Martin Luther und die Chicago Boys

Zur Antiquiertheit von neoliberalem Monetarismus und Finanzialisierung
Thomas Kuczynski. Lunapark21 – Heft 22

Über hundertfünfzig Jahre war die kapitalistische Produktionsweise in einem solchen Ausmaß von diesem einen Wirtschaftsbereich dominiert, dass manche sie die Epoche des Industriekapitalismus nannten, andere gar die Industriegesellschaft schlechthin. Wenn Marx im Nachwort zur 2. deutschen Ausgabe des Kapitals davon sprach, dass die große Industrie mit der Krise von 1825 aus ihrem Kindheitsalter herausgetreten war, so kann, ähnlich zugespitzt, gesagt werden, dass sie mit der Krise von 1973 in ihr Rentenalter eingetreten ist, also von Renten und Renditen lebt.

Und so sind auch die Termini Industriegesellschaft und Industriekapitalismus veraltet und an ihre Stelle solche getreten wie Dienstleistungs-, Informations- und Wissensgesellschaft einerseits, Finanzmarkt- oder auch einfach Finanzkapitalismus andrerseits.

Ideologischer Hauptmotor der sogenannten Finanzialisierung der Wirtschaft war die (zweite) Chicagoer Schule, theoretisch geführt von dem späteren Nobelpreisträger Milton Friedman (1912—2006) und praktisch erstmals tätig in Gestalt der Chicago Boys, übrigens unmittelbar nach dem faschistischen Militärputsch in Chile 1973. Seit dieser Zeit hat die häufig als Neoliberalismus bezeichnete Richtung in Lehre, Forschung und Politik nahezu weltweit eine Monopolstellung errungen. Allerdings hat Friedman für sich selbst die Bezeichnung Neoliberalist zu Recht abgelehnt, denn der Begriff Neoliberalismus wird traditionell mit dem Sozialstaatsdenken solcher Ökonomen wie Eucken, Röpcke, v. Rüstow usw. assoziiert, und dessen Zielstellung war so ziemlich das Gegenteil dessen, was heute Neoliberalismus genannt wird. Auch die Bezeichnung Monetarismus, zu dessen Begründer viele Friedman hochstilisiert haben, ist irreführend, allerdings aus anderen Gründen, denn der Monetarismus ist eine uralte, heute völlig zu Unrecht vergessene Wirtschaftslehre, die am Beginn des Übergangs zum Kapitalismus in weiten Teilen Westeuropas herrschte.

Der Monetarismus stellt das Geld in den Mittelpunkt seines Denkens. Damals war es allerdings das reale, Gold und Silber, heute dagegen das virtuelle, Bonds, Aktien, Finanzderivate usw. In beiden Fällen aber hat das Maß des Reichtums kaum etwas mit den realwirtschaftlichen Produktionsprozessen zu tun. Gewiss, die Methoden der Reichtums- bzw. Gelderwirtschaftung und –verschwendung haben sich geändert. Damals war es vor allem der Wucher, das Verleihen von Geld gegen Zins. Den Vorgang selbst hat Luther sehr schön drastisch beschrieben, in seiner 1540 erschienenen „Vermahnung“ (Mahnung) „An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen“, wobei er von einem Zinssatz von 40 Prozent ausgegangen ist:

„Wer nu jetzt zu Leipzig 100 floren (Gulden) hat, der nimmt jährlich 40, das heißt einen Bauern oder Bürger in einem Jahr gefressen. Hat er 1000, so nimmt er jährlich 400, das heißt einen Ritter oder reichen Edelmann in einem Jahr gefressen. Hat er 10000, so nimmt er jährlich 4000, das heißt einen reichen Grauen (Grafen) in einem Jahr gefressen. Hat er 100000, wie es sein muss bei den großen Handelsherrn, so nimmt er jährlich 40000, das heißt einen großen reichen Fürsten in einem Jahr gefressen. Hat er 1000000, so nimmt er jährlich 400000, das heißt einen großen König in einem Jahr gefressen. Und leidet darüber keine Fahr (Gefahr), weder an Leib noch an Wahr (Ware), arbeit nichts, sitzt hinter dem Ofen und brät Äpfel. Also möcht ein Stuhlreiber (Sesselfurzer) sitzen zu Hause, und eine ganze Welt in zehn Jahren fressen.”[1]

Sicherlich, heutzutage gelten hierzulande solche Zinssätze als sittenwidrig, aber im größten Teil der Welt sind sie durchaus üblich, beispielsweise in Indien, Bangladesh usw. Auch müssten die Summen, in Euro oder Dollar gerechnet, mehr als vertausendfacht werden, und die Rangfolge vom Bauer zum König müsste aktualisiert werden, dass nämlich binnen Jahresfrist ein kleines Unternehmen ruiniert wird, ein mittelständisches, ein Großunternehmen, ein nationaler Konzern, ein ganzes Land. Aber im Übrigen sind die ebenso verheerenden Wirkungen des Treibens der heute herrschenden Finanzinstitutionen schon bei Luther anschaulichst beschrieben.

Zwanzig Jahre zuvor, 1520, gab er in seinem Sendschreiben „An den christlichen Adel deutscher Nation“ eine Prognose ab, die sogar für all jene von Interesse sein dürfte, die sich hierzulande über Konsumentenkredite bei ihrer Bank verschulden: „Aber das größte Unglück deutscher Nation ist gewisslich der Zinskauf. Wenn der nicht wäre, müsste mancher seine Seide, Sammet, Goldsachen, Spezerei und allerlei Gepränge wohl ungekauft lassen. Er ist nicht viel über hundert Jahr bestanden, und hat schon fast alle Fürsten, Stifte, Städte, Adel und Erben in Armut, Jammer und Verderben gebracht. Sollte er noch hundert Jahr bestehen, so wäre es nicht möglich, dass Deutschland einen Pfennig behielte. Wir müssten uns gewisslich einander fressen …“[2] Eine allzu düstere Prognose? Hundert Jahre später tobte in Deutschland der Dreißigjährige Krieg, und Kannibalismus war keine so seltene Sache …

Im Entwurf zum dritten Buch des Kapitals bemerkt Marx zum Wucherkapital: „Exploitation“ (d.h. Exploitationsweise) „des Kapitals, ohne die Produktionsweise des Kapitals.“[3] Dasselbe trifft heute auf Hedge- und Investmentfonds, Ratingagenturen, Finanzmärkte usw. zu: Ihr Ausbeutungsmechanismus ist ein kapitalistischer, aber er funktioniert faktisch ohne Bezug auf die in der Realwirtschaft nach wie vor stattfindende Ausbeutung der Lohnarbeit, ordnet sich diese vielmehr unter und ruiniert damit letztlich die kapitalistische Produktionsweise selbst.

So war das Hauptziel des von Friedman und seinen Leuten, den Chicago Boys, aufgestellten Programms die Zurückdrängung des Staatseinflusses auf die Wirtschaft, insbesondere die Reduktion der Staatsausgaben und, damit verbunden, ein Ende der ständig wachsenden Staatsverschuldung. Herausgekommen ist aber etwas ganz anderes.

Die Staatsverschuldung hat heute astronomische Höhen erreicht, die zu „vormonetaristischen“ Zeiten, zu Zeiten des verhassten Sozialstaats, völlig unvorstellbar waren. Die durch Privatisierung von staatlichem und kommunalen Eigentum für das Funktionieren von Ökonomie und Gesellschaft wirklich unabdingbaren Einrichtungen wurden von ihren privaten Eigentümern soweit heruntergewirtschaftet, dass sie diesen für teures Geld wieder abgekauft, also erneut verstaatlicht bzw. kommunalisiert werden mussten, so etwa Stromversorger in Kalifornien, Wasserversorger in Frankreich, das Eisenbahnwesen in Großbritannien usw. Mit zu diesen, gar nicht zu Unrecht „Katastroika“ genannten Vorgängen,[4] gehörte die „Transformation“ genannte Zerstörung der Volkswirtschaften in Osteuropa.

Die für all dies Verantwortlichen aber, die auf dem „freien“ Markt agierenden Finanzinstitutionen, müssen, weil angeblich systemrelevant, von den selber hochverschuldeten Staaten beständig „gestützt“ werden, natürlich auf Kosten der Steuerpflichtigen, zu denen diese Finanzinstitutionen bekanntlich nur in den seltensten Fällen gehören. „Der Gang der Weltereignisse“, vermerkte der Economist am 4. Juni 1932, „berechtigt von Tag zu Tag immer mehr den Vergleich mit einem Irrenhaus.“ Wird es nun endlich geschlossen – und vor allem: von wem?

Thomas Kuczynski lebt und arbeitet in Berlin. Sein Beitrag zu „Geschichte und Ökonomie“ erscheint regelmäßig seit dem ersten Heft von Lunapark21.

Anmerkungen:

[1] Die Ausgabe ist auf der Website von books.google.de zu lesen, dort die Images 34 u. 35.

[2] Die Ausgabe (aus der Bayerischen Staatsbibliothek München) ist zu lesen unter http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00024840/image_72.

[3] In der Marx-Engels-Gesamtausgabe, Bd. II/4.2, S. 650; vgl. auch Engels’ Edition in den Marx-Engels-Werken, Bd. 25, S. 611.

[4] Der Begriff wurde, in Kontraposition zu Gorbatschows „Perestroika“, von dem sowjetischen Dissidenten Alexander Sinowjew (1922—2006) geprägt, dessen gleichnamiges Buch erstmals 1988 in Frankfurt/M. erschien, wird aber heute viel allgemeiner verwendet. Vgl. z. B. den Film „CATASTROIKA — privatization goes public“, zu sehen auf der Website www.catastroika.com

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