Projekt gescheitert – Geld verbrannt

Die Grüne Revolution in Afrika

Das subsaharische Afrika ist seit Jahrzehnten die Region mit dem höchsten Anteil chronisch Unterernährter an der Bevölkerung: stets über 20 Prozent und damit doppelt bis dreifach so hoch wie in Süd- bzw. Südostasien.1 Die Notwendigkeit, die Ernährungssituation in diesem Teil der Welt zu verbessern, ist also von unveränderter Dringlichkeit. Seinen Ausdruck findet das in entsprechenden Dokumenten der Welternährungsorganisation (FAO) und in Appellen des Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Der belgische Juraprofessor Olivier de Schutter, der diese Funktion von 2008 bis 2014 innehatte, setzte sich intensiv für eine Lösung des Problems ein und erklärte im März 2011 nach ausgiebiger Diskussion mit Expertinnen und Experten, dass durch eine massive Förderung agrarökologischer Anbausysteme die Nahrungsmittelproduktion in kritischen Regionen der Welt innerhalb von zehn Jahren verdoppelt werden könnte.2

Doch die von de Schutter geforderte Förderung der Agrarökologie fand nicht statt, denn die afrikanischen Regierungen und die internationalen Geldgeber waren damit beschäftigt, ein Projekt zu unterstützen, das im Jahr 2006 von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung lanciert wurde: Die Alliance for a Green Revolution in Africa – Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika, kurz AGRA.

Dabei mangelte es nicht an Empfehlungen, die Agrarökologie zu fördern. Aber es scheint, als würden diese alle zehn Jahre wiederholt, ohne dass es zu dem dringend notwendigen agrarpolitischen Einschnitt kommt. Wer im Jahr 2009 glaubte, dass die Veröffentlichung des Weltagrarberichts3 – ein 600 Seiten-Dokument, das von diversen UN-Gremien, einschließlich der Weltbank, bestätigt wurde – der Startschuss für einen grundlegenden Wandel des Welternährungssystems sein würde, sah sich bald enttäuscht. Zehn Jahre später wurde der Bericht eines hochrangigen Fachgremiums der FAO veröffentlicht4, der mit nahezu identischen Worten beginnt, wie der Weltagrarbericht: „The global food system is at a crossroads.“ Wenn sich das System der Welternährung zehn Jahre nach dem Weltagrarbericht noch immer „am Scheideweg“ befindet, heißt das, dass es zehn Jahre lang nicht vom Fleck gekommen ist.

Die Berechtigung dieser Schlussfolgerung wird leider durch zwei kürzlich veröffentlichte Studien bestätigt, die sich kritisch mit der AGRA auseinandersetzen.5 Es handelt sich um ein Milliardenprojekt, von dem bislang über 500 Millionen Dollar ausgegeben wurden, um in 13 subsaharischen Ländern Afrikas die Landwirtschaft auf kommerzielle Hybridsorten und den Einsatz von Pestiziden und synthetischem Dünger umzustellen. Damit verbunden war das Versprechen, bis zum Jahr 2020 das Einkommen von 20 bis 30 Millionen kleinbäuerlichen Haushalten und die Hektarerträge bei wichtigen Anbaukulturen zu verdoppeln, um so die Ernährungsunsicherheit (ein von der FAO definiertes Kriterium) zu halbieren. Im Juni dieses Jahres verschwanden diese Ziele von der Website der AGRA.

Jährliche Ausgaben in Höhe von 40 bis 50 Millionen Dollar, über 13 Länder verteilt, mögen als ein vergleichsweise kleiner Betrag erscheinen, doch in zehn der 13 Länder wurde das Projekt durch massive staatliche Subventionen unterstützt, ergänzt um internationale Hilfsgelder. Diese Subventionen betrugen mehr als das Zwanzigfache der von der AGRA ausgegebenen Summe – im Durchschnitt eine Milliarde Dollar pro Jahr.6 Der Effekt dieses beachtlichen Einsatzes von Steuergeldern in einer der ärmsten Regionen der Welt bestand vor allem in Umsatzsteigerungen für Agrochemie- und Saatgutkonzerne. AGRA löschte nicht nur die selbst gesteckten Ziele auf ihrer Website, sondern blieb bislang auch eine öffentlich verfügbare Gesamtbewertung ihres Projekts schuldig. Der von Fachleuten erbetene Zugang zu spezifischen Daten zum AGRA-Projekt wurde abgelehnt, so dass ein Team um Timothy Wise, Professor an der Tufts University in Massachusetts, USA, auf die nationale n Statistiken der AGRA-Zielländer (Äthiopien, Burkina Faso, Ghana, Kenia, Malawi, Mali, Mosambik, Niger, Nigeria, Ruanda, Sambia, Tansania und Uganda) zurückgriff, um eine Analyse vorzunehmen.

Das Ergebnis dieser Analyse ist ernüchternd: Bei Mais – der Vorzeigefrucht der AGRA – gab es im betrachteten Zwölf-Jahres Zeitraum zwar einen Anstieg der Produktion um 87 Prozent. Rund die Hälfte dieses Anstiegs wurde jedoch durch eine Ausdehnung der Anbaufläche erreicht, was in der Regel mit einer Verschlechterung der Klimabilanz einhergeht, denn durch solche Landnutzungsänderung wird eine große Menge CO2 freigesetzt. Dabei stiegen die Hektarerträge für Mais nur um 29 Prozent. Über alle Grundnahrungsmittel hinweg betrachtet, blieb der Ertragsanstieg laut FAO-Statistik bei 18 Prozent stecken. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 1,5 Prozent – nahezu identisch mit den Wachstumsraten der Vor-AGRA-Zeit. Erheblich gestiegen sein dürfte in dieser Zeit jedoch der Verkauf von Pestiziden, synthetischem Dünger und Hybrid-Saatgut – genaue Zahlen dazu liegen nicht vor.

Die Kollateralschäden des Programms sind gravierend und vielfältig: In den AGRA-Schwerpunktländern ist seit Beginn des Projekts die Zahl der Menschen, die unter extremem Hunger leiden um 30 Prozent oder um 130 Millionen Menschen gestiegen. Hinzu kommen negative Umweltauswirkungen, fehlende ökonomische Nachhaltigkeit, eine verstärkte Abhängigkeit der kleinbäuerlichen Strukturen, die Versauerung der Böden durch Monokulturen und synthetische Düngemittel, was nach kurzzeitigen Ertragssteigerungen zu entsprechenden Einbußen und eine stärkere Anfälligkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels führt. Im Übrigen leistet der Kunstdünger mit seinen extrem hohen Treibhausgasemissionen einen eigenen Beitrag zum Klimawandel.

Für den Einsatz von Pestiziden zahlt die ländliche Bevölkerung Afrikas durch die Schädigung ihrer Gesundheit einen hohen Preis. Laut einer globalen Meta-Analyse erleiden etwa 44 Prozent aller Bäuerinnen und Bauern, fast ausschließlich im globalen Süden, jährlich eine akute Pestizidvergiftung.7

Kommerzielles Saatgut und chemische Inputs schaffen Abhängigkeiten, die nach Wegfall der Subventionen in einer Schuldenfalle enden. Die von INKOTA, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und afrikanischen Partnerorganisationen durchgeführten Fallstudien belegen dies eindrücklich. Die Folge sind eine fortgesetzte Konzentration des Landbesitzes und eine weitere Verarmung der ländlichen Bevölkerung.

Das hinderte den Generalsekretär der Vereinten Nationen nicht daran, den Bock zum Gärtner zu machen, wenngleich dieser Bock im vorliegenden Fall weiblichen Geschlechts ist: Im Dezember 2019 wurde Agnes Kalibata, Präsidentin der AGRA, zur Sondergesandten für den Welternährungsgipfel 2021 ernannt, weil die AGRA vermeintlich „ein ernährungssicheres und wohlhabendes Afrika durch schnelles, integratives, nachhaltiges landwirtschaftliches Wachstum gewährleistet, das die Produktivität und die Lebensgrundlagen von Millionen von Kleinbäuerinnen und -bauern in Afrika verbessert“, so der UN-Generalsekretär in einem Schreiben. Das wird ergänzt durch den Versuch transnationaler Agrochemie- und Saatgutkonzerne, eine „strategische Partnerschaft“ mit der FAO einzugehen. Diese „Partnerschaft“ kann hoffentlich durch den heftigen Protest Hunderter zivilgesellschaftlicher Organisationen und kritischer Wissenschaftler verhindert werden.

Die im Sommer 2020 veröffentlichten Fakten zum Versagen der AGRA und die wachsende Zahl von Belegen für die besondere Eignung agrarökologischer Anbausysteme im globalen Süden sind Grund genug, in den AGRA-Schwerpunktländern eine Trendwende einzuleiten.

Dr. Peter Clausing ist Agrarwissenschaftler und Toxikologe. Er publiziert regelmäßig zu beiden Themenbereichen.

Anmerkungen · Quellen

1 FAO u.a. (2020): The State of Food Security and Nutrition in the World 2020. Transforming food systems for affordable healthy diets. Rome, FAO. https://doi.org/10.4060/ca9692en

2 Schutter, O. (2011): Eco-Farming Can Double Food Production in 10 Years, says new UN report. Pressemitteilung, OHCR, Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.

3 IAASTD (2009): Agriculture at a Crossroads. International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development. Global Report. Washington, D.C.

4 FAO (2019): Agroecological and other innovative approaches for sustainable agriculture and food systems that enhance food security and nutrition. A report by the High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition of the Committee on World Food Security, Rome.

5 Wise, T. (2020): Failing Africa’s farmers: An impact assessment of the Alliance for a Green Revolution in Africa. Global Development and Environment Institute. Working Paper No. 20-01. Medford, MA 02155, USA. Vgl. auch: INKOTA u.a. (2020): Falsche Versprechen: Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA).

6 Boedeker u.a. (2020): The global distribution of acute unintentional pesticide poisoning: estimations based on a systematic review. BMC Public Health (im Druck).

7 Boedeker u.a. (2020); siehe oben.

Mehr lesen:

Krank durch Pestizide – was nun? Für jene, die Pestizide nutzen, ist dies oftmals eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. Aber ihre Existenz kann auch durch die berufsbedingte Ge...
Die Klimaschulden der Landwirtschaft Eine kleinflächige Landwirtschaft ohne Pestizide wäre ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz Die Medien vermitteln überwiegend den Eindruck, d...