Armenische Industriebrache: Eindrücke aus Vanadsor

Im Zentrum der früheren sowjetischen Industriestadt Kirowakan (heute: Vanadsor) wuchert ein Straßenmarkt weit über das dafür vorgesehen Rinok-Gebäude hinaus. Viele LandbewohnerInnen kommen hierher, um direkt aus ihren Autos heraus Gemüse zu verkaufen; nebenan sitzen Frauen vor Holzsteigen, auf denen zwei Dutzend Bund Petersilie oder diverse Bergkräuter ausgebreitet sind. Alte Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, sind nun auf Zuverdienst aus Kleinstverkäufen angewiesen, um ihr karges Auskommen zu finden. Die Jungen wiederum setzen alles daran, um wegzuziehen. Verlassene Dörfer zeugen vom Sog der Emigration oder der Übersiedlung in die Hauptstadt Jerewan.

Die Industriestadt Vanadsor hatte in den glorreichen 1970er Jahren unter dem Namen Kirowakan an die 150.000 EinwohnerInnen, heute leben dort nur mehr 80.000 Menschen. Massiv gebaute vierstöckige Wohnhäuser entlang der Argishti-Straße erinnern noch an die Blüte sowjetischer Industrialisierung. In den 1980er Jahren brachen mehrere Katastrophen über den von hohen Bergen umgebenen Chemie- und Maschinenbaustandort herein. Der die marode Planwirtschaft zerstörenden Perestroika folgte am 7. Dezember 1988 zur Mittagszeit ein verheerender Erdstoß, der 200 Ortschaften in der Umgebung von Kirowakan (heute: Vanadsor) und Leninakan (heute: Gjumri) völlig zerstörte und den Mittelpunktort schwer erschütterte. Die folgende Oligarchisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die im Zuge der harschen Privatisierung wenige reich und die allermeisten arm gemacht hat, zeigt sich an manchen Stellen auf geradezu irrwitzige Weise; z.B. dort, wo in einer typisch sowjetischen Hinterhofgarage jenseits des knarrenden und rostenden Blechtores ein blitzblank geputzter, weißer Bentley aufbewahrt wird, dem nur ein eingefleischter Automobilverächter eine Ausfahrt über die mit Schlaglöchern übersäten Straßen von Vanadsor oder gar in Richtung Jerewan wünscht.

Eine parallel zum Zerfall der Sowjetunion, dem Erdbeben und den sozialen Verwerfungen der ursprünglichen Akkumulation eingetretene weitere Katastrophe ist zu 50% armenisch hausgemacht. Nur wenige Monate nach der Unabhängigkeitserklärung der christlichen Kaukasus-Republik vom 21. September 1991 steigerten sich die Territorialkonflikte mit dem benachbarten Aserbaidschan zum veritablen Krieg, der auf kleiner, aber immer wieder tödlicher Flamme bis zum heutigen Tag weiterbrennt.

Der wuchtige Bahnhof der nordarmenischen Stadt liegt verwaist am Ufer des Flusses Pambak. Die große Halle ist zur Mittagszeit völlig menschenleer, an der Wand befindet sich eine aus Ton gebrannte Landkarte mit den Zugverbindungen in Sowjetzeiten. Diese reichten von Jerewan im Westen bis Wladiwostok im Osten. Heutzutage hält gerade einmal ein Zug pro Tag in Vanadsor, um auf seinem Weg von Jerewan nach Tiflis Passagiere aufzunehmen. Für die 180 Kilometer entfernt liegende georgische Hauptstadt benötigt er die ganze Nacht.

Vor dem Bahnhof schieben Chauffeure ihre Gas-betriebenen Busse hin und her, die allesamt schon 40 Jahre und mehr auf ihren Rädern rollen. Dazwischen warten Marschrutki-Taxis auf Reisende. Ihre Routen führen in südrussische Städte wie Rostow, Sotschi oder Anapa, für die Menschen aus Vanadsor keine Feriendestinationen, sondern Arbeitsorte, die sie über den großen Kaukasus pendeln lassen. Viele Armenier verdingen sich als Gastarbeiter am Bau in Russland.

Das Dom Kulturi – Kulturhaus – zieht unsere Blicke auf sich. Von außen sieht man ihm noch seine Funktion als gesellschaftlicher Treffpunkt für Kunst und Kultur an, ein Blick ins Innere zeigt jedoch, dass es zu einem riesigen Kartoffellager geworden ist. Eine knapp 50jähige Frau, die gerade mit einer elektronischen Waage ins Freie tritt, antwortet auf die Frage, wie es denn zu dieser Transformation vom Kulturpalast zum Gemüselager hat kommen können, mit einem vielsagenden Blick, der die Geschichte der vergangenen 25 Jahre in sich trägt.

 

Hannes Hofbauer ist Mitglied der Redaktion von Lunapark21. Er ist gerade von einer Reise durch Armenien zurück. In der kommenden Print-Ausgabe von Lunapark21 erscheint ein ausführlicher wirtschaftspolitischer Reisebericht über Armenien von ihm.

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