Henry Ford, das Auto und der Arbeiter, der „das Denkenmüssen als Strafe“ empfindet

Lunapark21 – Heft 28

Henry Ford konzentrierte sich ab dem Jahr 1905 auf die Massenfertigung von Autos. Die erste Ford-Fabrik entstand. In den Jahren 1906 und 1907 verzichtete er völlig auf die Fertigung von Luxuslimousinen und bot nur drei Modelle an. Die Preise sanken von 2000 auf 700 Dollar je Automobil. 1910 wurde diese Grundkonzeption konsequent zu Ende geführt: Ford stellte nur noch einen Wagentyp her, ein „Automobil für die Menge”, das „T-Modell“. Mit mehr als 34000 Einheiten erreichte die Produktion in den Jahren 1910/11 ein Niveau, das sich zur Einführung der Produktion mittels Fließbändern eignete: der Verkettung aller zur Herstellung des Personenkraftwagens wichtigen Arbeitsprozesse mittels Transportbändern. Die Umstellung wurde während der Herstellung des T-Modells vorgenommen. Innerhalb weniger Monate bestand die Fabrik Highland Park fast nur noch aus Fließbändern: Armaturenbrett-Fließbänder, Vorderachsen-Fließbänder, Chassis-Fließbänder. „Jedes Teil in der Fabrik bewegt sich”, freute sich Ford, „an Haken, an Ketten auf beweglichen Plattformen oder von allein nur durch Schwerkraft – nichts wird mehr gehoben oder getragen … Wenn man für jeden der 12000 Arbeiter pro Tag zehn Schritte einspart, spart man 50 Meilen verschwendete Energie und Bewegung ein.“ Dabei hatten Ford und seine Leute das 1911 erschienene Buch „The Principles of Scientific Management“ von Frederick Taylor studiert, die Grundlage des „Taylorismus“, der Zerlegung der bis dahin weitgehend handwerklichen und ganzheitlichen Arbeit in ihre einzelnen Schritte. In Verbindung mit dem Fließband entstanden ein völlig neues Fabriksystem und eine kapitalistische Epoche, die als Fordismus treffend gekennzeichnet wird.

Ford verwies auf den tatsächlichen Ursprung seiner „neuen“ Produktionstechnik. Er schreib in seiner Autobiographie: Im Prinzip ähnelten seine Montagebahnen „den Schiebebahnen, deren sich die Chicagoer Fleischpacker bei der Zerlegung der Rinder bedienten.” Diese wiederum hatte der US-amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair ein knappes Jahrzehnt zuvor in seinem auf Tatsachen basierenden Roman „Der Dschungel“ wie folgt beschrieben: Es handle sich hier um ein „Schlachten per Fließband”, um „Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik”. Die Rede ist von „Transportschienen“ und „Drahtseilfahrten“, die die Schweine in dem Fleischproduktionsprozess durchliefen, von einer Fließbandpassage durch „einen wunderbaren Mechanismus mit zahlreichen Schabemessern, der sich automatisch der Größe und Form (des Schweins; W.W.) anpasste.“

Henry Ford berichtet, wie die Fließbandarbeit ihm eine völlig neu zusammengefasste Arbeiterschaft bescherte – und damit radikal gesenkte Lohnkosten. „Der erste Fortschritt (der Fließband-Einführung, W.W.) bestand darin, dass wir die Arbeit zu den Arbeitern heranschafften, statt umgekehrt. Heute befolgen wir zwei große allgemeine Prinzipien bei sämtlichen Verrichtungen – einen Arbeiter, wenn irgend möglich, niemals mehr als nur einen Schritt tun zu lassen und nirgends zu dulden, dass er sich bei der Arbeit nach den Seiten oder vornüber zu bücken braucht … Das Nettoresultat aus der Befolgung dieser Grundregeln ist eine Verminderung der Ansprüche an die Denktätigkeit des Arbeitenden und eine Reduzierung seiner Bewegungen auf ein Mindestmaß. Nach Möglichkeit hat er ein und dieselbe Sache mit nur ein und derselben Bewegung zu verrichten […] Heute verfügen wir (in der Gießerei für die Zylinder; W. W.) über fünf Prozent gründlich geschulte Kernformer und Gießer. Die übrigen 95 Prozent sind ungelernt, oder, um genauer zu sein, sie müssen einen einzigen Handgriff lernen, den auch der Dümmste sich in zwei Tagen aneignen kann.”

Ford hatte ein höchst spezifisches Bild von seinen Fließband-Arbeitskräften: „Repetitive Arbeit – die ständige Wiederholung ein und derselben Tätigkeit in ein und derselben Weise – hat für bestimmte Menschen etwas Abschreckendes. Mir wäre es ein grauenvoller Gedanke. Unmöglich könnte ich tagaus und tagein das Gleiche tun; für andere, ja für die meisten Menschen ist das Denkenmüssen eine Strafe. Ihnen schwebt als Ideal eine Arbeit vor, die keinerlei Ansprüche an den Schöpferinstinkt stellt … Der Durchschnittsarbeiter wünscht sich – leider – eine Arbeit, bei der er sich weder körperlich noch vor allem geistig anzustrengen braucht. Menschen mit, sagen wir, schöpferischer Begabung, denen infolgedessen jegliche Monotonie ein Greuel ist, neigen sehr leicht zu der Ansicht, dass ihre Mitmenschen ebenso ruhelos sind und spenden ihr Mitgefühl ganz unnötigerweise dem Arbeiter, der tagaus, tagein fast die gleiche Verrichtung tut.”

Möglicherweise kam es Henry Ford in den Sinn, praktischerweise aber nicht in die Philosophie, dass es auch umgekehrt sein könnte. So, wie von Karl Marx analysiert: „Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äußerste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfisziert alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt.” (Karl Marx, Das Kapital, Band 1, a.a.O., S. 445f.)
Ausführlich und zitiert nach: Winfried Wolf, Verkehr. Umwelt. Klima – Die Globalisierung des Tempowahns, Wien 2009, Kapitel 7, S. 118f, und Kapitel 9, S. 161f.

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