„Gold spielt in der Globalisierung keine Rolle mehr – Der hohe Goldpreis ist Panikmache und Spekulation“. quartalslüge

Winfried Wolf. Lunapark21 – Heft 23

Gold spiele für die heutige globale Ökonomie keine maßgebliche Rolle mehr. Es klappe doch ganz prima ohne eine Goldbindung der Währung. Oder, wie man es einigermaßen zugespitzt auf dem linken Internet-Portal „Telepolis“ lesen konnte: „Mit dem (angeblich) wertlosen Papiergeld dauert zumindest in Europa die längste kriegs- und krisenfreie Periode der Weltgeschichte an.“[1]

Es handelt sich hier um eine Quartalslüge. Wobei, das sei zugegeben, es solche Positionen auch von Seiten professioneller Anleger gibt. So äußerte sich der Milliardär Warren Buffet zum Thema Gold wie folgt: „Gold hat keinen Nutzen. Gold wird irgendwo in Afrika – oder sonst wo – aus dem Boden gebuddelt. Dann wird es in Barren eingeschmolzen. Dann wird oft ein Bunker gebaut, worin das Gold begraben wird. Und es werden Leute bezahlt, die darum herumstehen, um es zu bewachen. Jeder, der vom Mars aus diesen Vorgang beobachten würde, würde sich am Kopf kratzen.“[2]

Tatsächlich ist die Wirtschaftsgeschichte über viele Jahrhunderte hinweg mit Gold unterlegt. Richtig ist: Die Goldbindung des Weltwährungssystems wurde 1971 aufgehoben. Damals frozzelte der US-amerikanische Finanzminister John Connally gegenüber seinen Ministerkollegen aus Europa: „Der Dollar ist unsere Währung, aber Euer Problem.“ Offensichtlich war den Finanzfachleuten der 1970er Jahre keineswegs wohl in ihrer Haut, als damit das Bretton Woods-System gekündigt wurde. Und dies erfolgte ja auch nicht freiwillig, sondern unter Zwang, als Resultat des Vietnamkrieges und der Überschuldung der USA.

Nun kann man den Zeitraum 1971 bis 2013 als eine lange Periode bezeichnen. Gemessen an dem in der Grafik dokumentierten Zeitraum von 1270 bis 2010, also fast ein Dreivierteljahrtausend frühkapitalistischer und kapitalistischer Produktion, handelt es sich eindeutig um einen kurzen Zeitabschnitt. Das venezianische Reich, die kolonialen Imperien Spaniens und Portugals, das niederländische Imperium und das britische Empire waren hegemoniale Wirtschaftssysteme, die in ihrer jeweiligen Epoche die Globalisierung vorantrieben. Ihre Macht basierte auf drei Standbeinen: auf einer hochentwickelten Ökonomie, auf militärischer Überlegenheit und auf der Tatsache, dass die Währung der jeweiligen Hegemonialmacht zugleich Weltwährung war, wobei das letztere immer hieß, dass diese hegemoniale Währung im Prinzip durch Gold (teilweise Silber) gedeckt war.

Dabei gab es zwar erhebliche Schwankungen des Goldpreises – in der Grafik als realer Goldpreis, also deflationiert, und in britischen Pfund je Feinunze wiedergegeben. Doch diese Schwankungen sind erstens geringer als die von Aktien, von Staatsanleihen oder von Papierwährungen: Aktien können zu Schrottaktien oder „Penny Stocks“ werden, Staatsanleihen können auf Ramschstatus absinken und Papierwährungen können auch mal komplett verschwinden, zumal wenn sie keinen Goldstandard (mehr) haben: siehe Deutschland 1923, Westdeutschland 1948 oder Argentinien 2001/2002. Zweitens sind die Bewegungen des Goldpreises nur teilweise „von Angst getrieben“. In der Regel sind sie ökonomisch erklärbar: beispielsweise durch die Kosten für die Beschaffung von Gold (und Silber), seien es die Herstellungskosten bei der Förderung in den Edelmetallminen oder eben die deutlich niedrigeren Kosten im Fall von blankem Raub: Die Beutezüge der Kolonialmächte Spanien und Portugal in Amerika lösten den bislang größten, langanhaltenden Rückgang des Goldpreises aus.

Zu einem solchen Rückgang kann es auch durch massive Goldverkäufe seitens der Zentralbanken und Fonds und durch eine Ausweitung der Goldförderung kommen. Beides erklärt weitgehend den Rückgang des Goldpreises nach dem Rekordhoch Anfang der 1980er Jahre. Warum dann der US-Dollar in den vergangenen vierzig Jahren auch ohne Goldstandard als Weltwährung „funktionierte“, muss ohne Zweifel untersucht werden. Nicht nur frühe Neoliberale wie Alan Greenspan, auch kluge Marxisten hatten anderes erwartet.[3]

Dennoch haben Warren Buffet und der Marsmensch mit Kopfkratzen-Gymnastik unrecht und recht. Der viele Jahrhunderte währende Tanz in der kapitalistischen Produktionsweise um das Kalb Gold ist irrational und rational. Er ist rational in der Logik des Kapitalismus selbst. Und er ist irrational wie das kapitalistische System selbst. Siehe dazu die Seiten 6/7 und 26ff.

Anmerkungen:

[1] Alexander Dill, An Gold ist nichts real – 500 Jahre Warten auf Gewinn, bei: Telepolis 10.6.2013.

[2] Zitiert bei Javier Blas, On the flip side – gold, in: Financial Times vom 16.12.2009.

[3] Alan Greenspan, der später als Chef der US-Zentralbank Fed die nicht mehr Gold gestützte Währung US-Dollar klug und bisweilen schlitzohrig steuerte, stellte einer solchen Politik 1966 ein vernichtendes Urteil aus, als er schirieb: „Ohne Goldstandard gibt es keine Möglichkeit, Ersparnisse vor der Enteignung durch Inflation zu schützen. Es gibt dann kein sicheres Wertaufbewahrungsmittel mehr.“ (A. Greenspan, Gold-Eagle. Gold und wirtschaftliche Freiheit (http://gold-eagle.com/analysis/0003.html). Ein Vierteljahr nach Aufkündigung der Dollar-Gold-Konvertibilität schrieben Christel Neusüß, Bernhard Blanke und Elmar Altvater: „Die Krise in den USA machte Maßnahmen erforderlich, die den Papierdollar als Weltgeld außer Funktion setzten. (…) Als Reservewährung hat der Dollar ausgespielt, da die USA offiziell eingestehen mussten, dass die Dollar-Guthaben in Gold ausgedrückt (…) nicht mehr (…) in die allgemeine, überall akzeptierte und reale Wertgestalt des Goldes verwandelt werden können.“ In: Probleme des Klassenkampfs, Nr. 1, November 1971, S. 91. β

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