Vom Wert der Arbeit. kolumne winfried wolf

US-Finanzkrise, das Gold und das Goldminen-Arbeitsheer
Lunapark21 – Heft 23

„Closing Time – Dienstschluss“ – so lautet am 1. Oktober die Seite-1-Überschrift in US TODAY, der größten US-amerikanischen Tageszeitung. Am gleichen Tag meldet die Financial Times „Sackgasse beim US-Haushalt setzt Aktienkurse unter Druck“. Im Kleingedruckten auf Seite 25 wird in dieser Londoner Wirtschaftszeitung notiert: „Gold – 1326,50“. Gemeint: 31,1 Gramm – eine Feinunze – Gold kosten derzeit 1326,50 US-Dollar.

Die weltweite Krise hat bislang ein riesiges Arbeitsheer „freigesetzt“. Mehr als 200 Millionen Menschen sind arbeitslos, genauer: sie finden keine Erwerbsarbeit. Mit der „Closing Time“ wird dieses Arbeitslosenheer zumindest vorübergehend auf einen Schlag um mehr als eine Million Beschäftigter im öffentlichen Dienst der USA vergrößert. Wobei dies zu Millionen zusätzlichen Erwerbslosen führen kann – die Folgen der US-Finanzkrise sind kaum abschätzbar. Dabei gibt es Arbeit, gemessen an den menschlichen Bedürfnissen, mehr als genug. Es ist auch nicht so, dass „kein Geld“ da wäre. Schließlich geben die USA im laufenden Jahr mehr als 800 Milliarden US-Dollar für Rüstung, Militär und Geheimdienste (NSA!) aus, was 70 Prozent des jährlichen Defizits entspricht. Doch die Arbeitsplätze in diesen Bereichen bleiben komplett erhalten. Die US-Armee setzt ihren Kriegs-Job in Afghanistan unvermindert fort. Und wenn der US-Präsident einen Militärschlag gegen Syrien beschließen würde, würde dies nicht durch den „Dienstschluss“ beeinträchtigt. Auch leben in den USA genau 70480 Menschen mit einem Vermögen größer als 30 Millionen US-Dollar. Das addierte Vermögen dieser kleinen radikalen Minderheit übersteigt 11 Billionen US-Dollar, was wiederum zwei Drittel aller Schulden entspricht, die die USA im letzten halben Jahrhundert aufgehäuft haben.[1] Doch diese Vermögen sollen nicht zur Lösung der Finanzkrise herangezogen werden. Im Gegenteil: Die Republikaner im Senat und Kongress fordern weitere Steuererleichterungen für die Reichen. Mehr noch: Den Menschen, die in den USA nun mit der Closing Time in einen Zwangsurlaub geschickt werden, wird selbst ein freiwilliges Weiterarbeiten ausdrücklich untersagt.[2]

Es ist das kapitalistische System von Gewinnakkumulation und rasant wachsender sozialer Ungleichheit, das sinnvolle Arbeit zur überflüssigen macht.

In einem Bereich mit wenig sinnvoller Arbeit allerdings wird Arbeit mit der Krise verstärkt eingefordert. Dies ist der Fall bei der Förderung von Gold. In diesem Sektor werden alle Aspekte von Überausbeutung wie wir sie aus der Textilbranche in Bangladesch, aus den Foxconn-Elektronikfabriken oder von den Blumen-Farmen in Kolumbien und Kenia kennen, nochmals getoppt. Es handelt sich bei der Arbeit in den Goldgruben um körperlich extrem harte Arbeit. Die überwältigende Mehrzahl der Arbeitsplätze in diesem Sektor unterliegt keinen Standards; es handelt sich überwiegend um illegale und informelle Arbeit. Der Anteil von Kinderarbeit und Frauenarbeit ist besonders hoch. Jedes Jahr sterben Tausende Menschen in den Goldminen durch Arbeitsunfälle – allein in der Mponeng-Goldmine im südafrikanischen Carletonville nahe Johannesburg starben im Zeitraum 2009 bis 2011 pro Jahr 200 Beschäftigte. Und es dürften in jedem Jahr Zehntausende sein, die in den Goldminen und in deren direkten Umland den Gifttod sterben.
Was weitgehend unbekannt ist: Es handelt sich bei den Beschäftigten im Goldsektor um ein riesiges Arbeitsheer. Dieses macht knapp ein Drittel der Beschäftigten der Welt-Autoproduktion aus. Die Branche der Goldförderung zählt, in Arbeitsplätzen gemessen, zu den zehn größten Industrie-Branchen des weltweiten Kapitalismus.

Dieses Heer zur Goldförderung setzt sich aus drei Komponenten zusammen:
Erstens die Gruppe der offiziellen Minenarbeiter. Bei den Rohstoffkonzernen, die Gold fördern, gibt es rund 500000 Beschäftigte. In den südafrikanischen Goldminen sind es bereits 100000. Selbst in diesem Land mit einem – für die Goldabbau-Gebiete – relativ hohem Lohnniveau verdient diese „Aristokratie“ unter den Goldminen-Beschäftigten monatlich umgerechnet nur 400 bis 500 Euro.

Die zweite Gruppe bilden mehrere Hunderttausend illegale Goldarbeiter.[3] Sie arbeiten oft in den gleichen Minen wie die „Offiziellen“ und sie werden in diese meist durch Schmuggler hineingeschleust. Sie leben oft monatelang unter Tage, versorgt über ein weit verzweigtes Logistiknetz, an dem meist offiziell beschäftigte Goldarbeiter und oft auch Teile des Managements beteiligt sind. Über diese weithin unbekannte Gruppe von Menschen, die einen großen Teil ihres aktiven Lebens im Untergrund verbringen, schrieb Claudia Bröll in einer Reportage, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung druckte, eindrucksvoll wie folgt: „Nach hundert Jahre langen Förderarbeiten gleicht der Boden unter dem golddurchsetzten Hochplateau in der Nähe von Johannesburg einem riesigen Labyrinth aus Stollen und Schächten. Viele Bergwerke gehen unter der Erde ineinander über. ´Es ist möglich, in eine Mine einzusteigen und 40 Kilometer entfernt aus dem Schacht einer völlig anderen Mine wieder aufzutauchen,´ erklärt Kevin D´Souza von der Londoner Ingenieurberatung Wardell Armstrong. ´Sobald die illegalen Arbeiter unter der Erde sind, kann sie niemand mehr fassen.´“[4] Die Arbeitseinkommen dieser Beschäftigtengruppe dürften bei weniger als der Hälfte der offiziellen Minenbeschäftigten liegen.

Die dritte Gruppe bildet ein bettelarmes Subproletariat von Menschen, die „Kleinschürferei“ betreiben. Von diesen soll es weltweit 18 Millionen geben. Sie arbeiten oft in aufgelassenen Minen und in „wilden“ Abbaugebieten. Vielfach handelt es sich um Frauen und Kinder. Allein in Peru arbeiten 50000 Kinder in Goldminen. Das Einkommen dieser Goldbergbaubeschäftigten liegt bei 10 bis 100 US-Dollar im Monat.

Dieses Heer von Beschäftigten im Goldbergbau mit einer Stärke von zwischen 19 und 20 Millionen Menschen fördert Jahr für Jahr rund 2700 Tonnen Gold. Das entspricht dem Gewicht von 1800 VW-Golf-Modellen, für die im VW-Konzern gerade einmal 160 Beschäftigte arbeiten müssen. Der Nutzwert eines Autos ist nachvollziehbar; er besteht darin, Mobilität herzustellen (so umstritten die spezifische Form sein mag, mit der diese Mobilität bei diesem Verkehrsmittel erreicht wird). Der Nutzwert von Gold besteht darin – dass es gehortet werden kann.

Das Produkt Gold, das dieses Heer von knapp 20 Millionen Menschen in der Weltgoldbranche bereit stellt, ist einerseits Reichtum und Macht pur. Es ist andererseits mit gewaltigem Elend verbunden – einem Elend der in den Minen Beschäftigten und Arbeitenden, aber auch einem Elend und einem Leiden, dem zusätzlich Dutzende Millionen Menschen ausgesetzt sind. Schätzungen gehen davon aus, dass die Goldminen der Welt jährlich 182000 Tonnen des hochgiftigen Zyanid verbrauchen, das dort eingesetzt wird, um das goldhaltige Gestein zu zersetzen (siehe S. 38ff).

Je tiefer die Krise und je mehr Arbeitslose es in den produktiven Sektoren gibt, desto tiefer wird nach Gold gegraben und desto mehr Menschen malochen in der – gesellschaftlich betrachtet völlig unproduktiven Goldschürferei.

Wladimir I. Lenin formulierte hierzu die schönen Sätze: „Wenn wir dereinst im Weltmaßstab gesiegt haben, dann werden wir, glaube ich, in den Straßen einiger der größten Städte öffentliche Bedürfnisanstalten aus Gold bauen. Das wäre die ´gerechteste´ und beste, anschaulich-belehrende Verwendung des Goldes für die Generationen, die nicht vergessen haben, wie man des Goldes wegen zehn Millionen Menschen niedergemetzelt hat und dreißig Millionen zu Krüppeln gemacht hat in dem großen ´Befreiungs´krieg 1914-1918.“[5]

Anmerkungen:

[1] Angaben wiedergegeben in: Börsenzeitung 11.9.2013. Basis: Jüngste Studie der Schweizer Bank UBS über die Ultra High Net Worth (UHNW).

[2] US TODAY veröffentlichte „66 Fragen im Zusammenhang mit dem Dienstschluss“. Frage und Antwort Nr. 62 lauten: „Kann ein Bundesbeamter einfach seinen Job auf freiwilliger Basis weiter machen? (Antwort) Nein. Ein Bundesgesetz aus dem 19. Jahrhundert verbietet solche freiwillige Arbeit. Die Regierung will damit verhindern, dass diese Leute dann im Nachgang nach Beendigung der Krise die Forderung auf rückwirkende Zahlung (der Einkommen) stellen.“

[3] Zahlenangabe nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.12.2009. Dort heißt es, allein in Südafrika bestritten „mehrere Hunderttausend Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem, was sie an Bodenschätzen in der Erde finden können“.

[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.12.2009.

[5] W.I. Lenin, Über die Bedeutung des Goldes jetzt und nach dem vollen Sieg des Sozialismus, Werke Band 33. S. 94f. Ich danke Sebastian Gerhardt für das Beisteuern dieses Gold-Zitats – und Thomas Kuczynski für die Goethe-Shakespeare- und Columbus-Gold-Zitate (siehe S. 38f).

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