Der Mensch als Humankapital – Die schöne neue Arbeitswelt

Aus: LunaPark21 – Heft 18

Seit April ist der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm „Work hard – play hard“ von Carmen Losmann in den Kinos zu sehen. Die deutsche Filmemacherin, die an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert hat, recherchierte vier Jahre über Anspruch und Wirklichkeit moderner Großunternehmen, für die Arbeit und Freizeit ihrer Mitarbeiter immer mehr verschwimmen. „Work hard – play hard“ ist eine Redensart aus der amerikanischen Unternehmenskultur: Arbeite hart – feiere viel. Der Film löste heftige Diskussionen in Medien, blogs und sozialen Netzwerken aus. In LP21 äußert sich Carmen Losmann über ihren Film:

[LP21] Sowohl in „Work Hard – Play Hard“, als auch in Ihren vorherigen Kurzfilmen geht es um Aspekte des Themas Arbeit. Woher kommt Ihr persönliches Interesse an diesem Themenfeld?

[CL] Arbeit ist für mich eine Art Spiegel, in dem ich etwas von der gesellschaftlichen Realität erkenne. Mit Dokumentarfilmen sehe ich die Möglichkeit gegeben, einen kritischen und distanzierten Blick auf die Realität, wie ich sie wahrnehme, zu werfen. Die Beschäftigung mit Arbeit ist somit ein Versuch, mich kritisch mit einer Realität der Gegenwart auseinanderzusetzen und kam weder zufällig noch zwangsweise. Ein Umstand, der mich für dieses Thema sensibilisiert hat, war mein Marketingstudium, in dem ich oft ein unbehagliches, aber nicht näher zu definierendes Gefühl hatte. Ein weiterer Umstand war mein anschließendes Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, hier insbesondere das Seminar bei Dietrich Leder, der uns in der Lehre mit älteren Dokumentarfilmen zum Thema Arbeit konfrontiert hat. Besonders die Filme von Harun Farocki waren da für mich wichtig.

[LP21] Beim Thema Sinn der Arbeit möchten wir auf den deutschen Philosophen Daniel Tyradellis hinweisen, der behauptet, dass es keinen positiven Begriff der „Nicht-Arbeit“ gibt. Wie sehen Sie das?

[CL] Auch wenn ich das noch nie so zugespitzt habe, kann ich diesen Satz auf jeden Fall nachvollziehen und ich denke, dass man diese Aussage auch mit dem Film überprüfen kann. Ich habe das Gefühl, es gibt umgekehrt formuliert eine sehr positive Bewertung von Arbeit, von produktiver Arbeit, von „High Performing“. Das Selbstverständnis, dass wir alle effizient und produktiv sein wollen, ist mit einer sehr positiven Bewertung untermalt. Demgegenüber werden Dinge des „Unnütz-Seins“ äußerst negativ konnotiert. Im Zuge meiner Beschäftigung mit dieser Arbeitswelt ist mir aber auch aufgefallen, dass insbesondere Leistung und Arbeit an sich positiv bewertet werden. Das Innehalten, die Muße, Schwächen oder Leid und Mühsal – Dinge, die zum Menschsein dazugehören – kommen in diesen positiven Bewertungen nicht vor. Dass in den Gesprächen „Schwäche“ mit „Entwicklungsfeld“ übersetzt wird, ist dabei in meinen Augen besonders bemerkenswert. Es gibt keinen Rückzug, die Optimierung hört nie auf.

[LP21] An einigen Stellen des Films hatte man den Eindruck einer Art Sekte zuzusehen, würden Sie dem zustimmen?

[CL] Vielleicht geht es eher um eine Glaubensgemeinschaft der Arbeit, die Inszenierung der Arbeit als Glaube, wobei Religionsersatz zu weit führen würde. Ich habe das Gefühl, diese völlige Hingabe, die zwar gefordert wird, die aber bestimmt auch jeder bei sich selbst beobachten kann, hat etwas Religiöses. Du kannst Teil einer Glaubensgemeinschaft sein; sei Teil von uns, mach mit, das Abenteuer deines Lebens. Es ist eine Art Aufforderung zur absoluten Hingabe.

[LP21] Ist diese Glaubens- oder Religionsmetapher so viel anders als früher? Gab es diese totale Identifikation mit der Arbeit, mit dem Unternehmen nicht auch schon vor 40 oder 50 Jahren?

[CL] Auf jeden Fall gab es das auch schon früher, aber ich finde, es gibt einige Unterschiede. Heute sehen wir uns als Glaubensgemeinschaft der Arbeit. Wir glauben an die Leistung, daran, dass wir arbeiten müssen, um eine Identität zu haben. Das ist losgelöst von einem Unternehmen, vielmehr ist es etwas Gesellschaftsdurchdringendes und –prägendes. Das schließt in meinen Augen an die erwähnte These des Philosophen an.

Ein weiterer Unterschied ist, dass sich die Organisation von Arbeit in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten verändert hat. Es gibt eine Enthierarchisierung; es gibt nicht mehr dieses „Chefprinzip”, vieles wird dem einzelnen Mitarbeiter/dem Team überlassen. Man wird viel stärker mit den unternehmerischen Anforderungen des Marktes konfrontiert, wodurch man automatisch zum Unternehmer im Unternehmen wird. Damit einher geht auch die ständige Suche nach Produktivitätssteigerung, da man auf einem Konkurrenzmarkt agiert und nicht zurückfallen will. Schlussendlich werde ich also Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Person. Auf der anderen Seite wird man sich durch das Selbstmanagement seiner Produktivität bewusst, wobei in der Überforderung ein Reflexionsprozess stattfindet, in dem man sich mit seinen Stärken und Schwächen auseinandersetzt. Und das sehe ich durchaus auch als einen positiven Punkt.

[LP21] Der Glaube an die Arbeit ist schon viel älter als diese neuen Strukturen. Arbeitslos oder in anderer Weise untätig bzw. unproduktiv zu sein, ist nicht gut, was einem schon in der Kindheit eingeimpft wird. Und solange einem dieses Wertesystem immanent ist, hat man quasi verloren, wenn die Unternehmen beginnen, die Verantwortung auf die Mitarbeiter zu übertragen, weil sie genau wissen, dass sie den Leistungsdruck so sehr verinnerlicht haben.

[CL] Dem würde ich zustimmen. Es ist sehr schwierig, sich über die Reflexion von solchen Strukturen distanzieren zu können. Aber es findet zumindest ein Nachdenken über die inneren Antriebe statt, die von der Kultur der Leistungsgesellschaft in uns eingeprägt wurden, ja vielleicht sogar gegen uns agieren, als ein Mensch, der sich nach Ruhe und Ausgleich sehnt und nicht ständig mit der Gefahr leben möchte, im marktspezifischen Wettbewerb nicht mithalten zu können. Die Reflexion ermöglicht es zwar nicht, meine Haltung gegenüber der Arbeit grundlegend verändern zu können, aber ich glaube dennoch, dass man seiner Tätigkeit dadurch bewusster gegenübersteht.

[LP21] Die Arbeitswelt erhält durch die Ästhetik des Films auch etwas Groteskes und Abstraktes. Gerade bei den Szenen des Assessment-Centers sieht man wirklich jede Regung und wie unwohl sich die Interviewten in dem Moment fühlen. Im Kino wurde dabei sehr häufig gelacht, vielleicht aufgrund einer gewissen Form der Selbstvorführung. Gab es bei den anderen Filmvorführungen ähnliche Reaktionen?

[CL] Dass unterschiedlich viel gelacht wird, ist mir aufgefallen, als der Film in der Öffentlichkeit gezeigt wurde. Bei den Sichtungen und Testscreenings im Schnittraum wurde gar nicht gelacht oder nur sehr wenig. Ich war also doch überrascht, denn eigentlich war es nicht als Groteske gedacht und ich sehe es bis heute nicht als solche. Diese Situation, wie sie im Assessment-Center gezeigt wird, ist den Zuschauern auch selbst bekannt und es wird deutlich, welch enormer Druck dahinter steht. Dann erkennt man sich vielleicht selbst in einem Bewerbungsgespräch wieder und erinnert sich an Reaktionen oder Verhaltensweisen, quasi als Selbstbild. Für mich hat Lachen auch etwas mit Abwehr zu tun. Warum schäme ich mich denn für andere? Das erinnert mich doch an etwas, was ich vielleicht an mir selbst nicht gut aushalten kann. Jeder kennt das Gefühl, dass man sich in dem Moment authentisch selbst inszenieren muss. Ich behaupte, dass das Überforderungen sind, und das können Menschen umso besser, je mehr sie im Training sind und es eingeübt haben. Wahrscheinlich ist das ganze Arbeitsleben immer eine lange Übung, zumindest in den Bereichen, in denen man souverän agieren muss. Dann ist man quasi zu einer souveränen Produktion des authentischen Ichs in der Lage. Das Lachen darüber hat meiner Meinung nach viel mit dem Gedanken „Ich kenne diese Überforderung, möchte aber nicht daran erinnert werden“ zu tun.

[LP21] Inwiefern waren die Szenen im Assessment-Center gestellt beziehungsweise inszeniert?

[CL] Die Szenen im Innenhof waren gestellt, aber in die Bewerbungsgespräche wurde nicht eingegriffen. Aber letztendlich zeigt der Film nicht die Wirklichkeit. Ich forme die Bilder nach meinen persönlichen Weltbildern und ich verweigere mich generell der Aussage, der Dokumentarfilm bilde die Wirklichkeit ab. Ich habe einen Gestaltungsrahmen gesetzt, in dem sich die Protagonisten dann selbst inszenieren.

[LP21] Sie verstecken das ja auch nicht, denn die Szenen im Assessment-Center sind viel stärker aufgelöst als in den anderen Szenen, teilweise mit Schuss-Gegenschuss wie bei einem Spielfilm. Dadurch unterstreichen Sie im Grunde, dass es bei solch einem Gespräch immer auch um die Inszenierung, die Selbstdarstellung, geht.

[CL] Genau, die Inszenierung des Authentischen.

Das Interview führten Jennifer Ament, Philipp Fust, Florian Krautkrämer und Florian Reupke. Florian Krautkrämer ist Filmwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Medienwissenschaft der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Jennifer Ament, Philipp Fust und Florian Reupke studieren dort im Master. Gemeinsam schreiben Sie für den Filmblog Daumenkino auf http://daumenkinos.wordpress.com

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