurde verhaftet.
Wieviele Polizisten waren es?
Hundert, vielleicht zweihundert.
Nicht viel. Das hört sich nach einer Art „Kommandoaktion zur Enthauptung des Streiks“ an…
So kann man das nennen. Die Gegenseite hatte aber auch schlicht viel Glück. Dass die Kollegen auf den ersten Angriff der paar hundert so defensiv reagierten, und die nicht einfach geschlossen aus dem Werk geprügelt haben, davon konnten sie nicht ausgehen. Die Angreifer prügelten und wüteten nun um so wilder weiter, auch unter „Jetzt schlagen wir alle Türken tot!“-Rufen. Man hatte das Gefühl, die Polizei würde einen vor diesem wildgewordenen Mob retten. Kollegen sprachen später von einer Lynchjustiz-Stimmung.
Wer euch da angegriffen hat, ist ja bis heute sowohl in der Literatur als auch unter den Zeitzeugen umstritten.
Eine Variante ist, es seien als Arbeiter verkleidete Polizisten gewesen. Die Art und Weise, wie die da prügelten, war aber so weit entfernt von dem, was ich seit 68 von prügelnden Polizisten kenne. Ich habe in der Zeit danach mit vielen Kollegen gesprochen und habe niemanden getroffen, der einen Angreifer erkannt hat. Daraus schließe ich, dass die zweite Variante, es seien deutsche Meister und Vorarbeiter gewesen, auch nicht ganz richtig sein kann. Eine dritte Variante sprach von Arbeitern aus anderen Ford-Werken, denen erzählt worden sei, Linksradikale hätten das Kölner Werk besetzt und ein paar dumme Türken laufen dabei mit.

Gruppe Arbeiterkampf: „Zu diesem Zeitpunkt war in der Demo schon heillose Verwirrung. Überall standen vereinzelte Gruppen von Streikenden, aber gegen die Trupps von Schlägern organisierte sich kein Widerstand. Viele Streikende hatten auch zu Beginn der Auseinandersetzungen das Feld geräumt, weil sie meinten, gegen die Polizei sei kein Widerstand möglich. Außerdem hatten sie Angst vor der Ausweisung. Denn gleichzeitig mit dem Polizeieinsatz tönte in türkischer Sprache aus dem Polizeilautsprecher die Aufforderung an die Türken, das Werksgelände sofort zu verlassen, anderenfalls drohe ihnen die sofortige Abschiebung.
Auf dem ganzen Gelände spielten sich dann Hasenjagden durch die Gegendemonstranten ab. Mindestens 80 türkische Kollegen wurden dabei verletzt. Die türkischen Kollegen waren sehr verbittert über das Verhalten ihrer deutschen Kollegen. Noch in der Spätschicht am Donnerstag, als wieder gearbeitet wurde, gab es Krach in der Y-Halle. Während der ganzen Schicht pfiffen und buhten die Türken, aber es gab keine Führung, die den Widerstand hätte zusammenfassen können. Außerdem patroullierten jetzt auf dem ganzen Werksgelände „Arbeiterschutzstreifen“ zu sechs bis sieben Mann mit weißen Helmen, die jede Ansammlung auflösten. Es waren zum Teil dieselben Leute, die morgens bei der Gegendemo mitgemacht hatten.“[9]

Schlagzeile in Bild vom 30. August 1973: „Gastarbeiter kommt von Gast und wer sich als Gast nicht benimmt, wird vor die Tür gesetzt.“

Gespräch zu dritt: Der Streik war eine Art egalitärer Bewegung, mit einer kleinen Streikleitung. Genossen, die während des Streiks in der Streikleitung waren, sagen, die habe nie wirklich getagt. Leute von der KPD/AO hätten in enger Zusammenarbeit mit dem herausgehobenen Baha Targün versucht zu bestimmen.[10] Aber bestimmen konnte da niemand viel. Die großen Versammlungen bestimmten den Verlauf des Streiks. Hätte die Streikleitung z.B. gesagt, wir verhandeln um 60 Pfennig mehr, wäre sie keine Streikleitung mehr gewesen.
Am Donnerstag wird der Streik also aufgesprengt und alle haben zunächst versucht, ihren Hintern zu retten. Und dann?
Am Freitag morgen wurde wieder gearbeitet.
Einfach wieder gearbeitet?
Ja.
Ganz normal?
Ja.
So einstempeln und arbeiten?
Ja, ja.
Warum?
Es war die letzte Frühschicht der Woche. (Lachen)
Gab es denn irgendein greifbares Ergebnis?
Die 280 Mark Einmalzahlung sind gezahlt worden. Auch an die deutschen Kollegen.

Peter Bach, aus einem Bericht vom 27. August 2007: Nach 34 Jahren heute zum ersten Mal wieder im Werk. Werksführung. Als „Experte“ mit den Schaupielerinnen und Schauspielern des Schauspielhauses Köln. Da muss erst die Karin Beier als neue Intendantin hierherkommen, dass der Ford-Streik wirksam in der Stadt thematisiert wird. „Fordlandia“ wird das Stück heissen.[11] Die Y-Halle sieht aus wie das Innere eines Hospitals. Clean, weiss-blau gestrichen. Es ist leise. 1973 war hier ein infernalischer Lärm. Die Armaturenbretter, vorgefertigt aus dem angrenzenden Technologiepark, „schweben“ ein. Die Kollegen steuern Roboter, die den Zusammenbau verschiedener Komponenten ausführen. Das Armaturenbrett wird eingesetzt, zwei Schrauben angezogen – fertig. Vor 40 Jahren haben hunderte an den Armaturenbrettern gearbeitet. Wir konnten uns bei der Führung mit jedem unterhalten, jeder hatte Zeit, mit uns zu sprechen. Unmöglich früher. Die Meisterbuden voller junger türkischstämmiger Meister, normal heute, und am Band deutschstämmige Arbeiter. Der Produktionsleiter sagt, auf den 73er Streik angesprochen: „Für uns war der Streik eine wichtige Anregung, dass Dinge geändert werden müssen. Aber wir haben diese Anregung aufgenommen und entsprechend gehandelt und heute ist das alles kein Thema mehr.“

Anmerkungen:

[1] Felix Klopotek, Auf dem Rücken des Tigers tanzen, in: Kölner Stadtrevue, August 2013

[2] P. Nottelmann, Erfahrungen und Einsichten aus der Automobilindustrie, in: J. C. Papalekas (Hg.), Die Ausländerfrage. Gastarbeiter im Spannungsfeld von Integration und Reintegration, Herford 1983; zit. n. Jörg Huwer, Gastarbeiter im Streik – Die Arbeitsniederlegung bei Ford Köln im August 1973, edition DOMID 2013.

[3] Das Kölner Fordwerk wird von der vierspurigen Emdener Straße zerteilt, überspannt von einer betriebsinternen Brücke.

[4] IG Metall – ein angeschlagener Dinosaurier, Der Spiegel, 3.9.1973

[5] Wilfried Kuckelkorn war während des Fordstreiks 1973 Leiter des Vertrauensleutekörpers der IG-Metall im Werk. Sein Verhalten im Streik, seine stramm antikommunistische Haltung und sein Verständnis von betrieblicher Gewerkschaftsarbeit als Ko-Management waren hilfreich für eine typische sozialdemokratische Karriere: Lehre als Installateur, Besuch einer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, Vertrauenskörperleiter, Betriebsratsmitglied, Betriebsratsvorsitzender, Vorsitzender des Europa-Betriebsrates, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Ford Europa, Aufsichtsrat der Kölner Verkehrsbetriebe und von 1994 bis 2004 für die SPD Mitglied des Europäischen Parlaments.

[6] Christian Frings, Ein historischer Wendepunkt, Der Streiksommer 1973, direkte aktion 217, Mai/Juni 2013

[7] Aus: Protokoll eines Gesprächs zwischen zwei ’73er Streikaktivsten, 5.9.2013

[8] Brief eines Streikaktivisten an eine Gruppe, die eine Veranstaltung zum 40 Jahrestag des Ford-Streiks vorbereitet

[9] Streik bei Ford, Rosa Luxemburg Verlag, Köln 1973.

[10]10 Kommunistische Partei Deutschlands (Aufbauorganisation) war eine maoistische Gruppe, die 1970 aus der 68er-Bewegung hervorging und sich 1980 auflöste; Mitgliederzahl: geschätzt 700 (1973), wikipedia

[11] Die Frankfurter Rundschau (15. 10.2007) schrieb, mit „Fordlandia“ sei eine raffinierte Revue gelungen, die wie dazu geschaffen sei, „das Programm der Intendantin zu illustrieren: Sie will Deutschland so zeigen, wie es ist, und das heißt voller Menschen, die nicht so deutsch sind, wie es Nibelungengläubige glauben“. „Fordlandia“: Henry Ford kontrollierte die Produktion aller für die Autoproduktion nötigen Rohstoffe – außer dem Kautschuk (Reifen). Er ließ 1928 im brasilianischen Dschungel eine Kleinstadt nach amerikanischem Vorbild errichten, um dort aus Gummibäumen Kautschuk für Autoreifen zu zapfen. Auf den heutigen Wert umgerechnete eine Milliarde Dollar investierte er in das Projekt. Er versuchte auch, den brasilianischen Arbeitern seine „eigentümliche Ideen von einer Gesellschaft” einzuimpfen. „Und doch schaffte es kein einziger Tropfen Kautschuk in ein Ford-Auto”, erklärt Historiker Greg Grandin, Autor des Buchs Fordlandia – The Rise and Fall of Henry Ford’s Forgotten Jungle City. Quelle: Wikipedia

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