Armutsbekämpfung durch Integration in die Finanzwelt

Gerhard Klas. Lunapark21 – Heft 21

Als die zwei „heißesten Wirtschaftswissenschaftler“ werden sie bezeichnet: der Inder Abhijit Banerjee und die Französin Esther Dulfo. Die beiden jungen Entwicklungsökonomen und Wissenschaftler des renommierten Massachussetts Instituts of Technology füllen große Universitätshörsäle. Sie gewannen u.a. für ihr jüngst auf Deutsch veröffentlichtes Buch „Poor Economics – Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut“ den mit 40000 Dollar dotierten Preis für das „Wirtschaftsbuch des Jahres“, ausgelobt von der Zeitung Financial Times und der US-Bank Goldman Sachs.

Lange Zeit waren die Armen vor allem statistisches Material, waren Gegenstand makroökonomischer Untersuchungen. Selbst befragt wurden sie selten. In ihrem Buch „Poor Economics – Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut“ gehen die beiden Entwicklungsökonomen Abhijit Banerjee und Esther Duflo einen anderen Weg. Sie konzentrieren sich auf die Mikroebene, reden nicht nur über, sondern auch mit den Armen – vor allem über ihr Kaufverhalten. In einem abgelegenen Dorf in Marokko erzählt ihnen ein Kleinbauer, dass er gerne mehr und bessere Lebensmittel kaufen würde. „Wir hatten großes Mitleid mit ihm und seiner Familie“, schreiben die beiden. Bis sie einen Fernseher, einen DVD-Spieler und eine Satellitenantenne entdeckten. Sie fragten den Bauern, warum er all diese Dinge gekauft habe, wenn er glaube, seine Familie habe nicht genug zu essen. Er habe gelacht und geantwortet: „Ach, Fernsehen ist wichtiger als Essen!“.

Banerjee und Duflo wollten ihren Protagonisten verstehen. Nach einigen Tagen im Dorf kam ihnen die Erkenntnis: Das Leben dort ist zu langweilig, deshalb ziehen Arme es vor, fern zu sehen statt ausreichend zu essen. Oder in Indien: In dem von ihnen untersuchten Dorf gaben selbst die Ärmsten 14 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für geistliche oder weltliche Feiern aus.

Aber heißt das, wie von den Entwicklungsökonomen nahegelegt, dass viele der eine Milliarde Hungernden auf der Welt eigentlich gar keinen Hunger leiden müssten, wenn sie nur andere Prioritäten setzten? Oder hat nicht vielmehr der neue Reichtum der indischen Ober- und Mittelschicht zur weiteren Verarmung der Bevölkerungsmehrheit geführt? Darauf geben die Entwicklungsökonomen, die sich an vielen Stellen des Buches in psychologischen Deutungen über die Entscheidungsfindungen der Armen versuchen, keine Antwort. Sie beschäftigen sich zwar ausführlich mit der Mikroebene, haben aber die Makroebene fast gänzlich aus dem Blick verloren. Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge, Globalisierung und Exportorientierung, Finanzmarktspekulationen, Ausbeutung der Arbeit, Vertreibung und Verschuldung – diese Themen finden bei Banerjee und Duflo als strukturelle Ursachen der Armut keine Erwähnung. Statt dessen bemühen sie die umstrittene These von der Überbevölkerung.

Die beiden jungen Starökonomen schwören auf das Allheilmittel Mikrokredite. Mit Hilfe einer langfristigen Vergleichsstudie in mehreren Slums der indischen Megacity Hyderabad untersuchten sie die sozialen Auswirkungen dieser Darlehen. Fazit: „Mikrokredite haben ihren Platz unter den Schlüsselinstrumenten im Kampf gegen die Armut redlich verdient.“

Den empirischen Beweis für ihre These bleiben sie schuldig: Die soziale Wirksamkeit der Mikrokredite, das sagt ihre Vergleichsstudie, sei nicht messbar, weder bei der Gesundheitsversorgung, noch bei der Bildung. Im Gegenteil: Die Familien der Kreditnehmer üben sogar Konsumverzicht, um die wöchentlichen Raten bezahlen zu können. Wie kommen Banerjee und Duflo dann zur positiven Bewertung ihrer Studienergebnisse? Ganz einfach: Mit Hilfe der Mikrokredite ist es gelungen, die Armen in die Finanzwelt einzubinden. Für Banerjee und Duflo ist die Teilnahme der Armen am Marktgeschehen reiner Selbstzweck, dem alle anderen Indikatoren untergeordnet sind.

Damit nicht genug. Sie loben ausdrücklich die disziplinierende Wirkung der Mikrofinanz auf die Armen und stilisieren den Konsumverzicht als erstrebenswertes Ziel. Die Mikrokreditempfänger in Hyderabad hätten auf „überflüssige“ Ausgaben wie Rauchwaren, süßen Tee und Snacks verzichtet, um ihre wöchentlichen Kreditraten zu zahlen.
Wer den Armen in der Welt schon immer sagen wollte, wie sie sich am besten helfen können, kann sicherlich die Begeisterung der beiden Autoren über die „Gute Nachricht“ am Ende des Buches teilen. Veränderungen ließen sich herbeiführen, „ohne die vorhandenen politischen und sozialen Strukturen über den Haufen zu werfen“, freuen sich Banerjee und Duflo. Da sie die strukturellen Ursachen der Armut konsequent ausblenden, vermittelt das Buch kein „neues“, sondern vielmehr ein „limitiertes Verständnis von Armut“.

Abhijit Banerjee, Esther Duflo Poor Economics – Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut, aus dem Englischen von Susanne Warmuth, Knaus Verlag, 384 Seiten, 22,99 Euro

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