[rezension] Selbstmorde und das Geschäft mit der Armut. Gerhard Klas „Die Mikrofinanz-Industrie“

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Angeführt von der Gründerfigur Muhammad Yunus und gefördert u.a. von Bill Gates haben Mikrokredite in der öffentlichen Wahrnehmung den Status eines Allheilmittels gegen Armut erlangt. Doch der schöne Schein der kostenfreien Armutsreduktion durch den Finanzmarkt trügt – die Armen zahlen einen hohen Preis. Dem Buch des Kölner Journalisten und LP21-Autors Gerhard Klas zufolge erweist sich das Versprechen der Mikrofinanzindustrie, man könne Gutes tun und daran Geld verdienen, in der Praxis bestenfalls als guter Vorsatz. Zahlreiche Studien belegen, dass Armutslinderung dank Kleinkrediten nicht nachzuweisen ist. Für die Profitabilität hingegen sprechen harte Zahlen. Am Börsengang des indischen Mikrofinanzierers SKS im Sommer 2010, wenige Monate vor dem reihenweisen Selbstmord seiner Kunden, verdiente allein der Gründer Vikram Akula über 60 Millionen US-Dollar.

Klas, der 2007 zu recherchieren begann, konzentriert seine Untersuchung auf Südasien. Im Vorjahr hatten im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh bis zu 200 Kreditnehmerinnen und -nehmer Suizid begangen. Nach dem Skandal gingen jedoch die Geschäfte weiter wie gehabt, bis es 2010 erneut zu vielen tragischen Selbstmorden kam. Für Klas ist die Wiederholung der Tragödie ein unübersehbarer Beleg dafür, dass Armut nicht mit marktwirtschaftlichen Mitteln abgebaut werden kann. „Hilfe“ gibt es hier nur für den Preis der Verschuldung, die in letzter Instanz auch manchmal mit dem Leben beglichen wird.

„Die Mikrofinanz-Industrie“ ist das erste deutschsprachige Werk, das ein kritisches Auge auf Mikrokredite wirft, und eine der bislang besten Untersuchungen überhaupt. Klas berichtet nicht nur von den realen Schuldenfallen, in die arme Menschen gelangen, sondern auch über die scheinheilige Öffentlichkeitsarbeit der (oft deutschen) Akteure, die das rasante Wachstum der Kleinkredit-Industrie möglich macht. Sein Buch ist indes auch das erste, das die ökologische Dimension beleuchtet. Die Armen in Südasien leiden besonders unter dem Klimawandel: Dürre und Naturkatastrophen zwingen Kleinbauern zur Übersiedelung in die Slums der Städte, um sich wiederum als Kleinunternehmer (mit Mikrokrediten) zu verdingen. Den Übriggebliebenen bietet die Allianz Mikroversicherungen gegen Wetterkapriolen an.

Gerhard Klas, Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut, Verlag Assoziation A, Berlin 2011, 320 Seiten, 19,80 Euro

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